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Avtos ho Dromos


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Paul Einerdehr
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Anmeldedatum: 21.06.2013
Beiträge: 22
Wohnort: Achberg, Bodensee (BRD)

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BeitragVerfasst am: 01.07.2013, 16:23    Titel: Avtos ho Dromos Antworten mit Zitat

Avtos ho Dromos

Roman - Fragment ( in Arbeit )

Das Buch Bodo I Der Eigentor


Die Tage zwischen den Menschen sind nicht mehr gemacht für so und bis der Tod euch scheidet. Nütze die Stunde. In dem, was sie zu geben vermag, was sie vorlegt, was sie öffnet. Es gibt viel zu tun; zu Vieles war nicht ergriffen worden zu seiner Zeit. Das Privileg, dass wir in Frieden und Genüge leben können, wird gerechtfertigt von der Tat, um die die Stunde bittet. Und da ist noch so vieles darin, das wir ihr nicht zu erfüllen vermögen. Die Zeit trägt ihre Kinder heran und vorbei, und wieviele von ihnen weinen. Übersehen. Unbeachtet. Mal um Mal. Sie wachsen heran und kommen wieder. Und werden fragen, wer bist du, Mensch, dass du dich größer glaubst als deine Welt? Dann werden wir sie nicht kennen und ihnen Namen geben, die sie nicht haben.



Der Eigentor



I


Der Tag, so ein Herbsttag in Prosa, den niemand ins Tolle treibt außer natürlich die großen Krähenvögel über und um und auf dem verwitterten Marmorengel am Nachbargrab, schlief über dem Zentralfriedhof bis gegen vierzehn Uhr, blinzelte kurz und träumte gelassen weiter, als sich die Trauergemeinde am Feld III - C17 allmählich zusammenfand. Er war auch da. Zum eigenen Begräbnis ist man eben da, es gehört sich nicht zum einen, dass man da fehlt, zum andern treibt einen natürlich die Neugier hin, was sie sagen werden. Womöglich irgendwas Freundliches, ausnahmsweise, am offenen Grab, weil sie, naja, irgendwas müssen sie ja sagen, nicht wahr. Sonst geht bei ihnen die Plapper ja auch wie geschmiert, vor allem hinterrücks, und einmal so gerade und direkt ins fahle Gesicht, ins ohnehin verblassende, - also er war da und er war gespannt, was sie sagen werden.

Vorher aber oder nachher wollte auch er etwas sagen. Eigentlich war er extra nur dafür hergekommen. Damit er sie einmal alle beisammen hatte, sie alle, die fortwährend glauben, dass ohnehin alles in Ordnung ist, solange bei Aldi der Milchpreis stimmt. Und dass das das Leben ist. Nicht das Drüber und Drunter, nicht das Rauschen wie Vorüberrauschen, nicht das Gedröhne der Starre wie auch in dem, was einem mitten ins Gesicht betoniert wird allabendlich anlässlich der Zwanziguhrnachrichten. Worüber er sich immer wieder dermaßen empört hat, dass ihn alsbald kein Mensch mehr für voll nahm. Dann weinte er immer in seinem inneren Zimmer. Wahrheit ist eine Ganzheit wie das Universum eine Ganzheit ist. In der Natur ist Wahrheit; sie beginnt vor der Nase des Menschen und die besteht selber aus ihr. Und wenn der geschätzte Träger so einer Nase nicht mehr an Wahrheit verträgt als Diabetiker–Beton oder Zwanziguhr-Nachrichten, dann muss er bitteschön nicht beleidigt sein, dass man ihm sagt, der Diabetiker–Beton ist nicht die ganze Wahrheit. Die ganze Wahrheit ist das Zusammenwirken aller Einzelwahrheiten, und erst dann wird der Mensch als Menschheit zum Menschen, wenn er sein Zusammenwirken zu einem solchen Organismus gestaltet, wie die Natur ihm das vormacht. Mit und trotz homo sapiens. Er war es leid. Er war es leid, von all diesen schlanken, gepflegten, selbstgerechten, fernwärmetemperierten Nasen sich schulmeistern lassen zu müssen in der Betonologie: „Für den Kapitalismus gibt es keine Alternative. Unser ist der demokratische Rechtsstaat.“ -

Du kannst nicht einfach dich vierteilen lassen damit du dazugehörst und dann hast du dich entschieden. Nämlich ob auch du so tun willst als ob du lebst wie sie leben.
Es ist nicht einerlei!
Es gehören Verzweiflung und Schreien und Toben vor Ohnmacht nicht zu dem, was man dir abnimmt, und du musst tun was man tut wenn man lebt so als ob man lebt, und das nimmt man dir dann ab. Sie nennen es Ordnung. Darin sind sie sich einig. Es ist bemerkenswert. Sie sind sich sonst gar nicht einig. In nichts. Einjeder meint immer das Seine und keinem kommt je in den Sinn, wie das Seine des Anderen auch ein Seines ist geradeso und genau so wie sein Seines. Dass jeder ja gerade deshalb in dem Seinen dasselbe ist wie der Andere in seinem Seinen. Es kommt ihnen nicht in den Sinn. Oder will ihnen nicht. Denn er hatte es ja versucht immer wieder, hatte ihnen in aller Geduld, immer wieder, das zu erklären versucht, wie der Mensch sich durch die eigene Meinung erhalten will als eine geschlossene Einheit gegenüber der Welt, wie er damit sich begrenzt in der Gemeinschaft, und wie die Gemeinschaft ihre Art und Gestalt und Gewalt erhält von dem Maß oder Mangel an Aufgeschlossenheit ihrer Glieder gegenüber einander und der ihnen gemeinsamen Welt. Wie dies Maß dahin sich auswirkt, ob aus der Gemeinschaft Sand am Meer wird oder ein organisches Gebilde. Ob die Sozialgestalt mit der Welt sich verträgt, oder ob sie sich in ihr zum Fremdkörper macht, zum Tumor und so weiter. Das ist doch nicht einerlei! Und man kann als ein Mensch doch nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, wenn man sieht, und noch als Dreimalblinder sieht, die Welt verträgt den Menschen nicht, so wie er sich aufzuführen begonnen hat in letzter Zeit. Wie die Römer uns hinterlassen haben einen abgeholzten Mittelmeerraum, und das sind noch Äußerlichkeiten gegen das, was wir im Zehntel der Zeit zuwege bekommen. Und wie wir Moses´ Atommüll schön säuberlich noch zehntausend Jahre kühlen dürften, hätte er nicht Steintafeln vom Sinai getragen sondern die Gesetze der Kernphysik. Danke schön! Hat er nicht, und seine Steintafeln geben der Menschheit Sinn, im Unterschied zu Kernkraftwerken, die die Leute verblöden. – Tun sie nicht?
Tun sie!
Früher konnten die Leute eins plus eins plus eins plus tausend im Kopf rechnen; heute sagen sie, der Atomstrom ist der billigste. -
Wie der Einzelne berechtigt ist zu seiner Meinung, die ihm sein geistiges Universum bildet, die Hülle, die er braucht, um bei sich zu sein. Wie er in dieser Hülle sich als Ich wahrnimmt, sich selber kennt und sich auskennt in sich. Wie er das Recht hatte und hat, sein Universum durch Bildung an Weltinhalten und Fähigkeiten zu bereichern, die ihn auf die Höhe seiner kulturellen Gegenwart heben, so dass er auch kulturell teilnehmen kann an der Gemeinschaft mit Seinesgleichen, und wie ihm daraus in diesem Kulturleben die Pflicht entsteht, sich daran aktiv zu beteiligen. An den Fragen, die diesem Kulturleben sich stellen sowohl als auch an denen, die ihm selber sich stellen an das Kulturleben. Von denen doch in der Gegenwart nicht jemand wird ernstlich verneinen wollen, dass es große Fragen sind, die von der Kulturmenschheit beantwortet werden müssen. Die zu beantworten die Kulturmenschheit ihrer Selbstachtung schuldet, der Achtung vor dem Errungenen und seiner – bitteschön – Verantwortung gegenüber den kommenden Generationen. Und dass ihr, wenn sie aus dem Errungenen heraus die Wege nicht findet um ihrer Pflicht zu entsprechen, die Kulturpflicht erwächst, nach Wegen eben zu suchen, die dann als die gangbaren sich erweisen. Und verdammt noch einmal nicht hergeht und sagt, der Mensch ist eine Maschine, und wofür die keine Sensoren hat, das gibt es nicht! Und die Maschine braucht Strom, damit sie arbeiten kann und die Menschheit braucht Großkapital, damit sie arbeiten kann. Man weiß wirklich nicht, wenn man sich umgeschaut hat in der Welt, woher manche Völker das Recht sich nehmen zu glauben, sie seien mehr Mensch als andere Völker, und es ist, wenn man hingeschaut hat auf die Menschen, nicht ein Recht sondern eine Art Krankheit. Eine Minderung. Ein Fehlen von etwas, und das gleichen die einen dann aus durch Selbstüberschätzung. Kann es denn sein, dass es Menschen gibt, die keinen Sinn haben für die Beziehung zwischen sich und ihresgleichen? Einfach keinen Sinn dafür? Also wenn dir keiner abnimmt dass du lebst, lebst so wirklich wie du wirklich flennst und wirklich zerbrichst und wirklich verzweifelst an all dem ignoranten Dahergerede, woher sollst du dann wissen, ob nicht das Leben selbst sich verabschiedet hat und nur noch tut so als ob? Das ist die Frage.

Die Hilfe kam ihm da vom steinernen Engel her auf dem Nachbargrab. Unscheinbar, denn der, schien es, war nicht bei der Sache. Er war, so schien`s, ganz versunken ins deftige Spiel mit den Krähenvögeln, die schrien einander an, vom himmelwärts zeigenden Steinfinger einer den andern, den drüben, am stoischen Trauerhaupt. Hin und her ging der Zank. Hinauf- und hinuntergekrächzte Flegeleien vertrieben schnittblumenköpfend, efeubeschämend dem Friedhof den modrigen Frieden. Aber nicht die beiden Krähen schossen damit den Vogel ab, sondern Giselas scheußlicher Köter. Der plötzlich grunzte, laut und kräftig vor Wohlbehagen als wenn der Abend feucht zu werden verspricht. Zur Unzeit hatte der Köter gegrunzt. Es war demnach das Erröten des Engels dem Geschehen der Stunde geschuldet. Vierzehn Uhr elf war´s, oder -zwölf. Lebt man, wenn man sagen kann „vierzehnuhrzwölf?“ Kann man vierzehnuhrzwölf nicht auch sagen, wenn man nur so tut als ob man lebt? Der Engel, ins Erröten hinein erblassend, war aufmerksam geworden auf die Begräbnisgesellschaft.
„Wir trauen den Augen, die uns etwas vorstellen, nicht aber dem Auge, das sieht“, sagte Der seine Rede zu halten vorhatte halblaut und zuckte zusammen wie ein Mr. Bean. Die Leute sollten nicht merken, um wie viel leichter er sich mit einem steinernen Engel verband als mit ihnen. Ihm liefen die Ohren heiß. Es kam von rundum. Man wartete. Es brachte ihn aus der Fassung. Er sollte die Rede halten? Jetzt? Vor Aller Aufmerksamkeit? Nun denn, man wartete. Er räusperte sich kurz, wandte den Blick in die Runde und sagte:
„Nun denn, machen wir's kurz. Darf ich um das Werkzeug bitten?“
Die kleine schwarze Handfeuerwaffe, für den festlichen Anlass auf Hochglanz poliert, wurde ihm von Monika überreicht, einer Halbschwester väterlicherseits seines Halbbruders mütterlicherseits. Zuerst schien es nur eine Nebensächlichkeit, dass weder sie noch er wussten, wie das zierliche Ding zu entsichern sei. Der Halbbruder persönlich trat hinzu, und als auch er, Robert, der gelernte Schlosser, die Mechanik nicht fand, entstand die Diskussion darüber, ob solche kleinen Pistolen denn überhaupt eine Sicherung haben müssen und haben. Was mehr die Herren interessierte, die Damen dagegen waren bereits beschäftigt von einer dritten Krähe, die aber nicht, wie man hätte erwarten können, sich in das Gezänk der anderen beiden einmischte. Diese dritte, deutlich größer und stattlicher als die beiden anderen, hatte es abgesehen auf Giselas vierbeinigen Staubwedel, der, mit Frauchen verbunden mittels aufrollbarer Hundeleine, zuerst einmal kläffend angriff. Unbeeindruckt rückte die Krähe ihm näher und näher. Seitlich hüpfend, den Kopf leicht schräg, behielt der große Vogel den Hund im Auge. Verdächtig gering wurde der Abstand, da plötzlich nahm der Hund Reißaus. Und damit schien der Rabenvogel gerechnet zu haben. Er flog mal da mal dort kurz auf, scheuchte den Wedel umher, und was er nicht vermochte, besorgten die verschiedenen Beine der Damen bei den Versuchen, dem Kreuz und Quer der Hundeleine zu entkommen, was allerdings je länger je weniger gelang.
Für ein paar Augenblicke kam die Sonne durch und hob den blassen Tag kurz in die Erinnerung an sommerliche Fülle. Es wurde nicht bemerkt, man war beschäftigt. Das aufgescheuchte Durcheinander bei den Damen schlug die dreiste Krähe leidlich in die Flucht. Doch ganz so einfach, wie es schien auf den ersten Blick, war das Ungemach der Damen nicht zu lösen. Der kleine Hund, in Panik geraten, biss nach allem was ihm zu nahe kam. Eine Art Gesangsstück a Kapella kam zur Aufführung, für Sopran und Mezzosopran, unglaublich, wie das dreigestrichene C auch von ungeübten Stimmen mühelos erreicht werden konnte. Zeitgenössische Kunst. Nicht schön, nicht eingängig, aber eben aufgeführt.
Man musste also die Aktion von der Hundeleine anderem Ende her beginnen, bei der Hand, welche sie festhielt. Nur hatte Gisela vom verkrampften Festhalten einen Krampf in der Hand. Sie konnte nicht loslassen. Da wäre es der Lösung des Falles eventuell dienlich gewesen, hätte man sich über das weitere Vorgehen einigen können. Zumal zwei der Frauen so aneinandergewickelt waren, dass sie sich schon nicht mehr richtig rühren konnten, und da trotzdem eine jede sich allein zu helfen suchte irgendwie, kam es alsbald wie es kommen musste. Irgendwer zog irgendwem den Fuß vom Fleck, die betroffene Person erhoffte Halt bei der anderen, die aber war ihrerseits nicht in der Lage, das Gleichgewicht zu halten, der Hund biss zu, ein Aufschrei, noch einer, drei von vier Damen gingen zu Boden, dann auch die vierte. Das nun erst ermöglichte die Lösung der Geschichte und ging nahtlos über in die Auflösung der Gesellschaft, zumal das Hundchen auf der Flucht sich quietschend irgendwo verheddert hatte. Kurz entschlossen wandte sich das Ensemble der Sängerinnen zum Aufbruch, kurz entschlossen schlossen sich die andern an.
Wie im richtigen Leben, dachte Der seine Rede zu halten wieder nicht Gelegenheit gefunden hatte. Zurück blieben sie zwei, die beiden Halbbrüder mütterlicherseits. Robert, der jüngere der beiden, holte, nachdem allmählich die Gesellschaft sich im Gräberwald verloren hatte, die kleine Pistole aus der Jackentasche wieder hervor:
„Da. - Bring´s hinter dich.”
Bodo nahm das Ding, hielt es unter´s Kinn und drückte ab. Klick. Es machte klick. Robert griff ein zweites mal in die Tasche, holte das Projektil heraus. Er hielt es Bodo hin, sagte trocken:
„Immerhin“. Ließ es wieder in die Jackentasche gleiten und ging davon.
Bodo glaubte, er habe auch Enttäuschung herausgehört. Mochte sein. Robert ließ sich nie gerne etwas anmerken. Die Krähenvögel jedenfalls hatten ihren Auftritt beendet. Hatten Stille hinterlassen, die nicht trug. Bodo ertappte sich dabei, wie er die kleine Pistole musterte schon eine Weile. Er ließ die Hand sinken, schaute hinunter ins offene Grab. Darüber stand das Holzkreuz, darauf sein Name, geboren am… und das heutige Datum als Todestag. Geboren am…. Da kommt ein Knäblein auf die Welt, quengelt, schreit, macht die Windeln voll; draußen ist gerade so der Krieg vorbei, die Männer, die geschossen haben, die beschossen wurden, die jetzt die Herren sind im Land, wollen sich des Lebens freuen. Sie haben es ja noch. Sie winken den Mädchen mit feinen Strümpfen und Milchpulver und Fallschirmseide. Auf die Art kommt dann manch einer zur Welt. Er zog das Kreuz aus der Erde, warf es in die Grube und die kleine Pistole dazu. Ein Knall peitschte die Luft, gefolgt von lautem Singen in seinen Ohren. Bodo klopfte sich Staub vom Anzug. Es war keiner dran. Tatsächlich! So ein kleines scheiß Ding kann dich umbringen. Was soll da einer machen? Sie können dich nicht leben lassen und nicht sterben.

Bodo ging nun auch. Er ging schnell. Etwa auf dem halben Weg zum Ausgang drehte er beim alten Mann eine Runde. Das machte er für Gerd. Seinen Schulfreund. Der hatte den runden Springbrunnen den alten Mann getauft. Weil er nicht hoch pissen kann. Sie hatten gemeinsam Runde um Runde gedreht und dem alten Mann zugeschaut, wann er aufhört zu pissen und wann er wieder anfängt. Gerd war auch schon tot. Also nicht auch. Eben tot. Verdammter Verkehrsunfall. Er war Dreiundzwanzig. Immer heiß unterwegs. An jenem Tag als Botenfahrer für Apothekerbedarf. „Dringende Arzneimittel“ stand schräg in weißer Schrift am roten Balken auf dem grünen Transporter. An einer Kreuzung hatte er ein Auto aus der Querstraße voll erwischt. Sein Lieferwagen stand dann senkrecht am Eckhaus und brannte lichterloh. Auch der Balkon darüber brannte. Und das Wohnzimmer hinter dem Balkon. Die Feuerwehr war schon da, als damals Bodo zufällig an die Kreuzung kam. Er hatte Nikolai besuchen wollen, einen gemeinsamen Freund. Der wohnte da oben. Gerd hatte sich gerade in Sissi verliebt gehabt, Nikolai´s Schwester. Ein ganz, ganz liebes Mädchen. Sehr hübsch, sehr munter, und sie konnte wunderbar zeichnen. Gerd konnte auch gut zeichnen, aber noch besser konnte er Malen. Gerd war auf dem Weg, ein Künstler zu werden, verrückt und verbissen genug war er dazu. Auf der Straße lag er in einer Lache aus Blut und Öl und schwarzer Schmiere in Trümmern und Dreck und Scherben, und Bodo wusste sofort, der ist tot. Wahnsinn! Der Gerd! - Herrgott! Einfach tot. - !

Nach der Runde um den alten Mann ging Bodo zurück an das Grab. Dort trat er vor den Engel hin. Die Steingestalt beruhigte ihn. Sein Kopf klarte auf, es war eine Wohltat. Als eine weiße Scheibe in den Wolken zeigte sich die Sonne. Bodo bewegte sich zur Seite bis der Engel sie verdeckte, dann erschien sein Haupt von Licht umstrahlt. Still verharrte Bodo eine Weile an der Stelle. Klick. Es machte klick. Geradeso wie vorhin. Und hier nun war mit einem Male leer die Welt. Wie abgestellt. Auch leer an Zeit. Oder die Zeit hielt an, wenn es das gibt. Oder die Zeit war auch weggegangen, gleichviel, sie war nicht mehr da. Das machte, dass die Welt aussah wie auf einer Kinoleinwand, sich anfühlte wie ihre eigene Projektion nur, ohne Wirklichkeit dahinter. Nichts dahinter, Licht vielleicht, aber nicht die Dinge. Alles nur Oberfläche, helle, farbige Oberfläche, die aussieht wie die Welt, aber eben nur so aussieht. Eigentümlich schön aussieht mit ihren regenbogenfarben geränderten Formen. Unwirklich. Doch kein morgen. Kein gestern. Die Welt geronnen im Augenblick. Bedrückend. Wenn der Gedanke nicht mehr möglich ist, dass es irgendwie weitergeht. Da kann man nichts mehr dann als dasein in dem Augenblick der Welt, wie sie gerade ist, und so, wie man selber gerade ist und wer man ist. Und wer ist man schon.

Wer ist man schon, ohne dass es irgendwie doch weitergeht. Als ob man, wenn es irgendwie weiterginge, also irgendwie sich groß ändern würde. Würde man ja nicht. Wer ändert sich schon groß. Also etwas dazu beitragen, dass es weitergeht, würde man ja nicht. Aber wenn es nicht mehr weitergeht, Filmriss sozusagen, wenn da plötzlich alles stille steht, nichts mehr sich auftun kann, nichts mehr sich auftun lässt, selbst der Gedanke nicht an den nächsten Schritt - Bodo hätte den Zustand auch nicht verwechseln können mit der Ewigkeit, die ja das exakte Gegenteil ist davon, die nicht dadurch auftritt, dass die Zeit verschwindet sondern umgekehrt, wenn die Zeit zu sich kommt, wenn die Dinge in ihren Beziehungen nicht mehr nacheinander erscheinen sondern beisammen da sind, sowohl als auch, wie Eltern und Kinder, aber nicht durch Zeugung, also durch den Vorgang, der auch einen Ablauf in der Zeit darstellt, sondern wo selber alles ein Gewordensein aus Zeugung ist, aus nicht - physischer natürlich, also wo man die ganze Symphonie auf einmal hört, mit Anfang und Ende hört als ein Ganzes, und nur wenn man sich etwas Anderem zuwendet hört man sie nicht mehr, sie ist aber noch da wie eben alles da ist, immer, als sein Ganzes da ist, also damit hätte Bodo den Zustand, in dem er sich befand, durchaus nicht verwechseln können, der war nun wahrlich ein vollständig anderer - , also was war dann noch möglich? Bodo dachte kurz daran, ein paar Schritte zu tun, sich einfach zu bewegen. Dann wäre er aber aus der Beziehung zu dem Engel herausgetreten. Das wollte er nicht zum einen, zum anderen kommt es gar nicht darauf an, ob man ein paar Schritte tut oder tun kann, sondern darauf, ob es sich denken lässt, dass es irgendwie weitergeht oder ob sich das eben nicht mehr denken lässt. Was sich denken lässt, darauf kommt es an.


*


Die Leiche war misslungen. Dass nun einmal etwas gelingt, wenn es mit Bodo zu tun hat, daran konnte ohnehin schon lange niemand mehr glauben. Mit diesem Kerl war einfach nichts mehr anzufangen gewesen, lange schon nicht mehr, und wirklich durch die Bank. Etwas mit diesem Bodo anzufangen, das hatten sie alle längst aufgegeben. Es war einfach nicht mehr zurecht zu kommen mit ihm. Besonders in letzter Zeit, das meint, in den letzten zwei, drei Jahren. Während es vorher ganz anders war mit ihm. Weil er, der Bodo, da ein ganz anderer war und kein Mensch eigentlich verstehen konnte, wie es möglich ist, dass sich jemand dermaßen ändert.
Nun war die Frage – man fand sich auf dem Parkplatz vor dem Nordeingang wieder zusammen -, ob man jetzt noch in das Lokal gehen wolle. Der Leichenschmaus war immerhin bestellt und der Hund hatte sich auch zusehends beruhigt, die Möglichkeit bestand also. Aber mit seiner Meinung herausrücken wollte niemand so recht. Die Sache entschied sich erst, als Robert nachkam. Selbstverständlich werde man hingehen, oder wolle sich etwa jemand absichtlich verkühlen. Außerdem lieben die Wirte das nicht, wenn man reserviert hat und dann nicht erscheint. Man ging zu den Autos, nur Lydia ließ ihren Wagen stehen und fuhr bei Monika mit, sie war aus Sevilla angereist und kannte sich in der Stadt nicht mehr so gut aus.
„Gurt anlegen“, mahnte Monika, als sie die Ausfahrt verließen, „oder hast du zu viel Kleingeld dabei.“ –
„Sind sie bei euch so streng?“ fragte Lydia, legte den Gurt an und bekam keine Antwort.
„Im Sommer ist es zwar irre heiß bei uns“, bemühte sich Lydia, doch ein Gespräch in Gang zu bringen, „aber hier wäre es mir zu kalt. Ich bin das nicht mehr gewöhnt.“ –
„Kannst du halten wie du willst“, sagte Monika, aber erst nach einer Weile, fuhr beinahe ihrem Vordermann auf, schimpfte los und hörte zu schimpfen erst auf, als sie am Ziel waren, etwa zehn Minuten später. Erst schimpfte sie über den Idioten am Steuer, dann über die Idioten am Steuer und schließlich über ihren Halbbruder. Für Lydia war das wenig informativ. Sie hatte noch nicht die Ehre gehabt, Monikas Halbbruder von jemandem vorgestellt zu bekommen. Sie hatte sich erst mit Monika vor dem Friedhof getroffen und war mit ihr zu dem turbulenten Begräbnis gegangen, das dann wohl später stattfand oder gar nicht. Darüber, was das eigentlich war oder sein hätte sollen, bekam sie von ihr keine Auskunft.

