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Heinz61
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Anmeldedatum: 11.09.2006
Beiträge: 204
Wohnort: Linz

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BeitragVerfasst am: 09.04.2016, 16:03    Titel: R... Antworten mit Zitat

I) Räuber und Gendarm

Die kleine, gelb angefärbelte Kirche, eine Handvoll kleiner und auch größerer Einfamilienhäuser mit sichtlich ge-pflegten und gehegten Vorgärten, wie von verspielter Kinder-hand spielerisch ringsum geworfen, ein fast moderner, aber dennoch schon gestriger Schulbau am Siedlungsrand, drei Vier-kanter rundum und einige verstreut über die um¬liegenden Hügel - das alles ist das Dorf. Halt! Der große Bau des Gasthauses mit angeschlossenen Kleinställen gegenüber dem Friedhof und der Kirche darf nicht vergessen werden. Sinnigerweise heißt er Kirchenwirt, wie hundert andere auch in den verstreuten Dörfern des Granitlandes rundum. Außerhalb, jenseits des nächsten Hügels, in der Nähe des Sportplatzes, wirkt noch der weiße Würfel der freiwilligen Feuerwehr wie ein Fremdkörper. Da drinnen war auch die Musikschule untergebracht. In diesem Berndorf gibt`s noch je einen Pfarrer aus Indien, Gemeindearzt, Bäcker sowie Lebensmittelhändler in einem. Nebenberuflich sind zwei Hofläden, eine Kräuterhexe und ein Hundeflüsterer um das Wohl von Mensch und Tier bemüht. Der Tierarzt hat mangels Patienten schon lange aufgegeben und residiert jetzt im nächsten größeren Marktflecken, Neukirchen soll der heißen.
Der reichste Bauer am Ort war der Stocker, aber alle nannten ihn nur ‚Meierling‘, nach dem alten bajuwarischen Hausnamen, der einstmals einen ‚Meier‘, also Großgrundbesitzer bezeichnete. Die Silbe –ing ist wie bei Meierling das Zeichen der bairischen Herkunft. War doch der Landstrich lange bairisch und noch im 19. Jahrhundert hatten hier die Passauer Bischöfe in Sachen Religion das Sagen und reichlich Landbesitz.
Der einstmals noch junge Meierling nahm sich in Er-wartung eines reichen Erbes eine junge Frau aus der Nachbar-schaft, bekam dafür eine fette Wiese und ein Stück Holz (Klein-wald) dazu und kaum war seine Theres erstmals schwanger, erschlug eine riesige Fichte den Altbauern, also der künftigen Bäuerin Schwiegervater. Durch Tausch und gekonntes Handeln legte Johann den Grundstein zu einem großen zusammen-hängenden Gut. Im Lauf der Jahre schenkte ihm seine Theres drei Buben und zwei Mädeln. Letztere hießen Theres nach der Mutter und Anna nach der Altbäuerin. Bei den Buben wurde der Lebensweg schon im Kleinkindalter festgelegt. Der älteste, also Johann junior, der sollte einstmals den Hof bekommen, die zwei anderen dürften zur Schule gehen und Beamte werden. Mathias könnte Lehrer, Doktor oder nach Gusto auch Pfarrer werden, Josef eine Laufbahn bei der Gendarmerie anstreben. Da könnte er gleich für Sicherheit im Dorf und um den elterlichen Hof sorgen. Der Gendarmerieposten mit zwei Beamten befand sich damals noch außerhalb im Gebäude der Feuerwehr und war für über 20 Weiler, Klein- und Kleinstdörfer im ausgedehnten Gemeindegebiet und Dunstkreis von Berndorf zuständig.
Die alte Tante Mali, Schwester der Großmutter, hatte ihre Wohnung in der Landeshauptstadt Linz aufgegeben und fand Unterschlupf bei ihrer Schwester im Meierlinger Austraghäusl. Die Wohnung ihres schon lange verstorbenen Mannes überschrieb sie dafür dem Jungbauern und der hatte jetzt einen Platz für die Herren Buben, die in der Stadt ‚studieren‘ sollten. In der großen Altbauwohnung wohnte auch die Tante Liesi der Buben, des Bauern Schwester, die im botanischen Garten der Hauptstadt eine leitende Funktion be-kleidete. Sie war eine Expertin für Orchideen und Sukkulenten, begeistert, gefragt und tüchtig. Die passte auf die Gymnasiasten auf, hatte das Züchtigungsrecht, wendete es aber nicht an. Bald stieß zu Mathias und Josef auch Johann dazu, der die landwirtschaftliche Fachschule in Kirchschlag besuchte und von der Linzer Wohnung aus leichter in das benachbarte Tal kam. Das sollte später auch seine Schwester Anna nützen.
Josef erledigte seine Matura zwei Jahre nach seinem Bruder, der inzwischen als Zivildiener bei der Rettung gearbeitet hatte und nun in Graz Medizin studierte. Auch dorthin hatte es eine weitschichtige Tante verschlagen, die ebenfalls alleine in einer großen Patrizierwohnung hauste. Sie hatte ihre Eigenheiten, die Tante Klara, aber die störten Mathias als angehenden Mediziner wenig. Er wusste noch nicht, ob er Praktiker oder Psychiater werden wollte, aber Hypochonder Klara war für alles ein ideales Studien- und Übungsobjekt und ihrem entfernten Neffen ein sehr williges Studien- und Übungsobjekt. Dagegen meldete sich nach der Matura Josef gleich zum Bundesheer und zur Gendarmerieschule an.
Schon als Aspirant kam Josef in seiner schicken grauen Uniform wieder zurück nach Berndorf. Nur die klobigen Dienst-schuhe störten das elegante Erscheinungsbild. Es war gar nicht üblich, dass junge Aspiranten oder gar ‚fertige‘ Gendarmen in ihrem Wohnort Dienst schieben sollten. Man wollte so Mauscheleien, Beziehungen und Absprachen verhindern. Aber Josefs Vater – inzwischen Bürgermeister und bei der richtigen Partei – hatte an einigen politischen Schräubchen gedreht. Über den zukünftigen Postenkommandanten – daran hatte er keinen Zweifel – wollte er mitreden können. Da könnte sich sein Gegenspieler von der Opposition, der Knoll Adolf, noch so sehr auf den Kopf stellen und mit den Haxen wedeln. Noch dazu war der ein ‚Zuagroasta‘, also Zugereister, ein Fabrikant für Limonaden aus der nahen Hauptstadt. Der wollte seine politischen Gelüste in seinem ländlichen Wochenendsitz ausleben. Aber nicht mit ihm, dem Bürgermeister Stocker.
Aber jetzt, bei der Exekutive, wurde Pepi verschlossen und besonders seinem etwas sehr herrischen Vater gegenüber einsilbig, ja sogar aufsässig, wie dies der Familientyrann nannte. Der Junior versuchte auch, aus dem Dunstkreis des Bürger-meisters zu kommen und wünschte sich eine Wohnung im Ort. Das hintertrieb anfangs der Bürgermeister, aber als sein Sohn drohte, sich versetzen zu lassen, erhielt er schnell im neuen kleinen Landesbedienstetenhaus eine winzige Garçonnière.
Dabei half ihm zum Entsetzen des Vaters der Knoll Adolf, dieser Saftfabrikant, mit einer kleinen Firma in der Hauptstadt. Dieses Werkel, wie er sagte, lief fast von alleine und er lebte in seinem Haus im altdeutschen Stil in Berndorf. Bürgermeister wäre er auch gerne geworden, war jedoch dafür bei der falschen Partei. Zum Gemeinderat hat es aber noch allemal gereicht und als solcher war er dem Meierling ein lästiger und zäher Widerpart. Was aber keinen hinderte, mit dem anderen Handel zu treiben und mit Obst zusammen Geschäfte zu machen. Beim Geld da hört die Feindschaft auf. Die Freundschaft bekanntlich auch.
Als Maturant mit Vorzug, ausgezeichnetem Abschluss der Gendarmerieschule und genügend gesundem Selbstbewusstsein hatte sich Gendarm Stocker schnell freigeschwommen und fuhr mit seinem Fahrrad gewöhnlich seinen Inspektionsbereich ab. Man sah es gerne, wenn die ‚Schantis‘ (oder ‚Schandis‘) auf den Straßen und Wegen zu sehen waren. Im westlichen Mühlviertel und Granitland sprach man dieses Wort mit hartem t, im östlichen samt Waldviertel weich mit d.
