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eine nicht besonders wahre, aber wahre Geschichte


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georg
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Anmeldedatum: 22.02.2008
Beiträge: 13061

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BeitragVerfasst am: 31.12.2017, 01:36    Titel: eine nicht besonders wahre, aber wahre Geschichte Antworten mit Zitat

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Xandl, Yves und Zoran waren unterschiedlicher Stammesabkunft, aber sie waren gute Kollegen und vor allem gute Freunde. Und ein beispielgebendes Beispiel für europäische Einigkeit und Zusammenarbeit.

Wenn sie nach einer nächtlichen Wochenendfeier in Dreierreihe ihres Heimweges gingen, hätten es keine zehn Außerterrestriker gewagt, sie anzustänkern.

Einmal waren die streitlustigen Aliens zu elft und glaubten, mit dreien ein leichtes Spiel zu haben. Doch sie hatten nicht damit gerechnet, dass der friedlich wirkende Zoran nicht nur zweihundertdrei Zentimeter Körperlänge, sondern auch hundertvierundzwanzig Kilo aufzuweisen hatte. Diese dreistellige Zahl hatte Zoran aber hauptsächlich der Verwandlung seines ohnehin spärlichen Körperfetts in fitnessstudio-angezüchtete Muskelmasse zu verdanken. Und dazu kam sogar eine außergewöhnliche Beweglichkeit, die sich der Recke in seinen Belgrader Jugendtagen im Tjost mit rivalisierenden Gleichaltrigen erworben hatte.

Einem alten Raufboldrezept folgend, nahm sich Zoran den stärksten der elf Angreifer vor. Diesen Spätzeitgenossen der von Alibaba angeführten vierzig Räuber ergriff er bei den Beinen, machte eine an den leichtathletischen Hammerwurf gemahnende Halbdrehung und zog ab. Einige der übrigen zehn Ankömmlinge streifte der Wurfhammer, sodass sie zu Boden fielen, aber das hemmte den Flug des "Gibhandyundkesch"-Forderers nicht wesentlich, und er flog über sieben Meter weit, um im übernächsten Finsterdornbusch zu landen.

Da packte die andern kalter Graus, sie hoben ihre Verwundeten auf und verabschiedeten sich eilends.

Xandl und Yves verließen zögernd ihre Verstecke. Die S- und die XS-Version des Sagenhelden Herkules hatten sich problemlos hinter schlanken Laternenpfählen verbergen können, und der Umstand, dass die Laternen keine Laternen, sondern Verkehrszeichen waren, änderte nichts daran. Die Tafel "Einfahrt verboten; bis auf Widerruf freiwillig gestattet" hätte im Notfall sogar eine gewisse abschreckende Wirkung auf Angreifer gehabt.

Aber es war gleichgültig, ob Alibabas vierzig Analphabeten den Text gelesen hatten. Auf Zoran konnten sich die Spennadler Xandl und Yves verlassen.

Dabei ist aber zu vermerken, dass die Plusminusbilanz in dem aus X, Y und Z bestehenden System ausgeglichen war. Während Zoran zwar in mündlicher Hinsicht nicht übel deutsch konnte, tat er sich bei Schriftstücken schwer und noch schwerer. Am meisten machten ihm amtliche Zusendungen zu schaffen. Da sprang Xandl ein, oder in dessen zufälliger Abwesenheit Yves, der außer Französisch noch Englisch beherrschte und sogar ein passables Deutsch aufweisen konnte.

Nicht immer begnügte sich das europäische Kleeblatt in der Freizeit mit Wiener Lokaltouren und zugehörigem Hammerwurftraining.

Yves verfügte über ein mittelgroßes Kleinauto, mit dem XYZ gelegentlich Ausflüge unternahmen. Das Fahrzeug war hoch genug, um dem langen Zoran ein einigermaßen erträgliches Sitzen zu ermöglichen, denn das Steuerrad führten Yves und Xandl. Der letztere bei der Rückfahrt, denn nach dem Gelage hatte Yves regelmäßig einen gehörigen sitzen, wohingegen Xandl den enttäuschten Polizeibeamten nur selten mehr als ein Viertel Promille vorblasen konnte.