Das Lokal hatte eine neue große, voll verglaste Veranda, war brechend voll, auch die reservierten Tische, und als Robert sich beim Kellner beschwerte und der die Gesellschaft in den alten Saal einweisen wollte, gab es allgemeine Unmutsbekundungen. Der Geschäftsführer musste her, und als es auch ihm nicht gelang, die Leute von den frei zu haltenden Tischen wegzubringen, verließ die Gesellschaft den Laden und Robert wusste ein ohnehin weitaus besseres Lokal. Dorthin setzte sich die Kolonne von neun Autos alsbald in Bewegung. Nur Lydia blieb zurück, nachdem es Monika nicht eingefallen war, sie zu fragen, ob sie wieder mit ihr kommen möchte, ja oder einfach zu winken oder etwas zu sagen. Der Kälte in dieser Stadt hatte sich Lydia tatsächlich entwöhnt. Sie suchte für sich allein einen Platz, und das Essen war allerdings sehr gut. Anschließend nahm sie ein Taxi zurück zu ihrem Auto. Am Parkplatz Nord kam sie gerade zurecht, als es am Kran eines Pannenwagens hing, der es auflud. Lydia kam so schnell gar nicht auf den Gedanken, dass es sich da um ihren Wagen handeln könnte. Erst als das Taxi schon weg war und der Pannenwagen losfuhr, schaute sie, mehr zufällig als mit Bedacht, auf das Nummernschild des aufgesetzten Wagens. Der hatte ein spanisches Kennzeichen, war auch ein weißer Seat, - seltsam. Und doppelt seltsam, als sie ihr Auto nicht fand, obwohl der Parkplatz kaum noch halb voll war; auch einen Seat, auch weiß, nur nicht mehr ganz so frisch wie der auf dem Lkw. Nach und nach musste sich Lydia dann doch zu dem wie auch unfassbaren Gedanken durchringen, dass das Auto auf dem Pannewagen nur das ihre gewesen sein konnte. Eine dumme Verwechslung vermutlich, einen anderen Grund für den Unsinn konnte sie sich nicht vorstellen. Soweit so schlecht, aber wo war der Pannenwagen hingefahren? Womöglich konnte die Polizei ihr weiterhelfen. Nun, als letzten Ausweg würde sie das versuchen. Zunächst kam da ein Mann aus dem Friedhof, groß, schlank, Mittelalter, dunkler Anzug, keine Krawatte. Auf den ging Lydia zu. Sie schilderte kurz ihre Lage, und zu ihrem Erstaunen wusste der Herr auch gleich Bescheid. Nach einem kurzen Blick auf die Uhr sagte er, „Kommen Sie, das schaffen wir noch“, und ging ihr flott voraus zu seinem Wagen. Es war ein sehr schöner Wagen, weinrot metallic mit cremefarbenem Interieur, Leder, Nussholz, sehr elegant. Das passte gut zu seinem Besitzer, und Lydia ging glücklich auf seine Freundlichkeit ein. Völlig lautlos nahm der Wagen Fahrt auf, und der Herr bat sie, den Gurt anzulegen, damit das Piepsen aufhört. Unterwegs erfuhr sie dann von ihm, woher er wissen konnte, wo ihr Auto war. Zwei Begriffe nur, die alles erklärten, Gebührenparkplatz, Politessen. Subtile Varianten eines Faschismus hielten Einzug im Land, erklärte ihr der Herr unterwegs. Die manipulierten Energien der Volksmanipulateure erwiesen sich, sagte er, weitaus lernfähiger als die Masse.
Lydias Auto war tatsächlich in der Verwahrungsstelle eingetroffen. Dort stand es noch auf dem Pannenwagen, es war das ihre. Begründet durch Registrierung, Überprüfung, Gebührenberechnung und so weiter bestünde die Aussicht, es wieder zu bekommen, frühestens in vierundzwanzig Stunden, wurde ihr mitgeteilt. Lydia wies sämtliche Papiere vor mitsamt Pass und Visa-card, selbstverständlich ergebnislos. Zum Trost suchte man einen Heurigen auf, aber nicht gleich in der Nähe.

Bodo redete während der ganzen Fahrt dort hin, Lydia hörte ihm aufmerksam zu, fragte mitunter etwas nach, und wiewohl sie sonst längere Ergüsse männlicher Intelligenz nicht ausstehen konnte, fand sie diesmal die Denkart zutreffend auf ungewöhnliche Weise. In der gemütlichen Hofschenke endlich, man war schon beim zweiten Vierterl, stellte auch er eine Frage. Nach dem Leben in Sevilla erkundigte er sich bei ihr.

Die Stadt habe ihr auf Anhieb gefallen, erzählte Lydia, wegen ihrer freien und toleranten Atmosphäre. Auch Farbige aus vielen afrikanischen Ländern leben dort, aus Mauretanien, Marokko, Libyen, Algerien, Ägypten usw., auch aus Mali, Niger, dem Tschad, aus dem Kongo, aus Botswana, Burundi, Tansania, Uganda. Man lernt Leute kennen aus Ländern, von denen man gar nicht gewusst hat, dass es sie gibt; geschweige denn wo sie sind und wie sie aussehen. „Kennen Sie etwa Burkina Faso?“ Und aus Spanien Katalanen, Andalusier, einfach alle außer Basken, denen wäre es zu heiß dort, dann auch Lebenskünstler aus der ganzen Welt, und man komme prima mit einander aus. Und auch die Behörden seien tolerant. Hast du deine Identnummer und führst dich ordentlich auf, lassen sie dich in Ruhe. Spanien, erzählte sie, habe sich ihr erschlossen an einem frühen Nachmittag. An der Grenze bei La Jonquera, es hatte einen Aufenthalt am Zoll gegeben, habe sie die Zeit zu einem kleinen Ausflug genutzt in die Wildnis der umgebenden Berge, und ohne Pfad. Kaum weniger heiß als unten auf der Strasse sei es im Gestrüpp unter dem kargen Schatten der Bäume gewesen, schilderte sie, und der Ginster, der dort wächst, mache ein Weiterkommen beinahe unmöglich. Er sei von einer Sorte, sagte sie, die kaum kniehoch wird, dafür stark verholzt, und jeder Strauch bilde einen dichten Strauß von kräftigen, messerscharfen Nadeln aus rund um seinen kurzen Stamm herum, an denen man sich die Beine blutig kratze. Nur dadurch, dass sie nicht überall dicht an dicht stehen, könne man sich von einer Lücke zur nächsten bewegen, und auf die Art sei sie dann in ein kleines Tal gelangt, still und abseits, und das Bächlein dort habe sogar Wasser geführt. Das sei Ende Februar gewesen, die Zeit, in der dort der Ginster blüht. Da tragen die struppigen Büsche dann kleine Kronen aus winzigen goldgelben Blüten und die verbreiten einen ungewöhnlich starken, wunderbaren, betörend schweren Duft.
„Nach einer Weile bin ich dann an das Bächlein gelangt“, erzählte sie weiter, „stieg im Bachbett höher und kam weiter oben an einen kleinen See zwischen markigen Felsen. Es war schön wie ein Wunder. Und da hatte ich den Gedanken, es ist gut, wenn du das Bächlein vorher um Erlaubnis bittest und nicht einfach so hineinsteigst. Und damals, glaube ich, hat mir ganz Spanien geantwortet.“
Sie habe kaum je ein kühlendes Bad so glücklich genossen wie dort, erzählte sie weiter. Das Wasser sei weich gewesen und klar, sehr frisch. Sie sei lange drinnen geblieben, habe dann ihre verschwitzten Sachen ausgewaschen und sie und sich auf eine Felsenplatte in die Sonne zum Trocknen gelegt.
„Und dort“, sagte sie, „verwöhnt vom Tag und der Welt, kam mir das in den Sinn, dass, was ich da gerade erlebe, so ist wie das ganze Spanien ist: Heiß und trocken, verholzt und kratzig bis es wehtut und man lernt schnell, achtsam zu sein wo man hintritt.“ Das sei die eine Seite, sagte sie, „die robuste, der Alltag. In den hinein dann unvermutet etwas Wunderschönes auftaucht, etwas Zartes, Tiefes, Liebenswertes, wie aus dem blauen Himmel heruntergeholt, wie aus dem Nichts herbeigezaubert; Vom kargen Boden, meint man jedenfalls, kann es gewiss nicht kommen“.
Danach kam Bodo darauf zu sprechen, was ihm zu Sevilla einfiel.

„Es war ein Freund von mir,“ erzählte er, „der die neue Brücke über den Guadalquivir gebaut hat, Victor, ein Holländer aus Groningen. Als sie fast fertig war, glaubte er, sich verrechnet zu haben und da hat er sich erhängt. Eine junge irische Sängerin, sie hat eine wunderbare Stimme, Laureena McKennit, hatte ihn zu der Form inspiriert mit ihrer Ballade „The swans they swim so bany – o“. In Spanien dann entdeckte er, dass die Schwanensage nicht nur in Irland beheimatet ist sondern auch in Andalusien, und zwar völlig identisch. Victor war ein Mensch,“ sagte Bodo, „den eine solche Entdeckung in helle Begeisterung versetzen konnte, und so erfuhr ich von ihm, wie die neue Brücke über den Guadalquivir zu ihrer imposanten Form gekommen ist, die eine Harfe symbolisieren soll. Sie ist eine Reminiszenz an die Schwanensage.“ Bodo erzählte Lydia auch gleich die Sage.

„Ein Harfner, der zufällig des Weges kam, hatte aus den sterblichen Überresten eines ertrunkenen Mädchens eine Harfe gebaut, aus den feinen Knochen die Wirbel, aus den großen den Korpus, aus ihrem goldenen Haar die Saiten, und als er sie an den Königshof mitgebracht hatte, stellte er sie auf einen Stein. Da hatte die Harfe von selbst zu singen begonnen vor dem versammelten Hof, vor König und Königin, deren Leid es war, dass die jüngste ihrer drei Töchter eines Tages verschwunden war und es blieb bis auf jenen Tag. Und es sang die Harfe die Geschichte von dem Schwesternmord aus Eifersucht, mit der die älteste den Bräutigam der jüngsten begehrte, William, den sie dann auch zum Gemahl bekam: Der aber war vordem mit Laura, der jüngsten, verlobt gewesen. Da nun alle im Saal in dem Schwanengesang der Harfe die Stimme Lauras erkannten, ließ der zutiefst betrübte König die älteste Tochter zu Tode bringen und vermählte William Maria, der mittleren, die ja nun als einzige seiner drei Töchter übrig gebliebenen war. - William ist dann später, wie die Bücher berichten, in der Schlacht bei Angoulême gegen die Mauren gefallen, hatte aber einen Sohn hinterlassen, der dann ein großer König wurde, Christobal Juan Carlos, - und dessen Insignien, das CJC, die einem auch heute noch begegnen auf Schritt und Tritt, und das nicht nur in Andalusien.“

Sie stießen an, „Lydia“, sagte sie, „Bodo“, sagte er, und es gab ein Küsschen in der Mitte über dem breiten Tisch. Die Schrammelmusik war aufmerksam und spielte einen Tusch darauf. Ihm war das peinlich. Sie fand es prima. Beim sich Hinsetzen wieder stieß Bodo sein Weinglas um. Das Glas blieb heil, nur der Wein lief aus und über die Kante. Lydia war schon unterwegs zur Theke, kam bald zurück mit feuchtem Lappen und Trockentuch, er musste aufstehen, sie wischte an seiner Hose die Nässe weg, vorne, als ob da sonst nichts wäre als eben nur der Stoff, gab ihm das trockene Tuch in die Hand und wischte inzwischen den Tisch.
„Lydia, die Tüchtige“, huschte es Bodo durch den Sinn mit eingesprungenem Salto, „diese weibliche Art Tüchtigkeit mit dem Tunnelblick“. Von der Mann lernen könnte, Frau zu begreifen. Mit der sie das kleine Missgeschick, das doch nur dafür da war, die plötzlich übergeschwappte Nähe wieder ins Lot zu bringen, im Handumdrehen in eine intimere verwandelt hatte: So bin ich, wenn ich deine Frau bin. An der Theke besorgte sie frischen Wein und zwei Schmalzbrote. Damit machte sie wieder vieles gut. Manchmal trafen sich ihre Blicke. Lydia suchte in seinen Augen. Er war, schien ihr, weit weg. Da überraschte es sie, als er sagte:
„Sie haben eine lyrische Ader. Schreiben Sie auch Gedichte?“ -
„Ja, zuweilen. Mitunter lange nicht, und manchmal fahre ich weg, um dafür ungestört zu sein“. -
„Diesmal auch?“ -
Lydia suchte sich zusammen, und nach einer Weile sagte sie: „Wien, wissen Sie, es war selber ein Gedicht. .. Als es noch lebte. …
… In der jungen Sichel des Mondes sah ich dich liegen, mein lichtes Kind.“
Wieder blieb es eine Weile still. Lydia blickte, durch Bodo hindurch, vor sich hin. Dann sagte sie. „Es ist mein kürzestes. Und längstes. Sie wurde zehn Jahre alt.“ –
„Wurde?“ –
„Ja. Bianca starb mit zehn. Es war ein Gehirntumor.“ –
Wenig später, Bodo: „Schicksal. .. Schicksal, wer kann Dich begreifen? .. Du bist wie Natur. Grandios, und grandios grausam.“
Lydia: „Du bist wie Leben. Schreitest als Tod über das Leben hinweg zu dir selbst, zum Leben. … Sie hat die Welt um sich herum hell gemacht. Auch die meine.“
Bodo griff zum Weinglas, abwesend, trank nicht, stellte es behutsam zurück. Lydia hob das ihre, sie stießen an, die Gläser klangen zart. –
Der Fiedelmann von der Schrammelmusik war an ihren Tisch gekommen, nicht ahnend, dass er diesmal als störend empfunden werden könnte. Bodo fand Kleingeld in der Jackentasche, gab es ihm, sie erhielten zum Dank die Wiederholung des Hauptthemas aus dem Lied und eine Verneigung, dann konnten sie weitersprechen.
„Vielleicht kann das nur ein Kind“, griff Lydia den Gedanken wieder auf.
„Und musste darum so früh sterben?“, versuchte Bodo ihn fortzuführen, „Mir scheint, Sie haben uns auf eine Spur gebracht.“ –
„Sie meinen, Bianca hat uns auf die Spur gebracht.“, sagte Lydia, „Ich denke so schon lange .“
„Ja?“, fragte er, „Sind Sie auf der Spur geblieben?“
„Was meinen Sie damit?“, fragte Lydia zurück.
„Da lebt ein Gedanke in Ihnen. Da ist ein Weg, den ich nicht kenne. Sie erzählen mir von Ihrem Kind, es ist einen Weg gegangen, von dem ich spüre, das möchte ich nicht, mit zehn Jahren sterben. Aber Ihr Kind ist diesen Weg gegangen. Und Sie sagen, es hat Ihr Leben hell gemacht. Und ich spüre, das ist es, was mir fehlt. Kann nur ein Kind das so? Braucht es die kindliche Unschuld, oder könnte ein Mensch auch mit dem, was er nach der Kindheit wird, noch ein Licht sein in der Welt? Wissen Sie, das bewegt mich. Das ist doch eine ganz, ganz wichtige Frage. Die mir das anklingt und hatte noch nicht zum Wort gefunden. Und jetzt ist es da. Schicksal, das als Tod über das Leben hinwegschreitet zu sich selbst, zum Leben. - Bis an den Tod bin ich gekommen, weiter nicht. Ich will aber etwas tun in der Welt und habe gesehen, es wird nicht, es kommt nicht an. Ich kann es nicht mitteilen, ich kann’s selber noch nicht. Und da erzählen Sie mir von einem Menschen, der es kann. Darum frage ich nach.“
„Aber Sie fragen nach einem Schema“, sagte Lydia darauf, „Damit verstellen Sie sich von vorne herein alles.“
„Sie sehen da ein Schema darin?“ fragte Bodo.
„Diese Art von Wissenwollen“, gab sie darauf zur Antwort, „die der Kopf diktiert, hindert Sie am Erleben. Der will Begriffe haben aus den Begriffen selber. Da ist dann schon klar, dass Sie nicht weiter gekommen sind.“
Bodo fühlte sich der Sache noch gewachsen. „Mir scheint“, sagte er, „wir sollten einander aus der Schlinge helfen. Männer können nicht sich einfühlen, Frauen können nicht denken. Lassen wir das doch weg. Einfach weg. Und schauen nur, was wir finden. Nehmen wir unser Herz in die Hand und erzählen das Leben von Bianca weiter. Wie alt ist dann Bianca jetzt?“
„Nein, das will ich nicht“, sagte Lydia, „Sie haben sie ja nicht gekannt. Nein, ich will das nicht.“
Bodo sah die leise Hoffnung, sie könnte aus ihrem Erleben einen Gedanken gewonnen haben, davonhuschen:
„Na mir scheint, sagte er, „überhaupt liegen in dem, was Kinder tun, zwei Welten drinnen. Es ist nicht nur persönlich. In ihrer Eigenart bringen sie auch Aussagen mit in Bezug auf die Welt, in die sie hineinwachsen. Ihre Welt sind wir. Für uns sind da solche Aussagen dabei, die uns gar nicht gefallen. Darum geben wir uns auch keine Mühe, sie zu verstehen. Wir halten die Kinder für nichtsnutzig und verwöhnt, das drängt sich auch auf. Und Bianca, war sie nicht wie aus einer anderen Welt? Und war doch Mensch; Mehr Mensch als wir es sind, nicht wahr? Und ist gestorben an der Schwelle zum Eintritt in diese Welt. Ein lichtes Wesen, gekommen um zu zeigen: In einer Welt, wie sie heute ist, kann Licht nicht leben.“
„Denken Sie denn alles immer ins Negative?“, fragte Lydia.
„Das ist nicht negativ gedacht“, sagte er, „Ich suche in den Dingen, was sie zu bedeuten haben. Und weil beim Kind immer der ganze Mensch schon da ist, nur eben in kindlicher Gestalt, stelle ich mir die Frage, was der ganze Mensch tut als Kind. Da ist eine Logik drin, muss eine Logik drinnen sein, nach der suche ich. Die Kinder sind gescheiter auf ihre Art als wir. Und sind wahrhaft. – Die Verwöhnten und Nichtsnutzigen sind in Wahrheit wir, und sie machen uns das anschaulich.“
„Aber doch Bianca nicht!“, wehrte sich Lydia, „Da scheint einmal die Sonne und Sie beklagen den Schatten!“
„Ob nicht alle Kinder sterben mit zehn“, fuhr Bodo fort, „Auf die Spur dieser Frage bringt mich, was Sie mir von Bianca gesagt haben. Dass wir den Menschen ganz anschauen; Und das Kind als Menschen im Vollbesitz seines Geistes. Dass wir uns Bianca vorstellen aus sich selber heraus. Erfüllt von einer Idee und dem Willen aus der Idee. Wie sie da als eine Persönlichkeit herankommt an die Prozedur zu einem Erdenleben, sehend wie es sich darstellt, wissend, was dieses Erdendasein nötig hat. Sie anschauen als eine Persönlichkeit, die in sich das alles aufgenommen hat, die im Wissen alles dessen und eben darum in der Welt auftreten will. Die entschlossen ist, das hereinzutragen in dieses Heute, die Idee und das Licht der Idee. Die aus Liebe das will. Unbeeindruckt von dem Sturz in die Nacht, der ihr bevorsteht. Und wird Mensch und wird geboren, es erscheint ein Kind mit Genialität und mit Charisma, und sein Licht scheint in die Finsternis. Stahlbeton der Boden, Gehetze nach Erfolg die Welt. Rasende Räder das Leben. Keine Zeit. Schon gar nicht für einen großen Gedanken, und noch einmal schon gar nicht einen in Gestalt eines kleinen Mädchens.“
„Reden Sie jetzt von Bianca?“, fragte Lydia, „Wie ein Wasserfall von jemandem, den Sie gar nicht gekannt haben. Mich befremdet das. Wenn Sie verstehen.“
„Aber das ist doch der Mensch!“, rief Bodo, und das gemütliche Lokal flog auseinander und Nacht war und grinste ihn hämisch an. Und er schrie in diese verdammte allmächtig schwarze Nacht: „Ja! Das ist der Mensch! Erfüllt von der Idee und dem Willen aus der Idee! Alles Andere schenk ich dir! Friss es und erstick daran, von mir aus!“ Dann riss er die Notbremse.
„Ignoro ergo non sum“, sagte er.
„Das war aber nicht spanisch jetzt?“, fragte sie.
„Nein, philosophisch“, sagte er. „Descartes ist misslungen. Denken, wozu auch? Es ist zu schwierig. Schauen wir doch einfach weg.“
„Aber jetzt sind Sie beleidigt“, sagte sie und er tat ihr kein bisschen leid.
„Wir haben da zwei Dinge“, sagte er, „Die Erfahrung und das Denken über die Erfahrung. Sind die nicht etwa zwei Seiten von Ein- und Demselben?“ –
Lydia sprang auf innerlich: „Nicht so! Der Kopf ist rund, damit man ihn drehen kann. Du hast ihn noch verkehrt herum auf. – Verzeihen Sie..“ Und lachte plötzlich.
Bodo schaute sie an so entsetzt, dass sie beinahe erschrak. „Nein“, sagte sie noch mit Schmunzeln, „mir ist nur der eine Bobby-Witz eingefallen.“ –
„ ? “ –
„Na der, wo der Graf Rudi den Bobby antrifft bei Nacht, und der sucht etwas unter der Straßenlaterne. – Sie kennen den schon, nicht wahr?“ … „Nein? Also der Rudi fragt ihn, was er denn sucht. Na meinen Haustürschlüssel, antwortet der Bobby. Hast du ihn hier verloren, da bei der Laterne?, fragt der Rudi ihn. Nein, sagt der Bobby, ich wollt´ grad aufsperren, da ist er mir aus der Hand gefallen. - Ja aber dann musst du ihn doch dort suchen, bei der Türe. – Schon, sagt der Bobby, aber dort ist es ja total dunkel, dort seh´ ich doch nix.- “
Bodo verstand Bahnhof. Das hielt Lydia in Fahrt.
„Ich weiß schon“, sagte sie, „das gehört zu den Sachen, mit denen man Männer voll in die Wüste schicken kann. Das eine ist, wenn man einem sagt, „du bist als Liebhaber eine Niete“, und das andere, „Such nicht. Das Suchen hält vom Finden ab“ –.“
Bodo schaute sein Weinglas an, drehte an dem zarten Stiel herum und sagte, es war gemurmelt, „Man wird sehen.“
„Eben nicht“, sagte Lydia, „Nichts wird man sehen. Weil der Schlüssel dort liegt, wo es total finster ist, verstehen Sie? – Da muss man hinunter auf die Knie und den Boden abtasten. Begreifen muss man. Sehen kann man nichts und wird man nichts. “
Da ist wieder einmal eine, dachte Bodo, die hat blindlings Courage.
Lydia hob ihr Glas:
„Jetzt kommen´S. Sind´S kein Meilenstein auf der via Appia. Vom Beleidigtsein wird’s auch nicht besser.“
Er stand auf: „Fürs Beleidigtsein bin ich nicht mehr blöd genug. Aber fürs Hoffen. Das müsst´ ich mir noch abgewöhnen. – Ich fahr jetzt. Wenn Sie mitkommen wollen, bring ich Sie nach Haus.“
„Na den Abend verderben“, sagte sie, „wollte ich Ihnen nun auch wieder .. nicht.“ Sie stand nun auch auf und ging ihm nach.
Draußen war es sehr frisch. An den Autos liefen die Scheiben schon an. Er stand, die Arme verschränkt, an seinen Wagen gelehnt. Sie sagte ihm, dass sie noch bezahlen und ihre Jacke holen will. Bezahlt war ja schon. Er wollte plötzlich eine Zigarette, überlegte, ob es nicht auch ohne geht, ging wieder zum Lokal. Sie kam ihm entgegen. Er ließ die Zigaretten sein und ging mit ihr zurück zum Wagen. Im Auto erinnerte sich Lydia an den Friedhof und fing an, ihm zu erzählen, dass sie dort etwas Seltsames erlebt hatte, heute am Nachmittag.
„Alle Anderen machen es besser als ich“, sagte er, „Es ist nicht leicht, konsequent zu sein in eigenen Dingen. Man muss zum Mörder der eigenen Liebe werden, bevor sie sich erbarmt.“
Lydia verstand nicht: „Von wem sprechen Sie?“
„Schauen Sie“, sagte er, „gleich da, hoch über uns steht Bianca. Sie hat es geschafft.“
„Was geschafft?“, fragte Lydia.
„Über sich zu verfügen. Über sich zu stehen. Man muss sich mit dem Tod befreunden.“
„O nein!“, sagte Lydia sehr bestimmt. Er ging ihr nun doch auf die Nerven, „Sie hat genauso gern gelebt wie wir.“
„Eben“, sagte Bodo, „Es ist nicht leicht.“
„Was wissen Sie schon vom Sterbenmüssen“, sagte sie kalt.
„Zu viel zu wenig.“, sagte Bodo, „Man lebt im Totenhaus und findet den Hausherren nicht. Weil man ihn zu sehr fürchtet.“
„Was ist denn auf einmal los mit Ihnen?“, fragte Lydia ärgerlich, „Vertragen sie den Alkohol nicht?“
„Man müsste den Leuten so oft aufs Maul hauen, bis sie sich bequemen zu denken, bevor sie es auftun. Ich glaube, das könnte helfen“, sagte er.
Lydia spürte, sie war ihm irgendwo ins Frettnäpfchen getreten und sagte nichts mehr. Als sie an ihrem Hotel angekommen waren, schlug sie dann dennoch vor, sich ins Haus zu begeben, man könne noch einen Espresso bekommen, und Bodo fand den Vorschlag gut. Auf dem kurzen Weg zum Hoteleingang stieg ihm, er wusste nicht von woher, das nächtliche Bild auf von einem großen Gewächstopf aus gebranntem Ton, unglasiert, leer, mit Resten vertrockneter Erde darin und vergilbtem Laub. Der Portier dann, ein junger Ägypter, schien mit der größten Freude ihnen den Espresso bereiten zu dürfen und pries ihn auch an als den besten in der ganzen Stadt. Der Espresso war dann auch tatsächlich schön sämig und stark. Lydia wirkte dennoch einwenig erschöpft. Der strahlende junge Mann und seine heitere Philosophie vom Kaffeezubereiten hoben die Stimmung wieder, und ehe man sich gute Nacht sagte, ging Lydia noch einmal auf Victor ein und seine Brücke. Sie werde im Volksmund der Sevillaner „der steife Schwan“ genannt und die Leute sagen dazu, Der arme Schwan, warum hat man ihm eine Eisenstange in den Hals gesteckt?
„Der Schwan, und die Harfe aus dem Schwan, nicht wahr, und auch die Ballade selber, die haben den Bogen gemeinsam.“ sagte sie an der Theke zu Bodo, „Der neigt sich, der gibt der Spannung nach. Die beugt ihn, und weil er nachgibt, hält er ihr stand und geht in die Wandlung. Ich glaube, Ihr Freund ist gestorben, weil er das nicht gefunden hat.“ –
Im Wagen dann, schon auf der Heimfahrt, fiel Bodo ein, er hatte vergessen, mit Lydia die Formalitäten zu besprechen, wie sie wieder zu ihrem Auto kommen würde morgen, das heißt, heute, es war ja schon gegen zwei Uhr. Zwei Uhr elf etwa oder zwölf. Er kehrte um, hinterließ bei dem charmanten Portier die nötige Nachricht für sie, ließ sich von ihm zu einem zweiten Espresso verführen und kam mit ihm ins Gespräch, das vom Kaffee über Sekem führte zur Verwirklichung des christlichen Humanismus in der sozialen Ordnung, wie dies Ibrahim Abuleish - auch ein Ibrahim - mit seiner Sekembewegung zu unternehmen begonnen hatte. Ibrahim, der junge Portier, hatte von Sekem, das ja nicht sehr weit von Kairo entfernt in der Wüste liegt, schon einmal etwas gehört, ihm war aber das Nähere nicht bekannt gewesen, und nach Ägypten wollte er mit Sicherheit nicht mehr zurück, trotzdem es dort selten so kalt war wie hier. Bodo setzte Ibrahim auseinander, wie Sekem nicht dessen heimatliches Land sei sondern in seiner Heimat eine vollkommen neue Welt, aber das ging dem lieben Jungen nun doch nicht ein. Er kenne sein Land und seine Leute, er bleibe lieber hier.

