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Literaturforum Österreich :: Thema anzeigen - Das Geheimnis der ersten Nacht
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Das Geheimnis der ersten Nacht


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zorro
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Anmeldedatum: 16.01.2008
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BeitragVerfasst am: 18.03.2018, 09:13    Titel: Das Geheimnis der ersten Nacht Antworten mit Zitat

Rüde drängten sich die Soldaten des Landgrafen durch die Hochzeitsgäste und ergriffen die Braut, um sie auf die Burg zu bringen. Mit einem innigen Kuss verabschiedete sich Margaretha von Ignaz, ihrem Bräutigam, und ergab sich mit viel Contenance in ihr Schicksal. Der Lehnsherr würde wie üblich sein ius primae noctis geltend machen. Ignaz vermochte nur mit Mühe, sich zurückzuhalten. Erst als einer der Soldaten demonstrativ zum Schwert griff, verstummte sein Protest. Während Margaretha zu den Pferden geführt wurde, flüsterte Base Hildegard ihr zu: „Fürchte dich nicht.“
Tatsächlich fügte niemand der jungen Frau auf der Burg Leid zu. Im Gegenteil, sie wurde zuvorkommend behandelt. Sie erhielt einen Ehrenplatz bei Tisch, in unmittelbarer Nähe ihres Grundherren, des Grafen Heinrich von Klamm. Dieser unterhielt sich zwar kaum mit ihr, aber als Gastgeber ließ er sich keineswegs lumpen: Er ließ vorzügliche Fischsuppe auftragen, dann Wildschwein- und Fasanbraten, mit allerlei Naschereien zum Abschluss; Köstlichkeiten, von denen Margaretha bisher bestenfalls gehört hatte. Dazu lieferte der Hofnarr seine ordinären Schwänke. Zur allgemeinen Erheiterung furzte er zwischendurch ausgiebig. Ein Trupp aus vier unerschrockenen Musikern tat ein Übriges, um mit ihren Fress- und Saufliedern, begleitet von Drehleier, Harfe und verschiedenem Schlagwerk, die gute Laune zu fördern. Nach dem Schmaus wurde die Braut im Waschzuber von den Kammerzofen verwöhnt, anschließend mit duftenden Ölen eingerieben.
Bald danach saß sie Graf Heinrich in seiner Kemenate erwartungsvoll gegenüber. Jetzt wurde es ernst. Der betrübliche Teil erwartete die junge Frau. Der Raum wurde von wenigen Kerzen mehr schlecht als recht beleuchtet. An der Nordseite befand sich der offene Kamin, der jetzt, wegen der ohnehin warmen Temperaturen nur mit kleinem Feuer geheizt wurde. Gegenüber stand das Bett mit seinen schweren, teuren Vorhängen. Das also würde der Ort sein, an dem der Graf sein Recht der ersten Nacht ausüben würde. An einer der Wände standen zwei Truhen, die eine aus einem verwitterten Holz, die andere, etwas kleiner, war mit Leder bezogen und kostbaren Beschlägen versehen.
Margaretha sah dem alten Mann mit unverhohlener Ablehnung in seine wasserblauen Augen und sagte verächtlich: „Nehmt meinen Leib, ihr habt das Recht dazu, wie wir beide wissen. Ich hoffe nur, wir haben es bald hinter uns.“
Die Frau war keine der adeligen Damen, sondern eine Bäuerin. Als solche arbeitete sie den halben Tag im Kuhstall, des Sommers brachte sie in der Hitze auf dem Feld die Ernte ein und wenn die Winde aus dem Osten kälter wurden, begab sie sich in den Wald, Brennholz für den Winter zu sammeln. Sie würde zweifellos verkraften, was ihr bevorstand. Einfach Augen schließen und über sich ergehen lassen … Halt! Noch besser: Sich vorstellen, es sei Ignaz!
Indes, Graf Heinrich machte keinerlei Anstalten. Durch das Halbdunkel sah er die junge Frau eine Weile merkwürdig an und entgegnete dann mit gedämpfter Stimme: „Nun ja, meine Liebe, das ist leider nicht so einfach. Ich wünschte, es wäre so. Gerne würde ich deine Schönheit gebührend würdigen. Du musst wissen, wenn wir auf meinen Bettlaken zu einer Umarmung niedersinken, gibt es keinen Grafen und keine Bäuerin mehr, sondern nur Mann und Frau.
