Startseite    Forum    Links    Galerien    Statistik    Impressum

Literaturforum Österreich :: Thema anzeigen - Wirtschaftswunder 1956
Literaturforum Österreich Foren-Übersicht Literaturforum Österreich
Das Forum für Autoren und Leser
 
 FAQFAQ   SuchenSuchen   MitgliederlisteMitgliederliste   BenutzergruppenBenutzergruppen   RegistrierenRegistrieren 
 ProfilProfil   Einloggen, um private Nachrichten zu lesenEinloggen, um private Nachrichten zu lesen   LoginLogin 

Wirtschaftswunder 1956


Topic speichern  
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Literaturforum Österreich Foren-Übersicht -> Alltag, Gesellschaft und Philosophie
Vorheriges Thema anzeigen :: Nächstes Thema anzeigen  
Autor Nachricht
taff
Bücherregalfach


Anmeldedatum: 10.09.2009
Beiträge: 1654

 Beitrag speichern
BeitragVerfasst am: 07.02.2014, 11:19    Titel: Wirtschaftswunder 1956 Antworten mit Zitat

Im Dorf werden äußere Einwirkungen spürbar.

Die Wehrpflicht wird eingeführt, aber noch nicht voll ausgeschöpft. Angeblich wird die Jugend renitent, seitdem der Film "Round around the clock"mit Elvis Presley zerschlagene Kinosäle hinterlässt.

Man ist oder wird wieder wer. Im Dorf fährt der erste Großbauer zur Hochzeitsreise nach Italien. Der Spediteur kauft einen Ponton-Mercedes 180 D, der Textilkaufmann einen Fiat 1100. Andere begnügen sich mit Kleinwagen wie Kleinschnittger, Messertschmidt-Kabinenroller, Pappdeckel-Lloyd 300 ccm und wer zweirädrig fährt, steigt auf den Vespa-Roller um.

Antonio ist der erste Gastarbeiter im Dorf, der als Stallbursche arbeitet. Er ist fröhlich und rundum beliebt.

In zwei Gaststätten strömen an jedem Samstagabend ganze Familien, um dort das Fernsehprogramm zu verfolgen. Privat kann sich kaum jemand so ein Gerät leisten. Die Wirte stöhnen, dass dann dort weniger getrunken wird als an normalen Wochentagen, weil sich die Männer mit dem beobachteten Bierkonsum zurückhalten.

Der Schützenverein steigt von Luftgewehren auf Kleinkaliber um. Mein Meister wird während des Schützenfestes drei Tage nicht mehr nüchtern.

Die Spangenberg-Werke bringen den ersten, gebrauchsfähigen Weißlack heraus. Latexfarbe und Latexplastik erscheint auf dem Markt. Die Tapeten werden qualitativ besser und die ersten Zellulose-Leime und -Kleber finden Verwendung.

Die Haushaltsgeräte-Händler verzeichnen gute Umsätze mit Staubsaugern,
Kühlschränken, Elektroherden, nur Waschmaschinen gehen wegen der hohen Preise noch schleppend. Die Händler bieten Ratenzahlungen an.
Neckermann´s Versandhandel macht´s auch möglich.
Rudel von Vertretern überfallen die Haushalte und bieten von Versicherungen über technische Geräte bis zu Textilien und Haushaltsgegenständen ein breites Warenangebot auch auf Raten an.

Im Ruhrpott werden viele Bergleute entlassen. Im Vorjahr wurde für den Beruf noch geworben. Man bietet ihnen Umschulungen an. Amerikanische Kohle ist billiger.

Der deutsche Schlager dudelt in allen Geräten. Die Jugend schaltet den Amisender AFN ein, der Rock´n-Roll und Western-Songs bietet.

Briten und Kanadier ziehen nach und nach ihre Truppen aus Westfalen ab und übergeben die Kasernen an die Bundeswehr. Die Wohnungen der fremden Soldatenfamilien werden in Sozialwohnungen umgewandelt.

