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Avtos ho Dromos


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Paul Einerdehr
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Anmeldedatum: 21.06.2013
Beiträge: 22
Wohnort: Achberg, Bodensee (BRD)

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BeitragVerfasst am: 29.06.2013, 10:49    Titel: Avtos ho Dromos Antworten mit Zitat

Avtos ho Dromos

Roman - Fragment ( in Arbeit )

II. Das Buch Bodo

Auszug: Der Trojanische Frieden.







Der trojanische Frieden



1


Die Bitte der Europa


Bodo hatte sich in einen dunkelgrünen Samtanzug gesteckt, der war für ihn sehr vorteilhaft und stammte von Margaret. Pünktlich um acht Uhr begann er die Veranstaltung dieses Abends, es waren gut drei Dutzend daran Interessierte gekommen, davon die Mehrzahl junge Frauen. Das mag am Titel für die Arbeit gelegen haben, die in dieser Runde begonnen werden sollte; Bodo nahm es für einen Hinweis darauf, wie doch in der sich emanzipierenden Frauenwelt das Bedürfnis nach Befreiung noch seinen Namen sucht und seine Idee. Dass also in der Frauenbewegung das Gespür dafür vorhanden sei, dem Aktionismus von Emma und Alice fehle es noch an Boden und Ziel. Und dies bestätigte ihn in seinem Wunsch, Margaret dafür zu gewinnen, dass sie sich führend in diesen Arbeitskreis hineinstellt. Für diesen ersten Abend hatte sie sich auserbeten, einfach zuzuhören.
Sie wollte sehen, wie er es anstellen würde, den so umfänglichen Themenkreis in ein Flussbett zu gießen. Und da war sie zwar nicht erstaunt darüber – zugetraut hatte sie es ihm natürlich – aber doch überrascht, wie und womit ihm das auf Anhieb gelang, und das Schöne für sie daran war, dass er seine Eröffnung des Vorhabens mit der Schilderung eines ihnen gemeinsamen Erlebnisses begann, das sie hatten auf der Rückkehr von ihrer großen Fahrt. Freilich hatte Bodo - so wie vorher sie ihm den schönen Anzug – nun den Auftakt zu diesem Abend auf sie maßgeschneidert.

„Meine lieben Freunde,“ begann er vom Podium aus, stieg aber bald schon herunter und sprach ohne Mikrophon, im Mittelgang auf und ab gehend, sodass man ihm gut zuhören musste, den ganzen Abend weiter,
„Den trojanischen Krieg kennen wir aus den Bildern der Dichtung des Homer als den harten Kampf der Menschen um die Befreiung einer Göttin, der Helena. Es waren auch die Götter selbst an diesem Kampf beteiligt, nicht kämpfend zwar, aber sie nahmen engagiert Einfluss auf dessen Fortgang, wie uns der Dichter berichtet. Auffallen kann einem an dem großen Epos, dass der Krieg zwar zu einer Entscheidung letztlich gebracht worden ist, aber von der Befreiung der Helena lässt uns der Dichter nichts wissen. Oder mich nur; Sie wird irgendwie zurückgeführt, wenn ich mich recht erinnere. Damit wäre aber nur die alte Ordnung wieder hergestellt; Die zwar den Anlass für das große Kämpfen abgegeben hat, aber das ist ja nicht eine Befreiung, wenn eine innere Ordnung der Vergangenheit äußerlich wieder hergestellt werden soll. Das kann der Sinn der Sache nicht gewesen sein, oder besser gesagt, nicht sein. Die Welt war durch den Kampf eben selber nicht mehr dieselbe, die sie vordem war. Das macht Homer auch deutlich, indem er direkt an das Geschehen um Troja die Odyssee anschließt, das Epos der Ichheit. Der Dichter vollzieht die Wandlung, zeigt die Wandlung, und zeigt auf, wohin die Geschichte weitergeht. Die die unsere ist.
Also ich glaube vielmehr, dieses Anhängsel, die Rückführung der Helena, die ist von einem späteren Gerechtigkeitsempfinden dazugeschustert worden, es fällt ja in seiner Art ganz aus der Welt heraus, die Homer durch seine Dichtung erschaffen hat. In dieser Welt bleibt das Verbleiben der Helena unbenannt, offen – für uns jedenfalls. Und wenn wir also den Sinn der Welt dieser Dichtung verfolgen, kommen wir auf wesentliche Gedanken, die uns heute betreffen.
Da ist einmal der: Der Krieg ist zu Ende. Die Menschen bekriegen einander nicht mehr. Was sie unter einander zu regeln haben, dafür suchen sie sich friedliche Mittel. Der andere ist der, daß wir nach der Göttin fragen. Sie ist uns, gewahren wir da, ganz entschwunden.
Es macht für uns heutigen doch keinen Unterschied, um welche Göttin es da ging, ob um Helena oder um - unseretwegen - die Europa. Wir erleben, die Göttin ist uns entschwunden. Nach ihrem Verbleiben fragen wir, nach dem Verbleiben der Europa.
Nun sind ja Trauben und Äpfel auch nicht dasselbe; was soll denn das heißen, es macht für uns keinen Unterschied, um welche Göttin es sich handelt? Darüber gibt uns wiederum Homer die Auskunft, wenn wir die ganze Anlage seiner Dichtung vor uns hinstellen. Der Raub der Helena wurde von einem Halbgott ausgeführt, und so ein Halbgott ist nicht nur halb Gott und halb Mensch, er ist zugleich beides. Er stellt die Brücke dar zwischen den Himmlischen und den Irdischen, zwischen den Ideen und deren Verwirklichung hier bei uns auf Erden. Und natürlich musste Homer die Sache dramatisieren; Er will ja, dass wir ergriffen sind von der Sache, die im allereminentesten Sinne die unsere ist. Von der Goethe, den man durchaus auf einer Stufe mit Homer sehen kann, sagt, wir ergreifen die Idee mit der Wissenschaft, ihr Werkzeug aber ist die Kunst, und somit ergreifen wir von einer Sache in der Wissenschaft das Theorem und in der Kunst das Problem. Und da sehen wir, schon tritt die Bedeutung des Namens der Ursache in die Reihe der Statisten zurück, denn der Wissenschaft geht es um die Gesetzmäßigkeit, der Kunst geht es um das Wesen, und dem kann jeder Name dienen.