Leider siehst du einen alten Mann dir gegenüber. Das Leben fordert seinen Preis, die Kriege und Schlachten erst recht. Alles, was einem das Leben in der Jugend so reichlich zu Füßen legt, alle Freude, allen Übermut, holt es sich im Alter auf irgendeine Weise grausam wieder.“
Mühsam erhob er sich aus seinem Stuhl, hinkte zum Feuer und wärmte sich die gichtgeplagten Hände. An der linken Hand fehlte der kleine Finger. Jaja, die Schlachten, das Plündern und Brandschatzen, das ewige Köpfen und so weiter ... Margaretha kam ein Verdacht: Mag sein, die Kriege hatten mehr gefordert, als nur einen unbedeutenden Finger. Hoffnung machte sich in ihr breit. Allerdings – die Leute ihres Dorfes erwarteten, dass sie als Jungfrau in die Ehe ginge, ansonsten man es an Respekt mangeln lassen würde. Und Ignaz würde man bedauern, dass er mit einer Frau zweiter Wahl vorlieb nehmen musste. Seit der Geschichte mit dem jungen Holzfäller im letzten Sommer jedoch ... War der Abend doch so lauschig gewesen und der Hintern knackig. Außerdem hatte es unglaublich gut getan … Der Landgraf würde hoffentlich nicht auf sein Recht verzichten, oder? In dem Falle hätte sie Ignaz einiges zu erklären. Nüchtern betrachtet war es durchaus in ihrem Sinne, die Tradition zu wahren.
Margaretha sagte: „Ich verstehe Euch. Dennoch seid Ihr der Held mancher Schlachten und habt mit dem König gegen die Hunnen gekämpft. Man erwartet von Euch, dass Ihr die alten Rechte wahrt. Ihr habt einen Ruf zu verlieren. Mitnichten bin ich Euch böse deswegen. Ich bitte euch nur, mir nicht weh zu tun und keine Begeisterung von mir zu verlangen.“
Der Graf legte zwei Buchenscheite in die Flammen, bevor diese endgültig verloschen. Er fuhr fort: „Ich weiß. Um ehrlich zu sein: Ginge es nach mir, würde ich das Recht der ersten Nacht schon lange nicht mehr ausüben. Das Leben zeichnet, ich sagte es schon ... Außerdem haben die Kriege mehr gefordert, als nur diesen unbedeutenden Finger an meiner Linken oder mein Knie. Aber ich kann mir das nicht leisten, der Spott und Hohn hier am Hofe wären mir sicher. Seit Jahren lauert alles nur darauf, dass ich verkünde, meine Herrschaft abzugeben, um mich auf einen kleinen Alterssitz, irgendwo in der Einöde zurückzuziehen. Oder allenfalls in einen Nebentrakt der Burg, als Nachbar der Dienerschaft. Ganz besonders wartet mein Herr Schwiegersohn darauf, meine Ländereien zu übernehmen. Und das am besten noch zu meinen Lebzeiten. Es ist durchaus in meinem Sinne, die Tradition einzuhalten.“
Er setzte sich zu Margaretha. Geraume Weile sprach keiner der beiden ein Wort. War da etwa guter Rat teuer? Endlich rang sich Heinrich auf und sprach leise weiter: „Ich mache dir folgenden Vorschlag. Wir tun so, als ob und lassen es dabei bewenden. Ich habe meinen Ruf gewahrt und du deine Jungfernschaft. Du und dein Ehemann, ihr müsst eben Stillschweigen bewahren. Lass uns in diesem Geheimnis verbunden sein. Was hältst du davon?“
„Reicht es nicht, wenn Ihr morgen herumerzählt, wie Ihr …?“
„Pssssst, oh nein ...“ Der Graf deutete mit dem Kopf zur Tür.
Margaretha verstand. Offenbar waren auch in der Burg hier der Klatsch und Tratsch die wahren Herrscher.
„Ihr seid sehr weise, mein Graf“, stimmte Margaretha zu und nickte deutlich mit dem Kopf. Ignaz einzuweihen war hingegen das Letzte, was ihr in den Sinn gekommen wäre.
Graf Heinrich von Klamm und Jungbäuerin Margaretha hoben nun ein Konzert der Leidenschaft an. Heinrich brüllte sich beinahe heiser, Margaretha seufzte ärger als der Herbstwind im Dachgebälk. Heinrich schob die kleinere der Truhen geräuschvoll hin und her. Als er darob ins Schwitzen kam, übernahm Margaretha diese anstrengende Tätigkeit. Die Kammerzofen vor der Türe waren ganz beeindruckt. Manch eine fraß ein wenig der Neid. Nach einer Viertelstunde derlei Getöses wurde es ruhig im Zimmer.
Der alte Graf in seinem Stuhl lächelte glücklich, wie ein übermütiger Junge, dem ein besonderer Streich gelungen war. Auch Margaretha war zufrieden. Bald war der Graf von einem Moment zum anderen auf seinem Stuhl eingeschlafen. Der Wein am Abend, die viele Mühe des Ächzens und Stöhnens, und fortgeschritten war die Nacht ohnehin ...
