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Literaturforum Österreich :: Thema anzeigen - Ein Hund tritt in den Saal
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Ein Hund tritt in den Saal


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zorro
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BeitragVerfasst am: 11.02.2008, 18:40    Titel: Ein Hund tritt in den Saal Antworten mit Zitat

Inhaltsverzeichnis


1. Kapitel - Ein Hund wird in den Saal treten

2. Kapitel - Ein Hund tritt in den Saal

3. Kapitel - Ein Hund war in den Saal getreten









I. Kapitel


Ein Hund wird in den Saal treten





Am Anfang war Ilak-Gathi, und nur Ilak-Gathi. Er war schon, ehe es noch Raum und Zeit gab. Ilak-Gathi war die Unendlichkeit, die Weite, er war die Leere, das Nichts. Ohne Anfang, ohne Ende, stets bei sich und nur bei sich, ja, so war Ilak-Gat­hi in seiner unfassbaren Größe. Schier ewig weilte er in sich ruhend. Doch irgend­wann fühlte er sich einsam, denn er ge­wahrte nichts au­ßer sich selbst. Mit der Zeit folg­te die Langeweile. Da begann Ilak-Gathi Selbstgespräche zu führen. Und aus dem Nichts tauchten Raum und Zeit auf, als Büh­ne für die Geschich­ten, die er sich selbst erzählte. Darin wurden alle seine Gedanken und seine Träume Wirk­lichkeit. Sterne und Planeten, bewohnt von zahllosen Wesen, bevölkerten von nun an das Universum. So entstand der Wind, der im Frühling den Blütenstaub über die farbenfrohen Wiesen bläst und das Gezwitscher der Vögel, die in frohem Flug die Hitze des Sommers teilen. So entstand das Laub, das im Herbst feucht und modrig duftend vom Baume gleitet und das rauschende Wasser, das in den Schluchten zur Winterzeit zu Eis erstarrt. Als es Ilak-Gathi genügend schien, ging er in Gestalt ei­nes al­ten Mannes durch die Welt.
Zuletzt erzählte er sich von Menschen, furchtsamen, doch gescheiten Wesen, Wind und Wetter, vielen Raubtieren und sonstigen Gefahren ausgesetzt. Ihnen gab er ein Gesetzbuch mit auf die Reise durch die Wirrnisse ihres Lebens. Darin sollten sie nach­schlagen können, was rechtens ist, auf dass sie nie den wahren Weg ver­lieren sollten. Damit war die Magie des Gesetzes geschaffen. Aber viele der Menschen lasen das Buch nicht. So kam das Böse in die Welt.
Doch Ilak-Gathi hatte den Menschen ein Wesen zur Seite gestellt, das ihm dienstbar sein sollte, den Hund. Dieser half, wo es nur ging. War ein jagender Wolf in der Nähe, der sich in seiner Gier am liebsten über Vieh, Alte, Kranke und Kinder gestürzt hätte, wer verteidigte seinen Herrn? Der Hund! Galt es ein Kind aus einem rei­ßenden Fluss zu retten, wer war zur Stelle? Der Hund! Wer wachte in rauen Winter­nächten über den Schlaf von Mensch und Herde, während der Mond sein trügeri­sches Licht über die Gegend warf? Der Hund! Wer begleitete die Menschen unbeirrt auf ihrer Wanderung und schützte sie vor den vielfältigen Gefahren der Wildnis? Jawohl, der Hund!
In Wahrheit wäre der Mensch dem Untergange geweiht gewesen, hätte es den Hund nicht gegeben. Aber die Menschen dankten es den Hunden nicht. Sie behandel­ten sie ungerecht, witzelten und spotteten über sie. Futter gab es keines, dafür Tritte. Statt sie fürsorglich zu lieben, bewarf man die Tiere mit Steinen. Selbst in stürmischer Win­ternacht öffnete keiner der Menschen die Tür zu seiner Hütte. Manch einer der Hunde hätte es in freier Wildbahn besser gehabt. Trotzdem war die Treue der Hun­de zu den Menschen unerschütterlich. Ohne Murren oder Widerwillen leisteten sie Tag für Tag ihre Dienste und waren zufrieden mit jedem Knochen, den die Men­schen ihnen verächtlich zuwarfen.
Da geschah es nach einiger Zeit, dass Ilak-Gathi das unwürdige, traurige Leben dieser Ge­schöpfe gewahrte und er sprach zu sich: „Zur Hilfe des Menschen habe ich den Hund erdacht. Unerschütterlich und mutig soll er selbst sein Leben der Sache unterordnen. So ist eben mein Wille.“
Der Zufall wollte es, dass die Menschen das hörten. Und sie merkten es sich gut ...
Als aber Ilak-Gathi genug von seinen Selbstgesprächen hatte, überkam ihn überwältigende Müdigkeit. Noch während er einschlief, driftete er dem Rande des Universums entge­gen, um dort im großen Nichts zu verschwinden, so wie er gekommen war.
Und aus diesem Nichts wurde sein Sohn geboren. Dieser war Ilak-Gathu, der hinfort die Geschi­cke der Geschöpfe seines Vaters leitete. Ilak-Gathu hatte es aber im Gegensatz zu sei­nem Vater mehr mit dem Verzeihen und dem Mit­leid. Unerkannt ging Ilak-Gathu in Ge­stalt eines blonden Jünglings durch die Welt und sah, wie das Leben einer halluzinierten Blume gleich in üppigen Arabesken vor sich hinwu­cherte, sich selbst verschlin­gend und dabei immer wieder neue Formen hervorbrachte. In der Steppe Afrikas sah er einen Lö­wen eine Antilope reißen, in Sibirien beobachtete er ein Rudel Wölfe ei­nen Ha­sen jagen.
Als er eines Tages in einem Teich einen jagenden Hecht bemerkte, der gerade einen jungen Karpfen erbeutete, dünkte ihm alles ein einziges Fressen und Gefressenwer­den. Also schrieb er ein Gebetbuch, damit die Geschöpfe Trost darin fänden und endlich auf die Stimme ihres Herzens hören könnten. So kam die Magie des Gebetes in die Welt. Aber viele der Menschen lasen das Buch nicht. Und so blieben die Hartherzigkeit und die Unduldsamkeit erhalten.
Als Ilak-Gathu über das Leben der Hunde nachdachte, dauerten sie ihn. Also ließ er eines Tages die Botschaft verbreiten, zur kommenden Vollmondnacht sollten sich die Hunde in einer beliebten Höhle in der Nähe der Menschen einfinden. Er habe ihnen etwas Wichtiges zu sagen. Wie ihnen ausgerichtet wurde, erschienen die Hunde zur festgesetzten Stun­de an diesem Ort.
Als die Nacht schon fortgeschritten war, erfüllte plötzlich überirdisches Licht den Eingang der Höhle. Angsterfüllt kauerten sich die Hunde aneinander. Aus dem Glanz trat Ilak-Gathu hervor und sagte mit freundlicher Stimme: „Danke, meine lieben Hunde, dass ihr gekommen seid. Seit geraumer Zeit verfolge ich euer Wohl und Wehe. Ihr seid doch die treuesten und aufop­ferungsvollsten Diener der Menschen, die sich ihrerseits so wenig erkenntlich zeigen. Das ist nicht recht. So habe ich beschlossen euch zu helfen, indem ich euch einen Wunsch erfülle. Was hättet ihr denn gerne, dass ich für euch tue?“
Da gab es des Langen und Breiten eine Beratung, was man sich wohl wünschen sol­le. Einen zusätzlichen Knochen am Sonntag wünschte sich einer, der Haushund be­gehrte eine zwei Meter längere Kette, der Hirtenhund Arbeitszeitverkürzung. Die Dalma­tinerhündin wollte öfter gestreichelt werden, und so ging es dahin. Jeder hatte einen an­deren Wunsch und die Hunde konnten sich nicht einigen. Als sich die Beratung unge­bührlich in die Länge zog und die Hunde letzten Endes sogar ins Streiten gerieten, rief Ilak-Gathu: „Ruhe! Ich sehe schon, ich muss mir selbst etwas ausdenken.“
Und er nahm eine Rolle aus Pergament, schrieb etwas in geheimnisvollen Lettern darauf und überreichte es den Hunden mit den Worten: „Bringt dieses Edikt in die Halle der Menschen. Euer aller Leben wird es er­leichtern. Und trefft euch gelegentlich in dieser Höhle. Tut dies, um euch zu erinnern und es wird euch besser gehen.“
Damit war Ilak-Gathu verschwunden. Die Hunde rollten das Schriftstück mit den für sie unverständlichen Lettern ehrfürchtig zusammen und versiegelten es.
Dann ging es darum einen zu bestimmen, der den Erlass den Menschen überbringen sollte. Da sie sich wieder nicht einigen konnten, beschlossen sie ein Auswahlverfahren. Alte, Kranke und Weibchen schieden von vornhe­rein aus, denn der Weg zum nächsten Königshof war sowohl weit als auch beschwerlich. Die übrig gebliebe­nen Hunde bildeten einen Kreis, in der Mitte eine Anzahl Knochen und zwar einen we­niger, als es Hunde waren. Auf ein kurzes Bellen der Dalmatinerhündin hin stürzten sich alle auf den Haufen und versuchten einen Knochen zu erwischen. Wer sich keinen schnappen konnte, weil ja nicht genug da waren, schied aus. Anschließend wurde von den Knochen einer weggelegt. Und das Spiel begann von neuem. So wurden es im­mer weniger Hunde, bis zu guter Letzt ein Hirtenhund übrig blieb. Dieser freute sich riesig, dass er gewonnen hatte. Als er aber in die finstere Nacht hinausspähte, wohin man ihn gleich schicken würde, war er nicht mehr so begeistert.
Aber es nützte alles nichts. Dem Sieger wurde feierlich das Schriftstück, verwahrt in einer ledernen Rolle, in das Maul gesteckt. Unverzüglich sollte er seine Mission antreten.
Begleitet von wohl meinenden Ratschlägen und allerlei Segenswünschen machte er sich auf den Weg in die Dunkelheit. Nach eini­gen Metern drehte er sich um. Plötzlich war ihm sein Herz schwer geworden. Ein letzter Blick zurück, in die Gesichter seiner lieben Freunde ...
„Komm bald wieder“, flüsterte die Dalmatinerhündin.
„Was hast du gesagt?“, wollte der Boxerrüde neben ihr wissen.
„Nichts, nichts.“
Sekunden später hör­ten die zurückgebliebenen Hunde, wie ihr Abgesandter durch einen Bach lief, dann hatte ihn endgül­tig die Nacht verschluckt ...
Die nächsten Tage warteten die Hunde darauf, Nachricht von ihrem Abgesandten zu erhalten. Aber dieser meldete sich nicht. Ein Tag nach dem anderen verging, ohne dass man etwas von ihm gehört hätte. Nach Wochen beschlossen sie, nach ihm zu suchen. Doch so eifrig alle Hunde landauf, landab nach dem Gesandten forschten, der Hirtenhund war und blieb ver­schwunden. Auch das Pergament mit dem Edikt sollte nicht mehr auftauchen. Und damit vergingen die Jahre, viele Jahre sogar ...
Letzten Endes rückten die Jahr­hunderte die Geschichte von Ilak-Gathus Erlass in die weiten, nebligen Fernen der Mythen und Legenden. Eine Erzählung, die nur noch hinter vorgehaltener Pfote von Generation zu Ge­neration weitergegeben wurde, war daraus geworden und das Leben der Hunde blieb so beschwerlich, wie es immer schon gewesen war.
Indessen war auch Ilak-Gathu unaufhaltsam müde geworden. Noch während er einschlief, driftete er dem Rande des Universums entgegen, um dort im großen Nichts zu verschwinden, aus dem er und vor ihm sein Vater gekommen war.
Und dieses Nichts gebar seine Tochter Ilak-Gatha. Hinfort lenkte sie die Geschicke der zahlreichen Ge­schöpfe ihres Großvaters. In Gestalt einer jungen, begehrenswerten Frau ging auch sie uner­kannt durch die Welt und sah, wie das Leben einer halluzinierten Blume gleich in üppigen Arabesken vor sich hinwucher­te, sich selbst verschlingend und zugleich immer wieder neue Formen hervorbrachte.
Als sie eines Tages einen indischen Tiger beobachtete, der ein krankes Schaf riss, schrieb sie ein Wörterbuch. Mit seiner Hilfe sollten sich die Geschöpfe besser verste­hen lernen, damit sie in Frieden miteinander leben könnten. Auf diese Weise war die Magie der Wörter erschaffen. Aber nur wenige Menschen lasen das Buch und so blie­ben Zwietracht und Hader erhalten.
Ganz besonders bekümmerte sie jedoch das Schicksal der Hunde. Nach langem Nach­denken, wie sie ihnen wohl helfen könnte, verlieh sie den Verdienstvollsten unter ihnen menschliche Gestalt. So kam es, dass im Laufe der Jahrhunderte die Zahl der Hunde beträchtlich kleiner wurde, die der Menschen aber stieg.
_________________
Ich schreibe, also bin ich.