Homer kommt mit der trojanischen Geschichte herein und zeigt uns, ihre Wandlung tritt auf als die Fährnisse des Odysseus. Seine Dichtung umfasst somit Weltenalter, sie hat den größten Horizont, den der menschliche Geist erblicken kann überhaupt. Es ist der Horizont des Kairos, wo die Zeit nicht in ihrem Ablauf sondern in ihrem Wesen erschaut wird. Und im Wesen der Zeit sind wir auch im Reich der Ideen, der Weltenideen und, was dasselbe ist, der Weltengedanken. Nun, und welche Idee sehen wir denn da im Hinblick auf die Dichtung des Homer? Na die Idee der Ichheit. Wie die Menschen über die Schwelle gehen vom Selbstbewusstsein in dem Blutszusammenhang von Stämmen in das individuelle Selbstbewusstsein, von der Ichheit der Gruppenseele in die Ichheit des Einzelmenschen. Das Kampfesgeschehen ergibt sich noch ganz aus den Stammeszusammenhängen. Mit dem trojanischen Pferd erscheint die Individualität in dem Odysseus, da schlägt die Zukunft erstmals ein, und setzt sich fort in dem Epos der Individualität. Das nächste Weltenalter schließt sich an. Unser Weltenalter der individuellen Ichheit. Wir sehen da, es hat die Göttin, die Helena, sich in den Dienst der Menschheitsentwicklung gestellt. Und wenn wir aufblicken und den Himmel absuchen nach einer Helena, nach einer Wesenheit, die wir heute sehen können als eine, die sich in den Dienst der Menschheitsentwicklung gestellt hat, erblicken wir die Europa. So dass wir also nicht mit Äpfeln von Trauben sprechen, wenn wir sagen, für uns ist die Göttin, die uns entschwunden ist, die Europa.

Nun, wir leben ja in einer Zeit, in der es nicht das Übliche sein kann, ein Bewusstsein im Kosmos des vorklassischen Altertums zu pflegen, aber die Zeit, in der wir Heutigen leben, zeigt uns doch aus allen ihren Ecken und Enden, aus allen ihren Symptomen der Unbegreiflichkeiten und inneren Widersprüche, sie will in die Höhe dieses vorklassischen Kosmos wieder hinaufgehoben werden, es ist das ihre tiefste innere Sehnsucht. Die Befreiung der Göttin ist noch nicht vollzogen. Das ruft uns doch diese unsere Zeit unüberhörbar zu aus allen Fasern ihres gequälten Herzens. Also dieses Zurück bedeutet das Erreichen wiederum der Höhe der Dichtung, es liegt, sprechend aus sich selbst, uns vor. Die Sehnsucht ist immer nach morgen hin orientiert, es kann ihr die Erfüllung ja nicht aus dem Gewesenen kommen, aus dem heraus sie um dasjenige weiß, was zu erreichen sie anstrebt und uns anzustreben impulsiert.

Nun möchte ich hier von einer Begebenheit erzählen in dem Zusammenhang, die sich uns, Margaret und mir, zugetragen hat im vergangenen Sommer. Wir waren da schon auf dem Heimweg sozusagen von unserer großen Reise, hatten nach der Welt des Islam uns den Gegensatz dazu vorgenommen, hatten die USA besucht und waren dann mit dem Schiff von New York aus in Le Havre wieder in der Mitte der Welt angekommen. Und schon einmal in Frankreich, wollten wir noch den Mont Saint Michel sehen, wir wissen ja seit der Jungfrau von Orleans, seit der Jeanne d´Arc, den Erzengel Michael mit dem Schicksal und Werdegang Frankreichs besonders verbunden. Und da liegt nun zwischen Le Havre und der Bucht von Le-Mont-Saint-Michel die Halbinsel der Normandie, auf der man an den Beginn der Invasion erinnert wird der Alliierten im Zweiten Weltkrieg. In Anbetracht dieser Großtat der westlichen Menschheit, die sozusagen barfuß geschah, sind wir da auch zu Fuß gegangen rund um die Halbinsel des D - Day, hinunter nach Le-Mont-Saint-Michel.

„I´ve been tenthousend miles in the mouth of a graveyard“, diese Metapher aus dem Lied „A Hard Rain´s Gonna Fall“ von Bob Dylan, wird einem vom Bild zur sinnlichen Wahrnehmung, wenn man da, nassgeregnet und müde, sich in einem der riesigen Soldatenfriedhöfe dort verliert. Das Maß des Maßlosen, die Zahl der Unzählbarkeit ist uns dort zum Erlebnis geworden und wir beide, das kleine Leben mitten in dem großen Tod, haben da den Begriff des Wortes bekommen: „Eine größere Liebe hat niemand als Der sein Leben hingibt für seine Freunde.“ Ja, und in der nördlichsten Bucht dieser Halbinsel liegt Cherbourg mit seiner Festung. Die ragt da auf über der Mündung des kleinen Flusses dort, der Divette, schön hoch über die Dächer der Stadt und die alten Hafenanlagen mit ihrer Auswanderervergangenheit. Wir hatten ein prächtig atlantisches Wetter, der Sturm trieb seine Regenfahnen heftig über die felsige Küste, und als wir oben waren auf dem Berg der Festung, hielten wir uns an der Hand beim grandiosen Anblick des tosenden Meeres. Dann plötzlich schauten wir einander an. Wir hatten beide im selben Augenblick etwas vernommen. Also dieser Augenblick war schon eindrucksvoll. Es war eine junge weibliche Stimme, die wir vernommen hatten, ich schaute darum zu Margaret hin, und ihr Gesicht, über das in Strömen das Wasser lief, strahlte eine tiefe Freude aus, es war unsäglich schön, sie so zu sehen. - Ich liebe sie ja auch darum so sehr, weil sie dieses feine Wesen hat; nämlich dass es einfach so kommen konnte, dass wir bis in die Stunde des Abends dann, wo wir die äußerliche Welt abgelegt hatten, die nassen Äußerlichkeiten des Tages, kein Wort gesprochen haben. So blieb die Stimme vom Berg der Festung Cherbourg bei uns. Und da, als sich unsere Blicke begegneten, sprachen wir im Duett das aus, was wir vernommen hatten. Es war identisch. Und identisch war auch, wen wir in der Stimme erkannt hatten. Gerade eben wieder waren wir heimgekehrt nach Europa. Man achtet ja sonst nicht darauf: Nur wenn man sich in anderen Kontinenten aufgehalten hat und dort von anderen Lebensweisen umgeben war, nimmt man wahr, was sich sonst zuhause als das Gewohnte im Gewohnten verliert. Wie Europa unsere Heimat ist darum, weil das Wohlwollen der Menschen hier in seiner Tiefe eine Kultur der Mitmenschlichkeit aufgenommen hat; Das, hatten wir in Gesprächen entdeckt, haben wir beide in gleicher Weise wahrgenommen.
Und damit ist also der Augenblick gekommen, wo dieses Wort der Göttin Europa, das sie zu all denen sagt, die sie lieben, an das Ohr dieser Menschen tönen kann.“
Bodo hatte sich bei diesem Erzählen schon in die Nähe von Margaret begeben und öffnete die Hand nach ihr hin. Sie verstand auch sofort, stand auf und kam durch die Stuhlreihe zu ihm heraus auf den Mittelgang. Sie gingen zum Podium, nahmen sich an der Hand und sprachen also gemeinsam:

