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Literaturforum Österreich :: Thema anzeigen - Onkel Adolf
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Onkel Adolf


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Lothar
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Beiträge: 1313
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BeitragVerfasst am: 27.09.2017, 11:27    Titel: Onkel Adolf Antworten mit Zitat

Onkel Adolf, er hieß tatsächlich so, das kommt erschwerend hinzu, erklärte dem Fünfjährigen, man dürfe Hummeln töten, denn sie seien, anders als zum Beispiel Bienen, nutzlos für uns Menschen. Töten wir sie nicht, fressen sie den Nützlichen das Futter weg und wir schauen, den Honig betreffend, in die Röhre.
Vater vergiftete Ameisennester mit Chemikalien, die Großeltern sammelten Schnecken vom Salat und warfen sie achtlos den Hühnern hin, die sich wild gackernd auf die Leckerbissen stürzten. Später, nachdem sie genügend Eier gelegt hatten, wurden sie geschlachtet. Manchmal auch stand Opa Konrad im Morgengrauen auf, ging mit einem Spaten in den Garten, und rammte diesen ins Genick eines Maulwurfs, zerstach jenem sein Rückgrat, der bloß einen Gang nach oben anlegen wollte und keine Ahnung hatte, daß er mit den zahllosen Hügel den Garten in Unordnung brachte.
Opa Konrad hatte noch eine weitere Spezialität: er zerdrückte mit seinem Daumen gern Wespen an den Fensterscheiben, ohne daß diese ihn zu stechen vermochten. Auch stand in den Sommermonaten immer eine offene Bierflasche mit einem Essig-Zuckergemisch in der Küche, was Wespen offenbar liebten - sie flogen hinein und kamen nicht mehr lebend heraus.

Als Kind hat man da zwei Möglichkeiten: entweder man passt sich an, lernt und eifert den Erziehern nach, übertrifft sie wömöglich noch, um ein gutes dh. gesellschaftlich anerkanntes Familienmitglied zu werden - oder man erschrickt zutiefst, macht sich Gedanken darüber, was da nicht stimmt. Das ist für ein Kind nicht leicht, schließlich fehlen in jungen Jahren die Worte, um es im Sinne einer Klärung verständlich artikulieren zu können.
Bei mir wurde das durchs Empfinden ausgeglichen, das mir auf dem Weg übers Gewissen suggerierte: Töten ohne Not ist Sünde. Ohne es zu wollen, versetzte es mich wieder und wieder in die Lage der zum Tode Verurteilten und litt gerade so darunter, als vollzöge es sich an mir.
Aber so eindeutig gut oder schlecht sind die Dinge halt nie im Leben. Dieselben Menschen, die so achtlos töteten, liebten mich doch auf ihre Weise. Onkel Adolf steckte mir heimlich manche Münze zu, von den Großeltern gabs zu Geburtstag und Weihnachten einen Mechanik-Baukasten (- aus mir, dem Träumer sollte mal "was" werden, nachdem ihre beiden Söhne in der Ukraine gefallen waren) und von Mutter kam sogar der Spruch: "Was du nicht willst, was dir man tu', das füg auch keinem andern zu."

