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Das verlorene Lied


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Paul Einerdehr
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Anmeldedatum: 21.06.2013
Beiträge: 22
Wohnort: Achberg, Bodensee (BRD)

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BeitragVerfasst am: 04.07.2013, 16:16    Titel: Das verlorene Lied Antworten mit Zitat

Das verlorene Lied


Erzählung
von
Paul Einerdehr



I

Es war nach der Zeit, da die Raben die Nachtigallen in dem langen, furchtbaren Krieg vollständig ausgerottet hatten, dass ihnen die Kontrolle über die Welt, die sie nun ja alleine beherrschten, zu misslingen begann. Darüber gerieten der Rabenkönig und seine Berater in Sorge und sie zerbrachen sich darüber die Köpfe, was zu tun sei. Zuerst erließen sie strengere Gesetze. Das half eine Zeit, aber als das Volk daran gewöhnt war, kamen die üblen Zustände wieder. Sie erließen neue, noch strengere Gesetze, sodass das Rabenvolk zu murren begann, und dann wurde ihm auch das Murren bei Strafe verboten.
Als endlich der alte Rabenkönig starb und mit seinem Sohn ein jüngerer den Thron bestieg, schöpfte das Rabenvolk die Hoffnung, es würde wieder mildere Tage sehen, aber dem war nicht so. Der junge König setzte das strenge Regiment seines Vaters fort, denn er war klug genug um zu wissen, dass die Strenge das einzige Mittel war, um sein Rabenvolk im Zaum zu halten. Aber er wusste auch, so konnte es nicht weitergehen auf die Dauer. Deshalb ließ er eine Bulle verkünden im ganzen Reich. Seine Herolde zogen trommelnd von Stadt zu Stadt, von Ort zu Ort und gaben dem Volk auf den Straßen und Plätzen den Willen des Königs zu wissen : „Ein jeder Rabe, gleichviel ob Mann oder Weib, der glaubt, er habe die Wissenschaft und Tüchtigkeit, wie dem Volke zu helfen sei, der soll an den Hof des Königs kommen. Hilft seine Kunst, so soll er Berater des Königs werden, hilft sie nicht, hat er sein Leben verwirkt.“ Da kamen gar einige an des Königs Hof. Und da ließen sie alle, die gekommen waren, ihr Leben, denn keiner hatte die rechte Wissenschaft und Tüchtigkeit, um die große Aufgabe zu meistern.

Im Bergseeland aber, da lebte ein Rabe, der hatte sich von dem Trubel des Lebens in Stadt und Land in die Stille zurückgezogen. Der hörte lieber dem Wind zu, wenn er durch die Bäume strich, und erlauschte seinen Gesang. Der hatte von der königlichen Bulle nichts vernommen, bis eines schönen Tages drei seiner früheren Freunde ihn suchten und fanden. Sie fanden ihn träumend am helllichten Tag.
„Was schläfst du“, fragten sie ihn, „während wir alle an der Arbeit sind? Los, steh auf und tu auch etwas, du Müßiggänger!“ –
Was er denn tun solle nach ihrem Verstand, der das Zuhören von Schlafen nicht unterscheiden kann, fragte er zurück. Da belehrten sie ihn über die Botschaft des Königs, und sie sagten zu ihm:
„Du hast dich doch immer für viel gescheiter gehalten als uns alle. Nun ist deine Stunde gekommen: die Stunde wo du zeigen kannst, ob du auch wirklich gescheiter bist oder wohl nur maßlos eingebildet. Wir bringen dich jetzt an den Hof des Königs. Dort magst du Rede und Antwort stehen.“

Da half dem Raben alles nichts. Sie brachten ihn zum König, vorbei an den Gräbern all derer, die vor ihm schon da gewesen waren, und deren Kunst und Tüchtigkeit nicht zu helfen vermocht hatte, das Rabenvolk zur Vernunft zu bringen. Nun wurde er alsbald vom König empfangen. Der aber war prächtig, und umgeben von seinen gestrengen Beratern. Es wurden dem Raben die Beine weich, als er sich vor ihnen tief verneigte. Dann sprach der Berater zur Rechten des Königs:
„Sag an. Was ist deine Wissenschaft und Tüchtigkeit?“
„Ich lebe einsam im Gebirge“, begann der Rabe seine Rede, „und lausche den Stimmen der Natur.“ -
„Den können wir nicht gebrauchen!“, rief sogleich der Berater zur Linken des Königs. Ein dritter aber sprach:
„Er soll uns seine Kunst vortragen.“
Damit war der König einverstanden und hieß den Raben, weiterzusprechen.
Also fasste der Rabe allen Mut, tat den Schnabel auf und sagte vor dem König und seinen Gelehrten alles so, wie er es den Stimmen von Wind und Wald und Wiese, dem Gesang der Vögel, dem Rauschen des Baches und dem majestätischen Schweigen der Berge hatte
abgelauscht. Und als er diese Rede zu Ende gebracht, fuhr der Berater zur Linken des Königs erzürnt auf und schrie:
„Hinweg mit dem Toren! Er redet Frevel dem Ohr des Königs!“
Der König aber gab ein Zeichen und der Berater verstummte. Dann sprach der König zum Raben und fragte ihn, was nun der Rat sei, den er zu geben habe. Darauf sagte der, er habe nur erlernt zu hören, was die Natur verkündet. Darin sei aber gut zu erfühlen, was sie zu leiden hat, und jedes Herz voller Mitleid komme doch ganz von alleine auf die rechten Gedanken, wohin das Rabenvolk sich eines Besseren besinnen soll.
Dazu nickte der König bedächtig, dann aber sprach er:
„Höre. Wir wollen von dir eine zweifache Kunde. Bringe uns deine Kenntnis als eine Wissenschaft und bringe uns dazu die Tüchtigkeit. Eile und spute dich; binnen Jahresfrist wollen wir von dir das Ergebnis erfahren. Nun sage, was du brauchst zu diesem Behufe und du sollst alles bekommen.“
Da war der Rabe so hilflos wie noch nie in seinem ganzen Leben, aber das wollte er den Beratern nicht zeigen. Darum verbeugte er sich nur tief vor dem König, sagte mit ruhiger Stimme: „Ich brauche nichts, Eure Majestät“ und entfernte sich demutsvoll aus dem Saal. Der Berater zur Linken des Königs aber brach in schallendes Gelächter aus, und das dauerte noch an, als die Türen des Palastes hinter dem Raben schon geschlossen worden waren.

Wieder zurück an der frischen Luft und dem warmen Sonnenlicht versagten ihm plötzlich die Beine, und noch während er über eine Kellertreppe hinunterpurzelte, wurde ihm klar, das kam davon, dass er soeben dem sicheren Tode entronnen war. Die Kellertreppe aber führte in die Trinkstube des größten Weinbauern der Stadt, und die Stadt war groß und die Trinkstube auch. Dort ließ er es sich wohl sein, und als er genug getrunken hatte, erzählte er frischweg sein ganzes Erlebnis der fröhlichen Runde. So kam es, dass in der Stadt das Gerücht sich herumsprach, es habe der König einen verrückten Künstler in seinen Dienst genommen, und als es am Tag darauf wieder die Trinkstube erreichte, war daraus geworden, dass - geflüstert von Schnabel zu Schnabel - es hieß, der König selber sei verrückt geworden. Davon aber, und was daraus dann wurde, wusste der Rabe nichts. Seine Beine trugen ihn wieder schlecht und recht, und noch in der Nacht wackelte er auf ihnen zur Stadt hinaus.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als er in seiner Föhre erwachte. Wie an jedem anderen Tag flog er zuerst hinüber zum Wasserfall, setzte sich oben auf seinen dick bemoosten Stein, krächzte „Guten Morgen“ und begann, sich hinein zu hören in den kühlen Donner seiner stürzenden Wasser. Es gelang ihm bald, und was er da vernahm, hob zugleich ihm das Herz und machte ihn staunen. Nichts von den schweren Klagen vernahm er, die ihm der Wasserfall sonst immer zutrug, kein Seufzen, kein Stöhnen und Beben; es lief der Bach vergnügt daher, es sprang das Wasser frisch und fröhlich vom Fels, es tanzte im Fallen, jauchzend und jubilierend, und die Spritzer, die es über sein Federkleid warf, empfand er wie viele, viele kleine Küsse. Und wäre er nicht kohlrabenschwarz gewesen, man hätte ihm ansehen können, wie er davon, aber unter den Federn, rot anlief. Und da fiel ihm plötzlich wieder ein, wo er gestern gewesen war. So erschreckte ihn die Erinnerung, dass er beinahe den Halt verlor auf seinem bemoosten Stein. Binnen Jahresfrist sollte er dem König ausführlich vortragen, weshalb das Rabenvolk glaubt, gescheit wie noch nie geworden zu sein und dabei immer mehr verblödet und irregeht, und ihm erläutern was zu tun sei, damit es wieder zur Vernunft zurückfinde. Ja, dafür konnte ihm nun nicht einmal die wunderschöne Freude helfen, mit der ihn der Wasserfall begrüßt hatte. Wohin er auch trat, es verneigten sich die Blumen vor ihm, alle wandten sich ihm zu und strahlten ihn an. Er konnte sich bald nicht mehr helfen, weinen musste er vor Freude über all diese Freude, und sie galt ihm. Es war ja sonst niemand da. Und die lieben Vögel alle musste er richtig bitten, ihr Jubelkonzert leiser zu singen, weil er doch denken musste, denken, was er nun machen werde. So vergingen drei herrliche Tage, sie waren wie eine Hochzeit. Seine Geliebten, der Bach, der Wind, die Wiesen, der Wald, die Steine, die Sterne, die Stängel, alles war wie seine Braut und er ihr Bräutigam. So war es. Am dritten Tag aber brachte er seinen Willen und seinen Verstand zusammen in seinem Herzen und da hatte er eine Idee. Als es unter den Raben noch kluge Köpfe gab, hatte einer von ihnen gesagt:
„Große Dinge verlangen, dass man groß denkt oder groß irrt; beides hilft weiter“.

Nun, seine Idee war wahrlich mutig. Sie gab ihm ein, hinauf zu fliegen bis ins in das Reich der Nachtigallen und dort an höchster Stelle um Rat zu bitten, bei deren Königin selbst. Der Gedanke schien ihm genial. Keinem Raben wäre so etwas eingefallen. Schließlich war es bei Todesstrafe verboten, an Nachtigallen auch nur zu denken. Wurde einer dabei ertappt, kam er vor Gericht und wurde wegen Hochverrates hingerichtet. Nun war das schon lange nicht mehr vorgekommen einerseits, andrerseits war der Rabe einer, der sich über blöde Vorschriften einfach immer schon hinweggesetzt hat. Und so auch jetzt. Nur das furchtbare Gelächter von jenem Berater zur Linken des Königs, das war ihm durch Mark und Bein gegangen und hing ihm noch lange an.
Als er nun wusste, was er tun würde, machte er sich unverzüglich auf den Weg. Zuerst flog er hinauf ins Gebirge. Dort kannte er einen stillen, klaren Bergsee, da hielt er sich einige Tage auf, badete im See und ließ sich die Federn von der Sonne bleichen. Viel half es ja nicht, aber er dachte, wenn er so kohlrabenschwarz im Himmel der Nachtigallen vorsprechen wollte, würde man ihm wohl gewiss nicht Einlass gewähren. Als aber auch nach Tagen noch keine Spur von helleren Federn zu sehen war, machte er sich auf die weite Reise in die Wüste. Dort, hatte er gehört, brennt die Sonne erbarmungslos herunter und das, dachte er, wird etwas nützen. Es war eine schöne Reise, wenn auch ordentlich anstrengend, denn er flog Tag für Tag und gönnte sich kaum eine Pause. Am Abend aber, wenn er sich einen Schlafplatz ausgesucht hatte, fiel er fast um vor Müdigkeit, und so gut und tief wie in dieser Zeit hatte er noch nie geschlafen. In seinen Träumen aber lebte die Freude der Natur in seiner Heimat fort.
Früher als erwartet kam er ans Meer. Das Meer kannte er nicht, er hielt es für einen riesigen See. Lange flog er sorglos dahin, doch allmählich, dachte er, sollte der See doch auch einmal enden. Um also zu sehen, wo das andere Ufer denn sei, stieg er höher. Aber dieser See war größer als alles, was er sich hatte vorstellen können, es gab voraus und auch nach beiden Seiten kein Ufer zu sehen, nur schönes, tief blaues Wasser so weit das Auge reichte. Höher stieg er und höher, es musste doch, dachte er, wieder Land sich zeigen irgendwo in der Ferne. Und er stieg noch höher. So hoch oben war er schon, dass die Farbe des Himmels ebenso tiefblau strahlte wie die der Wasser unten, und noch immer sah er keine Spur von einem Ufer. Es schien ihm, dieser See reiche bis ans Ende der Welt, und dort sah es aus, als steige das Wasser in den Himmel auf, oder der Himmel breite sich aus auf dies unendliche Wasser, denn es hatte ja die Farbe des Himmels. Ein solches Meer an Schönheit hatte er noch nie gesehen, es war unaussprechlich großartig. Und erst sein Bewundern dieser Unendlichkeit in Blau brachte ihn darauf, dass er sich hoch über dem Meer befinde. Da war ihm sofort klar, dass er umdrehen musste. Zwar war er ein guter Flieger, er konnte sich schon einiges zutrauen, aber viele Tage und Nächte ohne jede Rast durchzufliegen, daran mochte er sich nun doch nicht wagen. Also machte er kehrt. Aber da sah er auch nur noch Wasser. Verschwunden war das Land, von dem er gekommen war, er hatte sich bereits viel zu weit hinaus gewagt. Wahrlich viel zu weit, denn er flog ja noch immer sehr hoch, weit höher als die höchsten Berge sind, die er kannte. Über ihren Gipfeln wusste er den Himmel noch deutlich heller. Wahrscheinlich war ich noch nie so hoch oben wie jetzt, dachte er bei sich, und wenn ich dennoch das Land nicht sehe, wie soll ich es je wieder finden? Noch stand die Sonne zwischen Mittag und Abend, aber er war ja schon aufgebrochen im ersten Morgengrauen. Nun, die Sonne schien ja noch und gab ihm die Richtung, er ließ sich allmählich tiefer gleiten, das machte ihn schneller, und weiter unten war die Luft dichter und wärmer, da musste er sich nicht so anstrengen. Allein, es half nichts. Auch noch zum Sonnenuntergang war er von Wasser rings umgeben und es gab kein Land, kein Ufer, keine Hoffnung. Die Nacht aber war klar, und als die Sterne zu funkeln begannen, suchte er sich den Großen Bären aus und hielt sich in seiner Richtung. Und dazu noch das Gute war, dass ihn beim Fliegen der Hunger nicht plagte. Kurzum, er flog in die Nacht hinein bis an den Rand der Erschöpfung, flog und flog und flog und flog. Und irgendwann einmal, da kam ihm vor, er sehe ganz ferne ein Lichtlein. Es verschwand, kam aber wieder, und allmählich blieb es fast ungestört sichtbar. Der Rabe spürte, wie ihn die neue Hoffnung mit Kraft erfüllte, er stieg etwas höher, und da hatte er es ruhig flackernd vor sich. Es war aber noch sehr weit weg. Wieder vergingen Stunden, und er hatte es immer noch lange nicht erreicht. Statt dessen hob ein Wetterleuchten an, auch ferne noch zwar, aber der Schein der Blitze zog sich, einmal da, einmal dort, hin über den ganzen Horizont. Und während das ferne Licht nicht und nicht näher kommen wollte, die große Wetterbank kam näher, und das viel schneller, als er es für möglich gehalten hatte. Wäre ihm das am Morgen passiert, er hätte sie glatt überflogen. Dazu fehlte ihm aber nun die Kraft. Damit blieb ihm nichts mehr übrig, als Augen zu und durch. ( ... )






II



Einsam und leer ragte die Klippe, weithin kahl und wild zerklüftet, hinein in das königsblau schweigende Meer. Nur eine uralte, knorrige Eiche stand ferne ein paar Stufen höher und breitete ihre mächtigen Äste verwegen hinaus über den steil abfallenden Fels. An dieser Stelle war es, dass die letzte Schar von Nachtigallen tanzte bis in den Tod. Einen fröhlichen Reigen, den man sonst nur auf Hochzeiten spielte, tanzten sie, und als die Verfolger sie bestürmten, sprangen sie alle, die hundert jungen Mädchen und Frauen, von der Klippe hinunter. Nichts davon gab es in den Büchern der Raben darüber zu lesen, und auch nicht von der Zahl ihrer übrigen Gräueltaten. In der Rabenwelt kamen diese Verbrechen nicht vor. Ein Tuch des Schweigens lag über sie gebreitet, eben und weit wie der Spiegel des Meeres, über dem gerade die Sonne aufging und den jungen Tag verwandelte in ein Bild zarter Verheißung. Wie ein zu Stein gewordener König in seinem faltenreichen Gewand, der im Anblick der Unendlichkeit sich finster seiner Taten besinnt, stand der mächtige Fels dem ganzen Land voran da und die uralte, sturmgebeugte Eiche, sein Zepter, verkündete die Frist der Jahre, die ihm noch blieb.
Und die Sonne stieg auf in den Mittag und stieg ab in den Abend über Meer und Felsen und über einem schlafenden Raben zu seinen Füßen. Die Nacht blieb warm und still, und als der nächste Morgen graute, erwachte der. Traulich kräuselten Wellen sich an den Rand seines Lagers, er aber fuhr hoch wie von der Tarantel gestochen; Meer und Schrecknis waren ihm eines geworden. Erst nach und nach fiel ihm wieder alles Übrige ein mit seinem Warum und Weshalb und Was und Wie. Die alte Eiche sah er und flog hinauf; eine Föhre wäre ihm lieber gewesen, aber es war ja keine da, kein einziger anderer Baum, nur diese Eiche. Immerhin fand er dort Raupen und anderes Frühstück in Fülle, er hatte ordentlich Hunger. Eine kühle Brise zog vom Land herab aufs Meer, die Mahlzeit fiel üppig aus, der Baum gab gut Schatten: es hätte der Rabe rundum zufrieden sein können an diesem Morgen, aber irgend etwas, spürte er deutlich, stimmte nicht an diesem Ort. Es litt ihn kaum in der Eiche, er fühlte sich unwohl, - unwillkommen sozusagen. Das aber weckte seine Neugier, und die sagte ihm, flieg´ nicht weg, bleib da, hier kannst du etwas erleben. Nun wäre ja der Rabe nicht der Rabe gewesen und zu dem geworden, der er war, hätte er nicht immer dieser Stimme nachgegeben, dieser lockenden Säuselstimme, seiner Neugier. Also widerstand er dem Drang, den Baum zu fliehen, und blieb.

Es hatte ihn nichts getäuscht, weder die Säuselstimme noch sein Gefühl. Im Baum fing es an zu knistern, kräftig zu knistern, und dann krachte es. Es krachte geradeso wie wenn ein Ast abbricht. Dass dem uralten Baum ein Ast brechen würde, das hätte den Raben ja weiter nicht gewundert, so windschief wie der dastand, aber außer dass das Laub sich lieblich in der kühlen Brise wiegte, bewegte sich nichts, rührte sich nichts, blieb alles streng und fest im Baum. Und am Baum. Und Meer und Fels und Land und Himmel – alles still, alles blieb ungerührt und in der Ruhe seiner Ordnung. Fast schon wäre der Rabe davongeflogen, es sträubte ihm die Nackenfedern, so krachte und knisterte und knarrte es in der Eiche, da auf einmal sah er ihn. Er war der größte und zottigste aller wilden Baumgeister, die er jemals zu Gesicht bekommen hatte, ein furchtbarer Riesenkerl von einem Faun, und dieser hier war so im Zorn, dass sein rauher Pelz flackerte wie das Lodern des Feuers.
„Was machst du verdammter schwarzer Rabenbraten in meinem Baum?“ krachte ihm der Faun in die Ohren, „Scher dich weg! Zum Teufel oder wo du hergekommen bist!“
Dem Raben vergingen Hören und Sehen vor Schreck. Der Faun aber war noch lange nicht am Ende. Ein ganzes Gewitter an Verwünschungen und Flüchen prasselte er auf den Raben nieder. Den durchfuhr es heiß, so heiß dass ihn eisig fror, und wäre er nicht starr gewesen vor Entsetzen, er wäre vom Baum gefallen. Unerschöpflich schien die Wut des wilden, riesenhaften Kerls von einem Baumgeist, unerschöpflich sein Wortschatz an derben Flüchen, und seine Kraft glich der der Wasserfluten, wenn ein Staudamm bricht. Was eine dicke lange Stachelbeerraupe aber durchaus nicht störte, an dem Raben, der ihr erstarrt den Weg versperrte, hinauf zu kriechen. Wo sie dann natürlich sich im Gefieder verirrte und irgendwann schließlich den Raben kitzelte, an einer so kitzligen Stelle, dass der den Flügel öffnen mußte und die Raupe fressen. Da plötzlich schwieg der Baumgeist, und wieder erschrak der Rabe heftig, diesmal über den Einbruch der Stille; es blieb ihm die Raupe im Halse stecken, es würgte ihn heftig und herrje, er mußte spucken, die Raupe und das ganze schöne Frühstück hinterdrein. Dem folgte ein Donnerrollen. Der Baumgeist lachte! Der war ja auch zugleich ein Schelm. Er hatte dem Raben die Raupe geschickt, und dass ihm der Scherz gelungen war, das erheiterte ihn jetzt. Dem Raben aber war übel, und das gab dem Faun Gelegenheit, noch einige üble Scherze mit ihm zu treiben. Er hatte sich ja nun einwenig den Zorn abgekühlt, den Zorn über das, was an dieser Stelle den Nachtigallen geschehen war durch die Raben vor nicht langer Zeit. Das ließ er den Raben nun spüren, das dafür, dass der sich erdreistet hatte, so Mirnichts – Dirnichts daher zu kommen und es sich in seinem Baume gütlich zu tun. Nicht einmal die Tageszeit hatte er ihm gewünscht, nicht guten Tag, nicht guten Morgen, nichts. Kein Wort, wer er ist und was er da will. Typisch Rabe! Er hatte es so satt, dieses verdammte Rabenpack!

Ein gutes Stück Tag verging mit den Scherzen, die sich der Herr der Eiche mit seinem ungebetenen Gast noch machte, Scherze, die nur einem erbosten Faun nicht grausam erscheinen, und als der Rabe endlich nur noch als ein geschundenes Stückchen Elend keuchend in seien Zweigen lag, ließ es der Mächtige gut sein mit seinem boshaften Spiel. Ein anderer Gedanke war ihm gekommen. Der Gedanke, er könne diesen Raben da nehmen und ihn erziehen zu einem, der Sitte und Ordnung kennt und dazu die Geschichte, diese ganze verdammte Geschichte dieser verdammten Raben. Zu einem Solchen könne er diesen Kerl da machen, dass der dann vor Die seinesgleichen hintritt und ihnen die Wahrheit sagt über sie, und zwar die ganze Wahrheit ohne Wenn und Aber. Das war sein Gedanke, und um seinetwillen ließ er ab von ihm, wie sehr es ihm wohl gefallen hätte, nur noch ein Häufchen Hackfleisch von ihm übrig zu lassen.
Dies war nun der alleinige Grund dafür, dass der Rabe die Begegnung mit dem Herrn der einsamen Eiche auf dieser einsamen Klippe nicht mit dem Tode bezahlen mußte. Viel mehr aber als das bloße Leben war ihm da nicht geblieben; er sah übel zugerichtet aus und es ging einige Zeit ins Land, bis er wieder auf die Beine gekommen war. So lange übte sich der große Faun in Geduld, wie schwer ihm das auch immer wieder fiel zu Zeiten, da die Bilder von den grässlichen Untaten der Raben in ihm lebendig wurden. Dann kam der Morgen, an dem der Mächtige das Wort ergriff, und er sprach zu dem Raben:
„Du weißt, du bist in meiner Hand, aber wenn du tust, was ich dir sage, will ich dein Leben schonen. Also höre und sieh“. Und er belebte in sich die Zahl der Tage, in die eingeschrieben war die Vernichtung der Nachtigallen durch die Raben. Die Zahl dieser Tage aber war groß, und der Rabe durchlebte in ihnen eine unsäglich schreckliche Zeit. Sie war erfüllt und übervoll von den Gräueltaten und Verbrechen der Seinen an den Nachtigallen, und da, als diese vollbracht war, wünschte der Rabe nichts sehnlicher, als dass der Baumgeist ihn auf der Stelle töte. Indem nun dieser die heftige Reue des Raben sah, gewann er Vertrauen in seinen Gedanken und begann sein Vorhaben mit diesem einen. Sollte es sein, dass die Raben Vernunft annehmen, dachte er weise, bleibt nur der Versuch, sie ihnen mit diesem hier zu bringen. Also sprach er zu ihm:
„Was war dein Weg? Was hat dich hergeführt zu mir?“
Dem Raben aber hatte es das Herz zerrissen. Es tat ihm so weh, dass er den Schnabel nicht aufmachen konnte. Es krampfte ihn ganz zusammen vor Mitleid und Schmerz, und darüber vergingen Stunden, ehe der Krampf sich löste und der Rabe in Tränen ausbrach. Davon wurde der Riese milde gestimmt über den Raben, denn wenn es einen gibt, der ein Einsehen hat, gab ihm der Sinn ein, könnte es wohl auch andere geben unter den Raben, die so werden wie dieser hier. Und die Milde in diesem Gedanken nahm dem großen Baumgeist das Fürchterliche seines Aussehens fort, sein gesträubter Pelz glättete sich, das Feuer darauf und auch das in seinen Kulleraugen zogen sich zurück. Nicht gerade die Lieblichkeit eines Eichkätzchens erlangte er, aber im Vergleich zu vorher nahm er eine doch sehr viel angenehmere Gestalt an, und als die dem Raben durch die rot verweinten Augen erschien, fühlte er sich durch sie wie getröstet. Natürlich brauchte es eine gute Weile, bis er es wagte, dem Frieden zu trauen. Er fühlte sich sehr schwach auf den Beinen und vor allem wusste er nicht, ob er sich freuen konnte darüber, dass er noch lebte, denn was half es schon, dass er nicht unter denen gewesen war, deren Taten er nun besser kannte als Die sie verübt hatten selbst? In Wirklichkeit gehörte er ja erst dadurch, dass er nun auch diesen verborgenen Teil der Rabengeschichte kannte, voll und ganz zu seinem Volk. Und er wäre vor Scham über die Schande seines Volkes am liebsten im Boden versunken. Indessen wartete der Baumgeist auf eine Antwort seiner Frage, woher er komme, und vor allem, aus welchem Grunde.
Das ist aber nun eine eigene Geschichte, dachte der Rabe zaghaft, und der Baumgeist sagte darauf, „Freilich. Und die erzählst du mir jetzt.“
Da erst begriff der Rabe, dass der Faun nicht warten mußte bis er etwas zu ihm sagte, sondern einfach seine Gedanken las. Das, dachte er, erleichtert die Sache ja sehr. Da brauche ich mich nur an die Dinge zu erinnern wie sie waren, und er weiß sie dann auch. Also fing er an, sich zu erinnern an die Streitereien mit seinen Freunden, die immer alles einfach für das hielten, was es schien, die sich nie recht Gedanken machten über die Dinge und dazu geradeso gedankenlos lebten wie sie dachten, das heißt, eben nicht dachten.
„Halt halt halt,“ unterbrach ihn sofort der Baumgeist, „was ist das für ein Mist? Beim Erzählen fängt man doch von vorne an.“ -
Hab´ ich doch, dachte der Rabe erschrocken. Bei den Freunden fing das alles doch eigentlich an. -
„Dann müssten die hier sein“, sagte der Baumgeist. „Ich sehe keinen.“ -
Nein, jetzt versteh´ ich nicht, dachte der Rabe kleinlaut, wieso sollten die hier sein? -
„Hm“, brummte der Baumgeist, „was verstehst du nicht? Der Anfang ist doch dieser Augenblick jetzt. Wo soll denn sonst der Anfang sein? Also fang beim Anfang an.“ – Dass der Rabe nicht wusste, wo der Anfang ist, beruhigte ihn einwenig. Er hatte schon befürchtet, er könne einer von seinen kotzgescheiten Artgenossen sein und das hätte er sicherlich nicht lange ertragen.
Aber was jetzt ist, das weiß er doch, dachte der Rabe, das muss ich ihm doch nicht erzählen.
„Was ich weiß, weiß ich. Was du weißt, das musst du erzählen. Also fang endlich an“, murrte der Baumgeist. So blieb dem Raben nichts Anderes übrig, als mit dem Sich – Erinnern just in dem Augenblick zu beginnen, der gerade war und von hier an den, der vorher war und dann an den davor, also er mußte seine Erlebnisse nach hinten ablaufen lassen, schön der Reihe nach. Das fiel ihm freilich schwer, das war er gar nicht gewohnt. Und außerdem waren die jüngsten Erlebnisse dermaßen schrecklich, dass er die Kraft nicht mehr fand, sie noch einmal durchzumachen.
- „Hm“, brummte der Baumgeist, „nun gut. Erzähl mir, was vorher war.“ -

„Also bevor ich auf der Kippe aufgewacht bin und deine Eiche sah,“ begann der Rabe zu erzählen, „flog ich durch ein Gewitter, also eigentlich flog das Gewitter mich, naja, und da wäre ich um ein Haar ertrunken, und das war, weil ich zu weit aufs Meer hinausgeflogen war, und das war, weil ich gar nicht gewusst habe, dass das das Meer ist und ich wollte nur sehen, wo das andere Ufer ist von dem See, weil ich ja gemeint habe, das ist ein See. Ein großer. Aber es war ja nicht ein See, es war das Meer. Das wusste ich da noch nicht. Ja und vorher bin ich ein paar Tage über Land geflogen, das war schön. Und bevor ich von daheim weggeflogen bin, war es auch schön. Ganz schön, weißt du, weil der Bach so fröhlich war und die Blumen waren glücklich und die Vögel alle, und der Wald stand aufrecht und war stolz auf mich. Sogar die Eichen.“ -
„Was waren die Eichen, stolz auf dich?“, fragte der Baumgeist da nach: „Davon müsste ich aber etwas wissen.“ -
„Ja, weil sie das auch schon wussten, was ich dem König gesagt habe über die Leiden in der ganzen Natur.“ -
„Welchem König denn?“, fragte der Baumgeist nach. -
„Na unserem natürlich, unserem König jetzt.“ -
„Diesem Oberteufel von einem Rabenkönig, dem hast du was gesagt?“, regte sich der Baumgeist auf.
„Ich habe ihm alles gesagt was ich wusste von meinem Bach, von meiner Föhre, von den Moosen und Gräsern und Blumen, von den anderen Bäumen, den Vögeln, von meinen Bergen, von den Bienen und Füchsen und den Murmeltieren; von allen, die ich kenne bei mir daheim. Sie haben alle zu leiden, weil wir so idiotische Sachen machen.“
„Wie“, raunte der Baumgeist da in seinen zottigen Pelz, „du bist das gewesen? Du hast deinem König von uns berichtet? Dann kannst du aber nur der eine sein:
retsgituM nebaR reD! Sag mir, bist du der?“
„Ja“, nickte der Rabe, „warum fragst du?“
„Donnerwetter“, brummte der Baumgeist, „warum sagst du das nicht gleich? Da hätt´ ich dich doch anders empfangen. Seit dem ihr verfluchte Teufelsbraten uns die Nachtigallen ausgerottet habt, war noch keiner da, an dem auch nur eine Spur von Mut zur Wahrheit ist. Da bist du der erste. Leider. Und was machst du jetzt?“
„Naja“, sagte der Rabe, „ich soll ja binnen Jahresfrist dem König vortragen, mit welcher Wissenschaft und Tüchtigkeit die Raben zur Vernunft kommen können. Das weiß niemand. Das wissen nur die Nachtigallen. Und jetzt habe ich im Sinn, ihre Königin zu bitten, dass sie mich in dieser Kunst und Tüchtigkeit unterweist. Aber ich weiß noch nicht, wie ich zu ihr gelangen kann.“ -
„Donnerwetter, du bist ja wahrlich retsgituM nebaR reD!“ schallte der Baumgeist aufs Meer hinaus, und vom Meer kam das Echo wieder:
„!Der Raben Mutigster“
Das Meer gibt zwar sonst kein Echo her, aber in diesem Fall machte es eine Ausnahme. Und weil es groß ist und weithin alles Land bespült, flog das Echo des Meeres weit hin über alles Land, das eine Küste hat: „!Der Raben Mutigster.“ –
„Nun,“ sprach der Baumgeist, „wenn das so ist, werden wir dir natürlich helfen, meine Brüder und ich. Sei mein Gast, ich mache das. Morgen Abend, wenn die Sonne untergeht, bist du dort.“
Da fasste der Rabe Mut und sagte: „Wenn du das tust für mich, möchte ich gerne doch wissen, wie du heißt.“
„Wie ich heiße?“, brummte der Baumgeist, „- hm; ich habe keinen Namen. Ich bin der Baumgeist hier. Jeder kennt mich. Ich brauche keinen Namen.“
Dann aber, wenig später, brummte er wieder. „Hm, na meinetwillen. Wenn du einen Namen brauchst für mich, so gib mir halt einen. Dann will ich so heißen für dich.“
„Du bist der Paul“, sagte der Rabe. Es war ihm klar, dass er Paul heißt.
„Paul?“ fragte der Baumgeist; na schön. „Von mir aus, dann bin ich für dich der Paul.“




III




Damit war er verschwunden, Paul der Baumgeist, der erste, den retsgituM nebaR reD zum neuen Freund gewonnen hatte. Er hatte zu tun, und was er tat, es hätte vom Raben nie im Leben vollbracht werden können. Das war nämlich so.
Es gibt ja zwei Arten von Wind, den einen, den wir alle kennen, und den anderen, den schnellen Wind. Der schnelle Wind ist der viel Stärkere, nur ist er so unendlich zart, dass ihn nicht einmal die Luft zu spüren bekommt. Selbst dann, wenn Stürme von schnellem Wind über die Erde jagen, bleibt die Luft ruhig. Sie weiß davon, aber das setzt sie nicht in Bewegung. Paul der Baumgeist aber, der konnte natürlich den schnellen Wind benutzen, geradeso, wie wir ein Segelschiff steuern können im Wind, und damit reiste er zu seinen Brüdern in den Süden. Das heißt, in den Norden, weil die Erdgeister noch leben in der Weltenzeit, da der Süden der Norden war und umgekehrt, der Norden der Süden. Dahin reiste er in Windeseile, und seine Brüder alle auch, denn er hatte sie mit dem schnellen Wind gerufen, zu kommen.

