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Literaturforum Österreich :: Thema anzeigen - Himalaya-Die letzte Festung
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Himalaya-Die letzte Festung
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Kami
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BeitragVerfasst am: 18.10.2007, 17:34    Titel: Himalaya-Die letzte Festung Antworten mit Zitat

Die Eröffnung zum großen Abenteuer um die Flucht vor einer Welt grauer Realität und der Hoffnung sich eine Neue aufzubauen.

Verdammt mir reicht's
Die ewige Warterei machte mich allmählich verrückt. Man wartete ein Leben lang darauf, dass etwas passierte und nichts geschah. Ich starrte schon seit Minuten auf das Spiegelbild an der Decke, das einen vom Alltag niedergestreckten Mann in seinem Bett zeigte und dennoch rang es mir plötzlich einen kurzen Verzweiflungslacher ab. Es war einfach ein allzu vertrauter Anblick.
Alle Welt nannte mich Mitch, aber was konnte man sich heutzutage schon aussuchen. Neben meinem Kriegerbart, der auch unter dem Namen Henriquatre bekannt war, und dem ebenso erdfarbenen, wie schneidig nach hinten frisiertem Kurzhaarschnitt, fiel mir sonst nur die neben meinem Kopf stehende Flasche Schnaps auf.
Sie war bestimmt nicht halbvoll, wenn sie überhaupt etwas war, dann ganz gewiss halbleer. Wobei mich eher der Gedanke überkam, dass es sich gänzlich um den falschen Inhalt handelte; im falschen Raum; und dass allem voran, ich mich am falschen Ort aufhielt. Ich war am Ende; und solange ich diesen Platz nicht hinter mir ließ, würde sich daran auch nichts ändern. So eindeutig mir die Richtung welche ich einzuschlagen hatte auch vorgegeben wurde, so eindeutig war ebenso die Tatsache, dass mir der nötige Antrieb dazu Tag um Tag fehlte.
Zu meinen Füßen stellte ich fest, befand sich immer noch derselbe halbmannshohe Rucksack, den ich für meinen Aufbruch zusammengestellt hatte. So bereit aufzubrechen wie man es nur sein konnte, ganz im Gegensatz zu mir. Es wunderte mich allmählich, dass er nicht schon ohne mich abgehauen war.
Wieder einmal setzte ich ein Bein auf die Erde, stemmte mich aus dem Bett. Ich ging zum Fenster um den Vorhang beiseite zu schieben, allerdings lag mir nichts daran die Sonne hereinzulassen. Ich öffnete nur einen kleinen Spalt, um sicherzugehen, dass ich mich immer noch in derselben verdammten Stadt befand, dessen Anblick in mir jeden Morgen ein Gefühl von Übelkeit emporsteigen ließ. Da war sie: Lhasa. Wie immer saß ich mitten in der Scheiße. Mit dem gleichen ungläubigen Lachen wie zuvor schüttelte ich den Kopf. Wieso war ich immer noch in Lhasa? Mir reichte es gewaltig. Das alles würde sonst nie aufhören.

Sinnvolle Tätigkeit
Wie ein Stück Holz ließ ich mich vornüber zu Boden fallen, fing den Sturz mit den Handflächen ab, bevor meine Nase Bekanntschaft mit dem Fußboden machte. Von da aus presste ich meinen Körper mit den Armen wieder in die Höhe. Ich zählte nicht mit, wie viele Liegestütze ich hinter mich brachte. Denn ich hatte ohnehin vor, es so lange zu tun, bis ich am schäbigen Boden des Hotelzimmers zusammenbrach. Man sollte stets versuchen seine Launen in eine sinnvolle Tätigkeit hineinzustecken. Mir sah man so bereits an, dass ich nicht ganz zufrieden mit meinem Leben war.
Nachdem meine Wut mit dem letzten Anflug von Kraft in einem Schmerzensschrei verflogen war, klatschte ich mit der Wange auf die Bretter. Ich hatte jetzt genau die verfluchte Tür vor Augen, die den einzigen Weg hinaus aus dieser Eingeschlossenheit darstellte. Das eine oder andere Erlebnis mit ihr war mir schon in früheren Tagen beschert worden. Ich erinnerte mich als ich das letzte Mal zur Flucht antreten wollte, hatte ich mich dermaßen vollaufen lassen, dass ich es nicht mehr aus meinen eigenen vier Wänden hinaus schaffte. Dabei war es mit Sicherheit nicht der Schnaps, der mir zum Verhängnis geworden war, sondern garantiert die Tür.
Doch diesmal, lief alles besser. Ich schlüpfte in meinen Schafsledermantel, schulterte das Gepäck, welches mich unter Ächzen in die Knie zwang und stolperte zur Tür hinaus. Ich wünschte mir nur jedes Mal wenn ich die Klinke nach unten drückte und die Schwelle zur Außenwelt überschritt, Opium würde mir eingeflößt werden, das mich alles vergessen ließe, was sich dort draußen abspielte und mir stattdessen einen wundersamen Traum vorgaukelte.

Ein Ort für Götter
Lhasa - der Götterort, wie die Tibeter ihre Hauptstadt nannten. Es gab gewiss stärker einladende Gegenden als bei acht Grad Celsius vor dem Dach der Welt zu hocken und doch hatte ich bis jetzt keine andere gesehen. Das hier war alles was ich kannte, aber bei Gott nicht meine Welt. Tagsüber liefen hier Vierhundertfünfundsiebzig Tausend Gesichter auf und ab. Man musste schon sehr optimistisch sein, um davon überzeugt sein zu können, dass es sich bei den meisten von ihnen nicht bloß um simple Statisten handelte. Tibeter, Han, Mongolen, sonstige Reisesser, rieben sich an brennenden Mülltonnen die Hände. Auf der Straße begegnete man um diese Zeit größtenteils wandelnden Leichen die sich im Drogenrausch befanden, oder ausgeleierten Workaholic-Wracks im besten Alter. Von den Kindern, die sich noch nicht für eines der beiden Zukunftsmodelle entschieden hatten, besaß anscheinend niemand einen blassen Schimmer davon, wozu und wie man eine Mütze richtig aufsetzte, geschweige denn wie man eine Hose auch nur in halbwegs ordnungsgemäßem Rahmen trug. Angezogen wie Clowns wippten sie zu skurrilen Misstönen, die ihnen das Gefühl gaben harte Kerle zu sein. Es waren Schnorrer, Penner, schräge Narren, die sich in der Stadt herumtrieben, heuchlerische Freunde vor deren Gesellschaft ich zumeist das Weite suchte.

Das B.I.R.T.H.
Ich gehörte mit Abstand nicht zu denen. Ich kam aus dem Internat. Früher gab es dort noch viele wie mich, wir gingen nie nach draußen, blieben stets unter uns. Man nannte uns das B.I.R.T.H. Wir alle teilten dieselbe Eigenschaft, zum einen ohne Eltern aufzuwachsen und zum anderen, uns in Aussehen und Art von der Urbevölkerung grundlegend zu unterscheiden. Nach einer äußerst kurzen, im Kollektiv durchlebten Kindheit wuchsen wir zu einem regelrechten Bataillon zusammen. In der Abgeschiedenheit unseres Internats warteten wir seither vergeblich auf unsere große Chance und zerbrachen dabei allmählich an der fehlenden Erlösung. Keine Verwendung zu haben, nagte an einem und höhlte uns aus. Diese Leere glich keiner Meditation, die meisten hatten bald die Schnauze voll, nahmen früher oder später Reißaus und waren über alle Berge. Genau danach war mir jetzt auch zumute. Dreißig Jahre, mein Gott, ich hatte lange genug damit gewartet aufzubrechen. Ich hätte mir allerdings besser die Augen verbinden sollen, bevor ich meine Reise antrat. Als ich die letzten menschlichen Behausungen hinter mich gebracht hatte, sah ich erst mein wahres Ziel, ungetrübt vor mir.

Ein schönes Ziel
Kaum von einem Vorgebirge angekündigt, ragten Pyramiden und Türme aus Fels auf der anderen Seite der weiten Hochebene Tibets wie eine unüberwindbare Wand empor. Eine mehr als Siebentausend Meter hohe Gipfelgruppe erhob sich vor mir, nirgendwo auf der Erde gab es in so kurzer Entfernung solche Höhenunterschiede. Der höchste Berg, der höchste Pass, die tiefste Schlucht; diese Berge brachen alle Rekorde. Ihre Gipfel waren so gewaltig und unzugänglich, waren durch Wasser, Eis, Wind, Erdrutsche und Lawinen in scharfe Formen geschliffen worden. Hier an den Rändern zweier Kontinente, waren Sechzig Kilometer dicke Platten auf glühender, zähflüssiger Felsmasse schwimmend, unter der Erdkruste aufeinander gestoßen und hatten ihre Masse in den Himmel hinaufbefördert. Himalaya, allein dieser Name machte mir Angst und ich wusste plötzlich wieder, warum ich mir beim letzten Mal so viel Mut antrinken musste...

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Zuletzt bearbeitet von Kami am 20.05.2008, 07:38, insgesamt 5-mal bearbeitet
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Kami
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BeitragVerfasst am: 20.10.2007, 09:48    Titel: B.I.R.T.H.(2)-Nicht der Einzige Antworten mit Zitat

Die ersten Pläne für die Flucht aus einer Welt grauer Realität scheinen Gestalt anzunehmen.

Teil 2 - Nicht der Einzige
Mir lag es tatsächlich nicht fern, mein Gesicht vor in Verzweiflung ausartender Unschlüssigkeit in den Händen zu begraben. Dann hätte ich jedoch nicht bemerkt, wie sich eine stämmige Gestalt aus den dunklen Gassen der auslaufenden Vorstadt an mich annäherte. Vielleicht hätte mich der modrige Geruch von Schweiß und abgelatschten Stiefeln noch an die alten Zeiten im Internat erinnert, doch sicher hätte ich daran nicht erkennen können, dass es sich um Raik handelte. Anders, als ich seine Umrisse in den Augenwinkeln wahrzunehmen glaubte. Der alte Haudegen war genau das, was man eine Kante bezeichnete, bullig gebaut, mit einem ordentlichen Schnauzer und einem Kinnbart, der über dem hervorquellenden Adamsapfel dicht und spitz zusammenlief. Sein Haar war schütter und ausgeblichen über der hohen Stirn, dennoch hing ihm ein blonder Schopf als Überbleibsel seiner Jugend über den kräftigen Stiernacken. Hätte ich ihn nicht wieder erkannt, wäre ich vermutlich ein Stück zur Seite gesprungen, als ich ihn so auf mich zustapfen sah. Er war wirklich jemand, dem man im Rausch weder einen Krug noch die falschen Worte an den Kopf werfen sollte.

Wenn er indes frei von der Leber weg plapperte, konnte man es ihm einfach nicht übel nehmen.
„Mann Mitch, willst du dich etwa umbringen? Hab Wind davon bekommen, dass du ausreißen möchtest. Aber was du da vorhast ist Selbstmord. Ohne Hilfe schaffst du es nicht über den Pass.“
Ja ich sah schon, dass er dieselben Sorgen hatte wie ich. Allerdings hätte seine Ansprache dennoch ein wenig motivierender ausfallen können. „Was bleibt mir anderes übrig? Das hier ist nicht unser Bier“, deutete ich mit dem Daumen über die Schulter zur Stadt zurück. „Aber irgendwo dort draußen auf der anderen Seite der Barriere, kann ich mir eins zusammenbrauen, wie ich es schon immer wollte.“
Er nickte. Raik kannte die Welt des B.I.R.T.H., die es sich jenseits der Achttausender schuf, abgeschieden von der Zivilisation. „Ich kann es ja verstehen“, kratzte er sich am Kopf. „Aber im Moment läuft nun mal nicht alles nach Plan. Du siehst, alle heiligen Zeiten muss jemand in den sauren Apfel beißen und Waren aus diesem Drecksloch herausziehen, damit es uns in unserer kleinen utopischen Gemeinde auch an nichts mangelt.“
Das roch für mich gewaltig nach einer Chance mitzukommen. Ich schaute mit einem gespielten Blick an ihm vorbei, ob ihm jemand gefolgt war. „Sag mal hast du denn keine Sherpas? Ich kann dir den Krempel tragen helfen.“
Er war sofort einverstanden. „Klar, warum eigentlich nicht.“
„Hm, wann geht’s los?“
„Noch heute Nacht“, machte er eine eindringliche Geste. „Unser Boot liegt an den Kais, unten am Fluss.“

Mit dem Boot, nun, das war mal etwas anderes. Soweit ich wusste, musste man einen Nebenlauf des Brahmaputras hinauffahren, bis zu einem Gebirgssee auf halbem Weg nach Bhutan, um in die Ausläufer des Gebirges zu gelangen. Wenn man jenen hoch gelegenen Ort zwischen sich und die halbe Million Menschen in der Stadt brachte, hatte man es geschafft. Es war wie im Wilden Westen, als sich die gesetzlosen Cowboys über die Grenze nach Mexiko absetzten. Für dieses Ziel würde man alles geben, obwohl, ich mochte mich auch irren.

„Es gibt einen alten Schiffsfriedhof, der uns als Umschlagplatz dient“, instruierte mich Raik schließlich, während wir uns zur Anlegestelle des Boots aufmachten. „Von dort aus müssen wir zu Fuß weiter.“
„Alles klar“, gab ich darauf. „Wer von den Jungs ist sonst noch mit von der Partie?“
„Dabei sind Jesper und Li.“

Jesper und Li - ich musste schmunzeln.
Li verdankte seinen Namen, dass er als einziger des Internats eine gewisse Ähnlichkeit mit den schlitzäugigen Bewohnern Lhasas aufwies. Seine Augen waren tatsächlich zu schmalen Schlitzen geformt, ebenso dünn und markant wie die Auswüchse seines Oberlippenbarts, die wie die Quasten eines Karpfens an der Seite herabhingen. Sein knochiges und hageres Gesicht lief wie seine zusammengebundenen, schwarzen Haare nach hinten. Trotz allem war er ein zäher Bursche, geradezu von aerodynamischer Gestalt und ein richtiger Seebär.

Als wir an den Kais eintrafen, kümmerte er sich gerade darum, dass genug Treibstoff im Tank war und die Affenschaukel von Schlauchboot, die er fuhr, nicht auseinander fiel. Es war eindeutig sein Boot und so spannte er uns gleich in die Arbeit ein, die Benzintanks zu verladen. Die freundlichen Begrüßungsworte fielen daher auch bei ihm etwas kürzer aus.

„Hör zu, schnapp dir soviel du von den Blechkanistern auf einmal tragen kannst“, trug er mir nach der üblichen Willkommensfloskel auf.
Da ich nicht annahm, dass er auch nur bei irgendjemandem für all den Sprit bezahlt hatte, konnte ich nachvollziehen, weshalb etwas Eile geboten war.
„Wo ist eigentlich Jesper?“, wollte Raik von seinem Kumpel Li wissen. „Ich hab ihm gesagt er soll hier bleiben und das Boot bewachen.“ Obwohl es ihm bei Anbetracht des abgenutzten Rafts eher um die Ladung ging, die sie während der Abenddämmerung schon aus allen Winkeln der Internatsgebäude herbeigeschafft hatten.
„Ist noch mal zurück zum Internat“, murmelte ein an der Zigarette kauender Li, der gerade verbissen damit beschäftigt war, einige undichte Stellen am Gummischlauch mit Klebeband zu überdecken. „Er meinte für einen kurzen Abstecher in die Bibliothek muss noch Zeit sein.“
Verdutzt hielt Raik in seiner Verladetätigkeit inne, schüttelte aber dann nur mehr den Kopf. Das war eben Jesper’s Art, er brauchte einfach immer was zu Lesen dabei.

Jesper war gemeinhin als Bücherwurm bekannt und genau so sah er auch aus: ein Milchgesicht, das sich keine Sorgen um Bartwuchs machen musste und sich seine Haare wild zu Berge stehen ließ, um auch nur ein kleines bisschen bedrohlicher zu wirken, doch gerade deshalb fielen sie vorne manchmal zu einer Schmalzlocke zusammen. Man musste den Jungen einfach gern haben. Wenn es ihm doch ein wenig an körperlicher Stärke fehlte und ebenso an dem Willen daran endlich etwas zu ändern, so besaß er zumindest eine beeindruckende Hingabe im auswendig lernen seitendicker Wissenschaftswälzer. In der Bibliothek des Internats fühlte er sich am wohlsten und er tat alles daran, sie nach und nach abzutragen um sie bei sich selbst zuhause wieder aufzustellen.

Wenn man vom Teufel sprach, kam er auch gleich mit einem Stapel der Schmöker angetorkelt und fing sich von Raik ein paar viel sagende Blicke ein.
„Was?“, meinte Jesper auf die angespannte Atmosphäre, die sich vor ihm anbahnte und damit zögern ließ endlich an Bord zu kommen. „Es ist doch nur ein bisschen Chemie.“
Außer einem leisen Knurren von Seiten Raiks, erklang aus Li’s verzogenem Mund nur Murmeln, als er die Taue losmachte. „Das sagst du immer. Vor allem wenn’s in deiner Bude wieder mal wo brennt.“

Ich nahm dem Jungen ein paar Bücher ab und allein schon die Titel ließen meine Braue von ganz alleine hochgehen.
„Weißt du, du solltest vielleicht nicht alles ausprobieren, was da drinnen geschrieben steht“, gab ich ihm einen guten Rat.

