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Literaturforum Österreich :: Thema anzeigen - DER FREMDE- HOE HILL ...Dialog mit einem Mörder
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DER FREMDE- HOE HILL ...Dialog mit einem Mörder


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Anmeldedatum: 18.09.2012
Beiträge: 9

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BeitragVerfasst am: 19.09.2012, 20:48    Titel: DER FREMDE- HOE HILL ...Dialog mit einem Mörder Antworten mit Zitat

Erster Teil

Kann ich bei Ihnen eine Anzeige aufgeben?“, fragt Dan Ash den Postbeamten.
„Nein, da müssen Sie sich in die Anzeigenabteilung bemühen. Schalter 11.“
Oh, wie er dieses in der Schlange stehen hasst. Jetzt muss er zu alledem auch noch eine Nummer ziehen. Seine Nummer ist die 77. Obwohl hier in diesem kleinen Ort namens Hoe Hill in Südengland auch schon ein gewisser Fortschritt Einzug gehalten hat - wenn auch nicht gerade ein Fortschritt, wie er sich in Großstädten z.B London vergegenwärtigt hat - gilt Dan Ash als Außenseiter. Er hat dem Quantensprung abgeschworen. Ihm ist nur eins wichtig, seine eigene, kleine, heile Welt von heutigen Geschehnissen fernzuhalten. Alles, was ihn interessiert, ist das Schreiben von Kriminalromanen. So, wie es die alten Meister des Schreibens vor ihm schon aufzeigten. Sein Vorbild ist daher auch Sir Arthur Conan Doyle. Hier in Hoe Hill kräht noch der Hahn, kommt noch der Friseur zu den Dorfbewohnern nach Hause. Und in den Bars darf noch geraucht werden. Ein Bus, der einmal am Tag zu immer der gleichen Uhrzeit und zwar gegen 14:07 abfährt, befördert den einen oder anderen Bewohner des kleinen Örtchens in die nahe liegende Großstadt. Zurück müssen sie dann allerdings laufen oder sie übernachten in der Stadt und fahren anderentags wieder zurück.

Es ist eben noch ein nach außen hin völlig malerisch gebliebenes Dörfchen, dessen Bewohner versuchen, bis heute anscheinend auch recht wirkungsvoll, sich dem ihnen unrealistisch erscheinenden Fortschritt, so gut es eben geht, zu entziehen.
Dan Ash ist dennoch nicht weltfremd. Seine Bildung wurde geformt und hat sich entwickelt durch den einen oder anderen Besucher aus der Schar derer, die immer wieder im Sommer gleich einer Horde Schafe dieses kleine Dorf namens Hoe Hill überrennen.


Eines Tages verirrte sich ein Fremder nach Hoe Hill. Die Schullehrerin, Mrs. Alison Winterbottom, vermietete ihm, der sich Mr. O’Grady nannte, ein Zimmer in ihrem wunderschönen Haus, vor dem sich ein gepflegter Vorgarten präsentierte.
Sie war unverheiratet geblieben, und die Dörfler nannten sie deshalb auch gerne – allerdings mehr hinter der vorgehaltenen Hand: Stiefmütterchen.


„Guten Tag Dan. Du bist aber früh auf den Beinen“, sagte Alison und warf Dan einen bewundernden Blick zu.
„Deine Blicke werden auch immer besser. Hast wohl geübt?“
Alison und Dan kannten sich seit sie als Kinder im gleichen Kindergarten zusammen spielten. Sie war heimlich in ihn verliebt. Dan aber schien das bis heute nicht bemerkt zu haben. Außer mit Alison hatte er kaum engeren Kontakt mit dem einen oder anderen Dorfbewohner hier in Hoe Hill. Schon früh starben seine Eltern, und Dan wuchs bei seinen Großeltern auf die vor einem Jahr nun auch gestorben waren. Dan blieb allein zurück. Er hatte zwar noch einen Onkel, der jedoch lebte in London und kam nur alle zwei Jahre einmal zu Besuch nach Hoe Hill.

„Was machst du heute Abend, Dan?“
„Hab bis jetzt noch nichts vor.“
„Komm doch zum Essen her. Habe einen neuen Untermieter. Einrecht interessanter Mann, wie es scheint. Kannst du es einrichten?“
„Hm, ja. Warum eigentlich nicht? Gut, Einladung angenommen! Ich komme.“
„Fein! 19:00 Uhr! Passt es dir?“
„Denke, ja. Also bis heute Abend, Alison.“

Der Sommer war im Anmarsch. Das hieß für den kleinen Ort, dass bald die Touristen kommen würden. Sie kamen hauptsächlich deshalb, weil hier ein großer Schriftsteller namens Greg Donoghue gelebt hatte und das Haus, in dem er seine Romane schrieb, nun ein kleines Museum war; einladend im unteren Geschoß mit einer interessanten Bar namens `Blackpool versehen. Den ersten Stock des Gebäudes hatte man zum Museum gestaltet. In den weiteren zwei Stockwerken konnten länger im Ort weilende Touristen nächtigen. Dieser Teil war als Pension ausgewiesen, und jeder, der dort einmal genächtigt hatte, war davon überzeugt, dass Greg Donoghue als Geist sein Haus bewachte. Es hatte sozusagen als kleines Spukschloss seinen Ruf und zog jeden Sommer viele Touristen in seinen Bann.

„GutenTag, Mrs. Abigal.“
„Hallo, Dan. Haben Sie davon gehört, dass morgen Abend wieder mal eine Bridgeparty im Hause von Mrs Bess stattfindet?“
„Davon wusste ich nichts.“
„Jetzt wissen Sie es. Werden Sie dort sein?“
„Vielleicht, Mrs. Abigal, ich werde versuchen, es einzurichten.“
„Nun, dann noch einen schönen Tag, Dan. Wir bauen auf Sie.“


Mrs. Abigal, Mrs. Bess und Mrs. Bride trafen sich einmal in der Woche um zusammen Bridge zu spielen. Manchmal war auch Dan zu einer solchen Veranstaltung eingeladen. Früher war Dans Großmutter fester Bestandteil der Gruppe gewesen, aber nachdem sie vor einem Jahr starb hatte Abigal die glorreiche Idee, Dan statt ihrer in die fest verschworene Runde mit aufzunehmen. Die Regeln des Spiels hatte Dan schnell verinnerlicht. Das große Ziel des Spieles war: möglichst viele Stiche zu machen. Heute versteht man unter Bridge die moderne Variante, ein Kontrakt-Bridge, das sich seit den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts weltweit durchgesetzt und seine Vorgänger wie z.B. Whist oder Auktions-Bridge weitgehend verdrängt hatte. Mrs. Abigal aber bestand nun darauf, Whist zu spielen, denn diese Variante erforderte große Aufmerksamkeit und fast absolute Stille. Und für Stille war Hoe Hill nun einmal bekannt.