Wir müssen uns nun nicht denken, dass es dort, wo sie sich trafen, eine lange Versammlung gab. Zwar gab es ein herzliches Gelächter unter seinen Brüdern darüber, dass er jetzt Paul heißt – davon brachen riesige Eisschollen ab und es entstand ein veritables Ozonloch -, aber im Übrigen genügte unter ihnen ja der Gedanke von einem, und die anderen kannten ihn zugleich. Nun ja, man glättete sich gegenseitig den Pelz, um einen freundlichen Anblick zu geben, aber dann ging es auch schon zur Sache.
In den Himmel hinauf können auch Baumgeister nicht mehr steigen, also nicht einer allein. Dafür müssen sie einander helfen. Da stellt sich unten der Größte hin, der Nächstgrößte stellt sich auf ihn, darauf der Drittgrößte und so weiter, und wenn der Kleinste unter ihnen dann obenauf steht, ist der Himmel erreicht. Dann kann der ganz unten war an den anderen aufsteigen, gefolgt vom dem, der dadurch zum Untersten geworden ist und so weiter, bis sie dann alle oben sind im Himmel. Auch das ist eine Sache, dieses Leiterbauen und Aufsteigen, das in Windeseile geschieht, sozusagen in weniger als einem Augenblick.

Nun sind im Himmel natürlich sehr viele, wirklich sehr, sehr viele verschiedene Geister. Da sind die Engel, von denen allein es schon viele verschiedene Arten gibt, da sind die Geister der Zeiten und Beginne, die Mächte und Gewalten, da sind die Geister der Persönlichkeit, die Geister der Liebe, die Geister der Verehrung, da sind die Geister der Ordnung, die Geister der Form und noch viele andere mit ihren grenzenlosen Reichen, sie alle sind nie in derselben Gestalt am selben Orte tätig und arbeiten auch sehr viel mit einander, sodass, wenn da eine Versammlung von Erdgeistern eine bestimmte Adresse schon regelrecht suchen muss, der Rabe sie niemals hätte gefunden. Noch selbst der schnelle Wind hatte Mühe, in diesem Kosmos aus Wandlungen die Stätten im Auge zu behalten, an denen die Nachtigallen wirken. Sowie aber diese gewahr wurden, es wollen die Baumgeister sie besuchen, sandten sie ihr Auge aus, und das führte sie gleich zu ihnen.
Es war ein ergötzliches Bild, diese Schar von urigen, zottigen Riesengestalten in den farbenprächtig angelegten Paradiesgärten der zierlichen Nachtigallen zu sehen, aber das tat der großen Freude der lieblichen Sängerinnen kein leisestes Leid. Dass aber ihre willkommenen Beschützer um der Fürsprache für einen Raben willen erschienen waren, das löste in ihrem schönen Reich eine Welle des Schweigens aus. Es ließ sogleich die Königin fragen, welcher von ihnen der Träger ihrer Unternehmung sei. Allsogleich wurde Paul der Baumgeist von einer großen Schar Nachtigallen zu ihrer Königin geführt. Man wählte im Palast den großen Saal, damit Paul der Baumgeist sich nicht beengt fühlen müsse, und für die Königin den Schwebethron.

Tief verneigte sich Paul der Baumgeist vor Ihrer zierlichen Majestät. Seine Mission war schließlich nicht die leichteste. Der Königin der Nachtigallen den Glauben zu geben, es könne unter ihren Todfeinden einen geben, der in seinem Sinn und Herzen die Feindschaft ganz überwunden habe und der dazu noch tüchtig und mutig auf dem Wege sei, sich für den Sinneswandel der Seinen zu befähigen, dies der Herrin der Schönen Künste zu unterbreiten und zu bekräftigen, war ein heikles Unterfangen. Doch dafür war er mit seinen Brüdern vollzählig erschienen, und dieser ungewöhnliche Schritt machte die Königin geneigt, sein Anliegen anzuhören.
„Sollte es denn sein“, fragte die Königin, „dass die Raben Vernunft annehmen wollen?“ -
„Es gibt Anzeichen dafür“, sprach Paul der Baumgeist zur Antwort. „Der eine Rabe, für den ich spreche, und der jetzt als mein Gast in meiner Eiche sitzt, er ist gewiss jetzt noch der einzige, der zur Vernunft gekommen ist. Aber dies geschah nicht nur allein aus seinem Willen, sondern auch auf Geheiß seines Rabenkönigs. Der gab ihm den Auftrag, binnen eines Jahres ihm die Kunde zu bringen, wie das Rabenvolk zur Vernunft zu führen sei.“ -
„Wir sind erstaunt, zu hören, welchen Sinnes der neue Rabenkönig den Anschein gibt, zu sein“, sang die Königin der Nachtigallen. „Wenn dem wahrhaft so ist, gibt es neue Hoffnung für die Welt.“ -
„Das ist auch mein Gedanke“, sagte Paul der Baumgeist bescheiden zurück. „Deshalb habe ich den Raben, der zu mir kam, ordentlich geprüft und peinlich befragt. Er hielt dem allem untadelig stand. Mehr noch. Er war von Reue tief ergriffen. Nun bürge ich für ihn.“ -
„Wir werden in der Sache eine Unterscheidung treffen“, sang die Königin. „Auf die Besserung des Volkes der Raben wollen wir hoffen. Dem aber, für den du bürgst, dem wollen wir helfen. Wie heißt er denn, dein Schützling?“ -
„retsgituM nebaR reD ist sein Name, königliche Hoheit“, gab Paul der Baumgeist wieder, „und er hat mir anvertraut, es sei sein Wunsch, von Euch, Majestät, die Wissenschaft und Tüchtigkeit zu erlernen, die der großen Aufgabe an seinem Volke dient. Es war sein Gedanke, dass niemand als Ihr selbst, königliche Hoheit, über diese Kunst verfügen können könne.“ -
„Nun, so ist es nicht“, sang die Königin beinahe erheitert zurück, „wir haben sehr wohl wunderbare Frauen unter uns, und sie werden ihn unterrichten.
Die Liebe in der Weisheit und die Weisheit in der Liebe sind für alle Lebewesen dieselbe.
Das, mein lieber Freund, lasse ihn wissen. Wir werden seinem Wunsche dienen. Heiße ihn willkommen in unserem Reich“. -

Dies Lied erfreute den Baumgeist so sehr, dass er sich einwenig zu tief vor der Königin verneigte, und es gab davon ein kräftiges Baumbeben im Rabenland. Im Anschluss an die Audienz gab die Königin eine Tafel für alle ihre lieben, großen Gäste, es gab herrliche Musik, feinste Düfte und die schönsten Baumgeschichten, und die Königin nahm die Gelegenheit wahr, um mit Paul dem Baumgeist die Einzelheiten zu klären. Den anderen Faunen wurden derweil Waschungen, Haarpflege, Mani- und Pediküre zuteil, worüber zwar nicht ausnahmelos alle erfreut sich zeigten, es aber um der guten Sitte willen über sich ergehen ließen, ohne groß zu murren.
Nach dem herzlichen Abschied von den Nachtigallen, bei dem es sogar Tränen gab auch unter den Faunen, sammelte man sich wieder und betrieb den Abstieg aus dem Himmel, in umgekehrter Reihenfolge wie vorhin den Aufstieg. Den Anfang machte der Kleinste. Zur Erde kam man im Süden. Das heißt also im Norden nach heutiger Zeit, da war es aber inzwischen Sommer geworden, und man mußte bis zum Sonnenuntergang eineinhalb Monate dort warten; vorher war eine Heimreise mit dem schnellen Wind nicht möglich, weil der im Erdensommer auf einem anderen Planeten Winterdienst tut. Die Wassergeister aber hatten ein Dankesfest für die Kleine Freiheit, die ihnen nach langem Bitten und Betteln vom Herrn der Elemente gewährt worden war, und standen den Baumgeistern für Reisen auch nicht zu Diensten. Wäre noch der Luftwind geblieben, aber der war ein allzu flatterhafter Geselle. Wiewohl stets bereit und willig, versprach er immer verlässliche Fahrt, dann aber lenkte ihn schon gleich die nächstbeste Thermik ab, da mußte er hin. Von kleineren und größeren Spiralwolkenfeldern, die ja tatsächlich sehr anziehend sind, ganz zu schweigen. Das Verlässliche am Wind, mit dem ja die Baumgeister in warmer Freundschaft leben, war vielmehr, dass man niemals dort ankam, wohin man wollte. Reisen konnte mit dem Wind nur jemand, der ziellos durch die Welt segeln mochte.

Mit unsäglicher Freude empfing der Rabe nach der schier endlosen Wartezeit seinen großen Freund in der alten Eiche. Dieser fand seinen jungen Gast etwas gereifter vor, als er ihn verlassen hatte. Grund dafür war eine weitere Prüfung, die er in Abwesenheit seines Meisters zu bestehen hatte. Von der erzählte der Rabe ihm, das große Beben und die Wetterkatastrophe hätten verheerende Verwüstungen angerichtet in vielen Ländern. Er sei in manche Katastrophengebiete geflogen und habe mitgeholfen, habe furchtbare Dinge gesehen und Leid und Not ohne Ende, und so überviel davon, dass ihn die Furcht befallen habe, er werde verrückt darüber.

Dass der Rabe von Furcht befallen war, das konnte Paul der Baumgeist sehen. Weil ja Geister einander ebenso sehen können wie ein Rabe einen anderen, sah der natürlich die Fürchterlinge. In und unter den Federn des Raben sah Paul ganze Scharen von ihnen. Die Furchtgeister sind sehr hässlich und darum sehr scheu, sie wollen sich niemals sehen lassen, sie verkriechen und verstecken sich sofort. Werden sie aber nicht alsbald verscheucht, lähmen sie den Willen des Wirtes, bei dem sie untergeschlüpft sind. Der spürt sie nicht unmittelbar, doch verliert er durch sie den Antrieb, was er wollte, auch zu tun. Es gibt aber eine Kraft, die sie austreibt - : die Freude. Mit ihr nun konnte der Baumgeist hier dienen. Dazu machte er sich ganz klein, setzte sich zum Raben in die Astgabel und erzählte ihm von seinem Besuch bei den Nachtigallen. Da dauerte es nicht lange, bis er zuschauen konnte, wie die scheußlichen Furchtgeister Reißaus nahmen. Alle. Nicht ein einziger hielt es noch aus beim Raben, so hellauf freute sich der über die gute Botschaft, die ihm da sein Freund direkt von der Königin der Nachtigallen überbrachte. Da gab es für den Raben kein Halten mehr. Runden flog er um die Eiche zu Dutzenden, schoss in die Höhe, machte Purzelbäume in der Luft und krakra-ilierte - das ist, was herauskommt, wenn ein Rabe jubiliert -, bis ihn Paul der Baumgeist dann doch einmal zur Ordnung rief.
„Auch von der Freude, und auch wenn sie groß ist, darfst du dich nicht verrückt werden lassen“, sagte er ihm, „Sie wird nicht geringer davon, wenn du dich im Zaum hältst. Von dir wird viel erwartet. Zuerst, dass du dich benimmst wie ein Mann.“ –
Nicht freuen soll ich mich dürfen, murrte der Rabe bei sich. –
„He, du!“ Fuhr ihn Paul der Baumgeist an: „Wenn du willst, dass dir alles misslingt, dann tu so weiter!“ –
Das endlich begriff der Rabe, bremste sich ein und landete auf dem Ast, wo Paul gerade noch gewesen war. Nun aber war er verschwunden. Und blieb es.





IV




In der Zwischenzeit hatte in der großen Stadt das Gerücht, der König sei verrückt geworden, das Fass der Empörung zum Überlaufen gebracht. Aus allen Vierteln kamen die Raben in großen Scharen und zogen unter lautem Abkrähen verbotener Sprüche vor den Palast des Königs. Der ließ, als er davon Kunde bekam, den Ausnahmezustand verhängen und das Standrecht verkünden. Aber auch das konnte die aufgebrachten Volksmassen nicht mehr abschrecken. Sie waren entschlossen, den König zu verjagen und seine verhasste Regierung zu stürzen. Heran wogte das Volk wie die Wassermassen einer Springflut, Geschrei aus den abertausenden Rabenkehlen schwoll an zu unerträglichem Lärm, es ward die Palastgarde zu spät formiert und im Handstreich überwältigt, ja es war nicht einmal mehr Zeit geblieben, das schwere Eichentor zu schließen. Entkommen konnte gerade noch der König, die Regierung aber, geleitet von den königlichen Beratern, befand sich noch in der Krisensitzung und fiel geschlossen dem Aufstand in die Hände.

Auch davon wusste retsgituM nebaR reD natürlich nichts dort draußen in der Eiche auf dem vorgeschobenen Fels in der Brandung. Ein Sturm hatte sich erhoben, und das Freudenfeuer im Herzen des Raben hieß ihn lachend willkommen. Der Rabe breitete die Flügel auf, der Sturm riss ihn aus dem Geäst heraus und warf ihn mit ungestümer Kraft hoch in die Lüfte landeinwärts. Ein zweites Mal hatte der Rabe die Dinge falsch eingeschätzt. Der Sturm nämlich, dem er sich überlassen hatte, war eben nicht einer von denen, die als die Gespielen der Wettergeister über die Lande hinfegen; es stand dieser Sturm in eines Sinnes Dienst. Es kann ja, wie wir wissen, auch ein Sinn einen Sturm hervorrufen, oder ein Unsinn; nur ist, das zu unterscheiden, nicht dem Sturm gegeben sondern denen, die den Sinn haben, oder, wenn es nicht ein Sinn ist, denen, die ein Unsinn gepackt hat. Wie dem nun auch sei, es war dieser Sturm just jener, den der Aufstand in der Hauptstadt entfacht hatte, und er trieb den Raben ungeradewegs dort hin. Es war eine turbulente Fahrt, der Flug in diesem Sturm, denn es gab in dem Sturm verschiedene Stürme, Stürme hin und Stürme wider, und weil es Stürme waren, gerieten sie hart aneinander und es gab keinen Augenblick der Ruhe, in der der Rabe sich hätte umschauen können, wohin die wilde Fahrt denn überhaupt gehe. Das einzige, das ihn bei Laune hielt war, dass er sich nicht über dem Meer befand, aber wo über Land, er hätte es nicht sagen können. Und auch nicht, wie lange das schon so ging, als auf einmal der Sturm inmitten auseinanderbrach. Da waren es plötzlich nicht mehr ein Hin und Wider in einem gemeinsamen Sturm, sondern es waren aus dem Hin und Wider eigene Stürme geworden, und die gingen nun gewaltig gegen einander los. Da stellte sich für den Raben als Glück heraus, was er in der letzten Zeit schon alles durchgemacht hatte; er war erfahren geworden in wild gewordenen Umständen, klappte die Flügel ein und tat sie erst wieder auf, als er einem bewaldeten Bergtal entgegenstürzte, in dem er sich Schutz erhoffte vor dem Zorn in den Lüften.

Tatsächlich gelang ihm die Landung, wenn man jetzt von dem Wie einmal absieht, und er fand schließlich im Windschatten eines Felsens zwischen knorrigen Kiefern den erhofften Schutz. Ein paar Schrammen hatte er abbekommen, das war aber weiter nicht schlimm.
Schlimm dagegen war, was in dem Bergtal sich abspielte. Das hohe Land hatte der Rabe ja immer als den Teil der Welt gekannt, in dem es Frieden gab, stille, starke, gute Ordnung gab, beschützt von der schweigenden Majestät der Berge. Jetzt raste ein Orkan talaufwärts, riss scharenweise Bäume aus, knickte sie wie Streichhölzer, fegte sie mit sich wie groben Staub, und nicht mit ihnen, aber auf ganz ähnliche Weise wie sie kamen endlos Scharen von Gestalten daher, heraufgewirbelt durch das Tal. Sie sahen aus wie grober Kohlenstaub oder verbrannte Fetzen, lebten aber noch. Es waren Dümmlinge in großer Zahl, sie kamen von den Ackerböden im flachen Land. Dort pflegten sie die Saaten. Sie waren verschieden je nach dem Korn, zu dem sie gehörten; der Rabe kannte sie alle, und am lustigsten fand er die Gerstendümmlinge; sie hatten störrisches, steil aufstehendes Haar am Kopf, ihre Bärte aber zu langen, spitzen Zöpfen geflochten, und tatsächlich bohrten sie mit ihnen die ausgetrocknete Erde auf, wenn sie für die Wurzeln der Gerstenhalme zu hart geworden war. Nun aber sahen sie gerade so zerfetzt und versengt aus wie all die anderen. Gerne hätte der Rabe erfahren, was geschehen war und wer sie so übel zugerichtet hatte, doch konnte er nicht einen von ihnen herausfangen aus ihrer rasenden Flucht. Die aber dauerte an Tage und Nächte. Und als die Unzahl der Flüchtigen ihrem Ende zu ging, mischten sich Wetterhexen in ihren Strom, schwarze, giftgrüne, violette, es waren gerade die, vor denen es der Rabe noch immer mit der Angst zu tun bekam. Die gefährlichsten unter ihnen waren die schwefelgelben; Die begnügten sich nicht mit ihrem ekstatischen Wettertanz, die hatten dazu noch ein waches Auge darauf, was alles sie dem Sturm anzeigen könnten, dass er es mit sich reißt. Und sowie er sie gesehen hatte, waren sie auch schon da, kreischten ihm um die Ohren, rissen ihn an den Federn, und hätte nicht in dem Augenblick ein verschlafener Igel seinen Bau verlassen, sie hätten ihn erwischt. So aber verkroch er sich blitzschnell in seinem Erdloch und war ihnen entkommen.

Nun ja, aber ein Rabe, der in der Eingangsröhre zu einer Igelfamilie steckt, ist sozusagen ein Sonderfall. Igeln aber, und zumal wenn sie sich zum Winterschlaf bereiten, sind Sonderfälle unerwünscht.. Es kam zu einem blutigen Streit mit Frau Igel in der Röhre. Der ging für sie zum Nachteil aus, und als ihre Angriffe endlich doch den Raben aus der Klemme befreit hatten, schneite es bereits. Die Nacht blieb stürmisch, der Schnee war nass und schwer, kam in alle Winkel gewirbelt und häufte sich da zu Bergen. So hatte dieser Tag dem Raben gründlich den Übermut gekühlt und sah ihn schließlich ermattet in der Wurzelgabel einer struppigen Zirbe schlafen. Auch über den ganzen nächsten Tag trug der Sturm gewaltige Schneemassen heran, füllte das Hochtal auf und machte es zu einer Landschaft aus weiß geschliffenen Wellen. Dem Raben blieb da nichts anderes übrig, als auf ein besseres Wetter zu warten. Da besann er sich endlich. – Im Grunde, dachte es in seinem Kopf, bin ich jetzt am selben Fleck, von dem ich losgezogen bin. Und was habe ich erreicht? – Nichts. Diese Einsicht entsetzte ihn gehörig, und der Schneesturm heulte eiskalt sein leeres Lied dazu. Und trotzdem wurde dem Raben heiß, als ihm einfiel, dass er noch immer keine Ahnung hatte, wie er in den Himmel der Nachtigallen gelangen könne. Und richtig heiß wurde ihm, als ihm einfiel, das hätte er Paul fragen müssen, der hätte es ihm gesagt. Statt dessen aber hatte er ihn verärgert mit seiner blöden quietschfidelen Herumfliegerei. Oje! Nun war freilich guter Rat teuer. Auf jeden Fall, kam er mit sich überein, als ihm vom Nachdenken schon wieder die Füße abfroren, macht es keinen Sinn, wenn ich mich hier einschneien lasse. Zwar stürmte es noch, aber längst nicht mehr so wild wie am Anfang, und hier gab es ohnehin kein Bleiben mehr, wollte er nicht mit Sicherheit erfieren.

Gedacht, getan. Zuerst ließ er sich vom Schneesturm über das Joch tragen; es war nicht das einzige, bald darauf kam er über ein höheres und über noch eines, dann über ein ganz hohes und wieder einige weniger hohe, da plötzlich blieben die Schneewolken zurück, der Himmel riss auf und er fand sich hoch über einem weiten, warmen Land, aus dem er ferne einen großen Fluss heraufleuchten sah. Auf den flog er zu und dann kam ihm vor, er höre Gesänge. Es waren Gesänge wie von großen Chören, und ihre Klänge griffen ihm ans Herz. Er schaute sich um, ob etwa etwas zu sehen sei, sah aber nichts. Doch die Gesänge blieben, ja es war ihm, als käme er den Chören näher, diesen unsichtbaren, wunderschönen Chören. Und so war es. Die Gesänge wurden stärker, er vernahm sie nun ganz deutlich, und als er ihnen noch näher kam, schwollen sie an zu mächtiger Musik. Es war eine großartige, kraftvolle Musik, und er empfand sich von ihr ganz umgeben. Und da fühlte er, wie ihn diese gewaltige Musik mit Kraft erfüllte, mit einer guten Kraft, die ihm das Fliegen zum Kinderspiel machte, die ihn so stärkte, dass ihm genau das gelang, was er nur wollte. Nur zu denken brauchte er, jetzt will ich steigen, da ging es kinderleicht und hurtig nach oben. Herrlich war das. Und da kam ihm plötzlich der richtige Gedanke. In den Himmel der Nachtigallen! Mit dieser guten Kraft werde er das erreichen.

Er stieg leicht und gut, er stieg und stieg und es wurde dennoch weder kalt noch beschwerlich, nur kam er allmählich aus der Sphäre der grandiosen Chorgesänge heraus, die herrliche Musik blieb allmählich zurück. Dennoch verließ ihre Kraft ihn nicht, er flog federleicht immer noch höher. Vielleicht war es Atemnot, weil in solchen Höhen die Luft doch schon recht dünn wird, es wurde ihm jedenfalls einen Moment lang schwarz vor den Augen, aber nur kurz, und dann gewahrte er sich in Begleitung. Hübsche, graubraune Vögel zogen mit ihm dahin, sie hatten liebliche Gestalten, etwas kleiner als er, und er empfand sie als sehr freundliche Wesen.
Die Nachtigallen! schoss es ihm durch den Kopf. –
Tatsächlich!
Nachtigallen begleiteten seinen Flug. Jubel brach in ihm aus. Aber er fasste sich sofort und sagte streng zu sich: Nur keine Übermütigkeiten jetzt!
Die Nachtigallen machten einen Bogen, er zog mit ihnen mit, und da kam schon bald der Rand ihres Reiches in Sicht. Seine Begleiter flogen eine gute Weile hinein ins Nachtigallenland, es war sehr schön und gepflegt, von prächtigen Bäumen bestanden, und lag in der Stille des abendlichen Sonnenlichts. Dann sah er ferne einen ausgedehnten Palast von strahlender Schönheit. Dorthin flogen sie, und an den Vestibülen im äußeren Gelände kamen sie zu Boden. Der Gast wurde von einer Nachtigallendame höflich empfangen, sie stellte sich ihm vor mit dem Namen „Cedurla“ und bat ihn, ihr in eines der Gästehäuser zu folgen. Als sie ihn dort eingewiesen und mit den Regeln und Gepflogenheiten am königlichen Palast vertraut gemacht hatte, wurde im Salon das Abendessen aufgetragen, und die zierliche Madame Cedurla fragte, ob sie ihm dabei Gesellschaft leisten dürfe. Erstaunt darüber, dass er hier um Erlaubnis gebeten wurde dafür, dass eine Beauftragte am Palast in einem Gästehaus weile, sprach er das an, während sie speisten. Die Antwort erstaunte ihn erneut.
In den Gästehäusern, erklärte ihm Madame Cedurla, sei das Hausrecht bei den Gästen; sie könnten frei verfügen in jeder Hinsicht. Er könne das Haus betrachten als sein eigenes Territorium und dem entsprechend seine Rechte wahrnehmen, wie etwa Einladungen aussprechen, die Hausordnung gestalten, die Bibliothek bestücken, über das Personal bestimmen und so weiter. Sie selbst sei ihm persönlich zugeteilt und stehe ihm jederzeit für alle Fragen und Wünsche zur Verfügung. In seinem Haus möge er ihre Äußerungen als Empfehlungen auffassen, an die er nicht gezwungen sei, sich zu halten. – Über so viel Achtbarkeit und freilassende Toleranz verschlug es dem Raben beinahe die Sprache. So etwas war ihm von zuhause auch nicht in Andeutungen bekannt.

Und er erlebte im Laufe der nächsten Zeit noch Vieles, das ihn staunen machte in dieser Art; es war nicht nur der Himmel etwas durch und durch Schönes, er nahm auch die Nachtigallen wahr als Wesen mit Geistes- und Herzensbildung, stets höflich und zuvorkommend, schlicht und klar, und mit wem er auch zu reden Gelegenheit bekam, immer hörte man hm aufmerksam zu, unterbrach ihn nicht beim Sprechen, er erfuhr sich überall mühelos verstanden und gewahrte in den Antworten Wohlwollen, und eine Weisheit, die der von Paul dem Baumgeist an Tiefe um nichts nachstand, die aber leichter und heller daherkam. An die Unterschiede zu seinem Land und zu seinem Volk mochte er schon gar nicht mehr denken, so groß waren die, so allzu groß. Ihm kam vor, es verbiete sich das ständige Vergleichen, es ziehe die Aufmerksamkeit zu sehr nach unten, es halte ihn ab davon, zu sehen und zu erfahren, was hier bei den Nachtigallen an Lebensart so wunderbar selbstverständlich eingerichtet war.