Raik schnaubte und wandte sich ab, bevor er sich seinen Kommentar dazu nicht mehr verkneifen hätte können. Indes reagierte er sich an der noch ausstehenden Ladung ab, packte die Schachteln, Säcke und Behälter und warf sie ins Boot. Niemand anderer wäre für diese Art von Beschäftigungstherapie besser geeignet gewesen, denn so war die ganze Beute ehe man sich versah, vom Steg auf die Ladefläche des Bootes verschwunden. Sichtlich von den Anstrengungen beruhigt, setzte sich Raik auf den Seitenwulst des Schlauchs und ließ einen seligen Seufzer los. „Wir können jetzt.“

Gespannt darauf, dass die turbulente Reise beginnt? Erwarte die Fortsetzung!
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BeitragVerfasst am: 21.10.2007, 09:59    Titel: B.I.R.T.H.(3)-Das Leben eines Hundes Antworten mit Zitat

Teil 3 - Das Leben eines Hundes

Eingeengt durch die sich türmende Fracht, schaute Li etwas unbeholfen um sich, als er aufstand um den Motor anzuwerfen und keinen Platz fand, an der Zündschnur anzureißen. „Sei so gut und mach das andere Seil auch noch los“, bat er Jesper die letzte Verbindung zum Land zu kappen.
Der machte sich mit Eifer daran, scheiterte jedoch kläglich an dem von Raik etwas zu gut gemeinten Seemannsknoten. „Mann“, keuchte er. „Wer hat den denn zugezogen?“
„Komm, ich mach das“, schob ich Jesper beiseite, wo er erschöpft zusammensank.
„Danke Mitch, du bist eben mit der nötigen Kraft dazu auf die Welt gekommen“, redete sich Jesper heraus.
„Ach, es ist nur gerade so viel, um nicht von jedem eine aufs Maul zu bekommen“, gab ich mich bescheiden. Als ich mit dem Knäuel fertig war, merkte ich wie lang Jesper’s Gesicht inzwischen geworden war. „Nein, nichts gegen dich Jesper“, klopfte ich ihm auf die Schulter. „Was dir hier fehlt, hast du eben im Kopf.“
„Nein du hast recht, vielleicht sollte ich etwas an Kernigkeit zulegen“, sinnierte er, über seinen nicht vorhandenen Bart streichend.
Ich musste lachen. „Fang gar nicht erst damit an“, wimmelte ich entschlossen ab. „Du würdest dann nur noch mehr Bücher mit dir rumschleppen können.“
Raik platzte aus allen Nähten, als er Jespers verdutzte Miene sah und sein hustendes Gelächter konnte nur von dem ohrenbetäubenden Lärm des endlich anspringenden Außenborders erstickt werden.
„Heja“, stieß Li einen Jubelschrei aus, bevor er unfreiwilligerweise auf dem Motor Platz nahm und fast ausstieg. „Keine Bange. Nichts kann uns aufhalten, solange uns die alte Mühle über Wasser hält.“

Die Schüssel heulte auf, Wellen schlugen gegen den tief liegenden Bug und breiteten sich unter der Schraube des Motors aus. Auf und davon waren wir. Stromaufwärts kämpften wir uns den Fluss nach Süden entlang. Links und rechts ragten zerklüftete Mauern auf und vor uns wuchsen sie zusammen. Doch irgendwo dort dazwischen musste ein Schlupfloch sein, durch das uns der Flusslauf führen würde. Ich kannte den Weg nicht, aber meine Gefährten langten zuversichtlich und mit zusammengekniffenen Augen nach vorne, um den Wind zu trotzen. Jesper war in Momenten wie diesen nicht nach Lesen zumute. Das Wasser war grau wie seine Umgebung, als sprudelte Blut aus einem verknöcherten Herz. Für mich war es nur ein kaltes Bergmassiv mit einem schimmernden Funken Hoffnung, der sich dahinter verbergen mochte, doch für sie war es mehr, es war die Gewissheit auf Heimat. Ich blickte zurück nach Lhasa, wie es eingebettet in der Hochebene Tibets schlief. Ich ließ mein ganzes Leben zurück und dennoch vermisste ich nichts.

Raik musterte meinen bedauerlosen Ausdruck, bevor er seine kräftige Stimme gegen den Wind erhob. „Bist du bereit?“
Ich sah ihn an und gleich als ich mich zu ihm nach vorne wandte, peitschte mir eisiger Wasserstaub ins Gesicht. „Bereit wofür?“, schrie ich ihm gegen die Fahrt entgegen.
Ein breites Grinsen zog seinen Bart in die Länge. „Na das Leben eines Hundes zu führen“, schallte Raik.
Das Leben eines Hundes. Ich überlegte was es bedeutete. Ich dachte nach, wie ich meine bisherige Zeit dahinvegetiert war. Wie ich im bedeutungslosen Vergehen von Tag und Nacht unter einer halben Million Seelen, angekettet an einem Platz festsaß. Als ich in der U-Bahn aus dem Fenster schaute und an nichts dachte, während ganze Massen ein und ausstiegen und still in der Landschaft verharrten, die draußen so schnell vorbeizog. Ich hatte stets nur zum Himmel geblickt, wenn die Gleise aus dem Erdreich heraus brachen und ein gleißendes Sonnenlicht die Tunnelausgänge einnahm. In Anbetracht der Wolken legte sich eine Gleichgültigkeit über mein Inneres, das mich all die Freaks neben mir vergessen ließ und mich so einen Hauch von Glückseligkeit spüren ließ. Ja, wenn ich so dachte, hatte ein solches Leben für mich schon lange begonnen. Doch was Raik meinte, war ein Leben, ganz und gar losgelöst von der Kette, die einen inmitten vieler Verrückter und Namenloser festhielt. Würde ich mir ein Herz fassen können, um dem zu entlaufen? Ich nickte grimmig.
Raik öffnete Augen und Mund für einen Moment zu einem begeisterten „Ich wusste es“, bevor uns die Luft unsere Mäuler wieder zusammenzog und uns aussehen ließ wie in saurer Gurkenzeit.
Der nervtötende Lärm des Motors und Li’s Fahrweise, trugen dazu alles Weitere bei. Jede Welle klopfte unser Sitzfleisch ordentlich durch. Jedes Mal schlug der Bug gegen die Oberfläche und kappte Schaumkämme.
„Tut mir Leid Jungs, wenn es jetzt etwas holprig wird“, entschuldigte sich Li, als sich seine Passagiere prüfende Blicke zuwarfen, um zu sehen, ob nur ihre Plätze so unbequem waren. „Aber je schneller wir rauf brettern, desto eher ist es vorbei.“ Wo er Recht hatte, hatte er Recht. Der Seebär umklammerte mit einer Hand den Gashebel wie die Lenkstange eines Motorrads. Ich stellte fest, dass er absichtlich nicht die Sicherungsleine um sein Handgelenk gewickelt hatte, die im Falle eines Loslassens den Propeller automatisch abstellte.

„Ganz schön gewagt ohne Todmann so zu sausen“, warf ich wissend ein.
„Ich weiß schon was ich tue“, versicherte mir darauf Li. Vermutlich tat er das auch, denn er konnte nur allzu gut nachvollziehen, dass wir ihn im Moment alle am liebsten aus dem Boot geworfen hätten um den Motor zum Schweigen zu bringen. „Wen einer von euch Tollpatschen über Bord geht, wie soll ich ihn denn aus dem Wasser fischen, wenn ich angebunden bin?“
Er merkte wie ich die lose herabbaumelnde Schnur im Stillen verfluchte und sein Grinsen bleckte gelbe Zähne in der Fratze. „Tja, da kann ich ihm leider auch nicht helfen.“
Schon okay, wenigstens seine Zigarette war ausgegangen. Ich konnte Raucher ohnehin nicht ausstehen und es war immer noch genug, wenn uns nur der qualmende Außenborder vergaste.
„Warts ab, Li, mir wird schon was einfallen“, drohte ich der Seeratte. Mein Gegenüber war sich nicht ganz sicher, wie er die Worte auffassen sollte, deshalb beließ er es bei einem irritierten Lächeln.
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BeitragVerfasst am: 22.10.2007, 08:43    Titel: B.I.R.T.H.(4)-Sandbank-Picknick Antworten mit Zitat

Teil 4 - Sandbank-Picknick

Das Sternenlicht begann unter seiner Wolkendecke hervorzulugen und offenbarte uns die ausgedörrte Wildnis über die es wachte. Jetzt mit zunehmender Kontrast- und Farblosigkeit, verschwommen die noch sanft geformten Berge zu ein oder zwei Buckel in der Ferne. Bergkuppen im Vordergrund verschwanden einfach, sodass man glaubte sie waren nur die Hänge des gewaltigen Horizontmassivs. Als sich die Wolken nur als vereinzelte Schattenfetzen auf den Anhöhen abzeichneten, erkannte man, dass einen das gesamte Hochland zum Narren hielt. Größen und Entfernungen waren schwer bis gar nicht abzuschätzen und wenn das schon für untertags galt, dann war es eine noch größere Finte bei Nacht. Wäre der erste Benzinkanister nicht langsam zu Neige gegangen, hätte ich wohl daran gezweifelt, sich überhaupt von der Stelle wegbewegt zu haben. Die erlösenden Gipfel, die mich über allem Zurückgebliebenem stehen lassen würden, wollten einfach nicht näher rücken.
Auch die spärlichen Strauchgewächse an den Ufern straften ihre Belanglosigkeit Lügen. Li ließ anfangs das Boot auf einer Sandbank auflaufen, um den leeren Tank auszutauschen. Die blechern klingende Antwort auf sein Klopfen war genug Auskunft, dass es höchste Zeit war sich nach einem neuen umzusehen. Außerdem knurrte uns bereits gewaltig der Magen, oder wie Raik zu sagen pflegte: „Glaubt mir, es würde euch nicht gefallen, wenn ich erst mal Hunger leide.“ Seufzend kramte er aus Li’s Kiste eine Angel hervor, nachdem er darin nichts Frisches mehr zu Essen fand. Wo er den Wurm als Köder herhatte, brauchte er uns gar nicht zu erklären.
„Was glaubst du wie weit wir sind?“, fragte er zu Li, als er sich umschaute. Dann steckte er die Angel in den Sand und warf die Schnur aus.
„Zwanzig Kilometer, die wir gegen die Strömung fuhren“, gab der Seebär anhand des Treibstoffstandes kund.
Raik brummte nur und wünschte sich im Augenblick nichts mehr als eine Regung an der Wasseroberfläche.
„Hey, Freundchen, bekommst du vielleicht ein Feuer hin?“, murrte er schließlich dem beschäftigungslos herumstehenden Jesper zu.
Diese Frage war für Jesper wie eine Beleidigung. Der Pyromane hatte eine Flamme in den Händen, noch ehe ich genügend Reisig geschweige denn Brennholz herbeigeschafft hatte. „So etwa?“, antwortete er brüsk und hielt sie Raik vors Gesicht, dass es ihm fast den Bart versengte. Ich hätte dem Schauspiel des kleinen Zündlers gerne noch weiter zugesehen, doch meine Blase machte da nicht länger mit. Gerade als ich mich ins Gebüsch begeben wollte, um mich nach einer brauchbaren Stelle umzusehen, roch ich den Gestank von ausgeschüttetem Benzin. Ehe ich überiss, was Jesper nun wieder im Sinn gehabt hatte, ließ mich ein feuriges Fauchen im Nacken zusammenzucken. Zuerst selber für Büsche oder Baumgruppen gehalten, setzten sich die vor mir befindlichen, dunklen rundlichen Haufen plötzlich selbst in Bewegung. Grunzende und gutturale Laute wurden mir entgegen geworfen, bevor das buschige Gestrüpp vor mir davon galoppierte.
„Hoppla“, lautete mein Kommentar, als auch Raik, Jesper und Li im selben Moment von ihren Plätzen in die Höhe schnellten.
„Was zur Hölle?“, schrie Jesper.
„Ruhig Blut Jungs“, verharmloste Raik, denn er glaubte als erster nicht länger im Dunkeln zu tappen. „Wenn ich mich nicht ganz täusche, ist es unserem Feuerteufel hier gerade gelungen ein wildes Yak aufzuscheuchen.“
Und wirklich, sobald ich in Gedanken das zottelige Rindvieh vor Augen hatte, dauerte es auch nicht lange, bis es sogar in der von Illusionen und fantasievollsten Ängsten bewohnten Finsternis Gestalt annahm. Es war ein gewaltiges Tier, langes dichtes Fell hing ihm über den Rücken und wehte als Fäden im Wind. Als es seinen massigen Körper bremste, um zurückzublicken, hing es ihr zerzaust über die großen, tiefschwarzen glasigen Kugelaugen. Man sah ihm an, dass es nun keine Furcht mehr vor uns besaß, denn seine überlegene Statur ließ mich selbst die Frage stellen, wo in allen Namen es hier, in der dürrsten Steppe weit und breit, ihren Speck herhatte. Unter den aus dem Schlaf geweckten, blutunterlaufenen Augen spie es ein dampfendes Schnauben aus und scharrte mit den Hufen in der Erde. Es war richtig sauer und das sah man ihm an.
„Jetzt nur nichts falsches“, flüsterte uns Raik den Tipp vom Profi zu.
Jesper, der sich mit einem brennenden Holzscheit bewaffnet hatte, machte einen Satz nach vorne, zischte und fuchtelte mit seinen Händen. Er war wieder ganz in seinem Element.
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BeitragVerfasst am: 26.10.2007, 21:07    Titel: B.I.R.T.H.(5)-Die Yak-Wette Antworten mit Zitat

Teil 5 - Die Yak-Wette
„Nein Jesper, ich glaube das hat er damit bestimmt nicht gemeint“, belehrte ihn Li eines besseren.
„Ach was, ich gebe ihm eins auf die Birne, damit sich seine Hörner nach oben aufdrehen, wenn er uns zu nahe kommt“, schulmeisterte ich.
„Ha, wenn du dich da mal nicht übernimmst“, schritt Raik ein, die Arme gegen die Taille gestemmt. „So ein ausgewachsener Yakbulle kann dich von Huf bis Schulter schon mal gut und gerne um einen Kopf übertreffen. Von einer Tonne wird da wohl kaum was fehlen. Viecher wie dieses haben schon während der Eiszeit gelebt, sie stammen von einem waschechten Auerochsen ab.“
„Jetzt will ich’s aber wissen“, stachelte ich mich weiter auf. „Nur zur Erklärung, ich werde mir eins seiner Hörner schnappen.“
„Ja!“, pflichtete mir Jesper bei und gab mir Fünf.
Raik riss ungläubig die Augen auf, als mir Li tatsächlich seine Fuchsschwanzsäge herüberwarf. „Warum eigentlich nicht?“ Doch Raik fühlte sich als Anführer unseres Haufens ein wenig dazu verdammt die Verantwortung über alle zu tragen.
„Du bist nicht ganz dicht, wenn du ernsthaft vorhast auf einem Rinderschädel rumzusägen“, paukte er.
„Ja vielleicht“, gab ich beiläufig darauf. „Wie sieht’s aus, lässt sich damit unter den Birthlern ein wenig Kohle machen oder werden der Spaß und ein paar blaue Flecken die einzige Belohnung die auf mich wartet?“
„Nun ja, bei den Jägern werden derartige Trophäen immer wieder gerne gesehen“, antwortete Raik, der ja doch zugeben musste, dass er einen solchen Spaß nicht verbieten konnte. „Ich bin sicher es wird sich jemand dafür finden. Zumindest kannst du dich damit für den ersten Tag mal über Wasser halten. Ich weiß ja nicht welche Schätze du sonst noch mit eingepackt hast.“
„Es hält sich in Grenzen“, untertrieb ich stark. „Aber während ihr hier euer Pausenbrot mampft und zuseht wie ich mir den Arsch aufreißen lasse, wie wäre es da mit einem kleinen Wetteinsatz?“
„Woran hast du gedacht?“, wollte Raik wissen. „Ich hätte eine tadellose Hose für dich anzubieten. Du wirst ohnehin eine Neue brauchen wenn du auf der Flucht vor dem Biest ausrutscht und in Yakscheiße landest.“
Ich grinste. „Abgemacht.“
„Prima!“
„Jetzt macht mal halblang“, hielt mich Jesper zurück. „Findet ihr nicht auch dass es eurem Plan ein wenig an Raffinesse fehlt?“
„Anschleichen, Zuschlagen und um dein Leben rennen“, erklärte ich. „Was sollte man daran noch ausschmücken?“
„Ich sage wir sollten warten bis Raik seinen Fisch gefangen hat“, lautete Jespers Vorschlag.
„Wozu? Damit wir schwarz werden?“, gab Li einen Seitenhieb von sich.
„Der Bursche fürchtet um sein Essen“, verstand ich Jespers Kummer. „Keine Angst, es wird alles genau nach Plan verlaufen. Und dazu bekommst du von mir noch einen Drink in dem Horn da spendiert. Oder willst du einfach nur dass ich das Yak mit einer Gräte ersticke? Würde den Wetteinsatz in die Höhe treiben“, scherzte ich.
„Nein. Aber die Fischblase extrahieren um daraus ein Narkotikum gewinnen“, fundierte Jesper. „Das Rindvieh schluckt das und ist für Minuten weggetreten.“
Ich staunte nicht schlecht. „Wo hast du das her?“, wollte ich wissen.
„Hab’s in einem Buch gelesen“, antwortete Jesper.
„Klar“, leuchtete es mir ein. „Warum frag ich auch.“
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BeitragVerfasst am: 06.04.2008, 18:40    Titel: Teil 6 - Schlafmittel Antworten mit Zitat