Sagte ich schon, dass sich das Trio ideal ergänzte?

Eines Sonntages beschlossen Xandl & Co, eine Auslandsreise zu unternehmen.

Bis wenige Wochen vorher wäre ein solches Projekt undurchziehbar gewesen, denn genaugenommen verfügte Yves zwar gelegentlich über das erwähnte Kraftfahrzeug, aber Eigentümer war Yves' Wohnungsnachbar. Dieser auch mit Xandl und Zoran flüchtig bekannte Kumpel wusste Bescheid. Er wusste, dass Yves, der Schmächtige, seine Adern weit über das Normalmaß hinaus zu alkoholisieren pflegte. Nachbar selbst war der Führerschein lange vorher aus dem entsprechenden Grund auf sechs Jahre entzogen worden (soweit ich mich entsinne, hatte man ebensoviele Promille gemessen). Gelegentlich war Yves sein führerscheinbesitzender Privatchauffeur, und noch gelegentlicher ward Yves das aus dem vorigen Jahrhundert stammende Gefährt geliehen.

Wie dann die vorher vermerkte Unmöglichkeit eines motorisierten Sonntagsausflugs?

Nachbar N. überließ den Middleoldtimer seinem Wohnungsnachbarn nur für Inlandsreisen, denn er hatte sich nie um die sogenannte Grüne Versicherungskarte gekümmert.

Dass bei diesem Objekt die Farbe unwesentlich ist, wird nie erwähnt. Dieses Papier gewährt dem Inhaber einen in mehreren Sprachen formulierten Versicherungsschutz.

Nun hatte sich N endlich in den Besitz dieser grünen Karte gebracht, und das Automobil nebst Papier wurde Yves zur Verfügung gestellt.

X, Y und Z verband unter anderem ein Faible für Elektronikspiele. Computerspiele waren allerdings weniger ihr Ding. Sie liebten Spiele, die man angreifen konnte. In dieser Gruppe waren es jedoch nicht die Geldspielautomaten. Xandl verstand nicht viel von Wahrscheinlichkeitstheorie und Statistik, aber es reichte aus, um die misslichen Erfolgsaussichten bei einarmigen Banditen zu erkennen.

Die drei Freunde frequentierten Flipperautomaten und ähnliche aus Stahl und Schmieröl bestehende Altertümer, und wenn einer in irgendeiner Kneipe einen verschimmelten Ballyflipper der Achtzigerjahre entdeckte, freuten sich die anderen genauso und besuchten gemeinsam das oft vor der Pleite stehende Lokal. Den Lokalpächter (nicht selten ein Mensch, mit dem sich Zoran zwanglos unterhalten konnte) rettete das auch nicht vor dem Bankrott. Aber das schadete wenig, denn sechshundert Kilometer weiter südlich wartete sein Cousin ohnehin schon ungeduldig darauf, nach kurzer Anstandsfrist den Laden wieder zu öffnen.

Diesmal verhielt es sich anders. Yves hatte im Internet gelesen, dass in einem EU-Nachbarstaat ein grenznahes Einkaufs- und Vergnügungszentrum um eine überdimensionale Spielhalle mit zahlreichen Abcashmaschinen, aber auch hunderten Flippern bereichert worden war.

Diese Attraktion galt es zu besuchen.

Und so besuchte man.

Es trug sich am vergangenen Sonntag zu.