Übers Empfinden verständlich reden hörte ich erstmal wieder bei Wolfgang Döbereiner, dem Lehrer der Münchner Rhythmenlehre. Da war ich schon über 21 Jahre, Opa, Oma und Onkel Adolf an Krebs gestorben und Vater litt bereits an Alzheimer.
Döbereiner lehrte, daß je drei Tierkreiszeichen einen Verbund bildeten, wie die drei Monate einer Jahreszeit. Zum Beispiel Krebs, Löwe und Jungfrau: Das Zeichen Krebs und seine Entsprechungen Mond und das vierte Haus bewirken, daß wir etwas "in uns" finden können, tief im Gemüt schlummernd. Ohne die Möglichkeit seines Bergens blieben wir seelenlose Plasmahaufen. So nämlich, wie der Mond das Sonnenlicht reflektiert, so vermögen wir in uns das zu finden, was uns angehört. Das was wir in uns finden, nennt die deutsche Sprache Empfindung.
Was ich empfand, lieber Onkel Adolf, während Du eine Hummel nach der anderen zertratest, die zuvor noch an der Sonnenblume saugten, ist unendliches Mitleid mit Dir und Deinem Opfer, die ihr euch kreisläufig bedingt, wie der Metzger und sein Schwein. Wobei der Vergleich hinkt: so eine Hummel, die rein vegetarisch lebt und ihren Stachel niemals ohne Lebensgefahr nutzt, ist ein so wunderbares Wesen, mit ihren kleinen Stummelflügelchen, ihrem goldbraunen Pelz und dem sonoren, ja fast erotischen Brummen. Kaum vorstellbar, daß von ihr ein Leid ausgehen soll.
Auf das Krebs-Empfinden folgt dann das Ausdrücken, das ist der Löwe, die Sonne, das 5. Haus, Dein Sonnenzeichen, o Onkel mit dem geschichtsträchtigen Vornamen. Du hast das Verweigern des Empfindens zum Zeichen gemacht im Ausdrücken von Hummelleiber. Dabei hätte ich etwaiges Leid in Deinem Empfinden, weswegen Du es verdrängtest, mit Dir getragen, wenn es Dir zu schwer geworden wäre. ...
Ich drücke mich aus, so gut ich es kann und es bereitet mir Freude und Leid - und daß Du zum Ausgleich einen Krebs als Krankheit ertragen musstest, das schmerzt mich immer wieder neu. Aber irgendwann ists genug und du gehst den Weg der Lethe bis in den nächsten Mutterleib, um des Empfindens willen.
Auf den Löwe folgt die Jungfrau, Merkur und Haus 6 - die Vernunft, das Anpassen der Bedürfnisse an die Möglichkeiten - die Früchte müssen eingelagert werden. Weiter dringt heute im eisernen Zeitalter kein Mensch mehr in sich - sein Eigentum und die eigene Art der Wahrnehmung. Die Menschen seit Kant verwechseln Vernunft leider mit Weisheit. Der Vernünftige wird niemals weise handeln. Doch was Du, o jungfräulicher Opa, mit den Lebewesen gemacht hast, läßt menschliche Regungen erst dort erkennen, wo Dir der Tod der Söhne im fremden Land mitgeteilt wurde. Hättest du diesen Schmerz angenommen, ihn getragen wie ein König die Krone, so hättest du nicht aus Enttäuschung soviele stellvertretend töten brauchen, womit immer neues Leid für die Zukunft gesammelt wird.
Diese drei Zeichen bilden den seelischen Verbund. Das heißt: Was empfunden wird, drückt sich je nach dem Fund aus. Wird nichts gefunden, streckt man die Fühler in den Raum hinaus, wodurch sich nichts am Empfindungsmangel ändert, nur die äußere Welt - als Spiegel der inneren Hohlheit - wird malträtiert: finde ich nichts im Inneren, muß ich draußen suchen, immer weiter draußen, auf Alpha Zentauri oder im Atombaustein, in den Weltkollektiven etc. etc.
Daß ohne Unvernunft keine Vernunft existiert, wissen die Weisen und bleiben gelassen. Sie lassen das Sein sein, wie es ist. Aber das Bewußt-Sein ist ein anderer Verbund.
OM MANI PADME HUM
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georg
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BeitragVerfasst am: 28.09.2017, 12:00    Titel: Antworten mit Zitat

Om mani padme hum!
Das kann ich vorbehaltlos bestätigen.
Was andere highlights dieser besinnlichen story betrifft ... mein Gott ... du hast ja den Text nicht deshalb eingeklopft, dass ich ihn 1:1 bestätige, sondern weil es dir ein Bedürfnis war.
Was Adi betrifft, so ist es irgendwie schade, dass "Edelwolf" so in Misskredit gekommen ist. Beowulf, der Bienenwolf, ist nicht verpönt, aber Adolf leidet unter dem unseligen Schicklgruber.
Eine Art peiorativer Bedeutungswandel, wie Weib, Kerl oder Dirne.
Eigenartig, dass "Josef" nicht merklich unter dem Blutsäufer Stalin gelitten hat.
Und Kim Novak nicht unter dem weisen koreanischen Staatslenker Kim.

Ich bilde mir ja ein, dass Namen Schall und Rauch sind.
Aber der Adi-Aunkl wird schon gewusst haben, warum er so hieß.
Hummeln abzutöten, ist mir jedenfalls eine unerträgliche Vorstellung.
Andererseits ... ein unerforschliches Prinzip, das die meisten Menschen "Gott" nennen, hat diese Welt so erschaffen, mit ihren Wesenheiten. "Er" hat die Hummeln geschaffen, und den Adi und den Adi.
"Gut" und "Böse" sind für mich relativer als die spezielle Relativitätstheorie (von der allgemeinen verstehe ich nicht viel).