So gingen die Tage ins zauberhafte Land, der Rabe lebte sich ein und verlor allmählich die Scheu vor all dem Neuen, es wurde ihm mehr und mehr selber zu Eigen, ohne dass es ihm auffiel. In der ersten Zeit seiner Anwesenheit bei den Nachtigallen war ihm hauptsächlich der Palast gezeigt worden und was zum Palast gehört. Im weiteren Verlauf bekam er dann regelrecht Unterricht in manchen gesellschaftlichen Bereichen des Lebens im Himmel. Was er da erfuhr, fand im Himmel als Leben tatsächlich statt; nur für ihn mußte es Theorie bleiben, weil er ja noch nicht ein Himmelsbewohner war, nur eben ein irdischer Gast, und als ein Erdenwesen war ihm so gut wie fast alles zu tun unmöglich, was den Himmlischen wie etwas Alltägliches von der Hand ging. An das Leben mit den Nachtigallen hatte er sich schon ganz gut gewöhnt, aber sich unter ihnen als ein so sehr unfähiges Geschöpf gewahren zu müssen, beschämte ihn, und das war es, woran er, je länger der Aufenthalt sich hinzog, je schmerzlicher litt. Nach der Zeit der Unterweisungen wurde er dann in die praktischen Arbeitsfelder eingeführt. Nicht dass er da hätte lernen sollen, die Vorgänge auszuführen, die er zu sehen bekam; allein darum ging es, dass er sah, was die Nachtigallen tun, und was sie zu tun haben als Folge der Taten der Erdenbewohner, und zum Ausgleich dieser Taten. Was der Rabe aber hier an Wirklichkeit sah, bestürzte ihn. Hier aber mußte er sich den Dingen stellen und das allein im Fühlen, auch, wenn es ungeheuerliche Dinge waren. Und solche waren es, als er von den Nachtigallen mitgenommen wurde auf die Felder der irdischen Gedanken. Dann bekam er einen eigenen Auftrag. Ausgerechnet in das Gelände von den Gedanken der Seinen wurde er geführt, in die Rabenkolonie. Bis an die Grenze der Kolonie wurde er begleitet von einer Abordnung der Palastwachen, dann mußte er alleine weitergehen. Den Nachtigallen selbst bleibt es erspart, dieses Gebiet zu betreten, sie hatten unter den Taten der Raben schon genug gelitten und waren deshalb davon befreit, sich mit ihnen befassen zu müssen. Für die abscheuliche Arbeit, das Tal der Rabengedanken zu reinigen, hatte sich niemand finden lassen, niemand im ganzen Himmel.

Die Rabenkolonie ist ein sehr großes Gebiet, denn das Volk der Raben ist zahlreich. Auf den ersten Blick konnte man es für Kohlengruben ansehen, für allerdings riesige. Das ganze Gelände war kohlrabenschwarz und tat sich auf nach unten. Wie weit nach unten es reicht, konnte der Rabe nicht sagen; schmutziger Qualm wälzte sich aus der Tiefe wie aus dem Krater eines Vulkans und verhüllte das Gelände. Nur der obere Rand war ein Stück weit zu sehen, da brach das Land schroff ab wie zu einem Canyon. Der Rabe hatte den Eindruck, da, vor seinen Füßen, fehle Boden, Boden der vor kurzem gewiss noch da gewesen war; und dass er nicht mehr da war, es konnte erst unlängst passiert sein.
„Wir bleiben über Nacht“, hörte er plötzlich über sich eine kräftige Stimme, die ihn sehr an Paul den Baumgeist erinnerte, sagen, „dann siehst du selbst, was hier geschieht“. -
„Paul, bist du es?“ fragte er unsicher. Eine Antwort auf die Frage bekam er nicht. Doch er spürte weiterhin die Anwesenheit des Wesens, und dies empfand er ganz wie Paul den Baumgeist.
„Du willst mich sehen?“ Fragte die Stimme. –
„Ja. – Bitte.“ –
„Geh zurück an die Grenze. Dort siehst du mich.“ –
Gerne ging der Rabe zurück. Es war Paul der Baumgeist, und vor Freude flog er ihm einfach in die Arme. Da erst fiel ihm auf, Paul der Baumgeist hatte ein schneeweißes Fell. Er war schneeweiß, von unten bis oben.
„Du bist ja ganz weiß geworden,“ fragte er ihn, „warum denn?“ –
„Ich hab jetzt gar keinen Baum mehr“, sagte ihm Paul, „und ein Baumgeist, der keinen Baum mehr hat, muss etwas anderes tun. Früher war ich der Herr der ganzen Halbinsel. Ich hatte drei Millionen Eichen. Das war einmal. – Sie haben einen Leuchtturm gebaut auf meinem Felsen, da war ihnen mein letzter Baum auch noch im Weg“. –
„Oh, das tut mir aber leid für dich“, entkam es dem Raben, aber Paul der Baumgeist ohne Baum tröstete ihn noch und sagte:
„Das Sterben, weißt du, es tut weh, aber nur kurz. Dann bekommt man ein neues Licht: Das eine, das war, das ist und das man einmal sein wird. Da hört die Trauer um das, was man gehabt hat, ganz auf. Dann will man nur noch alles, was man gemacht hat, an dieses Licht bringen.“ -

Während dieser Worte – retsgituM nebaR reD befand sich noch in seinen Armen – gewahrte sich der Rabe an der Brust von Paul dem Baumgeist ohne Baum getragen von derselben Kraft, die ihn schon auf dem Flug hier her aufgenommen hatte. Und da war auch wieder die gewaltige Musik der mächtigen Chöre, und das so lange, bis er erschrak. Paul war entschwunden; Niemand trug ihn mehr auf seinen Armen. Aber er selber befand sich noch da, am selben Ort, eine knappe Baumgeisthöhe über dem Boden. Gerade noch hatte er den Kopf an seine struppig behaarte Brust geschmiegt, auch spürte er noch die Wärme seines Herzens; es war so, als sei nichts geschehen, gar nichts, außer dem nur, dass er Paul den Baumgeist einfach nicht mehr sehen konnte.
So war es in der Tat, und so blieb es auch. Er blieb bei Paul dem Baumgeist, blieb von ihm getragen, war von ihm umgeben und beschützt, der blieb bei ihm, und nun begab er sich, er, retsgituM nebaR reD, gemeinsam mit seinem Beschützer über die Grenze, zurück in die Rabenkolonie mit ihren riesigen schwarzen Gruben.



V



Der Abstieg war mühsam. Das Überwinden der Leichte nach unten hin macht eine ähnliche Art von Mühe wie Die wir kennen vom Überwinden der Schwere beim Aufsteigen. Einen Pfad hatte der Rabe zwar nicht nötig, es gab auch keinen, die Wände der Grube fielen senkrecht ab, aber er mußte natürlich gegen seinen Widerwillen ankämpfen, in diese qualmende Brühe einzutauchen, von der er nicht wusste, was sie ist.
Was sie ist, erfuhr er bald, das heißt, er hatte keine Ahnung von dem, was er da erfuhr. Er hörte oder las Gedanken, fremde Gedanken, und verstand absolut nichts. Es waren eher Gedankenfetzen, und die Stimmen, mit denen die sich artikulierten, wechselten willkürlich ab. Aber wovon sie sprachen, das kannte er nicht. Einmal hörte er jemanden von X reden, gleich darauf jemand anderen von Y, manchmal war jemand länger im Wort oder es kam schon bald wieder eine andere Stimme mit etwas anderem dazwischen, das er genauso wenig verstand, und so fort. Außerdem wurde sehr hastig gesprochen, mit vielen Fremdwörtern drin, und das alles hörte sich ungefähr so an:

„... besorgen ihr Geld über den Kapitalmarkt als Anleihen, die dann in die CDO's einfliessen und die werden dort nach Belieben tranchiert. Die Investoren verfolgendie bekannte Long-Short-Strategie für diese Anlagenwerte; die Hedgefonds waren long in Equity und short in der Mezzanine-Tranche. Zu diesem Zeitpunkt stufte die Ratingagentur Standard and Poor's Ford um eine Stufe auf BB+ herunter und General Motors gar um zwei Stufen auf BB. Die Reaktion der Märkte war chaotisch... . Damit wurden natürlich auch die CDO-Tranchenunattraktiv, aber die Hedgefonds dachten zunächst, sie seien durch ihre Long-Short-Strategie gehedget. Das funktionierte nicht, weil der Markt in der Mezzanine-Tranche nicht so liquide war, wie sie dachten. Die Preise dort waren Mark-to-Model durch ein mathematisches System bestimmt, und nicht Mark-to-Market. Um dann noch zu einem funktionierenden Hedge zu kommen, tätigten sie verstärkt Leerkäufe, um auf dieser Schiene ihre herben Verluste wettzumachen. Zu diesem Zeitpunkt trat ein potentieller Investor auf mit einem passablen Übernahmeangebot. Der Markt wettete auf weitere Angebote, die Aktien stiegen, und das war das totale Aus für die Hedgefonds. Damit hatte aber auch niemand rechnen können...“

Es wäre wahrscheinlich in dem Kauderwelsch weitergegangen, hätte ihn nicht das Tempo, mit dem das Zeug heruntergerasselt wurde, schwindelig gemacht. Er kippte aus der Wand und mußte fliegen, notgedrungen. Kaum ein paar Flügelschläge in die schwarze Suppe hinein geflogen, umgab ihn der Qualm bereits zur Gänze, es wurde stockfinster, er sah nichts mehr. Wie etwa in einer Neumondnacht. Der Qualm aber roch sehr unangenehm nach abgestandenem Schweiß, nach Schimmel und Moder, nach Urin und Ammoniak, die üblen Düfte wechselten einander ab, waren auch verschieden intensiv, manchmal drängte sich ein süßlicher Duft dazwischen, dessen Süße war aber auch scharf, und davon bekam er sofort stechende Kopfschmerzen. Gleich drauf flog er wieder durch Gerede und Gequatsche, es klang hohl und kahl, und plötzlich konnte er wieder etwas sehen. Er sah einen großen Maschinensaal, einen langen, der war bis zu Decke ausgefüllt von einer einzigen langen Maschine. Die zog an ihrem Anfang breites Papier ein von einer riesigen Rolle, das Papier raste über viele Walzen in der Maschine hinauf, hinunter, und am Ende floss aus ihr eine Bahn bunt bedruckter Zeitungen heraus, und andere Maschinen machten daraus verschnürte Pakete. Die fuhren auf Bändern weiter, wurden verteilt auf verschiedene andere Bänder, und an der Hallenwand gab es große Tore, in die hinein verschwanden sie dann. Die Maschine machte das alles alleine, er sah nur drei Raben stehen an einem hell erleuchteten Pult in ihren blauen Arbeitsmänteln. Die aber machten das nicht, die standen nur da. Und schon im nächsten Moment war er wieder aus der Halle draußen und drinnen in dem dicken schwarzen Qualm, sah nichts mehr und mußte husten. „Sportteil“ hörte er noch, dies eine Wort nur, das erste, das er verstand, also als ein Wort eben. Sportteil. Was ein Sportteil sein soll, wusste er freilich nicht.

Es war der Qualm in der Umgebung von dieser Maschinenhalle noch viel dichter als der übrige, es war schon Nässe, dampfig warme, klebrige Nässe, die legte sich überall an, auch an sein Gefieder, es war ein widerliches Zeug. Die Augen fingen ihm an zu brennen, er bekam schlechte Luft. Nichts wie weg hier! Zwar flog er schon schnell, viel schneller ging es nicht, aber das war nun hier genau das Verkehrte. Wenn man nämlich gar nicht sich anstrengt, wenn man immer nur das meint, was man schon gemeint hat und das sagt, was man schon gesagt hat, dann lässt sich die dicke Luft ganz gut vertragen, sogar in der Nähe von so einer Maschinenhalle, aus der die bunten Zeitungen kommen, in denen immer das steht, was man schon gedacht hat und das gemeint ist, was man schon gemeint hat.
.
Nicht weit nach der Halle spürte er, dass ihn seine Flügel nicht mehr tragen. Er stürzte nicht grade ab, aber er fiel hinunter, anstatt zu fliegen, und platschte in einen warmen Sumpf. Es war aber kein natürlicher Sumpf. In den Rührkessel der Altpapiermaische war er gefallen. Das war gefährlich wegen der Säuren, die das Altpapier zersetzen, und wegen des Rührbalkens, der sich ständig dreht. Dem zu entkommen war die größte Anstrengung. Dass er aber alles richtig machte, um aus dem Kessel wieder heraus zu kommen, hatte er Paul zu verdanken. Der gab ihm das ein, so kräftig, dass er es trotz des Schreckens, in den ihn das Rührwerk versetzte, verstand.

Ging es da unten in der Rabenkolonie dem Raben schon recht übel, Paul dem Baumgeist ohne Baum ging´s dort unten noch viel schlechter. Das konnte freilich anders gar nicht sein; ein Baumgeist ist ein Geist, und Geister sind denkende Lebewesen. Es haben die Geister zum Denken gerade so ein Verhältnis wie die Blumen zum Blühen. Blumen blühen, das müssen sie nicht extra wollen und tun; sie blühen, weil es ihr Wesen ist, und Geister sind Gedankenwesen, dies ist ihre Art. Die Geister sind selber Gedanken, volle, lebendige Gedanken. Darum sind Lebensgeister weise auf ihre Art. Ein Baumgeist etwa, der kann aus einem Samenkern einen Baum erstehen lassen, und aus tausenden Kernen tausende Bäume, es kommt ihm dabei auf die Zahl nicht an. So ein Samenkern ist selber nur ein winziges, holziges Korn, das ist nicht viel mehr als das Schwarze unter dem Fingernagel, nur kommt es nicht von da sondern vom Baum. Aber dass es lebt und dass einmal eine Pflanze aus dem Kern herauswächst, das liegt nicht in dem Samenkorn drinnen, sondern das macht der Baumgeist. Der hüllt mit seinem Gedanken das Samenkorn ein, und von seinem Gedanken sprießt dann das Pflänzchen aus dem Keim hervor, wächst heran, wird kräftiger, wird größer und größer, wird endlich ein Baum. Einen Raben, wenn er so etwas zustande bringen könnte, man würde ihn staunend einen Weisen nennen. Und das ganz zu Recht, denn das Leben ist von Weisheit ganz durchdrungen, und wenn einer wie Paul der Baumgeist mit dem Leben zusammenschafft und drei Millionen Bäumen Wachstum und Leben gibt, also das kann er natürlich nur tun mit der Weisheit, die im Leben ist. Das Leben ist eben selber ein Gedankendasein, es ist ein ganzer unendlicher Kosmos aus großartigen, weisheitsvollen Gedanken. Und die Baumgedanken in dieser weisheitsvollen Welt, sie leben wie der Paul, sie sind die Baumgeister.

Es war nun tatsächlich der Fall, dass im Himmel ein Baumgeist einen Raben als Beschützer begleitet hat in das Gebiet der irdischen Rabengedanken, in der Welt noch niemals vorgekommen, seit die Welt besteht. Dennoch war es dazu gekommen durchaus nicht als ein Zufall: Zum einen gibt es im Himmel das nicht, was wir so landläufig „Zufall“ nennen, zum andern hat auch auf Erden alles, was uns wie zufällig erscheint, längst eine lange Geschichte von Begebenheiten, und kommen die einmal an einem Punkt alle zusammen, dann tritt ein, was in Unsichtbarkeit sich notwendig daraus entwickelt hat. Man müsste wohl einen ganzen Winter lang allabendlich am Kaminfeuer beisammen sitzen, wollte man erzählt bekommen, weshalb ausgerechnet dieser Rabe diesem Baumgeist dort auf dem Felsen begegnet ist. Schon überhaupt, dass Baumgeister in den Himmel kommen, ist selten. Sie werden ja sehr alt, also es reicht, richtiger gesagt, ihre Lebensdauer weit in die Tiefen der Zeit, viel weiter als Uhren und Kalender reichen. Ihr Alter geht in die Weltenjahre, und ein Weltenjahr hat vierundzwanzigtausendfünfhundertsechzig Erdenjahre. Dadurch bekommt so ein Baumgeist natürlich viel zu sehen im Laufe seines langen Lebens, und was da in seinem Umkreis kommt und geht in Jahrzehnten oder in Jahren, das berührt ihn nicht so sehr im Einzelnen, das hat er schon oft gesehen und sieht es immer wieder und wieder. Darauf achtet er nicht besser als ein Rabe auf die Mücken. Zuweilen aber geschieht etwas, das in der Welt etwas verändert, und ein solches Etwas hatte unlängst begonnen, also aus der Sicht eines Baumgeistes, dem Jahrhunderte wie Tage sind, sozusagen gestern. Da war das so.



VI



Am Horizont des Abendlandes war die Sonne damals gerade im Untergehen begriffen und tauchte die Welt in ein unsterblich schönes Abendrot, als da Feuer vom Himmel fiel. Und das Feuer, das da vom Himmel fiel, es hatte sich dem Abendrot so sehr ähnlich gemacht, dass nur die Geister es deutlich sehen konnten, denn die Geister sehen das Wesen, und die Erscheinung, in der es äußerlich auftritt, kann sie nicht täuschen. Aber die Erdenbewohner alle, wenn in ihnen der Geist nicht lebte, bemerkten das Feuer nicht. Sie gaben sich der Schönheit des glühenden Abendhimmels hin, den das Feuer als Tarnung benutzte, um unerkannt zur Erde zu kommen. Sie sahen nur das grandiose Abendrot; - Das Feuer, das stürzende, sahen sie nicht. Aber die Geister sahen es und da wussten sie, jetzt geht die Welt einer schweren Zeit entgegen.
Die Tarnung gelang, das Feuer blieb zunächst unbemerkt -; Nicht aber unbemerkt blieb selbstverständlich die Wirkung, die es in den Köpfen und Herzen der Erdenbewohner zu entfalten begann. Denn gegenüber dem Licht der Sonne, das ihnen die Welt in ihrer Ordnung erhellt, ist dieses vom Himmel gefallene Feuer nur Hitze, und sein Licht ist die Täuschung. Und es ergriff alsbald die Erdenbewohner alle, in denen der Geist nicht lebte, und breitete sich aus unter ihnen wie ein Flächenbrand im Sturmwind. Und denen, die es ergriffen hatte, machte es Hitze im Kopf und im Herzen, eine Hitze, die kein solches Fieber hervorbringt, das man mit einem Thermometer messen kann, sondern die so ein Fieber macht, das man selber nicht spürt. Dann ist das erste, was einem geschieht, dass einem das Auge des Herzens, auch wenn es nur schlief, erblindet, verdorrt und abstirbt.

Da fingen die Raben, die von dem Feuer ergriffen waren dann an, sich anders zu benehmen, weil sie einander nicht mehr auch mit dem Herzen sondern nur noch mit den Augen sehen konnten. Ihnen erlosch damit auch die Liebe zur Welt, und dazu kam, dass es ihnen in ihrem Inneren unbekannt warm wurde, es begann ihr Inneres zu köcheln. Da war es nur natürlich, dass sie sich am wohlsten fühlten in sich selbst, dass sie von den Anderen und von der Welt gar nicht mehr viel wissen wollten, es war ihnen alles, was draußen ist, geworden mehr und mehr kalt und leer. Doch damit nicht genug. Das Feuer hatte sie ja nicht nur im Herzen ergriffen, es war ihnen auch in die Köpfe gefahren, und weil der Kopf nun ein ganz anderes Organ ist als das Herz, brachte sie die Hitze im Gehirn da oben dazu, Dinge zu glauben, für wahr zu halten und zu betreiben, die auf einen Anderen, wenn er noch ein wenig Hausverstand gehabt hatte, den Eindruck machten, es ist der eine in dem, was der glaubt und behauptet und macht, von allen guten Geistern verlassen. Und tatsächlich waren sie ergriffen vom Wesen der Täuschung. Die erschuf in ihren Köpfen ein Bild von der Welt, das sie nicht mehr im Zusammenhang der Dinge suchten, sie suchten es in den Einzelteilen der Dinge und in den Einzelteilen der Einzelteile. Da entdeckten sie freilich vieles, das ihnen neu war. Das spornte ihre Wissbegierde mächtig an, aber die Täuschung gab ihnen ein, sie hätten nun das rechte Verständnis von der Welt gefunden. Da warfen sie ihr früheres Weltverständnis achtlos über Bord und ließen zu dem, das sie nun für ihr Gültiges hielten, kein andres mehr zu.

So trat das Feuer, das ihnen unbemerkt vom Himmel gefallen war, unter den Erdenbewohnern einen triumphalen Siegeszug an, mit Ausnahme der Nachtigallen. Die Nachtigallen, die hörten einfach nicht auf damit, wunderschön zu singen - sie müssen das nicht extra wollen, es liegt der schöne Gesang einfach in ihrem Wesen -, und damit blieben sie vor dem Feuer gefeit. Das aber machte sie in den Augen der Anderen zu einer zurückgebliebenen Schar. Sie wurden dann auch bald angefeindet, bedrängt und vertrieben, und als aus der neuen Weltanschauung ein Machtsystem entstanden war, begann schlussendlich ihre systematische Ausrottung in dem langen, furchtbaren Krieg, in dem es für sie nur ein Ende geben konnte, den Tod.

Das alles wusste Paul der Baumgeist natürlich, vor einem Geist kann sich das Wesen der Dinge ja nicht verbergen. Aber er wäre selber doch nicht auf den Gedanken gekommen, einzugreifen in die Entwicklung der Dinge, auch dann nicht, als ihm die Raben die Halbinsel abholzten und all seine Bäume wegnahmen, bis ihm schließlich ein einziger übrig geblieben war, die alte Eiche am äußersten Ende des Landes, auf jenem vordersten Felsen der Klippe. Freilich war er dadurch voller Zorn gegen die Raben, und sein Zorn steigerte sich in Hass gegen sie, als er dort ihr Morden hatte mit ansahen müssen. Sein Leben auf dem Felsen war dann einsam geworden, er fiel in Trauer, verbrachte die Zeit halb betäubt vor Schmerz. Und dies nun hatte ihn vom mächtigsten Baumgeist, der er vordem geworden war, zu einem gemacht, der sich vermehrt mit seinen Brüdern befasste und mit ihrem Ergehen. Davon wuchs seine Kenntnis von den Geschehnissen in der Zeit, er wandelte sich vom Hagestolz zu einem, der seine Aufmerksamkeit am Leben mit seinen Baumgedanken verband, und das wiederum fand Beachtung im Weltendenken. Als dann der Rabe zu ihm gekommen war, war es das Weltendenken, das ihm eingab, den Raben zu schonen für einen höheren Zweck. Hätte er da sich von seinen Gefühlen leiten lassen und den Raben getötet, hätte sein Ende, nachdem ihm auch der letzte Baum genommen war, sich so ereignet, dass er als ein Geist in den großen Weltengeist eingegangen wäre, ohne Namen und ohne besondere Bestimmung. Nun aber hatte er einen Namen, und für sein Mitwirken im Weltgeschehen wurde er vor die Wahl gestellt, ob er an anderer Stelle gleich ein neues Leben beginnen oder zuvor noch weiter der Sache dienen wolle, um die sich der Rabe bemühte. Für diesen Fall aber, bekam er zu wissen, werde er den Ausgleich schaffen müssen für das, was er dem Raben angetan hatte im Zorn. Damit war Paul der Baumgeist einverstanden, denn er liebte die Gerechtigkeit. Und damit hatte er sich würdig gemacht dafür, dass ihm im Himmel eine Aufgabe übertragen werden konnte, für die es niemanden sonst gab, der sie hätte übernehmen können. So hängen die Dinge zusammen. Es war dann nur noch notwendig, dass er, als ein Erdgeist, sich reinigte von allem, was ihm an Irdischem noch angehaftet hatte. Dafür wurde er eingeladen, mitzusingen in dem Großen Chor, und das machte er sehr gerne. Die Baumgeister sind ja, wie man auch an den Formen der Bäume ablesen kann, begabte Musiker, und so war es ihm eine Freude auch darum, weil er seine Kraft endlich wieder ganz entfalten konnte in den herrlichen, machtvollen Gesängen des Großen Chores.

Man muss sich den Himmel einfach einmal als das vorstellen, was er ist, nämlich nicht als eine irgendwo jenseitige, unbekannt fremde Welt, in der die Engel, die Erzengel und so weiter herumfliegen und Dinge tun, die wir nicht verstehen könnten. Der Himmel ist einfach die wirkliche Welt. Ganz einfach. Und in der wirklichen Welt, da gibt es die Trennung nicht von Wollen und Tun, da sind der Wille und die Tat Eines. Und wenn so ein Erdenwesen wie unser Rabe hier sich himmelwärts müht, weil er die Wahrheit erahnt in diesem Einssein von Wollen und Tun, dann bekommt er auch das Ohr für den Gesang des Großen Chores, der ja das ganze Weltenall erfüllt.

In dem Gebiet aber der irdischen Rabengedanken ist von den erhebenden Gesängen nichts zu vernehmen. Dort in der Rabenkolonie ist auch, was einmal Musik war und Rhythmus, zu Geräuschen verdorrt und verklumpt. Auch dazu hat die Hitze geführt in den Herzen und Köpfen, dass die Raben unsäglichen Krach erzeugen, wenn ihnen der Sinn nach Musik steht, dass sie Trommeln mit den Füßen treten, mit Stöcken auf Blechteller schlagen und so weiter, und Apparate verwenden, die ohrenbetäubenden Lärm verbreiten. Davon vibriert dann ihr ganzer Körper, und das brauchen sie, damit sie sich überhaupt noch spüren selber in sich drinnen.

Jetzt kann man sich ganz gut vorstellen, was es für Paul den Baumgeist, der durch den Gesang mit allem Irdischen auch die Färbung seiner Pelzhaare abgelegt hatte und schneeweiß geworden war, bedeutet haben mußte, als Beschützer des Raben in den Schmutz und Unrat der Rabenkolonie einzutauchen. Aber er hatte natürlich verstanden, dass sein kleiner Freund gerade dort seinen Beistand brauchte, sollte er dort nicht auch der Hitze zum Opfer fallen. Dann wäre er ja für sein Ziel verloren gewesen, und ein anderer, der seine Stelle hätte einnehmen können, war nicht in Sicht. Und so stellte die Aufgabe seine junge Freundschaft zu metsgituM nebaR reD gleich auf eine wahrlich harte Probe. Und er hatte in der Tat einiges zu tun als sein Beschützer, bis dann der Zeitpunkt gekommen war, an dem die Entscheidung fallen mußte, ob der Rabe nun fähig geworden war, seine Mission zu erfüllen oder eben doch nicht.

Der hatte inzwischen nach vielen Begebenheiten, die ihn aber furchtbar verwirrten, aus dem dicksten Qualm herausgefunden und war in eine Gegend gekommen, in der es nur noch eine Art Nebel gab, und eine dumpfe Helligkeit war in dem Nebel, wie wenn an einem Herbsttag der Morgen anbricht. Und da sah der Rabe etwas in einiger Entfernung, das er für die Pfeiler einer Brücke hielt, aber so hoch und groß, wie er sie noch nie gesehen hatte. Ihnen näher gekommen stutzte er. Es waren Türme wie Pfeiler einer Brücke, sie ragten senkrecht empor und verloren sich oben im Nebel. Aber am Boden hatte er vereinzelt tote Raben liegen gesehen, die sahen verhungert aus, oder sie waren Opfer einer Seuche, aber auch arg zerschunden, und es wurden immer mehr, je näher er den Pfeilern kam. Dass es tatsächlich Pfeiler einer Brücke sind, konnte er dann zwar mit Gewissheit sagen, aber in dieser Nähe zu ihnen war der Boden von toten Raben schon ganz zugedeckt, ein schauerlicher Anblick. Und noch näher zu den Pfeilern hin waren es so viele, dass sie sich zu Bergen türmten. Kaltes Schaudern überlief ihn.

Da erblickte er etwas, das es nicht gibt, weil es das nicht geben kann; er hatte es aber gesehen. Von der Kuppe eines dieser Hügel hatte es einen toten Raben nach oben gerissen, pfeilschnell. Zuerst traute er einfach seinen Augen nicht. Dann geschah es wieder, an einer anderen Stelle. Und wieder. Und es war dieses heftige Hinaufreissen stets verbunden mit einem dumpf schlagartigen Geräusch, das aber, so hörte es sich an, nicht herkam von sondern hinflog zu der Stelle, an der das Ereignis je stattfand. Immer wieder und wieder fand es statt, in unregelmäßigen Abständen, mal hier, mal dort, und es zog je länger je mehr den Sinn des Raben nach oben. Er wollte wissen, was da oben ist, da oben, wo die toten Raben hinaufgeschleudert wurden.
Nun, weitergehen konnte er nicht; da hätte er ja über Leichen gehen müssen, also blieb ihm nur das Fliegen. Das aber machte ihm Angst in dieser Gegend. Hier einfach los zu fliegen wagte er nicht. Von etwas fühlte er sich bedroht. Zwar konnte er nicht sagen, wovon, aber es war keine bloße Einbildung, dessen war er gewiss. Und er sollte noch erleben, wie sehr ihn das Gefühl nicht trog. Er ging also ein Stück zurück, fand ein Seitental, in dem stieg er aufwärts, und als er schon gut Höhe gewonnen hatte, lichtete sich der Nebel, und auf einmal sah er die Brücke.