Teil 6 - Schlafmittel

Ich nahm Jesper beim Wort, dass er es schaffen würde ein ordentliches Schlafmittel auf die Beine zu stellen. Sobald Raik erst mal was am Haken hatte.
„Wenn du das wirklich durchziehen willst, brauchst du meine Hilfe“, bot sich Jesper an. „Ich werde dir das Gift zusammenmischen.“
„Danke, Kleiner.“
Es gab eben Leute, auf die man sich verlassen konnte. Außerdem hätte niemand gedacht, dass uns Raik einen fetten Gold-Mahseer vor die Füße werfen würde. Der Karpfen maß zwei Ellenlängen vom Kopf bis zur Schwanzflosse. „Er sieht aus wie du, Li“, stellte Raik uns seinen Fang vor. Li hatte sich extra für ein Nickerchen zur Seite gelegt, um seinen knurrenden Magen zu beruhigen. Doch von einem klatschnassen Fischgesicht aufgeweckt zu werden, konnte sogar unserem alten Seebären den Appetit verderben.
Jesper schnipselte seelenruhig an dem Gerät herum, während ringsum Raik und Li geschäftig den Essplatz deckten, so etwas wie Teller und Löffel herbeischafften. Ich saß am Lagerfeuer und schnitzte einen Spieß, um ins Wasser stochern zu können, das an einem Dreibein im Kochtopf brodelte. Irgendwo in der Kälte und Abgeschiedenheit des Feuers, wo es die Rauchschwaden nur selten hinzog, wartete das Yak im Halbdunkel darauf, dass wir den ersten Schritt wagten.
Als Jesper mit dem Burschen fertig war, brauchten wir uns keine Gedanken mehr darüber zu machen, auf welche Art der Fisch zubereitet werden sollte. Er hatte in seinem Eifer die Filets zu kleinen Stücken verarbeitet, die nur noch als Suppeneinlage herhalten konnten. Eine Diskussion über die Pro und Kontras von gegrilltem Fisch ging daher leer aus, genauso wie mein Spieß somit endgültig den Zweck seiner Existenz verlor.
„Das Mahl ist im Eimer aber zumindest die Blase hast du gerettet“, tätschelte ihm Raik bei genauerer Betrachtung den Rücken.
Doch Jesper war es anscheinend nur um den Sezierkurs gegangen. Der Junge musste sich wohl schon vorher den Magen voll geschlagen haben.
„Das sollte für den Anfang mal reichen“, stellte er das gute Stück zur Schau. „Eine kleine Sauerstoffvergiftung wird schon drinnen sein.“
Skeptisch untersuchte ich das schwabbelige Organ, das er mir in die Hand drückte. Eigentlich hatte ich bei dem Begriff Gift nicht an etwas derart handfestes gedacht.
„So, und was genau soll ich jetzt damit anstellen?“, fragte ich schließlich hilflos. Denn ich war beim besten Willen nicht schlauer geworden als zuvor.
„Ganz einfach“, machte Jesper sein Hackbrett sauber. „Du musst es dem Tier nur noch reinschieben. Und zwar ins Maul“, verdeutlichte er.
„Noch ein gutes Stück tiefer, um die Wahrheit zu sagen“, munterte mich Li auf. Als ob das erste bloß ein Kinderspiel wäre. Aber was blieb mir anderes übrig. Ich hatte mir die Suppe ganz alleine eingebrockt, musste auch derjenige sein, der sie auslöffelt. Während es sich meine werten Gesellen bei ihrer eigenen gemütlich machten, sammelte ich Utensilien für meinen kleinen Spießrutenlauf. Sie alle saßen plötzlich mit dem Gesicht zu mir, auf einer Seite des Lagerfeuers aufgefädelt. Denn keiner wollte mehr weder mir, noch dem Yak den Rücken zudrehen, um das Spektakel zu verpassen. Da stand ich auf der einen Seite, mit einem Büschel Gras in den Händen, mit dem ich meinem Kontrahenten die schwer bekömmliche Fischblase unterjubeln wollte. Auf der anderen gab sich das Zotteltier unbeeindruckt von meiner leuchtenden Idee.
Ich brauchte es also nur weiterhin davon überzeugen, dass es vor mir sicher war und musste die Fuchsschwanzsäge bloß im Gürtel versteckt lassen. Natürlich durfte es nicht mitbekommen, was ich im Schilde führte und so spielte ich den hilfsbereiten Samariter. Mit einer ordentlichen Portion Steppengras versetzt, konnte ich die Sauerstoffbombe ohne Probleme loswerden. Fragen über die Wirkungszeit des Narkotikums ließ ich im Moment lieber hinten anstehen und machte mich besser sofort ans Werk. Falls das komplizierte Chemiezeug aus Jespers Büchern wirklich nicht lange genug anhalten sollte, musste einfach die gute alte Holznarkose herhalten.
„Was passiert?“, rief Jesper, den der Erfolg seines Schlafmittels dem Anschein nach mehr interessierte als dass ich meine Wette gewann.
Ich legte den Finger an die Lippen. „Unser Freund sagt Gute Nacht.“ Kaum ausgesprochen, stoppte der Wiederkäuer in seinen Würgbewegungen, verdrehte die Augen und klappte augenblicklich zusammen. Wäre ich nicht um ein Haar weiter zurückgewichen, hätte er mit seinem Körper meine Zehe unter sich begraben. Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn, fing meinen Fuchsschwanz heraus und begann zu sägen was das Zeug hielt.
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BeitragVerfasst am: 20.05.2008, 07:31    Titel: Teil 7-Böses Erwachen Antworten mit Zitat

Teil 7 - Böses Erwachen

„Sag mal wachsen die Dinger eigentlich nach?“, schlurfte Jesper in der Zwischenzeit an seiner Suppe.
„Gute Frage“, pflichtete ihm Li bei.
Für mich gab es allerdings im Moment nichts, das mir mehr egal sein konnte. Vor allem nicht, als ich gerade über der Hälfte der Raspelstrecke angelangt war. Das Rindvieh glaubte allen Ernstes wieder aufwachen zu müssen, bevor auch nur ein Ende aus der Prozedere heraus schaute. Meiner Meinung nach hätte Raik ja für einen läppischen Sekundenschlaf nicht extra einen Fisch angeln müssen. Ich war sicher das hätten wir durch eine etwas weniger subtilere Art ebenso hinbekommen.
Mit einem lauten Röhren fuhr dem Tier der Schmerz ins Gebein, als es wieder zu Sinnen kam. Ein schwerwiegender Fehler, wie ich für uns alle feststellen musste. Das Yak sprang hoch, bockte und ließ ein abgebrochenes Horn in meiner Hand zurück. Der Rest des Tiers war auch schon in Richtung Lagerplatz unterwegs, wo Jesper, Raik und Li der Löffel im Hals stecken blieb. Um ehrlich zu sein, ich wusste auch nicht ob ich jubeln oder heulen sollte, als ich zum einen die Trophäe fest umschlossen in der Hand hielt und zum anderen aus den Augenwinkeln mitbekam, wie das davon donnernde Yak auf meine drei Freunde, und was noch viel schlimmer war, auf den Topf mit meinem Abendessen zu hielt.
„Scheiße“, waren sich Jesper, Raik und Li einig, ehe sie sich mit einem Satz in Sicherheit brachten.
Raik konnte allerdings wieder nicht das Feld räumen, ohne sich mit seinem Fuß im Dreibein zu verheddern und es samt Einmachsuppe zu Boden zu reißen. Was ihm von der Brühe nicht direkt in die Stiefel lief, wurde gleichmäßig auf dem Erdboden verteilt. Da wo einmal so etwas wie unser Lagerplatz gewesen sein sollte, sah man jetzt, wie ein wild gewordenes Yak alles kurz und klein trampelte, was ihm in die Quere kam. In der Mitte würde so schnell kein Gras mehr wachsen. Links und rechts davon kullerten meine Freunde die Sandbank hinunter. Raik für meinen Geschmack sogar etwas zu weit. Mit einem verbrühten Fuß in der Hand jaulte er so lange, bis er sich über das Ufer hinaus wälzte und mit dem Trockenen geradewegs ins Wasser platschte. Von nun an schlotterte er nur noch dank des anderen, eiskalten, zappelnden Beines. Jesper und Li machten währenddessen das Beste was man in diesem Fall tun konnte: sich Tod stellen, um einem noch größeren Tollpatsch die Chance zu geben, alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Von dem Zittern einmal abgesehen, fehlte ihnen zumindest nicht viel, um wie Jemand auszusehen, der über seine eigene Urne gestolpert war. Jesper war der erste der sich mit Asche verschmiertem Gesicht aufblicken traute, um nachzusehen, was vom Rest noch übrig war. Er staunte nicht schlecht, als er den alten Mitch in Siegerpose auf sich zu stapfen sah. Sonst sah alles was sich auf der Sandbank befand, zugegeben, etwas mitgenommen aus. Dennoch roch die Erde, welche von eingetrockneter Fischsuppe und Aschewehen gezeichnet war, nach Triumph.
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BeitragVerfasst am: 20.05.2008, 07:35    Titel: Teil 8 - Das Feld des Triumphes Antworten mit Zitat

Teil 8 - Das Feld des Triumphes

„Hab ich’s dir nicht gesagt, Jesper“, jubelte ich ihm zu. „Jetzt trinken wir Einen darauf aus meinem nagelneuen Becher.“
Bei solchen Worten rappelten sich meine Freunde schnell wieder auf. Raik wand seine klatschnassen Stiefel aus und hielt sie über einen letzten rauchenden Holzscheit, der vom Feuer übrig geblieben war, während wir uns rundherum wieder niederließen.
„Wahnsinn, das ist Top“, überschlug sich Jesper. „Ab sofort sind hier auch wieder Einhörner heimisch.“
Stimmt, ich konnte ihm nicht abschlagen, dass das ein gewisses magisches Flair besaß.
„Hey, schneide doch die Spitze von deinem Horn ab, dann hast du auch noch ein Signalhorn, in das du blasen kannst“, fiel es Raik ein.
Immerhin war das eine Überlegung wert, aber bei der Sache gab es bestimmt irgendeinen Haken.
„Ja, nur dass wir dann daraus nicht mehr trinken können“, stellte Li fest. Genau, das war es.
„Ach ja, richtig“, gab sich Raik enttäuscht und räucherte weiter seine Schuhsohlen.
„Im Großen und Ganzen hat es sich aber ausgezahlt“, beteuerte ich den Hornklau nicht. Unangenehme Nebenerscheinungen wie die völlige Verwüstung unseres Lagers waren mehr als akzeptabel, wenn man jenes Prachtstück betrachtete, das wir nun unsere Beute nennen durften. Es war schwarz, mit weißer Maserung und als Humpen allemal groß genug, um sämtliche Krugmaße die es in den Kneipen so gab, um Längen zu schlagen. Und dann erst dieser Geschmack. Nichts fühlte sich so gut an wie ein Schluck aus einem abgesägten Rinderhorn. Es musste einfach die Sache mit dem Aroma sei, oder die Tatsache, dass es unmöglich war, ein Horn wieder abzustellen, ehe man es nicht vollständig geleert hatte.
Nach einem kräftigen Wermutstropfen in besagter Manier, fiel es uns jedenfalls gleich wieder einfacher, unser verstreutes Equipment einzusammeln. Denn was für ein Gefühl es ist, mit leeren Bäuchen das schmutzige Essgeschirr zu waschen, brauchte ich an dieser Stelle nicht zu sagen.
„So, von mir aus kann’s weitergehen“, murmelte ich, nachdem ich dem Besteck eine Abreibung mit Schotter verpasst hatte. Danach schnallte ich das Horn lässig über den Rücken.
„Sollten wir auch“, sagte Raik, der als letzter ins Boot sprang, um es vom Kies wegzutauchen. „Erstens damit du schneller zu der versprochenen Hose kommst und zweitens, weil du jetzt den Besitzer des Einhorns am Hals hast.“
Mir blieb nur ein unschuldiges Achselzucken.
„Das ist auch schon egal“, griff mir Jesper unter die Arme. „Genau genommen ist ja ohnehin alles was wir tun illegal. Fängt ja bereits mit der Fahnenflucht an sich an. Mann, kaum vorzustellen. Wenn es nach denen ginge, versauerten wir immer noch in dem Drecksloch.“
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BeitragVerfasst am: 28.11.2008, 18:41    Titel: Teil 9 - Verlorene Seelen am Fluss Antworten mit Zitat

Teil 9 - Verlorene Seelen am Fluss



Ich räusperte mich, denn bis vor kurzem hatte ich mich selbst noch an die Gegebenheiten gehalten. Wahrscheinlich war es nicht einmal gestern gewesen. „Genau darüber wollte ich noch mit euch reden. Wie sieht’s eigentlich aus in der Welt des B.I.R.T.H.?“
Jesper verkrampfte sich bei der Formulierung. „Also erst mal, heißt es bestenfalls „das Refugium“ und nicht „Welt des B.I.R.T.H.““, klärte er mich auf. „So nennt es hier draußen nämlich kein Schwein.“
„Verstehe und was muss ich schonst noch wissen?“, startete ich einen zweiten Anlauf. Eigentlich meinte ich Wichtigeres als eine Bezeichnung für unsere Destination, die keine Einwände mehr hervorrufen sollte. „Mich würde interessieren was ich von dem Kram den ich aus der Stadt mitgenommen habe, wirklich brauchen kann.“
„Nun ja“, mischte sich Li in seinem trockenen Sachstil ein. „Du musst dir vorstellen, es sind allesamt Männer wie du und ich. Wenn du bei irgendjemandem etwas erreichen willst, zählen entweder nur Taten oder Waren die wirklich von Bedeutung sind. Heißt im Klartext: die Geldscheine aus Lhasa, kannst du am besten gleich über Bord werfen. Den Schnaps hingegen, behältst du lieber hier.“
Schön langsam konnte ich mir schon ein Bild davon ausmalen.
„Das Grundprinzip ist einfach“, legte er von Anfang an klar. „Es gibt hier draußen keine Gesetze. Nur mit einer Regel wirst du dich konfrontiert sehen: tu zuerst etwas für den anderen, dann wird er sehen, ob er vielleicht auch etwas für dich tun kann. So funktioniert das.“
„Kommt mir bekannt vor. Was ist bei euch sonst noch so angesagt?“, erkundigte ich mich weiter. „Ich muss wissen was sich in den Kisten befindet, die wir aus Lhasa rausschmuggeln.“
Raik wechselte einen Blick mit seinen Begleitern. Immerhin musste er sich stets am meisten mit den Ladungen rumschleppen. „Es gibt mittlerweile nicht mehr viel, das wir im Refugium noch nicht gelernt haben, selbst herzustellen“, sagte er schließlich. „Was wir von Zeit zu Zeit aus dem Internat noch brauchen, ist vor allem aufwändiges Werkzeug, das uns zu Bruch gegangen ist, oder manchmal ein wenig Nahrung, wenn die Ernte knapp ausfällt. Der Treibstoff den wir mitnehmen reicht gerade einmal um auf dem Fluss der Zivilisation zu entrinnen und zum Gebirgssee zu gelangen. Die Reste werden im dortigen Schiffsfriedhof gebunkert. Manchmal müssen wir auch die alten Wracks ausschlachten, um Benzin für den nächsten Ausritt in die Stadt zusammenzukratzen. Wir brauchen es sozusagen nur für den Hin- und den Rückweg. Im Refugium selbst, ist es uns nicht mehr von Nutzen. Eines, das allerdings noch wichtig ist und aus dem Internat herbeigeschafft werden kann, ist das alte Wissen, das darin verborgen liegt. Deshalb müssen wir Bücher aus der Bibliothek bergen.“
„Nicht zuletzt wegen Jesper’s Faible“, schloss ich. Eine Frage blieb allerdings noch offen: wie der Dresscode lautete. „Welche Klamotten sollte ich eigentlich tragen, um unter den alteingesessenen Birthlern nicht sofort als jemand, den die Zivilisation gerade ausgespuckt hat, aufzufallen?“
Jesper musste mein Erscheinungsbild nur eine Sekunde studieren, um die passende Antwort geben zu können. „Deine Jeans solltest du gleich mal tauschen. Wir benutzen in der Regel robuste Stoffe, die uns vor den Gefahren der Wildnis guten Schutz bieten. Dicke Tierhäute, wenn nicht noch härtere Sachen. Kommt ganz darauf an was du vorhast. Jedenfalls halten wir von Designer-Schnickschnack herzlich wenig. Ich denke Raik hat da genau das richtige für dich in seinem Schuppen. Bis du einmal dort bist, fährst du mit deiner Schafslederjacke aber ganz gut.“
Na war ich froh, nicht mein ganzes Outfit vollkommen umkrempeln zu müssen.
„Gefahren der Wildnis“, sprach ich es ehrfürchtig aus. „Meinst du so was wie eine Dornenhecke?“
„So in der Art“, bestätigte Jesper, ohne von den Luchsen, Bartgeiern und Tibetbären zu erzählen, die sich schon bald in den Felsspalten verstecken würden, in deren gemartertes Land wir mehr und mehr eindrangen.
Anhand von Raik’s gut gepolsterter Lederkluft konnte ich mir jedoch vorstellen, dass er mir möglicherweise einiges verschwiegen hatte. Die Nähte an seiner Hose waren oft aufgeplatzt und wieder zusammengeflickt worden. An zerschürften Knien, Ärmel oder Kragen, quoll Innenfutter aus dem zähen Material. Was mich gleich zur nächsten Frage kommen ließ.
„Die Hose, die du für mich parat hast, ist die eigentlich in deiner Größe?“
„Nun sie hat mir einmal gehört, wurde mir aber ein wenig eng. Aber nach dem Fußmarsch der uns noch bevorsteht wird sie dir vermutlich passen“, baute Raik mich auf.
„Zweifellos.“ Trotzdem wäre es mir entschieden lieber eine Alternative offen zu halten. „Ihr habt zufällig keine für mich von Li’s Sortiment übrig, die ihm eine Spur zu groß wäre?“
Raik musste mich leider herb enttäuschen. „Tut mir leid, aber was Mode angeht sind wir knapp bemessen. Die meisten von uns haben nur einen Ausgehanzug um sich – Gott bewahre – in Lhasa einzuschwindeln, und einen Zweiten für … alles andere.“
„Spart Platz in der Garderobe“, begründete Jesper.
„Und erhöht die Chance wieder erkannt zu werden ungemein“, verwies ich.
Jesper verschluckte sich an seinem Glucksen, als plötzlich ein Fischkutter um die nächste Biegung dahertuckerte und sich wie der mäandernde Fluss durch die Gegend schlängelte.
„Äh Jungs, weil wir gerade beim Thema „erkennen“ sind, seht mal dort vorn!“, warnte uns Li in dem Moment, wo wir den Einheimischen bereits alle selbst vor der Linse hatten.
Ich wollte nicht wissen welchen Trunk sich der fremde Steuermann eingeworfen hatte, um in der einsamen Talsohle wach zu bleiben. Sein Boot schwankte jedenfalls abwechselnd von einem Ufer zum anderen.
„Einer von den Einheimischen“, verdrehte Raik die Augen. „Was sollen wir jetzt tun? Die Köpfe einziehen oder gar auf Tauchstation gehen?“
Jesper zog die Schultern hoch und ging hinter seinem hochgestellten Kragen in Deckung.
„Keines von beiden“, schlug unser eigener Navigator jedoch vor. „Sogar in seinem Zustand hat er uns längst gesehen. Außerdem glaub ich kaum, dass er darauf aus ist, entlaufene Internatinsassen einzufangen. Wenn sein Slalom nicht völlig bedeutungslos ist, denke ich vielmehr, dass er am Flussrand nach etwas Ausschau hält. Keine Versteckspielerei diesmal, dazu sind wir schon weit genug von der verdammten Stadt weggekommen. Wenn er fragt, sind wir Touristen. Wenn nicht, auch gut. Hier können uns die Behörden jedenfalls nichts mehr anhaben.“ Wenn selbst Li das einmal sagte, der sich sonst wie ein Aal wandte um jedes kleinste Hindernis das uns aufhalten könnte, zu umgehen, dann hieß das etwas.
„Am besten du redest, Mitch“, wählte mich Raik aus. Welch eine Ehre für mich. „Siehst noch am ehesten wie ein Tourist aus.“
Im Stillen verfluchte ich den Bastard. Da war ich also, stand am nicht ganz trockenen Deck eines zweiten Klasse-Schlauchboots und kaute nervös an meiner Unterlippe, während ich mir ein lupenreines Alibi für uns ausdenken musste. Vorne am Bug saßen Raik und Jesper und bedeckten unauffällig ihre Gesichter. Hinter mir spürte ich wie Li seinen Kopf zur Seite wandte und sich kratzte, um ein Kichern zu überspielen.