Ja, das war es dann wieder. Bodo fuhr nach Hause, es war schon gegen vier, und als er beim großen Hallenbad abbiegen wollte, sah er eine Frau stehen auf einer einsamen Insel inmitten der weiten, leeren Nacht, allein in dem feucht glänzenden Meer aus Asphalt und Chlorlicht, von ordnungstollen Ampeln streng bewacht. Er hielt an, stieg aus und fragte sie nach ihrem Warum. Die Frau war jung, sprach kaum die Sprache, hielt die Frage für eine, die sie kannte, kam einfach mit, stieg ein und roch nach Rauch und Alkohol. Sie hatte ein Kondom dabei, benahm sich natürlich und lieb und bestand anschließend darauf, die Wohnung zu verlassen, obwohl er ihr ein freies Zimmer zur Nächtigung anbot.
Bodo brachte die junge Frau zurück auf ihre einsame Insel. Dort musste sie warten. Warten auf Godot. Es kommt nicht darauf an, ob man ein paar Schritte machen kann. Was sich denken lässt, oder eben nicht denken lässt, was jemand zu denken vermag und was ihm zu denken nicht möglich ist, das bestimmt ihn. Es hat, was sich denken ließe, was gedacht werden müsste und nicht gedacht wird, Zwänge zur Folge. Oder Süchte. Etwas, das tyrannisiert.


II


Auf dem kurzen Rückweg sah er groß den leeren Gewächstopf wieder vor sich. Er war jetzt blaugrün glasiert und stand unter Spannung. Bodo machte sich darauf gefasst, dass er jeden Moment platzen würde mit einem Knall. Das fand nicht statt. Aber das Singen in seinen Ohren, wie heute am Grab. Also gestern inzwischen. Kurz bevor er unter der Eisenbahnbrücke durchkam, hielt er erneut an, stellte den Wagen am Straßenrand ab und ging zu Fuß weiter. Das Wetter hatte umgeschlagen, eine Südströmung vermutlich, die Luft war trocken und warm geworden wie in einer Sommernacht. Derlei Überraschungen liebte er. Wenn doch die Menschen auch solche Wandlungen mitmachen wollten, sie kämen aus ihrer Starre heraus, dachte sein Herz. Der schwüle Wind benahm sich etwas böig, aber noch nicht unangenehm. In einen Fahrweg mit tiefen Furchen bog er ein, der Wind kräuselte das Wasser in den länglichen Pfützen. Der Weg stieg allmählich an und führte dann oben am breiten Bahndamm an den Geleisen entlang. Weiter vorne sah er im Schein der gelbroten Lichterflut des großen Verschiebebahnhofs - das Gequietsche von Eisen auf Eisen war trotz der Windlage von dort her bereits zu hören - tief hängendes Gewölk schräg ziehen nach Nordost. Es schien, da oben ging der Wind ordentlich. Näher der riesigen Anlage kam er an den ersten Gebäuden vorbei, Remisen und Lagerhallen der vorigen Jahrhundertwende, typische Ziegelbauten jener Zeit, klassische Handwerkerkunst, er sah auch noch die vielen verstaubten Bierflaschen der Maurer herumstehen und liegen, also nicht wirklich, aber sie fehlten im Ensemble nicht, natürlich. Manche der Gebäude standen dunkel, bei anderen fiel durch verstaubte Fensterscheiben fahles Neonlicht. Menschen sah er nicht, aber die Zahl der geparkten Autos zeigte, hier war voller Betrieb. Nach mehreren langen Lagerhallen dann, an einem modernen Gebäude mit großen, hell erleuchteten Fenstern im Hochparterre, breiter Steintreppe und Vollglastüren am Haupteingang, endete der Fahrweg am vollgestellten Parkplatz. Bodo betrat das Gebäude. An Aushängen im Flur fanden sich Dienstanweisungen, Sicherheitsvorschriften, betriebliche Mitteilungen. Ein junger Mann im blauen Arbeitsmantel und mit einer großen schwarzen Ledertasche am Schulterriemen fragte ihn, ob er ihm helfen könne. Bodo erkundigte sich nach Robert. Ein zweiter Bahnbediensteter kam dazu, den fragte der:
„Der Robert war doch gerade da?“ –
„Der Kandl? Ja, der hat den 13456. Der ist gerade weg. Also wenn Sie die Unterführung nehmen, drüben beim Drehkranz am 3er-Block steht die 1020.41. Die rüstet er auf. Den müssten Sie noch erwischen.“
Bodo bedankte sich und wandte sich zum Gehen.
„Wenn Sie den hinteren Ausgang nehmen, sind Sie schneller“, half ihm der junge Mann weiter.
Bodo nahm den hinteren Ausgang, sah beim Verlassen des Gebäudes auch gleich den Abgang zur Unterführung, lief die schmale Treppe hinunter in den schmalen, schlecht beleuchteten Durchgang, dessen Betreten ein Schild für betriebsfremde Personen untersagte, und wusste selbst nicht, weshalb er sich plötzlich so beeilte. In der langen Unterführung, sie machte irgendwann einen Knick und ging dann noch länger weiter als bis zu diesem Punkt, stand feuchte, modrige Luft. Die Wände hatten, wenn überhaupt jemals, schon sehr lange keine Farbe mehr gesehen. Als Bodo am anderen Ende glücklich wieder in die Nacht hinauf kam, fand er sich mitten in einem Meer von Geleisen, teils bestanden von Wagenverbänden, teils rollten Waggons dahin, fuhren plötzlich kreischend auf Bremsschuhe auf, da und dort blitzte die Arbeitsleuchte eines Verschiebers, und Arbeitsrufe schnitten sich durch das forte des eisernen
Quietschkonzertes rundum.

Zu den Rundbauten der Lokhallen an den Drehkränzen musste er einige Geleise überqueren; die plötzlich hellwache Aufmerksamkeit, mit der er dies unternahm, machte ihm überraschend deutlich bewusst, wie lieb ihm sein Leben doch ist. In diesem Bereich wurden keine Waggons verschoben. Hier fuhren nur die Loks von und zu den Remisen. Es standen da etwa so viele Lokomotiven herum wie drüben Autos auf den Parkplätzen. Die moderneren kannte Bodo nicht mehr aus einander, aber die 1020 war leicht von den anderen zu unterscheiden. Das war die alte schwere Güterzuglok von Siemens, eine C´-C´, das heißt, sie hatte zwei Drehgestelle mit je drei Antriebsachsen, und das charakteristische an der Lok waren die beiden großen Vorbauten vorne und hinten, mit einander verbunden durch einen nach unten gewölbten Brückenrahmen unter dem Mittelteil, wodurch die Lok eine gefällige, wohlproportioniert symmetrische Form bekam. Es saßen der höhere Mittelbau auf dem Brückenrahmen und die beiden Vorbauten auf ihren Drehgestellen, die schwenkten in den Kurven mit. Dafür hatte der Mittelteil die Ecken etwas abgeschrägt, und zusammen mit den seitlichen Wölbungen des vorstehenden Daches über den dreiteiligen Frontscheiben erschien die 1020 als das Urbild einer mächtigen E-Lok.

Bei einer von diesen, es standen vier davon da oder mehr, waren die Scheinwerfer an und es ging gerade der Bügel hoch und federte sich blitzend in Stellung. Die Pressluftpumpen brummten los, dann liefen auch die Lüfter an. Die Lok war nun bald fahrbereit. Als Bodo sie erreicht hatte, fuhr sie gerade an, und er las am Typenschild 1020.41. Leicht möglich, dass Robert ihn nicht gesehen hatte, ebenso leicht möglich, dass er ihn einfach nicht gesehen haben wollte, denn es war so gut wie sicher, dass man ihm per Funk mitgeteilt hatte, jemand, und der Beschreibung nach konnte es nur Bodo sein, befinde sich auf dem Weg zu ihm. Früher hatte Robert ihn gelegentlich auf einer Lok mitgenommen, die Spannungen zwischen ihnen waren jüngeren Datums. Vor allem konnte Robert nicht verstehen, wie er, Bodo, sich vom Utopia hatte zurückziehen können. Die Linken begreifen zu wollen hatte er aufgegeben. Die kann kein Mensch begreifen. Für seinen Begriff hatte Philosophieren mit dem wirklichen Leben gar nichts zu tun, für das wirkliche Leben braucht man Erfahrung und Hausverstand. Das Hinterfragen der Dinge, wem nützt das schon. Es verdirbt nur die Lebenslust und den Magen:
„Ändern – ja, mit dem Utopia hättest du etwas ändern können,“ war Rolands Überzeugung, „aber jetzt änderst du nichts mehr. Du nicht.“

Ein Windstoß fegte Bodo eine dicke Staubwolke ins Gesicht, es wurde ungemütlich da im Freien, der Höhensturm hatte sich bis herunter durchgefräst. Roland stand mit der Lok unweit an einem Verbschubsignal, Bodo hätte ihn locker erreichen können, entschied sich aber dazu, seine spontane Absicht fallen zu lassen und lieber endlich nach Hause zu gehen. Ein fernes Dröhnen wie von einem Bombergeschwader trug der Sturm heran, in der Stadt heulten die Sirenen los, alle. Bodo machte sich aus dem Staub. Er querte die Geleise, diesmal achtlos, lief die Stufen in die finstere Unterführung hinunter und rannte sie die ganze Länge durch. Als er drüben wieder auftauchte, heulten die Sirenen noch immer. Sie liefen auf Dauerton. Das bedeutet allgemeine Warnung. Bodo setzte zu einem Dauerlauf an, in dem Gebäude der Lokführer hätte er vielleicht erfahren können, was der Grund war für die Warnung, aber in zwei, drei Minuten hätte er schon seinen Wagen erreicht und wäre in weiteren zehn Minuten zuhause. Dachte er.

Als die Hagelfront das Bahngelände erreichte und alles, was aus Glas ist, in Stücke schlug, hatte Roland auf der Lok, als die Scheiben brachen und das Inferno hereinfegte auf den Führerstand, die Geistesgegenwart, den Hauptschalter herunterzureissen und den Bügel vom Fahrdraht zu nehmen, bevor er auf den hinteren Führerstand flüchtete. Bodo war schon ein Stück weiter und konnte sich gerade noch in den Schutz eines der alten Ziegelbauten retten. Die verstaubte, schwere Türe stand nur angelehnt, er fiel wortwörtlich mit der Türe ins Haus. Hustend stand er auf und klopfte sich den Staub vom Anzug, den er nicht sah. Es war stockdunkel in dem Gebäude. Draußen begann ein schauriges Schauspiel. Durch die dichte Wand aus Hagel wanderten grelle Lichter, blaue, hellrote, gelbe, und durch den Lärm aus Geprassel und Sirenenheulen hörte er das Krachen von beschädigten Isolatoren. Dann plötzlich war der ganze Wolkenbruch feuerrot erleuchtet. Er sehe ein Vorspiel zum Weltuntergang, dachte Bodo, aber weiter nicht. Ein ätzend scharfer Geruch erfüllte die Luft. Bodo, als er kein Taschentuch fand, riss sich das Hemd aus der Hose, hielt es hinaus in den Hagel, der schlug unglaublich zu, und presste sich den nassen Hemdzipfel gegen Mund und Nase. Es half einwenig, aber nicht genug. Bodo zwang sich, dem Hustenreiz nicht nachzugeben. Es war ein Kampf auf Leben und Tod. Die Dämpfe waren stechend, der Husten hätte nicht mehr aufgehört und ihm Hals und Lunge verätzt. Mit der freien Hand fing er an, die Wand entlang zu tasten in der Hoffnung, er könne in einen inneren Raum gelangen, der vielleicht die Rettung bot. Der Vorraum, stellte er fest im gespenstischen Lichtschein wohl einer weiteren Explosion, war angestellt mit Gerüstelementen, frei davon blieb der Aufgang zur Treppe. Bodo tastete sich die Stufen hinauf, es gab drei Absätze um die Ecke. Es schien, die scharfen Dämpfe waren schwer und blieben am Boden unten, nach ein paar Stufen schon wurde es deutlich besser, er klopfte sich erneut den Anzug aus und tastete sich weiter hinauf. Ein Getöse herrschte draußen, in dem er die verschiedenen Geräusche nicht mehr zu unterscheiden vermochte. Möglich, dass an dem Gebäude das Dach schon beschädigt war, es kam Wasser zur Treppe und platschte auch von der Empore hinunter, es war in wenigen Augenblicken zu einem Bach geworden. Man kann also auch einen privaten Wasserfall haben, dachte Bodo, und wünschte ihn sich hübsch beleuchtet. Die Haut im Gesicht begann ihm zu brennen, er wischte sie mehrmals feucht ab, davon wurde es besser, die einen haben Sonnenbrand in Jamaika, die anderen brennt es ohne Sonne, er jedenfalls war froh, atmen zu können. Er stand jetzt auf dem dritten Absatz der Treppe, weiter hinauf zu gehen war eine Frage von Lust auf Badevergnügen. Es folgte ein gedehntes Miau einer stark vergrößerten Katze, dann erbebte das Gebäude von Stößen, es gab ein grässliches Knirschen direkt über ihm und Schleifgeräusche. Etwas, spürte er, rann ihm warm die Beine hinab. Er hatte sich tatsächlich in die Hosen gemacht vor Schrecken. Der Einbruch, wahrscheinlich war es ein Stück Dachstuhl gewesen, endete so abrupt wie er begonnen hatte, es geschah nichts weiter. Dennoch hielt sich Bodo noch eine geraume Weile wie angeschraubt auf der Stelle. Allein bei dem Gedanke daran, sich zur Wand hinzubewegen, hob sich ihm der Magen. Erst als es schon deutlich tagte, er konnte in dem Treppenhaus allmählich etwas sehen, gelang es ihm, den Zustand zu überwinden.

Bodo machte den Versuch, das Haus zu verlassen. Jede Bewegung war eklig unangenehm an den Beinen. Der Sturm hatte die Giftgase verweht, es tagte. Den Hagel ersetzte eine Sintflut, es goss wie aus Kübeln. Für den Rückweg zum Auto brauchte er lange. Das bisschen Kleidung am Leib bot so gut wie gar keinen Schutz, das Wasser rann ihm von oben nach überall einfach durch. Wie in einer Autowaschstraße. In voller Montur unter die Dusche gestellt hatte er sich zuletzt beim Militär; Bei einer Winterübung war er vom Seil in den Bach gefallen, und da war ihm dann der Kampfanzug auf der Haut steifgefroren. Dafür war die Dusche danach nicht eiskalt, so wie diese jetzt. Das Stapfen durch den Hagelgrieß, durch Wasser und Schlamm kostete sehr viel Kraft. Endlich vorne an der Straße, Hagel lag da keiner mehr, es war nur noch alles Wasser, kaltes, er selber auch, schaute er, zitternd vor Erschöpfung und Kälte, einem dampfenden Verkehrschaos zu. Endlich bei seinem Wagen dann, der war unbeschädigt geblieben, holte er den Schlüssel aus dem Sumpf in seiner Hosentasche, schloss auf, schälte sich sein triefendes Gewand vom Leib, alles, und ließ das Zeug hinter dem Zaun in den Straßengraben fallen, bevor er einstieg. Die Ledersitze waren scheußlich kalt, die Scheiben liefen sofort an, wegfahren konnte er nicht, es standen die Kolonnen in beide Richtungen. Bis der Motor warm gelaufen war und die Ahnung einer Warmluft abgab, saß er schlotternd hinter dem Lenkrad. Später suchte er im Handschuhfach, ihn fror erbärmlich, nach der Schachtel Zigaretten, die da drinnen noch liegen mussten; Seit Jahren, als er sich das Rauchen in einem Gewaltakt verboten hatte, lagen die da drinnen. Sie waren noch da. Es waren 3er, eine grässliche Sorte die es nicht mehr gab, flach und filterlos, er steckte sich eine an und sie schmeckte passend zu den Umständen. Tatsächlich kam Warmluft aus den Düsen, Bodo stellte den Lüfter an, musste kräftig husten, drehte die Scheibe an der Tür einen Spalt weit auf. Das Leben kam zurück. Das Leben ist Wärme. Dann fiel ihm ein, es musste sich in seinem Anzug noch die Kartenhülle befinden mit Kreditkarte, Führerschein und so weiter. Also er musste sich mit dem Gedanken anfreunden, noch einmal hinaus zu müssen in die kalte Dusche. Wie er das anstellen würde, er war ja nackt, überlegte er sich beim Rauchen. Das stellte er an wie immer, nur langsamer. Er dachte sich als jemand anderer. Der andere sieht dann, wie aus einem Auto jemand aussteigt, der nichts anhat, der tatsächlich in dem Regen splitternackt ums Auto herum zum Gehsteig geht, über den Zaun klettert, etwas einsammelt und damit wieder einsteigt. Nun denn. Weltuntergang ist das keiner. Er stieg aus, ging um das Auto herum zum Gehsteig, kletterte über den Zaun, sammelte seine Klamotten wieder ein, stieg über den Zaun zurück und warf das nasse Zeug in den Kofferraum. Ein Visitenkärtchen fiel heraus, auch nass und durchweicht, Bodo warf einen Blick darauf.
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Als er wieder im Wagen saß, wiederum schlotternd und platschnass, war der schon gut warm. Es roch einwenig nach Rauch drinnen, er wischte sich die Hände ab so gut es ging und zündete sich noch eine 3er an. Die Kälte schüttelte ihn, es war ein kleiner Kampf, mit dem Zigarettenanzünder die Zigarette zu treffen, und die war auch schon nass geworden. Das Radio ließ er unberührt. Die Kraft, sich mit der aktuellen Demagogie auseinanderzusetzen, hatte er noch nicht wieder. Und was noch? Dass der Wettersturz die Stadt in ein Chaos verwandelt und womöglich Menschenleben gefordert hatte, musste er sich nicht eigens berichten lassen. Er hätte um ein Haar sich selber zu den Todesopfern rechnen können. Sein dritter Eintritt ins Leben sozusagen war dem ersten nicht so ganz unähnlich. An den konnte er sich zwar nicht direkt erinnern, aber es gab in ihm ein Bild aus dieser Zeit, also eines, das von wenig vorher oder nachher stammen musste.
Es war das Bild seiner Mutter.