Als ein gigantisch kühnes Bauwerk mit strenger Form, noch nicht vollendet, wuchs sie aus dem Nebel heraus, und der Rabe konnte nicht sehen, wohin, so lang war sie. Unglaublich, unfassbar, die zwei Worte nur fielen ihm ein, immer wieder; er konnte die Augen von der Brücke nicht lassen, er mußte sich hinsetzen, konnte nicht fassen, was er da sah. Gerade vorhin noch die Berge von Toten da unten, nun dieses unfassbar grandiose Bauwerk – er hackte sich mit dem Schnabel in den Fuß. Nein, es war kein Traum, es tat ihm scheußlich weh, er hatte zu fest zugestochen. Blödmann, schimpfte er sich, jetzt kannst du nicht einmal mehr richtig gehen! – Nun tat ihm der Fuß weh, er konnte nicht einmal aufstehen, überlegte hin und her, was er jetzt machen sollte. Das ging eine Zeit lang und als er wieder aufschaute, stand da auf der Abbruchkante eine große Eiche und verdeckte ihm die Sicht auf die Brücke. Die konnte vorhin noch nicht dagetsanden sein. – „Paul?“ –
„Komm herauf.“ –
„Ich kann nicht.“ –
„Na, komm schon.“ –
Er flog hinauf, es tat weh beim Abfliegen und beim Aufsitzen auf dem Ast. Er suchte sich auch gleich ein Plätzchen, wo er schön sitzen konnte.
„Sitzt du bequem?“, fragte ihn Paul.
„Ja, danke.“ –
„Weißt du,“ fing Paul der Baumgeist an, zu ihm zu sprechen, „so geht es nicht. Du bist jetzt lange unterwegs in der Gedankenwelt deiner Artgenossen, und du hast überhaupt nichts kapiert. Jetzt sag mir bitte, wie du deinen Leuten dann helfen willst? Was du verstehst, versteh´n die nicht, und du verstehst nicht, was die verstehen. Da gehst du hin zu ihnen, und wenn du dann sagst, was du ihnen zu sagen hast, bekommst du zur Antwort: - „aber das geht ja nicht, weil .. “ – “
Der Rabe nickte. Die Antwort kannte er noch gut.
„Siehst du. Also musst du lernen, so denken zu können wie sie. Dafür bist du nämlich hier. Nicht vergessen sollst du, was Du weißt, das ist wichtig. Du musst ihnen aber das Deine so sagen können, dass sie es verstehen, verstehst du?“ –
Der Rabe nickte wieder.
„Gut denn“, sagte darauf hin Paul der Baumgeist, „jetzt zeig´ ich dir noch was, und dann machen wir das Ganze von Anfang an noch einmal.“
Etwas zu erwidern kam der Rabe nicht mehr, da war die Eiche schon in Bewegung. Wie auf einem fliegenden Teppich kam sich der Rabe vor in seiner Astgabel. Die trug ihn weit hinaus ins Freie über das Seitental, und rings um ihn verwandelte sich die Eiche in etwas ganz Anderes. So flott ging das, dass er mit den Augen kaum verfolgen konnte, was da alles zugleich geschah, und schon im nächsten Augenblick saß er in seiner Astgabel mitten auf einer - Brücke! Auf einer Brücke aus Eichenholz über das Seitental!
„Zufrieden?“ fragte ihn Paul. –
Der Rabe war freilich sprachlos. Es war eine ordentliche Brücke, breit, stabil und schön. Eine Sehenswürdigkeit. Da hob sich die Astgabel wieder, auf der er noch saß, und Paul verwandelte sich zurück in die Eiche.
„Jetzt versorgen wir noch deinen Fuß“, sagte er, „und dann gehst du wieder los. Und zwar dort hin, wo du das lernen kannst, was sie wissen, - ja? Und mach dir nicht mehr in die Hosen über ihre Errungenschaften. Was die mit Not und Tod zustande bringen, das können wir schon immer, und im Nu.“ –
Schon im nächsten Augenblick – man müsste wieder sagen, noch im selben - war auch die Eiche verschwunden, saß der Rabe im Gras, ganz draußen an der Abbruchkante, und sein verletztes Bein war verwachsen mit einem jungen Beinwellstrauch. Das Kraut, fühlte er, tat ihm gut, darum blieb er sitzen und glaubte, er habe nun reichlich Zeit, die große Brücke zu betrachten.

Ihr Anfang schien ihm noch nicht ganz vollendet, das Brückenlager konnte er von seinem Sitz aus aber nicht sehen, das wollte er sich dann als erstes anschauen. Auch schien die Brücke unbelebt, es war keine Bewegung auf ihr zu sehen, keine Fahrzeuge und auch nichts und niemand sonst, sie stand leer. Das jedenfalls so weit sein Auge reichte. Dann aber sah er, in einiger Entfernung, es war zu weit weg um es genau zu sehen, schwarze Punkte von unten herauf fallen, und er dachte, das müssen die toten Raben sein, die er unten gesehen hatte, wo sie, urplötzlich losgerissen, nach oben sausten. Auf der Brücke droben aber schien ihm, er sehe sie sich bewegen. Es war alles einfach zu weit weg, er konnte es nicht genau genug sehen, wie sehr er seine Augen auch anstrengte. Er hätte sich gerne frei gemacht von seiner Heilpflanze, nur, das war durchaus noch nicht ratsam. Da fiel einer in der Nähe herauf. Und noch einer. Die konnte er nun besser sehen. Die beiden nun blieben tot liegen. Sie rührten sich nicht. Und ein dritter fiel herauf. Auch der blieb unbewegt liegen. Dann geschah lange nichts, außer dass Dunstschwaden und Wolkenfetzen wanderten, und sie machten die Sicht manchmal schlechter, manchmal besser.

Plötzlich aber wurde dem Raben anders zumute. Wiewohl er breit saß und bequem, überkam ihn das Gefühl, etwas ergreife ihn mitsamt dieser ganzen Brücke und allem Drum herum und stelle die Welt energisch auf den Kopf. Das aber, mußte er feststellen, machte nur ihm etwas aus. Nur ihn hob es aus dem Sitz, und als er, am Fuß mit dem Beinwellstrauch verwachsen, der ihn hielt, nach unten hing, sah er die verdrehte Welt gerade so wie vorhin, die stand ja geradeso auf dem Kopf wie er. Außer ihm aber fanden sich noch alle Dinge dort, wo sie vordem waren, ja selbst die toten Raben auf der Brücke lagen da wie angeklebt. Geht man von dem Anschein aus, den die Dinge machten, war nichts passiert außer eben, dass der Rabe abgehoben hatte und nach oben mit dem Fuß am Heilkraut hing. Stimmt der Eindruck aber, den der Rabe hatte, und er hing tatsächlich nach unten, steht die Frage an, weshalb die Welt rundum nicht mitbekommen hat, es habe sie wieder einmal jemand auf den Kopf gestellt.
Diesmal war es der berühmte Rabe Owen Eisenstein aus Yales in jenem Vereinigten Königreich auf der Insel. Der hatte sich als blutjunger Kerl bereits die Professorenwürde erarbeitet, wurde nach Donlon zum Rektor der Universität von Samethbridge berufen, und war zu diesem Zeitpunkt gerade im Begriff, dort seine mit Spannung erwartete Antrittsvorlesung zu halten.
„Würden Sie nun bitte die Güte haben, ein Fenster zu öffnen, würden Sie?“ – dieses geflügelte Wort stammt in der Tat von dem damals noch ganz jungen Professor Eisenstein, vom Ende seiner nicht minder berühmten Antrittsrede als neuer Rektor von Samethbridge, der Ersten unter den Universitäten des Vereinigten Königreichs, ja man geht nicht fehl zu sagen, der ganzen Welt, zu der, wie erinnerlich, das ehrwürdige Gebäude in positiver Voraussicht des zu erwartenden Andranges ein großzügig überdimensioniertes Auditorium Maximum erhalten hatte, wobei der tatsächliche Andrang die kühnsten Erwartungen noch beiweitem übertraf; auch die riesige Vorhalle, in der man zwar kaum noch etwas hören konnte, war bis auf den letzten Platz besetzt und einfach wenn drinnen applaudiert wurde, applaudierte man auch draußen,- dieses geflügelte Wort stammt also von da her.

In der Öffentlichkeit nicht verbreitet wurde dagegen die originelle Idee eines Studenten damals, dem es, um trotz überfüllten Hauses das Einmalige nicht zu verpassen, gelungen war, sich an den großen Luster im Gewölbe des Audi Max zu hängen und damit – kopfunter zwar aber dennoch – dem großen Kulturereignis beizuwohnen. Es war diese Antrittsrede Professor Eisensteins dann in der Tat jene epochemachende, die mit seiner durchgängig entwickelten Irrelationstheorie die damalige Welt auf den Kopf gestellt und damit der Wissenschaft das Tor zu ungeahnten neuen Tätigkeitsfeldern aufgestoßen hatte. Das Leben in Donlon und der übrigen Welt hatte dennoch den Anschein gegeben, davon ganz unbeeindruckt weiter gehen zu können. Man hatte Anderes zu tun, auch Wichtiges: es gab, zufällig am selben Vormittag, eine moderate Überschwemmung. – So also hängen hier die Dinge zusammen. Und in ihnen hing kopfunter in der Gegend, soeben von dem jungen Professor Eisenstein auf den Kopf gestellt, der Rabe.

Dieser war nun allerdings der Vorfall, der sein weiteres Schicksal entschied. Himmel und Erde hatten zusammengewirkt, damit ihm, diesem ersten Hoffnungsträger unter den Raben, die Augen aufgehen mögen für den wirklichen Zusammenhang der Dinge, die da sind verbunden wie oben so unten, wie unten so oben, und droben mit drunten und drunten mit droben. Und so kam es nun, dass Paul der Baumgeist erneut gebeten wurde, sich zur Audienz bei der Königin der Nachtigallen einzufinden. Dort wurde er von Ihrer zierlichen Majestät zu einem Gespräch unter vier Augen empfangen.
Zu diesem Termin war es geboten, dass sich Paul der Baumgeist klein machte, es war der Salon, in dem die internen Angelegenheiten zur Sprache kamen, eben eine auf Nachtigallen abgestimmte Räumlichkeit. Die Unterredung aber brachte mit sich, dass Paul für deren Dauer seinen Schützling verlassen mußte. Dies bereitete ihm ernsthafte Sorge, es war etsgituM reD inzwischen ja bereits in die zweite Stufe der Lebensbereiche des Himmels eingeführt, und er konnte ihn da unmöglich jetzt schon alleine lassen. Nicht nur bestand die Gefahr, dass er sich postwendend verirren würde, sondern vor allem war er der Mächtigkeit der Wesen, in deren Lebensraum er nunmehr eingetreten war, dann schutzlos ausgeliefert. Doch die rettende Idee kam ihm umgehend, und in Anbetracht der Dringlichkeit schien sie ihm die einzig mögliche.

Er rief den schnellen Wind herbei und beauftragte ihn mit der Weisung, seine Brüder auf der Insel sollen dafür sorgen, dass die Versammlung in der Universität zu Samethbridge sich nicht auflösen kann, bis er vom Palast zurück sei und bei ihnen sich wieder melden werde. Also begab sich der schnelle Wind in seiner Windeseile mit der Botschaft ins Vereinigte Königreich, und Paul, nachdem er dem Raben eingeschärft hatte, sich nicht von der Stelle zu bewegen - was diesen etwas erstaunte, er konnte ja gar nicht weg -, begab sich zum Gespräch mit der Königin in den Palast.

Indessen - was hier wiederum heißt, im selben Augenblick – trafen sich auf der Insel die Gentlemen in Norton Woodseats, Sheffield, und man zog sich zur Beratung nach Leeshall Wood zurück. Sir Peak erschien, wie immer schon zu solchen Treffen, in Begleitung seiner zwei Moorladies Howden und Midhope, und das erleichterte in diesem Fall die Sache sehr, oder besser gesagt, es beschleunigte sie. Die beiden Moorladies nämlich sind nahe Verwandte der Wassergeister einerseits und der Wetterwesen andrerseits, natürlich nur der wässrigen, aber das genügte hier vollauf. Der Plan war schnell erfunden; es stellte sich die Aufgabe als einfach zu erfüllend heraus, da Sir Hyde, seines Zeichens Faun aus Hammersmith, die Lage der Universität Samethbridge, Donlon, als in einer leichten Senke liegend nahe dem Fluss bezeichnete, wobei er im Besonderen hinzuzufügen sich bemühte, dass die Fußböden in den Gebäuden – Aula und deren Vorhalle mit einbezogen – über der einfachen Flutmarke liegen.
„Im Übrigen,“ erlaubte sich Sir Hyde an die Adresse von Sir Peak zu bemerken, „unsere charmanten Ladies beide, wohin sind sie denn entwischt so unvermittelt?“ – Die leichte Verlegenheit in diesem Moment, man tat nicht erlauben dem, sich zu zeigen; und zu suchen die Beiden, es tat sich erübrigen. Man konnte sich vorstellen, zu wem sie gegangen waren so eilends.
So, Donlon that morning had been clowdy with light rain, then less rain, and then - hard rain. Die außergewöhnlich heftigen Regenfälle setzten ein kurz nach der zweiten Pause des Vortrages, und noch ehe die Mittagsstunde erreicht war, trat der Fluss über die Ufer. Das Gelände der ehrwürdigen Samethbridge – Universität wurde zum See und ihre Baulichkeiten befanden sich wie ein Wasserschloß inmitten der Fluten. Dies war im Auditorium Maximum unbemerkt geblieben, in der Vorhalle natürlich nicht: die war mit Fenstern ausgestattet, und nur dadurch, dass an einer Stelle des Vortrages von draußen herein, aber gänzlich unpassend, dieser gestört wurde durch rauschenden Applaus, war ein Hinweis gegeben darauf, dass die Dinge einen vom ordentlichen Plan der Veranstaltung abweichenden Verlauf genommen hatten. Der Zwischenfall fand im Anschluss daran seine Aufklärung dahin gehend, daß das Publikum in der Vorhalle das plötzlich beginnende Prasseln auf dem Dach mit einem Beifallssturm aus dem großen Hörsaal verwechselt haben konnte, und dies setzte die Veranstalter in die Lage, sich nachtäglich bei dem verehrten Redner für den Lapsus zu entschuldigen.
Es hielt das Hochwasser drei Tage an. So lange dauerte das Gespräch zwischen Königin Cecile und Paul dem Baumgeist nicht, wiewohl es ein langes und eingehendes geworden war. Es hatte bei allseitiger Betrachtung der Lage zum Ergebnis, daß Mut allein den Anforderungen der Aufgabe nicht gewachsen ist und der Rabe im Gedankenreich der Seinigen die Sicherheit des Herzens verloren hatte. Konnte er schon nicht den einfachen Ungedanken gegenüber sich in seiner Selbstheit behaupten, es wäre unverantwortbar gewesen, ihn den Mächten auszusetzen, die ja gerade die Vernichtung des Selbstbewusstseins durch das Irreleiten des Denkens betreiben.
Nach dem Verlassen des königlichen Palastes entfaltete sich dann auch Paul der Baumgeist nicht mehr zu seiner vollen Größe. Er blieb vergleichsweise klein aber nicht aus Selbstvergessenheit, sondern weil ihn das Scheitern der Mission entsprechend bedrückte. Man sah ihn wandeln durch die schönen Gärten des Palastes, große Steine wälzend.



VII



Zurückgekehrt fand er den Raben leblos mit hängenden Flügeln, hängend am Beinwellstrauch an der Abbruchkante bei der großen Brücke in der Rabenkolonie, die auf den Kopf gestellt geblieben war, weil es auch diesmal wieder niemanden gab unter den Raben, nicht einen, der den Fehler hätte bemerkt. Es würde ja ein einziger schon genügen. Einer, dem der begangene Irrtum sofort auffällt, und der für sich dann gleich das Unrichtige ins Richtige denkt. Dabei wäre es dieses Mal gar nicht ganz so schwierig gewesen, den Punkt zu finden, von dem an der berühmte Professor Eisenstein seine Sache verkorkst hatte. Er steckte nämlich gleich im ersten Höhepunkt des dritten Teiles seiner Rede drinnen, und der junge Professor bekam dafür auch noch stürmischen Beifall. Aber anstelle dessen, daß auch nur ein Rabe da hellhörig geworden wäre, wurde der Satz dann weltberühmt und schließlich auch in großen Leuchtbuchstaben über das Tor zur modernen Welt gestellt. Es ist der:

“Große Dinge verlangen, daß man groß denkt oder groß irrt. Beides führt weiter.“

Denn nach allem, was der Rabe auf seinem abenteuerlichen Weg zum Reich der Nachtigallen erlebt hatte, war die Hoffnung in ihn gesetzt, hier, an dieser Stelle, würde er widersprechen. Also in Gedanken wenigstens. Das hätte schon genügt. Denn dass es sehr wohl einen Unterschied macht, ob man ein Meer für einen See anschaut oder aber Bescheid weiß und sich nicht irrt, das hatte er ja gründlich am eigenen Leib erfahren.

Von der Nähe seines großen Freundes belebt erwachte nun der Rabe, brachte sich in Ordnung und schaute seinen Beschützer entgeistert an.
„Komm, setz dich“, sagte Paul, „wir müssen mit einander reden.“ –
„Geht nicht“, sagte der Rabe leise.
„Hm“, brummte Paul, drehte die ganze Geschichte um und stelle sie auf die Füße.
Plumps saß der Rabe wieder auf seinem Fleck an der Abbruchkante im Gras.
„Wo warst du jetzt?“ , fragte Paul, „Erzähl mir das bitte genau.“ –
Der Rabe druckste erst etwas herum, aber es half ihm nichts, er mußte heraus mit der Sprache. Seine Verlegenheit kam davon her, daß er soeben im Begriff gewesen war, ein Liebesabenteuer zu haben mit den beiden Moorladies Howden und Midhope. Das aber interessierte Paul den Baumgeist vorläufig nicht. Der wollte wissen, ob er sonst noch irgendwo gewesen sei.
Ja, vorher, erzählte er etwas erleichtert, sei er hübsch passend gehangen in einem großen Luster einer großen Halle und habe der Rede eines jungen Raben zugehört, der vor gefülltem Saal sehr elegant gesprochen habe.
Ob er die Rede noch im Kopf habe, wollte da Paul der Baumgeist wissen. –
„Ja,“ sagte der Rabe, „die weiß ich noch.“ -
„Gut, dann komm mit“, sagte Paul, setzte sich den Raben mitsamt der Abbruchkante auf die Schulter, begab sich erneut zum Palast und ließ sich von Madame Cedurla bei der Königin anmelden. Die freundliche Dame kam alsbald wieder mit der Botschaft, man möge sich gedulden, es sei Ihre Majestät zur Zeit unabkömmlich.
Man geduldete sich, und als die Zeit verstrich, kam Paul die Idee, der Rabe könne die Rede aufschreiben. Madame Cedurla machte sich erbötig, sie sich diktieren zu lassen, Paul aber bestand darauf, daß der Rabe sie selber niederschreibe. Also fing der an, und da es eine stundenlange Rede war, saß er tagelang an dieser Arbeit. Am Anfang war er noch recht widerwillig dabei, aber was er da niederzuschreiben hatte, interessierte ihn alsbald selber mehr und mehr.

Die ersten zwei Teile der Rede bestanden hauptsächlich darin, daß der junge Eisenstein Ausflüge machte in die großen früheren Kulturen, und darin kannte der sich gut aus. Er beschrieb deren Art und Haltung und ging immer wieder bis in typische Einzelheiten hinein. Wie ein lebendiges Geschichtsbuch, das sprechen kann, war diese Rede. Und der Rabe schrieb, und schrieb mit wachsender Begeisterung. Zwar hatte er von den alten Kulturen auch schon etwas in der Schule gehört, aber damals war das ein langweiliges Zeug, und sein Lehrer hatte von den Dingen auch keine Ahnung im Vergleich zu dem, was der junge Eisenstein da erzählte. Im dritten Teil dann fasste der die alten Kulturen zusammen und kam in die Gegenwart. Die Gegenwart sollte, nach seiner Idee, die Zusammenfassung der früheren Kulturen werden. Es kommen die Kulturen davon, daß die Raben auf die Fragen, die nicht beantwortet werden können, zu verschiedenen Zeiten verschiedene Wege eingeschlagen haben, um zu Antworten darauf zu gelangen. Daraus seien die verschiedenen Kulturen entstanden. Dadurch haben die Raben diese Fragen, an denen sie sich immer wieder verbrannt haben – sie sind von da her so schwarz -, gebündelt zu dem großen Strom der Kräfte, welcher die Entwicklung vorantreibt. Und da hat der junge Eisenstein den Gedanken, daß der heutige Rabe, indem er die ganze Vergangenheit überblicken kann, dadurch berufen sei, nun nicht wieder einen weiteren vielleicht möglichen Weg zu eröffnen und damit eine nächste mögliche Kultur, sondern dazu dass er sich nunmehr direkt hineinstellt in diesen großen Strom der Kräfte selbst. Das könne er aber nicht in Verbänden tun, die Kräfte seien gewaltig, die zertrümmerten alles was starr ist, oder die Verbände wären so starr, dass sie alles zertrümmerten -: also das sei ihm nur im Alleingang möglich. Nur als Einzelner sei er klein und beweglich genug, um nicht zerbrochen zu werden von dem Strom der Kräfte. Klein ist er dann, wenn er sich nicht groß macht, wenn er sich nicht größer macht als er ist, und beweglich wird er, wenn er an sich hält. Dann führte er einige Beispiele von Raben auf, die das schon so gemacht haben, Musiker, Maler, Dichter, und ein Sozialphilosoph, und auf den ging er dann ein. Und mit diesem Sozialphilosophen zeigte er dann, wie die Gesellschaftsordnung eine wird, die sich selber in jene Form gestaltet, die für das Hineingestelltsein in den großen Strom der Kräfte die entsprechende sein soll, weil sie von all den Einzelnen, die sich um sich selbst kümmern, so und nicht anders gewollt wird. Da arbeitet einjeder dann hin auf das selbe Ziel, weil er auf seine ganz individuelle Weise in der Entwicklungsströmung drinnen steht, und so führe diese Strömung zu einer neuen, individualisierten Form der Gesellschaft.
Das sei jetzt noch eine Theorie, darum brauche sie einen Namen, und den greife er, sagte der junge Eisenstein, aus der Sache. Die Sache sei die, daß die Beziehung, die da walte zwischen dem selbstbestimmten Individuum und dem großen Strom der Entwicklung, nicht das sei, was wir unter Beziehung verstehen, sondern diese Beziehung sei die Freiheit. Darum nenne er die Theorie der Freiheit hier die Irrelationstheorie. Was wir eine Relation nennen sei da durch Bindung weder gegeben noch herstellbar. Erst in Freiheit erschaffe der Einzelne seine Beziehung zu den Kräften, die dann zur Vereinigung mit ihnen wird. Es treten diese Kräfte dann im Individuum auf, der Einzelne erscheint mit ihnen begabt. Sodass man die Sache Vereinigungstheorie nennen müsste; indem aber gegenüber der Vereinigung jede Theorie aufhört, bleibt nur der andere Name übrig: Theorie von der Überwindung der Relation, Irrelationstheorie.

Es war kurz vor Mittag, als der Rabe mit dem Niederschreiben der Rede fertig war. Er legte die Feder neben das letzte Blatt Papier, lehnte sich zurück, atmete tief durch und sagte:
„So, jetzt habe ich verstanden.“ Dann stand er auf und ging ein paar Schritte an die frische Luft. Dabei bemerkte er, daß sein Fuß wieder gesund war, und das freute ihn. Der Tag war sonnig, die Nachtigallen sangen, er freute sich des Lebens, nun gab es eigentlich, hatte er das Gefühl, nichts mehr was ihn umwerfen konnte. So spazierte er auf der Birkenallee vor seinem Gästehaus auf und ab und dann wieder hinein, denn es war ihm eingefallen, er solle seine Schrift noch einmal durchsehen. Das machte er, kam im Durchlesen noch einmal schön hinein in den Gedankengang der Abhandlung, kam noch tiefer hinein und von da ins Träumen.
Auf dem Weg zum königlichen Schloss der Raben fand er sich im Träumen, mit der Schrift unter den Flügel geklemmt, und damit hintreten vor den König. Feierlich wurde dem die Schrift überreicht, und er hörte sich zum König sagen, hiermit bringe er die Wissenschaft und Tüchtigkeit, wie dem Rabenvolke zu helfen sei. Der König aber, sah er da, hatte die Schrift noch nicht in der Hand, da sprang der Berater zu seiner Linken auf, nahm sie vom dargereichten Kissen, drehte die Blätter zu einer schmalen Rolle ein, richtete sie wie ein Schwert gegen ihn und rief: „Hinweg mit dem Kerl da!“ Sogleich wurde er gefasst, und als man ihn wegschleppte, sah er noch, wie der Berater zur Linken dem König die Krone vom Kopf nahm und mit der Papierrolle auf ihn einschlug. Und dabei brach der Berater wiederum in sein schallendes Gelächter aus, und es klang dieses Mal der nackte Hohn heraus von einem, der sein Spiel gewonnen hat. – Schockiert von diesem Träumen schreckte der Rabe auf und fand sich, gottlob, zu Hause und in Frieden. Auch die Schrift war noch da und alles war gut. Nun fühlte er sich gewarnt. Da hielt es ihn nicht mehr in dem hübschen Haus. Er ging erneut hinaus und wanderte die Allee entlang.

Es mag eine gute Weile gewesen sein und ein gutes Stück Weges später, als er Gekicher vernahm am Rande bei den Birken. Eine Gruppe Dümmlinge saß dort im Gras und war guter Dinge, was augenscheinlich davon kam, daß sie wieder ganz genesen waren und heil. Sie sahen frisch aus, wie neu sozusagen. Er wandte sich ihnen zu und nahm die Gelegenheit wahr, zu erfahren was ihnen geschehen sei. Sie steckten die Köpfchen zusammen, tuschelten mit einander, ein paar Dutzend nadelspitze Zwirbelbärtchen glitzerten im Tageslicht, es schien sehr wichtig, was sie einander mitzuteilen hatten. Ohne dass der Rabe gesehen hätte wie das vor sich ging, waren es im Handumdrehen sehr viele. Und noch einen Augenblick später schimmerte bereits das halbe Land von ihnen wie ein reifes Gerstenfeld. Ein fröhliches, helles Geraune zog darinnen dahin und daher wie zarte Harfenklänge, und es duftete nach frischer, lockerer Erde. Auch eine Art Neugierde war dieser Duft. Die Dümmlinge lebten sonst ja unten in der Krume. Da wollten sie natürlich immer wissen, was oben geschieht. Manches sagte ihnen ihre feine Nase. Wenn auf die Erde die Sonne scheint, riecht sie anders als bei Bewölkung, und wieder anders in der Nacht. Damit waren sie natürlich vertraut, und über eine feine Nase erfährt man auch sonst noch Vieles, aber ja nicht alles, und die Dümmlinge wollten allerdings von allem, was da oben, wo die Sonne scheint, vor sich geht, alles wissen. Sie waren wirklich sehr neugierig und konnten es kaum erwarten, Neues zu erfahren. Dafür nahmen sie es lieber beim Erhaschen der Neuigkeiten nicht so genau damit, ob sie denn auch alles ordentlich aufgefasst hatten. Hauptsache, es war eine Neuigkeit, und die verbreiteten sie dann eilends unter einander. Und so wird es wohl auch hier gewesen sein.

Dass im Nachtigallenhimmel ein Rabe aufkreuzt, wäre schon Sensation genug, möchte man meinen. Noch besser ist freilich, wenn man auch noch wissen kann, wer das ist , wie der heißt und was er da macht. Nun, was der Rabe gemacht hatte, das verriet ihnen ihre feine Nase. Die sagte ihnen, der wälzt Gedanken, das ist einer, der arbeitet mit dem Kopf. Und einen unter den Raben, der das tut, kannten sie auch seit Kurzem. Der hatte sich mit einer Rede hervorgetan, die hatte nach Hochmoor gerochen und Zedernholz, genauso wie dieser Rabe hier. Damit stand die Sache fest, wer er ist, denn die Nase der Dümmlinge ist spitz und fein, sie könnte gar nicht lügen..
„Er ist der Rabe Eisenstein und will der Stein der Weisen sein“.

„Halthalthalt!“, rief der Rabe ihnen zu, das ist nicht wahr! Ich bin retsgituM nebaR reD und habe nur die Rede...“ aber es war zu spät.

Er ist der Rabe Eisenstein und will der Stein der Weisen sein.

Der ganze Hain flimmerte vom Glitzern der unzähligen Zwirbelbärtchen, das Glück der lieben Zwerge war groß, sie hatten eine tolle Neuigkeit.

( Er ist der Rabe Eisenstein und will der Stein der Weisen sein. )

- - -

( reD ebaR ist verkehrt herum und macht die Gerstenzwerge dumm )

Moment, dachte sich der Rabe, wieso bin ich verkehrt herum? Er drehte sich um, damit er sehen kann, ob vielleicht wirklich etwas nicht stimmt bei ihm, sah nicht genug, drehte sich weiter, und so im Kreis und gleich ein paar Mal. Es half nicht. Er hörte auf damit, die Allee im Hain drehte sich noch einwenig weiter, da plötzlich verstand er, was gemeint war.

reD ebaR ist verkehrt herum und macht die Gerstenzwerge dumm.

Die Antwort war es. Sozusagen die Richtigstellung auf Zwergenlatein. Weil ja die Zwerge nur hören können, was sich reimt. So mußte er ihnen das sagen. Wollte es auch sagen, und da war die Wiese, von ihnen verlassen, einfach grün. Leise hörte er noch ferne ihr weißgoldenes Kichern entschwinden, sie waren weg. Da flog er los, ihnen nach, und ging ordentlich auf Tempo. Das war ja im Himmel wunderbarer Weise so, dass er da fliegen konnte so schnell er nur wollte, auch schneller als der schnellste Wind, und so hatte er sie bald eingeholt. Sie waren unglaublich viele. Ihr Silberschimmer bedeckte weithin das Land, so weit, daß ihm die Erinnerung an das Meer aufstieg. Aber hier, wusste er, konnte er sowohl schnell fliegen als auch nicht erlahmen und abstürzen, also flog er und rief ihnen von oben die Antwort zu:

„reD ebaR ist verkehrt herum und macht die Gerstenzwerge dumm.“

Ob es bei den Dümmlingen auch so ankam, wie er es wollte, konnte er allerdings im Fliegen nicht beobachten. Er kam damit weit und auch nicht weit. Mit einem Male sah er eine Eiche vor sich stehen, groß wie die des Wotan, hoch wie ein Berg. Und bei seinem Tempo war er auch schon drinnen.
Paul sagte nichts. Er schloss seine Zweige um ihn zu einem Käfig und nahm ihn mit sich. Anfangs waren es nur Gitterstäbe aus Zweigen, daraus wurden Äste, die Zwischenräume schlossen sich. Daraus entstanden glatte Wände aus Astholz, dann aus Kernholz und das wiederum wurde alsbald sehnig und glatt und eisenhart, wie es in den Wurzeln ist. Und öffnete sich dann auch tatsächlich. Der Rabe konnte aus seinem Käfig heraustreten. In eine große Grotte trat er hinaus, stockdunkel und kühl.

Es dauerte einige Zeit, bis er sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte. Allmählich aber kam ihm vor, er gewahre ein ganz zartes Glitzern, eher ferne als nah, und wieder allmählich nahm das Geglitzer Gestalten an, wundersame Gestalten, wie kunstvolle Architektur. Versetzt in einen unterirdischen Dom gewahrte er sich, gebildet von Säulen aus zahllos glitzernden Kristallen, in eine geräumige, zarte Pracht, irgendwo im Schoß der Erde. Außer von dem Glanz und Gefunkel all der Kristalle, die wundervoll die Säulenwände, die Bögen und Giebel, die Erker und Friese bildeten, war er umgeben von heiliger Stille. So herrlich schön war der unterirdische Säulendom, daß dem Raben im Bestaunen und Bewundern das Gefühl für die Zeit entschwand. Sodass er nur sagen konnte, es war lange, ehe er in sich leise den Eindruck verspürte, er solle etwas tun. Im Anblick der erhabenen Pracht aber, er hatte sich erst allmählich in die ganz andere Art von Licht eingewöhnt, aus der diese innere Welt sich sanft erhellte, konnte er keinen Gedanken finden, was zu tun hier gemeint sein könnte. Mit Sicherheit, dachte es in ihm, würde etwas zu tun die Stille stören. Und so war es wiederum lange, bis ihm etwas in den Sinn kam, was er tun könnte. Er könnte sich lautlos umdrehen. Das begann er auch gleich, schön vorsichtig. Aber es ging nicht. Jemand hielt ihn an den Schwanzfedern fest.

