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Atmen


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ralfelinchen
Letternprokurioser


Anmeldedatum: 29.07.2010
Beiträge: 1339

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BeitragVerfasst am: 10.10.2018, 21:24    Titel: Atmen Antworten mit Zitat

Atmen




Ihr fetter Arsch hüpfte auf und ab. Kein Wunder, die Musik war taktlos. Eine von diesen verführungslosen Gustav-Mahler-Schindereien. Das retuschierende Rot der Abendsonne verpasste ihr vorübergehend einen gesunden Teint. Sie sah ihn mit einem eher unordentlichen Blick an, der nach Ordnung rief. Die kann sie haben, dachte er - erleuchtet.

Während ihre Blicke an ihm hafteten wie Fliegen im Honig, stellte er sich die Frage ob sie vielleicht ein Biene war. Der Mahler hatte endlich aufgehört zu mahlen und ihre Zellulite kam zur Ruhe.

Verstohlen holte er seine Blutdruckmanschette aus der ausgebeulten Jackentasche. Sie hatte das Brummen offensichtlich gehört und bewegte sich schwerfällig, aber nicht unlangsam in seine Richtung. Aha: 170 zu 100 und 120 Puls. Schnell griff er nach seinem Fieberthermometer. Nur: Sie war schneller. Hastig langte sie in ihre Handtasche. Jetzt war keine Zeit mehr für Temperaturmessungen, die Alte meinte es ernst. Das Wort „Hilfe“ kam nur stöhnend aus seinen abgespannten Stimmbändern. Die Serviererin kicherte hysterisch. Ihm war zum Heulen.

Die schwarze Mündung stierte ihn zitternd an. Im nächsten Moment blendete ihn ein gewaltiges Mündungsfeuer. Es war eine X21R LedLenser, die ihm mit 1600 Lumens via die vergewaltigte retina sogar die Frontloben ausleuchtete.

„Rede mit mir Viktor.“

„Vik..Viktor? Ich heiße Sam.“

„Ok, süsser Knabe. Soll ich handeln?“

Seine Gedanken rasten etwas langsamer als das Licht der LedLenser. Wie reagiere ich hier am erfolgreichsten, war sein erster kühner Gedanke. Sein Atmen wurde mühsamer und er halluzinierte sehnsüchtig nach einer Lungenmaschine. Scheiße, panikierte er, wo hab ich nur den verdammten Inhallator?

Wie schön wäre jetzt ein flottes auf und davon. Nur: er blieb wie durch 2 Komponenten geklebt, starr auf dem billigen Plastikhocker. Aber: Die Fettärschige hatte sich unvermittelt von ihm abgewandt und war aus der Cafeteria abgetanzt. Anscheinend hatte sie ihn mit Viktor verwechselt. Aber wer war Viktor? Seine Pupillen waren wieder in Normalgröße und die Scheme der Serviererin hatte sich vor ihm aufgepflanzt.

„Ich krieg noch nen Zehner vom letzten Mal, du Wichser!“

Er zupfte einen Zwanziger aus der Börse und hastete aus dem Kaff. Die Fettmieze stand einen Block weiter und spielte Leuchtturm. Sie wandte den Kopf und bewegte sich ihm mit einigen Schritten entgegen.

„Ich hab dich vorher nicht erkannt Sam. Ich glaube du passt besser zu mir als Viktor.“

Nach diesen Worten drehte sie sich um und richtete die LedLenser auf eines der entgegenkommenden Autos. Der geblendete Fahrer verriss das Fahrzeug und raste in eine fröhliche Menge von Abendessern im gegenüberliegenden Straßen-Restaurant.

Er starrte sie entsetzt an.

„Komm Sam, lass uns ein paar schöne Augenblicke genießen.“

Sie zog ihn am Arm. Von der gegenüberliegenden Straßenseite hörte man Schmerzensschreie und das Wimmern der Verletzten.

„Komm, ich kenn da nen netten Teich mit einem Froschkönig. Nicht weit von hier, hm?“

„Hey, ich weiß ja nicht mal deinen Namen.“

„Meier, aber nenn mich einfach Delila.“

Dachte ich mir fast, dachte er.