Außer - einmal im Jahr - war es mit der Stille dahin. Dann nämlich, wenn die Touristen das kleine Dorf an der Küste Südenglands mit ihrer Gegenwart aufsuchten, ja, man könnte fast sagen, belästigten.

Dan war von Beruf Archäologe, und sein Traum war es, einmal einen Schatz aus der Zeit der Angelsachsen zu finden und freizulegen. Leider war ihm, wie er eines Tages erfuhr, ein blutiger Hobbysucher zuvorgekommen.

Terry, so der Name des Hobbyforschers, erfuhr Dan, wurde stets ein wenig belächelt. Man nannte ihn „Piep-piep“ das ist jemand, der nach Pennies sucht. Als dieser Terry aber auf dem Acker in der Grafschaft Staffordshire einen wahren Schatz fand, lachte keiner mehr über ihn.

Der Schatz sei so groß, hieß es in den Zeitungsberichten, dass er nur noch von Gold geträumt habe, so hatte sich der ansonsten arbeitslose Terry geäußert.

„Stell dir vor, du sitzt in deiner Wohnung“, erzählte Terry Herbert der ihn interviewenden Reporterin im englischen TV Kanal, „und jemand hört nicht auf, Geld durch deinen Briefschlitz zu stecken, du brauchst es nur aufzuheben – so einfach war das.“

Dan war klar, dass dieser Fund der bisher größte und bedeutendste aus der Zeit der germanischen Stämme war.

Reichtum von solchem Ausmaß, so folgerte Dan, muss wohl einem König gehört haben. Und da Dan sich gut in der Geschichte der Angelsachsen auskannte dachte er weiter, es könnte gut sein, dass die Besitzer ihre Schätze in gefährlichen Zeiten versteckt hatten, um sie später irgendwann wieder auszugraben, was ihnen dann aus irgendwelchen Gründen nicht gelangt. Vielleicht waren sie völlig ausgemerzt worden und niemand kannte den Fundort, der nun im einstigen angelsächsischen Königreich Mercia entdeckt wurde.

„Was stehst du auf der Straße und träumst am helllichten Tag“, sagte der Barbesitzer vom `Blackpool´ und lachte.
Dan war klar, was dieser Kerl, dieser Ruby, von ihm hielt. Dan hatte ihm beim letzten Dart-turnier blass aussehen lassen. So etwas konnte dieser Ruby gar nicht vertragen. Seitdem zog er Dan, wann immer ihm sich die Möglichkeit bot, mit Anreden wie z.B „Heuschrecke“, durch den Kakao. Heuschrecke deshalb, weil Dan als Kind immer vor ihm davon lief.
„Na und, Ruby? Ich habe wenigstens noch Träume.“
Ruby sah wütend aus. Aber er konnte schließlich nicht auf offener Straße mit Dan eine Schlägerei veranstalten. Also winkte er lässig ab und ging in seine Wirtschaft zurück.
Noch im Alter von 33 Jahren hatte Ruby nur eins im Sinn, alle sollten sich vor ihm fürchten. Ansonsten war das kleine Örtchen eigentlich verschont von Banausen wie Ruby. Ruby war der einzige, dem es dann und wann Spaß bereitete, die Dorfbewohner in ihrem Frieden zu stören. Aber keiner der hier lebenden machte sich etwas daraus. Sie ließen ihn einfach im Glauben, sich schrecklich vor ihm zu fürchten, und sie hätten Angst vor ihm. In Wahrheit jedoch amüsierte er sie nur. Auch das wusste Ruby nicht.


Dan war auf dem Weg nach Hause, als er den Fremden, von dem ihm Alison erzählt hatte, vor einem Waffenladen stehen sah. Er dachte: ´Alison hatte recht. Schaut gut aus dieser Fremde.` Etwas Mysteriöses war schon in seinen Gesichtszügen erkennbar. Richtig sagenumwoben, sodass Dan seinen Blick von ihm nicht lassen konnte. Der Fremde hatte Dan innerhalb weniger Sekunden in einen Bann gezogen. Jetzt konnte Dan das Essen mit Alison am Abend kaum noch abwarten. Er ging nach Hause und starrte fortwährend auf die Uhr und dachte: ´Er wird doch hoffentlich auch da sein. Alison wird ihn doch wohl zum Essen eingeladen haben.`
Und was, wenn nicht? Er sah auf die Uhr. Der Zeiger schien sich gar nicht zu bewegen. Was war nur los mit ihm. So ein Verlangen hatte Dan schon lange nicht mehr gespürt. Das letzte Mal bei einer Ausgrabung in der Wikinger Stadt Haithabu! Aber das war ja auch schon lange her.
Hatte ihn vielleicht etwas beim Anblick dieses Fremden verhext ?