Einwenig erschrak er wohl darüber, doch ließ er sich deshalb nicht aus der Fassung bringen. Und da hörte er hinter sich, aber sehr hoch oben, eine zarte Silberstimme weinen. Er hätte gern gesehen, wer das ist. Sich weit genug drehen konnte er nicht, um zu sehen, wer da weint, aber es erstaunte ihn das schon genug, was er sah. Er sah, es ragte hinter ihm groß eine Gestalt auf, hell in einem langen, faltenreichen Kleid, das ebenso prachtvoll wie die ganze Grotte von Kristallen funkelte, nur nicht entlang der Tränenspuren, die bis herunter verliefen. Und aus den Tränen, die daran herunterrannen, wurden wiederum Kristalle. Manche Tränen liefen ganz herunter bis zum Boden. Daraus war der Saum des Kleides gebildet und wuchs allmählich, und seine Kristalle waren mit den Tränen, die ihn schon berührt hatten, bereits verwachsen. Es sah schön aus, dieses Geschmeide, aber es hielt ihn fest. Das hohe Wesen hinter ihm, die Trauernde in ihrem prachtvollen Kleid, begann sich zu bemühen, schien es ihm, ihr Weinen zurück zu halten. Der Grund ihres Leides war aber wohl zu groß; es gelang ihr nicht. Statt dessen brach sie umsomehr erneut in Tränen aus, und der Rabe konnte förmlich spüren, wie sich sein Gefieder weiter und weiter in Kristalle verwandelte. Es begann ihn zu beunruhigen. Zugleich aber griff ihm der Schmerz der hohen Frau, den er da erlebte, mehr und mehr ans Gemüt, und da begann er zu ahnen, es habe ihre große Trauer womöglich ganz entfernt auch etwas mit ihm zu tun. Davon wollte er nun lieber nichts wissen. Er habe sonst gewiss, dachte er bei sich, ein offenes Herz für das Wohl und Wehe aller Kreatur, aber daß bei ihm etwas mit ein Anlass sein könne für den herzzerreißenden Schmerz dieser hohen Gestalt, diesen Gedanken wollte er bei sich nicht ankommen lassen.

Wieder unternahm sie einen Versuch, sich stille zu machen; Der Rabe spürte, es ging ihr darum, zu ihm zu sprechen, ihm etwas zu sagen. Für einen Augenblick wurde es tatsächlich still. Aber schon im nächsten, sie hatte wohl etwas zu sagen versucht, fiel der Schmerz nur um so stärker über sie her, sie hatte nicht die Kraft, ihn aufzuhalten. Ohne dass er es recht bemerkte, hielt das Mitleid mit der armen, edlen Frau nun doch Einzug in sein Gemüt. Und damit fand sich dann auch der Grund ihrer Trauer bei ihm ein. Ein Lied vernahm er nahen, ein unendlich schönes Lied aus einer fernen Vorvergangenheit, zu einer Weltenzeit, da die Raben noch großartige Sänger waren. Noch einen Augenblick lang war er bei Sinnen, genug um sich der hinreißenden Schönheit des Gesanges entziehen zu können, aber es waren Rabenstimmen, die er singen hörte; die eigenen Stimmen hörte er derart wundervoll singen, daß er daran, dagegen etwas zu unternehmen, nicht auch nur dachte. Und damit war es um ihn geschehen. Tief ergriff ihn das Lied. Von solcher Schönheit war es, daß er sich daran nicht satt hören konnte und niemals würde sich satt hören können. Von solcher Schönheit war es auch, dass ihn der Schmerz darüber, dass es den Raben auf alle Zeiten verloren war, vollends überwältigte. In Strömen rannen ihm die Tränen. Darauf achtete er nicht. Und auch nicht darauf, wie nun auch aus seinen Tränen Kristalle sich bildeten. Dafür aber blieb ihm das verlorene Lied.

Wäre der Ort, an dem dies geschah, einer auf Erden gewesen, es hätte den Raben gewiss das Leben gekostet. Bis sich aus Tränen Kristalle bilden, das wissen ja alle Kinder vom Sandmännlein, vergeht eine Nacht. Nun könnte man glauben, es ließe sich ausrechnen, durch wie viele Nächte er gelebt hat in dem verlorenen Lied, bis er auf den Kristallen seiner Tränen hinaufgewachsen war bis auf die Höhe der Trauerfrau. Aber so einfach ist es nun doch nicht. Auf Erden sind ja immer zwischen den Nächten die Tage; es schließt sich ja immer ein Tag an eine Nacht, und nirgendwo hängt sich eine Nacht gleich an die andere. Da müsste woanders sich ein Tag auch gleich an den nächsten hängen, und auch davon wissen wir nichts. Selbst im hohen Norden und im allertiefsten Süden, wo die Welt so wenig Bewegung hat, daß sie eingefroren ist, wechseln sich Tag und Nacht immer ab, wenn auch nicht, wie im Sommer und im Winter, jeden Tag. Aber dort, wo der Rabe nun lebte, gefangen in der Schönheit des verlorenen Liedes der Raben, ist das anders. Dort hängen tatsächlich die Nächte aneinander und es ist kein einziger Tag dazwischen. Es ist das Reich der Nacht, und die Königin der Nacht ist der Mond. Sie ist die Königin der Wachsamkeit, und ihr Wesen ist wie eine Waage oder wie das Wasser, sie will immer den Ausgleich schaffen.

Das können wir auch schön beobachten, wie sie am nächtlichen Himmel immer vom Licht in die Dunkelheit geht und von der Dunkelheit wieder ins Licht. Ihr ganzes Streben ist es, zwischen den Gegensätzen den Ausgleich zu schaffen. Es ist das für sie sehr bedeutsam, ihr Wesen würde an seinen eigenen Widersprüchen zerbrechen ohne ihren mächtigen Willen zum Ausgleich. Denn sie ist, als die Göttin der Fruchtbarkeit bei den Pflanzen, selber umhüllt von einem dicken Mantel aus Stein, sie ist von ewiger Nacht umgeben und lebt doch ganz im Licht, ihr glühendes Herz will Gerechtigkeit und sie kann es nicht öffnen. Ihr Reich ist von Wahrheit erfüllt. In früheren Zeiten, da war ihr Name ein anderer. Da mußte sie zu diesen großen Gegensätzlichkeiten dazu auch noch den ertragen, daß sie „Die Lügnerin“ hieß. Luna, die Lügnerin. Das muß sie heute nicht mehr ertragen. Heute heißt sie „der Mond“, das ist nicht mehr ganz so schlimm verkehrt. Was das bedeutet und wie es dazu kam, soll aber ein anderes Mal erzählt werden. Das lässt sich nur erfahren, wenn man, wie sie, in der Nacht wachen kann. Dann lernt man auch die Wahrheit kennen und wie sie beschaffen ist.

Bei den Raben gilt als Wahrheit, wenn ihre Erfahrung von einer Sache mit der Rede von der Sache übereinstimmt. Im Reich der Königin der Nacht ist die Wahrheit wie ein durch einander strömender Ozean, und jeder Tropfen, aus dem er besteht, ist eine Wahrheit für sich. Nur ist es ein Ozean ohne Schwere, und durch noch eines unterscheidet sich die Wahrheit in ihrem eigenen Reich von dem Begriff, den die Raben von ihr haben. Im Reich der Wahrheit gibt es nicht ein Urteil. Da sind alle Einzelwahrheiten unter einander und miteinander verbunden, und dieses Verbundensein fließt immer dort hin, wo es gebraucht wird. Darum hat das Reich der Wahrheit überhaupt auch Grenzen.

Bei den Erdenbewohnern können auch Dinge für wahr gelten, die mit anderen Dingen, die ihnen auch als wahr gelten, nicht verbunden sind oder sich gar nicht verbinden lassen. Kommt nun so ein Erdenbewohner, nachdem er gestorben ist, auf seiner großen Reise dem Reich der Wahrheit nahe, ziehen ihn seine kleinen Wahrheiten heran. Dann zeigt sich in dem Feuer, durch das die Wahrheit ihre Grenzen schützt, ob sich seine Wahrheiten mit denen im großen Strömen der Wahrheit verbinden können. Es fangen davon die Dinge, die mit Wahrheit gar nichts zu tun haben, sofort Feuer und verbrennen. In anderen, wo ein Körnchen Wahrheit schon drinnen ist, dann in den Halbwahrheiten und Einzelwahrheiten, brennt das Feuer das heraus, was nicht dazugehört oder was noch ein Hindernis darstellt, damit die Wahrheit, davon befreit, sich als ein Tropfen wieder verbinden kann mit der Welt, der sie angehört. Und wenn der Reisende das erlebt hat, kennt er sich in der großen Welt nicht mehr aus. Dann nimmt ihn jemand an der Hand und führt ihn auf den Weg, wo er alles neu lernt. Und da lernt er dann auch, daß die Wahrheit das Ziel ist, und daß er so, wie der Ozean das Ziel ist aller Flüsse, dem sie auf weiten und gewundenen Wegen zuströmen um ihn zu erfüllen, die Wahrheit als das Ziel erreichen kann nur dadurch, daß er sie erfüllt. Es ist das gar nicht so schwer zu verstehen. Nehmen wir ein Beispiel, wie es jeden Tag ja doch oft vorkommt auf der Welt.
Jemand hat Hunger und geht zum Bäcker um Brot. Er hat aber kein Geld. Dann stimmt die Erfahrung, daß er kein Geld hat, mit der Rede, ich habe aber kein Geld, überein und gilt als wahr. Im Reich der Wahrheit stellt sich die Sache aber doch sehr viel anders dar. Dort hängt ja die Einzelwahrheit mit allen anderen zusammen, die zu ihr gehören. Und das sieht dann so aus.
Er hat kein Geld, weil man ihm für seine Arbeit nicht viel gibt. Man gibt ihm nicht viel, weil nicht genug verteilt werden kann. Es kann nicht genug verteilt werden, weil von dem, was da von Allen erarbeitet worden ist, jemand sich viel zu viel weggenommen hat. Und so lange bleibt im Reich der Wahrheit die Sache unerfüllt, bis einjeder zu der einen Wahrheit die anderen dazunimmt, wie sie zusammengehören. Die Kette der Zusammenhänge geht ja noch weiter. Sie geht so weit wie die Zusammenhänge reichen, die verbunden sind mit dem einen, der sich viel zu viel herausnimmt. Und damit zeigt sich, sooft jemand beim Bäcker kein Brot bekommen kann, weil er kein Geld hat, steht das ganze Geschäft mit dem Geldmachen und Geldnehmen als eine nicht erfüllte Sache da. Und Wahrheit wäre erfüllt, wenn einjeder zu der Einzelwahrheit die ganze Kette der Dinge dazudenkt, wie sie zusammengehören.

Indem nun im Reich der Wahrheit, das sich über das Reich der Nacht erstreckt und so weit darüber hinaus, wie die irdischen Dinge mit den himmlischen zusammenhängen, zu den Einzelheiten auch immer alles erfahren werden kann, was mit ihnen in Verbindung steht, wurde der Rabe, so innig wie er hingegeben war dem schönen Gesang der Raben, allmählich auch der anderen Dinge gewahr aus jener fernen Vorvergangenheit der Seinen, die zusammenhängen mit dem verlorenen Lied. Allmählich erschienen ihm die Bilder der Landschaft aus jener Zeit; er bemerkte das lange nicht. Sie waren den himmlischen Landschaften sehr ähnlich und auch ihren Begebenheiten. Wenn sich Blumen schmiegten an die Wange eines schlafenden Kindes, oder sie alle sich neigten hin zu einer Schar junger Mädchen, die heiter vorüberging, und es manchen Blüten gelang, eines von ihnen mit ihren Blütenblättern lieblich zu schmücken, tröstete ihn das und der Strom seiner Tränen versiegte. So warm getröstet zu werden tat seinem von Trauer ganz erschöpften Herzen gut wie dem Säugling die Milch, wenn er vor Hunger schon schrie. Zu einer großen Versammlung sah er die Schar der Mädchen gehen; Dort wurde auch immer getanzt, und die eine unter ihnen, die von den Blumen am schönsten geschmückt erschien, durfte die Tänze eröffnen. Aber es wurde nicht nur getanzt auf dem Fest.
Es war jenes Fest der Sonnenwende im Sommer, zu dem der höchste Sonnenpriester erschien und mit dem Volk den Göttern der Sonne den Dank des Volkes darbrachte für die Lebensgaben der Erde. Ihn bekam das Volk nur einmal im Jahr zu sehen, zu dieser Feier des Dankes an die Sonne. Alle lebenden Erdenwesen wurden von Gruppen des Volkes in Tänzen dargestellt, und die Tänze der Priester verbanden im Fliegen die himmlischen Wesen mit ihnen. Die Figuren dieser ritualen Flüge sind ja bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben. Im Tanz großer Vogelschwärme kann man sie sehen. An den Flügen nahm der Hohepriester nicht selber teil, er stand auf seinem geheiligten Ort und lenkte die Gedanken der Sonnenwesen in die geflogenen Bewegungen. Davon aber erblindete er jedes Mal wiederum neu. Dann wurde ihm der Kelch gereicht. Er trank daraus. Darauf hin mischten die Priester den Kelch in den Wein für das ganze Volk, tranken vorher selber davon und verteilten ihn sodann unter allen. Während nun der Rabe das Fest, und was dort geschah, miterlebte in seinem Schauen, gewahrte er nicht, was vorging in seiner nächsten Umgebung. Sein Federkleid verlor seinen Schimmer, die Kristalle zerfielen allmählich zu salzigem Staub. Das hatte begonnen auf seinem Rücken, es setzte sich fort in seinem Umkreis. Zugleich traten die ersten Spuren der Auflösung, unmerklich anfangs, auf an vielen Stellen und überall in der weit verzweigten Grotte. Das allerdings stand in dem Reich der Welt, wo immer alles zusammenhängt was zusammengehört, in Verbindung mit dem, was bei jenem Mittsommerfest in jenen fernen Tagen der Vorvergangenheit sich zugetragen hat. Dieses nämlich, das der Rabe da sah, war das letzte Fest dieser Art und überhaupt aller Feste der Raben.

Damals also, vor undenklicher Zeit, war die Erde noch jung, und alle Wesen, zu deren Heimstatt sie geworden war, lebten auf ihr wie in einem Paradies, um sich in Liebe mit ihr zu verbinden. Sie waren aber auf die Erde gekommen um mit ihr die Aufgabe zu erfüllen, die ihr gegeben war, die höchste und bedeutendste aller Aufgaben im ganzen Weltensein, nämlich die, allen Wesen die Freiheit zu bringen. Es hatten dazu in den himmlischen Reichen große Umwälzungen stattgefunden, aus denen hervorgegangen war die Führerschaft jener Fähigkeiten, welche den Gang des Lebens auf der Erde an die Große Aufgabe heranzuführen vermochte. Zu jener Zeit nun hatte die Regentschaft zu diesem Ziel das Erdenleben ergriffen und damit begonnen, die Erdenwesen aus dem Zustand ihrer Kindheit zu entlassen. Damit standen den Erdenbewohnern große Umwälzungen bevor. Unter ihnen war das Volk der Raben eines der fortgeschrittenen, und es sollte also als eines der ersten eintreten in die neue Zeit. Das Volk selber wusste von diesen Dingen nichts, nur die Führer des Volkes, die höchsten ihrer Priester, waren bis in gewisse Grade in die Dinge eingeweiht. Von dem ganzen Umfang der Umwälzungen, die auf das Volk der Raben zukam, wusste nur einer unter ihnen, der Hohepriester, jener, der es vermochte, die Gedanken der Sonnenwesen in sich zu erleben.
Dieser war es, den der Rabe sah zu jenem Fest des Dankes an die Sonne, und dieser liebte sein Volk über alles. Darum ging ihm dessen Schönheit und die, in der es lebte, höher als das Gebot. Das Gebot besagte, er sollte den Wandel einleiten dadurch, daß ihm eine Krankheit zur Verfügung gestellt war, die das Vergessen bewirkt. Nichts weiter musste er tun, als kurz zu husten, bevor er trinken würde aus dem Kelch den Wein, von dem dann alle zu trinken bekamen. Er war der einzige, der ein Bild davon hatte, welche Folgen das haben werde. Mit dem Verlust der Kindheit und der Erinnerung daran würde sein Volk auch aus dem Reich der Unschuld fallen. Darum hatte er auch, als ihm davon Kunde kam, ein neuer Lehrer des Volkes werde geboren, nach der Frau suchen lassen, die zu dessen Mutter bestimmt war, und ließ sie töten. Sie ward zu spät entdeckt. Als sie ihr Leben hingeben musste, hatte sie das Kind schon geboren. Das Kind aber blieb seinem Auge verborgen. Es war ein Kind der Sonne, und wollte er es sehen, ward er geblendet. Aber dem Volk die Schönheit zu nehmen und es dem Vergessen preiszugeben, widerstand er. Es kostete ihn nach jedem Fest eine Zeit großer Qualen, wenn er dem Gebot sich widersetzt hatte. Und so lebte das Volk noch die Zahl der Jahre in aller Schönheit, hindurch welche die Kraft ihm reichte für seinen Willen.

An diesem Fest nun, als der Kelch ihm gereicht wurde, mußte er wider all seine Willenskraft ein Mal kurz husten, ganz kurz nur, bevor er daraus trank. Das war niemandem aufgefallen. Auch die nahestehenden Priester, nicht so hoch Eingeweihte wie er, bemerkten es kaum. Damit nun war sein Teil an der Aufgabe erfüllt, und zugleich begann das Vergessen bei ihm zu wirken. Er wurde sich seiner Schuld an dem Tod der Mutter des göttlichen Kindes bewusst und die vermochte er nicht zu tragen. Er verfiel darüber dem Wahnsinn. Aus eigener Kraft gelang es ihm noch, weiterzuleben, aber der Sinn alles dessen, was fortan geschah, blieb ihm von da an verborgen.



VIII



Husten mußte nun auch der Rabe. Nur bewirkte das weiter nicht mehr, als daß ein kleines Wölkchen Staub aufging. Er schaute sich um. Die Grotte war nicht mehr da. Nur die Säulen standen noch alle, die seine auch, die Säulen aus den Tränen all derer, die vor ihm schon hier gewesen waren. Unten lag sanft der Staub wie tiefer Schnee. Oder sanfter noch, wie schneeweiße Wolken. Wieder kam ihm das Gefühl, er solle etwas tun. Er drehte sich um. Vor ihm, auf der anderen Säule, saß als ein lebender Diamant die Trauerfrau.
„Ist er der Rabe Eisenstein und will der Stein der Weisen sein?“ fragte sie ihn.
„Nein“, sagte er, „Ich bin retsgituM nebaR reD:“
„Den kenne ich nicht“, sagte die Edle. Es schien, sie war enttäuscht. Da sie durchsichtig war, sah der Rabe, wie in ihr die Gedanken umgingen. Plötzlich fing etwas an, in ihr hell zu werden, und sie sagte:
„Mein Sohn sucht mich seit Langem. Will er wohl, wenn er ihm begegnet, ihm mitteilen, wo er mich findet?“
„Woran erkenne ich ihn?“ fragte er sie.
„Er hat ein böses Lachen“, gab sie zur Antwort und fügte hinzu, „aber er meint es nicht so. Er hat sein Volk über alles geliebt. Über alles.“
Der Rabe verstand. Er grüßte die Trauerfrau und machte sich auf den Weg.
„Nein“, rief sie ihm nach, „In die andere Richtung. Dort hin.“
Als er wieder bei ihr war, es schien, sie konnte sich nicht von der Stelle bewegen, umflog er sie kurzerhand. Wiederum rief sie ihm nach. Abermals kehrte er zurück.
„Raben, die sich ungeschickt anstellen“, sagte sie, „kann er gar nicht vertragen. Und das Fliegen hat er doch strengstens verboten! – Weiß er das etwa nicht?“
So belehrt, - flog er los.

Den Weg fand er leicht. Er flog einfach den Säulen entlang, die mehr und mehr in einer Reihe sich ordneten wie die Pfeiler einer endlos langen Brücke. Wohin sie ihn führen würden, wusste er auch. Und tatsächlich kam er an die Stelle, an der die Säulen zu einer Brücke verbunden waren, an den Ort, wo der Brückenkopf fehlte und auch das Stück der Abbruchkante, wo er gesessen hatte mit dem Beinwellstrauch am Bein. Eine Eiche sah er dort nicht und flog deshalb weiter, ohne sich aufzuhalten.

Auf der Brücke herrschte reger Baubetrieb. Das gesamte Volk der Raben, schien ihm, war hier am Arbeiten. Auch am Zustand der Raben hatte sich nichts geändert. Sie waren ausgemergelte Gestalten, die sich kaum noch auf den Beinen halten konnten, und immer wieder, sah er, brach einer von ihnen vor Erschöpfung zusammen oder fiel tot um. Den schoben dann andere zum Brückenrand und ließen ihn dort hinunterfallen. Hin und hin und hin wurde gebaut. Was es da derart viel zu bauen gab, war ihm nicht klar. Geräte sah er, die er nicht kannte, die Rauch machten und Lärm, und auch ganze Maschinenhallen. Auf der Brücke. Irgendwann hatte er die letzte davon überflogen, dahinter war die Brücke dann glatt und fertiggestellt, es waren nur noch wenige Arbeiter zu sehen, und dann keine mehr.

Der Tag hatte aufgeklart. Der Rabe sah zum ersten Mal wieder die Welt auf der Erde. Das Land, das er sah, kannte er nicht. Es bestand aus riesigen Feldern mit scharfen, schnurgeraden Kanten, eines am andern, und die waren wie von einem Riesenkamm säuberlich gerade durchgepflügt. Bäume gab es keine, auch keine Büsche, nur diese geometrischen Felder. Auch die Wege zwischen ihnen liefen schnurgerade, und manchmal schnitt sich ein dunkler Doppelstreifen pfeilsgerade schräg durch sie hindurch. Allmählich hatte er kein Gefühl mehr, wie lange er schon so dahinflog, immer der Brücke entlang, die kein Ende zu nehmen schien. Ein Dorf oder Häuser hatte er nicht gesehen, nur hin und wieder ein paar Hallen, die beisammen standen, meist mit einer Reihe runder Türme dabei. Raben sah er keine. Das Land schien unbewohnt. In der Ferne tauchten Berge auf, die Brücke führte schnurgerade da hin. Nahe den Bergen dann, sie waren nicht sehr hoch, stieg sie etwas an, und dann verschwand die Straße in dem Berg. Als er ihn überflogen hatte, kam sie auf der Hinterseite wieder heraus, so pfeilsgerade wie vorher. Und beim nächsten Berg das selbe. Es erhoben sich die Berge nun doch immer mehr, und auch das Wetter änderte sich. Wolken hingen in den tiefen Tälern, es sah nach Regen aus. Die Brücke war stetig mit angestiegen und verlor sich nun vor ihm in den Wolken. Er flog näher zu ihr herunter, um sie nicht zu verlieren. Regen setzte ein, es wurde kälter, die Brücke blieb nun auf gleicher Höhe, unentwegt geradeaus. Wieder ging es lange so dahin. Plötzlich war er über der Straße in einen Berg hineingeflogen, aber die Röhre, in der er sich fand, war so groß, daß hundert Raben zugleich hätten durchfliegen können. Sie war lang, aber er konnte ihr anderes Ende schon sehen und hatte sie bald durchflogen. Wieder im Freien sah das Wetter etwas besser aus. Die Brücke führte so hoch über ein so tiefes Tal, daß der Talboden nicht zu sehen war. Und da plötzlich endete die Brücke, hoch oben im Irgendwo, einfach so. Ein gigantisches, schier ins Größenwahnsinnige getriebenes Bauwerk, und es diente, schien es, niemandem. Auch nicht oder schon gar nicht denen, die die ganze Arbeit daran hatten. Denen brachte es nur Not und Tod. Und endete im Nirgendwo. - Eine Gruppe von großen Aquarien, schräg und gerade auf- und in einander geschachtelt, klebte an ihrem Ende, hübsch hell von innen beleuchtet. Aber es waren weder Fische darin noch Wasser, sondern – einige wenige Raben.
Die sahen allerdings wohl genährt aus und wie lackiert. Wie seltsam ihn es auch dünkte, er fühlte, er sei am Ziel. Er flog noch ein paar Runden um die Aquarienarchitektur herum und schaute dabei sich die Raben an, die er drinnen sah, dann landete er auf dem glatten Pflaster der Straße vor dem Gebäude. Fast wäre er gegen die Türe gerannt, er sah sie nicht. Sie war auch ganz aus Glas.

„Mr. Perkins?“, fragte ihn die elegante Dame am Empfang. Er nickte bloß und ließ sich ein Glas Whiskey anbieten. Die hübsche Dame sprach in ein sprechendes Schächtelchen, Mr. Perkins sei eingetroffen. Dann führte sie ihn umgehend die gläserne Treppe hinauf in einen weiten, gläsernen Vorraum, und er hatte sich noch nicht auf das elegante Ledersofa niedergelassen, da ging schon die Türe aus Milchglas lautlos zur Seite. Er trat ein.

Hinter einem gläsernen Tisch saß ein eleganter Rabe schweißgebadet in einer Art gepolstertem Liegethron, in beiden Flügeln ein sprechendes Schächtelchen, eines davon ans Ohr gedrückt, und auch der gläserne Tisch konnte sprechen. Als der Rabe vernahm, was da geredet wurde, es redete alles zugleich, wurde ihm übel. Das war nicht passend, spürte er deutlich, nahm noch einen Schluck Whiskey aus seinem Glas, griff, auf einen Wink hin, nach einem der sprechenden Schächtelchen und machte sich damit den Spaß, da auch hineinzureden, und zwar den allerblödesten Quatsch, der ihm nur einfiel. Den kannte er ja noch aus der Rabenkolonie. Eine Zeit lang war der in Schweiß Gebadete noch mit seinen Schächtelchen beschäftigt, dann plötzlich verstummte er und hörte ihm zu, hörte dem totalen Irrsinn zu, den der Rabe da in das Ding hinein quatschte. Und das mit einem Erstaunen, als bliebe ihm die Luft weg.
„…aber nein, doch nicht die Porsche“, plapperte der Rabe locker wie eine Maschinenpistole heraus, „das ist nur Gerede. Das wird übermorgen von VW übernommen… Na warten Sie´s ab. Ja. Gerade umgekehrt ist das. …Aber nein! Die Venezuelaner haben doch gar keine Ahnung. Möchte wissen, wofür wir den Kerl da bezahlen, diesen Artiguez oder wie der heißt. Staatschef schimpft sich so was. ..Texaco? Nicht im Augenblick. Die haben sich böse verlegt. - Infineon? Da können Sie gleich bei GM anlegen oder UBS. Nein… Nein… Hören Sie. Mit allem was auf Mezzanin-Tranche ausläuft ist derzeit nichts zu holen, glauben Sie mir das. Leerverkäufe. Termingeschäfte ja. Der Rest ist derzeit tote Hose. Das hedget sich nicht mehr, das geht in den Keller. Und wie. Long ist ruiniert zur Zeit, short ist eh alles auf CDO … Nein. Groß ist momentan nicht drin. No liquity, auch die Federal. Schauen Sie lieber nach dem Sportteil. Champions Ligue. In der Not frißt auch der Teufel Fliegen. .. Na, eine, gestrichen so… Milliarde, freilich. Ja, ist kaum der Rede wert. Dafür so gut wie sicher. .. Hyundai? Herunter auf BB+. Raus damit. Alles raus das Zeug. – Mann, schauen Sie doch hin! Sie haben´s doch vor der Nase, oder? …Aber nein! Die Tranche läuft Mark-to-Model, nicht Mark-to-Market. Das sollten Sie aber bitteschön wissen! – Moment.“ Er reichte dem paffen Raben das Ding über den Tisch und sagte:
„Schmeißen Sie den raus, der hat doch keine Ahnung.“ Der starrte ihn aber nur an wie einen Gottvater persönlich. -
„Mr. Perkins. Wenn ich nicht irre?“ brachte der endlich heraus.
Der Rabe nickte beiläufig, stellte das leere Glas auf das sprechende Ding – es hörte auf zu quatschen – und sagte:
„Das einzige, was jetzt reinhaut, ist ein feindliches Übernahmeangebot.“
„Was würden Sie raten“, fragte der.
„Ganz einfach. Das Beste.“ -
„United Fruit Company?“ -
„Nein. Nicht Kleckerkram.“ –
„Was denn?“ –
„Shell.“
Dem guten Mann blieb die Sprache weg. Als er sie wiederfand, sagte er:
„Aber die stehen doch wie eine Eins! – Achtzehnhundert Milliarden.“ –
„Eben“, sagte der Rabe gelassen, „Darum.“
„Das nimmt uns kein Schwein ab“, keuchte der hinter dem Tisch und ließ sich entgeistert in seinen Liegethron fallen.
„Ich steige nämlich aus. Würde ich Ihnen ebenfalls raten“, sagte der Rabe, einfach so.
„Na, Sie haben Nerven!“ –
„Nicht in die hohle Röhre selbstredend. Ich habe ein Paket für Sie.“ –
„Ein..?“ –
„Übernahmepaket, ja. Jede Menge Schrott. Derzeit über Gold bei Morgan and Stanley und so weiter.“ –
„Wieviel?“ fragte er und richtete sich wieder auf.
„Hundert Prozent bei Ihnen“, sagte der Rabe gelassen und fügte hinzu: „Übrigens, ich soll Sie von ihrer Frau Mutter schön grüßen.“
Der Rabe im Liegethron riss Augen und Schnabel auf zugleich, sprang hoch und brach zusammen zugleich, und dann würgte es ihn. Lange. Es gelang ihm noch, an sein Jackett zu deuten. Der Rabe ging zu ihm hin, fand in der Jackettasche mehrere Briefchen Ampullen, drückte drei davon heraus und steckte sie ihm in den triefenden Schnabel. Im selben Moment kam die elegante Empfangsdame herein mit einem Glas Wasser.

