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georg
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Anmeldedatum: 22.02.2008
Beiträge: 12859

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BeitragVerfasst am: 04.11.2017, 20:41    Titel: Home-invasion Antworten mit Zitat

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Es begann mit der Eierspeispfanne.
Oder, genauer gesagt, mit dem Traum von dieser Pfanne.
Ich hörte im Traum, wie die Gußeisenpfanne ausgekratzt wurde. Die Geräusche kamen wie aus weiter Ferne, aber in Ausnahmefällen habe ich einen leichten Schlaf.
Material zum Reste wegschaben war reichlich vorhanden, denn ich hätte am Vortag nicht das ganze Dutzend Eier in die Pfanne hauen sollen. Nachdem ich etwa drei Viertel der Speiseeier Größe XL eingelöffelt hatte, trat so etwas wie Sättigung ein, und die Pfanne blieb unausgeleckt.
Der Rühreitsunami hatte sich ergeben, weil sämtliche anderen Familienmitglieder auf Reisen oder verstorben waren. Infolge Abwesenheit der mit mir verheirateten Frau musste ich eigenhändig kochen. Und andere Mitglieder waren ohnehin nicht präsent, unsere Töchter waren schon vor Jahren abtrünnig geworden.

Die Kratzgeräusche dauerten an, und ich erwachte.
Es war vier Uhr früh, und ein schmaler Streif Dämmerung hatte sich bereits eingefunden.
Im ersten Wachmoment war mir bereits klar, dass etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Ob sich die Eierpfanne selbständig säuberte, oder ob ein Vampir das Fliegengitter zu überwinden suchte, eines stand fest: theoretisch konnte kein lebendiges Etwas anwesend sein.

Ich glitt (wie ich glaubte lautlos) aus dem Bett, begab mich auf Zehenspitzen zur Tür des Schlafgemachs und lauschte Ohr auf Holz.
Mir wurde klar, dass die Pfanne an der Störung unschuldig war, und die hundert Gramm Restei desgleichen.
Die Kratzgeräusche, die sich mit Gepolter mischten, kamen aus dem Wohnzimmer.
Hätte mich nicht schon vor Jahren einmal ein Einbrecher heimgesucht, so hätte ich wie damals zu brüllen begonnen: "Was ist los?", "Wer ist da?" usw.
Aber Schaden macht klug. Nicht so klug, dass ich sofort den Polizeinotruf gewählt hätte. Das lag aber nicht nur daran, dass es schon wieder an Klugheit fehlte, sondern am Ladezustand meines Mobiltelefons ... wieder mal vergessen, dass es ein Netzgerät gibt ...

Und so entschloss ich mich zu Plan B.
Klammleise holte ich aus dem hintersten Winkel des Kleiderschranks die Schrotflinte. In der untersten Lade der Kommode ertastete ich zuerst die Schachtel mit der Rehpostenmunition, aber die ließ ich liegen und griff zu den Gummipatronen. Drei Stück davon in die Kammern des Schrotdrillings, durch den ich vor zwei Jahren die ordinäre Doppelflinte ersetzt hatte, den vierstelligen Anschaffungspreis nicht scheuend.
Ich hatte zwar gehört, dass auch ein Gummischuss dem Ziel den Kopf wegbläst, aber Steinsalz war nicht zur Hand.

Im Vorraum war schon zu sehen, dass der Einbrecher oder die Einbrecherin systematisch vorgegangen war. Die sonst auf der Hutablage stationierte Einkaufstasche lag umgestülpt auf dem Fußboden, aller Inhalt verstreut, wie auch die ebenfalls umgestülpte Einkaufsgeldbörse, der Kreditkarten, Bankomatkarte und auch meine e-card, ja sogar der Mitgliedsausweis des Schachvereins entwendet worden waren. Und dass der Schuft den Reservezwanziger in bar verschmäht hätte, konnte man auch nicht behaupten.

Durch die Milchglastüre zum Wohnzimmer war zu sehen, wie eine verschwommene Gestalt in unserer schönen Jugendstilkredenz wütete.
Gleich nebelhaften Trollen flogen dem Gauner unbrauchbare Gegenstände durch die Luft, die er ähnlich einem Maulwurf hinter sich warf, den Kopf tief im Unterschrank versenkt.
Außer dem Rumoren vernahm ich jetzt einen mühsam unterdrückten Jubelschrei, denn er hatte offenbar die Keksdose mit dem Familienschmuck entdeckt. Er konnte ja nicht wissen, dass schon meine Vorfahrerinnen eitlem Tand abhold gewesen waren. Sie zogen es vor, in Aktien und Bargeld zu investieren, und nicht in Zirkonringe oder Bernsteinketten. Das wertvollste Stück war noch die silberne Taschenuhr meines Uhrgroßvaters (deswegen hieß er so).
Und sogar diese fiel als lohnendes Beutestück praktisch aus, denn als ein bisher noch nicht erwähnter Dieb vor Jahren die Silberuhr in der Pfandleiheanstalt zu Geld machen wollte, wurde er ausgelacht, blieb unbelehnt und brachte die Uhr freiwillig wieder zurück.