„Gestaltet mich, Die ihr mich liebet, heraus aus dem, was ihr sein wollt,
Und nicht durch das, was ihr sein müsst;
Die ihr mich liebet.“

Sie blieben eine Weile vorne stehen wie sie standen, dann ergriff Margaret kurz das Wort.
„Uns ist da ganz klar geworden“, sagte sie, „wir stehen hier im Ende unserer großen Fahrt am Anfang einer noch viel größeren. Es hat uns das Leben so liebevoll zusammengeführt, weil die Bitte, die wir da gehört haben, unsere gemeinsame Aufgabe ist, für die wir einander brauchen.“

Dann gingen sie still zurück, Margaret nahm wieder ihren Platz ein, und Bodo griff ihr gemeinsames Erlebnis wieder auf:
„In den Gesprächen dazu haben wir dann gefunden, das Wort der Europa ist sehr viel präziser und konkreter, als wir es in seiner Lyrik zunächst vermutet haben. Nicht wahr, es ist eines, wenn eine Durchmischung von Menschen aus allen Teilen der Welt, aus Menschen, die sich herausgerissen haben aus ihren Wurzeln, sich vereinigen um in der neuen Gemeinsamkeit stark zu sein, der Gemeinsamkeit, an deren Anfang der gemeinsame Völkermord steht, - und eines ist es auch, wenn ein Wissen um den Stand der eigenen Degeneration sich einer Heilsidee bedient und mit ihr eine ewig junge Menschheit überfällt, um durch einen Anteil an deren Lebenslicht den eigenen Tod zu überlisten, und ein anderes ist es, wenn Völker in der Geschichte ihres wider einander die Gemeinsamkeit ihres Weges entdecken und als so Gereifte die Schritte zu ihrem Miteinander gemeinsam zu bestimmen anheben: – Europa. Wir haben ihr Wort auf dem Weg nach Le-Mont-Saint-Michel gemeinsam, ja, meditiert. Kann man schon sagen. Als wir hinaufgegangen sind dann auf den kleinen Felsenberg, der die Insel Le-Mont-Saint-Michel bildet, durch den Touristenramsch und die Düfte der Restaurantgassen zur Kirche des Sankt Michael auf seiner Gezeiteninsel, hatten wir das Kleingeld nicht für den Eintritt in seinen Tempel. Wir hatten keines mitgebracht. Aber wir hatten das Wort der Europa lebendig in uns, und als wir wieder gingen, sagte der Erhabene zu uns sein JA. – Also wenn dieser Erzengel zu einem „ja“ sagt, ist das so groß, dass man spürt, das kann einer allein nicht tragen. Das ist nicht für einen alleine bestimmt. Auch nicht für ein Land nur. Seither wissen wir, dass wir ihn als den geistigen Führer nicht nur Frankreichs ansprechen dürfen sonder ganz Europas, dass sein Ja zur Bitte der Europa allen Menschen Europas gilt, aufdass sie es gemeinsam tragen und ausführen, und dass die geistige Ehe, die sie darin antreten, sie alle verbindet und sie eint durch ihre Taten heraus aus diesem Gedanken.

Ja, und dann auf der Heimfahrt sind wir darauf gekommen, dass wir einmal zurückverfolgen, wie wir zu diesem Erlebnis gekommen sind und wie sich uns die Welt dargestellt hatte, bevor wir in Frankreich waren. Da waren wir ja zuletzt in Amerika. Das ein Land ist voller großartiger Natur, bevölkert von Menschen, wo man fragt, was haben die in dieser großartigen Natur verloren, die haben kein Auge dafür. Wo man selten jemanden trifft, der etwas von Mozart gehört hat, zum Beispiel die Jupiter – Symphonie, weil die erlebt man ja dort in der grandiosen, gewaltigen Schönheit mancher Orte. Wo aber die meisten unter denen, die von Mozart etwas gehört haben, vor allem die Mozartkugeln kennen, und von denen wissen sie dann, dass die Mozartkugeln zum Schießen nicht taugen. Also mit denen man in Gedanken nicht reden kann, nur in Dingen, und über die Dinge nur, was sie wert sind, und der Wert ist bei ihnen vom persönlichen Nutzen bestimmt. Wo man die Menschen dabei antrifft, wie sie sich selber zelebrieren. Darin sind sie aber sehr schlau und wendig. And just do it.

Also nicht mehr die Historie, aus der die Ströme kommen, sondern das Problem aus dem Verhängnis, das so ihnen sich stellt und sich inzwischen auch uns so sich stellt, also uns allen, und wie es sich uns darstellt als unüberschaubar und diffus, das stiftet nunmehr die Gemeinsamkeit. Wir nehmen einander wahr als von den Verhältnissen gleichermaßen in Beschlag Genommene und erleben uns von ihnen mehr oder weniger, aber jedenfalls in der gleichen Weise, fremdbestimmt. In welchem Maße das den Einzelnen als Fremdbestimmung bewusst wird, hat wenig Bedeutung für die Gemeinsamkeit in deren Passion, und aus dieser Gemeinsamkeit haben wir den Boden für unseren letzten Heimatersatz.