An einem wunderschön sonnigen, noch kühlen Frühlingstag radelte er laut Auftrag wieder einmal durch ‚seinen‘ Granitviertler Landstrich und Inspektionsbereich. Obwohl Samstag, er war heiter gestimmt und hatte den schönsten Beruf der Welt. Er registrierte gar nicht, dass er – seit mehr als zwei Jahren noch immer der ‚Neue‘ - fast ständig zum Feiertags- und Wochenenddienst eingeteilt wurde. Von Schwester Anna darauf angesprochen zuckte er nur die Schultern: „Stört mich gar nicht! Bin ja allein! Und mehr Geld bringt’s auch!“ Sechsundzwanzig winzige Ortschaften oder Weiler wie Gerbersdorf, Grasbach, Greifenberg, Hirschstein, Klamleiten und andere, von denen wir noch hören werden, bildeten das Gemeindegebiet. In all denen sollten immer wieder die Gendarmen zu sehen sein. Daraufhin waren auch schon seit Urzeiten ihre Touren und Kontrollfahrten ausgerichtet.
Also streifte er fröhlich per Rad über die sanften Hügel, genoss den Fahrtenwind und die immer kräftiger werdenden Sonnenstrahlen. Die Dörfler fanden das sehr gut, wachte doch das Auge des Gesetzes, damit es ihnen gut ginge! Er achtete peinlich genau darauf, immer wieder Pausen einzulegen, um Diensthemd und Uniform nicht zu verschwitzen. Ein schwitzender Schanti wirkt einfach unappetitlich und das wollte er nicht sein. Bei den brausenden Abfahrten ließ er sich immer wieder trocken fächeln und nach so einem Sprint hielt er beim Hausgarten eines Kleinbauern am Waldrand an: „Grüß dich Gott, Ursula! Bist recht fleißig bei der Arbeit?“ Eine ausnehmend hübsche, junge Frau hob ihren erhitzten Kopf, erkannte ihn und richtete sich auf. Sie kam zum Zaun und lehnte sich tief atmend an die Holzplanken: „Griaß di, Schanti! Schön, dass d‘ mal wieder bei mir vorbeischaust!“ Sie konnte ihn gut leiden, den Josef. Der war außer ihren Eltern der Einzige im ganzen Dorf, der ihren Namen so aussprach, wie er war. Alle anderen sagten ständig ‚Urschel‘ zu ihr. Sie alle wollten sie immer ein bisserl ärgern, die Dörfler. Eine ,Urschel‘ war im bösartigen Hintersinn eine etwas beschränkte Person und das war sie beileibe nicht. Sie hatte sogar die Matura und war die Kindergärtnerin des Dorfes. Lehrerin hätte sie mit ihrer Ausbildung sein können, die Prüfungen hatte sie mit ausgezeichnetem Erfolg abgelegt. Aber sie liebte die Kleinkinder und leitete sehr erfolgreich die Vorschulgruppe. Da brauchte es noch mehr als ‚nur‘ eine Lehrerin. Natürlich verdiente sie dadurch weniger, war also eine ‚Urschel‘! Mit ihrem Vorsprung an Ausbildung war sie jedoch gleichzeitig die erste Anwärterin auf den Leiterposten. Die jetzt altgediente Chefin würde ‚es‘ noch drei, vier Jahre machen, wenn ihre Knochen da noch mitspielten und dann war sie dran! „Bist wieder auf motorisierter Streife?“, spielte sie auf sein Dienstfahrrad an. „Freilich!“, sagte Josef. „Da kann ich immer unbeobachtet nach den feschen Madln schau‘n!“ Dazu lachte er und konstatierte vergnügt, dass sich über ihr hübsches Gesicht eine zarte Röte legte. Verlegen wendete sich Ursula um und zupfte verlegen einige verdorrte Blätter ab: „Bist leicht ein rechter Hallodri bei den Weiberleut?“, fragte sie besorgt nach und er verneinte lachend: „Geh sei ned dumm! Weißt ja ohnehin, dass ich mich in dich verschaut hab! Aber so lang ich nur a Vertragsbediensteter, a Aspirant bin ohne Festanstellung, so lang kann und darf ich nix sagen oder gar fragen. Im Herbst ist das was anderes, vergiss halt nicht, was ich bisher g‘sagt hab und bleib mir gut! Ich mag dich ja ganz närrisch, weißt es ja eh!“ Plötzlich drehte sie sich zu ihm und hauchte ihm ein zartes Busserl auf die Wange. Da packte er sie über die Planken und küsste sie einfach und Ursula wehrte sich gar nicht! „Und wer noch einmal Urschel zu dir sagt, der kriegt von mir ein Strafmandat! Kostet einen Hunderter! Sag’s ihnen nur!“ Beide lachten sich an und waren vollkommen einig. „A echte Liab braucht kan Sermon!“ (Wahre Liebe braucht kein Herumgerede!), sagte später Pepi, als ihn seine Mutter Theres fragte, wie’s denn so sei mit der Ursula.
Aber jetzt, noch Arm in Arm mit ihr, fragte er: „Was ist denn da drüben im Wald los? So ein Gewusel!“ – „Ah gar nix! Den Buben und Mädeln ist die Zeit bis zum Schulschluss schon zu lange! Die spielen da drüben Räuber und Schanti! Soll ich sie fragen, ob sie dich mitspielen lassen?“ Wieder lachten sie und ein noch längerer Kuss folgte. Dann bestieg er sein Fahrrad und radelte los. Er hatte ja einen gewissen Zeitrahmen, den er ein-halten musste. Als Ausrede für alle Fälle hatte er die spielenden Kinder samt Uhrzeit vermerkt.
Plötzlich piepste das kleine, tragbare Funkgerät los. Es war in einer Halterung am Fahrradlenker befestigt. Gendarm Josef meldete sich: „Gendarmerie - Aspirant Josef Stocker! Bin auf der Höhe 48! Ich höre!“ Er erhielt den Befehl, sofort zum Forst hinter dem Kleinbauernhaus zu fahren: „Die Urschel hat angerufen, dass spielende Kinder Tote gefunden hätten. Fahren Sie sofort dorthin und machen dann Meldung!“ – „Die Dame heißt Ursula, Herr Postenkomandant! Befehl wird ausgeführt! Melde mich dann wieder!“ Er wendete und ließ es jetzt so richtig ‚tuschen‘! Er raste die staubige Straße hinunter und bog vor dem Haus in den Wiesenweg ein, der zum Wäldchen führte. Er sah sein Lieblingsmädel zum Wald laufen, vor dem eine Schar Kinder wartete. Sie trafen fast gleichzeitig ein. Alle plapperten gleichzeitig los und keines der Kinder war zu verstehen. „Ruhe!“, brüllte Josef. Augenblicklich kehrte eine fast drückende Stille ein. „Du erzähl mal!“, deutete Josef auf den Dorniger Hias, der wie ein Häuptling dastand und einen Totenschädel in Händen hielt. „Wir haben Räuber und Schanti gespielt und die gefangenen Räuber in einer Grube bewacht.“ In Respekt vor der Uniform bemühte er sich sogar, Hochdeutsch wie in der Schule zu sprechen: „Und dann hat plötzlich die Häusler Marie geschrien wie am Spieß! Beim Niedersitzen ist sie mit ’n Arsch auf dem Totenschädel gelandet! Da haben wir nachgeschaut, da liegen noch viele Knochen unten!“ – „Zeigt mir die Grube und den Totenkopf gib her!“ Josef zog eine Jutetasche aus den seitlichen Gepäckträgerbehältern und verstaute das Relikt darinnen. Dann folgte er den Kindern zu einer flachen Vertiefung im Waldboden. Vermutlich hatten Wildtiere und freilaufende Hunde darin gewühlt und einige Knochen freigelegt. Er schaltete das Funkgerät ein, meldete sich vorschriftsmäßig und berichtete: „Eine flache Bodenvertiefung, circa zwei mal vier Meter, zerstörter Moosbewuchs durch Wildtiere und spielende Kinder, aufgewühlte Humusschicht. Die Kinder fanden einen Totenschädel und sichtbar sind Knochenfragmente. Ich sichere die Stelle ab und warte auf Anweisungen!“
Bald hörten sie ein Auto näherkommen und der Chef Eustachius Klein und Dorfarzt Dr. Schwarz tauchten auf. Der Kommandant schwitzte wie in der Sauna, die ihm bei seiner Körperfülle gut angestanden wäre. Sein rotes Gesicht glänzte wie eine Speckschwarte und auf der Uniform zeichnete sich das ab, was Josef tunlichst zu vermeiden suchte. Der Herr Doktor war da sportlicher, schlanker und überhaupt ganz anders. Er trug seinen weißen Mantel und die Notfalltasche, den Rest hatte er im Auto gelassen. Er besah den Schädel mit einer Lupe, träufelte dann ein Flüssigkeit auf einen Knochen und beobachtete die Reaktion. „Da muss ein Spezialist her, noch dazu gehört das eingesunkene Grab – um ein solches scheint es sich zu handeln – fachmännisch geöffnet und die Knochenfunde müssen nummeriert und sortiert und fotografiert …“ – „und seziert und kriminalisiert und konserviert!“, unterbrach ihn sein Gegenüber respektlos. „Das macht unser Herr Aspirant genau so gut und für Fotos holen wir den Fotografen von der Bezirkszeitung. Werden ein paar Tote aus dem Weltkrieg sein!“ – „Ein paar? Mit einem Schädel?“ Josef wagte den Einwurf und sein Chef polterte los: „Dann finden Sie die restlichen Köpf! Dürfens heut und morgen bei Ihrer Ursch…sula herumgraben!“ Jetzt lachte er meckernd und pfauchte: „Komm, Doktor! Geh‘n ma!“ Aber der blieb noch, gab Josef Anweisungen, auch damit er selbst nicht in Teufels Küche käme! Er werde auch seinen Sohn mit Planen schicken, auf die sollte Josef die Funde legen und über Nacht abdecken. Befehl war Befehl. Vom Denkmalamt der Landesregierung würden erst am Montag Leute kommen. Ein Beamter arbeitet nicht am Wochenende!