Er sah sie sitzend über sich, in ihrer blauen, langen Leinenschürze, in der er sie später kannte an Tagen, da es nach Reinlichkeit roch zuhause, wo sie die Fußböden geschrubbt hatte oder die Wäsche in Arbeit, wenn er von der Schule heimkam. In jenem ersten Bild von seiner Mutter war davon noch nichts vorhanden, nichts von irdischen Dingen. Da saß sie umgeben von warmer Dunkelheit, aus der sich ihre liebe Gestalt zart leuchtend heraushob. Die irdischen Dinge sah er als ganz kleines Kind noch nicht. Es war das schwarze Eck, das manches Mal, wenn dieses erste Bild seiner Mutter in ihm aufstieg, etwas von ihr wegschnitt, vermutlich die Ecke eines Tisches. Wenn es so ist, stammte das Bild natürlich aus der Zeit nach seiner Geburt. Dieses Mal war es ohne die Tischkante, also ohne dieses Eck. Letztlich war es auch unwichtig, ob mit oder ohne Eck. Ein irdisches Bild war es so nicht und so nicht; es konnte gar nicht eines sein, die irdischen Dinge kamen erst später dazu, mischten sich unter die anderen, und er lernte sie allmählich erst auseinander zu halten dadurch, dass die irdischen Bilder auch von körperlichen Erfahrungen begleitet waren, dass zum Beispiel die schöne Farbe von dem Bahrkettfußboden hart war. Oft ließen sie sich auch dadurch unterscheiden, dass sie scharf umrissene, dingliche Formen haben. Auch erinnerte er sich daran, wie die glänzenden, gedrechselten Beine von Mamas Psyche und von Vaters Flügel seine Augen stundenlang beschäftigten. Oder die feierliche Quaste an dem gezopften Brokatknoten vom Petrusschlüssel an dem großen Schlafzimmerschrank, aus dem Mama immer die feinen, frisch duftenden Sachen holte, die sie ihm dann anzog. Das war aber aus einer späteren Zeit wiederum, wo er schon laufen konnte. Das laufen Lernen machte eigentlich den großen Unterschied dann aus. Vorher war er ja in einer Zwischenwelt sozusagen. Da ist die Umwelt noch nicht wichtig, da lebt man in Zuständen. Auch die Zeit spielt noch keine Rolle. Die Zustände haben ihre eigene Zeit. Die fürchterlichen Zustände unter ihnen sind gelöscht, sowie sie aufgehört haben. Sie kommen und gehen wie die anderen Zustände, ohne Unterschied. Es reihen sich die Befindlichkeiten an einander, auch durch einander, sie haben nicht eine Wertigkeit unter einander, sie sind wie sie sind. Das ist die Erfahrung des Raumes, die man da macht als ganz keines Kind. Wo die Dinge, erlebt in Zuständen, gleichwertig nebeneinander dasind, und eine Zuordnung zu einander ist noch nicht da. Die Zustände selber sind aber sehr wohl sehr verschieden. Bodo hatte im Laufe der Zeit, es gab ja nicht oft Gelegenheit, sich mit seinem frühkindlichen Leben zu beschäftigen, sie in drei Kategorien gebündelt. Eine der drei Kategorien war die geteilte in jenseits und diesseits, die der freien oder freilassenden Zustände, ein Bündel ergab sich durch die bedürftigen, und eines durch die neuen, die von außen kommenden.

Das mittlere davon, die bedürftigen Zustände, waren die qualvoll unfreien, sie kamen vom Leib her, und ihre Befriedigung hatte er erlebt jedes Mal neu als die Errettung seines ganzen Wesens. Als ein Säugling lebt man wirklich noch Tür an Tür mit dem Tod, und davon, ob man die Milch zu trinken bekommt, ist nicht der Hunger nur betroffen sondern man taucht ja ein in den Hunger als in eine Krise mit seinem ganzen Dasein. Und wenn man dann trinken kann, erlebt man sich wiedergewonnen als der ganze Mensch, der man ist. Davon erlebt man sich errettet und bestätigt und endlich willkommengeheißen auch. Darum beseligt das so sehr, weil man vorher mit seinem ganzen Wesen am Abgrund war. Natürlich hängen die Dinge auch zusammen. Als Säugling bist du ja deiner Umwelt bedingungslos ausgeliefert, aber mit den Bedürfnissen nicht der Welt der Dinge sondern den Wesen deiner Umwelt, und das Wesen, das dir die ganze Welt bildet, ist da deine Mutter. Sie ist es, die mit ihrem ganzen Wesen den Übergang dir erschafft von vorher ins irdische Dasein. Aus dem Vorher bist du herausgeboren, das Vorher hat dich verabschiedet, und das Bejahtsein, in dem du da gelebt hast, das bringt nun nahtlos deine Mutter dir entgegen. Du fällst in die Geburt aus deinem Vorher, aber du fällst nie aus der Liebe.

Als ein so kleines Kind lebt man ganz in sich, und was man weiß, ist in den Zuständen enthalten. Und wenn der Zustand wieder ein erretteter ist, der vorangegangene ist dann gelöscht, ist man mit sich in einer Zwischenwelt. Da sind die Grenzen von hier und dort, von Wachen und Träumen und Schlafen noch weich, die Bilder vermischen sich unter einander, aber sie sind doch selber wiederum ganz verschiedene. Es gibt da Bilder, die bringt man mit aus dem Vorher, aber es sind nur die Bilder noch; Die Wesen, als deren Bild man sie hat, sind zurückgeblieben dort, von wo man herkommt. Da erlebt man sich frei dann in der Umgebung dieser Bilder, und Bodo konnte sich gut erinnern an manche davon und an dieses Erlebnis des Freiseins an ihnen. Das aber nicht davon kommt, dass es Bilder der Freiheit sind, sondern davon, dass es nur die Bilder alleine noch sind und die Bestimmung aus ihnen nicht mehr wirksam ist, diese Bilder lassen frei. Mit ihnen lebt man in Frieden. Sodass der Frieden und das Zufriedensein die Art des Dankes ist, die der Mensch den Wesen spendet, die mit ihm alles das erarbeitet haben, was er braucht, um Mensch werden zu können.

Und andere Bilder gibt es, da sind die Bilder nur das Beiwerk für das Erleben, das man durchmacht. Wie ein Nachholunterricht sind die, damit man ja nicht vergessen soll, was das Wesentliche ist und sein wird für dieses angetretene Erdenleben jetzt. Diese Bilder sind eindrucksstark, und Bodo hatte sie jederzeit noch zur Verfügung. Eines davon war, dass er sich wie eine Nussschale im mächtig bewegten Meer befand, und ein Wellenberg nach dem anderen rollte heran. Daran das Besondere war, dass jede der Wellen einen anderen Geschmack hatte, immer ganz verschieden von der, die da war, und er musste sich dem Geschmack der Welle nicht nur aussetzen sondern sich ganz einen damit. Dann kam die nächste Welle und kündigte ihren andersartigen, ganz anderen Geschmack an, und es ging wieder darum, jetzt den gewonnenen Geschmack zu verlassen und sich auf diesen neuen da einzustellen, und es dauerte ja immer nicht lange, bis die Welle ganz da war. Und hatte er das geschafft, jetzt sich diesem neuen Geschmack zu verbinden, kam schon die nächste Welle daher mit wieder einem völlig anderen Geschmack, sodass er das gerade Erreichte wieder verlassen musste und sich umwandeln, damit er mit diesem nächsten Geschmack wiederum sich verbinden würde können, und darauf folgte schon die nächste Welle mit ihrem Geschmack, und so weiter und so weiter. Das ging auch lange so dahin, und er wachte dann ganz erschöpft von den Anstrengungen auf. Und wenn Bodo, wie gerade jetzt wieder, sich daran erinnerte und sich fragte, wofür ihm diese Erlebnisse als Kleinkind gegeben waren, also in diesem Fall fasste er es so auf, dass er nicht ein guter Koch zu werden hatte, sondern es war eine Übung, sich auf die Verschiedenart der Menschen einstellen zu können, mit denen er zu tun haben werde, und nicht nur sich auf sie einzustellen, sondern um wirklich mit ihnen sich verbinden zu können. Das zum einen. Zum anderen war die Übung leicht verständlich dazu da, dass er an gewonnenen Lebensverhältnissen nicht sich festzuhalten hatte, dass er sich aus dem, was erreicht war, zu lösen hatte und sich Neuem zuzuwenden, noch nicht Erreichtem, ganz andersartig Neuem auch. Daran gemahnte ihn Erinnerung mit diesen Bildern, und es kam vor, dass er, wenn sie auftraten gelegentlich, sich in sie hineinbegab und sie, zur Übung wieder, durchmachte wie damals noch als ganz kleines Kind. Außer dem jedesmal neuen Erstaunen darüber, wie anstrengend diese Übung ist, stärkte sie ihn in der Sicht, wie der Mensch auch als Kleinkind der selbe ganze Mensch ist, als der er sich später zum Ausdruck bringt, dass auch „Dodi“, wie man ihn als Kind gern nannte, um kein Haar weniger der ganze Bodo war, der er heute ist und zu dem er vielleicht noch werden würde. Und das wiederum brachte ihn auf den Gedanken, dass sein derzeitiger Lebenszustand zwar angenehm war aber so aussichtslos wie angenehm, und dass er das Erlebnis dieser Nacht als die letzte Warnung doch auffassen musste, daran nicht länger festzuhalten. -

In der anderen Art der freien Zustände schließlich waren die Bilder eines mit ihrem Inhalt, da war beides wesenhaft. Die nannte er die jenseitigen. Was er in ihnen erlebte, es sprach zu seinem eigenen Wesen. Darin sprach der Name zum Namen und ohne dass es ein Wort dafür brauchte. In diesen Erlebnissen befand er sich noch in der Ungeborenheit, und Bodo erklärte sich das so, dass mit der Geburt noch nicht die Gesamtheit des Menschen auf die Welt gekommen ist, dass also Bereiche von ihm noch zurückbleiben und erst später sich mit dem Erdenmenschen dann verbinden. Zu einem Teil, hatte er an sich selbst erfahren, findet das im Laufe der Kinderkrankheiten statt, und die letzte von diesen Erfahrungen lag sehr viel später, lange nach der Pubertät, da war er schon ein junger Mann. Aber es war damit nicht gesagt, dass er nicht wieder einmal eine Begegnung mit seinem eigenen Wesen und dem Urgrund seines Wesens haben würde. In diesen Begegnungen sind Zeit und Raum beiseite geschoben, das Entfernteste legt sich an die Wange an und das Allernächste entfernt sich in der Unendlichkeit. Es ist das, was dem gesprochenen Namen, wie er ohne Beziehung zu einem Namensträger nur ein Wort ist wie andere Wörter auch, die ganze Tiefe des Wesens erschafft als das Namenselbst. Darin stehen der Träger des Namens und das sein Wesen erschaffende Wesen einander unmittelbar gegenüber in der Sphäre der Wesenheit. Bodo empfand diese Sphäre immer als die der Rechenschaft. In ihr ist kein Aber möglich. Nichts irgendwie Gemochtes oder sonstwie Krummes hat hier Zutritt. Als sein Eigenwesen steht da der Mensch dem Urheber seines Seins gegenüber und erlebt sich durch und durch gesehen. Gesehen von dem Allwissen. Gesehen von dem Mittelpunkt, in dem das ganze Universum von sich weiß. In diesen Begegnungen erlebte er sich nie zu seiner Zufriedenheit. Nie war es so, dass er dastand als einer, der von sich weiß, er habe alles ihm Mögliche getan. Aber das Erlebnis der Begegnung erneuerte in ihm wieder das Bewusstsein, wie in der Begegnung mit anderen Menschen die Verbindung zu deren Wesenhaftem aus dem selben Urgrund immer da ist und worauf es demnach in den Begegnungen wesentlich ankommt. Und in dieser Hinsicht, musste er zugeben, hatte er sich in letzter Zeit zu sehr gehen lassen, hatte er sich den Mühen entzogen und sich in die Verbitterung geflüchtet.

Es ist, als ob einem schalldichte Wände wachsen quer in den nahen Abstand zum anderen Menschen, Wände aus Empfindlichkeiten, zu dicht geflochtene; Die waren in der Kindheit nicht da, und das, obwohl die Welt dem Menschen als Kind sehr viel stärker zusetzt. Erlebnisse wie dieses gerade, jetzt abgesehen von den giftigen Dämpfen, macht man als Kind immer wieder durch, also in der gleichen Dramatik, so schien es ihm jedenfalls: man ist ja als Kind noch viel inniger mit seinem Erleben verbunden. Wie man mit den Schmerzen in einer Krankheit anders umgeht, wie man da nicht ihnen sich gegenüber fühlt sondern ganz in sie eintaucht, wie man da nicht Fieber hat sondern zum Fieber selber wird als der ganze Mensch, der man ist, und wenn ein Organ krank ist, erlebt man sich als ein Ganzer in dem kranken Organ drinnen, und da kommen dann die Schübe der erschütternden Zustände, die schmerzende Überflutungen sind, wie Zerrissenwerden, oder wie wenn man eine Zeit lang einem Pfeilhagel ausgesetzt ist in dem Organ drinnen. Der wieder aufhört, und dann steigt die Flut und man weiß, jetzt kommt das wieder. Und wo manchmal die Bilder, die man da erlebt, schrecklicher sind und schwerer auszuhalten als die Schmerzfluten. Vor denen fürchtet man sich nur, weil man nicht weiß, ob sie das nächste Mal noch stärker werden, und wenn sie dann kommen, ist man in ihnen drinnen und dann ist das so wie es ist. Die Bilder aber machen Angst. Und dieses Erleben ist da die ganze Welt, es umfängt einen vollkommen. Und es ist schon ein geradezu unfassbar großer Unterschied von diesem Welterleben in der Kindheit zu der Art, wie man als ein Erwachsener sich wahrnimmt und die Beziehung zu seinem eigenen Leib und zur Umwelt kontrolliert, wie man dem gegenübersteht und den Grad der Berührtheit von Beidem aus einem Selbstgewahren heraus bestimmt oder zu bestimmen trachtet, als ob man sich aus der Beziehung zu Beidem ein gutes Stück weit herausgezogen habe. Was von den Gegebenheiten her besehen gar nicht der Fall sein kann.
Nur aus dem Lebenszusammenhang kann man sich zurückgezogen haben, aus den Gegebenheiten selber kann man das ja nicht, da steht man nach wie vor drinnen so, wie die Zusammenhänge eben sind. Und wenn man dann Menschen so beobachtet, wie sie vor dem Eigenheim den Rasen mähen und sich im Laden Kleider aussuchen, wie sie ihrer Meinung sich erfreuen und mit einem Pflichtbewusstsein, das wie das Meer bis an den Horizont reicht und darüber hinaus, blau und absolut, sie sieht ihr Leben einrichten nach den allgemeinen Regeln und Vorschriften, als ob die vom Berg Sinai kämen oder Naturgesetz wären oder sonst absolute Wahrheit, also wenn man es nicht wüsste, man käme nur durch das Beobachten ihres Verhaltens niemals auf den Gedanken, dass die Erwachsenen einmal Kinder waren. Wie etwa ein Kind, wenn es im Heranwachsen auf etwas aufmerksam wird, was es noch nicht kann, so lange sich antreibt und müht es zu können, bis es das kann, im eigentlich Menschlichen leben sah, und dieses menschliche Element fortsetzen fand die Künstler. Jene unter den Menschen, die auf ein noch nicht Gekonntes ihr ganzes Sinnen richten und sich mühen, die Wege des Lernens zu finden dafür. Die wie die Kinder diesem Streben sich hingeben mit ihrem ganzen Menschsein. Und daraus erblühte ihm der Gedanke, wieviele in dieser Art ihre Berufung gefunden und ergriffen hatten; Wie dann das von der Gesellschaft Erreichte sich entgegenstellt ihrem sachlich besser Gekonnten und sie für das Ihre zu kämpfen veranlasst, weil das Erreichte die Strukturen sich geschaffen schon hat, und die gebildete Form nicht sich umformen mag. Die Form als Bedeutung und Kraft ging ihm auf, das Potential in ihr als Verwirklichungsinstrument, das vor der Materie sich wie Materie verhält, vom Neuen angestrebt, um sich zeigen zu können, vom Erreichten angeeignet und endlich mit in seinen Zerfall gezogen, und wie die zuletzt leere Form als ein Gerippe, vom Lebenssinn längst verlassen, als ein Hindernis, ein Ärgernis, eine Gefahr Anlass zu den schwersten Konflikten wird hin und hin. Sodass es nottut, nicht nur das Ergreifen der Form zu wollen sondern auch mit ihrer Auflösung sich ordentlich zu befassen.

Den Gedanken, spürte er da, dürfe er nicht mehr verlieren, der war zu wichtig, um vergessen zu werden, aber für seinem akuten Zustand viel zu groß, ihm fehlte es an Kraft dafür. Und mit der, die er noch hatte, verband er im Anblick seiner frierenden Nacktheit das Wort Auflösung mit den Bildern dieser Nacht. Die ihm erstaunlicher Weise gerannen in dem Wasserfall von der Empore, geboren im Zucken der Blitze aus dem Widerschein der flammenden Hagelwand in dem Treppenhaus.

Ein Trupp Feuerwehrautos quälte sich von der Bahnunterführung her durch den Stau, und ihr frenetisches Durcheinandergehupe und Blaulichtgebltze quälte die Leute. Immerhin kam wenig später der Verkehr stadtauswärts in Gang. Sobald dies möglich war, verließ auch er den Ort und fuhr los. Lange dauerte die Freiheit nicht, es war die Autobahn entlang der Raffinerieanalgen gesperrt, der Verkehr wurde an der Simmeringer Heide ausgeleitet und stand großflächig. Auf die Frage, wie er an etwas Trockenes zum Anziehen kommen könnte, fiel ihm gar nichts ein. Bodo verspürte Hunger, er fühlte sich hohl wie ein leeres Gefäß mit Resten vertrockneter Erde darin und dem vergilbten Laub der vergangenen Jahre. Hin und wieder ging es um zwei, drei Autolängen weiter, es regnete wieder kräftig, in einiger Entfernung sah er alte Silotürme, dann wurde ihm schwarz vor den Augen, er fiel in Ohnmacht.

Der diensthabende Arzt in der Aufnahme des nächst liegenden Spitals, es herrschte Hochbetrieb, stellte Kreislaufkollaps fest und Rauchgasvergiftung mit leichter Verätzung der Atemwege. Schon am Nachmittag wurde er in das Arbeiterunfallkrankenhaus verlegt, zu Bewusstsein war er noch nicht gekommen. Es war übervoll, das Unwetter hatte besonders die Menschen im Nachtdienst betroffen. Betten gab es aber genug, man hatte sie enger gestellt, bis zu zehn in den größeren Räumen. Das Bett mit dem jüngsten Neuzugang fand noch Platz am großen Fenster in Zimmer 222. Noch einer lag in dem Zimmer, Robert.

Als die Fahrdrähte gerissen waren da und dort, es hatte sich tonnenweise Eis daran gelegt, war alles an Wagen, über die sie zu Boden fielen, in Flammen aufgegangen. Es traf darunter auch Spezialwaggons mit Chemiebehältern. Die explodierten. Robert musste in Panik geraten sein. Die schwere Lok zu verlassen, war keine gute Idee. Auch sprang er herunter, was er normalerweise nie gemacht hätte. Trotzdem er sich dabei das Sprunggelenk angebrochen hatte, lief er noch ein Stück in Richtung Drehkranz beim 3er-Schuppen, stürzte unterwegs und verlor dabei das Funkgerät. Mitten im schlimmsten Hagel robbte er noch herum und fand es sogar. Aber es war nass und wohl auch beschädigt, es funktionierte nicht mehr. Es war tot, wie die Eisenbahner sagen. Er dann auch beinahe, denn es dauerte lange, bis ihn die Rettungstruppen im Hagelgrieß liegend fanden. Er war bereits stark unterkühlt. Der Sturm hatte ihm zugesetzt, aber auch verhindert, dass ihn das Giftgas ums Leben brachte. Der große Verschubbahnhof hatte ein Bild der Zerstörung geboten wie nach einem Bombenangriff.
Bodo konnte schon am dritten Tag entlassen werden. Seine Kleidung bekam er gewaschen und gebügelt wieder. In den zwei Tagen, da die beiden einander gegenüber in den Betten lagen, sprachen sie kein Wort mit einander. In der Folgezeit besuchte Bodo Robert fast täglich. Als sich zeigte, die Gespräche würden über den Rahmen der Unwetternacht nicht hinauskommen, brachte Bodo ihm ein Buch mit von Michael Ende: „Der Spiegel im Spiegel“. Kurz bevor auch Robert entlassen werden konnte, kam es in der Cafeteria zur Auseinandersetzung. Robert sagte, er sei noch nicht in der Stimmung, etwas zu lesen, werde es aber später tun. Bodo zog an der Kronenzeitung unter Roberts Ellbogen:
„Steht etwa da hin und wieder was Lesenswertes drin?.“ -
„Das Thema“, sagte Robert, „ist zwischen uns erledigt.“
„Was tun wir uns schwer mit einander“ kam es Bodo aus. Das bekam Robert in den falschen Hals:
„Du kannst ja gehen“, sagte er kurz angebunden.
„Als ob das etwas ändert“. Bodo stand auf.
„Du bist immer höflich zu mir“, sagte Robert zu ihm hinauf, „also bin ich´s auch.“
Da verließ Bodo ihn. Er fuhr nach Hause, ohne zu wissen, warum eigentlich. Wahrscheinlich, weil es dort warm war. Und etwas zu Essen konnte er sich machen. Machte er dann nicht. Er legte sich aufs Sofa, mit den Händen verschränkt hinter dem Kopf. Was mache ich derart falsch, fragte er sich. Robert liest die Kronenzeitung, er weiß wohl nicht warum, aber was er zu tun hat, weiß er. Wenn er wieder heil ist, geht er in den Dienst und das Leben geht weiter. Es wird nicht immer erfreulich sein, nicht immer einfach, dies und das geht schief vielleicht, anderes gut, na wie das Leben halt so ist, aber man lebt. Und, unterm Strich, kann man nicht wirklich klagen. Anderen geht es bei weitem nicht so gut. Das war´s. Das ist der Mensch. Heute. Was dagegen?
Verdammt! Was ist denn los mit mir!?
Was ist der Mensch? Wozu tut sich die Welt derart viel an, damit es diesen Menschen gibt? Der sie plagt. Und stattet die Menschen aus mit allem, was sie brauchen, damit sie leben können, sich fortpflanzen und die Kronenzeitung lesen. Die Aktion von Josef Beuys fiel ihm ein, wo der, im Wintermantel, den Kragen hochgestellt, die Elementarlehre vom Sozialen Organismus, das neue Evangelium der Menschheit, an die Wand spricht. Die redet ihm zumindest nicht dagegen. Immerhin.
Was mache ich falsch! Was!
Was habe ich falsch gemacht? Wo liegt der Hase im Pfeffer? Oder die Hasen. Wird ja nicht einer nur sein.
Margaret in Valparaiso. Oder in Bangor. Oder Nishny Nowgorod. Oder woimmer. Hatte er sich etwa viel zu sehr an sie gelehnt? Sich ihr überlassen? War es das? Ja, sie fehlte ihm. Aber was ihm fehlte, war er selbst. Jeder geliebte Mensch, wenn er fortgeht, hinterlässt eine Lücke. Und wenn so eine ganze Welt weggeht wie sie eine ist, hinterlässt sie, ja, ein Nirwana. Aber doch nicht ein Nichts! - Seine Welt, wo war die geblieben?
Bodo stellte sich ein Stoppschild auf; Hier nicht weiter. Klär´ einmal das ab zuerst.
Hatte er sie mit dem trojanischen Frieden überfordert? Daß es sie doch zu viel von ihrer Arbeit abgezogen hat? Aber das hätte sie ihm spätestens gesagt. Er hätte es sicherlich auch selbst an ihr bemerkt. Sie war doch bis zuletzt mit ihrem ganzen Herzen daran. Nein, da hätte sie über sich gesprochen mit ihm. Für sie waren die Schritte auf dem Weg durchaus nicht etwas Unbekanntes. Sie hatte sie auf ihrem Weg in ihrer Arbeit aus eigenem Genie schon gefunden gehabt und durchgemacht. Darum war sie ja allen so weit voraus, auch ihm weit voraus. Und auch die Frauen liebten sie, nach wie vor. Sie waren ja nicht weggeblieben wegen ihr; es war ihnen der Anspruch zu hoch. Er hatte ja selber erlebt, dass es steil wird auf dem Weg. Nein, das Stoppschild konnte er einklappen. Es war aus ihrer inneren Arbeit entstanden, diese Fahrt anzutreten. An die Orte ihrer früheren Arbeit. Das war ganz in der Ordnung der Dinge. Darum auch hatte es keinerlei Abschiedsschmerz gegeben zwischen ihnen, als sie wegfuhr. Sie hatten beide zu klar gespürt, das ist jetzt dran. Sie waren voller Freude gewesen. Und er würde eines Tages auch das erleben, jetzt fährst du los. Und auch Natow, der mit ihr gekommen war, es war für ihn sonnenklar, es geht auf die Reise. – Den Fehler musste er bei sich selber suchen. Wenn denn einer vorlag. Womöglich war sein Zustand einer, der eben auftritt auf dem Weg. Der dazugehört, weil er auch etwas zu bewirken hat, und er sollte nicht daran sich aufhängen sondern auch so etwas in Ruhe hinnehmen.
Der Gedanke endlich beruhigte ihn. Doch eines war bei Margaret zu sehen und er sah es jetzt auch. Sie hatte ihre Arbeit immer mit konkreten Fragen verbunden, mit ihren Fragen aus der Kunst und mit den Lebensfragen der Menschen, auf die sie zugegangen war. Die sie dann zu Fragen ihrer Kunst gemacht hat. Das hatte sie von Anfang an so gemacht und nun ja wieder. - Ja. Das war es. Da lag also der Hase im Pfeffer. Er hatte sie also doch eingespannt für die Arbeit, die eigentlich die seine gewesen wäre, nämlich ins konkrete Leben zu gehen mit dem trojanischen Frieden. Er hätte auf die Menschen zugehen müssen und mit der Gruppe selbstverantwortlich arbeiten. Da hatte er sie vorgeschoben, das wollte er nicht machen. So also ist das, kam er darauf. – Nun ja, die Sache wäre ihm misslungen, er wäre nicht in der Lage gewesen, die Arbeit mit der Gruppe an ihrer Spur entlang zu führen, das konnte tatsächlich nur Margaret. Sodass eben auch deutlich werden konnte, es lag nicht an ihr, wenn die Leute sich nach und nach zurückzogen. Bei ihm wäre wer weiß was daraus geworden, mit Sicherheit nichts Klares, er hätte sich jede Menge Vorwürfe gemacht und auch aus denen keine Lehre ziehen können. Ein Irgendetwas gibt nie eine brauchbare Antwort, wie sollte das auch gehen? Dass dort wirklich an der Sache gearbeitet wurde, war allein dem zu verdanken, wie sie aus ihrer Klarheit und ihrer Kraft ein Können gebar. Wiederum wuchs Margaret in seinem Bild von ihr, und sie war damit derart groß geworden vor ihm, dass er sah, er muss etwas unternehmen, damit er sie nicht verliert. Er muss wachsen, er war schon viel zu klein für sie. Nur eben was? Die Gruppe hatte sich verflüchtigt. Da war nichts mehr zu machen. Und ein neuer Anfang verlangte natürlich eine neue Idee für eine konkrete Sache.