Für Tinle, den Bootsmann, war das eigentümliche Elixier ein wahrer Segen der Natur und seiner Ahnen. Das Rezept, welches sich hauptsächlich aus Yakmilch, Reisschnaps und den widerständigsten Kräutern des ganzen Erdballs, die hier noch zu finden waren, zusammensetzte, hatte seinem Hüter Generation für Generation Respekt in der Sippe eingebracht. Sogar er selbst musste sich festhalten, um von der Wirkung nicht aus den Socken geworfen zu werden. Doch im Moment wusste Tinle keinen anderen Ausweg, als auf Großvater Bumthar’s Glubschöffner zu vertrauen, ein Mittel, das schon immer ideal mit dem Bewältigen anstehender Stresssituationen verbunden war. Es wunderte ihn daher auch nicht, als ihm auf seiner Reise ein Schlauchboot voller blasshäutiger, hässlicher Gestalten entgegenkamen, wie es sie sonst nur auf der anderen Seite des Planeten geben konnte. Tinle hoffte doch sehr, dass ihn die Strömung nicht allzu weit herum getrieben hatte.
„Was ist los?“, rief ich, wobei ich mir im Nachhinein sofort verbiss, das Gespräch tatsächlich angefangen zu haben. Zu meiner Verteidigung musste ich einbringen, Tinle’s Ausdruck brach sogar mir das Herz.
„Ich suche mein Yak“, teilte mir der Tibeter seine Leidklage mit. Nachdem ich meine Hände hinter dem Rücken verschränkt hatte und so das Horn damit verdeckte, war ich ganz Ohr. „Es ist aus der Herde ausgebüchst, aber ich bin sicher es muss sich in der Nähe des Flusses aufhalten, denn wenn es erst einmal durstig wird, kann es nur hier an Wasser kommen.“
Ich musste mein verzogenes Gesicht schnell meinen Kumpels zuwenden, bevor es der Nomade bemerkte. Er war wirklich ein schlaues Bürschchen, denn immerhin hatte er es geschafft eine Möglichkeit zu finden, bei der man sich nicht entscheiden musste, auf welcher Seite des Flusses man zuerst zu suchen begann.
„Nicht im Ernst, ich hab eines gesehen“, machte ich meinem Gegenüber Hoffnung. Raik, Jesper und Li klatschten sich dabei in Gedanken auf die Schenkel. „Gleich ein Stück weiter den Fluss runter. Aber es hatte nur ein Horn. Wie sieht deines denn aus, das du suchst?“
„Was? Nein. Das ist unmöglich. Mein Yak hat zwei. Zwei ganz prächtige Hörner“, antwortete er stolz. Tinle beschrieb sie sogar mit einer weit ausholenden Geste.
Ich konnte es mir schon vorstellen. Wahrscheinlich so ähnlich wie das, womit ich mir gerade unschuldig den Nacken kratzte.
„Na wenn ich’s dir doch sage“, beschwor ich. „Ein Horn. Weil es mich selbst dermaßen in Staunen versetzt hat. Vielleicht hat ja jemand daran rumgesägt und eins abgeschnitten. Anders kann ich es mir beim besten Willen auch nicht erklären.“ Nicht nur ich musste mir jetzt auf das Innenfleisch der Wange beißen, um mir ein brüllendes Lachen zu verkneifen. Unser ganzes Boot schaukelte vor den sich schüttelten Insassen.
Tinle verkrampfte sich. „Was? Na warte, dem Lump, der das getan hat, werde ich aber Beine machen!“
Anteil nehmend, drehte ich mich immer schön mit dem Tobenden mit, um mich ihm voll und ganz zuzuwenden.
„Richte ihm etwas von mir aus“, gab ich Tinle meinen Segen mit auf den Weg. „Er kann noch nicht weit gekommen sein.“ Mit einer erhobenen, geballten Faust bedeutete ich ihm, dass er es diesem Schweinehund zeigen sollte.
„Pah, vielen Dank für den Hinweis“, stieß Tinle ein nahezu verrücktes Lachen aus. Der Außenborder röhrte laut auf, als sein Navigator jähzornig Stoff gab.
Ich tat es mit einem gelassenen Wink ab. „Nichts zu danken.“ Irgendwann musste doch jeder einmal damit beginnen, sich Freunde zu machen. Mit glasigen Augen verfolgten wir die Spur des Fremden, wie er Richtung Lhasa schotterte.
„Ich hoffe er erwischt die richtige Abzweigung“, verschüttete Jesper sein Mitleid für den armen Kerl. „Ein paar hundert Meter vorher hat sich der Fluss gegabelt. Ich war schon versucht einzuwerfen, dass wir langsam abbiegen sollten. Aber dann fiel mir ein, es ist erst die nächste.“ Sein Gesuch sich bei mir Zustimmung einzuholen, schlug leider fehl.
„Mich darfst du da nicht fragen“, entgegnete ich. Schließlich war ich hier mein Lebtag noch nie gewesen. Was ich tun konnte war nur misstrauisch unter den Mantel des Ungewissen zu spähen, der sich über einer fremdartigen Welt zuzog, um einen flüchtigen Blick auf die schmalen Streifen kargen Landes zu erhaschen, die meine schwachen Augen in der Nacht aufdecken konnten. Meine meisten Eindrücke entstammten wahrscheinlich aus Li’s Beschreibungen unserer näheren Umgebung und der Route, auf der wir uns vorwärts kämpften. Würden wir zu Fuß unterwegs sein, wäre mir eindeutig die Bezeichnung „trotten“ eingefallen, doch auf das Wasser ausgelegt, fiel mir keine passende Erklärung mehr ein. Dennoch war Li derjenige, der sich hier auf dem Gewässer noch am besten auskannte.
„Du hast schon recht“, bestätigte er Jesper. „Wenn die Schnapsdrossel von vorhin die Abzweigung nach Lhasa verpasst, spült es ihn um das ganze verfluchte Gebirge herum.“
Wir mussten hingegen erst die nächste Flussgabelung nehmen, eine ordentliche Wendung hinlegen und uns den Nebenzweig in entgegen gesetzter Richtung wieder zum See treiben zu lassen. Bis es soweit kam, würde allerdings noch einige Zeit vergehen. Es war daher kein Wunder als sich Jesper mit den Distanzen verschätzt hatte, wenn Wind, Wellen und Schwerkraft nun gegen uns standen. Li behielt es überhaupt besser für sich, dass wir bestenfalls die Hälfte der Strecke hinter uns hatten. Er hatte schließlich nicht umsonst acht Kanister Brennstoff einpacken lassen.
„Das Tibet-Hochland scheint von jeglicher Vegetation entblößt zu sein“, bemerkte er, um mir einen etwas deutlicheren Eindruck von der Gegend zu verschaffen, als es der nächtliche schwarze Vorhang tat.
„Ja, ganz so sehe ich das auch“, stimmte ich gähnend zu. Es wurde jetzt auch zunehmend etwas frostig.
„Und der lange Arm der weißen Eisgiganten trifft einen schon hier, wo man noch Tage von ihnen entfernt ist.“
Soviel zu dem was vor uns lag. Dabei blickte ich lieber noch einmal zurück. In unserem Kielwasser hinterließen wir die zwei Zirkelarmspuren, in denen das verdrängte Wasser auswich und bis ans Ufer schwappte. In den angrenzenden Bänken aus Kies und schlüpfriger Erde sog der Boden den Anstieg des Wasserspiegels wieder auf und verursachte ständig Geräusche, als schnappte jemand nach Luft. Hatte man sich damit einmal abgefunden und an die Regelmäßigkeit der aufprallenden Wellen gewohnt, wäre es sogar denkbar gewesen für eine Weile ein Auge zuzudrücken. Es war Jesper, der mich schließlich doch noch vor einem Moment der Ruhe bewahrte.
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BeitragVerfasst am: 02.01.2010, 12:03    Titel: Teil 10 - Das Sanatorium Antworten mit Zitat