Das Sandsieb von Ursulas Eltern leistete dem Schanti gute Dienste. Natürlich war das hübsche Mädel bei ihm und half, so gut sie konnte. So genau es beider biologischen Kenntnisse zuließen, ordneten sie die Knochen zu einem fast vollständigen Skelett. Sie fanden jedoch keinen Fetzen Stoff oder andere Materialien. Eine Gürtelschnalle, Knöpfe oder wenigstens Leder oder Ösen, Schmuck oder einen Ring – nichts. Auch der Fotograf von der Bezirkszeitung war aufgetaucht und fotografierte das Skelett, das Grab und die geheimnisumwitterte Umgebung samt Ursula und dem Herrn Gendarmerieaspiranten.
Am Sonntagabend nach schweißtreibender Arbeit und einer innigen Verabschiedung von seiner Ursula fuhr Josef beim Herrn Doktor vor. Er läutete ihn heraus und bat ihn um eine kurze Unterredung. Der Herr Doktor fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Der Revierinspektor hatte ihn brutal überfahren und selbstherrlich festgestellt, dass es sich bei dem Knochenfund um Überreste von einem Kriegsgefangenen aus dem Ersten Weltkrieg handeln würde. Wahrscheinlich an TBC verstorben. „Und eben das glaube ich nicht, Herr Doktor!“ Josef nahm Einweghandschuhe und hob aus dem Jutesack den gefundenen Schädel: „Gestern war ja so ein Wirbel, keiner hat den Schädel genauer angeschaut. Aber jetzt horch einmal genau hin!“ Er schüttelte etwas das knöcherne Relikt und man hörte deutlich ein kollerndes Etwas in der Gehirnhöhle. „Da ist auch ein Einschussloch im Schläfenbein!“ – „Über dem Os temporale?“ Jetzt war der Arzt interessiert. „Warte, das hole ich dir heraus. Was wo reinging, das kommt auch dort wieder heraus!“ Er ging vor in die Ordination. Dort drehte er den Schädel im Neonlicht und unter der Standlupe so lange und positionierte ihn, bis eine kleine Metallkugel in die Schale fiel. „Kleinkaliber aus Jagdwaffe für Niederwild würde ich meinen!“ Auch der Arzt hatte natürlich die Jagdprüfung absolviert wie auch alle Bauern, die etwas auf sich hielten. Josef nickte und ergänzte: „Aber die Kugel ist nicht aus dem 1. oder 2. Weltkrieg. Auf alle Fälle handelt es sich um Fremdtötung und ich muss die Kripo in Linz alarmieren. Darf ich dein Telefon benutzen?“ – „Lass nur,“ sagte der Arzt, „das ist eigentlich meine Aufgabe. Sonst hast wieder Probleme mit deinem Chef, dem Stacherl (Anm.: Kurzform von Eustachius). Der ist ohnehin schlecht auf dich zu sprechen. Du arbeitest ihm zu gründlich! Einen Minderwertigkeitskomplex hat er sowieso dir gegenüber und noch dazu bedeutet das dann für ihn Arbeit!“ Er rief die Notrufnummer des Kriminaldauerdienstes an und meldete den Leichenfund und die unnatürliche Todesursache. Dann gab er den Hörer an Josef weiter, der kurz und prägnant die Situation schilderte. Am Morgen würde jemand kommen und die Angelegenheit bearbeiten. „Na, das klingt aber sehr des-interessiert!“, konstatierte der Arzt, der mitgehört hatte. Dann rief Josef den Boss an und meldete den Mord. „Blödsinn!“, schrie der und warf den Hörer auf die Gabel. Onkel Doktor grinste von einem Ohr zum anderen: „Uije, der wittert Unheil, Arbeit und einen Anschiss!“
Am nächsten Morgen gegen zehn Uhr traf ein Wagen mit drei Personen in Zivil, aber mit Blaulicht ein. Ein Kriminalmajor mit Assistent und Arzt kam an. Also nahmen sie die Angelegenheit doch wichtig. Josef hatte auf sie im Gendarmerieposten warten müssen, so konnte der Chef alle Arbeit auf ihn abwälzen. Sein Kollege wartete beim Leichenfund. Die Kugel und den Schädel packten die Kriminalisten ein: „Warum ist nicht alles am Fundort geblieben?“, fragten sie Josef. Der berichtete wahrheitsgemäß und umfassend, ließ auch die Befehle seines Chefs bezüglich Weltkriegstoten und TBC nicht aus, der jetzt wechselweise grün, rot und weiß wurde. Noch vom Posten aus riefen die Herren einen Leichentransportwagen mit Personal, dann be-gaben sie sich zum Fundort. Josef genüge ihnen, sagten sie. Der Herr Revierinspektor sei hier ohnehin fehl am Platz. Sie begut-achteten das Skelett und der Polizeiarzt grinste: „Aber in Biologie haben s` nicht gut aufgepasst! Was macht ein Brustbein beim Becken?“ – „So hab ich das nicht sortiert! Hast du …?“ Pepi sah seinen Kollegen Florian an. „Der errötete und gestand: „Mir war fad und ich hab ein bisserl gespielt damit!“ – „Dolm, damischer!“ Der Herr Aspirant war jetzt richtig sauer. Major Krämer, der Chef der Kriminalisten, sah ihn freundlich an: „Sie haben es sehr schwer da, Herr Kollege! Aber Sie werden ihren Weg schon sicher machen!“ Der Pathologe konstatierte, dass es sich um ein jugendliches weibliches Skelett handelte. „Als der Schuss fiel, muss sie ganz blöd gestanden, entspannt gelegen haben oder gesessen sein, sonst hätte das kleine Kaliber kaum den Knochen durchschlagen. Genau zwischen Schläfenbeinschuppe, die Pars squamosa und den benachbarten Schädelknochen durch die Suturae-Nähte hat das Geschoss seinen Weg gefunden. Ich schätze, ein Jäger hat das Mädchen mit einem Hasen verwechselt und die hat Pech auch noch gehabt! Nachdem alles schon zersetzt ist, müsste dies vor acht bis zehn Jahren passiert sein, eher noch früher. Die kleinen Knochen wären in dieser Lage schon verschwunden, falls dies eine Leiche aus den Weltkriegen wäre. Der Humus ringsum ist sicher von der Toten genährt worden!“ Der Kriminalist befahl den eingetroffenen Helfern, noch tiefer in dem lockeren Erdreich zu graben und zu suchen. Dann wies er Josef an, alle vermissten weiblichen Personen jugendlichen Alters vor fünf bis zwölf Jahre im Bezirksregister aufzuspüren. Er selbst würde dies für das ganze Land veranlassen. Dass dies die Arbeit von Josef ad absurdum führte, fiel nicht auf. Der begab sich zu Ursulas Elternhaus und traf sie alleine an. Von Abgängigen wusste sie natürlich nichts, auch als nach Kaffee, Küsschen und Likör die Eltern eintrafen, blieb die Unwissenheit. Ihnen war auch nichts aufgefallen, was sich da im Wald in den letzten zwölf Jahren abgespielt hätte. Schüsse von den Nieder- und Federwildjagden waren sie gewöhnt. Feldhasen, Wildkaninchen, Fasane und Rebhühner gab es rundum zum ‚Saufüttern‘ viele. Rehe wären ‚weiter drüben‘, Wildschweine ‚weiter drunten‘.