Bodo stand auf und machte sich auf den Weg ins Utopia. Zu Fuß und auf dem selben Weg wie früher. Sein Gefühl, sich nur wieder den alten Schuh anzuziehen damit, bestritt er nicht, er ließ es bestehen, ging aber dennoch los. Die Spuren des Unwetters waren noch überall zu sehen, vor allem an zahllos gebrochenen Fensterscheiben und den vielen zerstörten Jalousien an den modernen Gebäuden, die Stadt sah arg mitgenommen aus. Und am Florahof fehlte ein ganzes Stück Dachvorsprung. Das tat ihm weh. Er liebte dieses schöne Haus. Da hatte er den Gedanken, sich nach dem Hausbesitzer zu erkundigen, denn es schien, der war schon lange nicht mehr in der Lage, das Gebäude zu renovieren. Auf Anhieb war der nicht zu erfahren, man konnte ihm in dem Reisebüro im Florahof aber die Hauverwaltung nennen. Bodo setzte dann seinen Weg zum Utopia fort. Dort sah es so aus wie an den anderen Gebäuden, kein Fenster an der Wetterfront war noch heil, das Wellblech über den Fahrradständern ragte verwunden in die Höhe, eine Arbeit des Plastikers Hagelsturm, dazu die herabhängenden Dachrinnen; einem Abrissobjekt sah das Utopia ähnlicher als je. Es stand verschlossen, niemand war da.

Seinen Schlüssel hatte er noch, sperrte auf, trat ein. Der Strom war abgestellt, der Hauptsicherungskasten hatte schon keinen. In den Räumen an der Wetterfront lag die ganze Bescherung noch unberührt da, auch im Obergeschoß, nur das Wasser war abgelaufen und zum Teil versickert. Nasse Böden, nasse Wände, Scherben, Dreck, Chaos. Es machte nicht viel Sinn, trotzdem fing Bodo an, aufzuräumen. Eine viel zu große nasse Hand war hier, hatte alles angefasst, blindlings suchend. Was hatte sie gesucht? Nicht hatte. Die Hand war noch da. Bodo spürte sie kalt ihn ergreifen. Bodo spürte, sie fuhr ihm unters Gewand wie der Regen und der war noch nicht weit genug weg. Er warf das triefend nasse Bodentuch aus der Hand, verließ schleunigst den Raum, warf die Tür hinter sich zu. Im dunklen Flur rannte er gegen etwas Großes. Wie ein mannshoher Mehlsack war das und hatte viele Beulen. Es war ein Jemand.
„Nichts da!“, sagte Jemand, die Stimme hörte sich heißer an und Bodo konnte nicht sagen, ob es eine verrauchte Frauenstimme war oder die zu dünne eines Mannes.
„Reicht´s dir noch nicht?“, fragte sie.
Bodo hatte keine Lust, sich mit dem Kerl oder wer das auch war, und gerade hier im Finstern abzugeben, er drängte sich vorbei. Das klappte nicht, Jemand drückte ihn gegen die Wand. Also es war ein Kerl. Schon wegen der Kraft. Er war schwer wie ein Konzertflügel.
„Du, ich hab dich was gefragt“, sagte Jemand.
Bodo begann sich zu ärgern, es schien, er könne gegen Jemand nichts unternehmen. Der war noch dazu extrem füllig und hatte Beulen an sehr vielen Stellen. Überall, wo Bodo versuchte, ihn sich vom Leib zu schaffen, spürte er welche. Die waren aber nicht weich wie etwa ein Geschwür. Überhaupt kam Bodo vor, Jemand sei eine überdimensionale Ingwerwurzel in Leggins. Auf jeden Fall hatte Jemand keine richtigen Arme, nur Stummel, und jede von diesen Beulen war ein Griff, es hätten alles Türklinken sein können.
„Bist´ auf einmal stumm oder was?“, fragte Jemand heißer und umschloss ihn zur Gänze. Nur den Kopf ließ er ihm frei, - einen Kopf, schien Bodo, hatteJemand keinen. Und blitzartig, wie immer in so ausgesuchten Momenten, schoss ihm etwas in den Sinn: Da hast du jetzt einen, dem kommt, was er denkt, nur vom Leib. Und von was für einem!

Die Lage war ungut. Bodo stand immer mehr beengt, bis er sich schließlich gar nicht mehr rühren konnte. Er spürte, wie Jemand versuchte, sich auch hinter seinen Rücken hinein zu zwängen. Er presste sich stärker an die Wand, auf keinen Fall sollte dem das gelingen. Aber Jemand war stark. Und schlau. Er schob sich hinter die Beine, nahm Bodo auf die Art die Stütze weg und kam so doch an sein Ziel.
„Was willst du überhaupt?“, fragte Bodo, bedacht darauf, nicht ängstlich zu klingen.
„Wie wär´s mit einer Lebensversicherung?“, fragte Jemand zurück und in seinem amorphen Leib begann es zu glucksen, zu plätschern, zu brabbeln. Verdauungsgeräusche: „Hm, bei so geschätzten sechshunderttausend im Jahr, und du bist noch jung, na ich würde sagen, zwölf Millionen.“
„Was zwölf Millionen?“, fragte Bodo.
„Abschluss-Summe. Bei Ableben. – Schau, denk einmal an den oder die Begünstigten. Denen hinterlässt du etwas, was dir Spaß macht, aber denen macht´s ja keinen. Das belastet die nur. Aber mit einer Barschaft kann jeder was anfangen. Kann bequem die Steuern bezahlen und dann bleibt ihm noch was und damit kann er machen, wozu er lustig ist. Das ist doch einzusehen, oder?“
„Begünstigte, du Witzbold!“ Bodo wurde zornig. „Ihr mit eurer Scheiß Rechnerei! Beschissene erzeugt ihr! Massenweise! Ich kenne keinen Begünstigten. Nicht einen.“
„Hätte dich für ein wenig schlauer gehalten, ehrlich gesagt“, sagte Jemand und engte ihn etwas mehr ein. „Zwanzig Millionen“.
„Wenn du mich zerdrückst, Null komma Josef“, sagte Bodo.
„Siebenundzwanzig Millionen. Mein letztes Angebot.“
„Dreiunddreißig“, sagte Bodo.
Jemands umfänglichem Leib entfuhren zahlreiche Fürze zugleich. Ein fideles Geschäft, er war hörbar erleichtert. Und gab seinem Klienten eine seiner vielen Klinken in die Hand. Bodo drückte die Klinke.

Die schwere, mattfarben blaue Türe eines Eisenbahnwaggons aus der Kaiserzeit ging auf, er stieg ein. Das Abteil mir tiefbrauner Lederausstattung, schweren, brokatgesäumten Vorhängen, Teppichboden und Nippsachentischchen war leer bis auf eine Dame. Die in den Fauteuils mehr lag als saß und von seinem Eintreten kaum Notiz nahm. Sie machte einen sehr gepflegten Eindruck, war bekleidet mit langem Faltenrock und Tweeter in blassem beige, den ein kräftig zwiebelfarbener Seidenschal geschmackvoll belebte. Es war eine Dame reiferen Alters, aus ihrem dunklen, offen getragenen Haar schimmerten silberne Strähnen.
Bodo grüßte, die Dame erwiderte den Gruß mit unangenehm warmer Stimme: „Guten Tag.“
Bodo nahm gleich an der Türe Platz, ihr schräg gegenüber. Die Dame richtete ihren Blick nun doch auf ihn, sagte aber weiter nichts. Draußen war es dunkel, die Glühbirne gab, leise flackernd, spärliches Licht. Bodo schloss die Augen, ließ den Eindruck wirken. Ihr Gesicht verriet einen starken Charakter, die feinen Züge Bildung und Selbstkontrolle, gepaart mit ausgiebiger Lebenserfahrung. Aber ihre großen, dunklen Augen waren nicht warm. Nicht mehr, dachte er. Als junge Frau musste sie hinreißend schön gewesen sein. Inzwischen machte der Knick ihrer schlanken Adlernase das Bild einer Festung vollkommen.
Kaum wahrnehmbar setzte sich der Zug in Bewegung. Das angenehm sanfte, verhaltene Schaukeln begann.
„Sie wollen also eine ordentliche Lebensversicherung abschließen?“, fragte die Dame ihn. Hätte er die Augen nicht schon geschlossen gehabt, er hätte sie jetzt geschlossen.
„Das ist gut“, fuhr sie fort, als er auf die Frage nicht geantwortet hatte. „Es ist ein Zeichen von Intelligenz, wenn Söhne aus dem Schicksal ihrer Väter lernen.“
Hier an seinen Vater erinnert zu werden, überraschte ihn. An ihn, fiel ihm jetzt auf, dachte er fast gar nicht mehr. Er war ein großer, herzwarmer Mann, Bodo glaubte, diese liebevolle Art von Männern, wie sein Vater einer war, existiere nicht mehr. Und könnte auch nicht existieren. Für den langen, tiefen Atem hat die Zeit die Nerven nicht. Und so blieb der einzige Wunsch, den Bodo an seinen Vater gehabt hätte, unerfüllbar. Er lebte nicht lange genug. Wenn aber ein Sohn lebt nur bis an den weiß lackierten Gartenzaun seines Erzeugers, besteht die Logik natürlich darin, aus dem Schicksal des alten Herren die Lehre von Gartenzwergen zu ziehen. Vom Befahren einer Weiche bekam der Waggon seitliche Stöße, Bodo sagte, mit noch immer geschlossenen Augen: „Der Mensch ist keine Eisenbahn. Er muss nicht Schienen folgen.“
„Behält man manche Weisheit nicht besser für sich?“, fragte die Dame zurück.
Bodo schaute sie an: „Gnädige Frau, was sagen Sie da?.“
Ein Feuerstoß entfuhr ihrem Blick, Bodo sah sie nicht mehr in dem Qualm, den der machte. Er sprang zum Fenster, ließ es herunterknallen, streckte seinen Kopf in den Fahrtwind, atmete tief durch, es war befreiend. Dann, wieder ins Abteil gewandt, sagte er zu der Dame, die sein Benehmen nicht überrascht zu haben schien:
„Madame, Sie haben bessere Karten, ich bin sicher. Legen Sie ab.“
Die Dame zupfte ihren schönen Seidenschal unwirsch zurecht: „Ein kluger Sohn übernimmt sich nicht. Man konnte befürchten, Sie stürzen sich aus dem Fenster.“
Bodo genoss den Fahrtwind, der spielte mit seinem Haar, der Qualm im Abteil zog zum Fenster hinaus. Obwohl es noch dunkel war, sah Bodo den Zug über eine Brücke fahren hoch über dem reißenden Fluss, aus dessen Mitte ein scharf geschnittener Felsen aufragte. Weshalb die Brücke „Das Messer“ hieß. Bodo spürte sich schwanken. Dann gab er sich den Ruck.
„Nicht stürzen, Madame. Springen! Jetzt!“
„Was untersteht er sich!“, hörte er den Fluss aus der Tiefe tosen. Der Fahrtwind war so stark geworden, dass er ihm den Atem nahm. Bodo hatte erwartet, den Rock der Dame kräftig flattern zu sehen. Das tat er nicht. Statt dessen bemerkte er, das Ziehen an seinem Pullover kam von ihrer Hand, nicht vom Wind im Fallen. Sie hatte, tatsächlich, ihn zurückgehalten.
„Verdammt! Sie können auch gar nichts loslassen!“, entfuhr es ihm. Unterdrücktes Grinsen huschte über das kühle Gesicht der Dame.
„Zu dumm“, sagte sie, „Wie jung Sie noch sind! Also. Kommen wir zur Sache. Wie wäre es, wenn Sie das Fenster schließen?“
Bodo zog das Fenster hoch.
„Seien Sie doch nicht gar so ungeduldig“, hörte er die Dame dabei sagen. Sie war gerade dabei, sich umzukleiden, schüttelte eine schwarze Hose aus dünnem, glänzendem Stoff vor sich in die Länge, steckte das eine schlanke, schneeweiße Bein hinein, dann das andere, schloss die Hose und gab nun den Anblick einer modernen Vestalin, halb Animierdame, halb Ordensfrau. Zugleich ging ein Ruck durch den Zug, die Bremsen kreischten, Bodo fiel auf die Dame, in voller Länge, wie ausgerechnet.. Der Zug bremste, lange, bis er zu Stehen kam wieder mit hartem Ruck. Bodo konnte sich von der Dame heben, sich entschuldigen, als er in der Aufrechten war, da warf ihn ein Ruck in die andere Richtung zurück in seine ledernen Polster. Und die Dame, die warf sich, und es schien das ihm mehr als nötig, auf ihn darauf. Sie war unvorsichtig dabei, rammte ihm den Arm in die Rippen und ihr Gesicht schlug voll in das seine. Bodo entfernte die Dame von sich. Sie landete sanft auf ihrem Sitz, und da der Zug nunmehr stillstand, erhob sich Bodo, öffnete die Wagentüre und sagte:
„Bitteschön. Nach Ihnen.“
„Unterschreiben Sie lieber gleich“, sagte die Dame, legte ihren Aktenkoffer auf die Beine und zog den Reisverschluss auf. Bodo verließ den Zug. Auf dem Bahnsteig war eine andere Dame, schlank, schwarz, geschmeidig, schon wieder vor ihm:
„Kommen Sie.“
Er lehnte ab.
„Sie können nicht ohne Vertrag bleiben“, sagte die eindringlich. Bodo musste lachen. Zum Lachen war es nicht.
„Darf ich Sie etwas fragen? Glauben Sie etwa selber an das was Sie da verkaufen?“
„Was haben Sie?“, fragte die andere Dame, „Warum kommen Sie nicht?“
Sie traten aus dem Bahnhofsgebäude. Er wandte sich grußlos ab, ging los. Das Wetter war zu verdrießlich um zu wissen, ob es regnen sollte oder nicht, die Straße zu ähnlich all den kunst- und schmucklosen Nachkriegsgewächsen, als dass er wissen hätte wollen, wo er sich befand.. Es war irgendeine Stadt, eine und jede. Die andere Dame ging ihm voraus.

In die Gassen und Winkel eines Jahrmarkts ging sie ihm voraus. An den Wänden und über die Köpfe gespannt hingen Wimpel, die einmal bunt gewesen waren. Die Trink- und Zuckerzeug- und Würstelbuden hatten geschlossen; noch schlief die Stadt in ihrem trunkenen Dunst. Kurz entschlossen bog Bodo zwischen zwei Buden ab, dahinter entdeckte er eine schmale krumme Gasse, vertraute sich der Gasse an und kam an ihrem Ende ins Grüne, es mochte einmal ein Park gewesen sein. Eine dritte Dame ging voraus, und der Ort, den sie ansteuerte, war das große Gesindehaus in einem weiten Anwesen, ein stattlicher Bau mit drei Reihen von Kammerfenstern über einander unter dem mächtigen Walmdach. Ihnen versperrte ein Tanzboden den Eintritt. Der war direkt vor die schwere Holztüre gezimmert, und ungeduldig nun ihrerseits begab sich die dritte Dame auf die Suche nach einem Boten- oder sonstigen Hintereingang. Den sie auch fand, und sie betraten lautlos das Gebäude. In den Korridoren stand die Luft, die Stufen der Treppe hinauf in das obere Stockwerk knarrten bei jedem Tritt.

Hübsche Heublumengebinde an den meisten der vielen Türen zu beiden Seiten des langen Flures bezeichneten die früheren Kammern der Mägde. Unvermittelt trat die dritte Dame an die nächstbeste Türe zu einer der Kammern, forderte Bodo auf, einzutreten, betrat auch selbst den dämmrigen Raum und schloss die Türe. Bodo schien der Raum komplett leer. Schweres Atmen war zu hören im Rhythmus der Begattung, wohl von der Kammer nebenan. Die Morgendämmerung versuchte sich trübe an den staubigen Scheiben.
„Legen Sie ab“, sagte die dritte Dame gewandt: „Sie haben nichts abzulegen? Na sehen Sie. Das macht Ihnen doch klar, wie sehr Ihnen Sicherheit fehlt. Ich habe das passende Angebot für Sie.“
Aus dem Nebenraum drang zunehmend lautes Stöhnen, ging über in Schreie. Bodo hatte keine Lust auf einen Disput. Er wandte sich zur Tür. Es gab keine Tür.Dort, wo sie hereingekommen waren, lösten sich vergilbte Tapeten, wie von den anderen Wänden auch.
„Ihr Angebot brauche ich nicht. Nur einen Ausgang“, sagte er.
„Es gibr, wie Sie sehen, nur einen. Diesen hier“. Sie zog aus ihrem Sweater eine kleine, schwarze Pistole hervor und zielte auf ihn.
„Ach, Sie kennen meine Schwester?“, fragte Bodo erstaunt.
„Ich kenne nur mich“, sagte sie.
„Das aber ganz gewiss nicht“, sagte Bodo, „und die, die können sie wieder einstecken, die funktioniert nicht.“
„Doch“, sagte die dritte Dame, „aber vorher unterschreiben Sie hier“, und hielt ihm den aufgeschlagenen Ordner hin.
„Danke, nein“, sagte Bodo, die Sache begann ihn zu amüsieren. Die dritte Dame errötete, ließ den Ordner sinken und drückte ab. Klick. Es machte Klick. Ohrensausen folgte und war diesmal von heftigem Kopfschmerz begleitet. Bodo rannte zur Treppe, nahm vier Stufen auf einen Satz und verließ das Utopia, ohne es abgesperrt zu haben.

Das fiel ihm wenige Querstraßen später ein. Er machte kehrt und warf noch einmal einen Blick in das Dunkel des Gebäudes. Er hatte, das fühlte er deutlich, die Beziehung zu dem Ort verloren. Das Haus hauchte ihn feindselig an. Er wandte sich ab, und in dem Moment kamen Ilse und Linsø dazu.











III

Linsø war damals zu Gast bei Ilse gewesen, ehe sie ganz herunterzog von Uppsala, um ihr Studium in Wien fortzusetzen. Die beiden waren nicht zum Aufräumen erschienen, Ilse suchte Rainer, ihren Mann. Ilse machte Bodo mit Linsø bekannt. Sie habe an der Uni in Uppsala gemeinsam mit Freunden eine Arbeitsgruppe zu Josef Schauberger begonnen, sagte sie, und sie suche nach Dokumenten und Unterlagen. Sie hoffe, dass es in Österreich mehr davon gibt.
Damit hatte Ilse zwar nicht ihren Mann, dafür aber Bodos Interesse natürlich sofort gefunden, und das, schien es, war ihr weitaus wichtiger. Die beiden bezaubernden jungen Frauen, es war tatsächlich eine bezaubernder als die andere, schlugen die „Staffelei“ vor, ein Künstler- und Studentenlokal in der Nähe. Das dann leider auch noch nicht wieder den Betrieb hatte aufnehmen können. Es lag im Tiefparterre und war überschwemmt. Worauf man ein traditionelles Cafèhaus auf der gegenüberliegenden Seite der Wienzeile ansteuerte, und, weil Linsø der Naschmarkt so gut gefiel, beim Herumschlendern das Thema zunächst verlor. Als ihnen dann noch Rebecca mit ihrer „kleinen Schwester“ über den Weg lief, Rebeccas Schwester war einen halben Kopf größer als sie selbst, nur drei oder mehr Jahre jünger, weshalb Rebecca es als ihre vornehmliche Aufgabe ansah, ihre kleine Schwester zu hüten, war die Runde zu groß, als dass Bodo sie hätte in ein Lokal einladen können, und darum schlug er vor, es sich bei ihm zuhause gemütlich zu machen. An diesem Abend, schien es, waren sie alle irgendwie planlos unterwegs; und da man wortlos übereinkam, bei dem Verhältnis von vier Frauen zu einem Mann könne auch ein liebenswürdiger dieser Gattung nicht gefährlich werden, wurde der Vorschlag angenommen. Man schlenderte am Naschmarkt in Richtung U-Bahn, versorgte sich mit kleinen Köstlichkeiten zum Abendbrot, und dann im Zug, die vier konnten sich setzen, er blieb im Türbereich stehen, bemerkte Bodo, es war Ilse, sie saß mit dem Rücken zu ihm, ganz bei sich und im Begriff, den gemeinsamen Abend mit gewissen Kräften zu verbinden. Und er sagte ihr auf den Kopf zu:
“Du, da musst du uns aber vorher fragen, ob wir das auch wollen.“