Kommt dann jemand und sagt, Leute, ich hab da dies und das gefunden, damit brechen wir die Sache auf, bedroht er damit diese Gemeinsamkeit, und weil die das endlich letzte Verlässliche ist, das wir glauben zu haben, folgen wir dem nicht. Da spüren wir zwar, so, wie wir leben, kann es nicht bleiben; Dass sich an den Verhältnissen etwas ändern muss, damit können wir so einem Umstürzler schon beipflichten, aber wir spüren auch, da fehlt noch was. Da fehlt die Legitimation. Es muss uns der Kerl klipp und klar darlegen können den Weg. – Also wir nehmen wahr, die Bereitschaft, loszugehen, haben wir, aber nicht bedingungslos und schon gar nicht hinein ins Blaue. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass einer kommt und sagt, macht euch keine Sorgen über das, den Weg und das Ziel der Sache habe ich schon gefunden, ihr müsst euch nur an das halten, was ich euch sage. Inzwischen sind wir ja da angekommen, wo ein System sich verselbständigt hat als gesetzgebende Autorität, die als ein Herrscher die Gesellschaft, ihren eigenen Erzeuger, nach ihrem Muster diktiert und umformt, revolutionär umformt. Und noch eine andere Katastrophe kennen wir, da gingen die Menschen los gegen die Welt, heraus aus dem gemeinsamen Empfinden, missachtet zu werden, historisch missachtet. Nun ist die Lage, in der wir hier sind, sie ist eine dem in gewisser Weise Ähnliche. Was uns den Eindruck verschafft, so, wie wir die Verhältnisse erleben, dürfen sie nicht bleiben. Aber da trat noch keiner auf, der uns das Unüberschaubare überschaubar macht, uns das Diffuse zur Klarheit bringt.

Nun, wo in uns orten wir denn dieses Bedürfnis nach Klarheit? Wo in uns, nehmen wir wahr, greift es an? Wo in uns schreit es hinter dicken Mauern? Also das gewahren wir zunächst auch noch unbestimmt. Wir können nicht auf Anhieb klipp und klar sagen, wo in uns das liegt. Da gehen dann die Aktiven unter uns nach außen hin los und greifen die Verhältnisse an, an den Stellen der Gesellschaft, die sich ihrem Bewusstsein als die problematischen zeigen. Ja, das ist eine der Möglichkeiten, auf das Problem zu reagieren, denn das ist schon einmal richtig, dass man aktiv werden muss; In den Verhältnissen wirken ja Kräfte, die gerade das Zustandekommen und das Erhalten dieser Verhältnisse als eine Machtherrschaft vorantreiben. Es geht das Reagieren diese Kräfte an von außen her, und was daraus entsteht, ist wieder eine Art von Kampf um Troja. Das ist der eine Weg. Den stellt uns die Dichtung der Antike dar schon vor zweieinhalb Jahrtausenden.

Nun kommt der Dichter aber doch auch in seinem Schauen der Welt da hin, dass der Kampf ein Ende findet. Und er findet dadurch sein Ende, dass die Entscheidung herbeigeführt wird von innen her. Nicht wahr, man kann das trojanische Pferd auch so auffassen, als das Bild für den Ansatz, der das Problem von innen her angeht. Und damit zeigt er uns auf den anderen Weg. Er gibt uns damit zwei Wege zu sehen, zwei Ansätze, die sich gegenseitig bedingen. Ohne Kampfessgeschichte kein Pferd, ohne Pferd keine Entscheidung als Ergebnis der Kämpfe. Nur dürfen wir natürlich, wenn wir diese Analogie verwenden, die Lehre darin nicht dogmatisch anwenden. Mit dem zweiten Weg ist nicht ein Aufruf zur auto-Introversion, zu einem sich in sich Hineingraben gegeben, wie das die Mystiker im Mittelalter unternommen haben. Wir sind in die Kultur des Denkens hineingeboren, es sind die Aufgaben der Zeit unserem Denken gestellt.

Das Denken ist jene Tätigkeit des menschlichen Ich, die das Subjekt erschafft und es zugleich befähigt, sich seiner selbst bewusst zu werden. Indem ich als denkendes Subjekt mich den Objekten zuwende, bekomme ich die Welt als Wahrnehmung. Also ohne dass wir jetzt irgend etwas Inhaltliches wissen, sehen wir, das menschliche Erdendasein ist grundlegend als die Zuwendung des Subjekts an die Objekte hin konzipiert. Wenn wir also in unserer Zeit, die ihre Aufgaben dem Denken stellt, an die Arbeit gehen, wenden wir uns den Objekten zu. Und je intensiver wir uns den Dingen zuwenden, umso voller werden die Begriffe, die wir uns von ihnen bilden. Das ist mit dem inneren Weg gemeint, wir können ihn in einer Kultur des Denkens als Erkenntnismethode beschreiten.