Zuletzt bearbeitet von zorro am 12.02.2008, 09:28, insgesamt einmal bearbeitet
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BeitragVerfasst am: 12.02.2008, 08:34    Titel: Ein Hund tritt in den Saal 2. Kapitel / 1. Teil Antworten mit Zitat

II. Kapitel


Ein Hund tritt in den Saal





Siddi Lohan, 16. Mai 2287. Der Morgen brach an. Die Strahlen der Sonne hat­ten be­reits das Bergmassiv erfasst, das zuoberst das Schloss trug. Inmitten einer Ebene, soweit das Auge reichte, war der Königsberg die einzige nen­nenswerte Erhebung weit und breit. Prinzessin Agnes war so­eben aufgewacht. Sie be­trat ihre Veranda, die ihr einen Blick auf die Stadt und weit hinein in die anschließende Tiefebene ge­währte, die sie immer wieder beeindruckte. Ein bis zwei Stunden später würde der übliche Smog die Landschaft wie ein fahlgelbes Leichentuch zudecken. Wenn die Prinzessin die Aussicht genießen wollte, musste sie das beim ersten Morgengrauen tun.
Umgehend begann die Prinzessin mit ihren Tai-Chi-Übungen, ungeachtet der Tatsache, dass sie sich mehr ausgezogen als bekleidet in ihrem Pyjama befand. Doch hier konnte sie kei­ner beobachten. Gelegentlich, vor allem, wenn die Nacht – aus welchen Gründen auch immer - heiß gewesen war, absolvierte sie die Übungen so, wie die Natur sie erschaffen hatte. Aber zurzeit wehte ein leichter Wind aus Osten. Dort, in etwa zwanzig Kilometer Entfernung, verließ der Dessino eine weitläufige, bewaldete Hügellandschaft, die gerade noch am Horizont auszumachen war und wälzte seine braunen Fluten ge­radewegs nach Siddi Lohan. Hier trennte er zuerst das Süd- vom Nordviertel und bog, so wie er auf den Königsberg traf, in einem Winkel von 90 Grad nach Süden ab. Links lagen die exklusiven Anlagen des Südviertels, rechts das Industriegebiet mit einer Erdölraffinerie, dem Kraftwerk und vergleichbaren Einrichtungen. Dann verlor sich der Dessino um Millionen Liter Ab­wässer dicker geworden in der südlichen Ferne. Im Westen hingegen war Wüste. Einer Legende zufolge war sie mit einem Fluch beladen. Eine andere Version dieser Legende jedoch besagte, dass ganz Siddi Lohan mit im Grunde demselben Fluch belegt sei ...
Verständlich, dass sich Prinzessin Agnes üblicherweise so aufstellte, dass sie das Südviertel und seine beeindruckenden Bauwerke überblickte. Ihre Übungen, die sie in Ein­klang mit dem Tao bringen sollten, waren gerade heute sehr nützlich, denn sie sah ei­nem wichtigen Termin in der Bank entgegen, um dort ihre geliebten Aktien zu vermeh­ren. Obwohl – letztlich war es ja doch immer wieder das Gleiche: Die einen Aktien ein­kaufen, die anderen verkaufen, auf wundersame Weise vermehrten sich diese, dafür sorgte schon ihr Bankier. Nicht, dass Agnes derlei Geschäfte nötig gehabt hätte, aber irgendein Hobby hat schließlich jeder.
Nach dem Frühstück war Agnes kaum mehr zu halten. Sie schritt zu ihrem Safe und entnahm ihm ein etwa 5 cm dickes Bündel mit Aktien. Sicher waren ausgedruckte Aktien schon lange nicht mehr in Mode. Aber die Prinzessin hatte sich ausdrücklich Pa­pier ausgebeten. Mit „existiert heutzutage alles nur im Computer“, wie Drachsel, ihr Bankier, gemeint hatte, konnte und wollte sie nichts anfangen. Sie begehrte etwas in der Hand haben. Scherzhaft hatte sie seinerzeit auf Drachsels Frage nach dem Grund mit „Konkrete Poesie“ geantwortet.
Sorglos wurden die Papiere in eine Krokodilledertasche geworfen, und ab ging es. Die Tasche in der Hand hüpfte sie wenig damenhaft wie ein kleines, gut gelauntes Mädchen durch den Schlosspark, dem oberen Portal entgegen. Dort würde sie sich, begleitet von ihren bei­den Leibwächtern, mit einer der Dienstlimousinen nach unten brin­gen lassen. Übermütig warf sie ihre Aktien in die Luft und fing sie wie­der. Und weil es so schön war, gleich noch einmal. Und noch einmal. Da geschah es! Sie rutschte auf ei­ner Bananenschale aus, die Tasche mit den Ak­tien segelte durch die Luft über die Park­mauer an der Nordseite in die Tiefe.
Zwei oder drei Sekunden war die Prinzessin schlicht und einfach nur sprachlos. Eine Bananenschale! Das war ja wie in einer dämlichen Witzzeichnung! Wie ... gewöhnlich! Ha, Bananenschale ...?! Im Schlosspark ...?! Gab es da etwa keine Reinigungsroboter? Und keine Gärtner? „Wozu bezahle ich all diese Leute?“, sagte sie sich entrüstet. Oh, eigentlich erhielten die ihr Geld ja von ih­rem Vater ... Ach was, auch egal ... Jawohl, mit Schimpf und Schande rausschmeißen sollte man diese Versager, am besten alle! Und nicht erst morgen, heute noch!
Auf die Schlossmauer gestützt und die berüchtigte Nordwand auf das Nordviertel, das Ballungszentrum der Armen, hinabsehend überlegte Agnes fieberhaft, wie sie wieder zu ihrem Bündel Ak­tien kom­men könnte: Wenn sie da hinunterginge, was würden die Leute sagen? Nie und nimmer konnte sie sich so weit herablassen. Es würde heißen: Tief kann man sinken! Ihr guter Ruf! Und außerdem der Dreck! Sie könnte sich schmutzig machen. Vielleicht wäre eine Verkleidung ein gangbarer Weg? So könnte Agnes wenigstens unerkannt nach den Papieren su­chen. Aber die erbärmlichen Fetzen der Nordviertler anziehen? Bekleidung, die unter jeder Würde liegt, wer will das schon? Außerdem, von dem billigen Zeug könnte sie einen Ausschlag kriegen, sind doch alles so minderwertige Materialien! Die meisten davon hatte ihre Haut bis heute noch nicht einmal gefühlt. Und es wäre schön, wenn es so bliebe. Andererseits, auf die Aktien verzichten? Nein, das kam genauso wenig in Frage.
Kurze Zeit später ließ sich Prinzessin Agnes mit der Dienstlimousine in die Stadt fah­ren. Vom oberen Portal ging es die Serpentinenstraße hinunter, vorbei an den beiden waffenstarrenden Bunkeranlagen, bis zum unteren Portal und anschließend in das Südviertel. Über das Handy informierte sie währenddessen ihren Bankier, dass der heutige Termin wegen dringlicher Geschäfte verschoben werden müsste. Zum Zwecke eines erneuten Ter­mins dürfe er sich wie­der bei ihr melden.
Da es nun nichts war mit ihrem Banktermin, hatte Prinzessin Agnes jede Menge Zeit. Zudem musste sie heute nicht zur Uni. Hauptberuflich studierte sie nämlich Welt­handel. Agnes setzte sich in ein Café, bestellte einen Cappuccino und überlegte miss­launig. Am Nebentisch hatten die Leibwächter Platz genommen und bemühten sich red­lich, auszusehen wie alle anderen Gäste. Nach langem Hin und Her kam Prinzessin Agnes zu dem Schluss, dass sie wohl jemanden engagie­ren werde müssen, der ihr die Aktien wieder beschaffte. Der offizielle Sicherheitsdienst kam dafür nicht in Frage, das waren alles so undurchsichtige Kerle, da wusste man nie. Ihre Leibwächter waren un­abkömmlich. Wer würde in deren Abwesenheit für ihre Sicherheit sorgen? Von Rein­mann, der Oberst der Palastwache, vielleicht. Der Oberst zählte zu ihren Verehrern und es wäre ihm bestimmt ein Anliegen, das Verlorene wieder zu beschaffen. Aber den woll­te sie sich lieber vom Halse halten, bevor er zutraulich wurde. Abgesehen davon wäre der Oberst im Erfolgsfalle sicher der Ansicht, einen kleinen Bonus bei ihr einlösen zu dürfen. Das war das Letzte, was Agnes brauchen konnte.
Andererseits, eine abgestürzte Krokodilledertasche aufzutreiben war ja so schwierig nun auch wieder nicht. Dafür brauchte es keinen hoch qualifizierten Agenten, da ge­nügte ja sicher ... irgendeiner. So einer, wie dieser Taugenichts da an der Theke. Ein stattlicher Mann, vermutlich Ende dreißig, um diese Zeit nicht bei der Arbeit ...? Si­cher hatte er nichts Wichtiges zu tun, selbst wenn man davon absah, dass keiner land­auf, landab augen­blicklich etwas Dringlicheres tun konnte, als ihre Aktien zu suchen. Naja, Agnes wür­de ihm zu einer nützli­chen Tätigkeit verhelfen.
Und schon sagte sie zum Taugenichts: „Guten Morgen. Sie wissen doch bestimmt, wer ich bin, nicht wahr?“
„Sicher, Sie sind Prinzessin Agnes“, erwiderte der Angesprochene unbeeindruckt. Er sah nicht einmal von seinem Glas Lagerbier auf.
„Ich hätte da einen Auftrag für Sie. Mir ist eine Tasche aus Krokodilleder die Nord­wand hinuntergefallen. Könnten Sie diese wohl für mich auffinden?“
Da sah ihr Gesprächspartner zum ersten Mal auf und erwiderte grinsend: „Hm, leicht wird das nicht. Das ist Gewerbegebiet, eine Schrottpresse, daneben jede Menge Benzinfäs­ser, ein Umspannwerk ... Und wenn Sie einen Unbekannten, so einen wie mich, damit beauftragen, soll die Ange­legenheit sicherlich auch diskret behandelt werden ... Ich würde sagen, es kommt eben darauf an, was Ih­nen die Tasche wert ist.“
„Sie haben einen Wunsch frei. Äh, wenn ich ihn erfüllen kann, natürlich.“
„Oh, sicher. Ich möchte eine Audienz bei Ihnen. Ich möchte an Ihrem Tisch sitzen, von Ihrem Teller essen und aus Ihrem Becher trinken. Und dann möchte ich in Ihrem Bett schlafen und vorher kriege ich noch einen Kuss von Ihnen.“
So ein unverschämter Kerl! Er nutzte ihre Situation schamlos aus. Am liebsten hätte Agnes jetzt ei­nen anderen angesprochen, aber unverschämt waren sie letzten Endes doch alle. Ist der eine um nichts besser als der andere. Der da hatte wenigstens eine männli­che Ausstrahlung, wie sie sich eingestehen musste. Nicht die Spur von Unsicherheit im Umgang mit ihr, einer Prinzessin! Wie sich das mit der Audienz dann wirklich gestalten würde, das bliebe ohnehin abzuwar­ten. Und wer weiß, ob er überhaupt Erfolg haben würde. Vielleicht war es nur ein Dampfplauderer. Seufzend sagte Agnes: „Da sind Aktien drin. Wehe, es fehlt auch nur eine einzige!“
Damit stand sie auf und ging grußlos. Paul durfte ihren Cappuccino bezahlen. Es fiel ihm auf, dass sie weder seinen Namen hatte wissen wollen, noch seine Adresse oder die Tele­fonnummer. Hauptsache, man kannte sie, diese verzogene Göre. Und die Ak­tien?? Der Betreiber der Schrottpresse, ein gewisser Kurt, war ein guter Freund von ihm. Den konnte er ja bei Gelegenheit fragen.