Es war gegen 19 Uhr, als Dan bei Alison eintraf. Der Fremde, dieser Mr O’Grady saß bereits am sorgfältig gedeckten Tisch. Alison lächelte beiden zu.
„Darf ich vorstellen, das ist Mr. O’Grady, lieber Dan. Und das ist mein Freund Dan!“
„Sehr angenehm“, beeilte sich Dan zu sagen und schüttelte fleißig O’Gradys Hand. Diesem kräuselte dagegen ein leicht angedeutetes Lächeln die vorgeschobenen Lippen.
Alison zeigte sich als aufmerksame Gastgeberin.
„Da wir uns nun vorgestellt haben, werde ich sofort das Essen servieren. Möchten Sie, Mr. O’Grady, einen Wein zum Essen trinken oder erst danach?“
„Ganz wie es Ihnen selbst beliebt“, überließ der neue Mieter Alison leicht achselzuckend die Entscheidung
„Und – du, Dan?“
„Ich halte es ebenso. Danke!“
Der Abend war ein voller Erfolg für Alison. Endlich konnte sie wieder einmal geschätzten Gästen das von ihr so heiß geliebte Roastbeef mit Yorkshirepudding, und roasted potatoes mit Gemüsen servieren.
Die Besucher zeigten sich entspannt und sogar gesprächig, sodass sich Alison unbesorgt für einen kurzen Moment entschuldigen konnte
Für Dan bot sich sogar die Gelegenheit, allein mit O’Grady zu reden, weil Alison bat, sich kurz zurückziehen zu dürfen, um einem ihrer Migräneanfälle zuvorzukommen. Es entschlüpfte O’Grady wahrscheinlich unbewusst, dass er mal im Gefängnis gesessen habe. Aber Dan hob Augenbrauen und Hände.
„Ist es unhöflich, Sie nach dem Grund ihres Aufenthaltes im Gefängnis zu befragen?“
„Keineswegs. Wenn es denn nun schon einmal heraus ist, verstehe ich, dass Sie die Neugier packt, mehr wissen zu wollen. Ich saß wegen -Mordes im Gefängnis.“
Dan schluckte, und Alison schien es auch mitbekommen zu haben, als sie gerade zurückkam in den Raum, in dem sie Dan und O’Grady zurückgelassen hatte, weil man nur in ihm rauchen durfte. Es entrang sich ihr ein kleiner Aufschrei.
„Habe ich das eben richtig verstanden? Sie sind ein Mörder?“
Es herrschte für einige Sekunden Totenstille. Dann stand O’Grady auf und sah seiner Wirtin entgegen. Er sagte hüstelnd:
„Tut mir leid, Misses. Das war es dann wohl. Denke, Sie möchten, dass ich Ihr Haus schnellstmöglich verlasse?!“
Bevor sie antworten konnte, drängte sich Dan zwischen die Beiden und haspelte: „Alison, er hat seine Schuld verbüßt. Außerdem ist er ehrlich. Er hätte uns das ja nicht sagen müssen, hätte ein minimales Delikt angeben können, kleiner Diebstahl, Fahrerflucht, irgendein Kavaliersdelikt. Gib ihm die Chance, es näher zu erklären. Auch bei Notwehr kann man gezwungen sein, zu töten…““
Alison legte das Tablettenschächtelchen zur Seite, setzte sich und führte ihr Weinglas zumunde. Auch Dan und O’Grady nahmen erneut Platz.
Letzterer hüstelte.
„Nun ja, wenn es Sie interessiert, erzähle ich Ihnen detaillierter, weshalb ich damals zum Mörder wurde.“
„Eigentlich möchte ich darüber nichts wissen Mr. O’Grady“, sagte Alison und leerte das Glas vollends.
„Nun, mich reizt es schon, mehr darüber zu wissen“, sagte Dan, und sein überredender Blick beschwor Alison.“Wann sitzt man schon mit einem Mörder zusammen?“
Ein tiefer Atemzug hob die Brust der Frau. „Na, schön - “, sagte sie schon halb von echt weiblicher Neugier und Sensationslust überlistet.
“Dann erzählen Sie, Mr O’Grady. Aber nur, wenn sie es auch wirklich selbst wollen.“

So begann O’Grady seine Story den beiden Zuhörern nahe zu bringen, wie es sich zutrug, als er noch ein ziemlich junger Kerl war und dass ihm geschah, was ihm passierte.
„Als erstes sollen Sie erfahren, dass ich sie sehr geliebt habe. Nachdem ich sie dann tötete, zündete ich die Wohnung an. Die Polizei entdeckte noch am selben Tag die verkohlte Leiche in ihrer Wohnung, und mir wurde der Prozess gemacht. Ich war 15 Jahre inhaftiert und wurde wegen guter Führung vor gerade dreizehn Tagen entlassen.“
„Es handelte sich demnach um ein Beziehungsdelikt?“ suchte sich Dan zu vergewissern.
„So ist es.“
Alison schauderte es, sie schlug die Hände vor das Gesicht und wiegte sich wie im Schock hin und her. Es schien O’Grady völlig klar zu sein, dass er hier nicht länger würde bleiben können.
„Ich packe noch heute meine Sachen“, sagte er.
Alison blieb stumm, aber Dan stand auf und meinte forsch:
„Sie können bei mir wohnen, zumindest so lange, bis sich etwas anderes für Sie gefunden hat. Mein Haus ist groß genug, um Ihnen das anbieten zu können.“
Alison ließ die Hände sinken. Sie war kreidebleich und starrte Dan fassungslos an. Der glaubte, ihre Gedanken lesen zu können, trat neben sie und sagte leise:
„Beruhige dich, Alison. Hör zu, ich bin davon überzeugt, dass Mr. O’Grady eine zweite Chance verdient hat. Also, lass mich nur machen. Ich weiß, was ich tue, glaube mir. Okay?“

So verließ Dan gemeinsam mit O’Grady anschließend Alisons Haus und Grundstück. Erst auf offener Straße vermochte der Fremde, dem seine bisherige Wirtin einen Abschiedsgruß verweigerte, zu reden:
„Danke, Mr Ash. Es ist keine alltägliche Selbstverständlichkeit, was Sie da tun.“
„Ist mir schon klar, Mr. O’Grady. Vielleicht bin ich aber auch kein alltäglicher Mensch.“
Ihm war zumute wie einem Löwen, der Blut geleckt hatte.
Wann und wo begegnete man denn schon einem Menschen, der das Gefühl kannte, einen Mord begangen, einem Menschen das Leben genommen zu haben? Das wollte er zu gerne erfahren, darüber m u s s t e er mehr wissen. Und hier nun bot sich ihm die Möglichkeit. Hier war er auf den Menschen gestoßen, der ihm das Wissen darum zu vermitteln vermochte.



Beim Anblick von Dan Ash’s Haus bekam sogar jemand wie O’Grady Gänsehaut. Im Inneren des Gebäudes schien die Zeit stillgestanden zu haben.
Schwere rote Vorhänge aus Samt ergossen sich zugezogen schwer von der Decke herab. Möbelstücke aus alter Eiche, die jedes für sich gesehen schon einen Raum hätte füllen können standen, wie einem Ballsaal des 17. Jahrhunderts entnommen, in den riesigen Zimmern herum.
„Das gleicht ja einem alten prunkvollen Herrenhaus, dieses Ihr Anwesen.“
Dan hob die Schultern.