Ich bitte den geneigten Leser, diese humorig sein sollenden Ausritte zu entschuldigen.
Sie bringen meine Freude darüber zum Ausdruck, dass der Einbrecher von der Keksdose nichts zu erhoffen hatte.
Aber diese Freude wurde und wird von den bevorstehenden tragischen Ereignissen überschattet.

Vor allem meiner e-card wegen ging ich von der Defensive zur Offensive über. Ich riss die Wohnzimmertür auf und sagte: "Die show ist aus. Ergib dich!"
Aber der Schurke war nicht von der Weichei-sorte. Er schloff aus dem Jugendstilmöbel, die Keksdose noch immer in der Faust, und brüllte: "Einen Scheiß werde ich mich ergeben! Lass deine Vogeldunstspritze fallen, du Herr Doktor, du!"
Ich schluckte ein paarmal, und er nützte die Kampfpause, um fortzusetzen:
"Du weißt ja nicht einmal, wo bei deinem Schießprügel vorne und hinten ist!"
Aber ich hatte mich schon wieder erholt von dem Schock, den mir der Kriminelle durch sein übersteigertes Sebstbewusstsein zugefügt hatte.
"Erstens steht bei der Gegensprechanlage >Dr.phil< nur deshalb, weil mich die Leute sonst mit einem Mediziner verwechseln, und zweitens würde ich mich an deiner Stelle nicht darauf verlassen, dass ich nicht weiß, wo vorne und hinten ist. Ich werfe den Drilling erst dann weg, wenn du ausschaust wie ein Nudelsieb, du aber wirf meine Schmuckdose weg! Und drittens schrei nicht so laut, was werden die Nachbarn sagen!"

Aber leider beeindruckte ihn mein Imponiergehabe nicht merklich. Er lächelte nur darüber, soweit ich es durch die Strumpfmaske erkennen konnte, wobei es mir zugute kam, dass dieser Tölpel eine Netzstrumpfhose als Rohmaterial verwendet hatte.

Er beachtete mich nicht weiter und schickte sich an, erneut in der Kredenz herumzuwühlen.
Das brachte mich nun wirklich in Rage. Aber ihn zu verletzen widersprach meinen Grundsätzen hinsichtlich Gewaltlosigkeit
Also keinen Schuss Gummikügelchen.
Indes, ein Kolbenhieb schien mir das Richtige.
Ich drehte die Flinte um und stieß den Kriminellen gegen die linke Schläfe, jedenfalls von mir aus gesehen.
Nun stellte sich aber heraus, dass ich die Waffe wirklich verkehrt gehalten hatte. Nicht das Weichholz des Kolbens, sondern das Hartmetall der drei Läufe knallte gegen das Schläfenbein.

Der Einbrecher fiel um wie ein Bahnschranken und blieb liegen.
Ich nutzte diesen Moment, indem ich zum Festnetztelefon eilte und den Polizeinotruf wählte.
Und in der Tat, wenige Stunden später traf eine vollständige Funkstreifenbesatzung ein. Ich war schon im Sitzen eingeschlafen, aber glücklicherweise hatte ein einfühlsamer Polizeibeamter in der Zwischenzeit angerufen und mir Mut und Geduld zugesprochen.
Doch nun war die Exekutive da, zwei Polizistinnen und ein männlicher Beamter, der allerdings nur dienstplanmäßig anwesend war, denn er hatte sich gerade vor dem aktuellen Einsatz in den Krankenstand begeben müssen. Die zwei jungen Damen trugen jetzt noch die Atemschutzmasken, die sie wegen der Nies- und Hustenanfälle des Kollegen aufgesetzt hatten.

Mit kurzen Worten schilderte ich der Revierinspektorin und der Probewachmännin die dramatischen Vorfälle. Ich ersuchte sie höflich, zuallererst meinen Schockzustand zu bekämpfen, denn die eine hatte erwähnt, dass sie erst vor einigen Monaten von Krankenschwester auf Polizeidienst umgesattelt hatte.
Aber sie meinte, es gäbe Wichtigeres, und kümmerte sich um den Einbrecher.
Dieser lag noch immer wortlos da.
Die Exschwester horchte, bewegte seine Arme ein paarmal auf und ab, und sagte:
"Der braucht keinen Defibrillator mehr. Rufen wir die städtische Bestattung an".
Ich stand wie vom Donner gerührt. Das hatte ich nicht gewollt. Und nie erwartet, dass so ein mäßiger Stoß mit der Flinte einen Menschen verletzen könnte. Ich stürzte mich auf den Leichnam und rüttelte ihn, brüllte ihm "Steh jetzt endlich auf!" in die Ohren.
Das half alles nichts.
Die Revierinspektorin holte eine Garnitur Handschellen hervor, telefonierte eine halbe Minute mit dem Bezirksinspektor und klickte die Dinger ein.
Ich war festgenommen.

Bald fand ich mich in der mir zugewiesenen Einzelzelle.
Um diese Verungünstigung hatte ich ausdrücklich gebeten, denn in den Mehrbettzimmern gab es keinen, mit dem ich mich hätte verständigen können, und hinsichtlich der TV-Station hätte es bestimmt auch einen nonverbalen Streit gegeben.

So, nun habe ich die Wände meiner Zelle vollgekritzelt und hoffe auf einen gerechten Richter.

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Georg Rack, Aufbruch der Kerfe
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