Eine gespannte Viertelstunde später hatte der Erkrankte, schien es, das Schlimmste überstanden. Er zitterte entkräftet, atmete schwach und stoßweise, lispelte immer wieder. Sprechen konnte er noch nicht. Draußen wurde es laut, erst Geknatter, das näher kam, dann ein hohes Pfeifen dazu und Lärm, von dem das gläserne Aquarium leise zu erzittern begann. Dann ging wieder die Milchglastüre zur Seite, zwei leuchtfarbene Raben brachten eilends eine Bahre herein, luden den Erkrankten darauf und trugen ihn hinaus. Der Rabe folgte ihnen die Treppe hinunter. Draußen sah er eine dicke Maschine auf Rollen, mit Fensterchen und einem langen Schwanz, die den Lärm machte und Wind. In ihre seitliche Schiebetüre schoben sie den Kranken hinein, stiegen selber dazu, da hob sich die dicke Maschine auch schon lärmend von selbst in die Luft, flog auf und davon. Der Rabe schaute ihr nach, bis sie als kleiner Punkt in den Wolken verschwand. Die hübsche Empfangsdame, die neben ihm das Schauspiel verfolgt hatte, fragte freundlich:
„Nun, Mr. Perkins, kann ich noch etwas für Sie tun?“
Er verneinte, auch freundlich, und sie ging ins Gebäude zurück. Einen Augenblick lang war er unschlüssig, was er nun tun würde. Der kräftige kalte Wind, den die dicke Flugmaschine erzeugt hatte, wehte ihn immer noch an. Es war ungemütlich an dem Ort.

Auf dem glatten Platz am Ende der glatten Straße standen geschlossene Wagen, wie er sie noch nie gesehen hatte. Sie standen tief auf ähnlichen Rollen wie die Flugmaschine, hatten bequeme Sitze innen, straff gepolstert, ein Steuerrad wie ein Schiffchen, aber ohne Griffe, rundum gekrümmte Fenster und ihre glatte, längliche Form glänzte spiegelblank. Wie alles Neue, das er in der Welt bisher gesehen hatte, waren sie trotz ihres Glanzes zu einfältig nüchtern, um schön sein zu können. Der kalte Wind nahm zu statt ab, obwohl die Flugmaschine schon lange weg war. Es hielt ihn nichts mehr an dem Ort und er machte sich davon, hinüber ins wolkenverhangene Gebirge. Seltsamerweise vernahm er da, kaum losgeflogen, die Stimme der durchsichtigen Trauerfrau: „Das Fliegen hat er doch strengstens verboten! – Weiß er das etwa nicht?“

So etwas wie blöde Vorschriften war er schon nicht mehr gewohnt. Im Himmel wäre das ganz undenkbar gewesen. O, wie ganz anders ist doch das Leben im Himmel, ging es ihm durch den Sinn. Da wurde ihm aber klar, daß es schon auf der Erde gewesen sein mußte, als die Trauerfrau, nicht mehr weinend, ihn damit angeherrscht hatte. Darüber erschrak er, denn das brachte ihn erst wirklich darauf, daß er nicht mehr im Himmel war. Und diesem Erschrecken folgte ein zweites. Der König fiel ihm ein und daß er ihm die Wissenschaft und Tüchtigkeit zu bringen hatte, wie das Rabenvolk wieder zur Vernunft zu bringen sei. Wieviel Zeit ihm dafür noch blieb? Ob nicht etwa ein Jahr schon vergangen war? Ob er nicht wohl am besten einfach gleich zur großen Stadt fliegen sollte und sich am Hofe des Königs zeigen? Von dort aus würde er dann schön nach Hause fliegen zu seiner Föhre und seinem Bach. Der Gedanke erwärmte ihn nun und schien ihm zugleich der vernünftigste. Bei der Wetterlage die große Stadt zu finden blieb da noch, und das würde er auch zuwege bringen. Er flog also weiter in die Richtung, wo er den Berg gesehen hatte zuletzt, flog mit Vorsicht und ließ sich sinken. Sobald er wieder etwas sehen würde können, wollte er sich nach dem Weg erkundigen. Aber da kam es noch ein Mal anders, als er es sich hätte denken können.

Es war der Sohn der Trauerfrau, der Rabe in dem Aquarium, der über den Quatsch, den er mit ihm gemacht hatte, einen Herzinfarkt erlitt, niemand Geringerer als „Der Boss“, einer der Reichsten und Mächtigsten im ganzen Rabenland. Und der war nun allerdings auf dem Transport ins Krankenhaus verstorben. Es ergab die Obduktion eindeutig Herztod durch Vergiftung. Der Boss hatte in der Brusttasche seines Jacketts nämlich sehr verschiedene Sorten von Ampullen für die sehr verschiedenen Fälle des Lebens, und der Rabe hatte die nicht passenden erwischt, ohne freilich dies zu ahnen.
Die Sache war dann schnell aufgeklärt. Gegen Mr. Perkins wurde ein internationaler Haftbefehl erlassen, und als der der richtige Mr. Perkins einwandfrei nachweisen konnte, daß er sich zum Zeitpunkt des Mordes auf den Bahamas aufgehalten hatte, begann die Fahndung nach dem Rabenphantom, das sich als Mr. Perkins ausgegeben hatte. Da war es ein Glück für den Raben, daß man davon ausging, er sei mit seinem Wagen angekommen, denn das Fliegen hatte sich aus dem Bewußtsein der Raben längst verloren, so lange war es schon verboten. Und weil die hübsche Empfangsdame, deren Pflicht es gewesen wäre, das Autokennzeichen zu notieren, eine solche Notiz nicht gemacht hatte, gab sie, um ihren Kopf zu retten, eine passende Automarke an und ein Kennzeichen, das ihr gerade so einfiel. Das bezeichnete Fahrzeug gab es tatsächlich, sein Besitzer war zudem ein Rabe, der sehr wohl für die Tat in Frage kommen konnte, er gehörte in den Dunstkreis eines der anderen mächtigen Bosse im Land und hatte weder ein Alibi noch die Bereitschaft, auch nur ein Sterbenswörtchen zu dem zu sagen, was er eigentlich machte. Damit glaubte man, den Gesuchten erwischt zu haben, und die Sache wäre, abgesehen von dem Bandenkrieg, der daraufhin wieder aufflammte, ihren üblichen Weg gegangen und irgendwann in Vergessenheit geraten wie so Vieles oder alles. Wäre, ja wäre nicht dem Raben das Missgeschick passiert, in einer Nacht von einem mobilen Verkehrsradar beim Fliegen geblitzt worden zu sein. Das war aber nun einige Zeit später, und es soll den Dingen, die sich bis da hin ereignet hatten, nicht vorgegriffen werden. Nur so viel sei noch ergänzt, es waren inzwischen drei Jahrhunderte vergangen, einen König gab es längst nicht mehr, außer natürlich im Vereinigten Königreich auf der Insel, aber nicht hierzulande, und von seinem Auftrag an einen gewissen netsgituM nebaR reD stand vielleicht etwas in den königlichen Büchern, auf denen aber lag schon dick der Staub.

Diese Vorgänge betrafen ihn vorläufig nicht. Mit einer Ausnahme. Aus dem soeben Verstorbenen war natürlich sein Geist herausgekommen, und der fuhr sofort erbost in die Wolken, zog sie sich zusammen zu seiner Gestalt und hatte im Handumdrehen den Raben entdeckt:
„Na, Mr. Perkins, wohin so klammheimlich?“
Dem Raben sträubten sich die Nackenfedern, er erschrak sich zutode. Wie damals beim Blitz im Gewitter klappte er die Flügel ein, es ging ganz von selbst. Im Sturzflug aber, es konnte vom schnellen Flugwind kommen aber eigentlich doch nicht, hörte er Töne, die waren sehr ähnlich dem verlorenen Lied aus jener fernen Aarkzeit der Raben, aber es waren nur Töne. Und da hatte er augenblicklich wiederum alles bei sich. Der große Wolkenrabe hier war damals der Aark, der Hohepriester gewesen, der aus Liebe zur Schönheit der Rabenkunst und des Rabenvolkes alljährlich Qualen auf sich genommen hatte. Vor ihm jetzt zu fliehen, machte keinen Sinn; es war nebenbei ohnehin nicht möglich. Also fing er an, den Sturzflug zu bremsen, kam bald wieder in die Phase, wo die Federn flatterten und der Wind hart an den Flügeln riss, dann machte er den Bogen nach oben. Er hätte schreien können, so weh tat es ihm diesmal, aber es war bald überstanden. Wieder ordentlich im Flug sah er, es war auch höchste Zeit gewesen, er hatte sich auf Baumhöhe abgefangen, das hätte übel enden können. Dann machte er kehrt und sah ihn. Da wäre ihm beinahe noch einmal alles zusammengeklappt. Er war auch der Berater zur Linken des Königs.

„So, Freundchen“, sagte das ganze Tal – er füllte es aus vom einen Berghang bis zum anderen -, „hab ich dich doch noch erwischt! Jetzt kannst du dein letztes Vaterunser beten, und dann geht’s ab in die Gruft mit dir.“ Und dann lachte der Riesenrabengeist, daß das Echo davon sich doppelt überschlug. Es machte den Raben ärgerlich, dieses übertriebene, blöde Gelächter. Als der endlich aufhörte damit und zustach wie der Blitz, machte der Rabe einen kleinen Schwenker wie ein Torero. Dann fragte er den riesigen Kerl :
„Warum lachst du nur immer so traurig? Wenn man weh hat, lacht man denn da?“
„Was glaubst denn du, wer du bist, daß ich mit dir rede?“, sagte das Tal zurück und er stach wieder zu. Der Rabe wich ihm wieder nach der selben Seite aus wie vorhin. Dann machte er sich gefasst darauf, daß er wütend werden würde bei der nächsten Frage. Er fragte ihn:
“Wann warst du das letzte Mal glücklich. Weißt du das denn noch?“
Und tatsächlich, er hatte den Satz noch nicht fertig gesprochen, da stach der zu. Und wie! Diesmal wich er ihm nach der anderen Seite aus. Das hatte er gut eingeschätzt. Und er sagte zu ihm:
„Du siehst, damit kriegst du mich nicht. Aber du siehst nicht, daß ich mehr weiß über dich als du selbst.“
Da fing der dermaßen zu lachen an, daß das Echo sich zu einem Donner verdichtete. Immer schriller wurde es, immer noch schriller und noch schriller. Er mußte ja nicht Luft holen dazwischen, er war ja sein eigener Geist. Dann ging dieses Lachen über in das eines irrsinnig Gewordenen und von dem in ein schauriges Schreien, und es schrie und schrie und schrie seinen ganzen tiefen, unendlich grausamen Schmerz heraus.
Dem Raben gerann beinahe das Blut, und auch die verdichteten Wolken, aus denen der seine Gestalt gemacht hatte, hielten es nicht mehr aus und fielen als ein Wolkenbruch nieder zur Erde. Nur der Schmutz in der Luft blieb in der Luft und verdichtete sich, der war aber nicht eben viel, und was daraus wurde, hätte man gut für eine junge Fledermaus halten können. Und damit nahm der Spuk auch sein Ende. Selbst das Echo war wieder auf dem Wege der Besserung. Dem Raben war nur noch danach, einen Baum zu erreichen, er flog zum Hang hin, und was fand er da?
Lauter Eichen! Eiche über Eiche an Eiche, der ganze Hang stand voller Eichen. Na, das hätte Paul gefreut, dachte er, so viele Eichen! Und kaum hatte er sich auf einen Ast gesetzt, da kam die Fledermaus auch in den Baum und setzte sich in die Nähe. Sie schaute lange her; er schaute lange hin. Mit einem Mal überkam es den Raben zu sagen: „Na, komm halt her.“ Die Fledermaus kam her, und er legte ihr den Flügel über. Eine Weile saßen sie so da. Dann sagte die Fledermaus mit einer unglaublich piepsig hohen Stimme:
„Wie man sich in einem Raben doch täuschen kann. Hätte nicht gedacht, daß du so ein Pfundskerl bist.“ Es klang sehr komisch, wirklich sehr komisch, das hohe Gepiepse, und beinahe hätte er darüber lachen müssen. Wieder saßen sie schweigend. Nach einer Weile machte die Fledermaus sich ein bisschen frei: „Warum sagst du denn nichts?“
„Was soll ich denn sagen?“, fragte er.
„Was du weißt über mich.“ –
„Du weißt also wirklich nicht, wer du bist?“ fragte der Rabe nun doch erstaunt.
„Doch. Ich war ein großer Halunke“, piepste die staubige Fledermaus. Das klang wieder so urkomisch, daß der Rabe nun wirklich lachen mußte:
„Ein Halunke? Also ich denke, du warst total plemplem.“, sagte der Rabe.
„Wieso?“, fragte die Fledermaus jetzt ihrerseits erstaunt.
„Na, weil das, woran du gestorben bist, totaler Quatsch ist.“, sagte der Rabe.
„Aber nein“, piepste die Fledermaus, „das ist der Finanzmarkt.“
„Dann ist eben der Finanzmarkt der totale Quatsch“, sagte der Rabe.
“Der ist doch kein Quatsch!“ piepste die Fledermaus und rückte ein Stücken ab von ihm,
„Der regelt den Geldwert!“
„Also das ist nun wirklich Quatsch!“, sagte der Rabe, „Den Geldwert regeln die Zentralbanken.“ Er wusste gar nicht, woher er das wusste. Aber er hatte es so mit dem Brustton der Überzeugung gesagt, daß es wohl stimmen mußte. Die Fledermaus sagte nichts darauf. Darum fragte er nach:
„Stimmt´s etwa nicht?“ –
„Dochdoch“, gab die Fledermaus zu.
-
„Jetzt komm, sei nicht beleidigt“, sagte der Rabe, „Du bist ja nicht mehr beteiligt an dem ganzen Quatsch. Schau lieber zu, wie es weitergehen soll mit dir.“
„Geht das jetzt schon los?“, fragte die Fledermaus.
„Du hast wohl Angst davor, wie?“, fragte der Rabe.
„…Ja“. –
„Naja“, sagte der Rabe, „du wirst ja schon wissen, warum. Aber ich erzähl dir jetzt, was du scheinbar tatsächlich vergessen hast.“ Und er fing an, ihm die Geschichte von seiner Urmutter, der Trauerfrau, zu erzählen bis in den Augenblick, da sie ihn daran erinnert hatte, daß das Fliegen strengstens verboten ist, und wer es verboten hatte; die ganze Geschichte vom verlorenen Lied. „Damals“, fing er an, „war die Aarkzeit, denn der Hohepriester hieß der Aark. Das Rabenvolk bekam ihn nur an einem Tag im Jahr zu Gesicht, zum hohen Fest der Sommersonnenwende ... “ Die ganze Geschichte erzählte er ihm, so wie er sie im Schauen erlebt hatte in der kristallenen Grotte. Und weil er sich so vertiefte ins Erzählen, bemerkte er weder, daß sich noch weitere Zuhörer eingestellt hatten, noch die Veränderungen, die an der Fledermaus auftraten, während er sprach. Erst als er mit der ganzen Geschichte an das Ende kam, sah er, daß die Fledermaus aus Schmutz in der Luft sich verwandelt hatte zu einem Raben, zu einem edlen, aufrechten Raben. Da sah der Rabe, wie die frühere Hoheit der Gesinnung in ihm das bewirkt hatte, dieses Schönwerden und groß und aufrecht, und wie seine große Liebe zu dem Rabenvolk wieder Einzug hielt in sein ganzes Wesen und die Finsternis aus den Zeiten entschwand, da er „Der Boss“ gewesen war und wo er, vordem, der Berater zur Linken des Königs war. Da wurde dem Raben warm ums Herz, und die Sonne kam durch die Wolken und es wurde ein strahlend schöner Tag in dem schönen Tal. Nur an einer Stelle war die Geschichte noch nicht so gut, wie in allem anderen. An die Mutter des letzten Aark, dem er da dessen eigene Geschichte erzählte, erinnerte sich der Rabe nicht so gerne. Die Trauerfrau hatte ja noch das Gehabe der Mächtigen, das auf alle anderen herabschaut. Da ging er im Erzählen noch einmal zurück zu der Trauerfrau, bis er sie vor sich sah. Sie war ja sehr edel, ein lebendiger Diamant, und durchscheinend. Und da sah der Rabe, es fehlte bei ihr tatsächlich das Herz. Ein Herz war da nicht zu sehen in ihr. -

„Nun“, fragte sie den Raben, als sie ihn erblickte: „hat er meinen Auftrag ausgeführt?“
„Ja“, antwortete er ihr, „ich habe Euren Sohn von Euch gegrüßt.“ –
„Hat er ihm auch gesagt, wo er mich findet?“ fragte sie weiter.
„Da gibt es noch ein Hindernis“, sagte der Rabe, er wollte noch weitersprechen, sie fiel ihm aber ins Wort:
„Zwischen Mutter und Sohn gibt es kein Hindernis, das soll er wissen.“ –
„Es ist dieses“, erklärte er ihr: „Er hat sich selbst verloren und darum auch den Weg, den er genommen hat. Er kennt ihn nicht mehr.“ -
„Lüg er nicht!“, fuhr sie ihn an.
Aber so etwas Reines wie ein Diamant kann das nicht vertragen. Nicht eine Lüge und nicht einmal das Wort davon. Es zerbricht ihn. Weil er selbst die reine Wahrheit ist, die zu Stein gewordene.

Der Rabe mußte plötzlich furchtbar husten, und alle rundherum auch. Selbst Paul der Baumgeist mußte husten, so groß und dick war die schwarze Wolke, die von dem zerspringenden Diamanten sich knallartig ausdehnte. Erst als die leichte Brise den Kohlenstaub langsam davontrug, wurde es besser. Kohlrabenschwarz waren alle und alles, die Bäume, die Eichhörnchen und Vögel, die Füchse und Rehe und alle, die sich da als Zuhörer versammelt hatten, und auch der Baumgeist war schwarz von unten bis oben. Aber nur auf der Vorderseite. Beim Raben fiel es ja nicht so sehr auf wie bei ihm auf seinem schneeweißen Pelz. Als die Husterei allmählich aufhörte, war der Rabe längst schon wieder in der Geschichte tief drinnen. Und wäre er nicht retsgituM nebaR reD gewesen, Der Raben Mutigster, er hätte sich in die Hosen gemacht über das, was ihm da begegnete. Noch viel größer und noch viel dunkler als die Wolke aus Kohlenstaub war der Rabendämon. Und ehe er sich´s versah, stürzte sich der auf ihn. Nur war da Paul der Baumgeist noch schneller als der. In einem Augenblick von einem Augenblick hatte er sich, wie in einer Explosion, so riesengroß gemacht wie der Dämon war, und hielt ihn auf. Alle seine Kraft setzte er ein, die Kraft seiner drei Millionen Eichen. Die er nicht mehr hatte. Die Eichen hatte er nicht mehr. Die hatten ja die Raben alle abgeholzt gehabt. Aber ihre Kraft war in ihn zurückgegangen, die hatte er, die Kraft von drei Millionen Eichen. Das ist viel Kraft; so viel Kraft kann man sich nicht leicht vorstellen. Und die reichte nun gerade, daß Paul der Baumgeist den Dämon der Raben aufhalten konnte. Ja es blieb ihm sogar ein bisschen darüber hinaus. Und mit diesem kleinen Bisschen mehr an Kraft fing Paul der Baumgeist an zu singen. Und was er da zu singen begann, kannte alle Kreatur, denn alle Kreatur hat zu leiden unter den Dämonen. Es war zugleich ein Lied aus den großen Chören, deren Gesang das Weltall erfüllt.

„Zieh an die Macht, du Arm des Herrn,
Wohlan, und hilf uns streiten.
Du hilfst ja deinem Volke gern,
Wie Du getan vor Zeiten.
Wir stehn im Kampfe Tag und Nacht,
O Herr, nimm gnädig uns in Acht
Und steh uns an der Seiten.

Mit Dir, Du starker Heiland, Du,
Muss uns der Sieg gelingen.
Wohl gilt´s zu streiten immerzu
Bis wir einst Dir lobsingen.
Nur Mut, die Stund´ ist nimmer weit,
Wo wir nach allem Kampf und Streit
Die Lebenskron´ erringen.

Herr, Du bist Gott, in Deine Hand
O lass getrost uns fallen.
Wie Du uns Hilfe zugesandt,
So hilfst Du fort noch allen,
Die Dir vertrau´n und Deinem Bund,
Und freudig Dir vom Herzensgrund
Ihr Loblied lassen schallen.“

Dieses Lied hatte Paul der Baumgeist angestimmt, und im Nu fiel der große Chor im Himmel mit ein in den Gesang, und alle Kreatur erwachte darin. Himmel und Erde sangen gemeinsam, alles , alles was da lebt. Und da sah der Rabe, wie der Sohn der Trauerfrau hintrat an das Grab seiner Mutter, ihr herauf half aus ihrem Grab. Und sie neigte sich zurück und half noch einer Frau aus dem Grab, einer jungen. Es war die junge Mutter des neuen Lehrers der Raben, Khsindi, die Frau im Sternenkleid und mit der Sonne im Mond auf der Stirn, die Mutter des Zarathustra. Sie hatte der letzte Aark damals hinrichten lassen aufdass seinem Volk erhalten bliebe seine Schönheit und die seines Liedes. Es war dieser Mord aber nicht sein Plan gewesen. Er hatte es getan auf Drängen seiner Mutter. Denn manchmal geht die Liebe der Mütter zu ihren Söhnen zu weit.
Und als das Lied verklungen war im Tal, das Echo wollte ja lange nicht aufhören, es zu wiederholen, war Paul der Baumgeist wieder weiß, riesenhaft groß und schneeweiß, sodass es aussah wie ein prächtiger Wintertag mitten im Sommer. Nur der Kohlenstaub überall störte das Bild noch beträchtlich. Da beschloss die ganze Gesellschaft, ein Stück talaufwärts sich zu begeben.
“Aber nur so weit die Eichen reichen“, wandte der Rabe ein.
„Da könnten wir auch tagelang laufen“, sagte ein kräftiger Hirsch, „Hier gibt es weit und breit nichts als Eichen.“ –
„So?“ staunte der Rabe und schaute in Richtung Paul.
Der zog sich vergnügt zusammen, und als er nur noch die doppelte Höhe einer Eiche hatte, sagte er zum Raben:
„Ich darf dich von Cecile Der Königin herzlich grüßen. Sie hat sich sehr über dich gefreut. Und ich mich auch, mein Lieber.“

Und wäre der Rabe nicht kohlrabenschwarz gewesen und noch dazu voller Ruß, hätte man sehen können, wie er, unter den Federn, rot anlief. Aber das machte nichts, denn Paul gab ihm auch gleich Antwort auf die Frage in seinem Blick:
„Da war es mir nun doch lieber, zu meinen Freunden zu gehen. Denn eines ist nun gewiss. Ich werde es erleben, daß ihr wieder singen werdet, so schön wie vordem. – Ach, so. Ja. Der Wald hier ist jetzt auch meiner. Zum Dank für den Weg mit dir.“
Das war ein bisschen zu viel der Ehre für den Raben. Er flog auf und hinterließ ein Wölkchen Kohlenstaub dabei. Ein Stück weit entfernt setzte er sich ins Geäst und weinte vor Freude. Ja, wenn er es sich so überlegte, sah er tatsächlich nichts mehr, was noch den Raben im Wege stand, wieder zur Vernunft zu kommen. Tja, dachte er sich, jetzt wird es Zeit, daß ich zum König gehe. Da aber ging etwas gar Sonderbares vor sich.

Die Gesellschaft hatte ja zu dem, was Paul der Baumgeist von Cecile Der Königin ausgerichtet hatte, begeistert applaudiert, und als dabei von Allen Wölkchen aus Kohlenstaub aufgingen, war der Applaus übergegangen dazu, daß alle sich den schwarzen Staub aus dem Pelze klopften. Alle klopften und putzten sich und die dunklen Wölkchen, die davon aufgingen, die zogen nun nicht wieder ab mit der sanften Brise, die vom Bergtal hinabzog ins flache Land. Sich an einander zusammenzuhängen begannen die Wölkchen aus Kohlenstaub, und je mehr sie da zusammenhingen, umso dichter wurden sie und umso beweglicher. Niemand bemerkte das, es waren alle mit sich beschäftigt, und so konnte ganz ungestört der Dämon der Raben eine neue Gestalt sich erschaffen. Die Gestalt eines Hundes wählte er, um nicht gleich wieder erkannt zu werden. Das hätte ihm gelingen können, wäre er nicht als ein Dämon ein der Maßlosigkeit Verfallener. Das bisschen Kohlenstaub aus dem Pelz der Tiere genügte ihm natürlich nicht. Er zog auch den Staub von den Bäumen heran zu sich und den auf der Wiese. Allen Kohlenstaub zog er an, und davon wurde der Hund zuerst groß wie ein Ochse, dann wie ein Elefant und schließlich so groß, daß er einen Elefanten zum Schoßhündchen haben hätte können. Und da erst, in dieser Größe, war ihm so recht wohl und er begann genüsslich, die Zähne zu fletschen und zu knurren. Und alle schauten sie auf und erstarrten. Diesem, sprach der Schrecken in Allen, kann keiner lebend entkommen. Da empfand er wieder die Macht, die ihm erwuchs aus der Furcht der Vielen, und er knurrte sie schärfer an. Viel fehlte nicht mehr, und es wären die zarteren Tiere vor Angst schon gestorben, da trat die Frau im Sternenkleid vor, und die Sonne im Mond auf ihrer Stirne erstrahlte. Sie blieb vor der Versammlung stehen und sprach zu dem Ungeheuer:

„Gemach, nhosnebaR! - Wer gab dich frei? Diese ist nicht deine Stunde.“

Sie nahm mit leichter Hand die Sterne von ihrem Sternenkleid, hielt sie dem Ungeheuer hin. Der Riesenhund schloss sein schreckliches Maul und setzte sich, als hätte ein Gott ihm „Platz!“ kommandiert. Dann stiegen die Sterne auf aus ihrer Hand, legten sich um den Hals des Ungeheuers, und als ihr Kranz sich dort oben geschlossen hatte, verlor der Tag sein Licht und es ward Nacht. Nur die Sonne im Mond auf der Stirne der Frau erstrahlte und der Mond leuchtete silbern, und das Gras auf der Erde rundum schimmerte hellgrün in diesem Glanz. Und alle, die da waren, sahen zu, wie dies Licht sich entfernte, und die Hundekette aus Sternen folgte dem goldsilbernen Licht. Und als die Frau sich so weit entfernt hatte, daß sie ihr Licht nicht mehr sehen konnten, blieb es still im Tal. Niemand wagte, sich zu mucksen, niemand sprach ein Wort. Doch mit einem Mal glänzte auf der Abendstern am Firmament, hell und herrlich. Gespannt warteten alle, was weiter geschehen würde. Und tatsächlich, noch ein Stern zeigte sich und noch einer. Und auf einmal erfüllten sie wieder alle den gestirnten Himmel der hohen Nacht. Da brach Jubel aus in dem Tal unter allen Tieren, und dem Raben war, als stehe er mit Paul vor Cecile Der Königin selbst.

„Nur etwas noch“, hörte er plötzlich Paul den Baumgeist zu ihm sagen, und er drehte sich um. Da sah er, der Ast, auf dem er saß, war aus Smaragd und leuchtete feurig. Und Paul der Baumgeist sprach zu ihm:

„Der Smaragd ist der Stein der Narren, wie du einer bist. In ihm leuchtet das Herzblut unseres Herrn Jesus Christus, der Heilige Gral. Er ist dein König. Unser König. Unsere aller König. Du findest ihn, wo dein Bruder ist, dein Bruder Boss und deine Schwester Trauerfrau. Du hast ihn gefunden. Und darum, mein Lieber, ist der Anfang jetzt. Immer der Augenblick jetzt ist der Anfang. Immer. Und für alles. Nur im Augenblick ist euch die ganze Welt, die ihr aufteilt in gestern und morgen, ganz in Einem gegeben. Diese ist die Weisheit der Narren, wie du einer bist.“


*


Mein Vater hat mir die Geschichte erzählt auf einer Wanderung in seinem letzten Sommer. Im Winter darauf, ich ging damals im ersten Jahr zur Schule, starb mein Vater. Wir hatten uns in einem Gewitter verirrt gehabt und fanden am Abend in ein fremdes Dorf. Ein Stadel stand bald unterhalb der Straße. Dort schliefen wir im Heu. Das Postauto fuhr staubend zum Dorf, es hatte schon Licht an und die Straßenlampe auch. Ich war hungrig und er gab mir unser letztes Stück Brot. Bis in die Nacht hinein ging die Geschichte. Als er geendet hatte, flog ein Rabe auf das gebogene Ende der Straßenlaterne und rief sein „Kraa, kraa.“ Da sah ich, wie meinem Vater eine warme Träne von der Wange lief; und naja, mir damals auch. Und damit ich es nicht merken soll, wie gerührt er war, sagte er noch:
„Der Rabe ruft doch Kraa, nicht wahr. Und wenn du an den Augenblick denkst der der Anfang ist, dann ist doch das Ende der Anfang. Dann hörst du den Raben rufen: „Aark, Aark“. Darüber habe ich später noch oft und oft nachgedacht.