Die Burschen waren nicht ohne Stau angereist, denn besonders an Wochenenden wurde die Walkürencity (Sitii öf Valkürries sagte Yves) auch, und zwar vor allem, von Restaurantgästen, Friseurfreudigen Damen und Schnapskunden heimgesucht. Noch mehr Stau, und auch Zänkereien, die in Pfefferspray, Wagenhebermissbrauch und sogar in Schreck- und sonstigen Schusspistolen gipfelten, gab es auf dem weitläufigen Parkplatz. Die drei Freunde hatten das Plätzchen für Nachbars Auto nur dem Geschick Yves' zu verdanken, der einem glücklicheren Parkplatzkonkurrenten etwas vorlog. Yves behauptete, ein französisch-englischer Doppelagent zu sein, der im Auftrag der Russen den CIA mit Geheimnachrichten aus China und Korea versorgte. Der biedere Parkkamerad war ganz betäubt von den vielen Nationalitäten, Sprachen und Geheimdiensten.

Als ihm Yves vormachte, in wenigen Minuten würde ganz in der Nähe eine taiwanesische Neutronenbombe explodieren, entfernte sich der brave Mann mitsamt seiner Familie und quietschenden Pneumatics. Den Parkplatz erbten die drei Freunde.


Und so begab man sich in die neue Spielhalle am Rande des Zentrums der Walkürencity. Hinsichtlich Größe schien sie sogar den einstigen Berliner Sportpalast zu übertreffen, wo Goebbels das Publikum gefragt hatte, ob es den totalen Krieg wolle.

Total war der hier herrschende Krieg zwar nicht, aber friedlich konnte man das Gedränge und Getue auch nicht nennen. So viele Österreicher waren anwesend, dass es wie auf dem Parkplatz zu Handgreiflichkeiten kam, wenn zwei auf einmal einen Spielautomaten okkupieren wollten. Aber in solchen Scharmützeln waren Xandl, Yves und Zoran wohlgeübt, und bald hatte jeder seinen Flipper in den Fäusten. Der objektiv ohrenbetäubende bis trommelfellzerfransende Lärm störte wenig, denn auch insofern waren die Freunde gestählt.

Mehrere Stunden vergingen so, und sowohl Zoran wie Xandl priesen per Mobiltelefon den wackeren Yves, der dieses perfekte Ausflugsziel ausbaldowert hatte. Wäre nicht der Vibrationsalarm gewesen, so wäre kaum eines dieser Telefonate zustandegekommen, denn die Geräusche im Saal übertönten jedes Klingelsignal, und wäre es auch Beethovens Neunte gewesen.

Doch dann wurde eine Unterbrechung nötig. Zorans Magen knurrte so laut, dass es schier die siebenhundert schrill musizierenden Automaten übertönte, und auch die mageren Teilnehmer Xandl und Yves ließen es kräftig brummen. Man kam telefonisch überein, eines der Restaurants heimzusuchen. Wie ein Mann erhoben sich die drei von ihren hohen, barhockerähnlichen Sitzgelegenheiten, und wie ein Mann stürzten sich zwölf Walkürenbesucher auf die drei freigewordenen Spielplätze. Die meisten dieser zwölfe waren an Flippern gar nicht interessiert, aber wenn etwas frei wurde, musste man jedenfalls die Gelegenheit nutzen.


X,Y und Z drängten sich mit Ellbogeneinsatz durch das Gewühl. Schließlich trafen sie sich vor den sechs elektrisch gesteuerten Eingangspforten.

Zuerst beschloss man, das in einem schon lange flugunfähigen Passagierflugzeug eingerichtete internationale Restaurant zu internationalisieren, aber da kam man nicht einmal bei der Tür rein.

Nur eine als Stewardess verkleidete rumänische Kellnerin lächelte und winkte ihnen durch das geschlossene Cockpitfenster zu, aber als nächstes folgte eine bedauernde Gebärde und herabgezogene Mundwinkel. So voll war der Flieger auch in des Kommunismus Zeiten nie gewesen.

In den anderen Gaststätten erging es den Freunden ähnlich, nur dass die Rumäninnen nicht als Stewardessen kostümiert waren.