Unser Dorf soll schöner werden. Der Gemeinderat beschließt, viele alte Fachwerkhäuser im Ortszentrum abzureißen und dort Beton-Neubauten mit großen Fensterflächen zu errichten. Auch die beiden gewundenen Bäche, sollen begradigt und in Beton eingefasst werden.
Im Lauf dieser Arbeiten entschließen sich viele Hauseigentümer, die Fassaden ihre Fachwerkhäuser mit Asbestzementplatten zu verkleiden.
Bauernhöfe innerhalb des Dorfes werden ausgesiedelt. Zinsfreie Kredite und Subventionen ermöglichen diese Maßnahme. Die alten Ställe und Scheunen im Ort werden in Werkstätten und Wohnungen umgewandelt.

Der katholische Pfarrer jammert, dass der Kirchenbesuch nachlässt. Viele Männer mittleren Alters verfolgten seine Messe vom Eingangsbereich im Turm aus, weil sie da heimlich ihre Zigarren rauchen und an der geöffneten Tür die Asche wegschnippen konnten. Nun raucht dort keiner mehr, weil niemand mehr kommt. Man hat Wichtigeres zu tun.
_________________
Ich bitte nicht um Verzeihung
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
simorre
Buchstabe
Buchstabe


Anmeldedatum: 12.02.2014
Beiträge: 1

 Beitrag speichern
BeitragVerfasst am: 21.02.2014, 09:57    Titel: Re: Wirtschaftswunder 1956 Antworten mit Zitat

Aufgeklärter Fortschritt ist ethisch-moralischer Rückschritt im Quadrat.

Die Seele stirbt den Newton-Tod.
Der Gaukler schenkt dafür nen Ford.
Tief verschuldet, rast und tobt
der Mensch und schreit: "Gott ist tot!"
und mordet, lügt für Geld*
von nun an immerfort.

*Auf Geld reimt sich nichts. Denn Geld ist die abstrakte, zerstörerische Kraft die jede wahre Kunst aushöhlt, schändet und danieder rafft.
Die Kunst eine schäbige Hure, die ihren Hintern den Kunden der Mäzenen zu opfern hat.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
taff
Bücherregalfach


Anmeldedatum: 10.09.2009
Beiträge: 1654

 Beitrag speichern
BeitragVerfasst am: 27.02.2014, 13:51    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo, Simorre, hart, aber gut kommentiert.
Na, Geld regiert die Welt, reimt sich doch, stürzt diese Welt aber weitgehend ins Unglück. Ich versuchte es, jedoch es gelang nicht, oder nur teilweise, den altbewährten Tauschhandel in meinem Umfeld einzuführen.
Die "Wertigkeiten" brachten oft keine Einigung, da das Gewinndenken auch in diesem Bereich sehr ausgeprägt ist.
Ich sehe keine Lösung in "diesen" Zeiten.
_________________
Ich bitte nicht um Verzeihung
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Martin1337
Buchstabe
Buchstabe


Anmeldedatum: 03.03.2014
Beiträge: 1

 Beitrag speichern
BeitragVerfasst am: 03.03.2014, 13:15    Titel: Re: Wirtschaftswunder 1956 Antworten mit Zitat

taff hat Folgendes geschrieben:
[...]

Die Haushaltsgeräte-Händler verzeichnen gute Umsätze mit Staubsaugern, Kühlschränken, Elektroherden, nur Waschmaschinen gehen wegen der hohen Preise noch schleppend. Die Händler bieten Ratenzahlungen an. Neckermann´s Versandhandel macht´s auch möglich.

[...]

Interessant, mir war nicht klar, dass es damals schon einen Versandhandel gab (oder das derlei Geräte um die Zeit schon boomten). Würde mich außerdem interessieren, wie heute die Verteilung der versendeten Waren bei den Versandhäusern (electronic4you und wie sie alle heißen...) aussieht. Sicher geht es mehr in Richtung Unterhaltungselektronik als in Richtung tatsächlich notwendiger Haushaltsgeräte.
taff hat Folgendes geschrieben:
[...]

Ich versuchte es, jedoch es gelang nicht, oder nur teilweise, den altbewährten Tauschhandel in meinem Umfeld einzuführen.
Die "Wertigkeiten" brachten oft keine Einigung, da das Gewinndenken auch in diesem Bereich sehr ausgeprägt ist.
Ich sehe keine Lösung in "diesen" Zeiten.

