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Literaturforum Österreich :: Thema anzeigen - Ballade von der kaputten Glotze
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Ballade von der kaputten Glotze


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zwaraplotzwart
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Anmeldedatum: 04.11.2008
Beiträge: 193
Wohnort: Lumpendorf

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BeitragVerfasst am: 06.04.2010, 15:13    Titel: Ballade von der kaputten Glotze Antworten mit Zitat

#

Hatte mir das Wochenende
- dazu Donnerstag und Freitag –
mit dem Vorsatz freigenommen,
endlich richtig auszuspannen.

Klar, ein gutes Buch gehört da
unbedingt dazu, es liegt dann
schweigend auf dem Fernsehtischchen,
wagt nicht einen Mucks zu machen,

wenn zum Beispiel die Athleten
mit den teuren Rennfahrrädern
und grimassenhaftem Lächeln
stundenlang die Landschaft schänden.

Berge, Täler, Schlösser, Mädchen
würdigt man in Nebensätzen,
aber Zentrum des Int’resses
sind die strammen Radlerwaden.

Tour de France, das große Schauspiel,
Hauptereignis dieses Sportes
ist partout dazu geeignet
einmal wirklich zu vergessen,

dass die Fliesen in der Küche
längst schon der Erneu’rung harren
und die lecken Wasserhähne
einer Dichtung mehr bedürfen,
als die teure Leserschaft.

Nach vier Stunden des Genusses
sitz ich gleich dem Bodhidharma
unbekümmert, unbeweglich,
ohne ein Gedankenfünkchen
starr in meiner Fernsehhöhle.

Nur mein langer, tiefer Atem
kündet andern, dass ich lebe,
aber wie der Bodhidharma
meide ich die Schwatzgesellschaft.

Die Gesellschaft dieser Schwätzer
ist ein Graus beim Meditieren
mir und auch dem wirklich Weisen,
denn das Bächlein ihrer Rede
bringt den Geist ja nur in Aufruhr.

Nie versiegen will das Plätschern,
aber anders als vom Berge
speist es nicht die Gräser, Blumen,
sonder bringt fürbass nur Dummheit
aus dem Kopf ans Tageslicht.


Gänzlich anders ist die Rede,
welche kommt aus dem Geräte,
freilich ist auch diese töricht,
aber sie wirkt wie Massage,
vom Geräusch führt sie zur Stille.

***

Plötzlich sprengt ein Knall die Stille,
sehend richt ich meine Augen
auf die noch intakte Röhre,
in mir wird es zur Gewissheit,
dass mein Schädel implodiert ist.

Doch ich denke, also bin ich,
aber mit geplatztem Haupte
lässt es sich doch schwerlich leben,
also suche ich zu finden

nun den Anlass dieses Schadens
- man wird sagen: so wie üblich –
außerhalb des eignen Daseins!

Ausgehaucht hat seine Seele
jener mir ans Herz gewachsne
Fernsehübertragungskasten,
zählte doch erst zwanzig Lenze!

Zwanzigjährige Beziehung,
keine Frau hielt es so lange,
bestenfalls vielleicht ein Viertel
dieses Zeitraums bei mir aus!

Wie in seinen toten Körper
zieht als eine Wechselwirkung
in die Seele des Erzählers
melancholische Verstimmung,
später Leere, schwarze Leere.

***

Ja, es gibt noch kleine Brüder
von ihm, nämlich in der Küche
und sogar im Schlafgemache,
kleine Bürschchen, die sehr brauchbar,
aber leider unvergleichbar.

Nicht vergleichbar mit dem einen,
gut platzierter Riesenbildschirm,
quasi das Zentralgestirn
des gesamten Lebensraumes.

Längst war heimlich schon die Rede
den verdienten, alten Kämpfer
gegen Neues auszutauschen,
hochmodernes Flachbildfernsehn,
er ist mir zuvorgekommen.

Er ist mir zuvorgekommen,
wollte nicht im Ausgedinge
in Garage, Rumpelkammer
oder sonst abseits verstauben.

