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Helios53
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Anmeldedatum: 20.10.2018
Beiträge: 22
Wohnort: Tirol

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BeitragVerfasst am: 25.10.2018, 15:57    Titel: IN VINO VERITAS Antworten mit Zitat

"Die Themen hier umfassen Gesellschaftskritik und Alltagsleben. Sofern sich das nicht sowieso überschneidet."
Hm, das könnte dann ja passen. Geschrieben habe ich das abends und in der Nacht des 29. September 2013. Das war der Tag der Nationalratswahl, bei der die SPÖ nach Verlusten auf 52, die ÖVP nach Verlusten auf 47 und die FPÖ nach Zugewinn auf 40 Mandate kam. Man erinnerte sich noch an die schwarz-blaue Schüssel-Haider-Regierung und war doch einigermaßen beruhigt, als sich das nun doch gerade nicht mehr ausging. (Man weiß, dass die Zeichen an der Wand nicht wirklich richtig gedeutet wurden)
So entstand dieses Sittenbild. Thema des Wettbewerbes (max 600 Wörter) war "Missverständnisse"


In Vino Veritas

© helios53, IX/2013


„Da sind wir ja gerade noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen!“, seufzt der Abgeordnete Ludwig Großschädl und nippt an seinem süffigen Blauburgunder.

„Wie meinen Sie das mit dem blauen Auge genau, Genosse Großschädl?“, fragt der eifrige Praktikant, der auf der Liste der Partei einen aussichtlosen Platz besetzt. „Politisch gesehen, hat …“

„Papperlapapp! Politisch! Politisch sind nicht die Blauen unser Problem, sondern diejenigen, die gar nicht zur Wahl gegangen sind. Dabei heißt es ja in der Verfassung, Artikel eins: ‚Österreich ist eine demokratische Republik. Ihr Recht geht vom Volk aus.‘ Vom Volk, verstehen Sie, Herr Kollege? Und was macht das Volk? Es verzichtet! Kommen Sie, trinken Sie einen Schluck mit mir. Es ist ein guter Tropfen.“

„Gerne, wenn ich darf, Herr Abgeordneter.“ Er kostet. „Wirklich ein sehr guter Tropfen!“ Er nimmt einen größeren Schluck. Großschädl schenkt sich ein weiteres Glas ein und füllt auch beim Praktikanten nach. Eine Weile sitzen sie stumm und genießend. Nach der zweiten Flasche werden sie, wie halt so üblich, ein wenig sentimental und philosophisch.

„Wissen Sie, Herr Abgordeter Grobschädl“, meldet sich der Praktikant dann mit schwerer Zunge, „was ich mich immer schon fragt habe?“

„Was denn? Immer nur raus damit!“, fordert Großschädl munter. Er ist ein langgedienter Volksvertreter und entsprechend trinkfest. Nur seine Gesten werden etwas bunter und so schwappt ein guter Teil des Blauburgunders aus dem Glas auf den Kneipenboden. Großschädl schenkt nach und ordert eine weitere Flasche. „So jung kommen wir nimmermehr z’samm!“, kalauert er.

„Ich meine, wenn alles Recht vom V-volk ausgeht, warum lassen wir dann das V-volk nicht mehr Recht auschüben? Warum hat man dann noch nicht beschossen, beschloschen, beschlossen, dass auf ein erfolgreiches Vollsbegehren nicht schwingend eine Vollsabschimmund – hups- kommen muss? Dasch wäre doch im Sinne unserer Verfassung, oder nicht?“

„Junger Freund, das verstehen Sie vollkommen miss! Jedes erfolgreiche Volksbegehren wird im Parlament behandelt. So ist das geregelt und das ist gut so! Trinken Sie noch was? Prost!“ Sie stoßen an und leeren ihre Gläser. Großschädl schenkt nach.

„Aber das könnte man sich doch sch-paren! Wenn das Volk absch-timmt, dann muss das Parlament gar nicht darüber beraten. Die Sch-sch-weißer machen das ja auch so!“

Großschädl scheint angewidert, jetzt beginnt auch bei ihm der Alkohol zu wirken. Doch seine Rede ist noch klar, zumindest phonetisch:. „Die Schweizer! Immer die Schweizer. Immer sollen die unser Vorbild sein. Die sind auch neutral und wir sollen so neutral sein wie die. Und was haben die gemacht? Haben ganz neutral immer beiden Seiten Waffen geliefert und von beiden kassiert. Und wir? Wir waren noch neutraler und haben keinem offiziell geliefert und auch von keiner Seite kassiert!“

„Deschwehn samma auch total neger!“, jammert der Praktikant.

„Neger sagt man nicht!“, rügt Großschädl. „Wir sind pleite.“

„Wuscht! Deschwehn können wir trotzschedem mehr Vollsabsch-timmungen machen!“

„Warumme denn? Hab ich Ihnen nicht gerade erklärt, wie das bei uns geregelt ist? Volksbegehren, Beratung im Parlament, Abstimmung. So geht das!“

„Ja, ja, ja! Und dann wird allesch abgewürgt, immer abgewürgt. Das Volk hat gar keine Schanntse, dasch wasch besch – hups –schlossen wird, was das Volk wirrlick will!

„Jetzt mal Klarteschtt, junger Freund! Sie haben ja das System vollkommen misserstanden. Ich werde dafür Sorge tragen, dass Sie politschich nie eine Rolle spielen. Sie sind ja gefährlich mit ihrene Flausen! Wissen Sie, was die als allererschtes beschließen täten, wenn man, wenn WIR sie lassen täten? Ha?“

„Wasch?“

„Mindschten die Hälfte von uns abschaffen! Dann gute Nacht, Groschschädl und Genoschen! Ende Gelände! Und darum“, er reißt sich zusammen und spricht nun wirklich Klartext: „Wir Abgeordneten vertreten das Volk. Versteht er das? WIR sind das Volk!“
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