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Leben und Sterben lassen


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georg
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Anmeldedatum: 22.02.2008
Beiträge: 13319

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BeitragVerfasst am: 13.10.2018, 04:32    Titel: Leben und Sterben lassen Antworten mit Zitat

Ich beschloss zu sterben, und zwar sofort.
Mir war allerdings gleich danach klar, dass das so leicht nicht geht. Wenn man ihn ruft, kommt Thanatos nicht spontan, sondern ziert sich, lässt den Kandidaten zappeln. Jedenfalls erfuhr ich das bei dieser Gelegenheit.
Daher sagte ich zu irgendwem derdiedas nicht da war: „Ich gehe sterben.“ Meine Abschiedsworte blieben ohne jeden Widerhall, und ich ging. Mein Ziel war das von der Gemeinde Wien bewirtschaftete Krankenhaus J., das ich leider kannte. Monate vorher hatte mich das schwarze Kreuz, falls es so hieß, anlässlich einer ebenfalls nächtlichen Symptomattacke in das Haus J. gebracht. Dieser schwarzen Kreuzaktion lag nur ein Versehen zugrunde – der Fahrer irrte sich in der Adresse, und man gab mich in J. ab. Dort wurde ich rite artis behandelt. Man war über die beträchtliche Summe, die meine private Krankenversicherung der Verrechnungsstelle indirekt bereits schuldete, schon im Vorhinein erbaut, und einmal im Laufe der dort verbrachten Woche erschien sogar der Primararzt persönlich, vertreten durch seinen ältesten Oberarzt.

Was diese Woche betraf, so ist natürlich gemeint, dass i c h sie im Krankenhaus J. verbrachte, nicht der Universitätsprofessor, oder seine Vertretung, der Dozent W . Diese beiden waren nämlich im Urlaub, oder selbst im Krankenstande, oder umgekehrt. Oder beides, aber das weiß ich nicht mehr so genau. Der Vertretungsprimarius unterbrach seinen Krankenstand sichtlich ungern, aber man hatte es ihm befohlen, weil ich Privatpatient war. Auf jeden Fall entsinne ich mich trotz Gedächtnisverlust daran, dass Dozent Dr.W sagte: „Es sieht bedenklich aus. Sie haben nur 25%“. Ich fragte den Mann, wovon eigentlich. Da murmelte er irgendwas in seinen weißen Bart, denn er war wie erwähnt der älteste Oberarzt des Professors. Ich wollte einwerfen, dass ich das Murmeln nicht verstanden hatte, aber mit einer knappen Handbewegung gebot er mir zu schweigen und klopfte meinen Brustkorb ab. Nach einer Anzahl von Klopfimpulsen nahm er das Stethoskop wieder aus den Ohren und sprach „Es sind 25% von 60%“.

Ich wollte mich nicht unwissend zeigen, und tat so, als ob mir diese Mitteilung einleuchtete. Ich frug Dr.W „Wieviel habe ich noch?“, worauf er erwiderte „Neunundachtzig Kilogramm. Bei Ihrer Größe ist das gerade richtig. Hat man Ihnen anlässlich der Abwaage diesen Wert nicht gesagt?“ Ich gab vor, es sei mir tatsächlich verschwiegen worden, doch dann erwähnte ich höflich, dass ich eigentlich nicht mein Körpergewicht, sondern die mir verbleibende Lebenszeit gemeint hatte. Der Dozent sah mich unwirsch an und sagte nur: „Angesichts Ihrer nervlichen Verfassung wäre es unverantwortlich, Ihnen bekanntzugeben, wann sie auf jeden Fall tot sind, aber da Sie auch Akademiker sind,…“ (er blätterte gerade in meinem Krankenakt, statt mir zuzuhören), „… und noch dazu Philosoph, mache ich Sie mit dem Unvermeidlichen vertraut, dass es jederzeit passieren kann.“