Teil 10 - Das Sanatorium

„Es gibt eines, das mich nicht ruhig schlafen lässt, Kumpels“, grübelte Jesper. Es war das Problem mit dem Sanatorium. Wie sich jedoch bald herausstellte, war es nicht gerade die Art Gutenacht-Geschichte, die ich mir zum einschlafen gewünscht hätte. „Acht Zehntel des B.I.R.T.H. sind dabei sich im Himalaya eine neue Existenz aufzubauen, das Neunte, gilt überhaupt als verschollen. Lekmann war seit seiner Festnahme nicht mehr gesehen, gut die Hälfte des Mitarbeiterstabs ist ebenso verschwunden. Dennoch hält sich gerade mal ein Zehntel des einstigen Personals immer noch unbeirrt in den verfallenen Mauern des Sanatoriums auf, als wäre nichts geschehen.
Es war heute Nacht, als ich im Keller des Bibliothekgebäudes einstieg. Die Fenster waren mit Brettern zugenagelt, sämtliche Eingänge verbarrikadiert. Zugegebenermaßen, ich musste mit ein wenig Gewaltanwendung in das Grundstück eindringen, aber doch nur, weil man mich in gewisser Weise hinausgesperrt hatte“, verteidigte sich Jesper, nichts Falsches getan zu haben. Offenbar wollte man nicht, dass jemand rein oder raus gelangte. Das hörte sich ganz nach den guten alten Zeiten im Sanatorium an, nur mit etwas verschärften Bedingungen.
Mit einem ohrenbetäubenden Scheppern war Jesper durch die Spanplatten gebrochen und stolperte, sich plötzlich unerwartet im Inneren des Raums befindend, weiter, als es kein Hindernis mehr gab, das seine Wucht irgendwie abbremsen konnte. Er hatte nicht erwartet, dass die Sperre so schnell nachgeben würde und wenn, dann hätte er damit gerechnet mit seinem schmerzverzerrtem Gesicht noch eine weitere Schicht Glas durchschlagen zu müssen. So gesehen, stellten sich manche Sparmaßnahmen des Sanatoriums auch als ganz nützlich heraus. Ein Regal aus Stahlträgern konnte ihn aber schließlich doch stoppen. Jesper rieb sich die Schulter und hustete in den weiten Ärmel seiner Robe, als Reaktion auf die Freisetzung einer Staubwolke, welche der Aufprall bewirkt hatte. Jesper zuckte unter einer aufgebrachten Stimme zusammen, die sich aus dem Nebenzimmer der Tür näherte. Wahrscheinlich war sein Eindringen nicht unbemerkt geblieben. Er war absichtlich in seiner alten Adeptentracht erschienen, um sich im Notfall aus einem möglichen Schlamassel bringen zu können, doch wenn man ihn hier so erwischte, war es schwer sich eine glaubwürdige Ausrede einfallen zu lassen. Zum Glück konnte nicht einmal er selbst etwas in dem Raum erkennen, der von kratzenden Staubpartikeln und einer bedrückenden Atmosphäre ausgefüllt war. Jesper musste sich nicht lange mit der Frage auseinandersetzen, was sich darin befand, als polternde Schritte zur Tür geeilt kamen und sie aufrissen. Gedämpftes Licht fiel in einem Kegel in die schwarze Kammer ein, den Schatten des in der Tür stehenden Albin hineinwerfend. Jesper kannte den Mann, aber er würde nicht die Hand dafür ins Feuer legen, dass er ihm gegenüber dicht halten konnte. Albin krächzte unter Betrachtung der fehlenden Fensterbarrikade und wollte den Lichtschalter aktivieren um der Sache auf den Grund zu gehen. Jesper blieb wie angewurzelt stehen. Wenn jetzt das Licht anginge, würde er leuchten wie ein Weihnachtsbaum. Ein Klicken ertönte als der Schalter umgelegt wurde und ein Quäntchen Licht zuckte durch die Neonröhre an der Decke. Es blieb finster. Erneut betätigte Albin den Schalter, diesmal mit einem etwas aus der Fassung gebrachten Hämmern gegen die Apparatur. Wieder nichts, nur dass sich der Erschütterung wegen die Lampe langsam aus ihrer Verankerung löste. In der Leitung war wohl wirklich der Wurm drinnen, denn das ganze Gebäude hatte sich im Laufe der Jahre zu einer einzigen Bruchbude entwickelt.
Als Albin ein paar Schritte nach vorne machte, um den Schaden am Fenster zu inspizieren, sah Jesper seine Chance für gekommen und stahl sich hinterrücks an ihm vorbei. Danach erwartete ihn eine Bücherei, die ihn geradezu mit offenen Armen empfing. Doch nicht nur das, sondern auch ein Archiv, aus dem hervorging, dass die Verbindung zu Lekmann noch nicht abgebrochen war.
Das riss mich nun wirklich aus dem Schlaf. Es war nichts das gute Träume versprach, wenn Jesper plötzlich etwas über den verschwundenen Leiter der Anstalt plapperte.
„Das Sanatorium unterhält noch Beziehungen zu Lekmann?“, stieß es auch Li ungläubig herauf.
„So ist es“, bestätigte Jesper. „Lekmann wurde laut unserem Wissenstand entführt, was sich aber bald darauf als Verhaftung herausstellte. Bis vor kurzem schien es keine genauen Informationen über den Standort seines Gefängnisses zu geben, bis eines Tages doch noch ein paar Tipps durchsickerten. Anscheinend ist es ihm sogar gelungen, persönlich eine Nachricht an seine stellvertretenden Leiter im Sanatorium zu schicken. Jedenfalls gibt es noch genug Mittelmänner und Leute, die die Botschaften hin und her tragen können. Ich nehme an sein Aufschrei aus dem Kerker ist der Anlass für all die heimlichen Machenschaften, die in den alten Baracken nun wieder vor sich gehen. Und die Tatsache, dass sich nur noch ein kleiner Bruchteil der einstigen Leute darin aufhalten, macht eine Vertuschungssache nur noch leichter. Wenn ihr mich fragt, hecken die wenigen, die noch verblieben sind, irgendwas aus. Da war etwas über Geheimdienste. Irgendein Schreiben, dass davor warnte, der stellvertretende Sanatoriumsvorstand sei uneinig in seinen Bemühungen. Doch die unterirdischen Aktivitäten der vergangen Monate, einschließlich Gerätschaften, Unterlagen und Spuren der Experimente, müssen vor einem Zugänglichmachen der Öffentlichkeit unbedingt bewahrt werden. Dazu ist es notwendig, die Verantwortlichen ausfindig zu machen und mit jedweden Mitteln zur Kooperation zu zwingen. Nur so kann abhanden gekommenes Beweismaterial wieder habhaft gemacht werden und das Aushändigen an die ermittelnden Behörden verhindert werden. Weiters ging es um Schmierungsgelder um die Revolte eines gewissen Fetchel’s zu ersticken. Und es war die Rede von: Fetchel darf nicht Kontakt aufnehmen.“
Raik kratzte sich am Bart. Das war eigentlich schon eine Menge und doch war es nichts, wenn man mit dem Konsens nicht ganz trittsicher war.
„Ich brauche wohl kaum anmerken, dass das meiste davon ein großes Fragezeichen für mich darstellt“, sagte er. „Und wer zum Teufel ist dieser Fetchel?“
Wir schüttelten nur ebenfalls den Kopf.
„Da ist so einiges im Busch“, legte Li fest. „Geheimdienste, Untergrund, Experimente, Revolte… zu unserer Zeit hat es das alles nicht gegeben.“
„Vielleicht hat es sie doch gegeben“, nörgelte ich an Li’s Behauptung. „Aber das ist der Grund, warum man ihn Geheimdienst nennt.“
„Fakt ist, dass es da jetzt ordentlich Krach gibt“, meldete ich mich wieder zu Wort. „Und die Tatsache, dass Lekmann’s Ruf aus den tiefen seines Kerkers gehört wurde, ändert vielleicht etwas an dem Chaos dass dadurch entstanden ist, dass sich seine stellvertretenden Leiter und der Mitarbeiterstab gegenseitig in die Haare kamen. Aus welchem Grund auch immer…“
„Vielleicht hat es damit etwas zu tun“, kramte Jesper in seiner Tasche herum. Ein zusammengerolltes Blatt Papier kam in seiner Hand zum Vorschein.
„Was ist das?“, waren wir erstaunt.
„Keine Ahnung“, gab Jesper zu. „Ich hatte selber noch nicht die Zeit es zu betrachten. Irgendein wichtiges Dokument. Es lag auf dem Schreibtisch des Bibliothekars und ich hab es mir gegrapscht.“
„Könnte vielleicht auffallen, wenn es plötzlich nicht mehr da ist“, bemängelte Li.
„Das glaube ich nicht“, antwortete Jesper, indem er das Papier aufrollte und in die Richtung hielt, damit wir es alle sehen konnten. „Es gab unzählige davon, sie waren in einem Besprechungsraum an die Wände gehaftet. Die gleichen Abbildungen hatte man mit Kreide an die Tafel geschmiert. Die sind gerade in der Planungsphase für ihr großes Ding.“
Gespannt versuchten wir etwas auf dem Blatt zu erkennen, das der Fahrtwind mehr und mehr zerknitterte, bis es Jesper auf Raik’s breiten Rücken haftete.
„Hey, ich will schließlich auch was sehen“, knurrte der wenig begeistert.
„Aha“, machte Jesper ohne darauf einzugehen. „Sieht aus wie die Karte eines Gebäudeplans. Es ist winzig gezeichnet, damit alles Platz hat. Wenn mich nicht alles täuscht, zeigt eine Zeichnung den Querschnitt und die Zweite ist aus der Vogelperspektive.“
„Das Sanatorium?“, wollte Raik wissen, der sich wegen seiner Neugier schon bald einen steifen Nacken holte.
„Zu groß“, verneinte Jesper rasch. „Seht mal her, diese ganzen Linien hier stellen Ebenen dar und die winzigen Quadrate stehen für Räume. Wahnsinn, sie sind kaum zu zählen ob ihrer Größe.“ Trotzdem begann er damit, die einzelnen Bereiche mit dem Finger nachzufahren und wispernd das Zahlenalphabet aufzuzählen, was während einer stürmischen Bootsfahrt wie dieser gar nicht so leicht war.
„Na sag schon, wie viele sind es?“, fragte Raik.
Jesper blickte ihm gefrotzelt über die Schulter. „Willst du mich auf den Arm nehmen? Ich hab doch gerade erst begonnen zu zählen. Da sind hunderte Zimmer aufgezeichnet.“
Raik zuckte nur mit den Achseln. „Dann nimm dir eben die Zeit.“
Li wandte sich wieder ganz seinem Kurs zu, den er, wenn es nach mir ginge, als unser Nautiker eigentlich gar nicht außer Acht lassen durfte. Die kleinen Kästchen hatten sich bei zu längerer Betrachtung in seine Netzhaut eingebrannt und blieben in der Mitte seines Gesichtsfeldes wie ein Fadenkreuz, wohin er auch blickte. Auch ich musste zugeben, dass der bloße Anblick dieses Gekritzels einem durchaus Kopfschmerzen bereiten konnte und versuchte durch blinzeln und gezielte Blicke in die Ferne wieder ein klares Bild zu bekommen. Li und ich, wir konnten uns nur wundern, wie Jesper das Durchhaltevermögen besaß, jedes darin vorkommende Detail der Reihe nach durchzugehen. Als sogar schon Raik dahinter gekommen war, dass es sinnlos war sich noch weiter den Hals zu verrenken, kreuzte Jesper schließlich mit der Lösung auf.
Mit leicht schielendem Blick hob er seinen Kopf und seufzte: „Dreizehn Stockwerke, Neunhundertneunundneunzig Zimmer. Weiß jemand von euch, welches Haus eine solche Zimmeranzahl besitzt?“
„Muss schon eine ordentliche Hütte sein“, gab ich von mir. „Das einzige, was mir mit der entsprechenden Kragenweite dazu einfällt, ist eigentlich nur der Potala-Palast.“
„Lhasa’s Winterpalast“, schoss es Jesper ein. „Goldrichtig.“
„Das kannst du Laut sagen“, schnippte Li mit den Fingern. „Das gute Stück hat dort allein für ein einziges Dalai-Lama Grab drei Stockwerke verbraucht und sich mit stattlichen Dreieinhalbtausend Kilogramm Gold ausgestattet. Da wölbt sich das ganze Dach.“
Nicht nur Raik fand das beeindruckend. Wer den Potala-Palast noch nie gesehen hatte, konnte ihn gar nicht verfehlen, wenn er zum ersten Mal nach Lhasa kam. Der Rote Palast thronte Hundertdreißig Meter über der Stadt auf einer Anhöhe, während sein Weißer Bruder wie zwei riesige Arme die auf einer Sessellehne ruhten, in großen Stufen den Hügel hinab verliefen. Die Mauern waren einfach, leicht schräg, damit sie unten dicker sein konnten und massiver waren. Dennoch wohnte ihnen etwas Majestätisches inne, der Winterpalast war eine gewaltige Festung, darüber brauchte man sich keine Illusionen zu machen. Nur die Dächer glitzerten golden im Sonnenlicht, mit ihren kleinen Türmchen aus Gold und den Dhvaja-Siegesbannern. Doch niemand würde da hinauf kommen, um sich ein Stück von dem Kuchen abzuschneiden, ohne dass nicht die Tibeter ein Wörtchen bei der Sache mitzureden hatten.
„Also schön, was glaubt ihr, was sie damit anstellen wollen?“, warf ich einfach mal in den Raum und griff mir die Karte.
„Weiß nicht“, zuckte Raik mit den Schultern. „Kommt darauf an, was es dort zu holen gibt.“
„Eigentlich eine ganze Menge“, musste ich eingestehen. „Mal sehen, was das hübsche Ding so zu bieten hat. Der zentrale Teil hier, ist der so genannte Rote Palast“, erklärte ich meinen Freunden. „Das andere wird als der Weiße bezeichnet. Die Große Westhalle ist die zentrale Haupthalle. Sie selbst beinhaltet vier ganze Kapellen, um sich nur einmal eine Größenordnung machen zu können. Dann gibt es noch die Kapelle der Heiligen, die Kapelle des Südens, hier, des Ostens, Westens und Nordens, da, da und da. Das Grab des dreizehnten Dalai Lamas befindet sich an dieser Stelle.“
Jesper musterte mich skeptisch. „Woher kommt es, dass du in den ganzen Sehenswürdigkeiten unserer Stadt dermaßen bewandert bist?“
„Was blieb mir in all der Langeweile in der ihr mich hier verschrumpeln lassen wolltet schon anderes übrig, als etwas Sightseeing zu betreiben“, lautete meine Antwort.
„Glaubt ihr, sie sind hinter dem Gold oder irgendwelchen Schätzen her?“, kam Raik schließlich wieder aufs Thema zurück. „Genug gäbe es ja davon.“
„Ja wäre möglich“, stimmte Li zuerst zu, verzog dann aber doch das Gesicht. „Obwohl ich davon nicht recht überzeugt bin. Den Potala-Palast auszurauben würde in keinem Zusammenhang zu all den anderen besprochenen Dingen stehen. Lasst und die Tatsachen wiederholen: es geht denen im Sanatoriumsvorstand darum, Beweismittel zu vernichten. Wobei auch erwähnt wurde, dass sie sich dabei nicht ganz einig sind. Also die einen wollen etwas verschwinden lassen, die anderen nicht. Entweder sie wollen damit ans Tageslicht rücken, was mir spanisch vorkommt, da sie sich damit ja wahrscheinlich selbst verraten würden, oder, was ich eher glaube, mit dem ganzen Zirkus weitermachen um den es hier geht. Die einen wollen aufhören, die anderen weitermachen. Beides geht nicht und sie stecken alle zu tief drinnen, um damit von Außerhalb Hilfe zu erbitten. Da kommt vielleicht das Gehirn hinter dem Ganzen ins Spiel: Lekmann.“
„Oder Fetchel“, unterbrach Jesper Li’s Lauf.
„Ja, kann eigentlich auch sein“, wurde er von Raik bestätigt.
„Wer auch immer das sein mag“, fügte ich mit einem Achselzucken hinzu, denn immerhin wussten wir von diesem Mann nur seinen Namen.
„Was auch immer“, wollte Li endlich zu seiner Pointe kommen. „Jemanden zu beklauen passt einfach nicht in das Konzept. Es geht allein um interne Streitigkeiten im Sanatorium. Die Anstalt bröckelt schon lange auseinander, aber ich habe das Gefühl, dass sie sich jetzt in viele Splittergruppen aufgeteilt hat. Am besten wir befragen unsere Amigos im Refugium, wenn wir zu ihnen in die Berge gestoßen sind.“
„Kann ja nicht mehr weit sein“, sagte ich in Anbetracht unserer Umgebung.
„Du hast recht, denn da kommt die nächste Abzweigung“, zeigte Jesper auf den Fluss.

Von seiner Quelle im Südwesten Tibets, war der Fluss unter dem Namen Yarlung bekannt, was soviel wie Imperiales Blut bedeutete. Er zweigte sich fort über Südtibet, wo er später als Dihang durch Himalaya’s große Schluchten brechen sollte. Der Yarlung-Fluss entsprang im Jima Yangzong, einem Gletscher nahe dem Mount Kailash etwas weiter nördlich. Auf einer durchschnittlichen Höhe von Viertausend Metern über dem Meeresspiegel, galt er als der höchste bedeutendere Fluss der Welt. An seinem östlichsten Punkt, sollte er eine Biegung um Mount Namcha Barwa machen, um dort die tiefste Schlucht der Erde zu formen.
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BeitragVerfasst am: 30.01.2011, 11:54    Titel: 11 - Endstation Antworten mit Zitat

Teil 11 - Endstation

Im Morgengrauen fuhren wir schließlich in die Mündung des versprochenen Gebirgssees ein, der das heiß ersehnte Ende unserer Bootsfahrt darstellen würde. Auf dem Kopf stehende Birkenhaine spiegelten sich am seichten Ufer des Sees nieder und das Wasser war grau und blau gefärbt von den Bergspitzen mit dem darüber ausgebreiteten Himmel, die sich beide auf unserem Weg abzeichneten.
„Endstation Abwrackbucht“, informierte er uns, indem er den Außenborder hochklappte, um weniger Widerstand im Wasser zu haben. „Wir lassen uns erst mal in Schleichfahrt am Strand entlang treiben, bis wir um die nächste Biegung sind. Von da aus haben wir eine bessere Sicht auf den Schiffsfriedhof, der in der nächsten Bucht vor uns liegt. Man kann nie wissen, was sich dort tut.“
Hinter einer weit herausragenden Felszunge, veränderte sich das Abbild unserer Umgebung schlagartig. Die Birken ließen auf einmal ihre Äste hängen und ein fauler Gestank klebte in Form von Algenteppichen an ihren Wurzeln. Schleimige Moospolster flochten sich über den Kies bis zum Waldrand hinauf und das austrocknende Sonnenlicht überließ sie in Verwesung begriffen dahinsiechen. Zu allem Überdruss, stiegen auch noch vom Grund des Sees Gasblasen auf, die das Wasser zu einer braunen Brühe verwandelten. Zuerst waren es nur dahin ziehende Unterwasserwolken, die sich bald wieder auflösten, doch als das Wasser noch dicklicher wurde, verlor es jegliche Undurchsichtigkeit.
Stahlträger ragten wie Kreuze auf einem Friedhof aus der schlickigen Erde auf und dahinter zeichneten sich ganze Schiffsverkleidungen ab, die wie Grabsteine auf dem Strand aufgelaufen waren. Nur die krächzenden Schreie der Raben waren zu hören, die auf den ausgelaufenen Fässern herumpickten.
„Sieht ganz so aus als wäre niemand da“, stellte Raik fest, als unser Raft bis auf Sprechweite an die riesigen Trümmer heran war, mit denen der ganze Landstrich übersäht war.
Mir wurde unwohl bei der Tour zwischen den ausgeschlachteten Wracks hindurch. Sie standen wie leere Hallen, aufgerissen und nur noch von den Inneren Stützen gehalten, wie die Skelette gestrandeter Wale. Der Atem von dahinmoderndem Öl und Rost zerfressenen Metallteilen gähnte uns aus den weit offen stehenden Schiffsmäulern entgegen. Verwesungsgeruch verendeter Tiere tat dazu sein Bestes, sodass uns die morgendliche Brise gleich einmal dazu zwang, uns Tücher vor Mund und Nase zu halten. Nicht dass es nicht schon gefährlich genug war, um sich an irgendwelchen spitzen Pfeilern, die man unter dem Schlick nicht sehen konnte, ein schönes Loch im Gummischlauch zu holen. Aber die Möglichkeit, dass sich in dem ganzen Haufen aus Schiffsgerippe, nicht doch irgendeine Menschenseele aufhielt, schien mir doch nicht so abwegig.
Eine Abwrackbucht hatte ganz einfach die unangenehme Eigenschaft, dass sich dort üblicherweise Arbeiter, meistens nicht mehr als Taglöhner aufhielten, die halb im Schlamm versunken und mit Schweißbrennern ausgerüstet das absolut letzte aus diesen einstigen Juwelen der Gewässer herausholten. Warum also auch nicht gerade an dem Tag, wo wir sie am wenigsten hätten brauchen können.

Es gab eine kleine Meinungsverschiedenheit, auf die ich aus ganz offensichtlichen Gründen zu diesem Zeitpunkt nicht näher eingehen wollte. Fakt war, wir konnten als Sieger aus der Affäre hervorgehen.
Doch auch bei uns war die Stimmung nicht die allerbeste. Li hockte trübsinnig auf einem Stein und beobachtete uns beim Ladung verschippen. Auf die Frage was er denn auf dem Herzen hatte, zeigte er nur stumm auf sein Boot.
„Diese Schweinehunde haben mein Raft auf dem Gewissen. Es ist ihnen tatsächlich gelungen ein Leck in mein Boot zu reißen. Sieh dir das an! Es ist zum aus der Haut fahren.“
Ich musterte unser Boot, von dem wirklich ein beunruhigendes Zischgeräusch ausging. Mit Gummiwunden kannte ich mich wenig aus, doch es machte nicht den Eindruck, als würde es das wegstecken können.
Li hatte es sich angesehen, aber laut ihm war nichts mehr zu retten. Wir mussten schnell machen um die Ladung an Land bringen, bevor wir sie als Treibgut aufsammeln konnten. Unser fahrbarer Untersatz lag binnen Minuten eingeschrumpelt in der Bucht. Ich konnte nicht ahnen, dass es sich um den Einzigen weit und breit handelte.
„Für das nächste Mal wird es spannend nach Lhasa zu kommen“, bemerkte Jesper, der sich eine Kiste schulterte und abmarschbereit auf den Rest wartete.
„Wieso?“, fragte ich nicht weniger bepackt wie ein Maulesel.
„Ohne Fahrzeug…“, keuchte er.
Ich hatte mich an den Verlust noch nicht gewöhnt. Aber der bevorstehende Fußmarsch würde mich lehren, ihn nicht mehr zu vergessen.
„Zerbrecht euch darüber nicht gleich den Kopf“, beruhigte uns Raik. „Wir müssen jetzt mal zusehen, dass wir das ganze Zeug hier irgendwie in die nächste B.I.R.T.H.-Siedlung bringen, oder zumindest alles was wir nicht tragen können, in der Nähe deponieren. Damit wir den Kram später abholen.“
„Sollen sie sich’s doch selber holen“, meuterte Li. „Wer auch immer was von all den Sachen brauchen kann. Für mich war sowieso nichts Nützliches dabei. Mal abgesehen von dem Treibstoff, aber der Mist ist jetzt auch überflüssig geworden. Ich mag diesen Platz nicht“, streifte er sich ein paar Ölklumpen von der Ferse. „Allein schon der Name. Ich hätte es wissen müssen, dass das die Endstation ist.“

Wir traten die Reise über einen weiten grünen Hang an, den Weg in die Freiheit.
Das Gras stand knöchelhoch, aber uns wurde der Komfort zuteil, einen ausgetrampelten Pfad zu benutzen, auf dem schon die ersten Siedler des B.I.R.T.H. vom Schiffsfriedhof ausgebüchst sein mussten. Es war ein ausgeblichener Streifen von dürren und zerknickten Halmen, der sich den Hang hinaufwälzte und wenn er schon nicht recht dazu beitrug, schneller voranzukommen, bestärkte er mich zumindest in dem Gefühl, dass wir uns in die richtige Richtung bewegten.
Auf der Hügelkuppe angekommen, sahen wir neben den unfassbar aufragenden Bergschultern weit vorne auch noch etwas auf dem Hochplateau, das nur eines sein konnte: eine B.I.R.T.H.-Siedlung. Die unverkennbare Silhouette von Schrägdächern die auf kleinen Blockhäusern saßen, konnte mich einfach nicht täuschen. Rauch stieg aus den Kaminen der Hütten auf.
„Dort vorne liegt unser erstes Ziel: Port Halen“, unterrichtete mich Raik.

