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Literaturforum Österreich :: Thema anzeigen - Silvester reloaded
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Silvester reloaded


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georg
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Anmeldedatum: 22.02.2008
Beiträge: 13319

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BeitragVerfasst am: 01.01.2014, 21:22    Titel: Silvester reloaded Antworten mit Zitat

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Wo bleibt das Murmeltier?

Hoffmeister hatte diesen Silvesterabend 2013 verbracht wie die letzten siebzehn oder achtzehn Silvesterabende auch. In den Jahren vorher war er immer mit Freunden unterwegs gewesen. Da allgemein Trubel und Heiterkeit herrschte, machten auch Hoffmeisters Kumpels samt ihm selbst mit, und man zog durch die lärmende, bechernde und raketisierende Stadt. Dem Alkohol nicht gänzlich abgeneigt, wurde auch Hoffmeister von der Scheinfröhlichkeit des Aufputschmittels erfasst, und die Silvesternacht war stets erfolgreich. Bis auf den Brummschädel des Neujahrsmorgens vielleicht.
So verliefen die 31.Dezembertage, bis irgendwann gegen Ende des zweiten Jahrtausends ein Unglück geschah. Es war keines von der Sorte, das tagsdarauf in der Zeitung steht, aber für Hoffmeister war es markant genug. Wenige Meter, vielleicht auch nur einen, von seinem rechten Ohr entfernt zerbarst ein Silvesterkracher. Da bereits zerborsten, konnte das Ding nachher nicht mehr identifiziert werden, aber es war wohl einer von der Sorte, die man Pirat oder Schweizerkracher nennt.
Der Schmerz im Ohr war betäubend, und Hoffmeister konnte nur mehr links hören. Er flüchtete sofort nach Hause und nahm sich am übernächsten Tag Urlaub, weil er für die Inanspruchnahme eines Krankenstandes zu stolz war. Auch hasste er Arztordinationen und ähnliche Einrichtungen.
Zur Überraschung seines Besitzers eholte sich das Ohr langsam von selbst. Allmählich tauchten rechts wieder die ersten Geräusche auf, und gegen Jahresmitte empfand Hoffmeister die Höreinschränkung rechts nicht mehr als störend. Aber eines hatte er sich geschworen: nie wieder ausgehen zu Silvester! Das Risiko, auch noch links geschädigt zu werden, schien ihm zu groß.

Und so feierte der Junggeselle Hoffmeister den Jahreswechsel ab damals in sehr schlichter Form. Er surfte durch den Webäther, sah sich gelegentlich einen Fernsehfilm an (Shows langweilten ihn), und um Null Uhr öffnete er ein Fläschchen Piccolosekt, das er zur Hälfte zu leeren pflegte. Die Feuerwerkspracht sah er sich vom Balkon aus an, und dann surfte er den Rest der Neujahrsnacht wieder im Net. Einzelne Explosionen hielten ihn bis zum Tagesgrauen ohnehin wach.
Umso tiefer war dann sein Neujahrsschlaf.
Als er, leidlich ausgeschlafen, am 1.Januar 2014 in den Tag blinzelte, wies ihn die späte Dämmerung darauf hin, dass dieser Tag schon wieder im Verblassen war. Macht nichts, dachte sich Hoffmeister, unvergleichlich besser als damals der Neujahrstag mit dem Ohrentrauma.

Als er ein Gläschen Wasser getrunken und den stillen Ort besucht hatte, schien die Welt noch im Lot. Nur eine Sache kam Hoffmeister befremdlich vor: die ihm im Unterbewusstsein noch immer verhassten Silvesterknalltypen konnten es nicht lassen. Immer wieder pochten Explosionen ans Ohr (vor allem sein rechtes). Ja, ähnlich wie schon vor Weihnachten die ersten Piraten gezündet werden, um dann mit immer größerer Frequenz bis Silvester anzuschwellen, geht es auch nachher noch eine Weile so fort, sagte sich Hoffmeister mürrisch. Aber die Wahrscheinlichkeit, wieder von einer solchen Explosion verletzt zu werden, schien Hoffmeister gering. Natürlich nicht nur, solange er in der sicheren Wohnung blieb, auch was draußen betraf. So beschloss er, nach dem durchgeschlafenen Neujahrstag ein wenig Luft schnappen zu gehen.