Abendessen der Königsfamilie. An einem Ende der Tafel saßen Georg III., absolu­ter Monarch über Siddi Lohan und die Königin, daneben der Königssohn Hein­rich und sei­ne Frau Sabine. Ihnen gegenüber hatte die Großmutter Platz genommen. Agnes tafelte ne­ben ihr. Weiter die Tafel hinunter aßen noch ein paar Onkel und Tanten und vervollständig­ten auf diese Weise die offizielle Königsfamilie. Versonnen sah Agnes von ihrem Geschirr auf. Auf ihrer Höhe der Tafel hing ein schwerer Leuchter, ge­radezu wollüstig be­laden mit funkelnden und glitzernden Kristallen. Hoffentlich würde das blöde Ding nicht eines Tages herunterstürzen. Wie hoch wären eigentlich ihre Über­lebenschancen in so einem Falle?
Livrierte Diener servierten gerade formvollendet den dritten Gang. Stilvoll klirrten die Kristallgläser, edles, kunstvoll verziertes Besteck scharrte neckisch über chinesisches Porzellan aus der Zeit der Mingdynastie.
Mürrisch hörte man den Königssohn: „Aha, schon wieder Chateaubriand à la Rocha­de auf Sahnespitzenhäubchen mit einem Hauch von Zimt, dazu das übliche Gläschen Chartreu­se. Das hatten wir doch vorletzten Monat schon, wenn ich nicht irre? Dabei mag ich gar kein Sahnehäubchen. Da sitzen wir nun großartig im königlichen Speisesaal und was gibt es zu essen? Erbärmlich, dieser Fraß ... Geh, Diener, tun Sie das da weg, einfach nur weg. Es reicht, wenn ich es auf den Tellern der anderen sehen muss. Lässt sich halt nicht verhin­dern.“
Und zu seiner Frau neben ihm gewandt, fügte er halblaut hinzu: „Bevor ich so etwas esse, esse ich lieber gar nichts.“
„Sehr richtig“, bestätigte die Angesprochene grinsend und ließ es sich um so mehr schmecken.
Nach diesem Gang kam der allgemeine Small Talk wieder einmal auf die Heiratspläne der Prin­zessin. Um genau zu sein, waren es die Pläne der Familie, nicht ihre eigenen. Wie meistens war es auch dieses Mal ihre Mutter, die davon anfing: „Du-u, Schorschi!“
„Ja, mein Schatz“, sagte Georg III., Herr über Siddi Lohan.
„Agnes ist jetzt schon dreiundzwanzig Jahre alt und eine baldige Heirat wäre ausge­sprochen ange­messen. Findest du nicht auch?“
Agnes gab vorläufig keinen Kommentar ab. Warum auch? Sie war ja nicht direkt an­gesprochen und vielleicht hörte Mutter ja von selber wieder auf. Aber daraus wurde nichts.
Georg III. fühlte sich zwischen zwei Stühlen sitzen. Er versuchte diplomatisch zu sein und meinte: „Wenn mir ein Herzenswunsch in Erfüllung gehen sollte, dann der, dass meine Tochter bald den Mann ihres Lebens findet. Also ich hätte gegen Prinz Al­brecht von Keffrin zum Beispiel nichts einzuwenden. “
Nun meldete sich Agnes aber doch: „Ach was, mit dem läuft ja nichts im Bett. Soll ich vielleicht über den Dienstfahrer her­fallen, nur um Nach­wuchs zu kriegen?“
„Mag ja sein, aber der Verehrer gibt es schon mehr. Ich meine, Prinz Klaus von Per­rubuti erwartet immer noch Nachricht von dir, Agnes“, hakte die Königin hartnäckig nach. Prinz Klaus war ihr Wunschkandidat.
Als Agnes diesen Namen hörte, wurde sie allerdings etwas schroff: „Der hat äußerst merkwürdige Gewohnheiten im Bett.“
„Oh, woher willst du denn das wissen?“
„Wenn sich einer angeblich für mich interessiert, obwohl er mich gar nicht kennt, ziehe ich lieber meine Erkundi­gungen ein. Prinz Klaus ist kein unbeschriebenes Blatt. Ich könnte euch sogar die Tele­fonnummer von der Peitschenlady geben, zu der er immer geht. Nur um einen hoch zu kriegen, muss er ...“
„Pst!“, fuhr sie da ihr Vater an, „das interessiert hier wohl niemanden. Erspare uns derlei Details. Tochter, du solltest unbedingt staatsmännisch den­ken lernen. Du heiratest zum Wohle des Königreiches und nicht zur Freude deines Unterleibes.“
Die Anwesenden erhielten den Eindruck, er spreche aus Erfahrung. Deutlich stand der Gedanke im Raum.
Jetzt reichte es Agnes aber: „Entschuldigt mich, ich bin müde.“
Erbost stand sie auf und begab sich in ihre Gemächer. Kaum war sie dort, meldete sich die Königin über das Handy und fragte: „Was muss Prinz Klaus tun, um ... na, du weißt schon?“
„Ach was, Vater hat schon Recht. Es geht ja wirklich keinen etwas an. Und ich will ja auch nicht prüde sein. Aber ob es dir nun passt oder nicht, Mama, ich habe einfach den richtigen Mann bisher nicht gefunden.“
Mutter ließ nicht locker: „Agnes, was dein Papa sagt, stimmt schon. Unsereiner heiratet aus Gründen der Staatsräson, nicht aus Liebe. Da ist es wichtig, dass er deiner würdig ist. Ob er schnarcht während der Nacht, interessiert nicht. Schenk dem Volk einen Thronfolger und es wird dich lieben. Was du darüber hinaus treibst, kümmert niemanden.“
„Mama, du willst es anscheinend nicht begreifen. Soweit, dass ich mich mit einem x-Beliebigen liiere, bin ich noch nicht. Das kann ich immer noch tun.“
Anschließend vertrieb sie sich noch ein wenig Zeit mit der Entertainmentkonsole, von aller Welt aus Gründen der Kürze, Enko genannt. Sie sah sich einen Reisebericht über Südamerika an, den sie in bester holografischer Dar­stellung mitverfolgte. Eine spezielle Cyberbrille sorgte für noch mehr Plastizität und Schärfe des Bildes. Auch die beiden Audiomodule genau über der Ohrmuschel sorgten für das Gefühl, mit­ten im Gesche­hen dabei zu sein. So als säße sie selbst im Flugzeug flog Agnes über die Schluchten der Anden, vorbei an einem Kondor, der mit mächtigen Schwingen den azurblauen Himmel durchschnitt. Sie konnte sich nicht sattsehen an der rätselhaften Architektur der aztekischen Pyramiden, gefolgt von Ausgrabungen aus der Mayazeit.
Der Dienstwagenfahrer klingelte und beendete dadurch jäh ihren geistigen Ausflug in ferne Gegenden.
„Ich soll Sie an Ihre Party bei Judith erinnern.“
„Ach ja, fahren Sie mich hin.“
Judith war eine der Kommilitoninnen der Prinzessin, die heute ihre neue Wohnung offiziell einweihte. Die meisten Gäste waren schon da. Es blitzte das strahlende Weiß künstli­cher Zähne fernab jeder Plombe, es leuchteten die eingefärbten Augen in Rehbraun, Stahlblau oder geheimnisvollem Grün. Es funkelte Geschmeide aller Art in den Dekolle­tees, es wiegten sich dank Cyborg-Medizin perfekte Körper im Rhythmus gefälliger Mu­sik. Erlesene Getränke verwöhnten den Gaumen, kurz, alles war bestens.
Für Agnes war die Party wie immer: zu laut, zu schrill, mäßiger Champagner, langweilige Gäste, im Grunde traf man ja sowieso immer nur die gleichen. Und dann das Personal! Im Bemü­hen dienstbar zu sein machten diese Leute in erster Linie eines, nämlich im Wege ste­hen und den Cognac verschütten. Aber was tut man nicht alles für eine Freundin!
Und dennoch blieb Agnes bis tief in die Nacht. Sie hätte ja etwas versäumen können. Immerhin traf sich hier alles, was zurzeit in Siddi Lohan Rang und Namen hatte. Gegen elf Uhr fiel Agnes auf, dass sie ihre Freundin Estefanie von Niederwarte noch nicht gesehen hatte.
„Judith“, so fragte sie ihre Gastgeberin, „wo ist Estefanie?“
„Oh, du hast es noch nicht gehört?“
„Nein, was denn?“
„Estefanie musste absagen. Stell dir vor, was ihr heute passiert ist. Sie geht in eine Modeboutique und nur weil die Verkäuferin dort neu war, wurde sie nicht erkannt. Heulend hat die Arme den Laden verlassen. Sicher, die Verkäuferin wurde sofort gefeuert, das ist ja wohl das Mindeste, was man verlangen kann, aber jetzt ist es schon geschehen. Jedenfalls ist Estefanie nicht in Stimmung für eine Party, sondern sitzt beim Psychotherapeuten.“
Also wegen eines Trampels von Verkäuferin musste Agnes heute auf die Gesellschaft ihrer lieben Freundin verzichten! Eine Zumutung!
Als sich die Party gegen drei Uhr morgens dem Ende zuneigte, nahm Agnes Judith unauffällig zur Seite und fragte sie: „Judith, ich fühle mich nicht ganz wohl, vielleicht habe ich ein wenig zu viel getrun­ken, ich weiß auch nicht. Wäre es möglich, heute bei dir zu übernachten?“
„Gewiss doch, ich lasse dir gleich das Gästezimmer richten.“
Kaum waren die wichtigsten Gäste verabschiedet, betrat Judith ihr Gästezimmer. Agnes war noch nicht ausgezogen, sie war gerade beim Abschminken.
„Ist dir auch alles recht so?“, wollte Judith wissen.
„Gewiss doch“
„Auch die Aussicht? Du entschuldigst bitte, aber ich habe in der Eile leider keine Wohnung in besserer Lage gefunden. Ich tröste mich eben damit, dass man ohnehin nur von der Gästesuite zum Nordviertel sieht.“
In der Tat öffnete sich das Fenster zum Nordviertel hin. In kaum fünfzig Metern Ent­fernung floss der Dessino, auf dessen anderer Seite undeutlich die Silhouette der ge­genüberlie-genden Gebäude zu erkennen war.
Etwas betreten, der Prinzessin nichts Erhebenderes als Aussicht anbieten zu können, fragte Judith: „Oder soll ich dir lieber die Außenprojektion einschalten? Was hättest du gerne? Den Fujiyama, die Schweizer Alpen oder die ostafrikanische Steppe?“
„Nein, nein, lass nur“, entgegnete Agnes und trat an das geöffnete Fenster. Tief sog sie die kühle, feuchte Nachtluft ein. Über dem Dessino lagen bereits erste Nebelfetzen, Anzei­chen des kommenden Morgens. Der frische Sauerstoff tat Agnes gut. Von der anderen Seite des Flusses drangen schwer zu definierende Geräusche herüber. Wahrscheinlich befand sich eine der sieben Brücken, die das Nord- und das Südviertel verbanden, in der Nähe. Es schien, als sei die Gegend dort in schwefliges Licht getaucht. Der Anblick fesselte die Prinzessin. Es ging davon eine hypnotische Faszination aus wie von ei­ner schönen, aber Unheil bringenden Blume aus einem Hexenmärchen. Agnes hätte stundenlang nur schauen können.
„Ich frage mich manchmal, was das wohl für Menschen sind, die dort leben“, sagte sie ganz versonnen mehr zu sich selbst. „Die Gerüchte, die man über sie hört, sind ja schrecklich. Ich könnte da nicht sein. Dabei haben wir ... ich glaube, es war vor nicht ganz zwei Wochen, auf der Uni gelernt, dass unsere Volkswirtschaft nur funktioniert, weil die Leu­te da drüben wesentlich mehr an Wertschöpfung erarbeiten, als sie an Kosten verursa­chen.“
„Sicher, sicher. Lass es mich so sagen: Es sind einfach brauchbare Idioten. Aber er­baulich ist der Anblick dieses Viertels dennoch nicht. Also wenn ich hier bin, schalte ich mir garantiert die Außenprojektion ein.“
„Weißt du, Judith, Projektionen sind sicher schöner, aber das Nordviertel ist wenigs­tens Wirklichkeit. Bitte frage mich nicht, warum mir das plötzlich wichtig ist, ich weiß es auch nicht. Es ist eben so. Gute Nacht.“
Danach riss sich Agnes vom Anblick des Nordviertels los und legte sich nieder. Man konnte nicht gerade von einem erfolgreichen Tag reden. Der Verlust der Aktien frühmor­gens, Langeweile den ganzen Tag über und am Abend das Gemeckere wegen ihrer Heirat. Dabei hatte Agnes nicht einmal ansatz­weise Vorstellungen, wie ihr Ehemann sein sollte. Sie war es gewohnt, dass ihr die Männerwelt zu Füßen lag und das, wofür man sich nicht zu bemühen braucht, das schätzt man auch nicht. Einen Mann, den sie nicht schätzen konnte, den wollte sie aber nicht. Vertrackte Situation.
Einmal mehr sagte sie sich, dass sie in ihrem Alter noch keine überstürzte Beziehung eingehen musste. Es war ja auch immer Mama, die es so eilig damit hatte, Agnes unter die Haube zu bringen.
Da fiel ihr der Mann im Café ein, dem sie heute begegnet war. Obwohl sie ihn im Südvier­tel getroffen hatte, war er eindeutig aus dem Nordviertel. Die Kleidung, das Benehmen ... Unwillkürlich wendete sie sich zum Fenster, Richtung Norden. Irgendwo da drüben wohnte er ... Meine Güte, sie hatte ja ganz verges­sen, ihn nach seinem Namen und der Telefon­nummer zu fragen! Da wür­de sie morgen irgendetwas unternehmen müssen. Keine Ahnung, was. Überhaupt war Agnes dieser Mann recht komisch vorgekommen. Es war ihm absolut klar gewesen, wer sie ist, aber es hatte ihn keinen Deut ge­kümmert. Kaum, dass er von sei­nem Glas billigen Bieres oder was das Gesöff gewesen sein mochte, aufgesehen hatte. Also, ein bisschen Respekt wird man wohl erwarten dürfen ...! Und dennoch konnte sie seine wasser­blauen Augen über dem 3-Tage-Bart nicht mehr aus dem Kopf kriegen. Wie klar, ruhig und selbstsi­cher war sie angesehen worden! Das stand ihm gar nicht zu, verdammt noch mal, er war ein Untertan ...