Der Unterschied zu den Aktiven auf dem äußeren Weg ist zunächst einmal gar nicht da; wir wenden uns ebenso den Objekten zu wie sie. Gegenüber den Objekten erst schlagen wir den anderen Weg ein. Wir verzichten darauf, zu reagieren auf ihr Erscheinungsbild. Wir reagieren nicht darauf, wir setzen uns hin und machen Zeichnungen von ihnen. Also wir schauen sie uns gründlich an in ihrer Gegebenheit. Wir machen uns ganz unwissend, wir lassen uns von den Dingen so exakt wie möglich und so geduldig wie möglich über sie selbst belehren. Wir schauen sie an, immer und immer wieder, und das Verzichten auf unser Urteil über sie kostet Kraft. Zuerst kostet diese Selbstbeherrschung den Dingen gegenüber ordentlich viel Kraft.
Die Aktiven auf dem äußeren Weg setzen ihre Kraft ein im Kampf. Sie beobachten freilich ihre Objekte auch, anders könnten sie nicht zu Ideen kommen, wie sie im Kampf sich einen Vorteil verschaffen. Und umgekehrt, wir kämpfen auch. Aber nicht gegen das Objektive, gegen das Faktische, sondern gegen den eigenen Ergebnistrieb. Also wir sind auch aktiv, aber auf der Seite, die wir nur selber kennen, von außen sieht man davon nichts. Das ist ein äußerlicher Unterschied, aber der wesentliche Unterschied ist der, dass der äußere Kampf die Kräfte verschleißt, sie aufzehrt, und im inneren Kampf kommen uns die Kräfte wieder. Sie treten an anderer Stelle wieder auf. Es wird sozusagen das Auge stärker. Der Blick bekommt mehr Kraft. Er dringt tiefer, wenn er mehr Kraft hat. Also das nimmt Geduld und Zeit und Ausdauer in Anspruch, da muss man beharrlich dranbleiben und immer wieder Kraft einsetzen, mehr und mehr an Kraft, und dann noch mehr. Und ein Ergebnis ist immer noch nicht da und man glaubt sich schon auf dem Holzweg. Es kommt dahin, dass man die Relation von Aufwand und, na eben keinem Ergebnis, zum Ergebnis nimmt. Dass man sich sagt, das ist ein arges Spiel, das mache ich nicht länger mit. Und in der Tat ist ein Scheitern auf dem äußeren Weg weniger schwer zu ertragen als diese Strecke der Ergebnislosigkeit auf dem inneren.
Darauf muss man sich gefasst machen, darauf muss man sich einstellen. Es werden sich aber schon neue Einsichten ergeben im Laufe der Zeit. Mit mehr Kraft im Blick blickt man tiefer, und die Zahl der Einsichten mehrt sich.
„Glück auf“ kann man dann nur wünschen, und es geht los damit, dass man die eine und andere Selbstverständlichkeit, die man hatte, aufgeben muss.
Da ist man dann schon gut auf dem Weg. Denn damit kommt man dann zu den Fragen, die unter die Oberfläche der Dinge gehen. Da ruft dann eine Frage die andere hervor, und spätestens dann bekommt man Hilfe. Denn jetzt ist man da angekommen, wo man sich die Begriffe von den Dingen neu bilden muss und neu bildet. Wo man sieht, und das geht dann also richtig dahin, wie eine Kettenreaktion wird das, man hat bisher mit Begriffen gelebt, aus denen heraus die Welt sich einem sozusagen verkehrt herum gezeigt hat. Sie ist in Wirklichkeit doch vollkommen eine andere. Also da bekommt man dann Hilfe, wenn man an dem Durchgang angekommen ist. –

So viel zu dem, weiter brauchen wir das jetzt noch nicht auszubreiten. Wenn wir dann in die konkrete Arbeit gehen, haben wir viel Anlass, uns damit zu befassen. Heute, zu diesem - wir dürfen schon sagen: feierlichen - Auftakt unserer Arbeit wäre es mein Wusch, die Verbindung herzustellen von der Bitte Europas zu dem, wovon wir schon sagen können, wie wir diese ihre Bitte zu erfüllen anstreben.

Die Europa beginnt ihre Bitte mit dem Gestaltungsauftrag, sie sagt: „Gestaltet mich“.
Und nennt gleich dazu als die Quelle, aus der wir die Aufgabe ergreifen sollen, das Bild von uns selbst. Damit legt sie uns die Grundidee schon nahe. Es soll die soziale Gestalt Europas eine Entsprechung des Menschenbildes werden, das wir anerkennen können. Das heißt, wir müssen uns ein Menschenbild erarbeiten, das sowohl dieses Ich - Element der Freiheit zur Selbstbestimmung zur Grundlage hat als auch die übrigen Merkmale unserer Wesenheit für die Entsprechung zu einem sozialen Organismus.

Nicht wahr, wenn wir jetzt denken an die Wahrnehmung einer Kultur der Mitmenschlichkeit im Wohlwollen, die Margaret und mir nach der Rückkehr nach Europa bewusst geworden ist, diese Kultur soll dann nicht in den Untergründen ein verborgenes Dasein fristen wie heute, sondern die soll hervorkommen und wirksam werden können, das ganze Leben durchwärmen können und ausstrahlen von Europa hinaus in die Welt. Das ist Neue daran, das radikal Neue und tatsächlich revolutionär Neue, dass dieses Menschenbild, das da ausstrahlen soll in die Welt, nicht gefühlt wird nur und nicht nur zu Bewusstsein kommt, sondern dass es sozial reale Gestalt wird, die Gestalt Europas als politisches Lebewesen. – Gestaltet mich -, das ist ihre Bitte.

Ich möchte darauf einen Blick werfen, es haben auch Margaret und ich gesehen, ohne die Wahrnehmung der Kultur im Wohlwollen der Europäer hätten wir die Bitte der Europa nicht verstehen können. Denn das, was wir sein wollen, geht ja hin auf ein Ideal. Im Grunde seines Herzens will jeder Mensch ein guter Mensch sein. Nur macht man bei sich nicht reinen Tisch damit. Man arbeitet sich nicht durch zu einer klaren Vorstellung, was das hier und heute für einen heißt ganz im Konkreten, ein guter Mensch zu sein.

Den Schlüssel zu diesem Verstehen habe ich von zwei Landsleuten bekommen, von einem nach Südafrika ausgewanderten Unternehmer und von einem weltgereisten Journalisten. Der Unternehmer, er war zu Besuch hier im Hause, sagte mir:
„Also bei euch hier steigt sich die Intelligenz gegenseitig auf die Füße. Überall woanders fehlt sie. Ihr müsst raus in die Welt, Leute! Ihr werdet überall dringend gebraucht.“ Und in einem Interview sagte der andere, Peter Scholl-Latour, es fehle in der Welt die Stimme Europas. – Was er damit meint, hat unabhängig davon der Unternehmer so beschrieben:
„Wenn irgendwo ein Amerikaner hinkommt und etwas anfängt, geht es nur ums Geld. Der will Gewinn machen. Kommt ein Europäer wo hin, will der auch Gewinn machen, aber er schaut sich das an, wo er ist, und arbeitet nicht gegen die Menschen sondern sieht zu, dass er auch die Verhältnisse, die Umstände günstiger macht. Und darum sind die Europäer überall willkommen im Ausland. Es ist schon so. Und ehrlich gesagt“, sagte er noch, „ich wünsche mir oft einen einzigen Deutschen an der Stelle von zehn afrikanischen Königen.“