Bevor wir nur in die Nähe der beschaulichen Niederlassung kamen, mussten wir ein zerklüftetes Land aus grün bewachsenen Höckern überwinden, die alle, nur über schwierige Umwege zu erreichen waren. Vereinzelt standen Bäume auf der weiten Fläche, Pinien die der Wind etwas entstellt hatte oder Wacholderbüsche, die sich im Schutz von großen, wie von Riesenhand aufgestellten Steinen versteckten. Immer wieder stellten sich uns Felsklippen direkt in den Weg, die kaum höher waren als ein Mann. So dauerte es eine Weile, bis der Trampelpfad endlich wieder in Richtung Siedlung bog.
Wir tauchten aus einer schattigen Rinne auf und erreichten eine Kreuzung auf dem Kamm, die mit einem liebevollen aufgetürmten Steinhaufen markiert war. Nebenbei steckte ein Spalier in der Erde, auf den einige Holzschilder genagelt waren. Wegen des sanften Lüftchens hielten sie diesmal sogar still. Port Halen wurden die Buchstaben auf dem einen Brett vor meinen Augen immer klarer. Dann Arkana und Chaperonis auf den anderen beiden. Jeder der Namen führte auf einem anderen Pfad ins Gebirge. Ich wollte unbedingt nach Port Halen. Denn wir hatten nicht vor in noch kältere Gefilde zu ziehen. Außerdem war von dem Knotenpunkt aus die heiß ersehnte Niederlassung schon viel besser zu sehen. Wir ließen die Rucksäcke erst einmal zu Boden und hießen ihren Anblick mit einer Verschnaufpause von der Ferne aus willkommen. Einer der Wegweiser zeigte direkt nach links in ihre Richtung, Luftlinie nach Port Halen. Genau das war es auch, wie wir nun vorhatten hinzugelangen. Geradeaus weiter ging es nach Arkana, das in irgendeinem Tal außer Sicht hinter der nächsten Hügelkuppe liegen musste, während man rechterhand einen Pfad bergauf ins Waldland nehmen musste, um nach Chaperonis zu gelangen. Wo es zum Schiffsfriedhof oder gar zurück nach Lhasa ging, interessierte hier scheinbar niemanden mehr.

Ich trank einen kräftigen Schluck aus meiner Feldflasche, sobald ich mich an die aufgetürmten Steine gelehnt niederließ.
„Was muss ich über Port Halen wissen?“, fragte ich, indem ich auf die von Palisaden umzäunten Blockhütten auf dem Hochplateau deutete. Der aufsteigende Rauch über den Dächern und der damit verbundene Geruch von verbranntem Brennholz, ließ in mir das lange ersehnte Bild von wärmendem Kaminfeuer aufleben.
„Port Halen dient als erste Anlaufstelle für die meisten Neuankömmlinge in der Kolonie. Die Nähe zur Abwrackbucht gab Port Halen seinen Namen. Feist, der Büttel von Port Halen ist jedoch ein geiziger Kragen. Er wird uns sicher einen Teil unserer Güter streitig machen wollen. Wenn ich es mir recht überlege, wäre es vielleicht besser wir gehen zu Sanchez, nach Chaperonis. Ich habe mit ihm faire Preise vereinbart. Außerdem stellt er Männer bereit, die das restliche Zeug vom Strand holen.“
„Was sollte ich dann darüber wissen?“
„Eigentlich nichts“, gab Raik Auskunft. „Lass dich am besten einfach überraschen.“
Wir mussten uns also abschminken, in die nächstgelegene Ortschaft einzukehren. Hohe Steuern und ein erheblicher Wegzoll waren Gründe genug, um einen längeren Weg auf sich zu nehmen. Wir machten uns Richtung Chaperonis auf, wo uns der Pfad zu dem hoch aufragenden Wald geleitete, dessen äußerste Reihen sich wie verkrampfte Gebilde gegen die rauen Winde der Hochebene auflehnten. Sobald wir aus der Senke mit den Wegweisern herausgekommen waren, pfiff uns der Frostatem des Gebirgspasses schon um die Ohren. Weit hinter dem Forst und hinter anderen bewaldeten Hängen, blitzten die eisigen Giganten auf.

Die letzten Meter zum Waldrand verbrachten wir freiwillig im Laufschritt. Sobald wir ihn erreicht hatten, bogen wir gleich hinter ein paar dicken Baumstämmen ein und stießen tiefer ins Dickicht vor. Der Weg war von zahlreichem Laub übersäht, doch als gleichmäßiger Strich erkennbar, dem sich kein Strauch in die Quere stellte.
„Siehst du den Hügel auf der Lichtung dort vorne“, lenkte Raik jedoch vom Pfad ab. „Nimm einen kurzen Blick vom Ausguck. Wir treffen uns später am Weg.“
Während die anderen den Weg weitergingen, schwenkte ich ins Gebüsch ein und folgte einem Graben zur Waldlichtung. Baumstämme lagen quer über und bildeten eine natürliche Brücke auf die saftigen Gräser der Wiese, die sich zu der Anhöhe erstreckte. Auf dem höchsten Punkt stand ein verlassener Ausguck auf Pfählen und mit einer Leiter, von dem aus man am zurückgelegten Feld nach Wild oder was auch immer sich am Waldeingang verirrte, Ausschau halten konnte.
Die Bretterverkleidung am Posten war teilweise löchrig und alles in allem aus feuchtem, modrigen Holz, weshalb ich mein Gepäck vorsichtshalber im kniehohen Gras versinken ließ. Ich kletterte auf den Hochstand und suchte den Horizont nach allen Richtungen ab.
Danach kehrte wieder dahin zurück, wo ich gewohnten Boden unter den Füßen hatte - nur dass ich dort meinen Augen nicht mehr traute.
„Das ist jetzt ein Scherz“. Mein Rucksack war verschwunden. Da ich keinem Tier der Welt genug Schmalz zutraute um das Ding wegzuschaffen, fiel mein Verdacht selbstverständlich auf Li. Ich musste die Gegend nach einem Witzbold mit Pferdeschwanz und Spitzbart absuchen. Dabei stieß ich jedoch wider Erwarten auf eine völlig andere Erscheinung. Eine Gestalt in Patchwork-Kleidung hatte sich mein Gepäck gekrallt und zwinkerte mir von dem gefällten Baumstamm aus zu, der sich quer über den Graben gelegt hatte. Es war definitiv nicht Li, aber eines war klar, ich würde ihm trotzdem das Fell über die Ohren ziehen.
Ich konnte nur den Kopf schütteln. „Ich hoffe für dich du hast eine gute Erklärung dafür“, nahm ich gelangweilt die Verfolgung auf. Mit dem Ballast konnte er mir sowieso nicht entkommen. Es sei denn, jemand hätte sich im Unterholz versteckt und nur darauf gewartet, dass ich den Köder schlucken würde und dem Dieb über die wacklige Naturbrücke folgte.
Genau das passierte auch. Ich konnte gar nicht so schnell schauen, schlangen sich zwei kräftige Arme um meine Hüften und rissen mich todesmutig mit in die Senke hinab.
Der Aufprall war hart, aber nicht minder die Wut darüber so dumm zu sein, um in die älteste Falle der Welt zu tappen. Wäre mir nicht ein Ellbogen gegen die Rippen gestoßen worden, hätte ich vermutlich den Tag laut verflucht, an dem ich mich entschied, in die Welt des B.I.R.T.H. einzuziehen.
Und wozu all die vielen Liegestütze, wenn es mir jetzt nicht einmal gelang, diese lästige Klette vom Hals zu schaffen.

Meinen Freunden am Weg ging es jedoch nicht anders. Sie wurden auf ganz ähnliche Weise von ein paar übereifrigen B.I.R.T.H. Siedlern aufgelesen. Nur mit dem Unterschied, dass sie ihre Widersacher kannten.
„Mann, lass die Finger von mir“, riss Raik’s Geduldfaden, nachdem man ihn mit aller Kraft am Boden festgehalten hatte. Er konnte bereits ahnen, um wen es sich handelte: Stig’s Greifer, die dafür sorgten dass niemand dem Waldversteck Chaperonis zu nahe kam. Sie machten ihrem Namen alle Ehre.
Als Raik aus dem unangenehmen Schwitzkasten freigelassen wurde, bestätigte sich sein Verdacht auf die Rasselbande. Was für eine Freude die alten Kumpels Fitch, Derek und Stig wieder zu sehen.
„Wir dachten schon ihr taucht hier gar nicht mehr auf“, klopfte ihm Letzterer lachend auf die Schulter.
„Um ehrlich zu sein, das war mein erster Gedanke, aber dann fiel mir plötzlich wieder ein, wie warm man hier empfangen wird“, konterte Raik, während Fitch und Derek damit beschäftigt waren, den Staub von Jesper’s Kleidung zu putzen.
„Wir haben außerdem einen Haufen Kram mit, der eurem Boss in Chaperonis von Nutzen sein wird“, kam Raik zum Geschäftlichen.
„Ja“, grinste Stig, „das dachten wir uns bereits. Deswegen hat Sanchez auch veranlasst, dass euch ein paar Sherpas in der Abwrackbucht unter die Arme greifen sollten.“
„Das waren Sherpas?“, platzte Jesper ungläubig heraus. Raik überspielte Li’s Seufzer nur mit einem erzwungenen Lächeln.
„Na du weißt schon, Einheimische die unser Boss Sanchez angeheuert hat“, wurde Stig stutzig. „Wieso, was ist mit ihnen passiert?“
Für Raik war jetzt der Zeitpunkt Stig’s Schulterklopfen zu erwidern: „Frag lieber nicht.“
„Wo steckt Mitch eigentlich so lange?“, lenkte Li vom Thema ab.
„Wer?“, wurden die Mienen von Stig’s Greifern noch verdutzter.
„Na der Neue, der vorhin zur Lichtung gelaufen ist“, schaffte Li Klarheit.
„Oh“, meinte Stig, sich verlegen auf seinem kahl geschorenen Nacken kratzend. „Der müsste dann Ivan und Henry in die Arme gelaufen sein.“ Eine böse Vorahnung schlich sich nicht nur bei ihm im Oberstübchen ein.

Sie begaben sich besser selbst auf den Weg, um herauszufinden, was passiert war: zu dem Graben, in dem ich seit Minuten wie ein Verrückter darum raufte, meinen Rucksack zurück zu gewinnen – und nicht zuletzt meine Ehre. Der Dieb in dem Patchwork-Leder kam seinem Partner zu Hilfe geeilt, als es scheinbar länger dauerte, um mit mir fertig zu werden, als geplant. Das kam mir nur gelegen. Er brachte zudem gleich noch meinen Rucksack mit. Ich teilte ein paar kräftige Schwinger aus und einen Tritt um den Mann mit dem Rucksack auf den Grund zu schicken. Doch gerade als ich anfing einige offen stehende Rechnungen an die beiden zurückzuzahlen, wurde ich auch schon wieder zurückgepfiffen.
„Zwing mich nicht meine Waffe zu ziehen“, drohte der Eine, als ich mit meiner Faust noch einmal aufzielte.
Als dann noch meine Freunde an der Kante der Grabenwand erschienen, schien es als wäre der Spaß vorbei. Raik’s peinlicher Gesichtsausdruck, bei dem er sich auf die Lippe biss, machte mir klar, dass hier etwas falsch gelaufen war. Aber wenigstens hatten sie zusehen können, wie ich mich gegen die Zwei behauptete.
„Keine Sorge, ich habe hier alles unter Kontrolle“, rief ich Raik, Jesper und Li zu, nachdem zwischen ihnen drei weitere Männer auftauchten – allesamt mit rot angelaufenen Gesichtern.
„Darf ich vorstellen“, räusperte sich Raik und machte eine umschweifende Geste, „das sind Stig und seine Greifer.“ So eine Erkenntnis war zumindest immer für eine kurze Atempause gut.
„Fabelhaft“, breitete ich die Arme aus und streckte sie Henry und Ivan entgegen, die am Boden saßen um ihre gesprungenen Lippen zu versorgen. „Dann könnt ihr Jungs uns sicher den Weg erklären.“
Die beiden sahen nicht gerade begeistert aus. Dafür ließ Stig nicht lange auf eine Antwort warten.
„Also gut, nach Chaperonis geht’s noch ein Stück den Waldweg hinunter, zur nächsten Lichtung. Dann biegt ihr rechts hinein. Wenn ihr an einen Felsen stoßt, seid ihr richtig. Wenn nicht, seid ihr daran vorbeigelaufen und solltet darauf achten, nicht in die riesige Grube zu fallen, in der wir unser Lager ausgehoben haben.“ Es war das erste Mal, dass sich auch Henry und Ivan vor Lachen schütteln mussten. „Na ihr werdet schon sehen was ich meine“, fuhr Stig fort. „Eines solltet ihr allerdings noch wissen: beim Felsen ist der Eingang. Pfeift hinein und wartet bis es zurückpfeift. Pfeift ein zweites mal und wartet erneut auf die Antwort. Dann seid ihr sicher am richtigen Ort.“
„So einfach?“, fragte ich.
„Und keinen Deut schwieriger“, nickte Stig. „Aber damit ihr das auch nicht wieder verbockt, werden wir euch ohnehin begleiten müssen.“
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BeitragVerfasst am: 05.02.2011, 09:13    Titel: Teil 12 - Chaperonis Antworten mit Zitat

Teil 12 - Chaperonis

Der Pfad zum Waldversteck Chaperonis brachte außerdem die Gelegenheit die fünf Galgenvögel ein wenig näher unter die Lupe zu nehmen. Der Mann in dem Patchwork-Leder war Henry, dessen Kopf man sich gut an den durchscheinenden Stellen seines schütteren, braunen Haars einprägen konnte. Er hatte die Sorte Haarschnitt gewählt, bei der seine Geheimratsecken am wenigsten auffielen, nämlich eine klassische Stoppelfrisur.
Der andere, Ivan, war ein wenig gedrungener gebaut als sein Langfinger-Kumpane. Man konnte ihm kaum zutrauen, dass er auf die Idee mit dem Baumstammüberfall gekommen war. Er sah mehr wie der Ausführende des Plans aus, mit seinen kahl geschorenen Seiten und einer Haarwiese auf dem Oberhaupt wie eine Matte.
Jener der zwischen Li und Jesper hertrottete, hieß Derek. Mit seinem zurückweichenden Haar über den Schläfen, sah er Henry nicht unähnlich, jedoch hob er sich durch einen markanten Schnauzer von seinen Kollegen ab. Es war außerdem seine schwielige Hand, die den Flachmann aus der Tasche holte und durch die Runde gehen ließ – Reisschnaps, aus dem B.I.R.T.H. Anbaugebiet.
Sein Kumpel Fitch hatte dort früher einmal gearbeitet und Prozente bekommen. Aber das war lange bevor dessen Landherr seine Konkurrenten ausstechen konnte und zum Reislord aufgestiegen war. Und erst noch viel länger, bevor sich Fitch einen Irokesen schneiden ließ, um sich sein Brot bei der Grenzpatrouille zu verdienen.
Wie ich sehen konnte, waren Stig und seine Truppe bestens dafür gerüstet: ordentliches Schuhwerk mit Stahlkappen, feste, rutschsichere Handschuhe, damit ihnen nichts durch die Finger schlüpfte. Ihre Hosen wiesen Wülste aus gehärtetem Leder über Knien und Schienbeinen auf und boten Platz für einen ordentlichen Knüppel im Holster. Stig, der glatzköpfige Anführer der Greifer konnte sich und seine Jungs hinter all dem und einem mit roter Farbe markiertem Brustpanzer in Sicherheit wissen. Denn das war so etwas wie die Parlamentärsflagge der vereinten B.I.R.T.H. Siedlungen. Wer hier draußen keine besaß, sollte sich besser eine gute Erklärung einfallen lassen oder anfangen die Beine in die Hand zu nehmen.

Wir erreichten das spärliche Waldstück von dem Stig gesprochen hatte etwas abseits des Weges. Baumstümpfe zeugten von dem vielen Holz, das für Chaperonis und zum Teil auch für das umliegende Port Halen geschlägert wurde. Der Boden war bedeckt von hellen Sägespänen und der Duft nach Harz erfüllte die Luft. Die Axt in einem Baumstumpf konnte noch nicht lange geruht haben. Stig hockte sich dazu und zückte sein Jagdmesser, mit der er in die gleiche Richtung wie der Schaft der Holzfälleraxt zeigte. Mit zusammengekniffenen Augen konnte man die Umrisse von einem großen Gebilde, wahrscheinlich einem Felsen unter den verdunkelnden Baumwipfeln ausmachen. Die Holzfäller hatten ihr Werkzeug nicht grundlos liegen gelassen. Es war der Weg nach Chaperonis, hinein in eine bedrückende Düsternis, die der Wald unter seinen Ästen im Bann hielt. Die Bäume waren dort nicht mehr so ausgelichtet, wie es der Wind der Hochebene mit ihnen am Waldrand getan hatte.
Die Gewächse standen dicht beisammen, nahmen sogar felsigen Grund ein.
Jeder normale Mensch wäre an dem mit Ranken verhängten Eingang einfach vorbeigelaufen, ohne ihn zu bemerken. Nur Stig zeigte uns, dass er hier in den Wäldern zuhause war. Er lehrte uns, wie man es richtig machte. Als Stig den richtigen Pfiff von sich gab, wurde der Lianenvorhang von einer behandschuhten Faust, die aus dem Inneren auftauchte, beiseite geschoben. Ein weiterer, in Spalier stehender Wachposten wurde auf der anderen Seite des Eingangs aufgedeckt, der uns mit seiner Stangenwaffe problemlos durch das Gestrüpp hindurch aufspießen hätte können – nur für den Fall, dass jemand das falsche Lied angestimmt hätte.
Die beiden Männer trugen Hellebarden, deren axtähnliches Klingenblatt so massiv war, dass es gleich an zwei Stellen mit dem dicken Holzschaft verbunden werden musste. Falls es dennoch ein wildes Tier schaffen sollte, sich an diesem Furcht einflößenden Prügel vorbeizuschummeln, ehe es ihre Träger aus dem Schlamm ziehen konnten, würde es sich an ihrem zähen Wams erst einmal die Zähne ausbeißen.
„Das kann nicht euer Ernst sein“, murmelte ich, als wir über Steintreppen in das Innere der Niederlassung marschierten. Aber falls die Leute hier nicht tatsächlich von einer unglaublichen Paranoia geplagt waren, sollte ich mir vielleicht auch besser so ein Ding zulegen.