Hoffmeister trat vor die Haustür, aber er schaffte gerade drei Schritte, ehe er wieder in das sichere Stiegenhaus flüchtete. Die eisige Kälte draußen hatte ihn vollkommen überrascht. Am Silvesterabend hatten noch frühlingshaftes Wetter geherrscht. Nun, knapp vierundzwanzig Stunden später, lag die Temperatur ganz eindeutig unter dem Gefrierpunkt, und ein ekelhafter Nordwind blies (vor allem in sein rechtes Ohr, schien es Hoffmeister).
Als er den zweiten Anlauf startete, waren Wintermantel und die Mütze mit den Ohrenklappen zu Wort gekommen. Dazu die warmen Handschuhe und ein kuscheliger Schal. Hoffmeister war ganz vergnügt, als er nun seinen Spaziergang begann. Leute im engeren Sinn waren in dieser sonst ruhigen Wohngegend nur weinge unterwegs. Als er allerdings ums nächste Eck bog, kam ihm eine Gruppe von Jugendlichen entgegen. Sie lachten und lärmten, machten aber einen verhältnismäßig manierlichen Eindruck.

Einer der Burschen nestelte gerade an einem kleinen, auf die etwa noch fünfzehn Meter Entfernung für Hoffmeister nicht identifizierbaren Gegenstand herum. Ein schwaches Licht glomm auf, und dann schleuderte der Knabe das Etwas in den gegenüberliegenden Beserlpark. Gleich darauf knallte es gehörig, und der seit damals traumatisierte Hoffmeister zuckte zusammen. Er wusste, dass ihm eine von der Überzahl verpasste Tracht Prügel blühen konnte, wenn er sich äußerte, doch diese Jugendlichen wirkten ja nicht aggressiv.
„Silvester ist vorbei, aber die blöde Knallerei noch immer nicht“, sagte er.
Der Bursche, der den Schweizerkracher geworfen hatte, sah ihn zuerst groß an und begann dann zu grinsen: „Aha. Silvester ist vorbei. Ganz klar. Um siebzehn Uhr ist Silvester vorbei. Der Neujahrstag hat gerade begonnen. Hören Sie, wie die Pummerin läutet?“
Hoffmeister wurde es unbehaglich. Aber er riss sich zusammen und sagte: „Ein bisschen hör ich die Neujahrsglocken. Leider nur ganz leise, denn dein verdammter Pirat wirkt gehörschädigend. Aber, Spaß beiseite ... “

Er wollte zuerst weitersprechen und der gleich ihm stehen gebliebenen Gruppe eine Art Vortrag halten. Aber warum grinsten die wirklich alle so seltsam? Hoffmeister fiel der Murmeltierfilm ein. Den hatte er sich dreimal angesehen. Zu oft? Hatte ihn der Wahnsinn gestreift? Lief Silvester 2013 noch einmal ab?
Indes; Hoffmeister war ein gründlicher Zeitgenosse. Er schätzte den Film „täglich grüßt das Murmeltier“ nicht nur als fröhliche Unterhaltung, sondern hatte auch darüber nachgedacht. Was sich hier vor ihm abspielte, hatte ja außer der Knallerei keinen Bezug zum Vortag. Es gab offensichtlich keine Zeitschleife, in der sich Hoffmeister gefangen hätte.

Und so setzte er den angefangenen Satz fort.
„Spaß beiseite. Heute, am 1.Januar 2014; ist der 31.Dezember 2013 Vergangenheit. Er ist genauso im Nichts verschwunden wie der 31.Dezember 1999 oder wasweißich der 12.Oktober 1492.“
Jetzt wurde aus dem jugendlichen Grinsen schallendes Gelächter. Und einer sagte:
„Alter Mann, du lebst wirklich in der Vergangenheit. Heute ist der 31.Dezember 2014. Es wird noch in den 1.Jänner 2015 hinein dauern, bevor das Silvesterfeuerwerk aufhört. Musst dir halt deine Ohrenschützer wattieren.“
Ja, Hoffmeister hatte sich gründlich ausgeschlafen.
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Angela
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BeitragVerfasst am: 29.01.2014, 09:46    Titel: Antworten mit Zitat

ja das murmeltier läßt grüssen und dennoch ist mir schleierhaft, wie man ein ganzes Jahr verschlummern kann ^^
Dennoch eine nette kleine Geschichte und gern gelesen.
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georg
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BeitragVerfasst am: 29.01.2014, 13:32    Titel: Antworten mit Zitat

Liebe Angela, ein besonders netter kleiner Kommentar!
Ich hatte mich fast schon damit abgefunden, dass ein comment erst am 1.1.2015 einlangt.
Oder gar keiner.
Und nun dieses kleine Od (Kleinod)!