Der nächste Tag verlief wie immer. Man wartete auf der Uni eine Dreiviertelstun­de, bis Agnes beliebte, zu erscheinen. Der Vortrag „Einführung in das Marketing internationaler Handelsbeziehungen“ bei Professor Ecker stand auf dem Plan.
Ecker war ein schmächtiger Mann, zwei Jahre vor seiner Pensionierung, dem eine Reihe schrulliger Ideen nachgesagt wurden. Beim Gehen stützte er sich auf einen Stock und außerdem munkelte man, er würde in Kürze erblinden.
„Nun, da wir vollzählig sind, wie ich zumindest hoffe, können wir uns ja unserem heutigen Thema zuwenden“, knurrte er etwas misslaunig, während er durch seine dicken Brillen streng in das Auditorium blickte.
„Die letzten Jahrhunderte haben aus der Erde ein einziges, großes Dorf gemacht. Über internationale Handelsbeziehungen zu verfügen ist heute Standard. Umso mehr ist es für die Entscheidungsträger von Bedeutung, großräumig und strategisch zu denken. Für Kleinkrämer ist kein Platz mehr auf diesem Planeten.“
„Entschuldigung, Herr Professor“, so wurde er von Roderick II., Junggraf von Seidelstein unterbrochen. „Auf welchem Datenkristall können wir Ihre Ausführungen nachvollziehen?“
Aha, schon wieder einer, der nur bleiben wollte, bis die Anwesenheitsliste an ihm vorbeigezogen war! Und irgendwann, wenn Langeweile ausgebrochen war, den betreffenden Datenkristall in die Enko einlegen und sich berieseln lassen. Ein Glas teuren Champagner in der Hand und zum Schluss selig einschlafen wie ein Baby in der Wiege ... Nein, Ecker mochte diese Leute nicht.
„In keinem. Für die Informationen aus einem Datenkristall braucht ihr mich nicht. Ihr benötigt mich für das, was eben nicht auf Buchseiten oder Datenkristallen gebannt ist. Und ich habe mir vorgenommen euch zu erzählen, worum es wirklich geht. Alten Leuten, Kindern und Betrunkenen verzeiht man es, wenn sie die Wahrheit erzählen. Sonst niemandem, merken Sie sich das.
Bei der Prüfung müssen Sie das wissen, was im Lehrplan steht, das Leben später verlangt von Ihnen das, was ich Ihnen darüber hinaus vorgetragen habe. Aber zur Stunde ist es für Sie nicht sonderlich wichtig, das zu verstehen.
Doch nun zum Thema. Jeder Markt hat seine eigenen Gesetze. Wenn Sie Erfolg haben möchten, müssen Sie diese eingehend studieren. Machen Sie um Himmels willen nicht den Fehler, von sich auf andere zu schließen.
Wenn Sie über den halben Globus geschickt werden, weil ihre Firma sich auf einem exotischen Markt engagieren möchte, verhalten Sie sich zuerst unauffällig. Ihre örtlichen Konkurrenten dürfen auf keinen Fall vorzeitig von Ihren Aktivitäten erfahren und eine Gegenstrategie entwickeln. Im Idealfall hat Ihr Unternehmen das Überraschungsmoment auf seiner Seite, wenn es offiziell auf einem Markt auftritt.
Schon wieder meldete sich Junggraf Roderick: „Entschuldigen Sie, Herr Professor. Heißt das nicht Mitbewerber statt Konkurrent?“
„Mitbewerber ist ein beschönigender Ausdruck. Er trifft den wirklichen Zusammenhang nur am Rande. Das Wort Konkurrent widerspiegelt viel ehrlicher das aggressive Wesen der Wirtschaft. Vergessen Sie nie: Die Geschehnisse im Wirtschaftsleben haben grundsätzlich kriegerischen Charakter. Was dem General der Landgewinn, ist dem Unternehmer die Steigerung seiner Marktanteile. Das macht die Sache vielleicht subtiler, verändert sie aber nicht prinzipiell. Denken Sie immer daran: Es gibt keine Gnade.
Der militärische Grundcharakter des Wirtschaftslebens bedingt ein äußerst komplexes Zusammenspiel von Strategie und Taktik, welches Sie unbedingt mit Ihrem ganzen Wesen begreifen müssen.
Sobald Sie mit Ihrem Auftrag in der Tasche die fremde Zollabfertigung passiert haben, müssen Sie sich im Klaren sein: Sie befinden sich auf Gebiet des Feindes. Es ist in Ihrem eigenen Interesse, dass Ihre Tarnung nicht vorzeitig auffliegt. Beobachten Sie unparteiisch und vorurteilslos, machen Sie Ihre Erfahrungen und ziehen Sie Ihre Erkenntnisse daraus. Stellen Sie Ihre persönlichen Belange hintan, ordnen Sie sich der Sache unter. Der Vorposten ist in jedem Krieg die anstrengendste Position, die Sie haben können, aber auch die größte Herausforderung.
Seien Sie ausdrücklich gewarnt vor dem berüchtigten Vorpostensyndrom. Man kennt es bestens aus der Militärgeschichte: Abgeschnitten von den eigenen Truppen, zu wenig Nachschub, tief in gegnerischem Gebiet, der Feind braucht eigentlich nur einen Angriff, keine Ahnung, wann die Ablöse kommt ...
Da hilft nur: Lassen Sie sich nicht irritieren, bleiben Sie unerschütterlich bei sich selbst, in der festen Überzeugung für das Gute auf der Welt zu stehen und zu kämpfen. Denken Sie stets daran: Der Weg ist das Ziel.
Nur wenn Sie demütig und beharrlich eine Strategie verfolgen können, haben Sie moralisch Anrecht darauf, dass Ihre Bemühungen irgendwann von irgendeiner Art Erfolg gekrönt sind. Dieser Grundsatz gilt übrigens für viele Bereiche im Leben, für die wichtigen ganz sicher. Aber das steht weder im Lehrbuch noch kommt es zur Prüfung.“
Manche der Zuhörer sahen sich verständnislos an, einige schüttelten den Kopf. Roderick von Seidelstein flüsterte gar etwas von Klapsmühle. Für sein Auditorium war der Professor offensichtlich reif für die Pension. Agnes gehörte nicht dazu; sie hatte aufmerksam zugehört ...
Der Professor blickte auf seine Armbanduhr, wobei er diese mit verkniffenen Augen einmal näher zu seinem Gesicht bewegte, dann wieder weiter weg hielt. Als er offenbar die Anzeige erkennen konnte, beendete seinen Vortrag: „Oh, es ist spät geworden. Wir machen Schluß. Das nächste Mal wenden wir uns einem speziellen Thema zu, den branchenübergreifenden Geschäftsaktivitäten. Richtig aufgebaut erschließen sie durchaus neue Märkte und damit zusätzliche Umsatzquellen.“
Nicht mehr alle seiner Studenten hatten es gehört, denn sie hatten den Hörsaal bereits verlassen. Wieder war Agnes keine von ihnen.
An den Vortrag anschließend fuhr die Prinzessin mit dem Dienstwagen ins Attika zum Essen. Als sie eintraf, stellte sie mit Entsetzen fest, dass ihr Lieblingsplatz an der nördlichen Fensterrei­he gerade besetzt war. Von hier aus bot sich ein beeindru­ckender Ausblick auf den Königsberg. Bei näherem Hinsehen konnte sie sogar ihre ei­gene Veranda ausmachen. Ein unbekannter Mann jüngeren Alters saß dort und studier­te gerade die Speisekarte. Sofort ließ sie den Geschäftsführer kommen.
Die Prinzessin sagte nur: „Mein Platz!“
„Oh!“, entfuhr es dem Geschäftsführer ganz betroffen. „Wird sofort erledigt, Ihre Ho­heit.“
Umgehend begab er sich zu dem betreffenden Gast.
„Entschuldigung, mein Herr, Ihre Hoheit, die Prinzessin, ist soeben eingetroffen.“ Da­mit gab er mit seiner Körperhaltung den Blick auf die Prinzessin frei. Diese stand et­was abseits in der Nähe des Einganges neben ihren zwei Leibwächtern und betrachtete de­monstrativ gelangweilt ihre Fingernägel. Langsam wurde sie ungeduldig.
„Ihre Hoheit belieben gewöhnlich diesen Tisch hier zu benützen. Sie werden Ver­ständnis dafür haben, wenn wir alle diesen Wunsch respektieren. Ich möchte Sie bitten, sich dem anzuschließen und ... viel-leicht ... äh, da drüben Platz zu nehmen.“
Er zeigte auf einen Tisch in der Nähe zum Kücheneingang. Der Gast machte wenig Anstalten, der Aufforderung nachzukommen. Plötzlich tauchten zwei weitere Männer auf, die den Security Guards angehörten.
Der eine trat unauffällig von hinten an den Gast heran und flüsterte ihm ins Ohr: „Noch lassen wir es nach außen hin so aussehen, als sei der andere Tisch Ihr eigener Wunsch. Ich hoffe, Sie wissen unser Entgegenkommen zu schätzen. Wir können auch anders.“
Die Macht dieser Argumente überzeugte den Gast. Er ließ sich vom Geschäftsführer an den anderen Tisch geleiten, der ihm dort höflich den Stuhl anbot. Als der Geschäfts­führer anschließend Prinzessin Agnes zu ihrem Tisch geleitete, sagte sie: „Ich liebe die dezente Non­chalance, mit der man in Ihrem Hause derlei Angelegenheiten regelt.“
Nach dem Mittagessen war die Interviewstunde für die Journalisten und Fotografen in der Veranstaltungshalle des städtischen Pressezentrums angesetzt. Nachdem Prin­zessin Agnes nicht wollte, dass ihr auf Schritt und Tritt Fotografen folgten, hatte man die Interviewstunde drei Mal in der Woche eingeführt. Es genügte, wenn die Prinzessin ihre Leibwächter dauernd um sich haben musste.
Im Foyer des Pressezentrums traf sie auch Ihren persönlichen Manager, der ihr ihre Termine für die nächsten zwei Wochen mitteilte. Die Eröffnung eines Kinderheimes fand sich am Montag in den Kalender eingetragen, Dienstag wurde eine renovierte Brü­cke wieder in Betrieb genommen usw. Wo immer es etwas zu eröffnen galt oder eine bedeutende Veranstaltung abgehalten wurde, schätzte man sich glücklich, wenn Prin­zessin Agnes wenigstens für zehn Minuten auftauchte. Es genügte durchaus, wenn sie eine Menge Hände schüttelte oder einige unverbindliche Worte verlor, die ihr der Manager vorbereitet hatte.
Einer der Journalisten fragte sie, von welchem Designer ihr Rock heute stamme. Die Prinzessin konnte solche Fragen nicht ausstehen. Kurz überlegte sie, welcher Name einerseits zum Rock passen würde, andererseits aber garantiert keinem der aktuellen Modedesigner gehörte.
„Hectriss, ja von Hectriss stammt der Rock.“
Hastig notierte dies der Reporter, während er im Gewühl seiner Kollegen untertauch­te. An das Blitzlichtgewitter und die ewig gleichen Fragen der Journalisten schloss sich ein Treffen mit ihrem Bankreferenten an. Die Prinzessin war schon sichtlich gestresst, als sie in der Bank eintraf. Dementsprechend beflissen war man, ihren Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Befremdlich, dass der Bankdirektor heute nicht zu­gegen war, angeblich wegen einer Krankheit. So musste sie mit dem Referenten Drachsel, den sie insgeheim für einen Trottel hielt, vorlieb nehmen. Glücklicherweise gab es weder viele noch wichtige Angelegenheiten zu be­sprechen, ansonsten hätte sie die Abwesenheit des Direktors auf keinen Fall dulden können. Aber für ein paar harmlose Schmeicheleien tat es der Trottel auch.
Und außerdem war ein Teil ihrer Aktien ja verschwunden. Wie, das erzählte sie natürlich nicht, den verbliebenen Wertpapieren ging es gut; wie schön. Die Gesamtperformance war in den letzten zwei Monaten auf 7,16 % gestiegen. Das war zwar nicht umwerfend, aber man konnte es angehen lassen.
Total geschafft fiel Prinzessin Agnes diesen Abend in das Bett. Sie würde demnächst mit ihrem Manager reden müssen, denn ein derart anstrengender Terminkalender war eine Zumutung! Das ließe sich doch bestimmt ein wenig gemütlicher einteilen. Zumindest ausgedehntere Make-up-Pausen! Möglicherweise war es sinnvoll, wenn die Journalisten ihre Fragen längstens einen Tag vorher bekannt geben mussten. Unruhig waren ihre Träume diese Nacht ...