Der Platz war mit einem alten Amphitheater vergleichbar und lag größtenteils unter dem Waldbodenniveau. Urige Erdhänge und Wurzeln schlossen sich über die improvisierten Hütten, die in kreisrunder Form gegen die Grubenwände aufgestellt wurden. In der Mitte führte eine alte Steintreppe ganz zum Grund der Senke hinab, doch die stufige Aneinanderreihung der Unterkünfte erlaubte es auch, einfach auf die flachen Dächer der tiefer liegenden Schuppen zu steigen, sofern diese nicht einbrachen.
In flackerndes Licht gehüllt, saßen Männer wie auf Tribünen auf den Dächern und blickten gespannt auf die zentrale Feuerstelle. Es gab zwar auch einige in der Runde, die sich ihr eigenes Lagerfeuer entzündet hatten, doch wies garantiert keines einen solchen Happen auf, wie es auf dem riesigen Grillspieß in ihrer Mitte brutzelte.
„Ah, Abendessen, wir kommen genau richtig“, rief ich, als mir eine Rauchschwade von dem angebrannten Yakfleisch in die Nase stieg. Der Mann am Spieß tat gut daran, einen Zahn beim Drehen zuzulegen, denn jetzt war keine Zeit, sich die Schweißperlen von der Stirn zu wischen.
Ein paar der Leute hatten unsere Anwesenheit inzwischen bemerkt und warfen uns desinteressierte Blicke zu. Im Moment stand einfach der knurrende Magen noch im Vordergrund. Oder war doch der eine oder andere dabei, der hoffte wir hätten eine Ladung Schnaps aus Lhasa mitgebracht? Jedenfalls war die Stimmung einem Neuen gegenüber nicht abgeneigt. Wir saßen schließlich alle im selben Boot.
„Wir werden eurem Boss Sanchez einen kleinen Besuch abstatten“, erklärte Raik, um sich von Stig und seinen Jungs zu verabschieden.
„Tu dir keinen Zwang an“, schüttelte ihm Stig die Hand. „Seine Hütte ist gleich den Weg hinunter.“ Die aus Stein geschlagenen Stufen führten direkt zu dem Anführer des Lagers. Außerdem war der Treppenweg mit Speeren abgesteckt, damit man jederzeit einen zur Hand hatte, wenn man ihn brauchte. Auch unter sämtlichen Dachbalken bemerkte ich Schwertgriffe hervorblitzen, die den Bewohnern der Hütten zu gehören schienen, die lieber mit einer blanken Waffe auf der Schulter aus ihrem Domizil schritten.
Aus dem Augenwinkel sah ich auch jenen Mann unter einem Schuppeneingang, der für all das Eisen verantwortlich war. Der Schmied stand im glühenden Schein seiner Esche und hämmerte auf ein weiteres Stück unbearbeitetes Metall ein. Vor seinem Haus hatte er einen Schleifstein für jeden bereitgestellt, der einer Nachschleifung seiner Klinge bedurfte.
Gleich gegenüber verhing ein Vorhang aus Tierleder den Eingang einer weiteren Hütte. Felle waren davor in Holzrahmen aufgespannt und ein Eimer mit geschmolzenem Wachs stand vor der Tür, um Leder zu härten und Rüstungsreif zu machen. Es schien ganz so, als würden die Leute die hier wohnten, wichtiger werden, je weiter man nach unten ging.
Der Verdacht bestätigte sich, als wir Sanchez’ Hütte ganz zuunterst antrafen, im Eingang eines kleinen Stollens. Ein schmutzig-rotes Banner war neben der Tür aufgepflanzt, das zeigte, dass wir hier richtig waren. Die Parlamentärsflagge des B.I.R.T.H. – es war ganz bestimmt das Refugium eines geborenen Anführers, welche in unserem Falle einen eigenen Ehrentitel vertraten.
„Ist dieser Sanchez etwa ein Patriarch?“, hielt ich Raik noch einmal zurück, bevor wir auf die Stiege zur Tür traten.
„Ha, machst du Witze?“, lachte Raik und warf Jesper und Li fragende Blicke zu. „Glaubst du die würden einen Patriarch in ein solches Loch setzen?“ Dann schob er die runde Holztüre vor sich her und zerrte mich mit in die Hütte. Wir wurden bereits erwartet.
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BeitragVerfasst am: 09.02.2011, 21:51    Titel: Teil 13 - Sanchez Antworten mit Zitat

Teil 13 - Sanchez

Der Mann im Inneren, der von Allen Sanchez genannt wurde, machte scheinbar kein Hehl daraus, dass er der Boss in Chaperonis war. Wer zu ihm kam, blickte erst einmal überrascht zu der dunklen Zimmerdecke auf, bis sich herausstellte, dass es sich um das glitzernde Steingewölbe einer Höhle handelte. Darunter, inmitten von alten Holztruhen und messingfarbenen Prunk-Kerzenständern, ragte der Sitz des Anführers wie ein Thron auf. Sanchez selbst, stand neben dem Massivholzsitz, auf ein Schwert gelehnt, dass seine eigene Größe sogar noch um ein Stück übertraf. Es hatte die Bauform eines Schwertes der Landsknechte, mit einem Griff, der von einer riesigen, nach unten gebogenen Parierstange unterbrochen wurde und am Ansatz der Klinge noch weiter verlief, um ein Schwert solcher Größe überhaupt führen zu können.
Seine Augen funkelten unter der übertrieben weiten Krempe seines buschig, befiederten Hutes hervor, als er die Hand von seinem Backenbart nahm, wie man ihn zu Kaiserzeiten trug.
Trotzdem warfen wir ihm erst einmal unser Marschgepäck vor die Füße, das schön langsam schwer wurde.
„Was ist los? Ich kann mich nicht erinnern zuletzt so viele Waffen an eurem „Hofe“ gesehen zu haben“, verbeugte sich Raik theatralisch.
„Schon gut „Shakespeare“, alles zur rechten Zeit“, putzte sich Sanchez die Plusterschultern seiner Kleidung, die aus seinem Brustharnisch hervorquollen. „Lass mich zuallererst einmal dem Neuen vorstellen: Ich bin Sanchez, der Schatzmeister von Chaperonis.“
Ich konnte mir ein Fünkchen Sarkasmus nicht verkneifen: „Hier gibt’s einen Schatz?“
„Jetzt pass mal auf“, stemmte Sanchez einen Stiefel auf seinen Thron und wandte sich mir zu. „Woher soll ich eigentlich wissen, ob du es überhaupt drauf hast, einer von uns zu werden?“
Ich brauchte nicht lange überlegen. „Das fragst du am besten deine vier Sherpas, die du zu uns geschickt hast. Oh – falls du sie noch findest.“
„Okay, mit dir kann man einfach nicht reden“, schüttelte Sanchez frustriert den Kopf.
„Heißt das etwa, ich bin einer von euch?“
Sanchez wusste nicht, was es daran noch zu zweifeln gab. „Ja.“ Er machte sogar Anstalten, den Hut vor mir zu ziehen. „Willkommen in der Welt des B.I.R.T.H.“
Jesper streckte mir die Faust hin um einzuschlagen. „Keine Sorge. Wer erst einmal drinnen ist, möchte nicht wieder raus.“ Das klang wie ein billiger Werbespruch.
„Kein Wunder“, murrte Li, „bei dem Rückweg.“ Da wurde es mir auch klar.
Raik zuckte mit den Achseln. „Zeig Sanchez, was wir gefunden haben.“
Jesper holte die Schriftrolle aus seinem Mantel hervor. „Wir haben eine Karte, die uns den Aufenthaltsort von Lekmann zeigen könnte.“
„Was hat das mit mir zu tun?“, stieß er jedoch auf Sanchez’ leere Ohren. „Wir haben im Moment andere Probleme.“
„Ach ja?“, kam sich Jesper vor den Mund gestoßen vor. „Was denn bitteschön?“
„Es sieht zurzeit etwas knapp mit Nahrung und Trinken aus“, beichtete Sanchez bitter. „Es gab ein paar Unstimmigkeiten mit dem Reislord, seither hat er uns den Hahn zugedreht. Unsere Schnapsvorräte gehen zur Neige. Ach ja und ehe ich es vergesse, der Reis an dem wir herumkauen, ist auch nicht mehr das, was er einmal war. Und dann noch etwas…Nomaden. Sie haben das Dorf draußen auf der Hochebene im Handstreich genommen und die Bewohner versklavt.“
„Port Halen!“, rief Raik schockiert.
„Gut, dass wir nicht hingegangen sind“, konnte ich dazu nur sagen.
„Sie sind vor ein paar Tagen einfach aufgetaucht. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie auch Chaperonis finden, wenn wir uns nicht still verhalten“, prophezeite Sanchez. „Und dann gnade uns Gott.“
„Verdammt“, fluchte Raik. „Was machen wir jetzt?“
„Befreien oder Verstecken“, stellte Jesper die Optionen.
„Wir können unsere Leute dort nicht einfach im Stich lassen“, machte Raik einen Protest. „Mann, Nomaden, das ist doch nicht zu fassen. Ich meine wie lange steht Port Halen schon? Und noch nie hat es Probleme mit Nomaden gegeben.“
„Die Zeiten ändern sich“, holte ihn Sanchez auf den Boden der Realität zurück. „Wir haben uns zulange außerhalb der Verstecke aufgehalten. Zu weit aus unseren sicheren Zonen herausgewagt. Früher oder später, musste es so kommen. Feist und seinen Männern war das Risiko bewusst, sie haben es dagegen eingetauscht, besser handeln zu können. Jetzt, in den Händen dieser Nomaden, können sie bestenfalls um ihr Leben verhandeln.“
„Du hast nicht vor sie da raus zu holen, was Sanchez?“, wollte Li wissen. „Weißt du was, das ist genau wie ich dich eingeschätzt habe.“
„Für diese Angelegenheit ist mein Schwert einfach zu groß“, entschuldigte sich der Schatzmeister.
„Und deine Windel zu klein“, konterte Raik. „Gebt mir eine Axt - ich erledige das“, zeigte er mit dem Daumen auf seine Brust.
„Du kannst das nicht alleine tun“, machte ihm Li klar. Auch wenn ich von seiner Entschlossenheit beeindruckt war.
Raik steckte trotzig die Hände in die Taschen. „Ich kenne dieses Dorf wie meine eigene Westentasche – Moment, was ist das denn?“, kramte er plötzlich darin herum. Doch dafür war jetzt keine Zeit: „Meine Entscheidung steht fest. Ich gehe und ihr seht besser zu, dass ihr noch ein paar Leute auftreibt, die mir dabei unter die Arme greifen.“
„Ja das glaube ich auch“, schnaufte Sanchez. Er hatte nicht allzu viel Vertrauen in den Burschen. „Außerdem lässt sich Port Halen nicht an einem Tag befreien“, zerstörte er alle Illusionen.
„Das kommt ganz darauf an, wie viele Leute du stellst“, zeigte Li, dass es an ihm lag.
Sanchez schüttelte ablehnend den Kopf. „Hit and Run – das ist unsere einzige Chance. Auch wenn es mit dem Davonlaufen schwierig werden wird.“ Jesper hob fragend eine Augenbraue. „Diese Nomaden sind zwar kleine Kerle mit kurzen Beinen“, erklärte Sanchez. „Aber sie haben Eines, das wir nicht haben: Pferde.“
Raik ließ enttäuscht seine Zunge schnalzen. „Ich schätze das macht es wieder wett.“
Mit den Armen gegen die Hüfte gestemmt stand ich zwischen den beiden anderen. „Was habt ihr zwei eigentlich vor?“, fragte ich Jesper und Li.
„Ich werde mit dem Reislord reden, damit er wieder seine Ernte herausrückt“, antwortete Li schließlich, nachdem er seine Hand vom Kinn nahm. „Ich schätze das Auftauchen des Reitervolks ist Druckmittel genug, um ihn zur Vernunft zu bringen. Er will sicherlich nicht, dass wir es zu seinen Vorratskammern führen.“
„Ja, es wäre noch genug Platz um einen weiteren Wegweiser anzubringen“, entsprang es aus Jesper’s hämischem Grinsen. „Apropos, die sollten wir bis es soweit ist besser abnehmen – kleiner Tipp. Ich werde mich in der Zwischenzeit zur Feuerkaste in Pyrowatt aufmachen. Vielleicht stoße ich dort mit der Potala-Karte nicht auf taube Ohren.“
Feuerkaste – ja das klang genau danach, wo er hingehörte. Raik ging das ganze jedoch etwas zu schnell. „Wowow, wartet Jungs! Ihr könnt euch doch jetzt nicht aus dem Staub machen! Ich dachte wir bringen die Sache mit Port Halen noch heute hinter uns.“ Aber die Tatsache, dass es bereits Abend wurde und wir seit unserer Bootsfahrt nicht ordentlich geschlafen hatten, verstärkte nur, dass dieser Vorschlag auf wenig Gegenliebe traf.
„Sag morgen und ich überlege mir, ob ich dich dabei seelisch unterstütze“, sprach ich aus, was alle dachten. „Sorry, Raik. Ich brauche erstmal eine Auszeit. Draußen wartet ein Stück saftiger Braten auf uns, dazu noch ein Bett und eine Waffe unter dem Polster und ich bin glücklich. Ich bekomme sonst langsam schon Albträume.“
„Das könnt ihr auf alle Fälle haben“, sagte Sanchez und scheuchte uns mit einer Handbewegung fort. „Genug jetzt, über den Rest reden wir später noch.“
„Ja, behalte unsere Sachen ruhig“, erwiderte ich seine Handbewegung. Ich konnte den ganzen Kram sowieso nicht mehr sehen. „Schweiß, Dreck, Pferde… ich kann nicht glauben, dass wir uns im 21. Jahrhundert befinden.“
Raik öffnete die Türe und es drang plötzlich noch mehr Lagerfeuerstimmung in den Raum, als es durch die Holzwurmlöcher und gesprungenen Latten zuvor der Fall gewesen war. Jesper und Li hatten sich weggedreht, um ihr Schmunzeln zu verbergen: „Betrachte es als das größte Abenteuer unserer Zeit.“
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BeitragVerfasst am: 18.02.2011, 08:43    Titel: Teil 14 - Zu den Waffen Antworten mit Zitat

Teil 14 - Zu den Waffen

Wir gingen hinaus, wo die meisten Leute nur noch an den Knochen ihrer Mahlzeit herumkauten und die letzten Tropfen Schnaps aus ihren Bechern schüttelten. Das Feuer war zum Teil schon heruntergebrannt und ebenso hatten sich die Gemüter zu erloschenen Kohlen gewandelt. Rauch stieg aus den Kippen vor finsteren Mienen auf, die von den Dächern aus wie hypnotisiert immer noch auf die Feuerstelle starrten.
Zumindest Stig erwartete uns bereits. Er musste noch bis vor kurzem an der Wand gelehnt haben, wo er der Unterhaltung mit Sanchez gelauscht hatte, während er von einem Stück Fleisch zehrte.
„Die Vegetarier unter uns haben es hart in dieser Zeit“, scherzte er, wie er bemerkte, dass wir seinen Bissen bis in den Rachen hinab verfolgten. „Hier habt ihr was zu beißen“, gab er schließlich klein bei und holte eine Stelze aus einem Flechtkörbchen heraus.
Wir langten ordentlich zu, obwohl wir uns die Ration teilen mussten. „Die Nachschläge wurden gekürzt“, erklärte er die melancholische Stimmung, die sich in der Grube von Chaperonis ausbreitete. „Jetzt haben wir nur noch ein paar Hochlandrinder auf der Weide und das, was uns die Jäger bringen.“ Ein gedämpft klingendes Lied ertönte aus einer Flöte und hie und da setzten ein paar Zupftöne eines gitarrenartigen Instrumentes ein. Aber alles in allem, war die Musik leiser, als das Knacken der brennenden Hölzer. „Aber was soll’s“, fügte er hinzu.
„Wohin soll’s gehen?“, fragte Li schließlich, der sich nach dem langen Aufenthalt in Sanchez’ Hütte gerne die Beine vertrat.
Stig war bereits losgestapft und warf uns nur einen einladenden Blick über die Schulter zu, ihm zu folgen. „Ich führe euch zu Mannig, unserem Schmied. Ihr solltet euch besser Waffen besorgen.“
Jesper war begeistert. „Das ist genau was ich hören wollte“, gab er mit vollem Mund von sich.
Stig erklomm das Dach einer Hütte und führte uns weiter in dem Rund aus flachen Schuppenbedeckungen.
Was ich sehen konnte, waren die Leute, die hier saßen auch nicht alle bewaffnet. Mir fiel es in den Sinn, als Neuer nicht gleich schlecht aufzufallen.
„Ist das wirklich notwendig?“, fragte ich Stig. „Es war eigentlich nur ein Scherz.“
„Ich weiß auch nicht recht“, schnappte ich sofort misstrauische Wortfetzen aus den Sitzrunden der Siedler auf. Spätestens wenn ich bis an die Zähne bewaffnet aus Mannig’s Schuppen kommen würde, hätten sie eine Meinung über mich.
„Was glaubst du?“, aß Stig unbeirrt weiter. „Nomaden bedrohen das Land, unsere Freunde wurden über Nacht zu Sklaven und das Waldversteck steht kurz davor entdeckt zu werden. Wie Sanchez sagen würde: es brennt der Hut.“ Gut, wenn sie das gehört hatten, besäßen sie jetzt auch eine Einschätzung. Denn was das bedeutete, konnte ich mir gut ausmalen, bei dem buschigen Kopfschmuck.