Ein sehr ehrgeiziges Ziel, Hut ab! Ich persönlich fände das ja auch erstrebenswert, habe den Glauben daran aufgrund deinen Erfahrungen ähnlichen Erlebnissen aber schon fast aufgegeben.
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
taff
Bücherregalfach


Anmeldedatum: 10.09.2009
Beiträge: 1654

 Beitrag speichern
BeitragVerfasst am: 11.03.2014, 21:13    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo, Martin,
Neckermann entwickelte sich gerade damals. Häufiger waren es aber Großhändler, die in Bürgerhäusern Stellflächen anmieteten und Mustergeräte aufstellten, die man dann bestellen und häufig mit Raten bezahlen konnte.
Unterhaltungselektronik war noch nicht so stark gefragt. Viele hatten noch alte "Volksempfänger" aus den Vorkriegsjahren. Plattenspieler fand man ganz selten. TV-Geräte waren so teuer, dass man sich dafür einen Kleinstwagen (Messerschmitt-Kabinenroller, Heinkel-Ei, oder einen 300 ccm-Maico oder Lloyd) leisten konnte.
Wenn Radios oder Fernseher, dann kaufte man sie im Fachhandel.

Eine lustige Geschichte aus Freising, als in den 60er, die Farbfernseher aufkamen. Die Reparaturen waren kompliziert. Dort schrieb ein Fernsehtechniker Rechnungen, was alles durchgeführt wurde und die Teile und zum Schluss "Gewusst wo = 20,-- DM)

Weil ich meistens in Rumänien lebe, kann ich hier doch ab und zu Tauschhandel treiben, denn es ist sehr wenig Geld im Umlauf.

L. G. taff
_________________
Ich bitte nicht um Verzeihung
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
georg
Moderator
Moderator


Anmeldedatum: 22.02.2008
Beiträge: 12461

 Beitrag speichern
BeitragVerfasst am: 12.03.2014, 00:02    Titel: Antworten mit Zitat

ein Pendant zu den 20 DM-gewusst-wo findet sich in der großartigen Sammlung jüdischer Witze von Dr. Salcia Landmann (hier aus Urheberrechtsgründen in abgewandelter Form). Ein Hausherr bestellt einen Handwerker und ist dann über die Rechnung entsetzt. "Klempnerleben, sie sind nur zwei Miinuten da und dann krieg ich die Rechnung "Reparatur, 15 Rubel" von Ihnen". Sagt der Klempner "Gut, schreibe ich Rechnung neu". Bald darauf steht der Hausherr mit dem Zettel da: "Gegeben e Klopp 20 Kopeken, gewusst wo 14,80 Rubel, senn zusammen 15 Rubel"
_________________
.
Georg Rack, Aufbruch der Kerfe
http://www.amazon.de/Aufbruch-Kerfe-Georg-Rack/dp/3844881921/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1322065044&sr=8-1
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
taff
Bücherregalfach


Anmeldedatum: 10.09.2009
Beiträge: 1654

 Beitrag speichern
BeitragVerfasst am: 14.03.2014, 21:10    Titel: Antworten mit Zitat

Herzlich gelacht, georg! Danke für deinen Beitrag.
Etwas ähnliches erlebte ich mit einem Kollegen, der mit neuem Hut mit mir eine Baustelle betrat. Prompt bekam der Hut einige Spritzer Farbe ab.
Bei seiner Monatsabrechnung machte der der Kollege den Hut als Schaden geltend, legte die noch vorhandene Rechnung von ca. 70 Mark bei und bat um Erstattung, die abgelehnt wurde. Der Kollege war empört.
Seine folgende Monatsabrechnung sah ganz normal aus, aber er hatte einen Schlusssatz hinzugefügt;
"Der Hut ist drin!"
_________________
Ich bitte nicht um Verzeihung
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
georg
Moderator
Moderator