„Habe es von meinen Großeltern geerbt und seither nichts verändert. Mir fehlt einfach die Zeit dazu, es mehr auf den heutigen Stand zu bringen.“
„Um Himmelswillen, lassen Sie es doch so, wie es ist. Die Einrichtung erinnert mich an die alten Filmschinken, so zum Beispiel an ”Citizen Kane – Rosebud“ von Orson Welles mit den Schauspielern Joseph Cotton, Dorothy Comingore, aus dem Jahre 1941.”
„Den sah ich seinerzeit auch. Ein ausgesprochen gutes Stück. Sie interessieren sich für alte Filme?“
„Ja, sehr sogar!“
„Kommen Sie, setzen Sie sich und lassen Sie uns ein Glas Wein trinken, sozusagen als Fortsetzung dieses Abends.“
Der rote Wein schimmerte wie Blut in dem geschliffenen Kristall. Es klirrte melodisch beim gegenseitigen Anstoßen.
„Ein guter Tropfen, “ lobte O´Grady kennerisch.
„Mein Großvater war leidenschaftlicher Weinkenner. Übrigens, haben Sie ein Lieblingsobjekt unter den alten Filmen?“
„Da fällt mir im Augenblick eigentlich nur einer wirklich ein, und zwar `Dark Victory-Opfer einer großen Liebe´. ”aus dem Jahre 1939. Dieser war damals sogar für den Oscar nominiert.“
„Kenn ich gar nicht, nicht einmal namentlich. Worum geht es in dem Stück?“

„Um eine gewisse Judith Traherne, von der einzigartigen Bette Davis verkörpert. Sie spielte die 23-jährige, recht eigensinnige und lebenslustige Erbin eines Pferderennstalls, die seit Monaten unter immer schlimmer werdenden Kopfschmerzen leidet und wochenlang von Schwindelanfällen und sogar Sehstörungen geplagt wird. Trotzdem befolgt sie nicht die Ratschläge ihres Hausarztes. Erst nachdem sie in ihrem Haus die Treppe heruntergestürzt ist, begibt sie sich zu einem Spezialisten. Dieser führt daraufhin eine Operation durch, weil er bei ihr einen Gehirntumor vermutet. Seine Vermutungen bestätigen sich. Trotz des Eingriffes hat sie nur noch ein Jahr zu leben. Judith, die sich dennoch zunächst nach der Operation deutlich besser fühlt, veranstaltet - in Unkenntnis ihrer unheilbaren Krankheit belassen - zusammen mit ihren Freunden aus der High Society eine Feierlichkeit nach der anderen. Eines Tages stößt sie durch Zufall im Krankenhaus während der Nachsorge auf ihre Patientenakte und erfährt die schlimme Wahrheit. – Langweile ich Sie auch nicht, Mr. Ash?“
„Aber nein, durchaus nicht. Erzählen Sie bitte weiter.
Ich bin absolut interessiert.“

„Gut! Sie wird also völlig depressiv und vertraut sich ihrem Stallburschen an. Eines Abends erscheint der Arzt bei Judith und verrät seine Gefühle, die er ihr gegenüber entwickelt hat. Es kommt zu einem Kuss. Aber sie entwindet sich seinem Arm und sagt ihm, dass sie seine Gefühle nicht erwidern kann. Sie sagt: `Ich kann nicht so weiter leben´.“
Dann geht sie in ihr Schlafzimmer und für einen kurzen Moment denkt sie an Freitod und führt Gespräche mit sich selbst, in denen es immer und immer wieder um die Frage geht: "Wäre es ein Unrecht, wenn ich mir selber das Leben nähme?“
Am nächsten Abend erscheint der Arzt wieder in ihrer Wohnung. Und Judith, die ihr Gefühl für ihn entdeckt hat, bittet ihn um Verzeihung. In derselben Nacht kommt es dann auch zu einem Heiratsantrag und zum Entschluss, nach Vermont zu ziehen. Einige Wochen vergehen, und Judith lebt mit ihrem Ehemann, dem Arzt in einem großen Haus mit Prunk und Personal. Ihr Mann hat ein neues Forschungslabor eröffnet und ist ein überaus angesehener Wissenschaftler auf medizinischem Gebiet. Da erhält Judith eines Tages einen Brief von ihrer besten Freundin.
Sie entschließt sich, sie einzuladen, und ihr die Sehenswürdigkeiten des Ortes zu zeigen. Als Ann in den nächsten Tagen erscheint, stellt Judith beim Blumen- pflanzen mit ihr im Garten fest, dass sie erneute Sehprobleme hat. Ihr Mann ruft sie ins Haus, weil er einen wichtigen Brief erhalten hat…Ich langweile Sie wirklich nicht, Mr. Ash?“
„Wie kommen Sie darauf? Ich bin fasziniert, Mr.O’Grady. Sie sind ein außerordentlich fabelhafter Erzähler. Ich bekomme beinahe Gänsehaut und weiß nicht einmal – warum? Es ist ja noch gar nichts Schlimmes wirklich passiert.“
„Freut mich, dass ich Sie ein bisschen ablenken kann vom realen Trubel dieses Abends.
Judiths Mann Frederick wird zum alljährlich in New York stattfindenden Medicine-Congress eingeladen und soll alle seine bisher stattgefundenen Untersuchungen den bedeutenden Wissenschaftlern vorstellen. Er will nicht allein und ohne seine Frau nach New York fahren und bittet sie, ihn zu begleiten. Doch Judith ist besorgt ob ihres schwindenden Augenlichtes und äußert Bedenken, ohne jedoch den wahren Grund laut werden zu lassen. Sie überzeugt ihn durch eine längere Diskussion, dass es sich ja um kein Vergnügen sondern um eine Geschäftsreise handelt Also reist er allein nach New York, und Judith hilft – schon fast erblindet - ihrer Freundin bei der Gartenpflege. Danach bespricht sie mit Ann, was diese nach ihrem Tod machen soll, und zieht sich darauf allein in ihr Gemach zurück. Wissen sie was, Mr. Ash, mir wird die Kehle langsam trocken. Wissen Sie was…?“
„Nein!“
„Lassen Sie uns diesen Film kaufen gehen. Ich selbst würde ihn auch noch einmal gerne sehen. Was halten Sie davon??“
„ Eine gute Idee. Sie sind ein sehr interessanter Mann, Mr. O’Grady. Eigentlich passt ein Mord überhaupt nicht zu Ihnen.“
„Freut mich, das von Ihnen zu hören?“
„Tatsächlich, es ist wirklich so!“
Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen, und Dans Denken beschäftigte sich, ob er es wollte oder nicht, mit dieser Filmfigur der Judith.
„Sie denken an diese Frau, stimmts?“ fragte O´Grady schließlich.
„Können Sie Gedanken lesen?“
„Absolut nicht, nein. Aber ist es nicht nahe liegend? Auch mich hat diese Frau innerhalb weniger Minuten in ihren Bann gezogen, als ich zum ersten Mal das Stück über die Leinwand flimmern sah.“