Er gewahrte, das schlug wie der Blitz ein bei ihr. Ilse hatte sich aber so im Griff, daß sie tun konnte, als habe sie nichts gehört. Da ging Bodo zu einer Aktion über. Ilse war ihm ja nicht unsympathisch oder unlieb, die Barriere war schon einmal nicht da, und er begann, als Gegenkraft und zur Losung der Lage den göttlichen Funken sehen zu wollen in ihr. Auch er war fähig, sich augenblicklich voll zu konzentrieren. Viel Zeit hatte er nicht dazu, noch zwei Stationen, aber es gelang. Zuhause dann, er stellte ordentlich Kaffee auf für seine bezaubernde Gesellschaft, kam die große Kleine Schwester Rebeccas zu ihm in die kleine Küche, legte ihr dickes Taschenbuch auf das Fensterbrett und half ihm beim Zubereiten der Baguetten.
Bodo warf einen Blick auf das Buch. Hannah Arendt, Sämtliche Werke, Studienausgabe Band III, Deutscher Literatur Verlag.
„Was machst du damit?“ fragte er das große Mädchen, er war ja gute Eins Neunzig, und sie reichte ihm an die Nasenwurzel. –
„Na wir konnten uns für die Jahresarbeit das Thema selber stellen“, sagte sie, „und da habe ich die Hannah Arendt genommen, weil mich die schon immer interessiert.“ –
„Sag einmal“, kam es ihm aus, „aber du hast schon recht. Wenn schon sich ins Messer stürzen, dann auch gleich richtig.“ –
„Was - ?“ Rebeccas große Kleine Schwester richtete sich vom Baguette Schneiden auf, blickte ihn schmunzelnd an.
„Das allerschwierigste ist immer, gegenüber einer Problemlage auf die Fragestellung zu kommen, die ihr gerecht wird“, erklärte Bodo sich; Er sah, er hätte sie etwas zarter anfassen sollen, und fragte: „Du willst also ein Schmied werden?“
Sie schmunzelte, machte eine Andeutung von Kopfschütteln: „N – n“. Ihre hellen Locken streiften die junge Stirn.
„Der mit dem heißen Eisen das macht, was er bestimmt? – Da braucht er zwei Dinge, die Idee für die Bestimmung und einen kräftigen Gesellen mit dem schweren Hammer. – Hm?“ Er sah, ihr gefiel das Bild. Und sagte: „Und wer von den beiden, meinst du, ist die Hannah Arendt, der Geselle oder der Schmied?“
Sie dachte eine Weile nach. Ging durch, was sie sich erarbeitet hatte an dem Problem der Suche nach der Selbstfindung der Juden in ihrer Jahresarbeit. Dann sagte sie:
„Nein. Weiß ich nicht. Das kann ich so nicht sagen.“
„Hast du beim Schmieden schon einmal zugeschaut?“, fragte er sie.
„Einem Hufschmied, ein Mal“, antwortete sie und machte mit den Broten weiter.
„Nein, so richtig. In der Schmiede. Wo die am Ambos stehen?“ –
„Nein“, sagte sie, „Gibt es so eine bei uns irgendwo?“
„Ich hab in einer Omnibusfabrik einmal eine gesehen“, sagte Bodo, „Da steht der Schmied auf der einen Seite, in der Linken hat es das glühende Eisen an der Zange, mit der Rechten lässt er seinen Hammer springen, dabei klingt der Ambos, und damit zeigt er dem Gesellen, der ihm gegenübersteht, wo er zuschlagen soll und wie stark. Der hat beide Hände an dem langen Hammerstiel, holt aus von ganz hinten und schwingt den schweren Hammer über seinen Kopf herunter auf das helle Eisen, an die Stelle, die der Schmied vorher bestimmt hat.“
„Mhm“, sagte sie, war mit dem Baguette Schneiden fertig und bestrich sie flott mit der Kräuterbutter.
„Schau dir das auch einmal an“, sagte er weiter, „Wenn du das gesehen hast, hast du den Mann gesehen. Den ganzen Mann. Der ist beim Schmieden aufgeteilt. Der Meister hat die Idee, und aus der Idee die Vorstellung, was aus dem Eisen werden soll. Und der Geselle gibt die Kraft her, schlägt zu und gibt die Form. Und wenn du dich an so ein heißes Eisen heranmachst und willst es so formen wie es gut ist für seine Bestimmung, musst du den Mann in dir erwecken, den ganzen Mann in dir. Du verstehst, was das meint? - Und wenn du es verstehst, dann findest du auch, wer von den Beiden die Hannah Arendt ist.“
„Aber sie ist doch eine Frau!“, sagte sie.
„Hast du so im Großen und Ganzen ihren Werdegang durchgeschaut, von ihren Studien zum Lehrstuhl und bis in ihre Vorhersagen, die dann auch tatsächlich eingetroffen sind?“
„Ja, ich hab mich schon hineingekniet“, sagte sie, „Aber sag mir doch bitte einfach, was du da meinst. Ich hab das nicht kapiert.“
„Was findest du bei ihr ausgeprägt, die Idee, was daraus werden soll, oder die präzise Formkraft?“ –
„Na schon die Formkraft“, sagte sie darauf.
„Ja, ich glaub“, sagte er da, „wir sind fertig. Die drinnen warten wohl schon auf uns.“
Sie legte das dicke Taschenbuch auf die Fensterbank, sie legten die Baguetten gemeinsam schön auf ein Tablett. Die große Kleine Schwester Rebeccas ging geschickt um mit den Dingen.
„Die Ausgabe ist sehr praktisch“, sagte sie dabei, „da sind alle Quellen- und Literaturhinweise auch drin, zum Teil auch Ausschnitte davon übernommen. Ich hab so schon keinen Platz mehr in meinem Zimmer vor lauter Büchern.“
„Bist du denn außer mit der Arendt noch mit anderen Philosophen zu Gange?“ fragte Bodo, und was sie ihm darauf zur Antwort gab, erstaunte ihn allerdings:
„Unser Geschichtelehrer las nur vor aus dem Buch. Lesen kann ich selber, da hab ich in seinen Stunden die anderen gelesen.“ –
„Philosophen?“, fragte Bodo.
Sie nickte.
„Und welche?“, fragte er.
„Na das Blöde ist“, sagte sie, „die brauchen für ein paar Hauptgedanken immer gleich ein paar hundert Seiten. Außer der Hegel. Der führt das auch durch, was er sagt. Aber die anderen muss man zwei, drei Mal lesen, bis man auf ihre Brennpunkte kommt, und der Rest ist Pasta. Ha,“ sagte sie und lachte, „die sehe ich alle in der Kochschürze mit dem Nudelwalker, voller Mehl und so, und da rollen sie ihren Teig aus; So dünn, bis man durchsieht. Zum Glück hatten wir vier Stunden Geschichte in der Woche. – Aber die Arendt,“ sagte sie weiter, „ringt mit dem Leben. Sie ist an einer Grenze, von der ich noch nicht weiß, welche es ist. Das finde ich spannend.“ –
„Du kennst also auch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ ?“, fragte er sie.
Esther spürte einen Stich in der Brust, einen nicht nur kurzen, einen, der anhielt. Der Reigen der Bilder setzte wieder ein bei ihr, die gekommen waren seit dem sie dieses Buch gelesen hatte, die seither immer wieder kamen, gewollt und auch ungewollt. Die in Zusammenhang standen mit dem Schicksal der Juden in der totalen Herrschaft in Deutschland, es waren Bilder aus dem Lager Bergen – Belsen.
„Darf ich ehrlich sein?“, fragte Esther zurück.
Bodo erschrak. Mit einem Schlag stand der volle Ernst zwischen ihnen. Er schaute Esther an, nickte stumm.
„Wie ich auf die Arendt gekommen bin, weiß ich nicht mehr, aber als ich mit dem Lesen anfing, konnte ich nicht mehr aufhören. Sie spricht mich an wie eine große Schwester, weißt du? Die mir erklärt, was hinter dem steht, was ich erlebt habe. Ich denke seit Jahren sehr viel nach. Ein anderes Thema hätte ich gar nicht nehmen können. Aber allmählich macht es mir Angst, ich komme davon nicht mehr los. Darüber wollte ich mit Margaret lange schon einmal reden, aber es war nie Zeit dazu.“
„Du hohe Kunst“ dachte er, und scheinbar war es ihm auch herausgerutscht.
„Wieso Kunst?“ fragte sie.
„Weißt du“, „sagte er zu ihr, „Das Niveau, auf dem man ein Thema behandelt, ist Sache der Kunst, auch in der Wissenschaft. – Ich bitte dich, las uns so bald wie möglich auf das eingehen. Jetzt können wir es nicht machen.“
Der Kaffee war längst fertig, und als Bodo damit ins Wohnzimmer kam, sagte er zu Rebecca:
„So eine „kleine“ Schwester wie deine würde ich auch gerne hüten.“ –
Augenblicklich stand Rebecca auf und ging in die Küche:
„Was habt ihr geredet?“, hörte Bodo sie dort fragen. –
„Ach, nur über meine Jahresarbeit.“ – Was sie daraufhin mit einander sprachen, konnte er nicht mehr verstehen, sie redeten leise.

Rebecca, schien es, war vordem mit Linsø ins Gespräch gekommen gewesen, Linsø wirkte angeregt, nur Ilse hatte offenbar ihren Faden verloren und saß einsam da. Dann kamen Rebecca und ihre große Kleine Schwester mit den Baguetten dazu, und es wurde gemütlich. Linsø berichtete weiter davon, was ihre Arbeitsgruppe in Uppsala von Josef Schauberger selbst und über ihn schon alles gefunden und entdeckt hatte, und Rebeccas große Kleine Schwester übersetzte daraus immer wieder für Ilse, die nicht englisch sprach. Dabei nahm Bodo wahr, wie mühelos das Mädchen den Sinn der Dinge aufnehmen und in ihre Worte fassen konnte. Bodo war, wie man so sagt, von den Socken. Und er spürte, allmählich wurde in ihm der Wunsch, endlich ihren Namen zu erfahren, ein brennender. Sie einfach danach zu fragen, hätte er als Verletzung der Lebenslage empfunden; er wollte es in der Hand des Lebens lassen, wann es ihm den Wunsch erfüllen würde wollen. Der Abend schritt schnell fort, viel zu schnell, denn mitten drin sagte Ilse, sie müsse gehen, weil bald die letzte U-Bahn fährt. Das war nun leider das Signal zum allgemeinen Aufbruch. Nach dem Abschied, Bodo war beim Lüften und Abräumen natürlich noch mitten drinnen in dem Abend, verbanden sich ihm die Gedanken zu einer Idee. Das ins Richtige – Denken der Welt, wie Margaret es ihm von Karen Swassjan als die Aufgabe der Zeit zu verstehen gegeben hatte, sah er durch das, was nun auch Linsø mitgebracht hatte, neu beleuchtet und so, dass daraus die Idee ihm kam, mit diesen wunderbaren jungen Frauen, mit Linsø, mit der großen Kleinen Schwester Rebeccas, mit Margaret und wer sich noch finden würde, eine Neue Universität zu beginnen, ein umfassendes Forum der Genialität. Noch ganz in diese Gedanken versunken kam ihm vor, es habe geläutet.

Ilse war unten. Hatte sie etwas liegen lassen? Er machte ihr auf.
Als er sie an der Wohnungstüre empfing, sagte sie, sie sei ihm noch einen Dank schuldig und dafür eigens zurückgekommen. Ob sie aber vorher noch schnell zur Toilette gehen könne. Bodo ließ sie eintreten und legte solange auf seinem Schreibtisch die Sachen zurecht. Er wollte die Idee skizzieren und schon einmal notieren dazu, was ihm im Hinblick auf das Verwirklichen einfallen würde. Dabei störte ihn allerdings die Gegenwart von Ilse. Wo war sie überhaupt? Noch am WC? War ihr nicht gut?
Das offenbar. Sie hatte sich auf das Sofa gebreitet, komplett nackt. Einfach so.
Bodo holte aus dem Schlafzimmer die warme Kamelhaardecke und warf sie ihr über: „Du kannst hier bleiben natürlich. Aber nur wenn du so still bist, dass ich arbeiten kann.“ -
„Was machst du denn?“, fragte sie. –
„Sag ich dir morgen früh, wenn ich damit zufrieden bin“, sagte er, machte das Licht aus und schloss hinter sich die Türe zu seinem Arbeitszimmer. Die ging bald darauf wieder auf, Ilse blieb im Türrahmen stehen, schaute ihm über die Schulter auf den Schreibtisch und sagte nichts.
„Was denn noch?“ fragte Bodo, sie ging ihm auf die Nerven.
„Kann ich mir ein Glas Wasser holen?“ –
„Fühl dich hier wie zu Hause, tust du eh schon, aber las mich bitte endlich in Ruhe.“ –
„Holst du es für mich?“ –
Bodo legte den Bleistift hin. Jetzt hätte er noch einmal zur Hilfe Zuflucht nehmen sollen. Machte er nicht. Er stand auf, trat vor sie hin:
„Ich hab etwas anderes zu tun, zum einen. Zum andern hast du schon bemerkt, daß ich bei deinen Spielchen nicht mitmache. Und wozu willst du das?“
„Bodo“, sagte sie nur, zur Mahnung, er solle sich erinnern.
„Ja, meine Liebe“, sagte er, „aber weder warst du damals verheiratet, noch hast du Unfug machen wollen. Das war früher einfach ganz ehrlich.“
„Zähl einmal zusammen“, sagte sie darauf, „wieviele waren es denn bis jetzt, so einfach ganz ehrlich?“
„Da schneidest du aber, glaub ich, auch nicht schlecht ab, und das ist es auch gar nicht, was wir hier verhandeln.“
„Und da bist du natürlich konsequent“, sagte sie, „ und das bildest du dir auch nicht bloß ein?“
„Du redest von einer anderen Hochzeit“, sagte er, „du lenkst ab.“
„Und wenn du so dastehst wie ich jetzt, und ich wasch dich so kalt ab wie du mich jetzt, tätst du dir denken, das macht sie gut? So pflegt man die die Freundschaft in den engeren Kreisen?“, sagte sie wie gefragt.
„Und Rainer gehört nicht dazu?“, fragte er.
„Der weiß, wo ich bin und ich weiß wo er ist“, sagte sie.
„Das könnt ihr machen, wenn ihr es so wollt“, sagte er, „Das ist ja nicht die Wand, an der du stehst. Wenn es dir nur um die Freude geht, kannst du sie haben. Aber ihr wisst, was ich will, und an das werdet ihr beide nicht rühren.“
„Das hat doch damit nichts zu tun“, sagte sie locker.
„Du weißt also, was ich meine. Und siehst du, darum nicht.“ Bodo schob sich an Ilse vorbei ins Wohnzimmer, machte Licht, suchte das Telefon und wählte ein Taxi an.
„Wen rufst du an?“, fragte sie und kam nach.
„Ein Taxi“, sagte er, „damit du nicht zu Fuß gehn musst“.
Sie nahm ihm das Gerät aus der Hand, unterbrach die Leitung, schaute ihn an und drückte ihm das Telfon an den Schritt:
„Da ist das Taxi, mit dem ich fahr“, sagte sie, „ und es kommt auch gleich.“
„Bemüh dich nicht“, sagte Bodo und schmunzelte, „das Taxi kommt schon. Du ziehst dich besser an.“
„Ich hab dieses bestellt“, sagte Ilse, schlang die Arme um seine Hüften, drückte sich an und glaubte zu spüren, dass sie auf der Erfolgsspur war. Sie fuhr ihm tatsächlich ein, dass aber der Einäugige natürlich keinen Gramm Verstand hat, war ihm nun auch nicht neu.
„Ich sag es dir jetzt im Klartext“, sagte er. „Es gibt eine gewisse Schichte von Leuten, denen gar nicht gefällt, was ich mache. Da braucht dann nicht noch ihr zwei Clowns hergehen und in das Horn von denen blasen. Die sind selber schlau genug und ziehen euch genauso über den Tisch wie das tun können auch mit allen anderen, die nicht denken wollen. Was euch Spaß macht, ist in Wahrheit nichts wert, auch nicht für euch, und es ist unterm Strich einfach doppelt blöd, wenn wir untereinander Wickel haben. Weißt du, mit euch beiden werde ich fertig. Mehr als diese Nacht kostet mich das nicht. Aber wenn du verstehen wolltest, dass wir eine gemeinsame Sache haben, und für die brauchen wir einander, käme dir gar nicht in den Sinn, dich dagegen aufzuspielen. Weil die Dinge, die ihr treibt, um ein paar Jahrhunderte zu spät kommen. Heute ist das nur noch Unfug, eure Magie. Heute ist, aber wirklich, etwas Anders das Thema.“
Bodo machte sich los von ihr, warf sich im Flur die Jacke um und verließ die Wohnung.
Ilse nahm das Telefon, rief Rainer an, fragte ihn, was er gemacht hat. – Na, wie ausgemacht, hörte sie ihn. –
„Nein. Er ist weggefahren, mit einem Taxi.“ - - „Keine Ahnung.“ - - „Nein, mach jetzt nichts mehr. Hol mich ab . Ich bin müde.“ - - „Ja, ich wart da. Bei Lüftner läuten. Zweimal. Wie lange brauchst du?“ - - Gut, bis gleich:“

Auf dem Fußweg ins Utopia drehte Bodo um. In der Jacke fehlte der Schlüsselbund. Jetzt musste er bei seiner eigenen Wohnung läuten. Hoffentlich war Ilse noch da.
War sie. Und hatte immer noch nichts an. Und wusste Bescheid. Und fuhr ihm, kaum dass er eingetreten war, mit der Hand ins Unterholz. Es knallte. Er hatte ihr eine Ohrfeige verabreicht. Es knallte wieder, aber nicht so fest. Sie gab ihm die Ohrfeige zurück. Das trieb den Augenblick in den Zorn, und der war eine für die Lage unpassende Emotion. Sie sollte ihn nur eben in Ruhe lassen. Aber die Ohrfeigen machten Schluss mit der Debatte. Wären sie zwei Knaben gewesen, hätten sie nun gerauft. Ein Kräftemessen stand tatsächlich an und fand auch statt, nur eben transponiert auf eine andere Art von Rauferei. Er hatte ihr den Herren gezeigt gehabt, es war in der U-Bahn, das konnte sie nicht auf sich sitzen lassen. Nicht ein Bodo, aber sein Herrentum war ihr ins Visier geraten.

Es darf Männer geben, sie hatte wahrlich nichts gegen Männer, aber die Zeit der Herren war um; für sie jedenfalls und das, was sie vertrat. Ihr ging es nicht darum, zeigen zu wollen, wer die Hosen anhat, nicht um das Persönliche zuletzt; Ilse verstand sich als eine Tempelfrau der erdenmütterlichen, der ursprünglichen Weiblichkeit, sah sich als eine Priesterin der Weltgehalte fabelfarbener Vielfalt, zu der auch Linsø ihr willkommen war mit ihrem Schlüssel zur geheimen Türe in die Schmiede des Poseidon, in seine Werkstatt am Urfeuer. Dort hat zu lange der Mensch sich angemaßt, das Feuer sich in die Vortriebe seiner banalen Wünsche zu gießen. Geblendeter und machtberauscht weglos Wahn sinnender Mensch als Herr, zur Schlacke verglühter! Und woimmer sich ihr einer so zeigte, sprang ihr die Lanze in die Hand, sprengte ihr das Streitross im Galopp vom Fleck und ihre Lanze kannte und fand ihr Ziel.

Ihm lag es nicht, sexuell zu raufen, er wollte das Wunder, wenn schon gewollt, erleben nicht im Dienst der Abhandlung von Machtfragen. In dem Kodex der Wege, auf denen sich herausstellt, wer mit wem das Wunder vollzieht, kam er auf der Romantikerstraße einher, und da einem streitbereiten Ritter zu begegnen, lässt sich ein Träumer nicht träumen; Das überrascht ihn, und für die Überraschung waren die Ohrfeigen natürlich ideal. Wenn es also keine Debatte gab, musste er den Handgreiflichkeiten sich stellen, zumal auf dem Tummelplatz der Feuerzeichen.
Auf die paar Schritte zum Sofa hin entstand seine Spur aus Hose, Short, Pullover, Hemd. Sie tobten, beide. In solche Zustände kamen sie, wo man es nötig hätte, mit einem Dutzend Geschlechtsorganen ausgestattet zu sein. Lange ging das hin, er triefte längst total verschwitzt, er hatte sich ihr schon gründlich übergeben, zwei Mal schon und ein Drittes, und noch immer nicht war die Sättigung ganz erreicht. Das hatte er bei sich noch nie erlebt, so viel Spannkraft. Die meiste Zeit hielt er die Augen geschlossen, manchmal wischte er schnell den Schweiß weg und schaute, und immer sah er sie abgehoben in ferne, ferne Seligkeit. Der Ritt der Europa auf dem Stier stieg ihm auf, und tatsächlich sah das göttliche Mädchen im Werk des Picasso so aus, als hätte Ilse dem Meister dafür Modell gelegen. Sie war genau von jenem Typ tollkühner Mädchen, die es lieben, mit Ritter, Tod und Teufel zugleich ihre Spielchen zu treiben. Auf Picassos Bild aber blickte die schöne Europa hell einem Ziel entgegen. Das tat dieses wilde Mädchen hier nicht.

Die dionysische Welt, ausgegrenzt von der christlichen Tradition, bricht sich auf alt verneinten Kanälen und auf ganz anderen, die sie neu sich gräbt, Bahn ins Leben der Menschen, - welche ja glauben, was sie in Jahrhunderten sich errungen haben in der Auseinandersetzung mit ihr, bilde ihnen Burg und Feste mit sicherem Bestand. Wie weit sie selber inzwischen schon aus der alten Welt entfernt sich haben, das übersieht dabei ihr konservierender Blick. Das tollkühne Mädchen gefährdet nicht mehr den Bestand der Kultur, aber wer die Bilder kennt, als in den Börsenhallen die kommunikative Technik noch in den Kinderschuhen steckte, konnte unzensiert zusehen, wo Dionysos heute seine ekstatischen Urständ wieder feiert. Und wie. Und wie er dort Kultur wie Müll verheizt. Dazu musste er die Kultur in eine derart brennbare Form verwandeln. Das hat ihm die Kulturmenschheit mittlerweile in kürzester Zeit auf die radikalste Weise besorgt.
Bodo gewahrte sich immer noch heftig im Triebe, es musste schon in die zweite Stunde gehen, alles stand ihm noch zur Verfügung und es war ein Erleben wie das viel zu schneller Fische in warmen Gewässern. Als endlich die überspannte Erregung einer milderen Empfindung wich, legte er sich hin zu Ilse, sie nahmen sich in die Arme und begannen, den Frieden zu genießen. Der nahm die beiden auf in sein weites Meer. In diesem Turnier war hatte er den Preis erhalten für die Niederlage.
Dass nichts an einer Frau so spurlos vorüberzugehen scheint wie eine heiß durchlebte Liebesnacht, konnte Bodo am nächsten Tag erfahren. Nach dem Duschen, als sie wieder, durch die Bekleidung vollkommen entzaubert, freundlich beim Frühstück saß, fand Bodo an ihr außer dem Schalk in ihren Augenwinkeln nichts mehr, das sie vom Vortag unterschied. Er fuhr dann noch gemeinsam mit ihr in der U-Bahn zum Zentrum, und schon unterwegs entfernte sie sich derart von ihm, dass auch ein kleiner Abschiedsgruß oder wenigstens ein Blick schon bald nicht mehr passte. Sie bot ihm dann auch keinen und war weg wie irgendein namenloses Alleebaumblatt im Herbstwind. Ja, dachte Bodo, die Ilse versteht sich auf ihre Kunst.

Das Utopia fand er dann wiederum verschlossen vor. Er ging ins nächste Cafè und rief Werner an, erfuhr aber nur von seinem lieben Töchterlein, dass der Papa nicht daheim ist. Dann trieb ihn das Gefühl, bei Rebecca vorbeizuschauen. Auch dort traf er niemanden an, ging zurück ins Utopia und machte sich wieder an die Arbeit. Irgendwo, erinnerte er sich dunkel, mussten noch Fensterscheiben stehen, und zwar in Mengen. Dazu hätte er natürlich eine Taschenlampe gebraucht, die Lagerräume waren lichtlos. Er fand sie trotzdem, nahm eine davon mit und es zeigte sich, sie waren als Ersatz angefertigt worden, die Scheibe passte jedenfalls. Jetzt war noch Fensterkitt gefragt, einfaches Werkzeug war genügend vorhanden. Kitt fand er keinen, ein uralter wäre auch nicht mehr verwendbar gewesen, also ab die Post, Kitt auftreiben. In der Nähe wusste er keinen Glaser oder Spengler, aber am Josefinum waren die Reparaturarbeiten bereits im Gang, und tatsächlich bekam er von einem der Mitarbeiter in der Glaserei dort zwei Fünfkilopakete Kitt – geschenkt. Er hatte die Fenster von allen vier Räumen im Obergeschoß neu eingesetzt, als es wieder zu dämmern begann, die Arbeit war ihm flott von der Hand gegangen. Gekommen war niemand, den ganzen Tag über nicht ein Kerl oder eine Kerlin. Das trieb ihn an, sich seiner neuen Idee entschlossener zuzuwenden. Ihm war tagsüber der Gedanke gekommen, eine öffentliche Ausschreibung zu publizieren, es gab sicherlich noch einige Genies in der Stadt, die sich nicht im Utopia zeigten.
Zu Hause dann musste er allerdings zuerst einmal etwas Warmes essen, er war ziemlich ausgefroren vom Utopia heimgekommen. Außer einer Fertigsuppe fand er aber nichts mehr an Vorräten, einkaufen zu gehen hatte er keine Lust mehr, also löffelte er die Suppe, sie schmeckte ihm, und legte sich darauf hin in die Badewanne. Gut aufgewärmt setzte er sich an den Schreibtisch, und dort muss er eingeschlafen sein. Jedenfalls weckte ihn die Türklingel auf.