Dann verabschiedeten sich die Kriminalisten, nur deren Chef fragte Josef noch: „Wie stellen Sie die ganze Sache dar, Herr Kollege?“ Der rieb sein glattes Kinn: „Ich kann mir gut vorstellen, dass nach dem Fall des eisernen Vorhanges eines dieser hübschen Kinder aus Tschechien, Polen oder der ehemaligen DDR per Anhalter in unsere Gegend gekommen ist. Die waren ja alle sehr erlebnishungrig damals und wollten ‚Westen schauen‘. Hier wird sie sich eines der vielen herumstehenden und -liegenden Fahrräder genommen haben und durch unsere herrliche Gegend gegondelt sein. Möglicherweise auf der Kleinen Flach hinter dem Wald hat sie sich ganz ausgezogen und im hohen Gras die Sonne genossen. Das soll im ehemaligen Osten ja ganz normal gewesen sein. Durch die Bewegungen im Gras glaubte ein Jäger oder Hasendieb an sichere Beute. Er schoss und bemerkte erst den fatalen Irrtum, als er seine Strecke holen wollte. Natürlich muss sich der Unglücksschütze in der Gegend bestens ausgekannt haben und er schleppte das nackte Mädchen durch das Holz zur Mulde, vertiefte diese und begrub das Mädchen, deckte sie mit lockerem Waldboden und Gestrüpp ab. Dann fuhr er mit dem Fahrrad in eines unserer umliegenden Dörfer, stellte es ab und ließ die Habseligkeiten des Opfers in den Abfallcontainern verschwinden. Dadurch ist auch erklärlich, warum a) nirgends aus dieser Zeit eine passende Vermisstenmeldung existiert, b) kein Knopf, Schnalle oder Kleidungsteil gefunden wurde und c) der sichtlich zufällig getroffene Leichnam verhältnismäßig einfach entsorgt wurde!“ Josef hielt inne und der Kriminalist nickte anerkennend: „Eine bestechende Theorie! Falls Sie zur Aufklärung beitragen können, melden Sie dies umgehend direkt bei mir persönlich! Sie erhalten dann jede Unterstützung durch die Kriminalabteilung der Gendarmerie! Hier haben Sie meine Karte! Und Sie, mein Herr! …“, er wendete sich an den Postenkommandanten, „Sie werfen Ihrem sehr fähigen Kollegen keine Prügel mehr vor oder zwischen die Beine! Sonst bekommen Sie es nicht nur mit mir zu tun! Sie haben sich ja nachweislich sehr dämlich, unprofessionell und äußerst fahr-lässig verhalten! Werde das melden! Historischer Fund aus dem Ersten Weltkrieg! Tztztz! Und dem anderen Kollegen gewöhnen Sie das Spielen mit Leichenteilen ab!“ Dann stellte er noch Josef ein Belobigungsschreiben in Aussicht und verabschiedete sich auch extra vom Dorfarzt, durch dessen Mitwirkung größerer Schaden vermieden worden war.
Jetzt wurde es wieder sehr ruhig im Dorf, am Gendarmerieposten und auch für Josef. Dessen Theorie war bei den Kriminalisten auf guten Boden gefallen und schon nach drei Tagen trudelte ein Fax ein, direkt an den Herrn Aspiranten Josef Stocker gerichtet, dass er wahrscheinlich goldrichtig lag mit seiner Theorie und Tathergangsanalyse. Zwei ehemals ost-deutsche und ein tschechisches Mädchen waren in den zu-treffenden Zeiträumen den Eltern abhandengekommen. Gut, andere auch, aber von denen war später Post eingetroffen, dass sie in Deutschland, Frankreich oder Schweden sich aufhalten und bleiben würden. Für die zwei Kindfrauen aus Mitteldeutschland seien auch Zahnschemata und Röntgenbilder per Interpol in Aussicht gestellt worden. Dann könnte man das Skelett identifizieren und die Fragmente zu den Eltern zur Bestattung überführen.

II) Intermezzo

Anmerkung: Die direkte Rede in den Dialogen dieses Kapitels wurde in allgemein verständliches Deutsch übertragen. Es ist natürlich ganz klar und eindeutig, dass Leute in Wartezimmern sprechen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Aber im Sinne flüssiger Lesbarkeit wurde auf die Originaldiktion und seitenlange Übersetzungsfußnoten verzichtet. Ebenso wenig kann im gedruckten Wort der Tonfall der handelnden Personen wiedergegeben werden. Leider!

Bevor Stocker Josef in den Dienst als Inspektor über-nommen werden konnte, musste er im AKH zu Linz die Gesundheitschecks durchlaufen. Er wanderte also von einer Ambulanz zur anderen und wartete jeweils, bis er aufgerufen wurde. Vor der Ambulanz der Inneren Medizin traf er auf eine sehr laut schwatzende, aufgeregte Menge von Wartenden beiderlei Geschlechts, die den feschen Gendarmen in seiner tadellosen Uniform nur kurz musterte. „Ja mei,“ bemerkte ein korpulenter Patient im grünen Trachtenrock zu seiner noch dickeren Nachbarin, „warum soll denn ein Schanti nicht auch einmal krank werden. Der hat es bestimmt an der Leber oder im Magen, sonst wäre er nicht bei der Internen.“ Josef sah keine Möglichkeit oder Sinnhaftigkeit, den wahren Sachverhalt aufzuklären, denn die Kugel nahm den Faden begierig auf: „Ja, oder an der Galle wird er `s wohl haben! Mein Mann war auch bei der Polizei, nur am Schreibtisch halt, und hat einen Gallenstein gehabt, so groß, dass sie ihn operiert haben! Der Stein liegt noch immer auf seinem Schreibtisch, als Briefbeschwerer auf den vielen unbezahlten Rechnungen! Weshalb sind sie denn da?“, wandte sie sich an ihren anderen, etwas ältlichen Nachbarn. Der räusperte sich vorsichtig: „Ich hab‘ vorgestern einen Dünnpfiff gehabt, einen ganz schlimmen Durchfall, sag ich ihnen. Ein Diaröschen sei das gewesen, sagte der Herr Doktor und hat mir Tabletten gegeben. Und heut schon kann ich überhaupt gar nicht mehr, das ist doch nicht normal!“ Nachdenklich nickte ein anderer Senior: „Mir geht’s auch so! Alle zwei Stunden hab ich aufs Topferl müssen! Gibt mir der Hausarzt Tabletten und jetzt wache ich noch immer alle zwei Stunden auf, nur weiß ich jetzt nicht mehr warum!“ - „No mich hat`s an der Lunge! Meine Lungenbläschen sind silbrig oder so, ich versteh das ja nicht! Aber ich glaub, deshalb rasselt`s beim Schnaufen so bei mir!“, warf eine große Dürre in die Diskussion ein. „Mit den Nieren ist auch nicht zu spaßen“, bemerkte lauthals eine Mittvierzigerin, die sichtlich begierig war, auch etwas sagen zu dürfen: „Mir haben`s auch sehr wehgetan, die Nieren, schon vor -zig Jahren, alle beide. Der Internist, der Dummkopf, hat nichts gefunden. Aber entbunden hab ich nach sechs Monaten!“ – „Das war dann entweder von den Pionieren oder den Kanonieren!“, warf Josef lauthals ein und entschwand in der nun einsetzenden ratlosen Stille in Ordinationsraum zwei. „Na da draußen wird ein Blödsinn geredet!“, bemerkte er nach der Begrüßung zum Arzt. „Ja, das ist oft sehr lustig. Manchmal hör` ich durch einen Türspalt zu, da verfliegt jede Depression!“ Er besah Röntgenbilder und Blutbefund, das EKG war auch unauffällig und die Lunge war in Ordnung. „Ich schau, dass wir Sie in der Orthopädie vorziehen können. Dann noch zum Urologen!“ Ein freundlicher Abschied und draußen war er.