Viele Grüße
aus Moralistabad
georg
_________________
.
Georg Rack, Aufbruch der Kerfe
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Lothar
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BeitragVerfasst am: 28.09.2017, 19:24    Titel: Antworten mit Zitat

Du lebst also immer noch und das freut mich sehr. Müsstest Du nicht in Kürze die 100 Lebensjahre voll haben, Georg? Ich hab da so eine Theorie, warum die Atheisten alle so alt werden: jeder bekommt vom Himmel die Chance zur Einsicht und bei Ungläubigen dauert's halt entsprechend länger.
Wie dem auch sei, ja, ein Bedürfnis war es mir, wie Pinkeln.
Daß der Josef sich hält, hängt auch mit dem Katholizismus zusammen. Es hieß ja nicht nur der böse Stalin so, sondern der Goebbels war auch nicht besser.

Kim Novak - also, wer ist das denn? Ja gut, ich weiß es schon. Aber heute heißen die Kims Kardahshian oder so.

Gut und böse relativ? Ich weiß, was Du meinst und würde eher sagen, sie bedingen sich.
Danke für Deine langmütige Güte.
Wie ich gerade gesehen habe, wurde seit meinem letzten Hiersein eine Flut von neuen Aphorismen eingestellt. Vielleicht greife ich das mal thematisch auf.
Viele Grüße aus
... verdammt, wo bin ich hier ... muß mal fragen ... am Ufer des Acheron sagt einer ... und ich solle endlich zu wehklagen anfangen. Die Fähre hat auchschon wieder Verspätung, weil Charon besoffen ist ... Das wäre vielleicht ein Job für mich ...
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georg
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BeitragVerfasst am: 28.09.2017, 21:01    Titel: Antworten mit Zitat

.
Lieber Lothar, dieses dein reply ist zwar kein Text, aber eine Textkritik . . . naja, nennen wir es höflich Textbesprechung . . . kann dieses Etwas schon vertragen.

Erstens ... auf die Frage, ob ich noch lebe, gäbe es zahlreiche Antworten. Ich erwähne nur eineinhalb davon. Eine gibt das schöne Lied "Lebt denn der alte Holzmichl no ,,, jo er lebt no."
Die halbe Antwort streiche ich wieder, denn sie fiele zu lang aus. Geschwätzigkeit kann ich nicht ausstehen. Winken

Das mit den 100 Jahren ist unwahr. Wahr ist vielmehr, dass ich dich, guter Lothar, gerade fragen wollte, ob du schon die 99 geschafft hast. Hundert wird unnötig hochstilisiert ... liegt nur daran dass ein menschenähnliches Wesen zehn Finger hat. Hab mehrere Drabbles verdrabbelt, in denen es um diese Angelegenheit geht ... glaub, die Dinger heißen Metadrabbles.

....

Josef Stalin war der zweitmächtigste Mann der Welt ... Joseph Goebbels war eine Karikatur ...

....

Dass mir Kim Novak und nicht Kardaschin eingefallen ist, zeigt, wie gering die Anzahl der Jahrzehnte ist, die mich noch vom Hunderter trennen. Wie hieß doch der Arzt, nach dem der Altersblödsinn benannt ist? Es will mir einfach nicht einfallen ...

....

Gut ... böse ...
Vor fast zehn Jahren, als ich altersnaturgemäß noch besser drauf war, hab ich zu diesem Thema ein eher kurzes Gedichtlein fabriziert (ich suche es jetzt nicht mühsam heraus). Es fing so an:
Ich fragte das Gute "Wie geht es dem Bösen?
Ich hab schon lang nichts mehr von ihm gelesen."
Dann gehts so weiter: Das Gute erzählt, es habe das Böse besiegt.
Kurz darauf treffe ich das Gute wieder, und es schaut todkrank und kaputt aus und sagt "Ich glaub ich krepier", weil es ohne das Böse nicht existieren kann.

....

Und was die Aphorismen betrifft, hab ich sogar zwei Vermerke.

1)http://www.literaturforum.or.at/forum/viewtopic.php?p=60764#60764
. . . in der Rubrik: Limericks und Schüttelreime . . .

2) Wacker sei der Hesse, aphorhythmisch, nur Mut!
Aphoritisiere nach Herzenslust, lieber Lothar, du wirst dir in diesem verstaubten Archiv keine Staublunge holen, es ist ja nur virtuell. Und wenn, ists auch egal, in deinem Alter gehst du vorher an x anderen Leiden ein, ehe die Staublunge dir endgültig den Garaus macht.

Viele Grüße
aus Tuberkelabad
georg
_________________
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Georg Rack, Aufbruch der Kerfe
http://www.amazon.de/Aufbruch-Kerfe-Georg-Rack/dp/3844881921/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1322065044&sr=8-1
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