Als Agnes am nächsten Morgen auf­wachte, wollte sie wieder umgehend zu ihren Tai-Chi-Übungen auf die Veranda. Dabei kam sie an einem Spiegel vorbei, der goldverziert die Gangmauer zur Veranda schmückte. Im Vorbeigehen nahm sie aus den Augenwinkeln ein fremdes Gesicht wahr, welches durch den Spiegel zog. Äh, wie bitte ...?? Sie schritt zurück und warf einen be­wussten Blick in den Spiegel. Iiiiiiiiii ...! Ein völlig unbekanntes Gesicht blickte sie an! Dieser Kopf hatte kurze, schwarze Haare im Pagenschnitt, keine langen, blonden. Und auch sonst war al­les anders. Ent­setzt griff sich Agnes in die Haare, betastete unwillkürlich Nasenrücken, Lippen, Wangen ... Und das ominöse Spiegelbild machte es genau gleich ...! Kein Zweifel, es war ihr Ge­sicht, nur sah sie ganz anders aus! Wo waren ihre schönen, hellblau eingefärbten Augen, die sie letztes Jahr ein halbes Vermögen gekostet hatten? Grün waren diese jetzt! Das konnte nicht wahr sein! Mehr­mals zwickte sie sich in den linken Unterarm, vielleicht würde sie ja aufwachen, aber es war kein Traum ...
Schockiert nahm sie auf dem nächsten Stuhl Platz und atmete einige Male tief durch. „Du musst ganz nüchtern überle-gen“, sagte sie sich. Es würde bestimmt einen ganz einfa­chen Grund für dieses eigenwillige Phänomen geben. Vielleicht ließ sie sich vom Arzt einmal gründlich untersuchen. Dass er endlich einmal etwas tut für sein teures Geld. Ja, das war eine gute Idee.
Kaum verließ sie ihre Gemächer in Richtung Sanitätsstation, begegnete ihr auf dem Gang eine Patrouille der Palastwa­chen. Die Beamten verstellten ihr den Weg: „Halt, was tun Sie hier und wo kommen Sie her?“, wurde die Prinzessin angeherrscht.
„Was soll das heißen? Ich verlasse meine Räumlichkeiten, ihr Esel.“
Ach herrje, sie sah ja seit Kurzem ganz anders aus! Nur die Stimme war gleich geblieben, wie sie soeben festge­stellt hatte. Aber das alleine würde ihr jetzt auch nicht mehr helfen.
„Sie kommen mit. Wir werden Ihre Identität bald herausgefunden haben“, hörte sie die Wachen wie von ferne. Wenig später fand sie sich in einem waschechten Verhör wieder.
Weil sich die Prinzessin nicht ordnungsgemäß ausweisen konnte, begann das Verhör mit dem offiziellen Verfahren zur biologischen Identitätsfeststellung. Das bedeutete Fotografien, Röntgenaufnahmen, man nahm ihr Blut ab, sowie eine Probe ihrer Haare und des Speichels, zuletzt die Fingerabdrücke. Während die Proben ins Labor und in die sonstigen Abteilungen weiter geleitet wurden, wurde Agnes eingehend mündlich befragt.
Bald hatte die Palastwache bemerkt, dass die Prinzessin nicht aufzufinden war, wodurch die Sache mit der Unbekannten an Wichtigkeit gewann. Immerhin war diese in der Nähe der Räumlichkeiten der Prinzessin aufgegriffen worden. Also ließ es sich Oberst Reinmann nicht nehmen, das Verhör selbst zu leiten.
„Wir haben festgestellt, dass die Prinzessin verschwunden ist“, begann er. „Und Sie kommen aus ihrer Suite, können uns rein gar nichts darüber erzählen, Sie wissen nicht einmal, wie Sie heißen. Sie können sich nicht ausweisen, ja, mehr noch, Sie geben vor, die Prinzessin selbst zu sein. Also das ist ja wirklich erbärmlich! Erwarten Sie eigentlich allen Ernstes, wir glauben Ihnen diesen ganzen Schwach-sinn?“
Die Prinzessin, die bereits stundenlang verhört worden war, hatte schon glänzende Augen und Kopfweh. Wieder und wieder hatte man ihr die ewig gleichen Fragen ge­stellt. Und dauernd die grellen Scheinwerfer! Einmal von dieser Seite, einmal von jener. Wollte sie den Kopf abwenden, zwang man sie, weiterhin in das Licht zu sehen. Eine der Wachen machte sich einen besonderen Spaß daraus, von hinten in ihre Haare zu greifen und ihr Gesicht brutal zum Scheinwerfer zu reißen. Auf ihren anfänglichen Protest hatten die Anwesenden mit höhnischem Gelächter reagiert. Agnes hatte einfach nur mehr den Wunsch, wieder gehen zu dürfen.
Ein Hinweis auf seinem Bildschirm unterrichtete Oberst Reinmann, dass die biologische Identitätsfeststellung beendet war und die Ergebnisse zur Verfügung stünden. Die junge Frau ihm gegenüber hätte ohne weiteres als eineiige Zwillingsschwester der Prinzessin durchgehen können, aber sie war definitiv nicht die Königstochter. Die eklatanten, körperlichen Unterschiede zwischen ihr und der Prinzessin waren sowohl unübersehbar als auch echt. Aber ihre wahre Identität zu lüften war den Leuten des Obersts auch nicht gelungen. Eine anschließende Computersimulation bestätigte Reinmann in seiner persönlichen Einschätzung: Keine Verschwörung, die gerade im Gange gewesen wäre, keine gesuchten Schwerverbrecher zurzeit, es gab nicht die geringste Veranlassung, die Prinzessin zu entführen. Und schließlich war diese erst seit wenigen Stunden unauffindbar. Rein formalrechtlich war sie damit noch nicht einmal abgängig. Sie würde schon wieder auftauchen, daran hatte Reinmann keinen Zweifel. Unkraut verdirbt nicht.
Der Oberst verlor langsam das Interesse an der Sache. Er war inzwischen zur Ansicht gekommen, dass aus dieser Zitrone nicht mehr herauszuquetschen sei, aus welchem Grund auch immer. Licht in die Zusam­menhänge zu bringen war ihm zwar nicht gelungen, aber das war weder das erste Mal noch würde es das letzte Mal sein. Und die Wahrheit um diese Frau interessierte ihn nicht. So etwas wie Wahrheit herauszufinden war etwas für die Absolventen der Polizeiakademie, die es noch nötig hatten, mit aller Gewalt auf der Karriereleiter nach oben zu klettern. In der Position eines hochrangigen Offiziers hingegen stand man über den Dingen. Und persönlich hatte er den Ehrgeiz, möglichst alle Geheimnisse lüften zu wollen, schon lan­ge nicht mehr. Hauptsache, die Dinge blieben unter Kontrolle. Abschließend schätzte Oberst Reinmann die Frau als harmlos ein.
Der langen Rede kurzer Sinn: Kein Grund zur Sorge. Er hatte einfach eine Frau mit ungeklärter Identität vor sich, noch dazu eine junge, ausnehmend hübsche, die froh sein durfte, dass man sie so höflich, fast schon zuvorkommend, behandelt hatte. Schließlich war sie ihm mehr oder weniger ausgeliefert. Das brachte den Oberst auf eine Idee ...
Ganz beiläufig schaltete der Oberst das Aufnahmegerät ab und schickte die übrigen Wachen aus dem Zimmer, mit der Bemerkung, die Angelegenheit wolle er selbst zu Ende bringen. Mit süffisantem Grinsen wandte er sich Agnes zu: „Also gut, die Angelegenheit bleibt vorerst mysteriös. Das heißt, wir werfen Sie bis zum Sankt Nimmerleinstag in eines der Burgverliese. Kann gut sein, dass man dort auf Sie vergisst. Wenn Sie sich allerdings, hmm, wie soll ich sagen?, ein wenig kooperativ zeigen wür­den ... Ich meine, Sie sind eine hübsche, junge Frau und wir sind hier ganz allein, dann stünde ihrer anschließenden Freilassung nichts mehr im Wege ...“
Schlagartig wurde Agnes klar, warum sie instinktiv diesen Reinmann immer von sich ferngehalten hatte. So ein mieses Schwein! Das war ja wohl die schäbigste Erpressung! Man sollte diesen Kerl von Rein- auf Schmutzigmann um­taufen! Vielleicht hatte Reinmann darauf gehofft, dass Agnes schon so zermürbt war, dass sie sich nicht mehr wehren konnte. Weit gefehlt!
„Kommt ja gar nicht in Frage! Ich will Ihren Vorgesetzten sprechen, Sie Bock. Ich werde Ihnen verdammte Schwierigkeiten machen, das kann ich Ihnen versprechen!“
Nun, das konnte Reinmann gerade nicht brauchen. Das passte so überhaupt nicht zu seinem Image als Saubermann. Nicht umsonst sagte er selbst bei jeder Gelegenheit: „Nomen est omen“. Und für die ungebildeten Proleten, die kein Latein in der Schule ge­habt hatten, fügte er üblicherweise gleich die Übersetzung hinzu. Sicher, es würde Aus­sage gegen Aussage stehen und der Vorsitzende der Disziplinarkommission war ein ehemaliger Schulkollege, er würde es wieder hinkriegen. Aber den ganzen Aufwand war es nicht wert. Außerdem hätte der Vorsitzende dann etwas in der Hand gegen ihn. Im alten Spiel um die Macht war das taktisch unklug.
Reinmann drückte auf die Gegensprechanlage und gab seinen zwei Beamten im vor­deren Zimmer die Anweisung: „Fort mit dieser Frau! Ihr wisst, was zu tun ist! Wir kriegen oh­nehin nichts mehr raus aus ihr.“
Und ob sich die Beamten auskannten. Kräftige Arme rissen Agnes aus ihrem Stuhl hoch, klemmten sie förmlich ein und beförderten sie durch einige, ihr unbekannte Gän­ge. Zu guter Letzt setzte man ihr auch noch eine Augenbinde auf. In der Zwischenzeit löschte Oberst Reinmann unauffällig alle Computeraufzeichnungen, die mit der unbe­kannten Frau zu tun hatten.
Nach einigen Minuten hörte Agnes einen Lift und die Tür, die sich hinter ihr und den eskortierenden Beamten schloss. Ihrem Gefühl nach ging es eine halbe Ewigkeit nach unten. Mit ei­nem Ruck hielt der Aufzug. Ratsch – es öffnete sich die Tür. Agnes wurde brutal nach draußen gestoßen und schon fuhr der Lift hinter ihr wieder ab.
Erleichtert atmete Agnes auf. Schnell warf sie die Augenbinde weg und orientierte sich. Hinter ihr erhob sich schroff und abweisend die nördliche Felswand aus massivem Granit. Von hier un­ten war so­gar undeutlich ein Stück von der Mauer zu sehen, über die sie vor zwei Tagen unab­sichtlich die Aktien geworfen hatte. Von einer Lifttür war allerdings nichts zu sehen, diese war anscheinend getarnt. Vor ihr war das Gelände einer Schrottpres­se. Über­all lagen alte Autos und verrostete Metallteile, grob vorsortiert. Verschiedene Anlagen zur Verwertung befanden sich etwa fünfzig Meter weiter. Arbeiter konnte Agnes keine erbli­cken. Rund einen halben Kilometer entfernt ragte der Turm der Kaiserkirche in die Luft.
Die Uhr unter dem Giebel zeigte Viertel nach eins Mittag. Aha, Essenspause also! Da wurde Agnes bewusst, dass sie über vier Stunden verhört wor­den war. Normalerweise kannte sie Der­artiges nur vom Hörensagen oder auch aus den Filmen, aber heute war ihr das höchst­persönlich passiert. Und überdies hatte sie das dumpfe Gefühl, dass sie mit dem be­rühmten blauen Auge davongekommen war. Irgendetwas sagte ihr, es hätte noch viel schlimmer kommen können.
Agnes setzte sich widerwillig auf den halb zerfetzten Rücksitz eines der zahlreichen Schrottautos und bemühte sich, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Was diesen Vormittag geschehen war, konnte und wollte sie sich nicht bieten lassen. Doch andererseits, was war sie im Augenblick schon großartig imstande, zu unternehmen? Ein flüchtiger Blick in den noch nicht zersplitterten Teil des Rückspiegels gab ihr darüber Auskunft, dass sich ihr Aussehen nicht mehr zurückver­wandelt hatte. Wohl oder übel würde sie sich wenigstens kurzfristig mit den geänderten Gegebenheiten in ihrem Leben arran­gieren müssen. Trotzdem musste es ihr Ziel sein, sich zu reha­bilitieren. Und dann: Wehe diesem Reinmann!
Plötzlich fielen ihr schmatzende Geräusche in der Nähe auf. Einem langgezogenen Gluck­gluckgluck folgte ein kräftiges Aufstoßen. Neugierig und vorsichtig zugleich lugte Agnes aus dem Autowrack. Ein Arbei­ter saß unweit von ihr und verdrückte sein Mittagsbrot. Ein Hüne von Gestalt, normalerweise rekrutierte man solche Typen für die Palastwa­che. In der linken Hand hielt er eine Flasche Bier, von der schon ordentlich etwas fehl­te. Offenbar wähnte er sich al­leine, sonst hätte er sich wohl nicht so ungezwungen be­nommen.
Als sich Agnes deutlich hörbar räusperte, fuhr der Mann herum. „Oh“, sagte er ganz betroffen, „was tun denn Sie hier?“
Agnes setzte sich zu ihm und überlegte. Jaja, gute Frage, was tat sie hier? Sollte sie einem Fremden eine Geschichte erzählen, die so unglaublich war, dass Agnes sie selbst kaum glauben konnte? War das die Stunde der Wahrheit? Nein, ge­nau die konnte sie dem Arbeiter nicht erzählen, denn die würde er ihr niemals abnehmen. Wenn sie schon einmal gezwungen war, sich mit der Situation zumindest vorläufig abzufinden, wäre es geschickter, sie würde sich eine bürgerliche Existenz aufbauen, denn streng genommen hatte sie die nicht mehr. Also kam stattdessen die Stunde der Lüge.
„Ich ... ich habe keine Ahnung. Eigentlich kann ich mich an gar nichts erinnern. Das Erste, was ich weiß ist, ich kam irgendwie aus dieser Felswand. Klingt blöd, nicht wahr?“
Der Arbeiter sah überrascht auf.
„Durchaus nicht. Ich bin Kurt“, so stellte sich der Mann vor, wobei er sich mit einem bereits reichlich verwendeten Taschentuch den Mund abwischte. „Ich leite diese Schrottpresse hier. Mag sein, dass man es mir nicht ansieht, es ist aber trotzdem so. Meine Arbeiter sind gerade zur Mittagspause. Hmmm ..., lassen Sie mich nachdenken, was ich für Sie tun kann. Wie heißen Sie eigent-lich?“
„Keine Ahnung. Beim besten Willen, ich weiß es nicht. Mein Gedächtnis ... Ich sagte es schon ...“
Zufällig fiel Kurts Blick auf ihre Halskette aus Koralle, sündteurer Modeschmuck mit ei­nem herzchenförmigen Anhänger aus Silber mit dem Schriftzug „Agnes“.
„Agnes, ja das muss Ihr Name sein.“ Damit deutete Kurt auf den Anhänger. „Soll ich Sie zur nächsten Polizeistation bringen?“
„Nein, nein, alles, nur das nicht.“
Kurt sah sie seltsam an. Achselzuckend sagte er nur: „Bitte, wie Sie wünschen.“
Doch wie sollte es nun weiter gehen? Agnes hatte schon reichlich die Erfahrung gemacht, dass die Männerwelt alle Anstrengungen unternahm, ihr zu Diensten zu sein. Sie musste nur ein wenig die Lippen schürzen, ihren unschuldig-koketten Blick aufsetzen und andeutungsweise ein schluchzendes Geräusch von sich geben. Auch dieses Mal war es so.
„Wenn Sie sich wirklich an nichts mehr erinnern können, brauchen Sie zuerst einmal eine Bleibe und Arbeit. Das Gedächtnis sollte sich dann im Laufe der Zeit von selbst wieder einstellen. Es gibt solche Fälle ... Naja, ich jedenfalls habe für eine Bürokraft allerdings keine Verwen­dung. Wissen Sie, den Schreibkram mache ich mir selber. Erstens ist es nicht so viel und zweitens kommt es billiger. Aber folgen Sie mir, vielleicht kann ich doch etwas für Sie tun.“
Damit wickelte er den letzten Rest seines Wurstbrotes in eine Aluminiumfolie und steckte diese achtlos in die linke Hosentasche. Agnes hätte sich nie im Leben vorstellen können, dass sie einmal brav hinter einem Arbeiter hertrotten würde. Dennoch war es so. Kurt führte Agnes in das, was er seine Büroräu­me nannte, und bat sie, Platz zu nehmen. Er griff sich das Telefon, nahm den Hörer ab und wählte.
„Paul? ... Du, das habe ich doch recht in Erinnerung, dass dir deine Verkäuferin das Handtuch geworfen hat? ... Wenn du noch keinen Ersatz hast, wüsste ich vielleicht wen. ... Ja, komm einfach zu mir und sieh sie dir an ... Wann kannst du kommen? ... Gut, bis dann also, tschüss!“
Kaum hatte er aufgelegt, wandte er sich an Agnes: „Ich habe da einen guten Freund, Paul. Er verkauft auf Flohmärkten alten Plunder. Zur Zeit sucht er gerade jemanden, der ihm dabei hilft. In einer halben Stunde kommt er vorbei. Vielleicht wird es ja was, Agnes. Da fällt mir auf, Sie heißen so wie die Prinzessin!“
„Ja, so wie die Prinzessin“, dachte Agnes bitter ... Einerseits war sie von der Aus­sicht, auf windigen Flohmärkten zu stehen und flohverseuchten Trödel zu ver­scherbeln, zutiefst angewidert. Andererseits war es wenigstens ein Anfang. Und vielleicht klärte sich ja doch alles früher oder später auf, dann wäre der ganze Spuk sowie­so vorbei. Also würde sie das wohl machen, obwohl ihr ganz übel wurde bei dem Ge­danken.
Die Tür ging auf und der Mann, den sie vorgestern im Café angesprochen hatte, um ihre Aktien wiederzufinden, trat herein. Natürlich erkannte er sie nicht mehr, sie hat­te ja ein verändertes Aussehen.
„Agnes, das ist Paul Wayden, Paul, das ist Agnes. Sie hat das Gedächtnis verlo­ren. Am bes­ten, sie geht einer Arbeit nach, bis sie sich wieder erinnern kann. Man kennt das ja, das kann Monate oder sogar Jahre dauern. Unterhaltet euch in Ruhe.“ Damit ließ Kurt sie alleine.