Darauf antwortete ich, es sei auch mit mehr als 25%, ja sogar bei 100 von 60% möglich, dass man tot umfiele oder die ganze Erde von einem massereichen Asteroiden pulverisiert werden könne, aber da piepste des Dozenten Mobiltelefon und er empfahl sich wieder. Später erst erfuhr ich mittels Internetsuchmaschine, was es mit den 60% Maximalwert auf sich hatte, aber ich vergaß es wieder. Nur eines weiß ich noch, dass sich der brave Mann geirrt hatte, denn es waren in Wirklichkeit nicht 60%, sondern 90%, und die 25% waren in Wirklichkeit nicht messbar … nein … der tatsächliche Wert war nicht etwa null, sondern 100% von den 90%, wie ich später von einem anderen, weit jüngeren Internisten erfuhr.
Nach diesen unumgänglichen Abschweifungen komme ich auf den Tag bzw die Nacht zurück, als ich auf eigenen Wunsch starb.

Ich begab mich, wie ich schon angedeutet habe, in das Krankenhaus J. Wie der Transport vor sich ging, fällt ebenfalls unter Gedächtnisschwäche. Meine Erinnerung setzt erst in dem Augenblick wieder ein, als ich Dozent W, der zufällig wieder Nachtdienst hatte, meinen Wunsch vortrug. Meine Motive interessierten ihn überhaupt nicht, denn als ich ihm darüber berichten wollte, winkte er ab, ähnlich wie damals, als er mich abklopfte. Er lächelte zuvorkommend und teilte mir mit, dass er auf dem letzten Sterbehelferkongress die neueste Methode kennengelernt hatte. Nicht wie bisher Injektionen, Infusionen oder Infiltrationen in den Herzmuskel, sondern eine einzige und überdies schmerzlose Tablette, und nach kurzer Zeit werde sich das Nirwana bemerkbar machen. Das war angenehm zu hören, und ich wollte mir es schon auf der nahen Krankenliege bequem machen, um die Tablette zu schlucken und dann die Intubationszeit abzuwarten. Doch die ebenfalls anwesende Nachtschwester hinderte mich daran. Sie meinte, das lohne sich gar nicht.

Ich nahm die erlösende Pulverladung in den Mund, wobei die Schwester zuerst nicht daran dachte, mir ein wenig Wasser zwecks Verschlucken der würgend großen Tablette zu spenden. So benutzte ich eigenmächtig den Wasserhahn der ohnehin vorhandenen Waschmuschel, nicht ohne dass ich, typisch für mich Pechvogel, zuerst das heiße Wasser aufventilierte.
Dann lehnte ich mich wieder gegen den Medikamentenschrank und erwartete das Ende.

Ich hatte den diskreten Abgang des Oberarztes nicht bemerkt, aber jedenfalls war nur mehr die Nachtschwester anwesend. Nach einem Weilchen wendete ich mich an sie „Glauben Sie, dauert das noch lang?“ Sie sah von ihrem Smartphone auf und sagte „Normalerweise dauert es nie länger als drei Minuten“. Ich bemerkte höflich, dass diese Norm nur für normale Menschen gelten könne, denn in meinem Fall seien es schon über zehn Zeiteinheiten. Das musste die Diplomschwester zugeben, und obwohl sonst niemand anwesend war, sagte sie im Flüsterton „Wissen Sie was? Ich gebe Ihnen noch eine Tablette, aber Sie dürfen es nicht weitersagen“.
Ich versicherte ihr, ich würde schweigen wie ein Grab, und sie drückte mir zwei von den Dingern in die Hand. Dabei lächelte sie schelmisch und sagte, sie habe versehentlich zu viele erwischt. Diese beiden nahm ich ein, wobei ich diesmal sogar einen halb vollen Becher Wasser zum Hinunterspülen erhielt.

Das wirkte. Die ganze Welt und wohl auch Gott begannen sich schon nach wenigen Sekunden um mich zu drehen. Reflexartig hielt ich mich an dem Medikamentenschrank fest, wobei allerlei Gegenstände aus den offenen Fächern herausfielen, doch dann wurde es schwarz um mich. Die drei Tabletten hatten ihre Schuldigkeit getan, und man konnte beinahe sagen, Thanatos sei pünktlich erschienen.