Anmeldedatum: 22.02.2008
Beiträge: 12461

 Beitrag speichern
BeitragVerfasst am: 15.03.2014, 01:09    Titel: Antworten mit Zitat

natürlich nichts zu danken.
Ich danke übrigens auch sehr, und zwar für den Hut. War es nicht der Paradigmenwechsel zur neuesten Zeit, als Mann den Hut ablegte? Es muss so um 1965 herum gewesen sein, als James Bond den Hut, den er so geschickt auf Miss Moneypennys Kleiderständer zu werfen verstand, aus seiner Garderobe verbannte. Ein paar US-Politiker trugen ihn noch, aber ab ca 1970 wars dann glaub ich endgültig aus.
Ja, ein paar alte Herren (ich bin alt, aber kein Herr), die zeigen sich noch als Hutständer. aber die sind eben ... alt. Dinosaurier.
_________________
.
Georg Rack, Aufbruch der Kerfe
http://www.amazon.de/Aufbruch-Kerfe-Georg-Rack/dp/3844881921/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1322065044&sr=8-1
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
taff
Bücherregalfach


Anmeldedatum: 10.09.2009
Beiträge: 1654

 Beitrag speichern
BeitragVerfasst am: 15.03.2014, 09:51    Titel: Antworten mit Zitat

Ja, die Hüte. Ich liebe sie. Wenigstens im Sommer trage ich einen gut geformten und qualitativ hochwertigen Strohhut.
Passendes in Filz hat entweder einen zu kleinen Rand oder sieht nach Cowboy-Kopfbedeckung aus. So etwas in Randmittelbreite habe ich noch nicht entdeckt. Sonst ist mir Mode Wurst, aber Hüte beeinflussen das Aussehen am meisten.

Man sollte sich stets gut "behütet" fühlen.
_________________
Ich bitte nicht um Verzeihung
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
georg
Moderator
Moderator


Anmeldedatum: 22.02.2008
Beiträge: 12461

 Beitrag speichern
BeitragVerfasst am: 20.05.2017, 02:22    Titel: Antworten mit Zitat

Es ist mir immer ein (un)gewisses Vergnügen, einen alten thread zu exhumieren, auf den ich beim Blättern im Forum stoße.

simorre hat geschrieben:
Zitat:
Die Seele stirbt den Newton-Tod.
Der Gaukler schenkt dafür nen Ford.
Tief verschuldet, rast und tobt
der Mensch und schreit: "Gott ist tot!"
und mordet, lügt für Geld*
von nun an immerfort.

*Auf Geld reimt sich nichts


taff hat darauf in tafftypisch höflich-diskreter Form mit "Welt" als Reim auf Geld repliziert. Aber da meldet sich mein kleiner innerer Beckmesser zu Wort und bekrittelt das Welt-T ...
Geht denn sonst nix?
Als einem amtsnotorischen Endreim-freak ließ es mir keine Ruhe.
Aber nur eine knappe Minute lang.
Wenn man mit Verfahren A, also dem Durchgehen des Alphabets operiert, wird man schon beim 6.Anfangsbuchstaben fündig: Feld!

Schüttelrutsche herbei!

Grundsätzlich pflügt und eggt der deutsche Bauer gern das Feld.
Indes, der Weizen kommt aus Kanada - und fern das Geld.

Wenn man an simorres 6.Zeiler herumbasteln wollte, könnte man statt Z6 (von nun an immerfort) feldern:
"Der Gottesacker ist sein Feld."
.
_________________
.
Georg Rack, Aufbruch der Kerfe
http://www.amazon.de/Aufbruch-Kerfe-Georg-Rack/dp/3844881921/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1322065044&sr=8-1
Nach oben
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:   
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Literaturforum Österreich Foren-Übersicht -> Alltag, Gesellschaft und Philosophie Alle Zeiten sind GMT + 1 Stunde

Topic speichern
Seite 1 von 1

Gehe zu:  

Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben.
Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht mitmachen.


Powered by phpBB © 2001 phpBB Group
Deutsche Übersetzung von phpBB.de
Chronicles phpBB2 theme by Jakob Persson (http://www.eddingschronicles.com). Stone textures by Patty Herford.