„Nun, Agnes, ich habe einen Stand am Trödelmarkt und reise gelegentlich von Floh­markt zu Flohmarkt. Dabei suche ich Unterstützung. Ist ein echt harter Job, auf seine Wei­se.“
„Ich wäre schon einverstanden. Allerdings, ich habe keine Papiere bei mir, weiß nicht, wo ich wohne. Um genau zu sein, ich habe keine Ahnung, wer ich bin. Ich kann mich an absolut nichts erinnern. Irgendwie bin ich auf dem Gelände dieser Schrottpresse wieder zu mir gekommen.“
„Ohje, das erschwert die Lage. So wie ich das sehe, haben Sie entweder etwas ausgefressen oder es ist Ih­nen etwas Schlimmes zugestoßen. Oder beides. Wie auch immer, im Augenblick hilft uns das nicht weiter.“
Agnes wollte etwas erwidern, aber Paul unterbrach sie schnell: „Nein, sagen Sie jetzt nichts dazu. Es ist nicht halb so wichtig, wie es Ihnen vorkommt. Wenn Sie flexibel und zuver­lässig sind und mit dem kollektivvertraglichen Lohn einverstanden sind, soll es mir recht sein.“
„Abgemacht.“
Agnes und Paul schüttelten sich zum ersten Mal die Hände. Keine fünf Minu­ten später saß Agnes in Pauls Auto, auf dem Beifahrersitz. Sie hatte es geschafft zwi­schen zerknülltem Jausenpapier, alten Zeitungen und leeren Getränkedosen auf einem Sitz voller Flecken Platz zu nehmen. Die Bezeichnung Auto fand Agnes fast schon hochstaplerisch für Pauls billige, klapprige Mühle mit einem Anhän­ger hinten dran, der noch älter war als der Wagen selbst. Sie versuchte, mög­lichst nichts anzufassen, war doch alles so ... wie sollte sie sagen? herabgekom­men? ... dreckig? ... billig? ... so unter aller Kritik einfach! Paul tat, als würde er Agnes' geweitete Pupillen nicht be­merken und fuhr sie mit stoischer Ruhe nach Hau­se. Hier würde er ihr als Dienstwoh­nung einen Raum zur Ver­fügung stellen. Agnes war noch nie in die­sem Stadt­viertel ge­wesen. Noch vor­gestern Abend hatte sie in Judiths Wohnung, in vielleicht drei Kilometer Luftlinie Entfernung, von der an­deren Seite des Flusses herü­bergese-hen.
Wie he­runtergekommen und vernachlässigt doch alles in diesem Viertel war! Arbeiter­wohnsilos mit 15 oder 20 Stockwerken allenthalben, schlecht erhaltene Straßen, wahllos dazwischen schmucklo­se Häuser in nüchter­nem Grau in Grau. Fassaden, die mangels Pflege das darunter liegende Mauerwerk frei gaben. Gelegentlich fanden sich ein paar Baum- oder Strauchattrappen veralteter Modellserien. Sie brachten nur mit viel Mühe und Not Abwechslung in die Gegend. Die natürliche Vegetation war genauso spärlich wie im Südviertel, ab und zu ein verkümmerter Strauch, am ehesten noch da und dort eine lebende Hecke. Niemand wusste wirklich, warum die natürliche Tier- und Pflanzenwelt in Siddi Lohan so gut wie nicht vorhanden war, aber es ging die Legende von einem Fluch. Im Südviertel konnte man noch mit Imitaten, künstlichen Vogelstimmen und Pflanzendüften aus der Chemiefabrik bestens dagegen wirken, und das war auch das Ambiente, mit dem Agnes vertraut war. Hier, im Nordviertel, trat das Wesen des Fluches in seiner ganzen Hässlichkeit ungeschminkt zutage. Wie hypnotisiert von der Faszination des Grauens sah Agnes aus dem Fenster und ließ den Schauer der Gegend vorüberziehen.
Schlecht gekleidete Menschen tummelten sich auf den Straßen zwischen Autos, die kaum mehr als fahrbare Untersätze waren. Gegen manches der Vehikel, das Agnes zu sehen bekam, wirkte Pauls Wagen wie eine Luxuslimousine.
Von oben, vom Schloss aus, hatte das Viertel gar nicht so triste aus­gesehen, aber von da sah man ja auch nicht viel mehr als die Dä­cher, die Hauptstraßen und die spärlichen Plätze. Glücklicherweise, so gesehen ... Agnes kam sich vor wie in einer Geisterbahn. Sie musste sich zusammenneh­men, damit ihr nicht beim Ge­danken, hier auf unbestimmte Zeit leben zu müssen, schlecht wurde.
Sie waren keine Viertelstunde gefahren, als Paul vor einem der typischen Einfamilienhäuser in der Gegend anhielt. Sanierungsbedürftig im höchsten Grade, anspruchslos vom Archi­tektonischen her, so lag es da, mit einem kleinen Vorgarten, der auch schon dringend der Pflege bedurfte.
Paul sagte: „Wir sind da. Geht es Ihnen gut, Agnes? Sie sehen blass aus, ich muss schon sagen, ausgesprochen blass. Übrigens, das Gras und die Thujen, die sind echt. Da bin ich stolz darauf. Was Sie sonst die Straße entlang sehen, sind durchwegs die üblichen Attrap-pen.“
Agnes berührte die Pflanzen mit ihren Fingern. Tatsächlich, etwas Echtes! Wie unglaublich gut fühlte es sich doch an! Kein noch so perfektes Imitat im Südviertel, bestens gewartet und auf neuestem Stand, konnte dieses Gefühl vermitteln. Sofort bemerkte Agnes, wie es ihr innerlich gleich ein bisschen besser ging. Eine freundliche Stimmung zog auf. Irgendetwas wärmte sie von innen ... Und das mitten im Nordviertel! Vielleicht ließe es sich ja auch hier leben und nicht nur überleben, vielleicht ...
An die Garage schloss sich hinten zum Garten ein kleines Lager an, kaum mehr als ein größerer Schuppen. Wiederum anschließend an dieses Lager befand sich ein winziger, bestenfalls fünfzehn Quadratmeter umfassender Raum: ihre „Dienstwohnung“!
Prinzessin Agnes stockte der Atem! Mit schreckgeweiteten Augen und trockener Kehle sah sich die neue Angestellte um. An der linken Ecke der nörd­lichen Seite lehnte ein altes Stahlrohrbett an der Mauer. Offenbar sollte die von zwei Mauern flankierte Lage den vorzeitigen Zusammenbruch des Gestells verhindern. Der Blick der Prinzessin schweifte weiter zu einem Schrank, der garantiert mehr Jahre auf dem Buckel hatte, als sie selbst. Ein grober Tisch, ganz offensichtlich früher einmal zum Werken benützt, mit drei Sesseln war vor das einzige Fenster geschoben, möglicherweise sogar, damit er nicht demnächst zusammenkrachte. In der rechten Ecke eine nachträglich ein­gebaute Duschtasse, daneben eine Klomuschel ohne Deckel, vervoll­ständigten den „Komfort“ ihres neuen Zuhauses. Kurzum: eine lose, wenngleich zweckdienliche Anhäufung wert­losen Gerümpels. Noch nie hatte Agnes einen solchen Raum in Natur gesehen.
„Machen Sie es sich gemütlich“, sagte Paul, „pünktlich morgen um acht Uhr fangen wir an. Ich werde Sie um sieben wecken, wenn es Ihnen recht ist. Sollten Sie mich brauchen, ich bin im Lager nebenan arbeiten.“
Damit ließ er sie alleine. Paul Waydens Stimme tat ihr gut. Ihr Klang vermittelte ihr das Gefühl, nicht ganz verloren zu sein, auf diesem absolut fremden Planeten, auf den es die Prinzessin offensichtlich verschlagen hatte ...
Fassungslos und den Tränen nahe sank Agnes auf ihr Bett nieder, nachdem sie sich zuerst überzeugt hatte, dass dieses frisch überzogen war. Das Gesicht in den Händen vergraben dachte sie nach. War es doch erst Nachmittag und bis morgen war noch jede Menge Zeit. Immerhin, es war überraschend schnell gegangen, wenigstens ansatzweise eine neue Existenz zu finden, aber sie wollte diese ja gar nicht. Das alles war so unglaublich, unter aller Kritik, schlichtweg unwürdig ...! Agnes fehlten die Worte. „Es ist ohnehin nur, bis ich wieder bin, wer ich bin“, sagte sie sich mehrmals schwer seufzend hintereinander. Bald würde der Spuk vorbei sein. Das konnte doch nicht von Dauer sein. Hoffentlich ...!
Der heu­tige Tag hatte ihr Le­ben ver­ändert und zwar so gründlich, wie man es sich nur vorstellen kann. Sie hatte ein fremdes Gesicht erhalten, andere Haare, eine neue Frisur, bis auf ihre Stimme war nichts mehr gleich. Kein Stein war mehr auf dem anderen geblieben. Dieser Tag hatte sie bis in ihre Grundfesten erschüttert, mehr noch, er hatte sie gede­mütigt. Beschämt schloss sie die Augen und weinte. Wie gerne hätte sie jetzt einfach die Augen geöffnet und festgestellt, dass das alles nur ein Irrtum war, ein schlechter Traum oder ein übler Witz oder so irgendetwas in dieser Richtung. Aber nein, es blieb alles beim Alten, oder besser gesagt beim Neuen.
Da erinnerte sich Agnes an ihren Entschluss in der Schrottpresse. Erneut schärfte sie sich selbst ein: „Nein, Mädchen, du lässt dich nicht unterkriegen! Du bist immer noch du selbst. Du wirst das Beste daraus ma­chen.“ Und abgesehen davon gab es Kurt und Paul Wayden. Beide hatten sie nicht im Stich gelassen. Und schon ging es ihr wieder ein ganz klein wenig besser.
Bereits die zweite Besichtigung ihres neuen Zuhauses offenbarte allerorts weitere eklatante Mängel: Keine Seife, kein Zahnputzzeug, keine Handtücher, wo immer Agnes hinsah, fehlte es am Grundlegendsten. Nicht einmal eine Enko stand ihr zur Verfügung. Wo sie in diesem Loch ihre 133 Paar Schuhe hinstellen würde, wenn sie diese zur Verfügung hätte, wagte sie nicht einmal zu spekulieren. Also hieß es vorerst, einen La­den in der Nähe suchen und das Nötige einkaufen. Glücklicherweise hatte ihr die königliche Pa­lastwache die ... Moment mal, kurz nachzählen, ... 600, ... 700, ... 780, nein, 783,-- Drachmen, die sie heute Morgen eingesteckt hatte, gelassen. Damit konnte sie sich fürs Erste eindecken.
Kurzerhand machte sie sich auf den Weg. An der Ecke da vorne stand erfreulicherweise auch schon ein Verkehrsregulierungsroboter. Der würde Auskunft geben, wo sich der nächste Laden befand. Agnes drückte den blau markierten Kippschalter zur Spracheingabe, als ein älterer Herr, der gerade mit seinem nicht minder betagten Dackel vorbeiging, grinsend sagte: „Das Sprachmodul ist hinüber, junge Frau. Und das seit über zwei Jahren. Die Stadt­verwaltung muss sparen – bei uns zu­mindest.“
Und schon war er vorbei und hinterließ eine total verblüffte Agnes. Es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, dass ein Roboter auch defekt sein könnte. Vielleicht irrte der Alte ja auch. Agnes drückte wiederholt, aber die Spracheingabe rührte sich nicht. Als sie sich endlich eingestand, dass sie den Roboter in der Tat nicht fragen konnte, stieg Zorn in ihr hoch. Wo käme sie denn hin, wenn jede Maschine ihr, der Prinzessin, den Dienst versagen würde? Unwillkürlich versetzte sie der Maschine einen Tritt.
Plötzlich meldete sich die Sprachausgabe mit unangenehm schnorrendem Klang: „Sie werden hiermit offiziell verwarnt, öffentliches Eigentum weder grob fahrlässig zu beschädigen, noch missbräuchlich zu verwenden. Andernfalls wird unverzüglich ein Verwaltungsstrafverfahren nach § 16, Abs. 2 der allgemeinen Verwaltungsordnung gegen Ihre Person eingeleitet.“
Das war ja wohl die Höhe! Der Blechtrottel war zwar nicht imstande Auskunft zu geben, aber zum Schimpfen reichte es allemal! Bevor sich Agnes noch mehr aufregen konnte, fiel ihr Blick zu­fällig auf ein Geschäft der Firma Alpi Diskont an der Ecke der übernächsten Kreu­zung, vermut­lich die 23497. Filiale oder so ähnlich. Na endlich, nichts wie hin!
Was ihr aus der Ferne als Hoffnungsschimmer am trüben Horizont erschienen war, stellte sich vor Ort als umfunktionierte Lager­halle heraus. Mit billigstem Mate­rial eingerichtet waren die meisten Waren lieblos in durchgewühlten Schütten zum Kauf ange­boten. Unappetitlich, fand Agnes, aber we­nigstens war im Prin­zip alles vor­handen, was sie brauchte. Nicht umsonst sagt der Volksmund, in der Not fresse der Teufel Fliegen. Und schließlich hatte sie keine Lust in diesem Viertel herumzuirren, bis sie einen anständigen Laden gefunden hätte. Abge­sehen davon, was sie unter einem anständigen Geschäft verstand, würde sie dem Anschein nach hier ohne­hin weit und breit nicht erwarten dürfen.
Mit drei randvollen Einkaufstaschen aus minderwertigem, wiederverwertetem Plastik beladen betrat sie nach ihrem Einkauf das Café „Hermes“ auf der ge­genüberliegenden Seite der Straße. An einem der Fenstertische stellte sie die eingekauften Sa­chen ab und nahm misslau­nig auf einem der wackligen Stühle Platz. Als sie die schmierige Tischdecke aus altem, bunten Plastik sah, eröffnete sich Agnes einmal mehr, in welche Lage sie geraten war. Die Prinzessin fühlte sich hundsmiserabel und war schon wieder den Trä­nen nahe.
Am Nebentisch saßen ein billig gekleideter Greis mit einer schäbigen Mütze auf dem Kopf und eine Frau Anfang 50, deren Erscheinungsbild nur unwesentlich besser war. Die Kellnerin machte sich inzwischen leise einen Gassenhau­er vor sich hinpfeifend hinter dem Tresen beim Geschirrspüler zu schaffen. Agnes bestell­te einen Cappuccino.
Unvermittelt wandte sich der Alte Agnes zu und fragte sie: „Ja Fräulein, welche Laus ist denn Ihnen über die Leber gelaufen?“
Zwei gelbliche Reihen eines schlecht sitzenden künstlichen Gebisses bleckten Agnes entgegen! Angeekelt sah die Prinzessin zur Seite. Sie hatte absolut keine Lust auf Kon­versation mit einem alten Mann aus dem Nordviertel. Wahrscheinlich würde er auch noch stinken. Igitt ...!! Da forderte der Alte die Frau ihm gegenüber auf: „Geh, Erika, bit­te sag ihr, sie soll ein bisschen lauter reden. Du weißt ja, ich höre schwer. Er­zähl ihr von der Kriegsverlet­zung, sie wird dann schon ver­stehen.“
„Gar nichts hat sie gesagt. In dem Alter hat man meistens Liebeskummer. Und das ist wirklich das Letzte, was man mit einem alten Kriegsveteranen wie dir besprechen möchte.“
„Wie bitte, Liebeskummer? Oh nein, hab' ich keinen“, warf Agnes erbost ein.
Der Alte klappte auf der Seite seine Mütze hoch, wodurch sein rechtes Ohr sichtbar wurde, kniff die Augen zusammen und sagte: „Hä, was sagt sie? Sie hat keinen? So eine junge, fesche Frau und hat keinen! Das ist ja wohl wirklich ein Jammer.“
„Das geht dich aber gar nichts an, Eddie“, meldete sich von hinten die Kellnerin. „Pass lieber beim Reden auf dein Gebiss auf. Ist immer so peinlich, wenn es dir he­rausfällt.“
In der Tat meinte Agnes ein ungemein befremdlich knirschendes Geräusch zu ver­nehmen. Aha, so hörte sich also ein schlecht sitzendes Gebiss an! Bei dem Gedanken, es könnten ihr die dritten Zähne eines solchen ... ja, wie soll man dazu sagen?, Indivi­duums eben auf den Tisch fallen, wurde ihr noch mehr übel, als ihr ohnedies schon war. Agnes stöhnte auf: „Das ist ja furchtbar!“
Wieder lüpfte der Greis seine Mütze. „Hä, was sagt sie? Sie ist fruchtbar? Jaja, das gehört sich auch so, in dem Alter. Um so schlimmer, wenn sie dann keinen hat! Aha, jetzt verstehe ich allerdings ... Sag ihr Erika, sie soll nicht so ein miesepetriges Gesicht machen, sonst kriegt sie nie einen. Wäre jammerschade um sie.“
Erika seufzte tief und meinte nur kopfschüttelnd: „Geh Eddie, bring uns die junge Dame nicht noch mehr durcheinander. Und Ihnen, junge Frau, möchte ich sagen: Was immer es ist, soooo schlimm kann es gar nicht sein.“
Dabei tätschelte sie Agnes wohlwollend den linken Unterarm. Mit weit aufgerissenen Augen sah die Prinzessin auf den nuttigen Nagellack nieder, der von den Fingernägeln brösel­te. Sie hatte genug, raffte ihre Sachen zusammen und verließ im Laufschritt das Lokal.
„Ihr seid alle so gemein zu mir.“ Damit war sie draußen, weg von dieser skurrilen Gesellschaft. Hurra!
„Und wer zahlt jetzt ihren Cappuccino?“, wollte die Kellnerin wissen und bonierte re­signiert auf Kosten des Hauses. Ag-nes war schon über der Straße weg und eilte heu­lend in ihr Zimmer. Sicher, die Leute hatten es eigentlich nur gut gemeint mit ihr, man hatte sie trös­ten wollen, aber ... Jedenfalls hatte sie heute zum ersten Mal in praktisch jedem Mund Zahnfüllungen gesehen. Du meine Güte, so unappetitlich sahen also Plomben aus! Was für ein Glück, dass ihr das bisher erspart geblieben war. Und der Hängebusen dieser, wie hieß sie doch gleich?, ja genau, dieser Erika! Das musste doch wirklich nicht sein, wozu gab es kybernetische Organe und Körperteile aller Art? Eine knappe Woche ins Spital legen und der Busen sieht wieder knackig aus, wie mit zwanzig Jahren ...
Aller­dings, wenn sie bedachte, dass sie jetzt unter diesen Leuten lebte und tagtäglich solche Dinge sehen würde ... Nur nicht weitergrübeln, da könnte einem ja das Grausen kom­men ...
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Ich schreibe, also bin ich.