*


Wieder auf der Heimreise freute sich der Rabe schon auf seine Föhre, sein Tal und seinen Bach, da begegnete er einem Adler. Mit den Adlern bekommen es die Raben ja besser nicht zu tun. Der aber hatte ihn schon von weitem gesehen, als er Rabe noch hoch über ihm war. Indem aber der Rabe von so hoch oben kam, begrüßte ihn der Adler ehrerbietig:
„Woher des Weges und wohin, edler Freund?“
„Vom Neuen Herrn der Alten Welt“, sagte ihm der Rabe, komme er her und er sei auf dem Weg zu den seinen. Da bot ihm der Adler an, ihn ein Stück Weges zu begleiten, denn er wollte wissen, was es auf sich habe mit dem Raben, der von hoch oben gekommen war. Und als sie so Seite an Seite schwebten, sprach der Adler zu ihm:
„Ich fliege hoch und sehe gut. Ich sehe, was die Wölfe tun, ich sehe zu den Schäfern. Es leben die Schäfer von ihren Schafen, es leben die Wölfe von den Schafen der Schäfer. So sehe ich, worin die Schäfer und die Wölfe einander gleichen. Und wiewohl es genug Schafe gibt, es liegen beide, die leben von ihnen, unter einander im Streit. – Nun sag mir an, welche von diesen nennst du die Deinen?“
„Keine von diesen“, sagte der Rabe, „Ich gehe zu meiner Föhre und meinem Bach, und zu dem großen Schweigen meiner Berge.“
Darauf sprach der Adler: „Du kommst von der Sonne. Ich sehe, dein Auge ist frei.“
„Ich war im Himmel der Nachtigallen“, gab der Rabe ihm zu wissen, „Ich war in ihrem Lied.“ –
„Es heißt“, sagte der Adler, „sie singen das Lied vom Traum des Lebens im Licht.“ –
„Ja“, sprach der Rabe, „sie singen den Wahrtraum:
„Die Liebe in der Weisheit und die Weisheit in der Liebe ist für alle Lebewesen die selbe.“ –“
„Auch für Wölfe und Hirten uns Schafe -?“ fragte der Adler und sagte weiter: „Das sehe ich nicht. Ich greife mir eines von ihnen von Zeit zu Zeit und blicke ihnen ins Auge. Im Auge der Schafe wohnt der Wolf, im Auge des Wolfes wohnt das Schaf, und im Auge des Schäfers der Schäfer. – In deinem Aug´ sehe ich meine Welt, seh die Bergeshöhen in der freien Weite des Himmels. Was du ihnen bringst, das kennen sie nicht. So gehst du denn nicht zu den Deinen. Ihresgleichen bist du nicht mehr und sie sind noch nicht deinesgleichen. – Erinnere dich. Musste nicht auch dir das Schafsauge erst ausgerissen werden, ehe dir dein Lichtauge aufgehen konnte? Zu Feinden haben wirst du Wölfe und Schafe und die Schäfer obendrein.“
„Diese Feindschaft ist überwunden“, sagte der Rabe: „Das Ist es, was ich mitbringe.“
„Sie werden´s dir danken“, sagte der Adler, „Die Schafe werden´s dem Schäfer verraten, der Schäfer den Wölfen und die fressen auch Raben, wenn es sie hungert. Denn Wölfe und Hunger sind Eines. – Doch wie?“, fragte er dann, „Wie denn willst du es halten mit den Raben? Seit die nicht mehr fliegen können, kann ich sie von den Ratten kaum noch unterscheiden.“ –
„Sie können wohl fliegen“, sagte der Rabe zu ihm, „Es ist ihnen aber schon lange verboten.“
„Dir aber nicht, wie ich sehe“, sagte der Adler: „Wie kommt nun das?“ –
„Ach“, sagte der Rabe, „verboten ist es auch mir. Nur an blöde Vorschriften habe ich mich noch nie gehalten.“ –
„So können wir Freunde sein“, sagte der Adler, „Wie lacht mir darüber Herz! Du bist mir einer von rechtem Schrot und Korn! Dein sind die reinen Lüfte und Winde in unseren einsamen, eisigen Höhen. Was nur sucht dann einer wie du im Morast der Niederung und in den üblen Dünsten der viel zu Vielen?“ -
„Den einen“, sagte der Rabe, „suche ich, oder die zwölfe, die es lange schon hinzieht, es so zu beginnen wie ich.“ –
„Da bleib gleich bei mir“, sagte der Adler, „Die gibt es nicht. Keine zwölfe und nicht einmal einen. Den hätte ich nämlich gesehen. Der Ekel aber ist der Reinheit Tod. Es wäre wahrlich schade um dich.“ -
Da fragte der Rabe den Adler: „Wo aber ist deine Schlange geblieben? Du sprichst so weise wie sie. Hast etwa du ihr das Wort geraubt und sie selber getötet?“
Da verließ der Adler ihn.







IX





Dann kam der Rabe über den Sattel herunter in sein Tal. Aber aus der Freude des Wiedersehens mit seiner Föhre und seinem Bach wurde nichts. Der Bach war trocken, und wo seine Föhre gestanden war und der Wald hinter ihr, stand ein sehr großes Haus mit vielen Balkonen voller Blumen, Hotel Alpenrose hieß das Haus. Und eine Straße wand sich bis herauf zu dem Haus, und auf dem glatten Platz davor standen viele solcher spiegelblanken Wagen, wie er sie schon beim Aquarium gesehen hatte. Und es fuhren die Wagen auf der gewundenen Straße herauf und hinab, und da wurde dem Raben klar, er mußte wohl sehr, sehr lange unterwegs gewesen sein.
Er setzte sich in eine andere Föhre, sagte ihr guten Tag, schaute sich das Fahren der Wagen eine Zeit lang an und überlegte, was er nun machen sollte. In das Hotel Alpenrose zu gehen sträubte sich alles in ihm. Naja, es wäre wohl vernünftig gewesen, dort einfach einmal sich zu erkundigen, aber erstens stand es auf dem Platz seiner Föhre, zweitens war es so unförmig groß und unwahr schön, und drittens fühlte er sich überhaupt fremd und unwillkommen. Und so blieb es. Wohin er auch sich wandte, zu Fuß oder heimlich fliegend - er fühlte sich auch dabei schon nicht mehr wohl -, es gab keinen Ort mehr, den er wiedererkannte, nichts Vertrautes, nichts Schönes. Und niemanden, der ihn gegrüßt hätte, nicht ein Einzigen, nicht einen Kleinen, nicht einen Großen, und die hatten es ja nur und immer nur eilig, wenn sie aus ihren glänzenden Wagen stiegen und ein paar Schritte machten.
Es hatte der Adler wohl gut mit ihm gemeint mit seinem Rat, bei ihm in den einsamen Höhen zu bleiben. Die Welt war so sehr anders geworden, reD ebaR hätte sich das nicht vorstellen können. Trauer überkam ihn und wuchs von Stunde zu Stunde. Was war geschehen?
Einerlei. Es blieb ihm keine andere Wahl, als seiner Trauer zu gehorchen. Er machte sich auf den Weg nach irgendwohin - nirgendwohin, in dieser fremden Welt kam es aufs Selbe hinaus. Und es blieb die Fremde ihm fremd und machte, daß er auch seinen Namen verlor. Von einem netsgituM war nichts mehr übrig; Er selber hielt es für Traurigkeit.

Draußen, auf dem Lande, durch das er wanderte, sah die Welt hin und wieder wohl noch so aus wie früher; Wenn er durch Wälder kam, an Wiesen entlang die Kühe auf der Weide sah, wenn die Vögel zwitscherten, wenn die Felder reiften, von Mohnblumen rot umrandet. Er aber fühlte sie leer, diese Welt, verlassen von allen guten Geistern. Und einmal kam er an einem großen Kornfeld entlang, es war so sehr groß, daß er von seinem Anfang bis zu seinem Ende den ganzen Tag unterwegs war. Gegen Nachmittag, müde von dem eintönigen Marsch, setzte er sich an den Rand des Feldes zwischen zwei Mohnblumen hin und da passierte es, daß ihm die Tränen kamen. Er weinte nicht, es waren stumme Tränen.
„Was ist denn mit dem los?“, hörte er die eine Mohnblume schnippisch die andere fragen, „der heult ja.“
„Vielleicht tut ihm was weh“, meinte die andere.
„Ist total uncool, der Typ“, sagte die eine.
Ein wirrer, trockener Wind kam auf, zog Staubfahnen aus dem Feld und riß sie mit sich in die Höhe.
„Und hast du gesehen? Er hat nicht einmal eine Farbe auf den Federn“, sagte die andere.
„Und ist total verschwitzt. Igitt!“, sagte die eine.
„Wirklich“, sagte die andere, „Er stinkt“.
Der Rabe stand wieder auf. Es tat ihm tatsächlich etwas weh. Und die Beine auch. Er war nicht gewohnt, so weit zu gehen. Raben sind keine Weitundweitgeher, Raben fliegen. Zwei Dinge lenkten ihn ab, ein ferner Maschinenlärm, und eine Windböe, die dahergezogen kam, vom Feld her direkt auf ihn zu und über den Weg; Es war ein unguter Wind, der zauste ihm die Federn.
„Aua!“, schrie die eine Mohnblume: „Jetzt hat mir der Arsch das Kleid zerrissen!“
„Mir nicht!“, triumphierte die andere, und sagte dann: „Sieht aber cool aus. Voll geil, du! Wie punky. Jetzt brauchst du nur noch eine Nadel durch die Wange.“
Der Rabe sah das rote Blütenblatt noch tanzen im Windwirbel, flog auf, fing es aus der Luft, kam zurück und brachte es der Blume.
„Was soll ich damit?“, sagte die nur, und dann zur anderen: „Der ist total bescheuert, der alte Sack.“
„Ha, der steht auf dich“, sagte die andere und drehte sich kichernd zur Seite.
„Seh ich so aus?“, fragte die eine, „Sag schnell! Wie seh ich denn aus?“
„Na schon sehr sexy“, sagte die andere und kicherte wieder.
„Nein jetzt ehrlich“, bat die eine, „Sag ganz ehrlich!“
„Ich finde, du siehst voll cool aus“, sagte die andere, „Echt geil. Das nächste Mal laß ich mich auch präparieren. Tut´s arg weh?“
„Schon“, sagte die eine, „Gleich ja nicht. Aber jetzt.“
Der Maschinenlärm kam nahe. Er kam von einem fahrenden Häuschen aus dunklem Glas, das hing oben in der Mitte der riesigen Maschine, und die fuhr auf riesigen dicken Reifen mit großen, groben Stollen. Vorne nickte eine breite Walze aus Stäben daher, die war breiter als der Weg und drehte sich und machte alles nieder, was an den Wegrändern wuchs.
Die wird die Blumen überfahren! schoß es dem Raben ein. Der Zorn packte ihn. Und der Zorn machte, daß er sich steif machte und daß er starr stehen blieb auf seinem Fleck. Wenn dieses Scheusal die Blumen umbringt, soll es auch ihn umbringen! Es ist der Teufel mit dieser Welt! Und die Maschine war auch schon da und drückte die eine Blume platt und auch die andere, und wo er stand, da war der Raum zwischen den Stollen. Das Brüllen der Maschine entfernte sich, Staub zog hinter ihr her, und alles am Wegrand war im Muster der Reifen niedergewalzt. Nur der Rabe stand da, unversehrt, als sei nichts gewesen. Und da packte ihn, nach dem Zorn, die Verzweiflung. Zwischen zerdrückten Mohnblumen stand er auf ganz schwachen Beinen unter der grellen Sonne aus stahlblauem Himmel in der verstummten Endlosigkeit der Straße. Und keine Dümmlinge kamen und beweinten ihre verlorenen Liebchen, nicht ein einziges Stimmchen erhob die Klage. O wie unglaublich groß war das Feld! Und war so tot wie groß.
Was ist geschehen?
Da packte, nach dem Zorn und nach der Verzweiflung, der Schrecken den Raben und jagte ihn weg von dem Ort vor sich her und trieb ihn besinnungslos bis in den Abend die Straße hin und hin und weiter. Nicht mehr nur leer erschien ihm die Welt sondern unheimlich. Und endlich, als die Sonne sank, nahm das Feld ein Ende. Da stand an der Ecke das letzte der vielen, vielen Täfelchen mit immer nur dem einen Namen drauf, hübsch rot auf weiß: Pioneer™.

Früher, fiel dem Raben ein, waren die Bauern feine Gesellen. Sie führten die Pferde, sie säten gutes Korn, sie droschen es und machten viele Dinge, an denen die Raben ihre Freude hatten, es fiel dabei immer schön etwas ab auch für sie. Hier hatte er noch nicht einen Bauern gesehen. Gab es keine Bauern mehr auf dem Land? War vielleicht der Name, der am Rand von dem endlosen Feld auf den vielen Tafeln zu lesen stand, der eines Königs, der den Bauern das Land weggenommen und sie vertrieben hatte? Das, dachte er, werde er noch herausfinden. Zunächst aber mußte er ausruhen. Die Beine trugen ihn kaum noch, und die Erlebnisse dieses Tages drückten ihn nieder. Nur gab es auch am Ende des endlosen Feldes kein Plätzchen, das Schutz geboten hätte, keinen Baum weit und breit, ja nicht einmal einen Strauch. Ein nächstes Feld schloß sich an das eine an und verlor sich im Dunst der Ferne. Da war es so für den Raben, daß er mitten in der neuen Welt mit der Welt am Ende war. Weiterzugehen ergab keinen Sinn, weder vorwärts noch zurück, weder da hin noch dort hin, es gab ja nichts als Felder soweit das Auge reichte und noch weit darüber hinaus. Hätte er irgendwo irgend etwas gesehen, das ihm, und wenn auch nur notdürftig, Schutz gewährt hätte für die Nacht, er wäre auch trotz der arg schmerzenden Beine noch hingegangen. Kurz kam ihm in den Sinn: Flieg doch einfach! Warum fliegst du denn nicht? Aber darauf etwas zu sagen hatte er auch schon nicht mehr die Kraft, geschweige denn, darüber nachzudenken, weshalb er überhaupt zu Fuß gegangen und nicht geflogen war. Und damit fand sich der Rabe, obwohl die Straße ihm nach vorne und nach hinten freistand, in einer ausweglosen Lage. Natürlich machte er das einzige, das ihm übrig blieb zu tun, er hockte sich am Rand des Feldes hin. Der Adler fiel ihm ein, der gesagt hatte, seitdem die Raben nicht mehr fliegen, könne er sie von den Ratten kaum noch unterscheiden. Und halb zur Ratte geworden fühlte er sich in der Tat, wie er sich da am Straßenrand duckte, ort- und wort- und nutzlos. Nur die Müdigkeit half ihm und er sank in einen tiefen Schlaf.

Es mögen Tage gewesen sein oder gar Wochen, die der Rabe da durchmachte in der Öde der neuen Welt; Er empfand sie in ihrer Art so schlimm wie die Erinnerung an die Zeit, die er in der einsamen Eiche von Paul dem Baumgeist durchlebt hatte, und da drängte sich ihm der Gedanke geradezu auf, daß zwischen der Vernichtung der Nachtigallen und diesem großen Tod, den er nun erfuhr, ein Zusammenhang bestehe. Es war ein Gedanke, den er noch nicht in Worte fassen konnte, von dem er aber schon spürte, etwas hatte jene Schreckensepoche in der Geschichte der Raben mit dieser entleerten Welt jetzt gemeinsam: Die Gnadenlosigkeit.

Eines Tages nun – es hatte sich der Rabe in einer Waldlichtung eine neue Heimat erkoren in einer großen Föhre -, sah er den Förster wieder des Weges gehen ohne Gewehr. Und da es immer der selbe Weg war, den der nahm, wenn er keine Waffe trug, war der Rabe neugierig geworden und flog ihm nach. Da sprach ihn der Förster an, als ebaR reD nahe vor ihm auf einem Ast sich niedergelassen hatte:
„Nun, Herr Zuwanderer, wie geht´s, wie steht´s?“
Dem Raben verschlug so viel Freundlichkeit die Sprache. Er mußte sich schnell fassen, und schnell nachdenken, wie es denn gehe und stehe. Sodaß der Förster schon ein Stück weiter war, ehe der Rabe antworten konnte. Und abermals dem Förster nachgeflogen, sagte er zu ihm:
„Im Walde, naja, da läßt es sich leidlich leben, aber um die Welt steht es sehr, sehr schlecht.“
Da hielt der Förster inne und fragte den Raben, wie er darauf komme? Und von wo er selber denn sei.? Darauf gab ihm der Rabe zur Antwort, er habe eine große Reise hinter sich, und die Welt habe sich in dieser Zeit vollkommen verändert. Darauf sagte der Förster, er habe gerade nicht Zeit für lange Geschichten, aber ein andermal, da würde er gerne sich berichten lassen. Und so verblieben die beiden.

Eine Freundschaft war entstanden aus der Begegnung. Denn der Förster war selber einer, der paßte nicht in die Zeit. Zwar war er sehr beliebt und darum der Hauptmann des Schützenvereins, doch das machte er nur, damit man nicht Verdacht schöpfen sollte, wer er war und was er dachte. In dem Raben aber hatte er nun endlich einen gefunden, dem er sich öffnen konnte. Der war ihm natürlich sofort aufgefallen; Nicht nur weil er als Neuling aufgekreuzt war in seinem Wald und dort ganz ungeniert herumflog und ebenso ungeniert keine Farbe auf seinen schwarzen Federn trug. Sondern auch, weil dieser Rabe lebte wie ein Eremit, niemals hatte er ihn außerhalb des Waldes irgendwo gesehen, etwa in einer Kneipe oder bei Aldi oder in der Volksbank, wo man doch sonst jeden irgendwann einmal antrifft.
„Weißt du“, sagte er eines anderen Tages in einem Gespräch zu dem Raben, der ihm beiweitem nicht alles, aber manches von seiner großen Reise schon erzählt hatte, „wenn du etwas bewegen willst, mußt du unter die Leute gehen. Morgen ist Erntedankfest, da kommst du einfach mit mir.“
Der Rabe ging mit und blieb auf dem Fest, so lange der Hauptmann dort weilte, und in seinem Schutz kam er auch unbeschadet wieder zurück zu seiner Föhre in der Lichtung, aber was er erlebt hatte auf dem Fest, es machte, daß der Rabe sich den ganzen nächsten Tag immer und immer wieder schütteln mußte, aus sich herausschütteln wollte die Bilder von dem Benehmen der Seine auf dem Fest, denn die empfand er wie Schmutz oder wie etwas, das einen krank machen muß. Den Förster sah er nicht an dem Tag, der mußte wohl, dachte der Rabe, seinen Rausch ausschlafen.
Das Fest hatte begonnen mit einem Frevel und es endete mit Besäufnis. Ein Gottesdienst ward abgehalten am Rande eines der endlosen Felder, man dankte singend und Sprüche sprechend Gott für die Frucht der Erde. Der Rabe war darob schockiert und schaute sich Die oftmals an, die da sangen und dankten: Wie konnten sie, die sie die Felder mit Gift versahen und mit chemischen Peitschen zu fruchten zwangen, für das Ergebnis danken? Aber so viel er sich auch umsah, sie schauten alle beim Singen und Beten drein wie jemand, der von nichts Schlimmem weiß. – Wußten sie tatsächlich von nichts? Es waren doch Die mit den großen Maschinen die unendlich großen Felder befuhren, sie, die aus den dicken Behältern die Gifte aussprühten, sie, die aus den schweren Wagen den Kunstdünger streuten, der alle Dümmlinge peitschte, bis sie endlich zerfetzt die Flucht ergriffen hatten; Sie, die mit den Fontänen aus Gülle die Kräuter der Wiesen verbrannten. Und die also wußten von nichts? Aber wenn man das tut, dann weiß man doch, was man tut; Würde man es nicht wissen, wie käme man darauf, es zu tun? Sodaß der Rabe, während er den Förster bis zu seiner Föhre herauf schnarchen hörte, sich den Kopf zerbrach und sich das Herz aufriß an der Frage, ob sie es nun wissen oder doch nicht. Denn wenn sie es wissen, war ihr Danken und Beten der Hohn. Der blanke Hohn! Und dieser Gedanke machte dem Raben schwer zu schaffen. Sollte er etwa hingehen und ihnen sagen, was er im Hochgebirge gesehen hatte in jener Orkannacht? Die Ströme aus fliehenden Dümmlingen, zu schwarzen Fetzen verbrannt? Ihnen sagen, es lebt nicht ein einziges Kornzwerglein noch in ihren gigantischen Feldern? Und was da wächst, es ist nicht gewachsen, es ist getrieben nur und rein erzwungen? Es hat kein Leben in sich und kann kein Leben spenden. Es ist ein Quälen der Erde, die es doch freiwillig gibt, und ein Martern der zarten Erdenkinder, die ihr helfen. Und wenn man schon mehr haben möchte von ihr, dann kann man es mit ihr erreichen, man muß es nicht gegen sie tun! - Sollte er ihnen das sagen? Und daß, weil das hergetriebene Korn kein Leben mehr in sich hat, das Brot, das sie essen, sie nicht mehr schützen kann vor dem allem, was krank macht?

Würden sie denn, was sie wissen müssen, wissen wollen? So verging der Tag dem Raben schwer, und am Abend hatte er sich entschlossen. Er flog zum Dorf. Nach dem Waldrand ging er zu Fuß, einen fliegenden Raben hätten sie schon gleich nicht für voll genommen. Nicht bedacht hatte er zwar, daß er kaum jemand antreffen würde, aber auch nicht gedacht hätte er sich, daß schon die paar Worte, die er auf dem Fest fallen hatte lassen als Antwort auf die eine und andere Frage, ausgereicht hatten für das, was ihm nun widerfuhr. Tatsächlich fand er das Dorf vor wie ausgestorben, und er war bereits auf dem Rückweg, als ihm drei junge Kerle in den Weg traten.
„Schau, wir haben dir was zum Anziehen mitgebracht, du nacktes Ferkel“, sagte einer von ihnen und dann packten sie ihn und begossen ihn mit schwarzer Farbe.
„Sieht doch gleich viel besser aus“, lachten sie und hielten ihn fest, bis die Farbe zu trocknen begann. Von dem Geruch aber wurde der Rabe bewußtlos, und als sie bemerkten, daß er sich nicht mehr rührt, ließen sie ihn los und verschwanden.
Der Mond stand über dem nahen Wald, als der Rabe wieder zu sich kam. Er hatte einige Mühe, wenigstens die Beine wieder bewegen zu können, sein Gefieder aber war zu Klumpen erstarrt. Als ihm dann doch gelungen war, sich vom Boden, an dem die Flügel klebten, los zu reißen, schleppte er sich mitsamt den Sandfladen daran in den Wald. Das Bächlein fiel ihm ein; Dort schleppte er sich hin, um das Zeug aus den Federn zu waschen. Und ihm zur Hoffnung kam auch noch ein Gewitter auf, Donner rollten näher, es blitze auch bald schon rundum und mit dem Sturm kam kräftig der Regen, als er das Bächlein erreichte. Allein, es half kein Wasser, weder von oben, noch von unten, die Farbe löste sich nicht.

Wieder vergingen Tage, und als nun der Rabe nirgend mehr zu sehen war, machte der Förster sich Sorgen und ging ihn suchen. Als er ihn lange nicht fand, ging er ins Dorf und fragte nach, aber niemand wollte ihm etwas sagen. Erst auf dem Rückweg entdeckte er die Spuren der Farbe, und die führten ihn zum Bach. Da lag der Rabe angeschwemmt in einer moosigen Bucht und es schien, er war tot. Wieder ging er ins Dorf, kam mit ein paar Gesellen zurück und gemeinsam trugen sie den Raben, der starr war wie ein Brett, zum Gerber. Der hatte scharfe Wässer und kannte ihre Wirkung, und der legte den verdorbenen Vogel in ein ätzendes Bad. Über die Nacht blieb der arme Kerl in der scharfen Lauge, und am Morgen stellte der Gerbermeister einen Gesellen ab für das Auswaschen und Wässern. Dem aber tat der Rabe herzlich leid und darum versuchte er, es so recht und gut zu machen wie er nur konnte. Zu Mittag, als die Arbeit getan war, kam die Sonne durch und sie legten den Raben hinter das Haus auf die Wiese zum Trocknen. Da lag der Vogel auch noch am Abend gerade so, wie sie ihn hingelegt hatten, als der Förster kam, um nach ihm zu sehen. Den Gerbermeister machte das nicht bange. Er sagte, Raben sind zäh. Sein Gefieder ist wieder gut und erst, wenn er sich auch nach drei Tagen nicht rührt, war die Sache vergebens. So blieb der Rabe auf der Wiese beim Gerber, und der Geselle, der ihn behandelt hatte, schaute am nächsten Tag immer wieder nach ihm. Es tat sich nichts. Doch am dritten Tag hatte der Rabe die Flügel angelegt, als ihn der Geselle am Morgen besuchte, und zu Mittag sah er ihn dabei, wie er versuchte, auf seine Beine zu kommen. Das sah so jämmerlich aus, daß ihn der Rabe erneut erbarmte.
„Du kannst ihn noch einmal gründlich wässern“, sagte der Meister dazu. Das tat der Geselle und davon erholte sich der Rabe dann schnell. Im Hause des Färbers aber, das einer großen, alten Wasserradmühle ähnlich sah, traf sich allwöchentlich eine Abendgesellschaft aus dem Freundeskreis des Meisters. Und da es sich zu jenem Abend ergeben hatte, daß der Rabe wieder auf dem Wege der Besserung war, nahm ihn der Meister mit und stellte ihn der Runde vor. Er erzählte zuerst die kurze Geschichte, wie der Förster ihm den Raben gebracht hatte und in welchem Zustand er gewesen war, und lud den Raben dann ein, nun selber seine Vorgeschichte zu erzählen.

Nun, zuerst bat der Rabe um Wasser und dann wieder um Wasser. Man schaffte Krüge voll Wasser herbei und er trank sie alle leer. Schon das erregte das Erstaunen der Gesellschaft. Solchen Durst hatte er, daß man sich beeilte, die Krüge nachzufüllen, und immer noch trank der Rabe und sprach so lange kein Wort. Ein guter Teil des Abends verging auf diese Weise, und die Gesellschaft wurde nur darum nicht mürrisch, weil sie sehen wollte, wieviel der Rabe denn noch an Wasser vertrug, denn weder wurde er dick von der Menge, noch mußte er sich je entfernen. Mit einem Mal aber war er mit dem Trinken endlich am Ende, nahm den Schnabel hoch, ließ einen unglaublichen Rülpser hören und dann lachte er. Noch auf dem großen Holztisch stehend breitete er die Flügel auf, ließ sie ein paarmal durchschwingen und sagte dann:
„Schön! Sehr schön! Wirklich sehr schön, daß ihr alle da seid! Es ist mir eine helle Freude, liebe Freunde, ich habe euch bitterlich vermißt!“ Dann mußte er noch einmal kräftig rülpsen, diesmal aber entschuldigte er sich beim Meister und vor der Runde. Und dann fragte er, wer von den hier Anwesenden den Adler kenne?
Niemand war in der Gesellschaft zugegen, der den Adler kannte, aber einer meldete sich und sagte, daß er jemanden kenne, der ihn angeblich kennen soll. Nur dürfe er dessen Namen nicht nennen. Es galt als höchst unsittlich, wenn Raben mit anderen Wesen als mit Raben verkehrten.
„Dann muß ich also selber berichten“, sprach der Rabe, „was der Adler zu mir über uns Raben gesagt hat. Ehe ich zurückgekommen war zu meiner Föhre, die es nicht mehr gibt, hat mich der Adler ein Stück Weges begleitet, und da sagte er also:
„Ich fliege hoch und sehe gut. Ich sehe, was die Wölfe tun, ich sehe zu den Schäfern. Es leben die Schäfer von ihren Schafen, es leben die Wölfe von den Schafen der Schäfer. So sehe ich, worin die Schäfer und die Wölfe einander gleichen. Und wiewohl es genug Schafe gibt, es liegen beide, die leben von ihnen, unter einander im Streit. – Nun sag mir an, welche von diesen nennst du die Deinen?“
Darauf hab ich ihm geantwortet, keine von diesen.
Darauf sprach der Adler zu mir: „Du kommst von der Sonne. Ich sehe, dein Auge ist frei.“
Ja, ich war im Himmel der Nachtigallen, ließ ihn wissen, und sagte ihm, ich war in ihrem Lied.
„Es heißt“, sagte darauf der Adler, „sie singen das Lied vom Traum des Lebens im Licht.“ –
Ja, sagte ich zu ihm, sie singen unseren Wahrtraum:
„Die Liebe in der Weisheit und die Weisheit in der Liebe sind für alle Lebewesen dieselbe.“ –
„Auch für Wölfe und Hirten uns Schafe ?“ fragte da der Adler mich und sagte weiter: „Das sehe ich nicht. Ich greife mir eines von ihnen von Zeit zu Zeit und blicke ihnen ins Auge. Im Auge der Schafe wohnt der Wolf, im Auge des Wolfes wohnt das Schaf, und im Auge des Schäfers der Schäfer. – In deinem Aug´ aber“, sagte er weiter, „sehe ich meine Welt, seh ich die Bergeshöhen in der freien Weite des Himmels. Was du ihnen bringst, das kennen sie nicht. So gehst du denn nicht zu den Deinen. Ihresgleichen bist du nicht mehr und sie sind noch nicht deinesgleichen. – Erinnere dich. Mußte nicht auch dir das Schafsauge erst ausgerissen werden, ehe dir dein Lichtauge aufgehen konnte? Zu Feinden haben wirst du Wölfe und Schafe und die Schäfer obendrein.“
Diese Feindschaft ist überwunden, sagte ich zu dem Adler darauf, denn das ist es, was ich mitbringe. Der Adler aber glaubte mir nicht und sagte dazu:
„Sie werden´s dir danken. Die Schafe werden´s dem Schäfer verraten, der Schäfer den Wölfen und die fressen auch Raben, wenn es sie hungert. Denn Wölfe und Hunger sind Eines. – Doch wie?“, fragte er mich plötzlich, „Wie denn willst du es halten mit den Raben? Seit die nicht mehr fliegen können, kann ich sie von den Ratten kaum noch unterscheiden.“
Sie können wohl fliegen, sagte ich zu ihm, es ist ihnen aber schon lange verboten.
„Dir aber nicht, wie ich sehe“, sagte da der Adler: „Wie kommt nun das?“ –
Ach, sagte ich, verboten ist es auch mir. Nur an blöde Vorschriften habe ich mich noch nie gehalten.
„So können wir denn Freunde sein“, sagte der Adler darauf, „Wie lacht mir darüber Herz! Du bist mir einer von rechtem Schrot und Korn! Dein sind die reinen Lüfte und Winde in unseren einsamen, eisigen Höhen. Was nur sucht dann einer wie du im Morast der Niederung und in den üblen Dünsten der viel zu Vielen?“ -
Den einen, sagte ich da zu dem Adler, suche ich, oder die zwölfe, die es lange schon hinzieht, es so zu beginnen wie ich.
„Da bleib gleich bei mir“, sagte daraufhin der Adler, „Denn die gibt es nicht. Keine zwölfe und nicht einmal einen. Den hätte ich nämlich gesehen. Der Ekel aber ist der Reinheit Tod. Es wäre wahrlich schade um dich.“
Da schließlich fragte ich den Adler: Wo aber ist deine Schlange geblieben? Du sprichst so weise wie sie. Hast etwa du ihr das Wort geraubt und sie selber getötet? Und als ich ihn so gefragt hatte, verließ mich der edle Vogel.“

Als nun der Rabe das gesprochen hatte, herrschte betretenes Schweigen im Raum. Das war dem Raben nur Recht. Aber dann sagte er doch:
„Liebe Freunde, es ist an der Zeit. Rüstet Euch und faßt Mut. Der Tag bricht an und die Wege sind Euch geebnet, aber der Morgen kommt nicht von selbst. Ihn müßt Ihr erschaffen. Ich habe Euch gefunden, Ihr habt mich gefunden, so sind wir denn am Ersten Tag. Sucht, wenn Ihr die Aufgabe an Euch nicht kennt, in den Büchern der Könige. Beim letzten König der Raben werdet Ihr sie finden. – Eine Föhre habe ich wieder bekommen, einen Bach habt Ihr mir zu trinken gegeben, und nun werde ich das Große Schweigen der Berge werden. So ist dann alles wieder in der Welt.“
Damit hatte der Rabe seine Rede beendet, verneigte sich vor der Gesellschaft, dankte dem Meister und flog zum offenen Fenster hinaus in die Nacht.