Dan Ash räusperte sich.
„Es ist ja noch verhältnismäßig früh am Abend und wenn Sie die Müdigkeit noch nicht zu sehr gepackt hat, würde ich gerne von Ihnen ein paar nähere Angaben über Ihre Beziehung zu ihrer damaligen Freundin, Ihrem Opfer erfahren. Halten Sie das für sehr anstößig, Mr.O’Grady?“
„Aber nein, gar nicht. Wissen Sie, Mr. Ash, im Gefängnis dreht sich alles nur darum, die Zeit irgendwie totzuschlagen. Gerne wäre ich in einem Gefängnis gesessen, wie das damals so berüchtigte Fleet Gefängnis gewesen sein muss, welches sich an der Farringdon Street am Ostufer des River Fleet befand, nach dem es seinen Namen erhielt. Die heutigen Gefängnisse vermitteln doch gar nichts mehr von dieser gewissen Furchtromantik. Wo einem noch das Blut -schon beim bloßen Anblick dieser Gemäuer- in den Adern gefrieren sollte.“

Die Faszination, die Dans Gegenüber auf den jungen Mann ausübte, schlug aus wie ein Metalldetektor. Er hatte sich regelrecht in diesen O’Grady verbissen. Wie gerne wäre er an dessen Stelle gewesen, hätte ein so interessantes Schicksal gehabt wie er und würde dessen Lebensgeschichte gelebt haben. Ihm ging plötzlich auf, wie langweilig sein eigenes Dasein sich doch abspulte. Was hatte er denn schon erlebt? Nichts, gar nichts. 34 Jahre war er nun alt, dem Wort nach ein Archäologe, ohne je etwas Bedeutendes ausgegraben zu haben. Eigentlich fühlte er sich, in jeder Hinsicht betrachtet, als ein Versager. Er fühlte sich klein. Klein wie ein junges in der Höhle nackt, blind und taub geborenes Kaninchen. Und seine Bemühungen, sich zu einem bekannten und angesehenen Kriminalautor zu entwickeln, hatten bisher nicht einmal zu einem Vertrag mit einem Verlag gereicht. So winzig klein kam er sich vor, dass er es nicht einmal mehr wagte, O’Grady in die Augen zu sehen. Zweifel gegen den eigenen Selbstwert, das war im Moment alles, was in Dans Kopf umherschwirrte. Wo war die Überzeugung seines eigenen Ich geblieben?
Und je tiefer er in sich danach grub, um so mehr Oberhand gewann O’Grady an Macht und Einfluss auf ihn.
„Wo sind Sie mit Ihren Gedanken, Mr.Ash?“
Der Angesprochene vernahm O’Gradys Frage nur im Flüsterton, so als seien seine Ohren mit Watte zugestopft, und er mühte sich, irgendetwas Unverfängliches zu antworten: „Noch einen Schluck Wein, Mr. O’Grady?“
„Da sage ich bestimmt nicht nein.“
Das sich vom Stuhl hochstemmen und in den Keller tappen ließ Dan wieder etwas zu sich kommen. Eine Flasche Portwein fiel ihm in die Hände. Es handelte sich um einen alten Jahrgang, der gut und gerne seine 1000 Euro wert war. Dan dachte, damit etwas Land zu gewinnen, seinen Gast damit zu beeindrucken.
Er schwenkte die Flasche wie ein Segeltuch
„Sehen Sie mal, was für einen Schatz ich hier habe. Einen alten Portwein. Einen sehr alten…Sie mögen doch hoffentlich Portwein?“
„Und wie!. Ich habe ja in jeder Beziehung viel nachzuholen, lieber Mr. Ash. Und ein alter Portwein ist etwas wirklich Feines.“
Nach dem ersten Schluck schon lobte O’Grady: „Er hat eine perfekte Süße, ist sehr vollmundig und hat ein einzigartiges Aroma.“
„Stimmt. Sie kennen sich - wie ich merke – sehr gut aus!“
„Ein wenig. Wissen Sie, vor der Zeit, während der ich im Gefängnis saß, führte ich ein recht gutes Leben. Ich wuchs in Kent auf. Im südlichen Teil Englands. Frankreich lag sozusagen in Sichtweiten, nur etwa 33 Kilometer entfernt. Als kleiner Junge fuhr ich mit meinen Eltern häufig per Schiff nach Sangatte in Frankreich.“
„Ahh, ich erinnere mich, dass Sangatte oft in den Schlagzeilen zu finden war, wegen der Flüchtlingslager.“
„Davon weiß wiederum ich nichts. Immerhin waren meine Möglichkeiten lange ziemlich beschränkt, was Information der Außenwelt betraf. Im Gefängnis interessiert es einen nicht wirklich, was draußen geschieht. Zu jener Zeit, als ich noch ein Junge war, war Sangatte der Ort, an dem ich zum ersten Mal an der Küste einen Leuchtturm sah. Sein Anblick faszinierte mich, und ich wünschte mir, einmal in einem solchen Turm leben zu dürfen. Mein Vater war übrigens Franzose.“
„Nun, O’Grady klingt englisch, eher noch irisch. War ihr Vater wirklich ein Franzose?“
„Na ja, vielleicht ist wirklich mal vor langer Zeit ein alter Ire in Frankreich eingewandert und hat sich da niedergelassen.“
Dan lachte, und O’Grady stimmte ein.
„Sie sind also so etwas wie ein Mischling?“
Daraufhin erlosch O´Gradys Lachen. Er sah auf den Tisch, auf dem ein aufgeschlagenes Manuskript lag.
„Ach, könnte ich recht haben mit meiner Vernutung, Sie sind Schriftsteller?“
„Ich schreibe Kriminalromane, versuche es zumindest. Wollen Sie mal einen Blick hineinwerfen?“
„Der Titel klingt durchaus interessant. <Meister des Tötens>. Sehr einfallsreich.“
Dan zweifelte. Nahm O’Grady ihn etwa nicht ernst? Lag es am Titel des Manuskriptes? Irgendwie schien ihm, als mache sich O’Grady geradezu lustig über ihn. Seine Miene wirkte misstrauisch. O´Grady sahs ihm an.
„Verzeihen Sie, Mr. Ash. Ich mache mich ganz bestimmt nicht lustig über den Titel ihres Manuskriptes. Ihr Wein ist trotzdem ein Gedicht.“
„Ja, vielleicht sollte ich über den Titel nochmals nachdenken. Wenn Sie möchten, können Sie das Manuskript auf Ihr Zimmer mitnehmen, um es zu lesen.“
„Ihr Glas ist ja leer. Darf ich Ihnen nachschenken“
„Ich wäre ein Narr, würde ich das ablehnen. Danke!“
„Ich würde gerne noch einmal zurückkommen auf ...“
O’Grady unterbrach den aufkommenden Schweigemoment, mit dem sich Dans Befangenheit verriet.
„Sie meinen… auf das Verbrechen?“
„Ganz recht, genau das meine ich. Auf das Verbrechen. Oder wollen Sie nun doch lieber nicht darüber reden?“
„Aber – wie kommen –Sie darauf? Wissen Sie, meine damalige Freundin hielt mich für ziemlich unvernünftig, wenn ich sie darauf ansprach, heiraten zu wollen. Sie meinte: lass uns doch warten! Mit Warten meinte sie - fünf Jahre. So lange eben, bis sie geschieden sein würde. So will es das Gesetz, belehrte sie mich. Ich empfand das als wahre Bosheit ihres Mannes, darauf zu bestehen. Sie hingegen schien das nicht sonderlich zu stören.“
„Dann wäre ein Totschlag an dem Mann eigentlich verständlicher. Warum -sie?“
„Weil sie mit mir spielte, wie ein Kind mit ihren Puppen. Ich kam nur erst später darauf.“