Indes, der Hunger nagte immer mehr an den Gedärmen, und auch Durst fand sich ein. Man erreichte ein Restaurant, das sich als einzigartig in Europa zu präsentieren pflegte. Die Tische waren nicht nur von den üblichen gepolsterten Sitzbänken umgürtet, sondern auf einer Breite von etwa einem Meter war ein bankähnliches Holzgestell montiert, das jedem Analphabeten unerklärlich bleiben musste. Erst die Lektüre der zugehörigen Hinweistafel löste das Rätsel, wenn man im konkreten Fall von dem ständig auflebenden Kläffen, Knurren und Schlempern absieht.

Der Kalorientempel hieß "Zum zufriedenen Hund".

Ganz klein stand darunter "Nasy spokojny pes", doch das hatte man lediglich pro forma hinzugefügt, denn Tschechen gab es zwar als Personal, nicht indessen unter den Gästen.
Der Laden war gut besucht, aber ein Tisch war soeben frei geworden, weil die entsprechende Hundefamilie von dem namensgebenden Familienmitglied unmissverständlich darauf hingewiesen worden war, dass es äußerln geführt werden musste.

Auf diesen Tisch stürzten sich die drei Freunde.

Doch zwei Kellnerinnen und der herbeigeeilte Koch stellten sich ihnen in den Weg. Die Kellnerinnen hätte sogar der schmächtige Yves gefahrlos beiseite schieben können, aber mit dem Mann mit der weißen Hochmütze schien nicht gut Kirschen essen zu sein. Die Mütze mitgerechnet, war er sogar größer als Zoran, und in der Rechten schwang er ein scharf geschliffenes Fleischerbeil, das er aller Wahrscheinlichkeit nach gut zu führen verstand. Selbst der Belgrader Streetfighter hätte es sich mit ihm nicht ernsthaft anlegen wollen.

"Können Sie nicht lesen?" fauchte die Oberkellnerin mit ihrem charmanten Akzent.

Die drei Freunde fassten sich so weit, dass sie im Chor sagten: "Nein".

"Was nein?"

Zoran nahm das Wort: "Nein, wir können nicht lesen".

(auf ihn traf diese Behauptung sogar weitgehend zu).

Die Oberkellnerin nahm die von ihr mittels Zeigefingerzeig markierte Tafel aus der Halterung, fuchtelte damit den dreien vor den drei Nasen herum und las sehr laut vor:

"Liebe Geste Hundefreunde! Diese Gastgewerpliche Stette ist resrevata für Hundebesicer und die Hunde und deren Familien"

Dann fügte die tapfere Frau aus eigenen Stücken hinzu: "Befrequentieren Sie bitte eines unserer sehr zahlreichen anderen Walkürenlokalitäten."

Zoran tat so als ob er kein Wort verstanden hätte und nahm ihr mit einer blitzschnellen Handbewegung die Unhundeverbotstafel weg.

Das Beil in der Faust des Hundekuchenbäckers vibrierte.

Aber Xandl ergriff das Wort und sagte in hundsordinärem Deutsch: "In den anderen Walküren waren wir schon. Alle verstopft."

Die Oberkellnerin tat so, als hätte sie den groben Scherz nicht gehört und wiederholte ihre Aufforderung, das Etablissement zu verlassen.


In diesem Moment erschien im Durchgang zur Kuttelküche noch ein zusätzlicher, ebenfalls beilbewaffneter Koch, und die drei Freunde beschlossen, der Gewalt zu weichen. Unter dem höhnischen Beifall der Hundebesitzer begaben sie sich zum Ausgang, winkten der Oberkellnerin und den Waffenköchen aus der Ferne zu und traten ab. Niemand fiel es auf, dass Yves mit schnellem Zugriff eine Hundeleine und einen Maulkorb an sich raffte, die neben vielen anderen solchen Gegenständen auf dem ausgangsnahen Kleiderständer hingen.

"Sollen wir noch einmal die anderen Buden abgrasen?" fragte Xandl.

"Nein. No. Nope. Njet" erwiderte Yves, obwohl er gar nicht Russisch konnte. "Verlorene Liebesmüh. Wenn in der Zwischenzeit einer im Flugzeug erstickt sein sollte, haben sich längst andere auf seinem Tisch niedergelassen."