Es war Rebecca, welch freudige Überraschung. Allerdings, er war gespannt. Sie kam mit dem Lift herauf, Bodo erwartete sie an der Wohnungstüre. Rebecca war allein gekommen, nach dem Begrüßen fragte er sie nach ihrer „kleinen“ Schwester.
„Wegen ihr bin ich ja da“, sagte Rebecca.
Bodo entschuldigte sich, er könne ihr nur Kaffee anbieten, es sei sonst nichts im Haus.
„Na siehst du, jetzt hast du was im Haus“, sagte sie und stellte ihre Stofftasche auf das Klapptischchen in der Kochnische. Da lag auch noch das Hannah Arendt – Taschenbuch. „Ach, hier hat Esther ihr Buch liegen lassen. Na Gott sei Dank.“
Bodo glaubte, er spürt die Liebe persönlich. Esther also heißt die junge Blüte der Philosophie, und kommt als Frau in die Welt; Als sie Selbst, ging es ihm warm durch den Sinn. Wie alt war Esther jetzt? Achtzehn wohl, er würde es noch erfahren. Mit achtzehn, fiel ihm ein, haben die Großen der Zunft ihren Lebensentwurf vorgelegt, das Thema ihres Lebenswerkes schon gekannt, bestimmt und entworfen. Auch Rudolf Steiner hatte als Achtzehnjähriger die Grundgedanken seiner Philosophie der Freiheit bereits gefasst; Diese Schrift des Achtzehnjährigen, ein Fragment genannt, war vor Jahren erst bekannt geworden. Bei ihm mag das mit den Regeln der Rosenkreuzer zu tun haben, die ihre esoterischen Schriften hundert Jahre lang geheim halten. Über diese Wurzel seiner geistigen Herkunft hatte Steiner auch offen gesprochen. Und Esther nun, sie war dem Problem der Hannah Arendt präzise auf der Spur, und auch jetzt, mit achtzehn. Wie hatte sie gesagt?
„Die Arendt ringt mit dem Leben. Sie ist an einer Grenze, von der ich noch nicht weiß, welche es ist.“ –
Er würde eines Tages mit ihr darüber sprechen, das sah er kommen. Wie weltbewegend und den Weltenfortgang entscheidend die Frage ist, an die Esther damit herangetreten war, das wollte er sie selber entdecken lassen. Und wieder empfand er, just bei diesem Gedanken, er spüre die Liebe persönlich.
Rebecca hatte inzwischen alle Schätze aus ihrer Stofftasche geholt, einen Teil in den Kühlschrank geräumt und alle Klappen aufgemacht um zu sehen, wo die anderen hingehören könnten. Das war wenig informativ, sie waren alle leer. Am Herd dampfte schon Wasser im Topf.
„Ich mache Spaghetti, ist es dir recht?“, fragte sie, und machte. Es war ihm recht und er ließ sie machen.
„Also“, fragte er, „was führt dich zu mir? – Einen Schluck Metaxa, hab ich den Eindruck, könntest du gut vertragen, stimmt´s?“ Er holte die Flasche, dann zwei Gläschen aus dem Regal, der griechische Weinbrand duftete schön. Sie stießen an. Das macht man zwar nicht mit den Schnapsgläsern, aber manches, was man nicht macht, macht nichts, wenn man es macht. Wogegen anderes, was nicht gemacht wird, zu Katastrophen führt. Bodo musste lachen.
“Was ist dir jetzt wieder eingefallen?“, fragte Rebecca.
„Nein“, sagte Bodo, „nur so ein Wortspiel. – Der hat schon Klasse, nicht wahr?“ – Da tranken sie noch ein Gläschen.
„Also kurz heraus“, sagte dann Rebecca, „ich hätte ein Angebot in Radstadt. Von der Gemeinde. Die Fresken in der Laurentiuskapelle.“ –
„Restaurieren?“ –
„Ja. Die kennen mich dort.“ –
„Aha“, sagte Bodo, „Und wann soll´s losgehn?“ –
„Genau das ist das Problem. Sofort.“ , sagte Rebecca, und er spürte, es liegt ihr viel daran.
„Es gibt zwei Möglichkeiten“, sagte Bodo. „Die eine ist das Haus von Margaret. Sie ist auf Reisen, ich glaub, du weißt davon.“ – Rebecca wusste es natürlich. „Die andere ist hier“, sagte er einfach.
„Ja, darüber wollte ich mit dir reden“, sagte sie und war in Sorge. „Auf jeden Fall möchte ich nicht, daß sie wo alleine bleibt, verstehst du? Ich habe schon alle durchgedacht, die in Frage kämen. Ich hätte auch nichts dagegen, wenn jemand zu ihr zieht in der Zeit.“ –
„Wie lange wird das sein, ungefähr?“, wollte Bodo wissen.
„Jetzt vor dem Winter zwei Monate. Das ist nur die Aufnahme. An den Wochenenden bin ich aber in Wien.“
Bodo hatte die Zwiebel klein gehackt, reichte sie ihr auf dem Brettchen. Rebecca rührte die Soße an, es duftete köstlich. Es lag ihm daran, herauszufinden, in welcher Hinsicht Rebecca sich so um Esther Sorgen machte.
„Du bist bestimmt schon alle Frauen durchgegangen, die in Frage kommen“, fing er es an.
„Natürlich“, sagte sie und gab eine Prise Salz nach, „es war eigentlich schon alles unter Dach und Fach. Du kennst Johanna?“ –
„Nur vom Sehen“, sagte Bodo.
„Sie unterrichtet Glasur an der Angewandten. Esther hätte bei ihr wohnen können. Jetzt ist da etwas anders geworden, naja. Also jedenfalls, das fällt flach. Und dann ist noch etwas passiert. – Sie will zu dir.“ –
„Wer?“ – Esther?“ Das überraschte ihn allerdings.
„Kost einmal, schmeckt´s dir so?“ Rebecca hielt ihm den Teelöffel hin, er nippte daran, nickte:
„Ja, sehr fein. Ich glaub, die Nudeln sind auch schon durch“, sagte er und deckte im großen Zimmer den Esstisch für sie beide. Rebecca brachte einfach die beiden Töpfe herein, hob die Spaghetti auf beide Teller, dann trug sie den großen Topf wieder in die Küche. Sie wünschten einander guten Appetit und speisten.
„Ihr habt mit einander gesprochen?“, fragte Bodo.
„Ja. Das haben wir. Sie war damals auch in eurem Vortrag zum trojanischen Frieden. Daheim hat sie dann geweint vor Freude über das, was du da gesagt hast von der Europa. Und was Margaret gesagt hat über den Christus und unser Denken. Und da war sie erst sechzehn. Ich habe es mir dann von ihr erklären lassen. Und jetzt sagt sie, sie möchte nicht bei Menschen wohnen, die so etwas nicht verstehen. Es ist das ihr voller Ernst. Aber sie hatte sich vor dir gefürchtet.“
Gefürchtet?“, sagte Bodo erstaunt, „Weshalb?“
„Na sie hat gemeint, ein Mann, der solche Gedanken hat, kann ein Mädchen nicht für voll nehmen. Und gestern warst du freundlich zu ihr, das hat sie tief bewegt.“ –
„Sie ist achtzehn, nicht wahr?“ –
„Wird sie. In zwei Wochen.“ –
„Wann macht sie die Matura?“ –
„Hat sie schon gemacht, im Mai.“ –
„Sie will wahrscheinlich Philosophie machen auf der Uni?“ –
„Nein, sie möchte Kunstgeschichte und Germanistik machen, Anglistik und Slawistik.“ –
„Alle Achtung!“, rutschte es Bodo heraus.
„Aber eines musst du wissen“, sagte Rebecca dazu, „Sie ist in ihrem Herzen ein Kind. Man kann sie furchtbar verletzen. Es sind ihr schon manche Menschen weggebrochen, zu denen sie aufgeschaut hat wie zu dir. Bitte, Bodo, das musst du wissen.“
„Der Mensch“, sagte er darauf, „ist zwei Menschen, nein, drei. Kommt drauf an. Esther hat Genie. Das kann man haben nur wenn man im Herzen ein Kind ist. Da haben wir schon einmal zwei, das Kind und den Kulturmenschen. Und dazwischen sind die Neigungen. – Margaret wird am glücklichsten, wenn sie jemandem begegnet, an dem sie erlebt, der Mensch ist Der er sein will. Zuletzt hat sie das bei Joseph Beuys erlebt. Und bei mir gibt es so etwas inzwischen auch, dass ich einfach glücklich werde in manch einer Begegnung. Das ist dann, wenn ich an jemandem erlebe, der Mensch hat einen Sinn für das, worauf es ankommt. Und das habe ich bei ihr erlebt.“
„Du weichst mir aus“, sagte Rebecca, „Du weißt genau, was ich meine.“
„Ich weiß, was du meinst“, sagte er, „und genau das finde ich schlimm. Da musst du mir schon die Geschichten, an denen sie gelitten hat, ordentlich erzählen. Die muss man im Einzelnen anschauen. Diese Verallgemeinern ist eine der ärgsten Grobheiten, die wir einander antun, weißt du? Mag sein, du kennst Geschichten über mich, die dir das nahe legen. Und trotzdem. - Sag einmal, du hast dir Zeit genommen heute Abend? Ich denke, bevor wir uns zu Psychologen machen über Esther, wäre mir lieber, - also es wäre einfach gut, wenn du mir aus eurer Kindheit erzählst.“ –
„Wie spät haben wir´s denn?“ –
„Halb acht.“ –
„Ich hab nur was vergessen einzukaufen. Ist da wo ein Laden in der Nähe, der noch offen hat?“ –
„Ja. Das ist nicht weit. Wir können gemeinsam hingehen. Das Geschirr machen wir nachher, ja?“
Auf dem Weg zum Laden erfuhr Bodo, dass Rebecca in Radstadt aufgewachsen ist und die Geschichte, wie es dort zu dem Projekt Laurentiuskapelle gekommen war. Geradezu die Bilderbuchgeschichte einer Bürgerinitiative.

„Zuerst wurde die Schnellstraße gebaut“, erzählte Rebecca, und sie wurde wieder so lebhaft und erfrischend munter dabei, wie Bodo sie eigentlich kannte. „Als im Ort durchsickerte, daß die Kapelle der Trasse zum Opfer fallen würde, wurde das Dorf aktiv. Die Trasse sollte geändert werden. Die Kapelle war aber damals in einem sehr schlechten Zustand. Der Bürgermeister konnte oder wollte der Kapelle nicht helfen. Er wurde abgewählt. Der neue dann wandte sich an die EU. Eine Kommission war da, es wurde ein geändertes Konzept bewilligt. Damit waren zunächst alle einverstanden. Dann hatte sich gezeigt, die Wasserableitung vom Straßenkörper setzte das Feld doch unter Wasser. Man hätte die Entwässerung neu regeln müssen, entweder das Feld entwässern oder gleich das Straßenwasser in den Fluss ableiten, mit einer Salz- und Ölabscheideanlage dazwischen. Die EU hatte ihren Beitrag abgeschlossen, ein neues Projekt wäre erst in etwa zwanzig Jahren möglich geworden, und bis da hin die Kapelle endgültig ruiniert. Die Straßenbaugesellschaft gewann dann noch den Prozess wegen Schadensersatz, das Gericht war dem Gutachten der Experten gefolgt, obwohl das Feld unter Wasser stand. Und so weiter. Dann hatte ein Bauführer der Tauerntunnel-AG einen Wickel mit der Behörde. Er war ein zu lieber Kerl und hatte das Dorf mit sechs oder sieben Kindern gesegnet. Das konnte er sich nicht leisten, finanziell, und der Bürgermeister war schlau und hat ihm vorgeschlagen, wenn er die Kapelle rettet, übernimmt das Dorf seine Kinder. Und offenbar war er in seiner Firma ein so geschätzter Mann, dass die die Sache in die Hand genommen hat. Wie das gelaufen ist, frag mich nicht, in der Tunnelbau-AG ist auch der Staat mit drin, das geht in die Politik. Also die sind da tatsächlich angerückt und haben die ganze Kapelle im Stück um zweieinhalb Meter gehoben. Jetzt steht sie auf tiefen Betonpfeilern in dem Hügel, der dann aufgeschüttet wurde vom Abräummaterial aus dem Tunnel. Jetzt ist sie wieder ganz trocken, das Dach hat ja schon die EU erneuert, ja. Und jetzt mach ich dafür das meine natürlich wahnsinnig gern. Kannst du dir ja denken.“

Nach dem Einkaufen wollte Bodo wissen, wie sie das machen wird. Das beschrieb sie ihm auf dem Rückweg und noch beim Geschirrabspülen. Er bekam da mit, das Restaurieren von Fresken ist eine Wissenschaft für sich und führt in die Weisheit unserer Altvorderen hinein. Es war für ihn hoch interessant, wohin Rebecca ihm dadurch Einblicke auftat. Ihre Erzählung ging dann auch nahtlos über in ihre Kindheitserinnerungen. Rebecca heiterte immer mehr auf beim Schildern, sie wurde an manchen Stellen wieder der Lausbub, der sie da gewesen war. Esther kam darin kaum einmal vor.
Das Eis war geschmolzen, Rebecca war wieder ganz natürlich und bei sich. Darum stellte Bodo keine Fragen nach Esther, er ließ Rebecca erzählen. So kam sie dann auch in die Zeit ihrer Freundschaft mit Margaret hinein. Und was sie ihm da erzählte, befreite ihn endgültig von der Sorge, sie könnte für Esther eine Art Mauerblümchendasein im Sinne haben. Aber irgendetwas war noch nicht da. Vielleicht musste er ihr doch einwenig helfen.
„Mir scheint immer mehr“, sagte er mit einem Mal, „es ist die reine Gnade, wenn man am Land aufwachsen kann. Margaret hat mir auch wunderschöne und wunderliche Dinge erzählt von ihrem Dorf an der Thaya. Also du bist dann sozusagen wieder zu Hause. Jetzt stell dir einmal vor deinen Alltag bei der Arbeit. Du machst die Vemessungen, die Skizzen, nimmst die Proben ab und alldas, und da hinein immer wieder fällt dir Wien ein und Esther und was sie etwa macht und wo sie gestern Abend war und ob das gut geht mit mir und , und , und. Ist das ein Zustand? Sei ehrlich.“ –
„Naja. Du kannst dir das ja gut vorstellen. So wird´s kommen. Also während der Arbeit ja nicht. Da muss ich mich voll konzentrieren. Aber dann, danach.“ –
Bodo sagte nichts. Er wartete.
Als er merkte, sie wagt sich noch nicht heran an den Ring in der Glut, sagte er das, wovon er selber noch nichts gewusst hatte bis vor kurzem:
„Dass ein ganzes Dorf aufsteht, um eine marode Kapelle zu retten, geschieht nicht ohne Grund. Es wäre ja auch möglich gewesen, sie zu versetzen. Freilich, dann sind die Malereien kaputt. Sie sind aber wohl auch jetzt schon so schwer beschädigt, dass du mehr als zaubern können wirst müssen. Es war auch niemand da, der besonders darauf gepocht hätte, dass sie an ihrem Ort verbleibt. Es waren sich einfach alle einig darin, es könnte anders nicht sein. Unbewusst. Sogar die fremden EU – Fachleute haben die Standortfrage nicht mehr angetastet. Das ist eines, was mir auffällt. Das andere ist, warum steht eine bestimmte Kapelle an einem bestimmten Ort.? Die steht ja nur für Ochsen auf der Wiese irgendwo. Ein Geomant wird dir sagen können, da kreuzen sich Linien von Erdkräften, oder da ist eine Quelle, eine weibliche oder männliche oder eine andere, also so etwas kann dir der sagen. Und womöglich kann er dir auch sagen, was mit der Quelle geschehen ist und wann das war. Und ein Mystiker kann dir noch mehr sagen. Welche Kultstätte vor der Kapelle an diesem Ort war, lange vor den Römern. Der kann dir die ganze Geschichte erzählen, die sich da ereignet hat. So, und jetzt steht da eine Laurentiuskapelle. Hat der Heilige in eurer Gegend nur die Kapelle oder kennt man ihn woanders auch?“ –
„Wie meinst du das?“, fragte Rebecca zurück.
„Na, als Männername zum Beispiel, oder auf einem Seitenaltar in der Pfarrkirche?“ –
„Auf so etwas hab ich ehrlich gesagt nicht geachtet“, gab Rebecca zu.
„Renz oder Renzl könnte einer heißen.“ –
Rebecca verneinte.
„Also geh jedenfalls zum Pfarrer, las dir die Kirche zeigen, alle Kirchen bei euch, und schau in die Bücher bei ihm und ins Landesarchiv, was du über die Kapelle erfahren kannst. Der Laurentius ist ja in Smyrna gebraten worden bei lebendigem Leib, nicht hier bei euch. Wie kommt der zu euch? Du wirst ja manches nachvollziehen müssen auf den Wänden, wovon du keine Spuren mehr hast. Aber wenn du den Zugang dir erschaffst, kommen dir die Bilder bei der Arbeit. Das hat ja auch Margaret so fasziniert an dir, wie du bei der Arbeit dich vollkommen verbindest mit der Sache, wie du die Arbeit selber bist, sozusagen. Sie sagte, so zu arbeiten hat sie von dir gelernt. - So, und jetzt haben wir auch schon alles, was wir brauchen. Wann fährst du hin?“ –
„Sonntag Nachmittag mit dem Zug“, antwortete Rebecca und wollte etwas fragen.
„Gleich“, sagte Bodo, „Du hast doch einen Führerschein. Nimm doch einfach meinen Wagen. Ich brauch den nicht so bald.“ –
„Wie, du willst mir deinen Wagen leihen? Das wär ja obersuper!“ –
„Ja, du wirst ihn brauchen, – Rebecca,.. was für ein schöner Name“, sagte er plötzlich. Sie schaute ihn leise fragend an.
„Verzeih“, sagte er, „manchmal kann ich mein Glück nicht fassen.“ –
„Und das wäre jetzt..?“, fragte sie, leise sich fragend.
„Das geht alles seinen rechten Gang, Rebecca. Vertrau den Dingen. Du siehst selber bald wie und was und warum.“ –
Rebecca war davon nun doch weniger überzeugt als noch vor kurzem. Sie sagte:
„Weißt du, wenn das jetzt eine Geschichte wäre nur zwischen uns beiden, da würde ich mich gerne überraschen lassen. Aber wir sind drei. Du verstehst?“ –
„Vier“, sagte Bodo. „Laurentius ist auch mit uns.“ –
„?“ –
„Ja glaubst du vielleicht, ich kann hellsehen?“, sagte er, „Und da ist noch mehr, was ich dir erzählen kann. Der Kerl heißt nämlich Renz.“
Rebecca verschlug es die Sprache. „Was für ein Kerl?“ –
„Eben der“, sagte Bodo, „an den du jetzt denkst. Und von dem du nicht wagst, zu reden. Der lebt noch. Und was er getan hat, kommt heraus. Und es kommt noch mehr heraus. Aber du musst dich nicht kriminalistisch betätigen. Die Gendarmerie ist nicht so einfältig, wie sie daherkommt. Es geht darum, dass du deine Arbeit so machst, wie du sie immer machst, innig. Darum hab ich zu dir gesagt, hab Vertrauen. Es ist jetzt das das Allerwichtigste.“ -
„Wie? Und du weißt auch, was er getan hat?“, fragte Rebecca noch ungläubig.
„Ja“, sagte Bodo, „und es tut mir weh für sie. Aber auch das wird gut. Es wird einmal umschlagen in Kraft, weißt du? Sie ist auf ihrem Weg schon nahe an einer Schwelle. Und wenn der Mensch nicht etwas mitbringt, was ihm da, naja, einmal an übermenschlicher Kraft zu Hilfe kommt, geht´s da nicht weiter. Also wir beide müssen nur ordentlich weitermachen an dem, was wir vorhaben. Das ist alles.“ -
Rebecca war nun wirklich paff. -: „Woher weißt denn du das alles?“ –
„Schau“, sagte Bodo, „ich kenn ja Radstadt gar nicht. Ich weiß gerade so, wo es liegt. Ich weiß ja die Dinge nicht. Aber Laurentius weiß sie. Und wo Esther schon steht, das weiß ich von ihr selber. Du musst einmal lesen, womit sie sich befasst. Die Hannah Arendt ist mit den menschenfeindlichsten Kräften zugange. Esther hat gesagt, sie ringt mit dem Leben. Das nimmt sie wahr. Die neue Philosophie braucht nicht nur kräftige Köpfe, sie braucht auch große Herzen. Mit einem Wort, solche Menschen wie Esther. Man kann nicht Arendt lesen, wenn man nicht, wie die Arendt selber, über sich selbst hinausgewachsen ist. Und ich sage dir“, sagte er mit voller Überzeugung, „Esther ist gekommen, um die Arendt über die Schwelle zu führen. Die Menschen, die schon Menschen sind, helfen einander in diesen sehr schwierigen Dingen. Damit wir Menschen weiterkommen können. Und einmal auch Menschen werden. – Drüben, Ecke Haydnplatz, steht auf der Hausmauer, „Hannah, ich liebe dich“. Mich freut das jedesmal, wenn ich vorbeikomme. So kommen wir weiter.“ -
Rebecca schwieg.
„Liebe“, „sagte Bodo zu ihr, „Fass Vertrauen. Du machst das Deine; und dann, am Abend, Vertrauen, Vertrauen, Vertrauen. Willst du dir das merken? Oder besser, schreib es dir in die Stirn, so steht es dann groß und goldenen über ganz Radstadt. Jeden Augenblick, liebe Rebecca, Vertrauen. Das musst du dir nicht einreden. Du arbeitest höchst persönlich mit am Erstarken der Kraft, die es da braucht. Und die auch du brauchst – Siehst du, wir haben tatsächlich jetzt alles.“

Rebecca, sah er, war gar nicht wohl bei der Sache. Sie saß zurückgelehnt, hatte den Blick gesenkt, die Hände am Schoß beisammen und knipste mit ihren Fingernägeln an ihren Fingernägeln. Dann schluckte sie und sagte, ohne aufzublicken:
„Ich glaub, ich werd noch verrückt. Ich pack´s nicht mehr.“ -
Bodo wartete. Dann sagte er: „Weiter. – Sag es.“
Sie kniff weiter an ihren Fingernägeln, sie rang mit sich. Dann fasste sie sich, setzte sich auf und schaute leer in eine Zimmerecke:
„Ja. Da kann man nichts machen. Dann geht’s eben nicht.“
Sie erhob sich, ging in den Flur und nahm ihre Jacke vom Bügel. Sie ließ sie sinken in der Hand, überlegte. Bodo stand in der Tür zum Flur, blieb still. Rebecca griff auch mit der zweiten Hand an die Jacke, setzte an, zu gehen, unterbrach den Schritt, stand mit leicht geöffneten Beinen, und sagte:
„Die eine hintergeht einen und der andere spinnt. Und da soll man nicht verrückt werden dabei.“
Bodo ging in die Küche, hantierte herum, es dauerte. Als er wieder erschien, stand Rebecca unverändert am gleichen Fleck. Sein Hemd war voller Blut. Er hielt ihr zwei Dinge hin, in der einen Hand ein Gläschen Metaxa, in der anderen ein Küchenmesser, rot bis an den Griff, und es tropfte noch von der Spitze. Rebecca kam die Jacke aus, so erschrak sie.
„Was hast du…?!“ –
„Johannisbeersirup“, sagte er, legte vor ihr das Messer auf den Boden neben ihre Jacke, stelle das Metaxagläschen auf das Gardarobenbord und ging ins Bad. Als er nach dem Duschen ins Schlafzimmer ging, um sich ein frisches Hemd zu holen, war Rebecca fort. Sie hatte nichts angerührt. Bodo trank den Metaxa selber, hob das Messer vom Boden auf und wischte die Spuren weg. Die Wohnungstüre stand halb offen, im Treppenhaus erlosch gerade das Licht. Möglich, dachte Bodo, sie sitzt da irgendwo auf der Treppe. Er ließ die Türe offen und ging in sein Arbeitszimmer. Wieder nichts mit Arbeiten. Gerstern Ilse, heute sie. Es gefiel ihm nicht mehr, woran er sich erinnern musste. Er hätte Ilse hinauswerfen sollen und das sofort. Bodo stand wieder auf, öffnete Fenster und Balkontüre des Wohnzimmers. Die Nacht war kalt.
Durch das Fenster im dunklen Treppenhaus sah ihn Rebecca am Balkon stehen, beide Hände am Geländer, er schaute über die lichterfüllte Stadt. Sie konnte seinen Atem sehen. Anstatt ihr zu helfen hat er sie nur noch tiefer in die Zwickmühle getrieben; Sie empfand sich abgewiesen von ihm, er schien ihr mächtig auf eine Art, die sie nicht einordnen konnte. Es wäre total unverantwortlich gewesen, Esther ihm anzuvertrauen. Da hätte sie glatt den Bock zum Gärtner gemacht. Schon überhaupt, wo Esther ihn so bewunderte. Nein, das Ganze trieb auf eine Katastrophe zu, und das einzige, was sie tun konnte, war, auf den Auftrag zu verzichten. Schon wieder: verzichten. Zu sagen in Radstadt, es geht nicht. Jetzt auf keinen Fall. Später vielleicht. Musste es auch ausgerechnet jetzt sein, dass sich Esther auf einem stockdummen Kerl einließ? Es kam wirklich dick von allen Seiten. Den hatte sie ihr natürlich verheimlicht. Aber die beiden steckten garantiert jetzt gerade zusammen. Und dafür sollte sie nun wieder sich opfern. Wieder! Und was kommt als Nächstes? Noch so ein Mist! Der ihr dann wieder alle Pläne über den Haufen wirft. Und dieser Halbgott da oben auf dem Balkon. Auch nur ein Mann. Irgendwo sind sie doch alle stockdumm, diese Männer!