Dass die Sache mit dem Einjahresschlaf schleierhaft rauskommt, ist sehr erwünscht. Fantasy soll schleierhafter sein als Salomes Schleiertanz.
Gar so schleierhaft war dieser berühmteste aller Tänze eh nicht, denn zum Schluss stand sie ja "ohne" da.
Hier aber muss sich jeder selber was zusammenreimen.
Ein bissl inspiriert hat mich das wunderbare Hauffsche Märchen vom Zwerg Nase. der sogar mehrere Jahre verschlief, während er von den Eichhörnchen die Kochkunst erlernte.
Eine "Erklärung" weiß nur die holde Fee, die das Märchenland regiert, und die würde sich hüten, unsereinem das Geheimnis zu verraten.
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BeitragVerfasst am: 29.01.2014, 14:02    Titel: Antworten mit Zitat

Asche über mein Haupt, dass ich mich längere Zeit hier nicht blicken hab lassen.
Nun ja die Märchenfee und ich scheinen in letzter Zeit einwenig in gegengesetzte Wege gegangen zu sein. Aber selbst der Siebenschläfer und Schneewittschen oder war es Dornenrösschen haben/hatten einen gesegneten Schlaf.
Ein Zauber gehört zu jeder guten Geschichte ^^ und der ist hier gut angehaucht.
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georg
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BeitragVerfasst am: 29.01.2014, 14:10    Titel: Antworten mit Zitat

wenn noch ein bisserl Asche übrig ist, dann bitte über meine Glatze!
Dass ich an den Zwerg Nase gedacht habe, und nicht an das viel bekanntere Dornröschen!
Jetzt ist es zu spät.

Und ... übrigens ... fein, dass du wieder da bist!

Winkend
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BeitragVerfasst am: 30.01.2014, 11:02    Titel: Antworten mit Zitat

Zu spät ist erst dann, wenn nichts mehr geht Winken
Um ehrlich zu sein, Zwerg Nase ist mir nur der Name geläufig, aber die Geschichte selber nicht. Und auf Grund der Tatsache, dass bei mir noch kleine Kinder herum wuseln, sind mir Märchen immer noch geläufig.
Wobei man sich fragen sollte was brutaler ist die heutige Zeit oder die damaligen Märchen.


Zitat:
Hoffmeister hatte diesen Silvesterabend 2013 verbracht wie die letzten siebzehn oder achtzehn Silvesterabende auch.


Mit dem ersten Satz folgt bei mir ein großes WIE? mit einigen Fragezeichen. Es kommt zwar eine Erklärung im zweiten Absatz aber wirklich ergiebig ist das nicht. Viel mehr wird der Grund erklärt warum er anders feiert.
Ist dann der erste Satz an dieser Stelle wichtig oder würde ein kleiner Hinweis auch reichen, dass ab einem bestimmten Zeitpunkt sich alles geändert hat.
Den ich schätze vor siebzehn oder achtzehn Jahren gab es noch kein Internet so wie wir es jetzt kennen.

Das ist nur meine Meinung und muss nicht beachtet werden ^^
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Helios53
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BeitragVerfasst am: 28.10.2018, 22:08    Titel: Antworten mit Zitat

Das ist der große Vorteil von Märchen, dass sie auf Logik keine Rücksicht nehmen müssen. Wie sonst hätte Dornröschen und alle anderen im Schloss 100 Jahre ohne künstliche Ernährung schlafen können, bzw. wie überhaupt so lange?

Da man mit Logik also Märchen nicht beikommen kann nehmen wir sie, wie sie sind. Es ist ja auch nicht logisch, derart brutale Geschichten ausgerechnet für Kinder als "geeignet" zu betrachten. So gesehen, ist das vorliegende für die Grimmsche Sammlung nicht geeignet, weil zu harmlos.
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georg
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BeitragVerfasst am: 30.10.2018, 22:28    Titel: Antworten mit Zitat

Hi Heli,
wie balsamisch für den Autor des Phantasiemärchens, dass du den Dornröser wachgeknutscht hast!
So wird er einen leichteren Abgang ins Nirwana finden, in dem alles Menschenwerk in tausend oder hundert Jahren verduftet sein wird, ob es nun so eine dünne Seifenblase oder ein Werk von Goethe, Poe oder Tolstoi (in alphabetischer Reihenfolge) sei.
Was Hoffmeister betrifft, so hatte ich damals vor fünf Jahren gehofft, so harmlos sei die story gar nicht. Ja, H. überlebt, aber es wäre vielleicht besser für ihn gewesen, gleich zu verrecken. Nur hätte es den thread zertrümmert, und so ließ ich ihn am Leben. Durch seinen linken Gehörschaden ist er eh schon gestraft genug.
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