Zuletzt bearbeitet von zorro am 12.02.2008, 08:58, insgesamt einmal bearbeitet
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BeitragVerfasst am: 12.02.2008, 08:58    Titel: Ein Hund tritt in den Saal 2. Kapitel / 2. Teil Antworten mit Zitat

Schon am nächsten Tag um halb neun stand Agnes am Trödelmarkt in einem wind­schiefen, undichten Bretterverschlag. Hier also sollte sie vergraute Pullover, alte Postkarten, Me­daillen der Armee, Besteck und Trinkgefäße von anno dazumal und was der Kostbarkeiten mehr sind, feilhalten.
„Wie kommt man eigentlich dazu, sich mit solchem ... Zeug ... den Lebensunterhalt zu verdienen?“ fragte sie Paul provokant.
„Zuerst einmal möchte ich sagen, dass dieser Unterton absolut unpassend ist. Im­merhin sollten auch Sie Ihr weiteres Leben mit die-sem ... Zeug ... finanzieren“, erwider­te Paul spöttisch grinsend. Agnes schluckte. Ach ja, du meine Güte ...
„Nun, Sie erinnern sich gewiss, wie vor fünf Jahren die Armee umstrukturiert wurde. Ach nein, Sie können das ja nicht wissen, Sie haben ja Ihr Gedächtnis verloren. Na gut, jedenfalls wurden wir Soldaten vor fünf Jahren praktisch alle durch Roboter ersetzt. War ich bis dahin angesehener Hauptmann einer Eliteeinheit der Infanterie, so war ich über Nacht arbeitslos ohne Aussicht auf nur irgendeinen Job. Ich hatte keine Ahnung, was ich machen sollte. Nachdem ich mir monatelang erfolglos den Arsch für eine An­stellung in der Privatwirtschaft aufgerissen hatte, geschah es, dass einer meiner Freun­de starb. Seine Witwe bat mich, ihr zu helfen, seinen Nachlass zu ordnen und vor allem natür­lich, möglichst viel Geld daraus zu machen. Im Zuge dessen fand ich auf dem Dachbo­den eine Menge derartiger Trödelwaren, wie der Fachmann sagt. Bald schon kam mir die Idee, solche Gegenstände in dieser Form hier zu verkaufen. Ich mietete diesen Stand von der Stadtverwaltung und siehe da, es klappte.
Seither bin ich zur Stelle, wenn jemand stirbt, bei einer Übersiedlung oder wenn in­folge Scheidung einer auszieht und kaufe all das ein, was die Leute weghaben wollen. Da die meisten ohnehin froh sind, wenn sie die Sachen los sind, muss ich selten mehr als einen Pappenstiel bezahlen. Üblicherweise verkaufe ich die Waren hier um mindestens das Dreifache. Ja, Stroh zu Gold, Agnes. Stroh zu Gold ...“
Es folgte eine kleine Basiseinschulung in das Wesen des Verkaufes, jedenfalls so, wie Paul Wayden die Sache sah. Nach einigen ab­schließenden Instruktionen klopfte er Agnes jovial auf die Schulter und sagte: „Und von jetzt an gilt der Grundsatz: Sei zu jedermann freundlich, es könnte immerhin dein nächster Kunde sein!“
Damit war Agnes alleine. Paul war fort, im Südviertel neue Waren einzukaufen, wie er gesagt hatte. Sollte etwas Wichtiges sein, einfach einen Zettel schreiben, er mel­de sich zurück oder über das Handy anrufen.
Nun hatte Agnes jede Menge Zeit sich genauer umzusehen. Links, rechts und ge­genüber waren ebensolche Stände entlang der Straße aufgereiht. Alles in allem mochte der Trödelmarkt vielleicht fünfzehn oder zwanzig derlei Verkaufsbuden vereint haben. Nur selten konnte Agnes irgendwelche Sortimentsschwerpunkte entdecken, wie Bücher und Zeitschriften bei dem Budenbesitzer ihr gegenüber oder Textilien beim Stand links ne­ben ihr.
Der Stand rechts von ihr wurde von einer dicken, schmuddeligen Frau betreut. Sie saß zusammengesunken in ihrem Gartenstuhl, hinter elektronischem Zubehör, duftenden Bergschuhen und vergleichbarem Müll. Teilnahmslos döste sie vor sich hin. Mit Schreck gewahrte Agnes eine schwarze Bartbehaarung, die in Alter-Hexen-Manier unkontrolliert über der Oberlippe wucherte. Unwillkürlich zog sich Agnes ein wenig zurück, damit nicht der Wind die Körperausdünstung dieser Frau in ihre Nase wehen würde.
Etwa dreißig Meter von Pauls Stand entfernt befand sich das Zentrum des Marktes, erkenntlich an der deutlich größeren Breite dieses Straßenabschnittes. Eine Imbissbude, ein verwahrloster Brunnen, der früher einmal so etwas wie ein Denkmal ge­wesen sein mochte und eine öffentliche Enko teilten sich die Mitte der Straße. Auf der Bank vor dem Brunnen lungerten etliche Obdachlose, Bier- und Wein­flaschen in der Hand.
Achtung, ihre Standnachbarin links, die mit den Textilien, hatte Kundschaft! Unauffällig hörte Agnes mit.
„Was soll der Pullover kosten?“ wollte die Kundin wissen, eine unscheinbare Frau, Ende vierzig. Sie zeigte auf ein Kleidungsstück, das Agnes bestenfalls einer Vogelscheuche zugemutet hätte.
„Fünf Drachmen“
Die Kundin überlegte einen Moment. Offensichtlich hätte sie das Kleidungsstück ger­ne gehabt, doch irgendetwas hielt sie davon ab, dieses zu kaufen. Unauffällig, so wie die Kundin meinte, drehte sie sich zur Seite und zählte ihr Geld. Als sie es ein zweites Mal tat, wurde Agnes klar, das Geld reichte nicht.
Nach einem Moment offensichtlich scharfen Überlegens sagte die Kundin schnippisch: „Also modisch ist der ja nun wirklich nicht mehr. Nichts für ungut, aber für ein dermaßen veraltetes Design möchte ich keine fünf Drachmen ausgeben. Nein, kommt nicht in Frage.“
„Mag schon sein“, verteidigte die Budenbesitzerin ihre Ware wie eine Löwin ihre Jun­gen. „Aber sehen Sie doch einmal die Qualität! Der Pullover geht beim Waschen nicht ein, vorausgesetzt natürlich, Sie geben ihn zur Handwäsche wie alle besseren Stoffe. Ist ein tolles Stück und der Preis eine absolute Okkasion.“
Mit Mühe unterdrückte Agnes einen aufkommenden Lachanfall. Da war also jemand, der wertlosen Schrott um einen Pappenstiel loswerden wollte an jemanden, der nicht einmal über das bisschen Geld verfügte, den Schrott aber gerne gehabt hätte. Das versprach heiter zu werden. Um nicht auffällig zu werden, wandte sie sich demonstrativ ab und machte sich eilig in ihrem Stand zu schaffen. In Wahrheit spitzte sie ihre Ohren, damit ihr kein Wort entginge.
Die Kundin konterte inzwischen: „Mag alles sein, trotzdem: Der Pullover bringt es einfach nicht. Aber wenn Sie mit vier Drachmen ein­verstanden sind, soll es mir recht sein.“
Aha, so lief also das Spielchen! Statt einzuräumen, dass einfach zu wenig Geld in der Tasche war, wurde der Wert der Ware heruntergespielt. Damit liegt es nicht mehr an einem selbst, sondern an der Ware. Interessant, wenn auch fremdartig ... Agnes wäre es nie in den Sinn gekommen, sich so zu verhalten. In diesem Moment fiel ihr Professor Ecker ein, der seinen Studenten auf der Uni unermüdlich eingeschärft hatte: „Jeder Markt hat seine eigenen Gesetze. Wenn Sie Erfolg haben möchten, müssen Sie diese eingehend studieren. Machen Sie um Himmels willen nicht den Fehler, von sich auf andere zu schließen.“
Ja, die Gesetze des Marktes studieren, das würde Agnes von nun an; und zwar aus­giebig. Die Prinzessin hatte keine Ahnung, wie lange sie hier verbleiben würde. Viel­leicht war der ganze Spuk morgen schon vorbei, möglicherweise musste sie den Rest ih­res Lebens hier verbringen. Egal, wie lange es sein würde, solange es ihr bestimmt war, in dieser miser­ablen Bretterbude stehen zu müssen, wollte sie es mit Erfolg tun ...
Außerdem hatte der Professor vor einem Außenpostensyndrom gewarnt. Nein, sie wollte sich dem nicht ausliefern. Immerhin war sie immer noch Prinzessin, auch wenn es außer ihr garantiert keiner wusste. Und eine Prinzessin lässt sich nicht unterkriegen. Nicht so leicht, wenigstens.
Anschließend nahm Agnes ihren eigenen Stand näher in Augenschein. Im Moment war kein Kunde in Sicht, also blieb Zeit dazu. Überall fanden sich die verschiedensten Waren angehäuft: Haushaltsgeräte, Elektronik, Drucksorten, Bekleidung, aller Art, alles bestenfalls in annähernd funktionsfähigem Zustand. Inmitten all dieser bizarren Herrlichkeit stand ein klappriger Holz­stuhl, daneben eine Handkassa auf dem Boden.
Halb verdeckt von vergilbten Heimat­romanen entdeckte Agnes eine uralte, tragbare Enko. Das war noch die Baurei­he ohne holografische Darstellung sowie den weiteren Finessen, die inzwischen längst zum Stan­dard gehörten, von einer Cyberbrille gar nicht zu reden. Welch Wunder, dass das Gerät überhaupt noch einen Ton von sich gab! Zwi­schen jeder Menge Rau­schen und Pfeifen hörte sie den Sprecher des Senders „Freie Heimat“: „Schönen guten Morgen, meine Damen und Herren. Es ist zehn Uhr. Das Kö­nigshaus gibt bekannt, dass Prinzessin Agnes seit gestern Morgen abgängig ist. Für zweckdienliche Hinweise wer­den Sie gebeten, sich an die nächste Polizeidienst­stelle zu wenden. Der entschei­dende Hinweis zur Auffindung der Prinzes­sin wird mit 200.000 Drach­men belohnt.“
Aha, man suchte sie also schon. Wie tröstlich war es, das zu hören ...
Paul fuhr indessen zu Kurts Schrottpresse. Schwungvoll parkte er den Wagen vor dem Verwaltungsgebäude links neben der Einfahrt ein und ging zu Fuß weiter. Als er di­rekt am Nord­hang, zuhinterst des Geländes angelangt war, stieg er in einen Wohnwa­gen ein. Auf der ge­genüberliegenden Seite des Vehikels schlug er eine mottenzerfres­sene Wollde­cke zu­rück, die den Eingang zu einer Höh­le frei­gab. Nach kaum zehn Metern, durch eine 30-Watt-Glühbirne nur äußerst dürftig beleuchtet, weitete sich der Gang zu ei­nem Raum. Mehrere Tische und Stühle in der Mitte, diverse elektronische Geräte an der Wand, da­runter eine Enko, ein Kühlschrank im Halbdunkel. Die Schatten zweier Män­ner und zweier Frauen zeichneten sich undeutlich an der Wand ab. Die dazugehö­renden Körper traten aus der Wand he-raus ...
In der Zwischenzeit langweilte sich Agnes in ihrem Bretterverschlag. Sicher spazier­ten vereinzelt Leute zwischen den Ständen, aber diese kauften kaum etwas. Eine halbe Stunde nach der Abfahrt Pauls hatte Agnes ihren ersten zahlenden Kunden. Sie ver­kaufte einen Feldstecher der Armee um acht Drachmen an einen älteren Herrn, der ihr leutselig er­zählte, dass er selbst in seinem Alter noch gelegentlich auf die Jagd gehe. Und der Feldstecher erinnerte ihn an die Zeit, als es noch die ehemalige Königsarmee geben hatte. Tja, die guten, alten Zeiten ...
Danach war tote Hose auf dem Markt. Eine geschlagene Viertelstunde ließ sich kein Mensch blicken. Wenigs­tens spendeten die Apfelbaumimitate zwischen den Ständen ausreichend Schatten, wenngleich sie auch kei­nen Duft mehr verströmten.
„Warum duften denn die Bäume nicht? Und Vögel, was ist mit den Vogelstimmen?“, fragte Agnes die Betreiberin des linken Nachbarstandes, die gerade so viel zu tun hatte wie sie selbst, nämlich nichts.
Die Angesprochene, eine Frau Anfang vierzig, schluckte hastig den letzten Rest ih­res Hotdogs hinunter, den sie sich vorhin bei der Imbissbude gekauft hatte. Sie wisch­te sich mit der Serviette gefühl­voll den Mund ab und antwortete dann: „Oh Schätzchen, das sind ausrangierte Modelle aus dem Südviertel. Was willst du da erwarten?“
„Wie bitte?“ gab Agnes verständnislos zurück.
„Ja, die funktionierenden findest du halt nicht bei uns. Die sind nur was für die Rei­chen. Allerdings, solltest du hier ausnahmsweise einen Vogel hören oder einen Käfer entdecken, dann ist es we­nigstens ein echter.“
Da wurde die Prinzessin sehr nachdenklich ...