Das Licht ging an im Treppenhaus, Rebecca floh, flink wie ein Reh, – nach oben. Seine Wohnungstüre stand noch halb offen. Den Flur hatte er ausgelegt mit Stacheldraht. Großen, wie es ihn sonst gar nicht gibt. Sie spürte, da musst du jetzt durch. Einen anderen Weg gibt es nicht. Rebecca machte einen Schritt. Einen kleinen. Noch einen, noch einen. Und noch einen. Ihr schwindelte. Es riss sie auf. Aber es tat nicht weh. Sie war wie betäubt.
Als sie, es waren einige kleine Schritte, dann in seinem Wohnzimmer stand, überflutete sie die Hitze der ungefühlten Schmerzen. Er stand noch draußen am Balkongeländer. Sie zögerte, dann trat sie hinaus und stellte sich neben ihn. Hin und wieder sahen sie einen schmalen Scheinwerferstrahl wandern durch den Dunst und das Blinken des Flugzeugs im Landeanflug.
Wenig später sagte er, „Mir ist kalt“.
Rebecca folgte ihm ins Wohnzimmer. Er schloss die Balkontüre und auch das Fenster. Auf dem Sofa lag noch die Kamelhaardecke. Er schwang sie sich über die Schulter. Bodo sah, er kannte Rebecca nicht gut genug. Das machte die Lage schwierig.
„Jetzt würden wir sie dringend brauchen, beide“, sagte er. –
„Wen? – Ach, - Margaret?“ fragte Rebecca, „Oh ja.“ –
Nach einer Weile, sie standen beide noch, fragte er:
„Warum lässt du sie nicht einfach in ihr Haus ziehen so lange?“ –
„Da kann sie auch daheim bleiben“, sagte Rebecca.
„Und wenn du sie mitnimmst nach Radstadt?“ fragte er.
„Nein, lassen wir das“, sagte sie, „ich werde absagen.“ – Bodo riss sich die Decke herunter, warf sie heftig zu Boden, schaute Rebecca voll an:
„Genau das wirst du nicht tun!“ – Ihr wurde schwindlig. Sie musste sich setzen. Bodo verschwand in die Küche, kam mit der Flasche Metaxa wieder, schenkte die Gläser voll. Eigentlich wollte sie nicht, trank aber doch. Für den Augenblick, spürte sie, tat er ihr gut. Bodo holte den Sessel vom Schreibtisch aus seinem Arbeitszimmer, stellte ihn an das Stück freie Wand neben dem Bücherregal, aber verdreht herum, setzte sich so darauf und lehnte sich gegen die Wand.
„Da fehlt noch was“, sagte er, „Ich geh davon aus, dass es seine Logik hat, was dich umtreibt. Wenn du es mir nicht sagen willst .., du musst es nicht sagen selbstverständlich, aber dann bist du umsonst hergekommen.“
Rebecca wurde wieder heiß. Aber unangenehm. Sie wäre am liebsten wieder aufgestanden und gegangen. Aber das war sie ja schon. Und doch wieder da. Sie atmete tief durch. Hoffentlich sagt er noch etwas, dachte sie. Irgendetwas.
„Willst du mit mir schlafen?“ fragte er.
„Arschloch!“, sagte sie leise. Ihr kamen die Tränen.
„Sie schläft ja auch gerade mit einem“, sagte er.
Rebecca schluckte.

„Gib mir zu trinken“, sprach Bodo weiter, „hatte er gesagt zu der Frau am Brunnen.“ -
Sie wischte sich die Tränen von der Wange. Sie wollte nicht heulen. Überhaupt nicht.
„Da hatte die Frau“, fuhr er fort, „das auch gesagt, „Arschloch“. Das steht so nicht drinnen. Drinnen steht, sie soll gesagt haben: „Das darf ich nicht. Wir gehören nicht demselben Volke an.“ Das ist präziser als das eine Wort nur. Dann hat er zu ihr gesagt:
„Das Wasser, von dem ihr schöpft, müsst ihr euch immer wieder holen. Aber wenn ihr von dem Wasser trinkt, das Ich euch gebe, wird euch nie mehr dürsten.“ Das hat sie nicht verstehen können. Aber sie hat sich doch nicht gedacht, der spinnt; Sie hat zu ihm gesagt, „Aber du hast doch gar kein Gefäß, um das Wasser zu schöpfen.“ Sie konnte sich nichts vorstellen unter dem Wasser, von dem er sprach. Aber das große an ihr war, dass sie ihn dann danach gefragt hat, was er damit meint, mit seinem Wasser, das die Lebenskraft spendet. Darum steht die Geschichte überhaupt drinnen in dem Buch. – Hm?.“
Rebecca heulte, sie wollte es nicht, es war so gekommen. Sie brauchte ein Taschentuch. Bodo brachte ihr aus der Küche die Küchenpapierrolle. Sie schaute mit nassen Augen auf zu ihm und musste lächeln dabei. Wie zartfühlend. Gleich die ganze Rolle. – Ihr Anblick traf Bodo ins Herz. Am liebsten hätte er sie getröstet. Aber das Trösten ist das eine Wasser. Ja. Ist gut und schön. Und hilft wohl über den Berg. Aber es kann an den Dingen nichts ändern.
Rebecca riss ein Blatt Wischpapier ab und trocknete sich das Gesicht damit:
„Und weiter?“ fragte sie um eines besänftigt.
„Weißt du´s nicht selber schon?“ fragte er zurück.
„Doch“, sagte sie leise, „ich bleib heut´ da bei dir.“ –
Bodo rutschte ein Seufzer aus. Er ging zu seinem verdrehten Stuhl, ließ sich drauf fallen:
„Liebe. Das war nicht die Frage jetzt.“ –
„Verzeih“, sagte sie, „hab ich was falsch verstanden?“ –
„Ich glaub, du hast nicht zugehört“, sagte er. Er stand auf, ging ins Schlafzimmer, zog sich den Pullover über als er wiederkam, nahm sie an der Hand und ging mit ihr wieder auf den Balkon.
„Ich denke“, sagte er, „es wäre wirklich besser, wenn du heute hier bleibst. Wir werden sehen. Aber im Augenblick sind wir Geschwister. Ich bin einfach dein älterer Bruder, ja?“
Rebecca sagte nichts.
Bodo hätte ihr die Stelle aus dem Johannes-Evangelium gerne vorgelesen, aber er hatte das Buch im Utopia. Als sie wieder hineingingen, war er gerade dabei, ihr auszubreiten, wie das Wasser, von dem der Christus da sprach, nicht den sexuellen Durst stillt und den physischen Durst und die anderen natürlichen Bedürfnisse der Menschen, sondern dass es die Lebenskraft gibt. Und dass sie, Rebecca, auf dem Weg der Lebenskraft ihre Fähigkeit entfaltet hat, Fresken zu malen und zu restaurieren, dass sie auf dem Weg der Lebenskraft geht zu ihrer neuen Aufgabe in Radstadt, dass sie dort an eine Quelle der Lebenskraft geführt wird, und im Tun, dort, in der konkreten Arbeit sich mit der Quelle verbindet. Und dass es darum nichts gibt als Vertrauen. Dass der Heilige ein Heroe ist an Lebenskraft. –
„Du kennst die Legende von dem Märtyrertod des Laurentius?“ fragte er sie, als sie es sich wieder bequem gemacht hatten im Zimmer.
Rebecca wusste, sie hatten ihn auf einem Rost gebraten, „Und es heißt“, sagte sie, „ er hat gesagt, sie sollen ihn umdrehen.“
„Ja“, sagte Bodo, „und jetzt stell dir das einmal vor in Wirklichkeit. Jetzt. Hier. Stell dich vor als der Laurentius. Nicht so, wie ich bin, nicht so wie du bist. Wir könnten nur brüllen vor Qualen. Nicht noch etwas sagen, nicht wahr. Wie kommt der Mensch da hin, daß er in derart grauenhaften Qualen so bei sich ist, dass er überhaupt etwas sagen kann?“
„Nein, das kann ich mir nicht vorstellen“, sagte Rebecca. –
„Geh hinein.“, sagte Bodo, „Ihm wurde die Folter ja angedroht. – Was bringt dich dazu, also da mit der Freude der Gewissheit zu sagen, „Der Christus ist der Menschengott?“ – Na eben die Kraft aus dem Christus selber. Die Gewissheit hat der Heilige mitgebracht ins Verhör. Die Kraft hat ihm der Christus da gegeben. Und jetzt gehst du hin und setzt seine Kraftquelle wieder instand bei euch da auf der Wiese. Verstehst du jetzt? – Also was das macht mit dir und was da wird dann durch dich. Und was das bedeutet für die Deinen, und was es bedeutet für das, was sie anstreben und was, wie bei Esther, etwas braucht an Kraft, die über die menschliche hinausgeht. Indem du an die Quelle gehst, damit kannst du ihr die Kraft dann geben. Und sie kann über die Schwelle kommen damit, und sie kann der Hannah Arendt über die Schwelle helfen, Rebecca. So ist das. Der ganzen Welt hilfst du weiter, wenn du dich mit dem Heiligen zusammentust.“ –
Es blieb eine Weile still im Wohnzimmer. Er sprach dann weiter:
„Und siehst du jetzt, wie die äußerlichen Dinge da vergilben wie Laub im Herbst und abfallen? Wie die an Kraft der deinen, die du da aufgenommen hast, das Wasser nicht reichen können? Wie die zur Makulatur werden und du dich dann fragst, Wie hat mich das bloß so ängstigen können? – Siehst du, Liebe“; sagte Bodo zu ihr, „das ist es, was der Christus der Frau da am Brunnen mitgeteilt hat. Und wenn du diese Geschichte weiter verfolgst, erfährst du, die Frau hat ihn dann begriffen und sie hat seine Kraft empfangen, und es heißt, sie hat ihn erkannt. – Also das ist die große Geschichte, der große Bogen. In dem stehen wir irgendwo drinnen mit unserer Zeit. Mit unseren Geschichten. Und deine Geschichte sehen wir, du und ich, die ist da herangereift an die große Geschichte. Dein Weg will sich einen mit dem Weg der Menschheit. An dessen Einmündung dann steht das Erkennen.“

Sie saßen lange und schwiegen. Dann ging Bodo ins Schlafzimmer und brachte Bettzeug mit. Rebecca stand auf, sie nahmen sich in die Arme. Lang, warm, still. Rebecca schlief nicht auf der Couch. Als sie bei ihm lag im Bett, suchte sie seine Hand. Wenn man eine kleine Schwester hütet, braucht man einen großen Bruder.


*

Es sind nicht immer Zwänge existentieller Art. Niemand sagt, es sei leicht, eine Denkbarkeit zu finden, die man noch nicht kennt. Einfach leicht ist das ja nicht. Es ist wie ein Kinderspiel. Wer den Kindern beim Spielen zugeschaut hat, hat gesehen, die sind da ordentlich am Arbeiten mit einander. Da setzt sich eines durch, die anderen müssen nachgeben, dann ist wieder ein anderes klüger und das eine muss das anerkennen. Die Kinder lernen fortwährend an einander. Sie nehmen ihr Spiel ernst und sich gegenseitig auch.
Die Zwänge sind - aber das weiß man erst, wenn man die Sache zu denken vermag – wiewohl sie konkret da sind und konkret wirksam, dennoch nur scheinbar das Hindernis. Sie hindern, und das robust, es gibt kein Vorbei an ihnen, es gibt kein Weiter gegen sie; man mag es vielleicht schaffen, seine Lage einwenig erträglicher zu gestalten. Der Zugriff der Zwänge bleibt bestehen, wie die Lage im Einzelnen auch sei. Das hat seinen Grund darin, dass man etwas, das eine Folge ist von etwas, nicht direkt beheben kann. Man kann die Sache nur über den Weg ihrer Ursache begehen. Man kann an der Sache herumdoktern; das geschieht auch unentwegt nach allen Regeln der Kunst und auch abseits von ihnen, das ist heute das Normale, das ist zur Norm geworden, man kennt es nicht mehr anders. Es geschieht das allüberall und nur das und nichts als das. Aber es nützt nichts. Es wird, obwohl es nichts nützt, nichts desto trotz permanent betrieben und auf Teufel komm heraus. Das dafür mit Erfolg. Der ist herausgekommen. Oder die Normalität ist zum Teufel gegangen. Wie dem auch sei, Der ist da.
Goethe ist an ihm gewachsen, weil er mit ih„Den Teufel merkt das Völkchen nie, selbst wenn er es am Kragen hätte.“, Zitat Goethe. Und der, das muss man ihm lassen, ist ein Vollprofi in seinem Fach. Der Teufel. Der Dichter ist an ihm gewachsen, indem er mit ihm gerungen hat. Er hat ihn schließlich überwachsen. Goethe, der Geist im Menschen. Der Geist im Menschen Goethe, alias Faust. Und wie hat er das angefangen?
Nun, in Goethe war das Kind noch lebendig. Nur hatte er es groß gemacht durch seinen weiten Blick von Gestern her nach Morgen hin, und von dem Gesamten aus nach Heute. Er nahm Die Seinesgleichen ernst, alle die da fliegen und reiben und flüstern und treiben, dies Spiel war ihm der Ernst. Und er war eben durch und durch ehrlich. Auch gegenüber sich selbst. Und da lässt er den Faust so anfangen:
Ich weiß, dass ich nichts weiß.

Das ist der Punkt. Einen anderen Anfang gibt es nicht als von diesem Punkt aus. Da muss man aber erst einmal hinkommen. Und es braucht schon etwas Intelligenz, damit man sich durchringt zu dieser Wahrheit. Die man erringt als Erkenntnis. Auch eine Selbsterkenntnis ist eine Erkenntnis, die Wahrheit teilt sich ohnehin nur Selbstheiten mit. Womit wir wieder mitten im Problem gelandet sind. Wer in Zwängen steckt, der lebt ja nicht aus seinem Selbst heraus, der wird gelebt von den Zwängen. Aber auch in der Zwangsjacke noch, und ob sie weltweit der Alltag ist, kann man einen Punkt machen, und das kann man zu jeder Zeit in jedem Augenblick. So auch in diesem jetzt. Die Hölle unterscheidet sich vom Leben hier und heute allein dadurch, dass es uns noch möglich ist, jederzeit einen Punkt zu machen. Ich kann noch, wenn ich will, zu jeder Zeit ein Vater unser sprechen.

„Vater unser, der Du bist von wo wir herkommen, wo wir hinwollen,
Lass uns nicht Dich verlieren aus unserem Bewusstsein.
Die Welt betäubt uns, wir entfremden uns Deiner Wärme, Deiner Kraft, Deiner Schlichtheit.
Wir können heute nicht mehr tun, was wir eigentlich wollen. Wir tun, was wir tun müssen –
Für unser tägliches Brot.
Das Du gibst, wenn wir mit Dir sind.
Sind wir nicht, und darum verschulden wir uns mit dem, was wir tun, weil wir es tun müssen, mit an Allen und allem.
Und wissen nicht mehr, wie kommen wir da je wieder heraus.
Und sagen „ich“ noch zu allem, was uns an der Nase herumführt wie einen Tanzbären, wir können selber nicht unterscheiden Ich von Nicht-Ich.
Von diesem Übel, wir bitten Dich, erlöse uns.“

Die Hölle ist schlicht und einfach die Gegenwart, wenn es nicht mehr möglich ist, einen Punkt zu machen. Das hat seinen Grund darin, dass man etwas, das eine Folge ist von etwas, nicht direkt beheben kann. Man kann die Sache nur über den Weg der Ursache begehen. Das ist der lange Weg. Womöglich der längste. Und „auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt“. Ein zitiertes Zitat ist das, Mao hat es von Konfu Tse.
Wir können also nicht sagen, wir wüssten nicht Bescheid. Wir wissen Bescheid seit Jahrtausenden.

Aber vor einem ersten Schritt muss man einen letzten machen, und einen Punkt. Ganz einfach deshalb, weil man umdrehen muss. Das Umdrehen, man sieht es nicht von außen. Ich gehe, wenn ich umgedreht habe, nicht zurück. Ich gehe weiter. Bei Bodo jedenfalls war das so. Keiner sah ihm an, dass er umgedreht hatte und wann das war, es bemerkte zuerst seine Freundin damals, aber auch erst spät. Er hatte damals – und sie sah das auch so – wohl das Spürchen einer Spur von Uranium 254 im Blut. Also wenn es um Atomkraftwerke ging, lief er heiß. Immer. Es wurde dann, damals, in Wackersdorf die Wiederaufbereitungsanlage gebaut. Da fuhr er hin. Der nackte Wahnsinn war dort in Uniformen gesteckt worden mit der Aufschrift „Polizei“. Bodo kämpfte mit in Wackersdorf gegen den Wahnsinn, der sich in dieser Verkleidung behaupten ließ. Es waren Schlachten wie in einem Bürgerkrieg. Sie verloren die Schlacht.

Und hatten gesiegt. Wenigstens dort. Der Bau der Anlage wurde eingestellt. Wieder zuhause, er sah noch aus so als sei er unterwegs von einem fahrenden Motorrad gefallen, betrieb er die Gründung von Gruppen für Greenpeace und für Amnesty International. Sein Freundeskreis wuchs an. Man traf sich meist in Lokalen, das wurde bald zu teuer. Die Freunde erstanden gemeinsam eigene Räumlichkeiten, renovierten sie, und so entstand das Utopia. An den Wochenenden gab es Literatur dort und Musik, an den Wochentagen die Treffen der verschiedenen Arbeitsgruppen, und es zeigte sich, dass die Stadt eine Fülle an kreativen Menschen barg, meist junge Leute, es war beeindruckend. Das Utopia war bald ein Name geworden und eine Institution, es war das erste Forum für Leute, die sich über die Norm hinwegsetzten in ihrem Denken. Es war zu einer freien Schreinerwerkstadt geworden der Wiege einer freien Bewegung, und die Wiege sollte ein Kind aufnehmen, und die Bewegung kam in die Wehen. Die Gegenkräfte hatten ihren Schock überwunden und sich formiert. Sie rückten an mit Betonmischmaschinen, sie betonierten alles zu. Zuerst im Bürgerrecht die Notausgänge ins Neue, dann das Utopia – alle die Utopias. Der rohen Masse hat ein junges Werden nichts entgegenzuhalten, es hat denn in sich die Kraft eines großen Gedankens.

Damals hatte Bodo einen Traum. Er wohnte, zusammen mit Krähenvögeln, auf einer Burgruine. Eine der Krähen war seine junge Frau. Sie war schon aufgestanden, er lag noch im Bett, oben auf einer der brüchigen Mauern.
„Schau einmal“, sagte sie mit dem Blick nach unten, wo das Gras wuchs in den unbedachten Sälen, „deinen Freunden geht es nicht gut..“ Er mochte das nicht hören, weil es so war. Und die Bettdecke war zu schwer, er konnte nicht auf. Sie setzte sich zu ihm, schaute ihn furchtbar lange an, dann sagte sie:
„Jemand muss ihnen helfen. Wenn du schon so gescheit bist, musst du es tun.“
Er hielt ihren Blick nicht länger aus, schaute hinunter. Menschenkolonnen gingen in Ketten auf ausgetretenen Spuren durch die Hallen der Ruine. Er sah auch manchen seiner Freunde unter ihnen. Es begann zu schneien. Er wandte den Blick hinaus aufs Land. Das lag verkohlt. Es war vollständig abgebrannt. Ausgebrannt. Allmählich deckte der Schnee es ein, machte daraus eine fahl weiße, leere Ödnis.

Am frühen Abend dieses Tages, es schneite tatsächlich, er war zu Fuß unterwegs ins Utopia, vernahm er den Gedanken seiner Frau im Traum erneut, klar und deutlich. „Wenn du schon so gescheit bist, musst du es tun.“ Er hielt inne. Helfen ja, aber wohin? Auch das Bild stieg ihm auf, das vollends abgebrannte Land, die beschneite Einöde dann. Ihm kam zu Bewusstsein, es war alles nur Kritik an Bestehendem, was sie betrieben hatten bisher. Ihr Sinnen hatte sich hergemacht über das Vorgefundene allein. Es war da keine Idee am Werk. – Keine Idee.. Das war der Punkt.
Vielleicht war es der Friede der Welt bei Schneefall, der ihm die Türe auftat. Er jedenfalls trat ein in diesen Gedanken und der war feucht wie eines großen Engels nassgeweinte Wange.
Keine Idee.. Nieder sank der Gedanke, und als er am Boden ankam, ging er ihm auf. Dass nämlich nichts da war bei ihm, was er hätte befragen können: Wie baut man ein niedergebranntes Land wieder auf? Nichts. – Es bestürzte ihn, dass er das feststellen musste bei sich. Keine Idee. Keine Ahnung. Und damit war natürlich klar, so kann das nicht gehen. Den Krieg hatte er ja nicht erlebt, aber von Berichten kannte er die Bilder, wie eine Stadt in Trümmer fällt und Rauch und Asche, und das geschah soeben in ihm mit seiner Welt. Sie sank in Trümmer und Asche und Rauch, der Traum hatte wahr gesprochen. – „Ich weiß, dass ich eigentlich gar nichts weiß.“ Wortwörtlich wurde ihm das klar.
Nichts da mit Helfen. So gescheit, um das zu können, war er nicht.
Mag sein, dass gerade in diesem Augenblick die Fußgängerampel auf grün sprang, es war jedenfalls der rechte Moment, dass er seinen Weg fortsetzte. Er machte sich von der Stelle und ging, wie immer, flott. Bis zum Utopia war es noch weit genug. Hin ging er am liebsten zu Fuß. Zum einen ist es schön, durch eine Stadt zu gehen, die man liebt, zum andern bot ihm die gute Stunde, die er für die Strecke brauchte, die Gelegenheit, in Bewegung sich zu sammeln und auf den Abend vorzubereiten. Und zudem kam er an Gebäuden vorbei, die er schön fand, außerordentlich schön; er machte immer den selben Umweg, damit er an ihnen vorbeikam, und eines darunter empfand er in seiner Art als die Vollendung der Baukunst wohlhin, das Gebäude der Sezession:
„Der Zeit ihre Kunst, Der Kunst ihre Freiheit.“ –
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Es kommt viel darauf an, ob man die Sache, der man dient, lieben kann.
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