In Mannig’s Schuppen wurden wir gleich mit offenen Armen empfangen. Ich wischte mir allerdings lieber die fettigen Finger in die Hose, bevor ich auch nur eines seiner Werkstücke anfasste. Der Schmied war ein Fleischberg, mit einer haarlosen, immer schwitzenden Stirn und einem Bierbauch, den er mit einer fleckigen Raulederschürze zusammenschnürte. Wenn es jemanden am meisten traf, dass die Extrarationen gestrichen waren, dann wohl ihn.
„Halt dich fest!“, staunte ich, als er sich aus dem Weg schob um einen Einblick auf sein Arsenal freizugeben.
„Was darf es sein?“, ertönte seine tiefe Stimme. Er lehnte sich hinter die Theke und strich mit der Hand seine wenigen Haare in eine Richtung.
Raik schien schon öfter hier eingekauft zu haben: „Das Übliche.“
Mannig lachte und griff in die Regale und Waffenständer hinter ihm. „Eins, zwei, drei“, sprach er, als er die Teile gefunden hatte und ihren neuen Besitzern entgegen warf.
Raik fing eine Axt, die ihm Mannig leicht mit einer Hand zugeworfen hatte, gerade einmal mit zwei Händen. Und er war kein Schwächling.
Es war eine langstielige Waffe, mit einem einseitigen, nach unten gekrümmten Axtblatt.
„Hopp“, machte Mannig, als Raik sie in eine sichere Lage stemmte. Das Beil sollte besser niemanden auf die Zehen fallen, wenn es sich vermieden ließ.
Bei Li's Auswahl hätte Mannig dafür auch problemlos einen Finger gebrauchen können. Er hatte einen Degen gewählt, dessen Handschutz direkt über Li's Faustknöchel passte. Die flexible Klinge flatterte, als sein Meister den Degen fing. Li stoppte die Spitze mit seinem Finger und begutachtete die Klinge, während er sie durchbog.
Mannig hatte für jeden das passende da: eine große Hacke für den stämmigen Raufbold und einen flinken Zahnstocher für unser Schlitzohr.
Ich war daher etwas verblüfft, als auf Jesper ein hölzerner Kampfstab zugeflogen kam.
„Deswegen bist du hergekommen?“ Ich konnte es nicht glauben. „Den hätte ich dir auch unterwegs schnitzen können.“
Mannig lachte laut. „Was darf es für den Neuen sein?“, schüttelte er die Wörter aus seinem fülligen Körper.
„Ich nehme ein Schwert“, antwortete ich nach langem Überlegen. Damit konnte man nicht weit falsch liegen.
„Ah, ein Klassiker“, nickte Mannig. „Ein bisschen einfallslos, aber gut. Ich denke ich habe da trotzdem genau das richtige für dich, mit dem du überall auffallen kannst.“
Ich war gespannt, Mannig kramte mit gerunzelter Stirn in seiner Theke herum. Überall wohin man nur sah, war sein Schuppen mit Schwertständern und Hellebardenhalterungen angefüllt. Eine Ausnahme stellte nur die eine Ecke dar, in der sich der Schmiedeofen befand, sowie die gegenüberliegende Seite, auf der sich Metalltrümmer häuften, die zur Reparatur vorbeigebracht worden waren. Quantität ging vor Qualität, deswegen war ich sicher, er würde das Richtige für mich finden.
„Nein“, schüttelte Mannig den Kopf. „Hier ist es nicht.“ Er zog sich von seinem Tresen zurück um einen Blick bei der Hintertür hinauszuwerfen. „Wartet einen Moment.“
Er kam mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht zu uns zurück. In seinen Händen hielt er ein Schwert, das er nur immer wieder kopfschüttelnd mit seinem Zeigefinger abklopfte. „Das hier ist wirklich das ausgefallenste Teil, das ich je gemacht habe.“ Als er es vor uns auf den Eichentisch knallte, verstanden wir, warum.
Raik pfiff vor den Rundungen, die die Klinge auf beiden Seiten aufwies. Es war ein breites Schwert, sowohl einhändig als auch einschneidig, doch das Metall war in gewellten Formen wie Flammen oder Zähne gegossen worden.
„Wahnsinn, das sieht aus wie irgendeine Art Dunkelelfen-Säbel.“ Um ehrlich zu sein, ich wollte schon immer etwas derart dämonisches in der Hand halten. „Echt stark, danke Mannig“, bedankte ich mich.
Der Schmied freute sich über das Lob. „Keine Ursache, Kleiner. Die Ausbuchtungen habe ich hinzugefügt, um deinem rechten Arm noch mehr Bumms zu verpassen. Ein echter Schildspalter.“
Ich hob den wuchtigen Einhänder auf und merkte gleich, dass mir noch ein wenig Training fehlen würde, bis ich mit dem Ding wirklich etwas traf. Der hölzerne Griff war zwar perfekt an meine Schwerthand angepasst, doch das geschwungene Parier und ein schwerer Metallknauf am Ende brachten meine Haltung etwas aus der Balance.
„Ich werde dich damit im Auge behalten und zusehen, ob du Fortschritte machst“, fügte Mannig noch hinzu. „Wer weiß, wenn es sich bewährt, vielleicht fertige ich dann noch mehr. Wo soll's denn als Erstes hingehen damit?“
„Port Halen“, antwortete Raik rasch, ohne mir eine andere Wahl zu lassen.
Mannig wich zurück und hielt sich an seinem Schwertständer fest. „Ihr geht nach Port Halen?“, fragte er erneut nach, um sicher zu gehen, sich nicht verhört zu haben.
Raik funkelte mich mit hochgezogenem Bart an. Fein, ich sollte dort also das Versuchskaninchen für Mannig’s neue Waffe spielen. Mir blieb wohl nichts anderes übrig, als das Schwert zu schultern und einfach dabei zu sein.
„Ja, du hast schon richtig gehört“, bestätigte ich. „Ich habe mir sagen lassen, es soll dort herrlich sein um diese Jahreszeit.“
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BeitragVerfasst am: 25.02.2011, 10:06    Titel: Teil 15 - Assassinen Antworten mit Zitat

Teil 15 - Assassinen

Stig führte uns lieber nach draußen, bevor uns noch mehr Dummheiten einfielen. Im Vorbeigehen zog er seinen Knüppel aus dem Gürtel und warf ihm Mannig hinüber. „Ich hätte da gerne ein paar Nägel drinnen, falls es bald hart auf hart kommt“, schloss Stig seine Lebensversicherung bei dem Schmied. Nicht nur er hatte das Gefühl, dass es der letzte friedliche Abend in Chaperonis werden sollte.
Das letzte was er für heute geplant hatte, war uns unsere Unterkünfte zu zeigen. Wenn schon die Besetzung Port Halen’s nichts Gutes an sich hatte, dann zumindest, dass die Quartiere der Kontaktmänner zu Port Halen jetzt frei waren. Wir bezogen sofort unser Matratzenlager in einem Schuppen auf einer der oberen Ebenen. Der Vorteil war, dass hier weniger Leute auf dem Dach herumtrampelten und das Wasser immer einen Weg nach unten suchte. Den Nachteil stellten beunruhigende Waldgeräusche dar, die mitten in der Nacht immer näher zu kommen schienen. Durch den Ausgang konnte man nur einen Großteil der gesamten Grubensiedlung überschauen und man hatte immer ein mulmiges Gefühl, was den Eingang und die steinerne Treppe in unserem Rücken betraf. Die Hütte selbst war simpel eingerichtet, aber was brauchte man schon mehr außer ein Bett zum schlafen und eine Regentonne, um sich morgens das Gesicht zu waschen.
Nachdem wir unser Zeug verstaut hatten, krempelte ich mir die Ärmel hoch, um ein paar Schwertparaden zu üben. Li saß mit den Armen aufs Bett gestützt und schaute mir zu. „Sieht zwar gut aus, aber es wird dir nichts nützen“, unterbrach er mich nach einer Weile. „Sie haben sowieso Bögen.“
Ich hielt in der Bewegung inne. „Wie? Bögen, so mit Pfeilen?“, machte ich die Bewegung beim Schießen nach. Li nickte. Ich stellte mir vor, wie das aussehen würde. Mist. „Dann sollte ich mir besser schleunigst ein Schild zulegen.“

Unser Quartett verließ die eigenen vier Wände wieder, nachdem keine Neuigkeiten mehr von Stig oder Sanchez bezüglich der Port Halen-Offensive zu uns drangen. Wir mussten uns wieder einmal selbst um alles kümmern. Raik fasste seinen Befreiungsplan für uns zusammen, damit vielleicht auch einige andere etwas davon mitbekamen und sich hinter uns stellten. „Wir schlagen im Morgengrauen zu, wenn ihre Wachen müde sind und die Sicht schlecht zum Zielen ist.“ Das bedeutete wir mussten morgen früh aus den Federn.
Auf unserem Weg nach unten, war wenigstens Einem die gute Laune nicht vergangen. Jesper drehte seinen Stock in Achterschleifen, während er vor uns Shaolin-mäßig die Dächer herunter sprang. Zugegeben, er sah etwas übermotiviert aus: „Wir leben zusammen, wir trainieren zusammen, wir kämpfen zusammen. Nachtaktionen - yeah, wir sind Ninjas!“
Li hielt ihn zurück, ehe er auf das unterste Plateau aufsetzen konnte. „Nein, wir sind keine, aber das sind welche…“ Er deutete mit einer Kopfbewegung zur Feuerstelle, wo zehn vermummte Gestalten in grauen Gewändern und mit Kapuzen in einem Kreis standen.
Jesper steckte seinen Stab weg. „Wo sind die denn hergekommen?“, warf er einen fragenden Blick nach seinen Freunden. „Raik?“
Raik’s Wimpern verengten sich. „Arkana“, antwortete er. Es bestand kein Zweifel.
„Wer sind sie?“, wollte ich wissen.
„Taschendiebe, Einbrecher, Halsabschneider“, sagte Raik. „In Arkana geht es etwas rauer zu als hier. Aber genau deswegen werden sie es nach Port Halen hinein schaffen.“
Hm, Assassinen – und wir sollten mit ihnen gehen, wie?
„Mmh, immer gut solche Leute um sich zu wissen“, meinte Li.
Nicht nur Jesper war unsicher, wie er das auffassen sollte.
„Gehen wir“, sprach Raik.

Von den Gestalten, die um das Lagerfeuer standen, wandte sich nur eine uns zu, als wir am Grund eintrafen. Auch wenn wir wussten, dass uns die anderen gewiss aus ihren Augenwinkeln heraus beobachteten.
„Und wer seid ihr?“, stellte sich uns eine unangenehm aussehende Zeitgenossin in den Weg. Ihre schwarzen Haare verdeckten eines ihrer Augen, sodass die Spitzen sogar aus ihrer Kapuze hervortraten.
„Der kleine Muck und seine Freunde“, antwortete Li.
„Wir sind hier um Port Halen zu befreien“, gab sich Jesper etwas höflicher. „Falls es sich noch nicht herumgesprochen hat, die Party steigt heute Nacht.“
Der im Dunkeln verborgene Gesichtsausdruck der Frau schien sich nicht zu verändern.
„Wir gehen“, sagte sie ohne Regung. „Ihr folgt.“ Ihr sichtbares, schmales Auge war nicht aus ihrer Geistesabwesenheit vom Boden abgewichen. Dabei war sie verglichen mit ihren stummen Gefährten noch ausgesprochen freizügig. Sie trug kein Gesichtstuch, das ihren zarten Mund verhüllt hätte, nur die gleichen, eng umwickelten Gamaschen, wie ihre grau gewandeten Mitstreiter. In ihrer Kleidung gab es genug Nischen, um nahezu an jeder Stelle irgendwo Dietriche, Rauchpulver, Dolche und Schlimmeres aufzubewahren, ohne auch nur den geringsten Verdacht zu erwecken.
„Freunde, so wird das nie etwas“, appellierte Raik an Stig, der ebenfalls zur Runde dazu gestoßen war.
„Das ist Carmen“, deutete der nach einem Seufzer mit seiner Dornenkeule auf die Lady.
Raik rollte mit den Augen. „Schön, dann sag ihr, ich werde mich noch vor Mitternacht auf die Socken machen und mir ganz in der Nähe bei Port Halen ein nettes Plätzchen zum schlafen suchen. Ich muss nur wissen, wie viele Männer mitkommen. Sorry, natürlich auch Frauen.“
„Unser Angriff auf das Dorf startet im Morgengrauen, wenn unsere Tarnung am effektivsten ist“, legte Carmen ihren Standpunkt klar.
„Genau das wollte ich verhindern“, grinste Raik gereizt. „Port Halen ist nicht einfach ein Dorf, es ist ein Fort und liegt auf der offenen Ebene.“ Es gab für ihn keine andere Möglichkeit, als sich noch vor dem Hellwerden an die Palisaden und Wachtürme anzunähern, um dort auf den richtigen Zeitpunkt zu warten.
„Wäre es kein Fort auf offener Ebene, würdet ihr auch unsere Hilfe nicht benötigen, richtig?“, sagte Carmen ruhig. Ihr war sehr wohl bewusst, worauf sie sich bei diesem Spiel einließ.
„Mit wie viel Hilfe kann ich rechnen?“, fragte Raik, der sich schön langsam auf eine gemeinsame Zusammenarbeit einigen wollte.
„Zehn von uns“, meldete sich plötzlich eine Stimme aus den im Verborgenen Gebliebenen zu Wort. Einer der Männer war aus der schweigsamen Runde ausgetreten und verschränkte seine mit Platten bedeckten Hände vor der Brust. Er hatte zuvor mit den anderen Arkanern verhandelt, ohne ein einziges Wort zu äußern. Sie besaßen ihre eigene Sprache, geheime Fingerzeichen, mit denen sie anonym bleiben konnten.
„Altais“, nickte Carmen ihrem Verbündeten zu. Der Dieb erwiderte ihren anerkennenden Blick zwischen einem schwarzen Mundschutz und einem Stirnband hindurch, über dem wasserstoffblonde Haare in die Höhe ragten.
„Freut mich zu hören, dass wir genug beisammen haben, die sich damit auskennen die Schlösser zu den Gefangenen zu knacken“, verteilte Raik einen Seitenhieb und wandte sich anschließend an Stig. „Aber wir brauchen unbedingt noch Leute, die ordentlich Schläge einstecken können, um den Assassinen bei ihrem Job Zeit zu kaufen.“
„Das habe ich befürchtet“, lachte Stig. Raik wusste, dass er bei ihm an der richtigen Adresse war. „Ich kann dir fünf Leute zur Verfügung stellen.“ Stig schnitt eine Grimasse. „Einschließlich mich.“
Raik grinste, auch wenn das nicht viel war. Es musste ausreichen. „Lass mich raten…“, sagte er und dachte dabei an Stig’s Greifer.
„Sanchez wird doch nicht einfach zusehen, wenn seine Leute Prügel bekommen“, ging Jesper kopfschüttelnd auf und ab.
„Nein bestimmt nicht“, versicherte Stig. „Aber er wird den Rest der Männer hier in Chaperonis brauchen, um unseren Rückzug zu decken.“
„Das kann nicht dein Ernst sein“, schnaufte Jesper frustriert. „Chaperonis hat doch sicher einiges mehr zu bieten. Dreißig Männer, die unter Waffen stehen – das hört sich schon viel besser an.“
„Ab morgen werden sie bestenfalls mit der Schaufel in der Hand buddeln, bis sie umfallen.“ Eine allzu bekannte Stimme ließ alle Beteiligten aufsehen - Assassinen ausgenommen.
„Sanchez.“
„Es wird weniger Probleme bereiten, die Gefangenen zu befreien, als sich auf den darauf folgenden Vergeltungsschlag vorzubereiten“, sprach der Schatzmeister die Konsequenzen der Befreiungsaktion an. „Wir müssen eine komplette Verteidigung ausheben, während ihr dort draußen die Helden spielt.“
„Du packst dir am besten gleich selbst einen Spaten“, schlug Raik vor. „Und beginnst damit dir dein eigenes Grab zu schaufeln, für den Fall, dass bei uns irgend etwas schief geht.“
„Das habe ich bereits getan, indem ich euch erlaube unseren Standort an die Nomaden preiszugeben“, gab Sanchez retour. „Stig kann für sich selbst sprechen, aber glaubt mir, ich würde nicht den kleinsten Finger rühren, wenn es darum geht euch dabei beizustehen, einen Haufen ausgehungerter Sklaven dazu zu bringen, unsere letzten Vorräte wegzufressen.“ Er wandte sich von den Siedlern ab, nachdem niemand wusste, was er darauf von sich geben sollte. „Macht euch nicht zu viele Hoffnungen über eure Gefangenen“, sagte er leise, indem er sich wieder in Richtung seiner Höhle zurückzog, wie ein alter Dachs. „Spätestens wenn ihr einen Fuß auf die verbrannte Erde dieses Dorfes setzt, werdet ihr sehen, was ich meine.“
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