Sie hatte hastig die Führung übernommen und schleppte ihn durch ein Labyrinth von Nebengassen. Mensch, dachte er, ich kenn nicht mal die Stadt in der ich seit zwanzig Jahren lebe.

Der Park war spärlich von zwei Laternen beleucht, deren Funzelage den Teich wie Olivenöl spiegeln ließ. Aus der Ferne drangen die hysterischen Geräusche der Sirenen der Ambulanz- und Polizeifahrzeuge.

„Möchtest du jezz n‘ paar schöne Augenblicke, oder nich?“

Flüsterte Meier und sah ihn wieder mit diesem unordentlichen Blick an.

„Aber nur wenn wir sie uns teilen.“

„Klar doch Sam, ich nehm dreißig Prozent.“

„70pro klingt gut.“

„Komm, ich mach dich munter.“

Sie krallte ihre Hand zwischen seine Beine.

„Mann, Mensch, was issn‘ das?“

Sie wich erschrocken zurück.

„Siss‘ mein Penismaster.“

„Dein was?“

„Penismaster, weil er zu klein iss und ich auch zu schnell spritze.“

„Sag willst du mich verarschen?“

Dabei umfasste sie seinen Hals mit ihrer linken Hand. Sie war ganz nahe an ihn herangerückt und nahm ihn mit zugekniffenen Augen ins Visier. Das Mondlicht warf einen bleichen Schimmer auf ihr aufgedunsenes Gesicht. Mensch, die Alte macht mich, funkte es durch seinen Neokortex. Ich bin aber noch nicht bereit jammerte er lautlos in sich hinein.

„Darf ich mal schnell meinen Blutdruck messen?“

Erst jetzt bemerkte er ihren unangenehmen Mundgeruch.

„Willsu nen Bazooka? Mein Hamster liebt den.“

„Atme mal tief durch du Wichser. Ich scheiß auf deinen Kaugummi. Hab morgen nen Mundhygiene-Termin.“

Ihm war zum Schreien zumute. Vom Weiher hörte man das Quaken eines Frosches.

„Iss das der König?“

„Dein Witzeln wird dir noch vergehen.“

Sie hatte ihre Handtasche fallen gelassen und ihm flugs den Hosenzipper geöffnet. Mit einem Ruck riss sie ihm den Penismaster vom Schwanz.

„Was hammwa denn da?“

Sie hielt den Penismaster, aus dem Sams bluttropfender Schwanz baumelte, in Augenhöhe. Sam war ins Schmerztrauma geglitten und fühlte sich angenehm. Wer braucht nen Schwanz dachte er und grinste breit in sich hinein.

„Du findest das lustig, hey?“

Im nächsten Moment blitze etwas in ihrer fetten Rechten. Als Sammler erkannte Sam die Klinge des Para66. Wie sich die wohl anfühlt?

Sie stand wieder ganz nahe beim ihm. Er zählte mit, acht Stiche:
Rechte Herzkammer, Arterienkonus, Aortenbogen, linkes Herzohr, Herzkranzfurche, linke Schlüsselbeinarterie, Lungenstamm, Lungenvenen. Die Mieze war präzise.

Die Zeit war stehengeblieben. Sie ließ das Para fallen und umarmte ihn. Der Frosch quakte einen Refrain zu den Sirenen aus der Ferne. Der Himmel war voller Sterne und er dachte an die Andromeda. Der Gedanke war leise und es war als würden seine folgenden inhaltslosen Gedanken aus weiter Ferne kommen. Von dort wo die Sirenen weinten.

Sie hatte sich neben ihn ins verdorrte Gras gelegt. Die Sterne waren nach und nach verschwunden und ihr übler Atem war dem Duft des Vergehens gewichen.

„Wenn ich gewusst hätte, wie schön sterben ist, wäre ich nicht so oft an dir vorüber gegangen.“

Flüsterte er.

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Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen. (Ludwig Wittgenstein)
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