„Und was für Rollen haben Sie in diesen Spielen gespielt? „
„Hauptsächlich Killer. Aber auch vom Sex Besessene und sogar Perverse.“
„Jetzt nehmen Sie mich auf den Arm.“
„Natürlich tue ich das, Mr. Ash. Ich dachte mir, es könnte Ihnen vielleicht noch der eine oder andere Gedanke zu Ihrem Roman fehlen. Wenn ich mir das hier so ansehe, sind Sie ja erst am Anfang Ihrer Story.“
Dan gab missmutig zu: „Sie haben recht!“
„Und worum handelt es sich hauptsächlich in Ihrem Roman: ´Meister des Tötens`?“
„Ich gestehe, ich stecke fest. Eigentlich wollte ich darin – nun, sagen wir – die Kunst des Tötens beschreiben. Aber mir ist schnell klar geworden, dass sich damit allein keine eindringliche Geschichte aufbauen lässt. Also, ich werde das Rad herumschwingen.“
„Und haben Sie sich da schon auf etwas Besonderes eingestellt?“
„Ich weiß noch nicht so recht. Mir kommt der Gedanke, jetzt da ich Sie kennen gelernt habe, - ich würde gerne über Ihre Geschichte etwas schreiben. Natürlich vorausgesetzt, Sie erlauben es mir.“
„Aha!? Etwa in der Richtung, wie kam es dazu, dass ein 25 jähriger junger Mann das, was er am meisten liebte, töten konnte? Schwebt Ihnen so etwas vor?“
Dan atmete tief auf. Besser und treffender hätte er es nicht auszudrücken vermocht. Er versuchte, die innere Begeisterung nicht so deutlich zu zeigen.
„Zumindest so ähnlich.“
„Besonders spannend ist das aber gar nicht. Ich fürchte, dass sich damit kein abendfüllender Roman schreiben ließe.“
„Sie sprachen davon, dass Ihre Freundin verheiratet war. Wussten Sie es von Anfang an, dass sie einen Mann hatte und eigentlich gebunden war?“
„Nein, ich wusste es lange nicht. Ich lernte Florence in Paris kennen. Es war meine große Zeit der Abenteuer, der Sehnsucht nach der geheimnisvollen, weiten Welt, der Neugier auf alles Neue, Fremde, Lockende. Wollte etwas von der Welt sehen. Und Florence fiel mir sofort auf, als ich sie sah. Es war in Montparnasse, und ich saß im Bistro 7 in der Rue Campagne Premiére. Sie setzte sich an meinen Tisch, weil hier gerade noch ein Stuhl frei war, und wir kamen recht schnell ins Gespräch. Wir waren beide voneinander so magnetisiert, dass wir gleich das erste beste nächstgelegene Hotel, das `Hot Atelier Saint-Germain´ aufsuchten und uns verzückt liebten. Am Abend gingen wir in das nahegelegene `Cubana´ zum Essen. Ich war vom ersten Moment an rettungslos und unsterblich in sie verliebt. Unsterblich!!! Dieses Wort hat nun eine völlig andere Bedeutung bekommen, als ursprünglich von mir beabsichtigt war. C’est la vie, wie man so schön zu sagen pflegt, Mr. Ash.“
Es schien, als lege sich so etwas wie freundschaftliches Verständnis um die beiden Männer.
„Ich spüre in Ihren Worten eine gewisse Wehmut, Mister O´Grady. Sie haben mit dieser, Ihrer Geschichte noch längst nicht abgeschlossen. Zumindest kommt es so bei mir an.“
„Kann ein Mensch mit etwas derart Gravierendem denn wirklich jemals völlig abschließen? Schließlich habe ich etwas so Grausames, etwas so Schreckliches getan, dass selbst ein Mann wie ich nicht von sich behaupten kann, damit abschließen zu können. Dazu müsste man ein Herz aus Stein in sich tragen.“
Dan bewegte sich, als müsse er etwas abschütteln, einen Sog, der ihm immer näherkam, vor dem er sich jedoch zu schützen versuchte.
„Vielleicht werde ich jetzt etwas zu persönlich. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Spielen Sie auch jetzt mit mir ein Spiel, Mr O’Grady? Ich habe für einen winzigen kleinen Moment etwas in Ihren Augen aufflammen gesehen, das sich mit Ihren Worten nicht recht vereinbaren lässt. Eigentlich glaube ich persönlich nicht an das personifizierte Böse, aber nun komme ich ein wenig ins Wanken. Wie mag das Böse wohl aussehen? Merkt man es, wenn man ihm zu nahe kommt, Mr. O’Grady?“
„Gut gekontert, Sie holen langsam wieder auf, Mr. Ash. Noch vor einigen Minuten war ich fest davon überzeugt, dass Ihr Selbstbewusstsein stark angeschlagen ist.“