Das nächste, was ich hörte, war das Bellen eines Hundes. Es klang hysterisch, fast aggressiv, und es hörte einfach nicht auf. Höllenhund Cerberus, bist du es? Instinktiv wollte ich Flüche und Verwünschungen gegen das Tier von mir geben, denn Cerberus kam nicht wirklich in Frage. Es war ja nicht das erste Mal, dass der Kläffer meine Nachtruhe störte. Nachtruhe? Das fiel mir auf, und ich begann, posthum zu denken. Nachtruhe oder Totenruhe? Mir kam zu Bewusstsein, zu einem Bewusst-sein, das nach den üblichen Jenseitsvorstellungen gar nicht mehr existieren durfte, dass irgendetwas nicht stimmte. Diesen Störhund gab es nicht, oder mich gab es doch. Da das Gebell indessen real war, existierte auch ich. Selbst Cartesius hätte nicht klarer syllogisieren können.
Und so findet die Geschichte ein leider ganz banales Ende.

In den nächsten Sekunden (sogar die Zeit war noch vorhanden) erkannte ich, dass die Sterbenacht nur im Traum so verlaufen war. Ich hatte im Wachzustand nicht einmal den konkreten Wunsch, ums Leben gebracht zu werden.
Zu erwähnen ist noch, dass es sich um eine wahre Geschichte handelt. Den Traum träumte ich tatsächlich; vor kurzem, frühmorgens an diesem 13.Oktober des Jahres 2018.
_________________
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Georg Rack, Aufbruch der Kerfe
http://www.amazon.de/Aufbruch-Kerfe-Georg-Rack/dp/3844881921/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1322065044&sr=8-1
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ralfelinchen
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BeitragVerfasst am: 13.10.2018, 21:21    Titel: Antworten mit Zitat

lieber freund - eine durchgängig mit feinen ironismen gekitzelte erzählung. der letzte absatz ist echt "high heels"!

vlg
r

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Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen. (Ludwig Wittgenstein)
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Einer_von_uns
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BeitragVerfasst am: 15.10.2018, 05:23    Titel: Re: Leben und Sterben lassen Antworten mit Zitat

Hallo Georg, es live zu erleben, war ich Zeuge, auf Palliativ an Dehydrierung zu sterben ist relativ schnell und dennoch alles vorab schmerzlich ohne Ende.
Eine Frau wollte einfach nur noch zu ihrem Mann und ihrem Sohn ins Doppelgrab. Sie lehnte jegliche lebensverlängernden Maßnahmen ab.
In der Patientenverfügung stand als Ansprechpartner mein Name.
Somit war ich der, der alles zu entscheiden hatte und das nur in ihrem Sinne.
Aus dem Wachcoma holte ich sie zunächst zurück, um dies zu erfahren was sie eigentlich wollte. Alles weitere gehört hier nicht her. Die Beerdigung war am Freitag , den 12.10.2018 um 13.00 Uhr.

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Das die Menschen kleine Dinge für wichtig hielten, hat viel Großes hervorgebracht.

1793 Lichtenberg
mit der Verpflichtung für uns heute, das dieser Spiegel der Zeit nie blass werden möge.
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BeitragVerfasst am: 15.10.2018, 05:26    Titel: Antworten mit Zitat

ralfelinchen hat Folgendes geschrieben:
lieber freund - eine durchgängig mit feinen ironismen gekitzelte erzählung. der letzte absatz ist echt "high heels"!

vlg
r



Ich freue mich sehr, das Du dergleichen noch nie gesehen oder erleben durftest. Insofern können Deine Worte auch so locker und fiktiv betrachtet werden.

Es möge Dir dies noch viele Jahre unbeschwert möglich sein.

Gruß
Einer_von_uns
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ralfelinchen
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BeitragVerfasst am: 15.10.2018, 12:35    Titel: Antworten mit Zitat

nicht ganz liebster aller EVUs -

denn meine geliebte frau entschloss sich in 2011-2012 nach langem schweren leiden für unterstützten suizid in der schweiz und starb am 12-12-2012 um 12 uhr in der nähe von zürich in meinen armen.

vlg
r

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