So haben wir das aufgefasst, Margaret und ich, dass das Überwinden der Einseitigkeit nur von dieser europäischen Kultur ausgehen kann, indem sie selber aus dem Werdegang der Überwindung von Einseitigkeiten hervorgegangen ist. Die ist aber heute auch in Europa selbst nicht mehr tonangebend. Die Welt gerät durch die kommerzielle Globalisierung in einen Rückfall in die Einseitigkeit. Das ruft uns auf den Plan. Rückfälle bei Krankheiten sind bedrohlicher als die Krankheit selbst. Die Aktiven haben sich an die Sache schon geheftet, sie arbeiten wie das Immunsystem im menschlichen Organismus. Wir hier machen uns - spät aber nun endlich doch - daran, ein Bild zu gewinnen von dem gesunden Zustand der Menschengemeinschaft auf der Erde. Wenn die Krankheit geheilt werden soll, muss das Bild ja vorliegen, wie der gesunde Organismus aussieht, also hier der gesunde soziale Organismus.
Wir können nicht gleich auf der ganzen Welt tätig werden. Aber so, wie die Krankheit ihren Herd hat, können wir auch die Gesundung von einem Ort aus einleiten. Und die Kulturgeschichte zeigt, dieser Ort kann nur hier sein, kann nur Europa sein: Die mitteleuropäische Geschichte zeigt, hier sind die Voraussetzungen dafür errungen. So haben wir das aufgefasst, meine Liebe und ich, dass wir in Europa zuerst das zu gestalten die Bitte hörten, was dann heilend ausstrahlt in die Welt. Wo zum Beispiel die vielen Menschen, die zu uns kommen von außen, weil sie sich hier bessere Lebensbedingungen erhoffen als daheim, jetzt nicht nur solche vorfinden, sondern wo sie hier das aufnehmen können, was im Sozialen das Heilsame ist, und es zu Hause dann nachahmen. So dass, wenn schon wir nicht in genügender Zahl hinausgehen, immerhin sie es hinaustragen.

Ja, und da haben wir, Margaret und ich, uns schlau gemacht, ob wir das Rad neu erfinden erst müssen, oder ob es in der europäischen Geisteskultur schon Quellen gibt in Hinblick auf das Menschenbild, auf das also, „Was wir sein wollen.“ Ein diffuses Empfinden davon, wie positiv es sich auch anfühlen mag, ist gut, aber für den Gestaltungsauftrag reicht das natürlich nicht. Dazu brauchen wir schon die kristallklare Idee. Nun, ich habe bei Rudolf Steiner gesucht, und Margaret hat mit Joseph Beuys gesprochen. – Geh, Margaret, sei so lieb, komm wieder her und sag uns etwas von deinem Gespräch mit dem Beuys.“

Margaret begab sich durch die Stuhlreihe wieder zum Mittelgang, und da, kaum dass sie sich erhoben hatte, bekam sie herzlich Applaus. Schon vorne, auf dem Podium, musste sie noch abwarten, bis sie anfangen konnte zu sprechen:
„Danke schön, … danke. – Zwei Sachen möchte ich vorher noch sagen. Ich bin´s nicht gewohnt, vor vielen Menschen zu sprechen, das fällt mir schwer. Das ist das eine. Und dir, mein Lieber, möchte ich danken, du hörst gleich, wofür.
Also“, begann sie, „es waren im Ganzen drei Gespräche. Ein kürzeres am Telefon und zwei lange bei ihm in Düsseldorf.
Am Telefon wollte er wissen, wer wir sind, und wofür wir glauben, dass wir ihn brauchen. Seine Lage ist derzeit sehr angespannt, der deutsche Kulturminister, Johannes Rau, will ihn von der Akademie entfernen. Also er will ihn hinauswerfen. Das hat Herr Beuys nicht am Telefon gesagt, das hab ich erst dort dann mitbekommen. Am Telefon habe ich ihm von Bodo erzählt, was er macht und vorhat, nach unserem Erlebnis in Cherbourg. Das habe ich ihm auch erzählt. Das hat ihn dann sehr angesprochen, es hat ihn gefreut. Und dann war schon klar, am Telefon können wir das Thema nicht bewältigen, und er hat mich eingeladen, zu ihm zu kommen, weil er gerade nicht weg kann. Und dann dort in seinem Arbeitszimmer in der Akademie war unglaublich Betrieb. Er hat ja über zweitausend Studenten jetzt, also das war ein Bienenstock. Er hatte hundert Sachen zugleich zu tun. Und das Unglaubliche war, er hat hundert Sachen zugleich gemacht und trotzdem sich konzentriert mit mir unterhalten. Er hat sich am ersten Tag zehn Stunden mit uns befasst und am zweiten Tag, ich weiß nicht mehr genau, noch einmal vier oder fünf, das erste ging die ganze Nacht durch. In der Nacht war es ruhiger. Wir sind aber nicht müde geworden davon. Bei ihm hat man überhaupt den Eindruck, er kann gar nicht müde werden. Eine so ungeheuere Energie, die er so klar bis in jedes Detail zum Ausdruck bringen kann, habe ich nicht gekannt vor ihm. Und ich habe erlebt, ich bin nach der zu kurzen Nacht so frisch gewesen wie auch noch nie.
Ja, da habe ich etwas erlebt, wo ich mir dann gesagt habe, siehst du, der Mensch kann viel, viel mehr sein, als er jetzt ist. Und was ich für mich und meine Arbeit bekommen habe dabei, es ist der Durchbruch. Wir haben nicht darüber gesprochen, das war gar nicht nötig, es ist einfach auch aus dem hervorgegangen, was er gesagt hat. Ja, mein Lieber, und das ist es, wofür ich dir danken wollte; dass ich eintreten darf jetzt in den hellen Morgen meines Lebens. Weil ich ja durch dich zu ihm gekommen bin.“
Neuer Beifall gab ihr die Gelegenheit, ihn zu umarmen. Dann ging sie auf ihre lange Unterredung mit Joseph Beuys in Düsseldorf ein.