Dan fühlte sich geschockt. Er hatte also recht, als er sich noch vor kurzem einem gewissen Selbstmitleid hingab und davon überzeugt war, O’Grady könne Macht und Einfluss mehr und mehr über ihn gewinnen. Jetzt, nachdem er sich selbst diagnostiziert hatte, kam es ihm vor, als säße er in einem Spinnennetz.


O’Gradys’ leicht süffisantes Lächeln galt offensichtlich Dan Ash’s schockiertem Gesichtsausdruck, den dieser nicht ganz im Griff hatte. Er war bleich und wirkte verschreckt. Doch dann folgte er dem Beispiel O’Gradys und zündete sich eine seiner Lieblingszigarren an, während er, das halb gefüllte Glas in der Hand schwenkend, mit erhaben sein sollender Miene den Kopf schüttelte.

„Famos“ rief O’Grady, „ich stelle mir vor, wir könnten Tag und Nacht miteinander reden! Sie sind ein bemerkenswerter Gastgeber. Noch selbst in aller Unsicherheit überspielen Sie Ihre wahre Furcht.“
„Sie glauben also, ich empfände Angst vor Ihnen?“
„Nun, damit treffen Sie vielleicht nicht den richtigen Ausdruck für das, was Sie wirklich fühlen, nicht ganz das, was auch ich mir in Bezug auf Sie vorstelle. Sagen wir doch mal so, Ihr Interesse, Ihre Neugier auf mich und mein Leben erschreckt Sie selbst. Wie wäre es denn mit einem Spielchen, in dem wir sozusagen unserer beider Persönlichkeiten austauschen? Stellen wir uns doch mal vor, Ich spiele Sie, und Sie sind ich. Ich greife also zu meiner Waffe. Nicht vergessen, ich bin übrigens immer noch Sie. Ist Ihnen das klar? Man muss schon ein wenig über Kreuz denken. Kann ein Volltreffer werden, geben Sie gut acht!“
„Sie haben also gerade eine Waffe gezogen und den Spiegel zerschossen. Hören Sie, das geht nun wohl doch zu weit. Warum haben Sie das denn getan?“
„Ich sehe eine so schreckliche Angst in Ihren Augen, mit der ich beweisen könnte, dass, wenn ich es auf Sie abgesehen hätte, Sie jetzt und hier hätte erledigen können. Außerdem habe ich diese Waffe heute Mittag hier im Ort gekauft und fand bisher noch keine Gelegenheit, sie auszuprobieren.“

„Was heißt, Sie hätten mich erledigen können? Um es klar und deutlich zu sagen: mein Haus ist kein Schießstand und ich keine Tontaube.“
„Es heißt, ich hätte Sie leicht umbringen können. Was sonst? Und was den Probeschuss anbelangt, seien Sie froh. Der Spiegel war doch eh schon blind.“
„Aber es war ein Erbstück. Wie geht es nun weiter Mr. O’Grady? Ich weiß, ich bin kein Weltbürger, nicht einmal einer, der viel von der Welt gesehen hat oder mit einer Geschichte wie die Ihrige aufwarten kann. Aber dennoch bin ich ein Mensch, den das Schicksal anderer Menschen interessiert. Vor allem Ihr Schicksal - oder nennen wir es eine Fügung wie Ihr Lebenslauf - scheint mir besonders interessante Fragen aufzuwerfen. Vielleicht bin ich auch nicht der Richtige, um ihre Geschichte aufzugreifen. Dennoch fühle ich mich zu Ihrer Vergangenheit hingezogen. Lassen Sie uns noch einmal von vorne beginnen. Sie sind doch nicht etwa schon müde. Es ist gerade erst 23 Uhr.“

„Nein ich bin nicht müde. Zudem beabsichtige ich, am Ende der Woche den kleinen Ort hier wieder zu verlassen. Insofern können wir gerne noch bis in die frühen Morgenstunden plaudern. Ich freue mich schon darauf, ihr kleines Werk später einmal lesen zu dürfen. Nennen Sie Ihr Buch doch ` Dialog mit einem Mörder’.“
„Ja, gute Idee. Das ist ein Titel, der ins Schwarze trifft. Inwiefern hat Sie die Tat eigentlich belastet, Mr. O’Grady? Ich meine, kommen einem da im Laufe der Zeit keine Schuldgefühle auf? Immerhin haben Sie einem Menschen das Leben beendet, es ihm einfach weggenommen. Das muss einen doch irgendwann belasten.“
„Weshalb muss es das? Im Gegenteil. Hat es absolut nicht, Mr Ash. Eher ist das Gegenteil der Fall. Könnte es jederzeit und jetzt und hier wieder tun.“
„Sie wollen mich verkohlen. Oder etwa nicht?“
„Sie war ein Miststück, im Nachhinein betrachtet. Sie hat meine Gefühle mit Füßen getreten, hat sie mit Hohn und Spott ins Lächerliche gezogen. Dass sie mich nicht wirklich liebte, erfuhr ich an jenem Tag im Herbst, als wir ein zweites Mal zusammen nach Paris fuhren.
Wie es im Herbst nun einmal ist, es vollführen die Farben im Sonnenlicht einen Tanz mit unseren Homonen. Es führt die Natur ihr Herbstkleid aus und in der Betrachtung dessen bringt uns dieser Anblick dazu, die Liebe als romantisch zu empfinden. Aber an jenem Tag in Paris konnte ich sehen, wie ihre Augen mit den Augen von fremden Männern Kontakt aufnahmen, wenn sie an uns vorbei gingen und sie ansahen. Mir wurde klar, dass Sie eine Frau war, die niemals treu sein würde.
Ich glaube, da begann der Gedanke in mir zu reifen, sie umzubringen. Nur auf diese Weise würde ich sie für mich behalten können.