Die junge Bäuerin betrachtete ihren „Liebhaber“ im Schein des Mondes, der als Zeuge des Treibens nachsichtig durch die Fensteröffnung äugte. Ohne Zweifel musste Heinrich früher einmal ein stattlicher Mann gewesen sein. Er war auch verheiratet gewesen, bis die Geburt seiner dritten Tochter das Leben der Mutter gefordert hatte. Alle Welt wusste, wie schwer ihn das getroffen hatte. In der Tat, das Leben hatte ihn gezeichnet ...
Gegen Morgengrauen wachte Margaretha auf. Das Nachthemd Heinrichs war zur Seite gerutscht und gab den Blick auf seinen Körper frei. Das linke Knie in der Schlacht zu Haidenburg zertrümmert, vernarbte Stich- und Schnittverletzungen, soweit sie sehen konnte, Beweise einer ruhmreichen Vergangenheit. Und angesichts des Umstandes, dass er schlicht und einfach alt geworden war, hatte der berühmte Krieger diese Nacht um seinen Ruf gekämpft, um seine Ehre als Mann. Machte ihn das weniger zum Mann? Immerhin wusste er einen Mangel durch taktisches Geschick auszugleichen.
Auch seine Männlichkeit lag frei. Und siehe da! Ein Wunder war geschehen, denn sie war erstarkt ... In ihrer bodenständigen Art legte Margaretha Hand an, und setzte sich darauf, damit nicht endgültig verkomme, was sich wider allen Erwartens noch als rüstig erwiesen hatte ... Der Graf selbst rührte sich nicht. Ruhig ging weiterhin sein Atem. Selbst am erfolgreichen Ende ihrer Bemühungen blieben die Augen des Grafen geschlossen. Täuschte es die Braut oder lächelte der Graf tatsächlich spitzbübisch? Schwer zu sagen, bei dem Licht der aufkommenden Dämmerung. Wie einfach war es gewesen, einem alten Mann eine harmlose Freude zu bereiten ... Nein, sie war Heinrich nicht mehr böse, dass er sie um die erste Nacht mit ihrem Ehemann gebracht hatte.
Am nächsten Vormittag geleiteten drei berittene Soldaten Margaretha in ihr Dorf zurück. Zwischen den ersten Häusern kehrten sie wortlos um. Als erstes begegnete ihr Base Hildegard auf dem Weg zur Feldarbeit. Sie hatte letzten April ihre erste Nacht beim Grafen hinter sich gebracht. Fragend sah ihr Hildegard entgegen. Margaretha nickte verschmitzt, worauf sich ein erleichtertes Lächeln auf Hildegards Gesicht breit machte. Geheimnisse verbinden, ganz besonders dann, wenn sie nicht ausgesprochen werden.
Als Margaretha Anfang des nächsten Jahres mit einer kerngesunden Tochter niederkam, hatte diese wasserblaue Augen.
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georg
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Anmeldedatum: 22.02.2008
Beiträge: 13064

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BeitragVerfasst am: 18.03.2018, 22:37    Titel: Antworten mit Zitat

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Eine nette und nicht mit krampfhaften Schnörkseln verunzierte Geschichte, lieber Anton.
Alles läuft so ab, wie es sein soll, und gerade das ist das Aparte daran.
Wer nach Geheimnissen sucht und sie nach dem Lesen womöglich sogar reklamiert, dem geschieht recht.
Eine kleinwunzige Parallelweltenverzweigung wäre höchstens die Affäre, die Ignaz mit dem jungen Holzknecht hatte.
Dessen knackiger Hintern ... dazu der Umstand, dass Margaretha gerade die Menses durchmachte . . .
da wird schon keiner dem Ignatius einen gröberen Vorwurf machen Winken . . .

lg
georg
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ralfelinchen
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Anmeldedatum: 29.07.2010
Beiträge: 1329

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BeitragVerfasst am: 16.04.2018, 23:43    Titel: Antworten mit Zitat

sehr schön und wortgewählt erzählt....

lieben gruß
r

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Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen. (Ludwig Wittgenstein)
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