Vor der Orthopädie summte es wie in einem Bienenkorb. Keiner beachtete ihn, jeder war mit seinen Wehwehchen befasst. Fünf oder mehr redeten gleichzeitig vor sich hin. Josef fand einen freien Platz neben einem, dem die Wirbelsäule Probleme bereitete. Auch der beachtete ihn nicht, sondern brabbelte einfach weiter: „…Elektrotherapie, Hydrotherapie, Injektionen, Physikalische Therapie, Physiotherapie, Transkutane elektrische Nervenstimulation, Wärme, Salben, Rotlicht! Das wollen s` alles bei mir ausprobieren, und am Schluss bin ich paniert und werd` gefressen!“
Josefs Nachbar zur Linken wandte sich nun auch an den Gendarmen: „Bei mir sind sie nicht sicher, hab ich einen Spreiz-fuß, Knickfuß, Plattfuß, Hohlfuß oder Spitzfuß. Ja das gibt es alles, dabei hab ich aber nur zwei Haxen!“ – „Aspirant Josef Stocker in Ordination vier bitte!“, erlöste ihn vor den Vorträgen. Er hatte keinen Fuß der ihm vorgetragenen Sorte, sein Stütz-apparat war in Ordnung und mit einem freundlichen „Den Augenarzt können Sie extern besuchen!“, erklomm er die letzte Stufe zu den höheren Weihen eines Wartezimmerbesuchers.
Auf den dicht besetzten Bänken tummelte sich ein tratschender, summender und brummender Männerverein in der großen Vorhalle zur Urologischen Ambulanz. „Ach wieder ein Prostatabeschwerdeführer,“ wurde er von einem älteren Herrn begrüßt. „So jung schon und kann nicht mehr!“, lachte ein noch älterer Mann auf. „Ist ja nicht gesagt, dass er nicht mehr kann“, verteidigte ihn ungebeten ein anderer. „So ein Brunzstein ist schnell erworben, aber schwer angebracht!“ - „Er könnt ja auch ein Fall für die Nephrologie sein!“, ein richtig Gescheiter warf dies ein und fuhr gleich fort, als er in lauter ratlose Gesichter blickte: „Das ist die Lehre von den Nieren!“ – „Ja ja, ich bin auch ein Kretin-Patient“, sagte sein Nachbar. „Davon scheide ich zu wenig weg oder aus.“ - „Meinen sie Kreatinin?“, verbesserte sein besserwissender Nachbar. „Schon möglich! Ich hab`s nicht so mit den Fremdwörtern. Mit den Prostatinen hab ich auch Schwierigkeiten.“ – „Proteinen“, stöhnte der Nachbar. „Ist ja Wurst,“ sagte der Getadelte, „Weiß ja eh keiner, von was da die Ärzte reden. Plastikma und Hyperplastilin oder Gomorhö und Sybillie, kennt sich ja eh keiner aus außer den Ärzten. Dazu müssen s`auch so lange studieren!“
Da kam eine gut angezogene Dame in den Verein. „Na so was!“, sagte einer aus der Runde erstaunt. „Wir sind da bei der Urologie!“ - „Na und? Wir Frauen werden doch auch noch wiescherln dürfen!“ Sie setzte sich wie schutzsuchend neben den uniformierten, stillen Josef. „Männer!“, bemerkte sie, „dabei sind Blasenleiden etwas typisch weibliches. Mein Mann leidet nie beim Blasen, heißt auf Deutsch saufen, nicht dass jemand etwas Schlechtes denkt dabei!“ Josef grinste in sich hinein und es wurde etwas stiller im Rund. Da kam so ein Vierschrötiger aus der Ordination zwo und schimpfte laut vor sich hin: „Trinken soll ich so viel, literweise, aber keinen Alkohol! Ja was soll man denn saufen außer Bier und Wein? ‚Einen Tee‘, hat er gesagt, ich und Tee, da kriegt man ja einen Ausschlag! Vom Saufen ist meine Leber hin, dabei konserviert ja Alkohol! So ein Blödsinn!“ So krakelte er vor sich hin und verschwand um die Ecke. Der nächste Patient kam ratlos aus Ordination eins: „Ich soll mich aufnehmen lassen. Eine mollige Ulkus wollen s` finden. Antibio soll ich kriegen! Ich hab eh eine Mollige, aber die heißt Gretel!“ Der Gescheite lachte gequält auf: „Ulcus Molle heißt das! Ist eine Geschlechtskrankheit, weicher Schanker sagt man auf Deutsch! Waren s`vielleicht ohne Gummi im Puff ?“
Josef war froh, dass er aufgerufen wurde. Es ging alles einfach und schnell, mit Ultraschall schaute ein Arzt die Interna an und das war`s auch schon. Als Josef erneut hinaus kam, stierten ihm die Männer gierig entgegen. „Na, geht`s wieder?“, fragte einer. Josef grinste unverfroren: „Die hübsche Schwester hat sich schnell ganz ausgezogen und gleich war bei mir alles wieder in Ordnung!“ Sprachs und ließ die nachdenkliche Meute mit durchlöcherten Gehirnen und Schaum vor dem Mund zurück.


III)Das Attentat

Josef grübelte lange, wie er den geheimnisumwitterten Schützen des bedauernswerten toten Mädchens im Wäldchen wohl finden könnte. Während dieser Zeit vernachlässigte er wahrscheinlich emotional Ursula etwas, denn nach einer Woche stand sie plötzlich im Posten vor ihm: „Ja was ist denn los mit Dir? Du kommst nicht, ich hör nix von dir und anrufen tust auch nicht! Magst mi nimmer?“ Verstört und etwas gequält sah ihr Pepi sie an: „Entschuldige bitte! Freilich bist mir das Liebste auf der ganzen Welt! Aber mein Chef hat mich zum Bürodienst ver-donnert und da hab ich so viel Zeit zum Denken! Das geht wuchernd durch meinen Schädel, dass er manchmal schon weh tut!“ – „Sei froh, dass du noch Kopfschmerzen kriegen kannst! Bei vielen Leuten ist da drinnen nichts mehr, was wehtun könnte! Hab von deinem Chef noch nie gehört, dass der Kopfweh hat!“ Jetzt lachten beide sich wieder an und er nahm sie in die Arme. Da krachte die Türe zum Chefzimmer auf und der brüllte: „Sie sind im Dienst, Mann! Machen sie das in ihrer Freizeit! Raus! Drehen sie eine Runde zum Auslüften!“ Während sich Josef hastig fertig machte, wendete sich Ursula dem allseits unbeliebten Postenkommandanten zu: „Haben sie gewusst, dass sie nicht nur ein Ekel, sondern auch ein riesengroßes Arschloch sind?“ Dann ließen sie den stammelnden rotgesichtigen Mann stehen und bestiegen ihre Fahrräder. Ursula begleitete ihn eine Strecke auf der Nordtour, die hoch bis zum Klubhaus des Jagdvereines führte. Am Parkplatz des Vereinsgeländes drehte sie um, holte sich von Josef noch ein Abschiedsbusserl und ließ sich dann zu Tal rollen. Ihm dagegen war jedoch eine ganz hinterlistige Idee gekommen!