Zoran nickte, und Xandl nach kurzem Zögern ebenfalls.

"Doch seid getrost", sprach Yves. "Ich habe eine Idee".

"wird auch Zeit", murmelte Xandl. "Ich brauche zu allem Überfluss ein Klo, auch wenn es ein Katzen- oder Hundeklo sein sollte".

Und dann zeigte Yves den Freunden die erbeuteten Hundeutensilien. "Xandl, könntest du . . . "

"Das nicht. Ich nicht.", erwiderte Xandl. "Aber DU schon, Yves. Du wirkst glaubwürdiger. Du bist dreizehn centimes kleiner, und auch deine Physiognomie . . . "

Yves wurde mit Zweidrittelmehrheit überstimmt, und dann kam es zum erneuten Einmarsch im Restaurant "zufriedener Hund"

Yves musste vorauslaufen - allerdings auf allen Vieren. Sein Gesicht überdeckte großteils der Beißkorb, und Xandl führte ihn an der Leine.

Xandl und Zoran grüßten beim Überschreiten der Türschwelle freundlich auf Deutsch, während Yves ein mürrisches Knurren von sich gab.

Die menschlichen Laute blieben unbeantwortet; nur das Knurren wurde von den namensstiftenden Tieren durch Zurückknurren quittiert.

Mit zitternder Hand wollte die Oberkellnerin Einhalt gebieten, aber sie erkannte, dass der "zufriedene Hund" diesmal die schlechteren Karten hatte.

Beide Kampfhundekuchenbäcker blieben in der Küche, und die zwei neuen Gäste nebst ihrem Hund Yves ließen sich an dem umstrittenen Tisch nieder.

Er war immer noch frei, weil in der Zwischenzeit zwar mehrere Hundetrupps vorbeigekommen, aber durch den Tumult abgeschreckt worden waren.

Nun schien für die zweieinhalb Freunde alles gelaufen.

Yves nahm auf der Hundebank Platz.

Xandl verzog sich schon nach einer Minute auf das Menschen-WC, während Zoran und Yves die Stellung unangefochten hielten.

Dann kam eine dritte Kellnerin, die von dem Skandal gar nichts mitbekommen hatte, weil sie selbst längere Zeit auf dem Klo verbracht hatte.

Sie war es, die die Bestellung aufnahm. Für Yves wurde eine Flasche Cul Laurent notiert, für Zoran ein Maßkrug Pivo, und Xandl bestellte wie üblich eine Karaffe Leitungswasser.

Die Serviertochter meinte natürlich, der Wein sei für den Wiener, und das Wasser für den Hund.

Die Essensbestellung war weniger verwirrend. Xandl nahm einen landestypischen Rinderbraten mit Knödel und Schlagoberssauce, und Zoran zwei von derselben Sorte. Nur Yves machte ein saures Gesicht, als Xandl für ihn den Kutteleintopf mit Hühnerkleineinlage orderte.

Es dauerte nicht einmal eine Minute, und schon kamen die Getränke.

Und es war auch kein übler Zeitwert, dass die Speisen nur knapp unter einer Stunde Lieferzeit blieben.

Zoran hatte sich das Warten dadurch erleichtert, dass er den wohlgefüllten Gebäckkorb auf Null reduziert hätte.

"Das nenn ich Nulldiät", knurrte Yves unter dem Tisch.

Die Wartezeit war vergangen, und nun aßen und tranken sie.

Das Trinken hier an zweiter Stelle gereiht, denn die bisher angegebenen 2,4 Liter Flüssigkeit wurden durch die gleichlautende Bestellung bei Speiseneinlangen verdoppelt.

Auch Yves verschmähte das Hundeessen nicht, das eigentlich ganz angenehm duftete.

Doch noch hatten sie nicht zur Hälfte gevöllert, als düstere Wolken aufzogen.

Genaugenommen war es nur eine Wolke, aber die machte was her.