Wenig später nahm der Meister auch den von seinen Gesellen, der den Raben von der Farbe befreit hatte und gepflegt, auf in die Abendgesellschaft. Dort hatte man sich die Worte des Raben wohl gemerkt, und so erfuhr nun auch der Geselle davon. Da dachte der Geselle bei sich, nun, vielleicht mag der Rabe mir sein Geheimnis anvertrauen, zum Dank. Darum begab er sich alsbald auf der Suche nach ihm zum Förster. Der war da schon nicht mehr Schützenmajor; Weil er seine Leute wegen der Feindseligkeit gegen den Raben gescholten hatte, hatten sie ihn kurzerhand davongejagt. Und seitdem dann noch eines Tages die Flinte aus seinem Schrank entwendet war, lebte der Förster in der Furcht, sie trachten ihm nach dem Leben. Das machte ihn vorsichtig und er erforschte den Gesellen genau, ehe er ihm den Ort anvertrauen wollte, an dem er den Raben antreffen würde. So wurde nun auch dem Förster die Begegnung des Raben mit dem Adler bekannt, und so blieb dem Gesellen nur die Hoffnung darauf, daß der Rabe selber ihm die Lösung der Rätsel verraten würde, etwa des einen, was denn ein Adler mit einer Schlange zu schaffen haben soll.


„Die Schlange aber und der Adler sind heilig seit Alter Zeit, denn sie waren die Tiere des Zarathustra“, sprach der Rabe zu dem Gesellen einmal im Laufe der Unterweisungen. Das war allerdings viel später einmal, denn so bald war es nicht dazu gekommen, daß der Junge den Alten fand. Vieles war dazwischen gekommen, nun, wie es im Leben oft so ist. Da war der Geselle schon selbst zum Meister geworden und auch nicht mehr jung; er hatte eine Familie gegründet, seinen eigenen Betrieb in einer anderen Stadt eingerichtet und endlich den Raben darüber ganz vergessen. Bis er eines Tages an einem Sonntagmorgen ein Bild des Raben in der Zeitung sah, mit dem Titel: „Boss – Mörder auf freiem Fuß“.
Das kann ja wohl nicht stimmen, dachte er und las den kurzen Bericht dazu:
krapa. Mellenhorst:
„Einundzwanzig Jahre nach dem Schuldspruch wegen vorsätzlicher Tötung des Großunternehmers und Aufsichtsratvorsitzenden T. Boss durch Vergiften hat die Staatsanwaltschaft den Prozeß gegen den Raben ebaR reD erneut aufgerollt. Grund dafür war die Zeugenaussage der damaligen Sekretärin der Ermordeten, die in dem zurückliegenden Verfahren wegen möglicher Befangenheit nicht vernommen worden war. Damals wurde der Angeklagte zu dreimal Lebenslänglich verurteilt. Aufgrund der nunmehr neuen Beweislage sowie der Unbescholtenheit des Angeklagten vor der Tat, entschied das Gericht im zweiten Verfahren nunmehr auf Freispruch. Eine Entschädigung für die 21 Jahre Haft lehnte das Gericht indessen ab, da kein Justizirrtum vorliege. Es wird berichtet, der Rabe habe den Freispruch ebenso ungerührt entgegengenommen wie vor 21 Jahren den Schuldspruch. Er wird die Haftanstalt in wenigen Tagen verlassen.“

Nach dieser Meldung von Dingen, die ihm eines um das andere unfaßbar schienen, klemmte sich der Gerber ans Handy, bekam in x Telefonaten den Ort heraus, an dem der Rabe sich befand und fuhr am Tag seiner Entlassung dort hin. Und als zur genannten Stunde der Rabe aus der stillen Türe des Dornwalder Gefängnisses trat, sahen die Beiden und erkannten einander auch nach den vielen Jahren sofort wieder. Doch schon auf der Heimfahrt, der Gerber nahm für den Anfang seinen verehrten Freund bei sich auf, mußte er gewahren, daß der Rabe nicht dazu zu bewegen war, auch nur ein einziges Wort zu sprechen. Als sich daran auch im Laufe der nächsten Tage nichts änderte, brachte der Gerber den Raben zum Förster, der war inzwischen zum Greis gealtert, und ließ ihn dort zurück. Von Stund an aber ließ dem Gerber das Gewissen keine Ruhe mehr, und so suchte er den Förster wieder auf. Der zeigte ihm den Weg, und als er den Raben in der Lichtung, die der alte Förster ihm genannt hatte, tatsächlich antraf, segelte der Rabe von seinem Ast zu ihm herunter und sprach ihn freundlich an. So begann die Zeit der Unterweisungen. Die erste fand gleich anschließend statt, und sie vereinbarten zu deren Abschluß Ort und Zeitpunkt der nächsten. Darüber gingen der Sommer hin und der Herbst und der Winter, und als die Natur wieder die Kräfte der Sonne empfing, die das erstorbene Leben in der Erde erweckt, zog der Frühling ein im Land. Da trat bei einem nächsten Treffen der Gerber an den Raben heran mit der Frage, ob er nicht auch so eine Abendgesellschaft begründen solle wie die seines früheren Meisters; Dort hatte er ja von der Weisheit erstmals etwas erfahren, und nun spürte er den Wunsch, Anderen auch geben zu wollen von dem, was er empfangen und gelernt hatte in dem knappen Jahr der Unterweisungen. Da riet ihm der Rabe zur Geduld und sagte ihm, er solle noch das Jahr voll werden lassen, dann könne er gerne seine Abendgesellschaft beginnen. Denn zur Sommersonnenwende komme der Bogen der Weisheit an seinen Anfang zurück, und das sei der richtige Zeitpunkt, um mit der Sonne im Einklang ihren Lauf mitzumachen. So hätten ja auch sie beide es gehalten. Also faßte sich der Gerber in Geduld, und als das Johannifest nahte, lebte er schon in Vorfreude auf den Anfang seines Vorhabens. Aber er mußte zugleich erleben, daß es dem Raben zunehmend schlecht erging, und er begann zu bangen, ob sein verehrter Freund den Tag der Sommersonnenwende noch erleben werde. Nun nahm er jedes Treffen mit ihm als das womöglich letzte, und es war ganz klar, daß der Rabe seine Verheißung, er werde an jenem Tag mit ihm gemeinsam fliegen, nicht mehr würde wahr machen können. Und so kam es auch.

Just zu dem Treffen am Johannifest, sie hatten es unter der Föhre des Raben vereinbart, wo auch ihre erste Begegnung stattgefunden hatte, fand er den Raben tot unter seinem Baum. Nun wußte er zwar von ihm selbst, daß der Tod etwas ganz Anderes ist als die Raben davon denken, auch war er vorbereitet auf diesen Anblick, und dennoch zerriß es ihm schier das Herz, als er ihn so leblos daliegen sah. Lange blieb er still bei ihm, und immer wieder benetzte er das Gefieder seines toten Freundes mit Tränen. Denn davon wußte er noch nicht, welches Geheimnis mit dem Fliegen verbunden ist für ein Volk, das einmal schon fliegen konnte, das aber für diese Kunst inzwischen abgestorben war. Daß nämlich ein Mitglied so eines Volkes durch den Tod gehen muß, damit es für das Fliegen die Lebenskräfte wieder empfangen kann. Da aber der Gerber seine Abendgesellschaft begründen wollte, nahm der Rabe diesen Tod auf sich, und hätte der Gerber in alles, was er vom Raben gesagt und gezeigt bekommen hatte, sein volles Vertrauen gesetzt, wäre er nicht in Trauer gefallen und hätte sich mit dem Raben fliegen gesehen. Es hatte die Zeit der Unterweisungen bei ihm schon so weit gefruchtet, daß er den Raben als den Raben sehen konnte, ob er nun in seinem sterblichen Körper drinnen war oder auch nicht drinnen war. Denn die Gedanken, die er mit ihm ausgetauscht hatte in dieser Zeit, hatten den Körper nicht nötig. Der konnte geradesogut auch tot am Boden liegen, das machte da keinen Unterschied. Allein, so viel Vertrauen in diese Gedanken, das aufzubringen in dem Augenblick, war der Gerber noch nicht in der Lage. Und so begann er denn seine Abendgesellschaft mit einem Requiem für seinen geliebten, verehrten, verstorbenen Freund. Den aber ärgerte das einwenig, und er schickte zu dem Requiem ein ordentliches Unwetter mit Blitz, Donner und Wolkenbruch, sodaß die ganze Abendgesellschaft bei der Gelegenheit wenigstens gründlich getauft worden war.
Am Anfang schieden sich bei den Erwählten der Abendgesellschaft sehr bald die Geister. Die einen sagten vom Gerber, er sei nun ganz verrückt geworden, die anderen hielten zwar für recht unglaublich, was er ihnen da vortrug, fanden es aber interessant. Als dann dazukam, daß sie Übungen machen sollten, die nicht ganz mühelos sind, verloren noch einmal einige das Interesse, sodaß schließlich nur ein halbes Dutzend der Freunde des Gerbers bei seiner Abendgesellschaft blieb.

Wiederum ging ein ganzes Jahr ins Land und wiederum nahte das Johannifest, und von den sechsen war nur noch ein einziger übrig, als der Gerber zum ersten Todestag seines geliebten Freundes seinen letzten der Schüler mitnahm zur Föhre des Raben. Sie begannen den Abend damit, daß der Gerber seinem letzten Schüler erzählte, was er vor einem Jahr an dieser Stelle erlebt hatte. Als nun der Schüler diesem und jenem nachfragte, kam der Gerber immer mehr ins Erzählen und auch immer mehr in die lebhafte Erinnerung an - ja an eigentlich alles, was er mit dem Raben erlebt und von ihm bekommen hatte. Da ward dem Gerber immer mehr warm ums Herz, und so lebhaft erzählte er, daß er seinen Freund, den Raben, wie anwesend fühlte. Und mitten drinnen im Erzählen schaute der Gerber auf in den dämmernden Abend und – schaute noch einmal auf. Den Raben sah er dort oben, er flog gen Osten.
„Da oben, schau!“, rief er und zeigte hinauf. Und so packte ihn das Verlangen, endlich wieder bei ihm zu sein, daß er losflog, und sein Schüler flog gleich hinterdrein.

Bald hatten sie den Raben erreicht, und der zog seine Bahn, zog in weitem Bogen über Süden nach Südwesten, und sie mußten sich sehr anstrengen, denn der Rabe stieg immer höher. Kein Ende, schien es den beiden auf dem allerersten Flug ihres Lebens, wollte die Strapaze nehmen. Zum Glück, gewahrten sie, waren sie schwindelfrei auch so hoch oben in der Luft, aber ihre Kräfte ließen schon deutlich nach, und der Rabe stieg und stieg weiter. Endlich dann, es war schon arg kalt, hielt der Rabe die Höhe und sie konnten schweben und sich einwenig erholen. Es war grandios hier oben, eine wilde Freude ergriff sie und machte sie wieder stark. Weit, weit unten lag das Land in zarten, dunklen Tönen, und wie die Farben und das Dunkel der Schatten blieben alle Dinge mitsamt den Sorgen und Nöten, die sie machten, an den Grenzen der Felder wie angeklebt zurück. Leicht und immer leichter fühlten sie sich in der erhabenen Stille des tiefblauen Abendhimmels. Dort in der Ferne tauchten zackige Wolken auf – oder waren es Berge? Es dauerte lange, bis sie ihnen nahe kamen. Im letzten versinkenden Licht des Abend konnten sie noch ihre eindrucksvoll bizarren, mächtigen Formen sehen, eine ihnen vollkommen neue, ganz andere Welt. Es muß in den Augenblicken gewesen sein, da sie diese Bergwelt bewundernd anschauten, daß der Rabe sich von ihnen entfernte, jedenfalls bemerkten sie plötzlich, er war nicht mehr bei ihnen. Er hatte sie allein gelassen. Jetzt war die Sache für sie abenteuerlich geworden, sie flogen doch zum allerersten Mal und befanden sich weit weg von zuhause. Und ehe sie sich versahen, wurden sie schon von einem großen Vogel angegriffen. Hals über Kopf machten sie sich schleunigst davon, und als sie ihn endlich abgeschüttelt hatten, bot sich ein Hochwald zur Nächtigung an.

Bäume gab es da, wie sie noch nie welche gesehen hatten, knorrig, rauh und mit langen Bärten; die boten wohl einerseits guten Schutz, andrerseits aber sahen sie selber zum Fürchten aus, und die beiden fürchteten sich auch wirklich. Da konnte es natürlich nur so kommen, daß sie vor Schreck zusammenfuhren, als es ganz in ihrer Nähe wieder flatterte. Sie hielten sich mucksmäuschenstill, das Flattern hörte auf, und am Baum gegenüber wippte nur noch leise ein Zweig. Dann war es wieder unheimlich ruhig.
„Du“, stieß der Geselle den Meister an, „siehst du auch den schwachen Schimmer da drüben?“
„Ja“, raunte der, „Was ist denn das?“
Die Eule aber hatte sie gesehen, und Eulen wollen ja immer gleich wissen, was was und wer wer ist. Und weil sie auch in der Nacht gut sehen, nahm die Eule die beiden Gesellen scharf ins Auge.
„Du“, stieß der Geselle den Meister wieder an, „Mir scheint, der Schimmer bewegt sich einwenig.“
„Scheint mir auch so“, flüsterte der zurück. „Will uns wieder jemand an den Kragen?“
Da gerade entdeckte die Eule eine Zirbengrille unter dem Baum, in dem die Raben zitterten auf ihrem Ast, ihre kurzen Bewegungen wurden erregter, und mit einem Mal stieß sie von ihrem Versteck auf die Grille nieder. Es gab Geflatter unterhalb, und die Raben, die glaubten, ihr letztes Stündchen habe geschlagen, drückten sich vor Angst dicht aneinander. Nach der Mahlzeit flog die Eule an ihren Platz zurück, und nun galt ihr ganzes Interesse den beiden Gesellen.
„Hu-u“, rief sie sie an, „Wer seid denn ihr? – Hu-u, und woher und wohin? Hu-u, was wollt ihr wissen, hu-u? Ich weiß nämlich alles und noch mehr als ich weiß!“
Die Raben kannten aber die Sprache nicht und blieben lieber still. Die Eule wartete lange auf die Antwort, und als sie nichts vernahm, wartete sie noch länger und faßte die Beiden nur umso schärfer ins Auge. Dann lief eine Bergspitzmaus über eine Wurzel und husch – flog die Eule vom Ast. Wieder gab es Geflatter unten, die Eule hatte die Maus gefaßt und gehackt und es hing ihr noch der Mäuseschwanz aus dem Schnabel, als sie wieder ihren Platz einnahm. In der Dunkelheit sahen die Raben aber nichts, sie vernahmen nur die Geräusche, einmal von drüben, einmal von unten, und stellten sich furchtbare Dinge vor.
Nach dem schönen Fang war die Eule herzlich zufrieden und kam in gute Laune. Raben hatte sie zwar ihr Lebtag noch nicht gesehen, wußte aber doch, was Raben sind, weil Eulen eben alles wissen. Und da machte sie sich einen Spaß, verstellte ihre Stimme und sprach die Beiden auf rabisch an:
„Kraa!“, sagte sie nur. Viel mehr sagen Raben ja auch nicht. Das machte die beiden nun vollends verwirrt. Die Eule hörte sie miteinander tuscheln, aber Antwort bekam sie keine. Das konnte die Eule nun nicht verstehen, wurde nachdenklich und beschloß bei sich, zu sehen, was da vorliegt.
„Bei uns“, sagte sie auf gut rabisch mit leichtem Eulenakzent, „ist es Sitte, daß man den Gruß erwidert. So viel ich weiß, bei euch Raben auch. Oder gehe ich da fehl in der Annahme? Müßte mich sehr wundern.“
Zuerst verschlug es den beiden Raben glatt die Sprache, als sie das hörten. Aber der Geselle fing sich alsbald und gab als erster Antwort:
„Guten Abend, Herr oder Frau Gespenst. Wir wollten ja nicht unhöflich sein, aber wir wissen nicht, wer Sie sind.“
Für ein Gespenst gehalten zu werden fand die Eule wenig schmeichelhaft. Darum stellte sie sich den Beiden – wie ihr nunmehr schien, recht ungehobelten - Kerlen mit vollem Namen vor:
„Ich bin Euladusalia vom Hinteren Heitersteiner Hochwald. Der Hintere ist freilich der vordere und viel größer als der hintere, der hinter dem Heitersten. Aber er heißt nun einmal der Hintere und dabei wird´s wohl bleiben. - Darf ich vielleicht nun aber doch erfahren, mit wem ich die Ehre habe?“
„Anton, der Gerbergeselle, und er ist Antonius, mein Meister“, stellte der Geselle nun sich und seinen Dienstherrn vor.
„Ach?“, fragte die Eule da, „wenn ihr Gewerbeleute seid, wie kommt es dann, daß ihr ohne Farben auf eurem Gefieder seid und geflogen kamt? Ist das Tragen einer Farbe denn nicht Pflicht in eurer Zunft? Und das Fliegen euch strengstens verboten?“
Da waren die beiden um eine Antwort verlegen, denn einerseits wurde, wer farblos daherkam, für nackt gehalten, andererseits für einen Verräter am Fortschritt des Rabentums.
Sie hätten sich sogar geschämt, wäre es nicht stockdunkel gewesen. Allein, darauf blieb ihnen zu antworten erspart. Die Eule erledigte das für sie:
„Unlängst“, sagte sie, „war schon einer da von euch, auch ohne Farbe. Ich denke ungern an ihn, und doch gern. Ungern, weil er tatsächlich klüger war als ich und noch mehr kannte, als selbst wir Eulen kennen können. Dabei wissen wir doch alles! Und mehr noch, als wir wissen! Aber Der vor euch beiden da war, der wußte noch viel mehr. Ja, und weil er aber ganz bescheiden blieb und sehr freundlich war und lieb, sei es ihm nachgesehen, und darum denke ich doch auch gerne an ihn. Nun sagt mir doch, gehört ihr zu den Seinen?“
Darauf war der Gerbermeister bereit, ja zu sagen, aber er kam nicht dazu. Die Eule wußte natürlich Bescheid und sagte: „Eine Bitte nur hätt´ ich. Laßt mich mit eurer Gescheitheit in Frieden. Ich kann´s nicht ertragen.“
„Ist schon recht“, antwortete der Geselle sofort, „Wir verschonen dich damit“. Er war ja auch selber sehr damit einverstanden. Das erleichterte die Eule fühlbar. Es ist ja wirklich schlimm, verriet sie ihnen sogar, daß, wenn man so gescheit ist, einem ausgerechnet so jemand über den Weg läuft, der die Welt von außen nicht nur, sondern dazu auch noch von innen kennt. Daß es nämlich nicht nur ein Verborgenes gibt in der äußeren Welt bei Nacht, sondern daß sie von dem Raben, der unlängst da war vor ihnen Beiden, erfahren hatte müssen, es solle auch eine innere Welt geben. Das konnte sie nicht verschmerzen und da mußte sie den Beiden klarmachen selbstverständlich, daß kein einziges anderes Tier mit einem Auge, das so scharf im Verborgenen zu sehen vermag wie sie, ausgestattet sei. Und im Laufe der gelehrten Erklärung, die sie ihnen darüber vortrug, erfuhren die Beiden immerhin, woher die Eulen alles wissen. Und was sie da erfuhren, wußte der Meister Antonius selbst von dem nicht, den er selber seinen Meister nannte.
„Es kommt davon“, sagte die Eule in ihrem Vortrag an einer Stelle, „daß wir eben sehr genau schauen. Ich kann von hier aus jede einzelne Ameise von jeder anderen unterscheiden. Jetzt ja nicht, jetzt schlafen die. Aber am Abend, wenn ich erwache, und am Morgen, wenn die erwacht sind, ehe ich mich zur Ruhe begebe, sehe ich täglich den Ameisen zu. Und von ihren Wegen und von ihren Bewegungen, ob sie Eile haben oder Vergnügen, ob sie viel sich zu deuten haben und wie und so weiter, davon lese ich ab, was ich selber nicht wissen kann. Davon habe ich alle Nachricht, was vorgeht in der Welt. Es ist kurios. Die Ameisen selber wissen davon gar nichts, aber sie erzählen alles. Jemandem freilich nur, der ihre Sprache lesen kann.“

An das, wovon sie ihnen sonst noch mitzuteilen hatte, erinnerten sich die beiden Raben nicht mehr am nächsten Morgen. Sie waren alsbald todmüde eingeschlafen, und als die Eule gesehen hatte, daß sie ihre Köpfe sinken ließen, kam ihr in den Sinn, sie könnte die Beiden gelangweilt haben, denn da sie zum anderen Raben gehörten, wußten sie ja wohl alles schon selber. Das kränkte sie freilich. Als aber früh morgens die Sonne mit ihrem jungen Strahlen den Hochwald unter den Zinnen und Zacken der Berge hell aufleuchten ließ, erwachten die Beiden voller Freude im Busen. Als ob sie, berührt von der Liebe im Herzen des Freundes, beschenkt werden sollten mit all seiner Weisheit, gerade so empfanden sie der Sonne Licht und ihre Wärme. Und das beglückte sie derart über alle Maßen, daß sie zu singen anhuben:

„Die Liebe in der Weisheit und die Weisheit in der Liebe sind für alle Lebewesen dieselbe.“

Die Eule aber, die nicht weit entfernt auf einmal die Raben singen hörte, erstaunte sich so sehr, daß sie selbst die Ameisen vergaß und dem Gesang hingerissen lauschte. Denn die Raben sangen schön, so schön wie sie noch nie einen Vogel hatte singen hören. So schön war der Gesang, daß ihr die Tränen kamen; Ihr, der dem klügsten und abgeklärtesten Geschöpf unter allen Tieren. Dabei sang der Ältere seine Melodie und der Jüngere seine andere, und dennoch fand sich beides zusammen zu vollkommener Harmonie. Da hielt es die Eule nicht mehr an ihrem Ort. Sie flog hinüber zum Baum, in dem die Raben sangen, sie wollte ihnen nahe sein. Und so wie ihr erging es allen Tieren in dem Hochwald. Sie alle kamen geflogen und gelaufen, geflattert und gekrochen, und selbst die scheuen Murmeltiere verloren ihre Furcht. Und der Gesang, der ihnen allen so zu Herzen ging, dauerte an, bis die Sonne schon hoch über den höchsten Gipfel des Heitersteins gestiegen war. Da saßen sie nun alle rund um den Baum der Sänger, Reh und Fuchs und Hase und Rebhuhn, Wolf und Steinbock, Bussard, Gemse und Schaf, Igel, Maulwurf, Marder und Spitzmaus, und alles dazu, was da kreucht und fleucht. Dann kam selbst der König des Hochwalds herbei, der Adler, und er hob sich stille näher von Ast zu Ast, damit er nicht störe. Ja, so war das. Und so wohl war ihnen ums Herz von dem Gesang, daß Friede ausgebreitet blieb auch über ihrem Heimgang. Nur der Adler blieb sitzen wo er saß. Ihn hatte der Gesang zu sehr an die Schlange erinnert, erinnert daran, wie erhebend es immer war für ihn, wenn er ihre Weisheit vernehmen konnte ganz nahe an seinem Ohr. Nun war er selber weise, aber ihre Nähe fehlte ihm sehr. Das machte ihn traurig, und er wünschte, er hätte dem Drang nicht nachgegeben, sie sich einzuverleiben. Zwar stand ihm dadurch alles zur Verfügung, was die Schlange an Weisheit in sich barg, und bis zu dem Tag, da jener Rabe von hoch oben herabgekommen war, befand er sich im Besitz aller Weisheit der Welt, aber durch diesen Raben war etwas Neues in diese Welt gekommen, das spürte er nun auch wieder in dem Gesang der Beiden. Für deren neue Weisheit hätte er aber die Schlange gebraucht, damit sie ihm sage, was für ein Neues nunmehr begonnen hat. Und da kam ihm der Gedanke, wenn er sich nun auch die beiden, oder wenigstens den älteren von ihnen einverleibte, käme er auch in den Besitz dieses Neuen.
Gedacht – getan.

Der Angriff gelang dem Adler perfekt. Mit einem Hieb hatte er den älteren der beiden Raben getötet, und noch ehe der jüngre begriff, was geschah, flog der Adler mit seinem toten Meister in den Fängen schon auf und davon. Doch beinahe im selben Augenblick schon flog der Geselle ihm nach. Den Adler mit seiner Beute einzuholen gelang ihm bald, aber ihn zu attackieren, nicht. Der Adler hatte den Kopf ja frei, und die Abwehr mit seinem scharfen Schnabel wurde dem Raben gefährlich. Trotzdem griff der Rabe ihn an, wieder und wieder. Als der dem Adler zu lästig wurde, ließ er seinen Fang einfach fallen und stürzte sich nun seinerseits auf den Raben. Es entstand ein wilder Kampf in der Luft, bei dem hackte der Rabe ihm sogar ein Auge aus, dann aber bekam ihn der Adler einmal voll zu packen, und das war das Ende auch des Gesellen.
In der Stadt aber, als der Meister und dieser eine der Gesellen nicht und nicht mehr kamen, begannen Gerüchte sich zu verbreiten, denn etwas Genaues wußte niemand. Nur das Ungenaue, daß es bei dem Gerber schon lange nicht mehr mit rechten Dingen zugegangen sein soll, dass da der Gerber Geheimnisse gehabt habe mit ausgerechnet dem Gesellen, der nun auch verschwunden war. Gerüchte aber, wenn sie länger keine neue Nahrung bekommen, verlieren sich nach und nach, und so fiel die Geschichte vom verlorenen Lied der Raben dem Vergessen anheim.



*



Aber nicht für immer. Eines Tages tauchte sie wieder auf. Das war zu einer anderen Zeit, und eine Zeit war das, welche die Menschen, die sie erlebt haben, niemals mehr vergessen werden. Denn es war Krieg, überall Krieg, und es gibt keinen Schrecken und keine Not, die von den Menschen nicht erfahren und nicht erlitten worden wären. Auch mein Vater hatte den Krieg durchmachen müssen. Er sprach darüber nie. Auch dann nicht, wenn jemand ihn danach fragte. Mit der einen einzigen Ausnahme damals, als er mit mir die Wanderung unternahm. Da erzählte er von einem Land hoch im Norden, wo es im Sommer nur Tag ist und im Winter nur Nacht. Dort war er in Gefangenschaft geraten zusammen mit seinem Freund, und sie wußten, das bedeutete, daß man sie bald erschießen werde. Unter den Soldaten der anderen Seite aber fiel das Los auf einen der seßhaften Eskimos, und der trieb die beiden Todeskandidaten aus dem Lager hinaus etwas abseits in eine Senke. Der Himmel war sternenklar und der Frost so streng, daß von ihren Tritten kaum Spuren zurückblieben im tiefen Schnee. Der Mond stand als zarte Sichel über der Halde, die Landschaft ließ sich mehr erahnen als sehen. Umso heller zu sehen war das geisterhafte Nordlicht. Sie hatten die Senke erreicht, stolperten hinunter, und der kleine, nordische Eskimosoldat, erzählte mein Vater, legte an zuerst auf seinen Freund. Dann aber schaute er noch einmal auf, und plötzlich ließ er das Gewehr fallen, drehte sich um und ging davon. Wie das aber weiterging bis zu den Lappen, von denen sie dann gerettet wurden, davon erzählte er nur, daß sein Freund am Erfrieren war und er ihn getragen und geschleppt hat, bis er selber nicht mehr konnte. Und dort aber, in einem ihrer Zelte, wo sie von der Familie gepflegt worden waren, kam eines Nachts ein Hirtenmädchen zu ihnen und erzählte ihnen in ihrer eigenen Sprache eine lange Geschichte. Es muß eine schöne Geschichte gewesen sein, denn an manchen Stellen weinte das Mädchen beim Erzählen. Wenig später starb sein Freund, erzählte mein Vater, und als man ihn wegbrachte, sah man, daß er am ganzen Körper schwarz war vom Frost. In der Nacht aber erschien ihm sein Freund im Traum. Er war, sagte mein Vater, so schön anzusehen wie noch nie, er trug ein strahlend weißes Gewand und schaute ihn lange gut und schweigend an. Und davon, sagte mein Vater, wurde dann auch er wieder gesund. Er war dann bei den Lappen geblieben, mit ihnen und ihren Tieren durch ihre kalte Welt gezogen, hatte ihr Leben und ihre schönen Lieder kennen gelernt, und war in Liebe gefallen zu dem einen Mädchen, das seinem sterbenden Freund einen Weg in den Himmel erzählt hatte. Dieses Mädchen ist meine Mutter geworden, und als Hochzeit war, sagte sie zu meinem Vater, hat er mir erzählt, wenn er in den Hochzeitsnächten auf sie verzichtet, bekommt er einen Schatz fürs Leben. Und da hat sie ihm in der dritten der Nächte die Geschichte wieder erzählt, wieder in ihrer eigenen Sprache, und er konnte ein jedes ihrer Worte verstehen.
_________________
Es kommt viel darauf an, ob man die Sache, der man dient, lieben kann.
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