Der Jagdverein Berndorf ist Pächter einer Eigenjagd, der ‚Agrargemeinschaft‘ der Dörfer ringsum. Die ca. 4600 Hektar werden von ungefähr 50 Vereinsmitgliedern und zahlreichen Jagdgästen gehegt und bejagt. Im Revier kommen die üblichen Wildarten wie Wildkaninchen und Feldhasen, Rot- und Rehwild, Biber, Dachs, Wildschweine, Marder, Füchse, Iltisse, Rebhühner, Wachteln und Fasane vor. Die Mitgliedschaft im Jagdverein können laut Vereinsstatuten nur jene Personen erlangen, die im Besitze einer gültigen Jagdkarte sind und den ordentlichen Wohnsitz seit mindestens einem Jahr in Berndorf haben. Da der Verein schon seit 1968 besteht, obliegt ihm auch die Aufsicht über Kleinkaliberwaffen, die alle genau registriert und einem Besitzer zuordenbar sind, aber im Klubhaus und dessen Schießstand aufbewahrt und gesichert werden. Die großkalibrigen Langwaffen bewahrt jeder Jäger diebes- und kindersicher zu Hause auf. Soweit die Theorie nach den gesetzlich gültigen Vorschriften.
Josef inspizierte den Schießstand des lang gestreckten Vereinsgebäudes und ließ sich im Vereinsheim die gesicherten Aufbewahrungsschränke der Waffen zeigen. Zu seinem Er-staunen lagerten hier an die 60 Kleinkalibergewehre, die für Kleintierjagden und Schießübungen am vereinseigenen Stand ihren Besitzern ausgehändigt wurden. Allerdings hatten die Vereinsmitglieder alle einen Schlüssel zum Stahlschrank und konnten sich auch selbst bedienen. Josef ging vor zur Zielwand, an der eine kleine Stahlrinne die aufprallenden Projektile auffing. Ohne Absicht nahm er unbemerkt einige Geschoße an sich und testierte dem Aufsichtsorgan – gleichzeitig Kantinenpächter, dass er alles für in Ordnung befunden hätte.
Jetzt keimte ein ganz böser Gedanke in seinen nimmer-müden kleinen grauen Gehirnzellen auf. Er bohrte bei der Lichtung einer kleinen Waldschonung mit seinem privaten Schweizer Universalmesser in eine der hohen Fichten ein Löch-lein, stopfte eines der erbeuteten Geschoße hinein, verschloss das Loch mit harzigen Spänen und operierte dann die Kugel wieder heraus. Er barg das Geschoß in einem Plastiksäckchen. Dann wollte er einige Zeit abwarten, jedoch nach drei Tagen trudelte die Bestätigung ein, dass die Leiche vom Niederforst wirklich eine im nunmehrigen Mitteldeutschland seit mehr als acht Jahren vermisste damals Fünfzehnjährige war. Man hätte dies mit Hilfe der Röntgenbilder und Zahnschemata hundertprozentig fixieren können. Anette Frings hieß sie und war nach dem Mauerfall einfach ausgerissen. Aus Prag, Bratislava, Wien und Linz hatten die Eltern noch Kartengrüße erhalten, von da ab war Funkstille. Die Polizei hatte alle Nachforschungen eingestellt, da es dem Mädchen laut derer Mitteilungen gut ginge und sie die Welt bereisen wollte. „Und dann ist sie hier gestrandet und untergegangen!“, bitter sagte dies Josef zu seiner Ursula, die im hohen Gras wieder an einem Sonntag in seinen Armen lag. In solch innigen Augenblicken durfte er sogar zärtlich ‚Uschi‘ zu ihr sagen. „Dass sich kein Autofahrer auf diese Zeitungs- und Fernsehbilder gemeldet hat, der eine junge Autostopperin zu uns her mitgenommen hat?“ – „Erinnert sich nach so langer Zeit überhaupt jemand an eine so flüchtige Begegnung, an solch unwichtige Episoden?“ An diesem späten Nachmittag, als die letzte Sonne goldene Wolkenfäden in den tiefblauen Himmel spann, da fragte er sie, ob er ihr Mann werden dürfte. Nicht sie ‚seine‘ Frau, das hätte ihm zu besitzergreifend geklungen. Und die güldene Sonne malte weiter, während sie mit dem heißesten Kuss ihre Einverständniserklärung abgab.
Am Montag überraschte ihn sein Chef mit der An-weisung, die Senk- und Jauchegruben bei den Bauern des direkten Ortsbereiches auf ihre Sicherheit im Falle zu er-wartender Regenfälle zu überprüfen. Bei Erreichung von mehr als zwei Drittel der Füllmenge möge er über ihn, seinen Chef, die veterinärmedizinische Bezirksorganisation oder durch ihn die Feuerwehr zum Sanieren oder Auspumpen verständigen. „Und sie lassen dann wieder wie im Herbst ihre Freunde durch das Sieb fallen? Auch die, wie das ihr Freund, der Knoll Adi, selbstherrlich für seine Parteifreunde verlangt?“ Josef wartete keine Antwort des wutschnaubend Empörten ab, schwang sich auf sein Rad und begann ganz außen im Süden an der Ortsgrenze seine Tour. Diese erlaubten Schikanen seines Vorgesetzten berührten ihn kaum noch. Normalerweise hielt er sich auch aus den Scharmützeln zwischen der Partei seines Vaters und den anderen Fraktionen heraus. Jedoch das autoritäre Verhalten seines Vorgesetzten ärgerte ihn. Er kannte ja schon die Freunde des Chefs und wollte erst diese überprüfen, ob sie seinen Anordnungen im letzten Herbst Folge geleistet hatten. Diese Mauscheleien waren ihm zutiefst zuwider, kamen sie nun vom Chef, seinem Vater oder dem schönen Adi. Das war ihm völlig egal, er verabscheute diese Gesetzesverbiegungen.
Schon beim ersten Bauern am Hübel wurde er neuerlich fündig. Bereits beim Hinsehen auf den Verschluss der Jauche-grube konnte einem übel werden: Zwischen den Betonringen und dem nicht abgedichteten Deckel floss ein dünnes Rinnsal an Jauche und Unrat hinunter zum Bürstenbach, in dem weiter unten in den heißen Sommern die Kinder planschten und auch daraus tranken. Außerdem würde da einiges ins Grundwasser versickern. In den Dorfweiher gelangte das Wasser des Bächleins ebenfalls. Josef rief seinen Chef und gleichzeitig den Feuerwehrhauptmann an. Er schilderte die Zustände und sein Chef sagte: „Dort hab`ich sie doch gar nicht hingeschickt! Lassen sie mir den Hübelbauern in Ruhe! Wird schon nicht so schlimm sein …“, und der Feuerwehrboss: „Wir kommen! Ich verständige die Sanitärabteilung des Landes auch gleich!“ Am Hof war nur der Altbauer, ein als sehr zänkisch bekannter alter Mann, bei dem es nicht Wunder nahm, dass ihm schon vor ungefähr fünfzehn Jahren seine um sehr vieles jüngere Frau durchgebrannt war und nicht mehr gesehen wurde. Josef fragte ihn, wer denn für diese Sauerei hier verantwortlich sei. Der Alte jedoch stürmte wortlos ins Haus und bald ragte eine doppelläufige uralte Flinte durch das Fenster. Der Sanitärnotdienst hatte im Bezirk natürlich eine Zweigstelle und bald hörte man die Sirene des Einsatzwagens. Dahinter fuhren ein Tankwagen der Feuerwehr und das Gendarmerieauto. Jetzt hatte auch sein Chef begriffen, dass es doch schlimm sein musste und nahm auch gleich den Parteifreund Adi Knoll zur Unterstützung mit. Der hätte ja damals … - „Aber nie im Leben!“, pfauchte ihn der Gemeinderat an, „ich hätte doch so etwas niemals … !“ Josef salutierte und führte den Amtsarzt und dessen Mitarbeiter zur Jauchegrube. „Ein Wahnsinn!“, entfuhr es dem Arzt, „der verseucht uns ja alle Hausbrunnen!“ Der Feuerwehrkommandant erfasste sofort die Lage und forderte zwei Tankwagen der Müllentsorgung und eine technische Kommission aus der Hauptstadt an. „Wie lange geht das denn schon so?“ – „Wegen der mehr als üblichen Füllmenge habe ich den Bauern schon im Herbst angezeigt, aber mein großer Chef meinte, das sei nicht so arg und hat die Meldung unter den Tisch fallen lassen. Was konnte ich da als kleiner Vertragsbediensteter und Aspirant schon machen? Nest beschmutzen? Herr Gemeinderat Knoll sagte außerdem, ich solle das Maul halten! Aber jetzt liegt ja eine offensichtliche Gefährdung der Öffentlichkeit vor!“ – „Herr Revierinspektor!“ Der Amtsarzt wandte sich wütend an den Postenkommandanten, aber der stiefelte hinüber zum Haus: „Geh Hübelbauer! Sei net blöd! Ich komm jetzt ..!“ aber weiter kam er nicht, weil aus der Uraltwaffe ein Schuss knallte und der tollkühne Dummkopf zusammenbrach. „Meine Tasche!“, schrie der Arzt und sprintete zum Zusammengebrochenen. Josef riss die Pistole aus dem Halfter und gab einen Schuss in die Luft ab. „Der Nächste trifft genau! Kommen sie heraus, Hände zum Himmel!“ Kreidebleich, stotternd und stammelnd kam der Altbauer heraus: „Des hab i alles net wollen! Oba (Aber) der is so a Sau! So a Sau is der! Und der Adi a! Des wollt i oba do goa net!“ Auf einen Wink legte Josefs Kollege dem zitternden Alten Handschellen an und der Herr Aspirant übernahm ungewollt die Führungsrolle. Mit Blechwannen und rundum Sandsäcken versuchten die Feuerwehrmänner, den Abfluss der Jauche zu stoppen. Aus den riesigen Stallanlagen wurde automatisch ständig Zufluss produziert.