„Ja, was bei ihm das Wichtigste ist und immer durchschwingt bei allem, womit er sich befasst, ist der Freiheitsimpuls im Menschen und die Kreativität aus diesem Impuls heraus.
Dass das ganz offen bleiben muss, dass da keine Vorgaben und Vorstellungen von außen her Zutritt bekommen dürfen.
Die Selbstbestimmung eines jeden Menschen ist bei ihm die Quelle, und der Mensch muss dafür kämpfen, dass er sie in sich erschließt, und wenn er das errungen hat, dann dafür, dass er sie frei erhält in allen Anstürmungen. Weil die Freiheit ja am meisten bestürmt wird von allen Seiten.
Darin sieht er die erste aller Verantwortung, die der Mensch überhaupt hat, dass er sein Recht auf freie Selbstbestimmung eigentlich zum Lebensprinzip erhebt und dafür eintritt. Da geht er, der Mensch, in das Wärmeelement hinein und übernimmt es in Eigenverantwortung, und da geht es darum, dass man die Wärme hineinbringt in alles was man tut und ergreift. Und damit in die Gemeinschaft.
Die Gestaltungskräfte der Gesellschaftsform haben das Abspiegeln der menschlichen Bewusstseinsgestalt zu ihrem inneren Gesetz, also immer schon. Er, Joseph Beuys, geht aber nicht darum, wegen dieser Gesetzmäßigkeit, vom Menschen aus. Er geht von dem freien Ursprung aus, von dem, was keine Bedingung hat, weil es ein freies Schöpferisches Element ist und reine Willenskraft. Wärme, der Urwärmeprozess. Und diese erste Verantwortung sich selbst gegenüber wird dann, wenn die Menschen sie wahrnehmen, in die Formen der Gesellschaft sich abspiegeln. Eben wegen der Gesetzmäßigkeit, die da besteht zwischen den lebendigen Formkräften.

Aus dem heraus geht es nicht darum, die Gesellschaft an ihrer formalen Seite anzugreifen sondern darum, wie wir die gesellschaftlichen Bedingungen für das Ergreifen und Ausgestalten der Selbstbestimmung in die vorhandene Gestalt der Gesellschaft eingliedern. Im Anfang fügen wir zu dem sozialen Ganzen etwas hinzu, das darin noch nicht existiert, freie Einrichtungen, die das Ergreifen der Selbstbestimmung fördern und damit das Wärmeelement einfließen lassen in die Gegenwart.
So eine Einrichtung ist ja auch, was wir hier beginnen.
Auf die Gesellschaftsform machen die freien Einrichtungen erst dann Eindruck, wenn in genügend vielen davon die Menschen sich um ihre Selbstbestimmung bemühen. Sobald aber dadurch eine neue Kraft im Kräftefeld der Gesellschaft auftritt, muss diese neue Kraft im sozialen Bewusstsein Rechtsstatus bekommen. Sie verändert ja die Verfasstheit der Gesellschaft. Das Wärmeelement soll so früh wie möglich in die vorhandene Gesellschaftsarchitektur einfließen und darin wirken.
Dem entsprechend muss die Verfassung der Gesellschaft, bei uns hier heißt sie Verfassung, in Deutschland Grundgesetz, die neue Kraft in Gesetzesform aufnehmen.

Das bedeutet, nach dem Gesetz der Entsprechung von dem Bewusstseinsgehalt und der Gesellschaftsgestalt, dass das Initiativrecht und die Volksgesetzgebung in die Verfassung aufgenommen werden müssen mitsamt ihren Durchführungsformen. Als dem Souverän in der Demokratie, dem Volk, kann die Selbstbestimmung durch Volksgesetzgebung durch niemanden und nichts verwehrt werden.
So führt der Freiheitsimpuls in den einzelnen Menschen auf dem sozialen Feld zuerst in das Rechtsgebiet; Dem Recht auf individuelle Selbstbestimmung des Einzelnen entspricht das Recht auf die gestaltende Selbstbestimmung der Gemeinschaft. – Wer sich selbst bestimmt, kann nicht gegängelt und manipuliert werden. Es wird ihm auch nicht kalt.
- Also bitte, ich muss jetzt einen Moment Luft holen. Wenn man vor ihm sitzt, steckt einen seine Kraft derart an, dass man keine Mühe hat, ihm auch stundenlang zu folgen. Es hat mit der Kraft zu tun, aus der heraus ein Mensch spricht. Ich habe ihm natürlich gesagt, dass wir glücklich wären, wenn er einmal in der Lage wäre, zu uns zu kommen. Also er hat von dem MUK bei uns schon das Angebot, hier an der Akademie für Angewandte Kunst seinen Lehrbetrieb aufzunehmen, wenn ihn der deutsche Kulturminister hinauswirft. Es soll für ihn ein neuer Lehrstuhl für Soziale Gestaltung geschaffen werden. Aber er will ja kämpfen, nicht gehen. -

So, nun ist mir der Gedanke gekommen, ich referiere nicht jetzt weiter, das würde auch in die Stunden gehen müssen, sondern komme auf seine Hinweise zu sprechen, die für uns hier jetzt wichtig sind. Da ist vor allem der eine, dass außer ihm noch andere Persönlichkeiten sich intensiv mit den sozialen Fragen befassen auf der selben Grundlage, nämlich den Schriften zu den sozialen Problemen von Rudolf Steiner. Dieser Name taucht bei uns inzwischen schon in einigen Zusammenhängen auf. Also auch Joseph Beuys hat die Grundlagen zu seiner sozialen Plastik bei Rudolf Steiner gefunden. Und dazu kam dann bei ihm die Begegnung mit einem Dritten, der in Achberg am Bodensee, das ist nicht weit weg von Bregenz, ein Institut für Zeitgeschichteforschung aufgebaut hat. Und dort, bei dem Begründer dieser Einrichtung, die heißt INKA, das ist „Internationales Kulturzentrum Achberg“, bei Wilfried Heidt, ist er einem Philosophen begegnet, der dort das Ergebnis seiner Erkenntnisarbeit auf dem Gebiet vorgetragen hat. Davon hat er mir ausführlicher erzählt, weil er da erlebt hat, das ist jetzt der Durchbruch in der neuen Sozialphilosophie. Ihn hat er beschrieben als einen liebenswürdigen, älteren Herren, groß und sehr schlank, der seine Ausführungen damit begonnen hat, dass er jetzt „ein modernes Märchen“ erzählen wird. Wilhelm Schmundt ist das.
Wilhelm Schmundt, sagte er, ist ein grandioser Phänomenologe, der auch auf anderen Gebieten zu bahnbrechenden Erkenntnissen gekommen ist, in der Physik auf eine Erkenntnislehre vom Wesen und von der Entstehung der Materie, in der Energetik auf eine vollkommen neue Wärmelehre, aber seine Arbeiten wurden bisher von der Wissenschaft glatt übergangen. Außer seiner Elementarlehre von dem „Sozialen Organismus in seiner Freiheitsgestalt“, mit der er von dem Gründer des INKA, von Wilfried Heidt, entdeckt wurde. Also auch Wilfried Heidt und Wilhelm Schmundt gehen von Rudolf Steiner aus. Achberg, sagte Joseph Beuys, ist zum Hort der Wissenschaft geworden für die soziale Gestaltungsthematik, und dort könne jeder, der Interesse hat, hinkommen. Und gerade für das Erarbeiten der Grundlagenbegriffe hat er uns das empfohlen.