Als wir dann wieder in England waren und, ich hatte es ja bereits angesprochen, sie sich mit einer fünfjährigen Wartezeit auf ihre Scheidung einverstanden erklärte, war ich soweit, den Gedanken, sie umzubringen, zu verwirklichen. Natürlich spielten auch noch andere kleinere Faktoren dabei eine Rolle, ohne aber letztendlich wesentlich zu sein.“
„Sie behaupten, sie wäre keine Frau gewesen, die nur für einen Mann gemacht worden war. Warum haben Sie sich nicht einfach von ihr getrennt? Stellen Sie sich vor, jeder Mann der eine solche Erfahrung mit einem weiblichen Wesen macht, würde so wie Sie handeln. Dann wäre das weibliche Geschlecht schnell vom Aussterben bedroht.“
O’Grady ließ eine kräftige Lachsalve auftönen und schien mit ihr nicht mehr aufhören zu wollen. Das wirkte ansteckend auf Dan Ash, und nach einem ersten kurzen Schmunzeln lachte auch er kräftig mit. O´Grady schlug seinem Gastgeber aufs Knie und meinte salopp: „Hören Sie Mr. Ash. Ich verrate Ihnen jetzt ein wirkliches Geheimnis. Passen Sie gut auf.“
Sie beugten sich heiter gegeneinander, und wer sie jetzt beobachtet hätte, konnte guten Glaubens sein, zwei Freunde verschwörerisch etwas Spaßiges aushecken zu sehen.

„Es juckt mich einfach wieder in den Fingern. Wissen Sie, was ich meine, Mr. Ash?“
Der so Befragte musste schlucken. War es nicht fast so, als habe er insgeheim auf eine solche Antwort gewartet?
„Meinen Sie das wirklich, Mr. O’Grady, was ich vermute? Es hat Sie wieder gepackt, das unsägliche Verlangen nach einem Verbrechen. Stimmts?“
„Genau, lieber Freund. Und Sie? Was ist mit Ihnen. Denke aber eher, dass
Sie nicht die Stärke besitzen, sich auf die Erfahrung, einen Menschen zu töten, einzulassen.“
„Oho, Sie kennen mich nicht, Mr. O’Grady. Wissen Sie, in Wirklichkeit bin ich auch jemand, der...“
Mitten im Satz brach er ab. Seine Gedanken strudelten heiß hin und her. Plötzlich wurde ihm bewusst geworden das er gerade dabei war, sich einem völlig fremden Menschen zu öffnen. Er stellte sich die Frage, inwieweit er O’Grady trauen konnte. Was, wenn er ihn falsch verstand, wenn O’Grady nicht sein Freund war? Dan Ash entschied sich, das Risiko einzugehen und O’Grady sein Geheimnis, das er in all den Jahren wie einen Goldschatz in sich vergrub, jetzt und hier mitzuteilen.
„Ich habe auch schon getötet, Mr. O’Grady.“
Er beobachtete ganz genau O’Gradys Augen. War da nicht ein kleines Zucken in dessen Augen zu sehen?
„Aber natürlich, Mr. Ash? Das glaube ich Ihnen aufs Wort. Sie sind ein berufsmäßiger Killer. So wie Sie sich im Moment geben, könnte man sich fast fürchten. Aber verraten Sie mir , wie vielen haben Sie schon das Leben geraubt? Ein guter Krimischriftsteller ist da nicht gerade zimperlich. Je mehr das Blut fließt, umso mehr kommt er in Rage. Guter Scherz. Und fast wäre ich drauf reingefallen.“
`Die Zweifel´, dachte Dan Ash. `kannst Du dir sparen! Ich komme dir schon auf die Schliche. Zuviel Skepsis und das aus dem Mund O’Gradys, das ist nicht echt.´ Hatte er sich doch zu schnell hinreißen lassen, seine wahren Gedanken laut werden zu lassen? Es war ein Fauxpas, O’Grady damit zu belasten. Noch schlimmer, es war eín ausgesprochener Fehler. Wie konnte ihm das nur passieren? Wie kam er da wieder raus, runter vom Glatteis?

Auch in seinem Gegenüber, in O`Grady brodelte es. Auch ihm war klar, dass ihm jetzt kein Fehler unterlaufen durfte. Jetzt, so dachte er, hatte er Ash, wo er ihn haben wollte. Wie eine Maus hatte er ihn in die Ecke gedrängt. Bald musste Ash Farbe bekennen. Es war nur noch eine Frage der Zeit, dass es aus ihm herausbrach, in Wahrheit ein Serienkiller zu sein. Für über zwanzig Morde einschließlich des Totschlags an seinen Großeltern sollte er verantwortlich sein. War der Moment schon gekommen wo er ihm den Vorschlag machte, die alten Damen von der Bridgepartie gemeinsam umzubringen? Wieso sollte er noch weiter mit Ash >Katze fängt das Mäuschen< spielen? Es war O’Grady völlig klar, dass sein Vorhaben auch gefährlich war. Immerhin war er in Wirklichkeit ein bekannter Polizeibeamter, der sich auf Serienkiller spezialisiert hatte. Früher war O’Grady beim MDP, Secretary of State for Defence gewesen, bevor er zu New Scotland Yard in London wechselte…

©by klaas klaasen 2011
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bordo
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BeitragVerfasst am: 06.04.2013, 01:39    Titel: Antworten mit Zitat

Grandios; diese überraschende Wendung.... Warte schon sehr gespannt auf die hoffentlich baldige Fortsetzung. Respekt
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silea
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Wohnort: Basel

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BeitragVerfasst am: 18.06.2015, 15:10    Titel: Antworten mit Zitat

Ab und zu blieb mir ja fast das Herz still stehen. Für mich war die Wendung der Geschichte sehr unerwartet... genial. Ich fühlte mich auch eingelullt in dem vertrauten Setting von Freunden beim Portwein trinken.
Danke.... freue mich auf die Fortsetzung.
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