Jetzt trafen nacheinander zwei Tankwagen, Rettung mit Begleitarzt, Sanitärnotdienst sowie die technische Kommission aus der Hauptstadt ein. „Gewehreinschuss unterhalb Schlüssel-bein rechts, vermutlich steckt das Geschoß im Schulterblatt innen. Der Patient hat die Blutgruppe 0 negativ. Impfpass und Krankenkassenkarten in der Brieftasche, er ist durch die Krankenkasse der Bundesgendarmerie zusatzversichert.“ Kurz und prägnant kamen die Erklärungen und der stöhnende Ver-letzte wurde verpackt und abtransportiert. Eine Notinfusion sollte die Folgen des Blutverlustes kompensieren. Inzwischen pumpten die entsetzten Spezialisten der Müllentsorgung die betonierte Senkgrube aus. Man wollte sie ganz entleeren, um eventuell beschädigte, undichte Stellen finden und notfalls sanieren zu können. Die Pumpen aus den Stallungen lieferten ihren Ertrag in einen zusätzlichen Tankwagen ab. Jetzt traf auch das Bauernehepaar ein und war entsetzt über den Auflauf und die Katastrophe, für die sie natürlich nichts konnten: „Freilich, geronnen ist es schon, aber das Zeugs is ja eh net giftig!“ - „Baden sie auch in Scheiße?“, fragte der Amtsarzt, „aber die Kinder da unten, die dürfen sie sogar saufen?“ Vor dieser Logik kapitulierten die Eheleute, aber Josef setzte noch hinzu: „Für den Aufwand und notwendige Tanksanierung bekommt ihr eine ziemlich geschmalzene Rechnung!“ – „Und natürlich eine Anzeige wegen Umweltverschmutzung und Allgemeingefährdung! Die Stallungen sind ab sofort gesperrt! Sorgen sie für den Abtransport der Tiere“, setzte der Amtsarzt noch hinzu.
Plötzlich gab es aus dem Senksilo ein unmenschliches Gebrüll. Zwei Spezialisten in Schutzanzügen kamen aus dem nun leeren Depot mit den Atemmasken hochgeklettert, rissen sich diese vom Gesicht und begannen würgend zu erbrechen. Es dauerte einige Zeit, bis der eine sprechen konnte: „Da unten liegt a Leich!“ – „Net schon wieder!“ Wo Josef hinkam, dort stolperte er über Tote. Er funkte seinen Kollegen Florian an, damit der vom Posten aus die Kriminalabteilung der Landesgendarmerie anrief und den Fund eines unnatürlich zu Tode gekommenen Menschen meldete. Noch am Nachmittag kam der schon bekannte Kriminalist Major Krämer samt Tross und begrüßte Josef fast schon freundschaftlich. Der Pathologe bat um Atemmaske und Schutzanzug. Dann stieg er in die Betongrube. Bald kam er wieder zurück: „Sehr interessant! Da unten liegt eine sogenannte Wachsleiche, im Licht des Handscheinwerfers würde ich sie weiblich einordnen, so seit 10 bis 20 Jahren da unten! Damit sie unten blieb, hat man ihr einen vollen Zementsack auf den Rücken gebunden. Der ist jetzt steinhart geworden. Die Verwesung in Flüssigkeiten und damit Luftabschluss verläuft ja viel langsamer als im lockeren Erdreich oder voll begraben. Eine Wasserleiche bildet ja ebenfalls nach einiger Zeit durch chemische Reaktionen eine seifenartige Substanz aus, welche die Körperform erhält und den Leib langsamer verwesen lässt. Diese Erscheinungsform einer sogenannten Wachsleiche ist auf in feuchten Gebieten angesiedelten Begräbnisstätten zu einem großen Problem geworden, da die Verwesung die vorgesehene Ruhezeit von ca. 30 Jahren zum Teil drastisch überschreitet. Sackt sie bitte ein und ab in die Prosektur!“ Der Kriminalist und Josef sahen einander an: „Das tun wir uns nicht an! Wir bekommen ja Fotos!“ – „Sind schon da!“, sagte der Pathologe und zeigte die Blitzaufnahmen an seiner ganz neuen modernen Digitalkamera. „Mir schwant etwas! Die angeblich abgepaschte Frau des Altbauern. War damals ungefähr Fünfunddreißig!“ – „Könnte hinkommen. Näheres und Todesursache nach der Obduktion!“ Josef sinnierte weiter: „Das war aber sicher nicht der Altbauer! Der hätte sie erschossen oder erschlagen und die Leiche zerstückelt an die Schweine verfüttert! Ich glaube, da müssen wir einen ganz anderen Ansatzpunkt suchen!“ – „Und das ist dann wieder mein Job!“, fiel ihm der Kriminalist in seine Gedankenkette. „Bitte Sie aber um alle zweckdienlichen Hin-weise! Ich hab überhaupt nichts gegen engagierte Mitarbeiter, auch wenn sie noch ein paar Tage ‚nur‘ Aspiranten sind! Über-nehmen Sie vorläufig bis auf höhere Weisungen die Leitung des Postens!“
Nach Dienstschluss besuchte Josef seine Liebste. Ursulas Eltern hatten nichts dagegen, dass sich ihre einzige Tochter in den Schanti verschaut hatte. Als Sohn des größten Bauern und Beamter hatte er Zukunft und finanzielle Sicherheit. Ihr ‚Häusl‘ könnten sie ja einmal ausbauen, einige unbewirtschaftete Grundstücke außerhalb des riesigen Gartens würden sie für diesen Zweck veräußern und von daheim schießen sie dem feschen Pepi sicher auch etwas zu! Der zukünftige Schwiegervater schenkte dem Jungen aus der Flasche selbst gebrannten Nussschnaps nach. Den konnte der jetzt gut gebrauchen, nachdem bei den Bildern der wabernden stinkigen Brühe und der Senkgrubenleiche die Nerven noch immer leicht vibrierten. Ursula hatte sich an ihn gekuschelt und half ihm nach besten Kräfte, sein inneres Gleichgewicht wieder zu finden. Plötzlich riss er sich zusammen und fragte: „Am Montag fahre ich für drei Tage nach Linz! Ich werde überstellt in den Volldienst, erhalte meinen Inspektor und den neuen Kragenstern sowie eine Belobigung, alles im Landesgendarmeriekommando! Bei meiner Tante können wir unterkommen, die hat eine große Altbauwohnung mit zwei Kabinetten! Willst du?“ –„Aber nicht, dass ihr zwei vor der Hochzeit …!“ Die Mutter war ehrlich besorgt. „Aber Muttchen, wo denkst du denn hin! Ich möchte doch ehrlich in Weiß heiraten, ohne schlechtes Gewissen oder schon mit rundem Bäuchlein!“, lachte Ursula sie an. Dass sie schon in Josefs kleiner Wohnung mit den notwendigen Vorkehrungen und so … Das verschwiegen sie lieber. Besser Maul halten! Ein Vorschuss auf eheliche Freuden gehörte sich einfach nicht und beichten hätten sie das dann auch noch müssen! Und dafür konnte der indische Pfarrer zu gut Deutsch, und …