Sie schritt mit mächtigen Schritten vom Nebenraum des Speisesaals auf den pseudocanischen Tisch zu.

Der Verursacher dieser Schritte war ein Mensch, der wie Zoran echte zwei Meter maß, was aber noch zusätzlich durch eine vierzig Zentimeter hohe Kochmütze verlängert wurde. Der Längenvergleich mit Zoran war unentschieden, aber dieser Catchertyp mochte hundert Pfund mehr wiegen als der Belgrader. In seinem Gürtel stak ein Beil, das der fränkischen Streitaxt Franziska ähnelte, und hinter ihm marschierten die schon einen Akt vorher aufgetretenen Unterköche. Er war Manager und in Personalunion Chefkoch des Hundetempels.

Den drei Freunden wurde ein wenig unbehaglich. Es schnürte ihnen die Speiseröhren zu, aber sie aßen weiter, um Gelassenheit vorzutäuschen.

Der Catcher sagte: "Entfernen Sie sich! Bezahlen Sie diese Rechnung . . . ", wobei er Xandl einen schmierigen Kassenblockzettel überreichte, " . . . und verlassen Sie das Lokal. Mich können Sie mit dieser Inszenierung nicht beeindrucken."

Dann winkte der Manager eine Kellerin herbei und sagte. "Servieren Sie hier ab. Die Herren wollen gehen ... " ------- "Stopp! Einen Moment. Der Hund darf fertig speisen. Lassen Sie den Kutteltopf noch stehen ... "

"Aber . . . " wollte Xandl protestieren, doch Catch-as-catch-can blieb hart. "Fordern Sie mich nicht heraus!" sagte er in drohendem Ton. "Ich bin nämlich nicht nur Geschäftsführer und Chefkoch im Walkürenhundehaus, sondern auch Obmann des Tierschutzvereins dieser Grenzregion. Sie haben erstens meine Anweisungen zu befolgen, und zweitens ergeht jetzt noch eine Anweisung.

Befreien Sie den Hund von Maulkorb und Leine, sonst sorge ich dafür, dass sich der WWF Ihrer annimmt. Und auch ich werde Ihnen meine Meinung handgreiflich zeigen."

Indes, was keiner mehr erwartet hatte, ereignete sich.

Xandl und Zoran wollten schon bedingungslos kapitulieren, aber Yves nutzte den Umstand, dass er im Moment unbeobachtet war. Er kroch unter dem Tisch nach vorn und biss zu.

Der Manager heulte auf. Seine furchteinflößende weiße Mütze fiel zu Boden, und er ergriff humpelnd die Flucht, immer wieder für eine Zehntelsekunde nach seinem heftig blutenden Bein greifend. "Wo bleibt der Walkürenarzt?" brüllte er auf Tschechisch, aber seine beiden Myrmidonen und die Kellnerinnen wussten das am allerwenigsten.

So konnten die drei Freunde ihr abendliches Mittagessen noch einwerfen, das sie ja bereits bezahlt hatten, wenn auch ohne Trinkgeldbeigabe. Aber dergleichen war in der Walkürencity ohnehin nicht üblich.

Nach diesen Aufregungen wollten sie nicht die Spielhalle ein zweites Mal besuchen und brachen auf.

Herrn N's Kraftwagen war zugeparkt, aber Zoran schob ein Baiximmobil um einen halben Meter beiseite, und die Ausfahrt gelang.

Dass die drei ungestört und (bis auf einen kleinen Wildschaden) wohlbehalten wieder in der Millionenstadt eintrafen, braucht nicht mehr erwähnt zu werden.

Alle Protagonisten beschlossen, es spätestens in einigen Jahren noch einmal mit der Walkürencity zu versuchen, nur Herr N. wurde nicht dazu befragt.

Ihm blieb nur die Teilaufgabe, in seinem Keller, Maulkorb und Leine aufzubewahren, denn Yves hatte in der Eile vergessen, diese Gegenstände wieder auf den Kleiderständer zu hängen.
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