Hat, statt dass ihm Schmach zuteil ward
sich entleibt zum rechten Zeitpunkt;
mir zum Hohn – gerechte Strafe - !

***

Heute, da ja alles hin ist:
auch des Radfahrns dritter Sieger
strauchelte an seinem Ehrgeiz.

Ich hab nun ne neue Glotze,
so ein High-Tech-Patschenkino….
aber keine Zeit zum fernsehn.

_________________
Als Spötter, als Dichter, als Literat -
verstreu ich der Worte verfängliche Saat.
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Einer_von_uns
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Beiträge: 2584
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BeitragVerfasst am: 11.04.2010, 21:24    Titel: Re: Ballade von der kaputten Glotze Antworten mit Zitat

Hallo zwaraplotzwart,
machs wie ich seit 2003 haben wir gar keine Glotze mehr.
Wir wollten uns nicht mit Werbung zudröhnen lassen.

Aber ist schon Spitze dein Text.
Früher hat man an die Müde Röhre einen Trafo rangehangen der der Röhre sowas wie ein Infusion gibt bis es völlig dunkel wird eines Tages.
Tja der Color 20 z.B. war schon ein tolles Teil.
Man füllt den Raum braucht weniger zuzuheizen und hatte buntes Schimmern im Gesicht als Reflexion.

Gruß
Einer_von_uns
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Das die Menschen kleine Dinge für wichtig hielten, hat viel Großes hervorgebracht.

1793 Lichtenberg
mit der Verpflichtung für uns heute, das dieser Spiegel der Zeit nie blass werden möge.
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zwaraplotzwart
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BeitragVerfasst am: 12.04.2010, 07:52    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Einer_von_uns!

Danke für die Rückmeldung und Infos!
So eine Phase ohne Fernsehen hatte ich auch einmal, aber dann haben mir meine lieben Eltern so einen kleinen Kerl geschenkt und so war der Fuß des großen Bruders schon in der Tür inkl. Kabelfernsehen usw. kennt man ja. Hat so seine Vorteile, erspart die ohnehin unnötige Konversation beim Frühstück. Außerdem gibt es ja gute Sendungen auch. Die nehme ich dann meistens auf Festplatte auf und lass die Werbung anschließend rausfetzen, bevor ich mir das Ding überhaupt ansehe. Auch die Werbspots an sich sind ja nicht uninteressant: in jeder Werbung steckt eine Lüge und diese zu entlarven ist eine interessante Knobelei auf dem lebenslangen Weg (optional) zum „erkenne dich selbst“.

Danke noch mal und
liebe Grüße
Alex
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Einer_von_uns
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BeitragVerfasst am: 12.04.2010, 19:40    Titel: Antworten mit Zitat

zwaraplotzwart hat Folgendes geschrieben:
Hallo Einer_von_uns!

Danke für die Rückmeldung und Infos!
So eine Phase ohne Fernsehen hatte ich auch einmal, aber dann haben mir meine lieben Eltern so einen kleinen Kerl geschenkt und so war der Fuß des großen Bruders schon in der Tür inkl. Kabelfernsehen usw. kennt man ja. Hat so seine Vorteile, erspart die ohnehin unnötige Konversation beim Frühstück. Außerdem gibt es ja gute Sendungen auch. Die nehme ich dann meistens auf Festplatte auf und lass die Werbung anschließend rausfetzen, bevor ich mir das Ding überhaupt ansehe. Auch die Werbspots an sich sind ja nicht uninteressant: in jeder Werbung steckt eine Lüge und diese zu entlarven ist eine interessante Knobelei auf dem lebenslangen Weg (optional) zum „erkenne dich selbst“.

Danke noch mal und
liebe Grüße
Alex


So kann man das ja auch sehen.
Bist ja ein Angler der gebogenen Wahrheiten im Darstellen von unbengt von Dir sofort zu erwebenden Dingen.

Gruß
Einer_von_uns
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Das die Menschen kleine Dinge für wichtig hielten, hat viel Großes hervorgebracht.

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