Also gondelten die Glücklichen am Sonntag mit dem letzten Autobus in die Landeshauptstadt. Die Tante Josefs war großzügig und bedankte sich für die große, schimmernde, ver-führerisch duftende Flasche Eierlikör aus Eigenproduktion der Stockers und begutachtete Ursula von unten bis oben: „Fesch! Wirklich fesch!“, war schließlich ihr Urteil. Dann zog sie sich mit dem Geschenk zurück in die Küche und ließ die ‚Jugend‘ alleine. Die drehten noch eine Runde über die leere Herrenstraße, die noch leerere Spittelwiese und die ganz leere Landstraße und zogen sich dann in ein Kabinett zurück – das Zweite hatte die welterfahrene Tante gar nicht hergerichtet. Am nächsten Morgen, nach Frühstück in einem Kaffeehaus, traf Josef pünkt-lich im Kommando ein und meldete sich wie befohlen in der juristischen Abteilung. Dort erhielt er seinen Vertrag als Gendarmeriebeamter und die vorläufige Bestellung als stellver-tretender Postenkommandant bis zur Genesung des Posten-inhabers. Als Maturant genoss er jetzt den Vorzug gegenüber seinem Freund Florian. Dass der Chef kaum mehr in den Dienst zurückkehren würde, das wussten zwar alle, nahmen dies aber nach gut österreichischer Sitte sowie Tradition erstmal gar nicht zur Kenntnis. Auf dem Rückweg traf Josef neuerlich mit Major Krämer aus der Kriminalabteilung zusammen. Der begrüßte ihn fast freundschaftlich und fragte, was es mit dem Pflaster über der linken Schläfe auf sich hätte. „Ach nix! Irgend so ein Blöder hat mit einem Kleinkaliber herumgeballert und hat mich ge-streift! Fast ein Attentat!“ Er log mit seiner Blitzidee munter drauf los: „Ich hab aber das Geschoss aus dem Fichtenstamm rausgeholt! Wenn man die Waffe hat, kann man das Projektil zuordnen?“ Major Krämer nickte bejahend und Josef schmiedete das heiße Eisen: „Im Schützenvereinshaus sind an die 60 Gewehre dieses Kalibers versammelt und die Restlichen müsste man an Hand der Besitzkarten eruieren können. Bei einer konzertierten Aktion könnte vielleicht auch der Todesschütze des unglücklichen mitteldeutschen Mädchens eruiert werden!?!“ Überrascht blickte der Major seinen jungen Kollegen an: „Sie nehmen sich als Aufhänger und klären ein Tötungsdelikt! Genial! War das an der Stirn ein Stacheldraht?“ – „Eine Rosenranke bei einem Kuss unter Blüten! Hier ist das Projektil aus dem Fichtenstamm! Etwas Harz ist auch noch dran!“ Verschwörerisch grinsend nahm Krämer das Säckchen entgegen und brummte mit einem Augenzwinkern: „Wir bleiben aber offiziell bei ihrer Attentatsversion! Die Anzeige gegen Unbekannt habe ich vorläufig mündlich entgegengenommen! Damit bekommen wir von jedem Staatsanwalt und Richter sämtliche Durchsuchungs-anordnungen! Das haben Sie ja mit Ihrer Aktion bezweckt, Sie Schlaumeier!?! Nachher lassen wir das einfach unterm berühmten Teppich der Exekutive liegen! Am Donnerstag steigt die Fete in Berndorf, acht Uhr früh!“
Ursula und ihr Josef genossen die Tage wie einen Urlaub. Am Dienstag freute sie sich bei seiner Ernennung zum Gendarmerieinspektor und der Belobigung durch den Brigadier der Landesgendarmerie, der die jungen, klugen und gut ge-bildeten und ausgebildeten Gendarmen hervorhob: „Die oft angekündigte Umwandlung in eine Polizeieinheit wird schon an den Bildungsunterschieden scheitern!“, konnte er sich einen Seitenhieb auf die Polizei, welche es ja nur in den Hauptstädten gab, nicht verkneifen. „Denn was auch draufsteht, Gendarmerie wird immer drinnen sein!“
Jetzt war ihr Josef endlich wer und einer Heirat stand nichts mehr im Wege. Ein kleiner Rausch erfasste Ursula und sie jubelte sich durch einen Einkaufsbummel über die Landstraße, wobei sie mehr ausgab, als sie wollte. Aber die Tante hatte ihr noch einen Schilling-Hunderter zugesteckt. Wohl sollte ab 2002, also in drei Jahren, nur mehr der Euro gesetzliches alleiniges Zahlungsmittel sein, der seit 1. Jänner 1999 in Österreich ein-geführt worden war. Der Schilling jedoch übertraf ihn damals an Beliebtheit noch bei weitem.
Am Mittwoch fuhren sie mit dem Postbus wieder nach Hause und Josef begab sich gleich zum Posten, in dem er auf einen sehr missmutigen Kollegen Florian traf, dem Knochen-spieler, wie sein Chef gesagt hatte. Er legte das Beglaubigungs-schreiben als stellvertretender Postenkommandant bis zur Neubesetzung vor und sagte: „Ich habe zwar dem Brigadier gesagt, dass Du die älteren Rechte hättest, aber er ließ sich nicht überzeugen. Am Montag bekommen wir einen neuen Aspiranten und vielleicht sogar einen zweiten. Tut mir echt leid, dass sie Dich übergangen haben!“ – „Lass nur,“ erwiderte Flo, „ist schon gut so. Die vier Tage da alleine, quasi als Chef, die haben mir schon gereicht! Bis in die Nacht bin ich über den Listen, Berichten und Anzeigen gesessen! Mit unserer alten Schreibmaschine und meinem Adler – Suchsystem: dreimal kreisen, einmal stoßen! Aber den Kaninchendiebstahl beim Kogler - Bauern, den hab ich geklärt! Unsere Jungschargruppe brauchte fürs Lagerfeuer Fleischspießchen. Spieße hatten sie, aber kein Fleisch! Also …!“ – „Bravo!“, quittierte sein neuer Boss diese Glanztat. „Der Pfarrer soll sich das mit dem Kogler ausschnapsen und Du bekommst einen Gutpunkt samt Belobigung im Computer. Mit dem stehst ja ein bisserl auf Kriegsfuß?“ Florian nickte heftig: „Der Blechkasten ist mir unsympathisch. Der weiß Sachen, von denen ich nicht einmal den Namen kenn`!“ Beide lachten und das gute Einvernehmen war wieder hergestellt. Josef zeigte seinem Kollegen noch schnell, wie man im Computer zu den Formularen und Blankoberichten kam. „Da brauchst nur Namen und Delikt ein-fügen und auf Speichern klicken. Neuen Titel über das ganze! - Siehst du, so ist der Bericht zum Kaninchendiebstahl schon fertig. Speichern und ausdrucken! Schau her! Lochen und ab damit in den Ordner!“- „Das macht ja Spaß und Laune!“ Florian war begeistert und machte sich über die Tagesabschlussarbeiten her. „Warum zeigt uns denn das keiner?“ – „Werde dir noch mehr präsentieren, wenn Ruhe einkehrt. Morgen wird’s lustig! Sieben Uhr dreißig Dienstbeginn!“ Fragend schaute ihn Florian an, aber Pepi grinste, salutierte und rauschte ab zu seiner Ursula.
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