Da kommen wir hinein in die Verbindung der Kunst mit der Wissenschaft. Im Menschen ist der Ursprung ein prägender Impuls, davon hat seine freie Kreativität den formgebenden, gestaltenden Charakter; aus dem Ursprung seiner Selbstheit ist der Mensch als ein künstlerisches Wesen angelegt. Mit dem Denken ergreift er den Impuls und gestaltet ihn individuell aus. Wo dieses Ausgestalten im Bewusstsein auftritt, spaltet das Denken den Vorgang in Vorgänge der Innen- und Außenwelt. Da findet der Mensch dann Gegebenheiten vor, und er muss von den Dingen sich denkend Begriffe bilden. Er geht dabei ego-zentrisch vor, geht von sich als Subjekt aus, weil er sich seiner in sich bewusst ist. Er ist sich nicht bewusst, dass der Gehalt seiner Umwelt der andere Teil seines Wesens ist, und er wendet sich diesem Gehalt bewusst zu im Beobachten und Denken.
Also der ganze Gehalt seines Wesens ist weder allein in seinem Bewusstsein vorhanden, noch allein in seiner Außenwelt der Objekte. Und für die Verbindung der beiden Seiten braucht er die Wissenschaft. Dazu kommt noch, dass wir mit dem Prinzip der Fremdversorgung im Wirtschaften und mit der demokratischen Staatsform zu einander in konkrete Beziehung gekommen sind, die uns mit einander vernetzt. Zugleich haben wir die Gestaltung der Gemeinschaft aus den Händen der Monarchen in unsere eigenen übertragen. Gestaltungsaufgaben sind Aufgabe der Kunst, und in jeder Kunst ist Wissenschaft drinnen. Das unterscheidet ja Kunst von der Narretei.
Wir sind also auf dem Weg der Kultur da angekommen, wo Kunst und Wissenschaft einander bedingen.
Die Verbindung von Beidem geht die Wege des Denkens nach; es teilt sich die Erkenntnisarbeit auf in die auf das Subjekt bezogene und die Erkenntnisarbeit an den Objekten. Es ist die Einheit der menschlichen Anlage selbst, die zu der Arbeit auf beiden Seiten veranlasst. Dazu hat er mir einen Satz gesagt von Rudolf Steiner, der mich seither nicht mehr verlässt: „Das Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit ist die wahre Kommunion der Menschen.“

Jetzt nehme ich für uns einen Gedanken herein noch von einer anderen Persönlichkeit, dem armenischen Philosophen Karen Swassjan. Der hat den Gedanken in diesem Satz von Rudolf Steiner von sich aus so ergriffen:
„Gesetzt den Fall, es habe eine innere Weltenlenkung der Mitte der Welt, und die ist das deutsch sprechende Mitteleuropa – ein Armenier sagt das -, den Auftrag erteilt, dem Christus in der Menschenwelt einen Lebensleib vorzubereiten, indem die Menschen ihr Bewusstsein durchchristen, dann muss in aller Wissenschaft von dem Christus die Rede sein, in der Chemie chemisch, in der Physik physikalisch, in der Ökonomie ökonomisch, in der Politik politisch, und so weiter, also ganz aus ihrem Fach heraus. Und es kommt dadurch da hin, wenn der Mensch sich aufmacht, die Welt ins Wahre zu denken.
Das Volk Israel hat, sagt Karen Swassjan, seine Weltmission erfüllt damit, dass es einen vollkommen gereinigten Menschenleib hervorgebracht hat, in einer übermenschlichen Anstrengung durch sechstausend Jahre, und dem Jesus von Nazareth zur Verfügung gestellt, in den die Christuswesenheit dann einziehen konnte. Diese physische Inkarnation des Christus fand ihr physisches Ende am Kreuz. Nun ist der Auferstandene in der Menschheit noch weitgehend ohne Lebensgrundlage. Die müssen wir ihm in unserem Bewusstsein erzeugen, dadurch, dass wir die Welt ins Wahre denken. Nämlich“, sagt Karen Swassjan, „auf allen Ebenen unseres Bewusstseins.“ -
Ja ich glaub, ich habe das Wesentliche, was ich aus Düsseldorf mitbringe, jetzt angesprochen.

Mir ist es immer wieder so eine weite Freude, wenn ich an Orte komme, wo ich bei ganz verschiedenen Menschen auf ihre ganz persönliche Art erlebe, was der Mensch sein kann, wenn er das ist, was er sein will. Ja und da ist der nächste Ort, auf den wir uns, glaube ich, schon freuen können, dann Wilfried Heidt in Achberg. Von ihm hat mir Josef Beuys auch manches erzählt; die beiden haben schon einiges gemeinsam auch gemacht, und Bodo ist ihm ja schon in Prag begegnet im Prager Frühling. Das lasse ich ihn euch dann selber erzählen. Mitgegeben hat mir Joseph Beuys seinen „Aufruf zur Alternative“, den hab ich kopiert und ihr könnt ihn euch hinten am Tisch dann mitnehmen. Der ist sozusagen das Konzentrat von dem, was er mit mir auch durchgegangen ist. Ja, vielleicht machen wir jetzt eine Pause. – Ich danke euch.“
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Es kommt viel darauf an, ob man die Sache, der man dient, lieben kann.
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