Strategische Besprechung der Königsfamilie zur allgemeinen Lage des König­reiches Siddi Lohan im Thronsaal. Irgendwie kam die Rede auf die Arbeitslosigkeit. In ihrem Halbschlaf registrierte die Großmutter gähnend an einem der Snacks kauend, dass die aktuellen volkswirtschaftlichen Zahlen formvollendet zur Kenntnis gebracht wurden. Hoppla, da wäre ihr doch fast eines der köstlichen Plätzchen über den Schoß auf den Boden gefallen!
Die Königin kommentierte die Informationen achselzuckend: „Naja, mit 12,3 % liegen wir international im Mittelfeld.“ Damit wollte sie zum Ausdruck bringen, es sei ohnehin alles in Ord­nung bzw. könne man sich doch nicht für alles verantwortlich fühlen.
Andreas von Löwenstein, der Geheimdienstchef, war anderer Meinung: „Mir wäre es entschieden lieber, könnten wir die Rate langfristig bei höchstens zehn Prozent einpendeln.“
„Wieso denn?“, fuhr Prinz Heinrich in seiner unbeherrschten Art lauthals dazwischen.
„Weil eine hohe Arbeitslosigkeit die Unzufriedenheit in der Bevölkerung nährt. Wäre sie geringer, täten wir uns leichter zu argumentieren, Arbeitslosigkeit sei die Folge von Faulheit oder unzureichender Ausbildung, kurz - die Arbeitssuchenden müssten sich selbst bei der Nase nehmen. Wird sie zur breiten Massenerscheinung, könnten die Leu­te im Gesellschaftssystem selbst nach Ursachen forschen. Es liegt auf der Hand, dass wir das nicht provozieren sollten.“
Da meldete sich zum ersten Male an diesem Abend der König persönlich zu Wort: „Also ich weiß nicht, ich bin doch auch deren König, zumindest fühle ich mich so. Mir wäre es lieber, wenn ...“
„Ja was, wenn?“, so unterbrach ihn sein Sohn Heinrich wenig vornehm. „Wenn uns ein paar Prole­ten das Wasser abgraben? Jetzt hört einmal alle her. Ist die Arbeitslosig­keitsrate in ei­ner vernünftigen Höhe, gewöhnen wir denen ab, irgendwel­che übertriebenen Ansprüche zu stellen, wenn sie eine Arbeit haben wollen. Vielmehr werden sie bestrebt sein, ihre Arbeitskraft zu günstigen Bedingungen anzubieten. Und irgendwann einmal macht der Bestbietende das Rennen, wie es sich gehört. So verhindern wir, dass die Prole­ten unverschämte Ansprüche stellen, was ihre eigenen Chancen auf dem Arbeits­markt wieder erhöht.“
Nun ließ sich die Königin vernehmen: „Jaja, aber wer arbeitet, hat nicht so viel Zeit, nachzudenken. Wenn ich da zum Beispiel an diese Linksliberalen denke. Glaubt mir, diese Kerle ge­hören beschäftigt, und zwar von früh bis spät, dann vergehen ihnen schon die Flau­sen.“
„Du siehst das falsch, Mama“, konterte Heinrich kopfschüttelnd. „Gib denen den klei­nen Finger und sie wollen die ganze Hand. Im Grunde ist es schon richtig so. Oder geht vielleicht einem von uns etwas ab? Ich finde es erbärmlich, wie du, Andreas, unsere Gesellschaft schlecht machst. Ihr müsst einfach ein bisschen positiv denken, meine Herrschaften!“
„Ach ja, positiv denken“, so schreckte die Großmutter hoch. Unbeirrt vor sich hin dösend hatte sie nur Heinrichs letzten Satz mitbekommen. Aber der hatte ihr gefallen. „Ja, positiv denken, nur ein ganz klein wenig, das wirkt Wunder. Das Glas ist nicht halb leer, es ist halb voll.“


Als Agnes heute, an ihrem ersten Arbeitstag, die Kassa abschloss, stellte sie ent­täuscht fest, dass sie gerade zweiunddreißig Drachmen Umsatz gemacht hatte. Und das den ganzen Tag! Das war ja erbärmlich! Vorletzte Woche noch hatte sie diesen Betrag dem Kellner im Attika als Trinkgeld gegeben. Über Geld in dieser Größen­ordnung redete sie normalerweise nicht einmal, jetzt musste es genügen, um Paul und sie zu ernähren. Würde er das überhaupt? Agnes stellte ein seltsames Gefühl in der Magenge­gend fest. Zum ersten Mal in ihrem Leben beschäftigte sie der Gedanke, das zur Ver­fügung stehende Geld könne nicht ausreichen. Geld hat man, darüber spricht man doch nicht, oder ...?
Kurz vor Marktschluss war Paul wieder aufgetaucht. Zum Schluss war er in einer der Nachbargemeinden unterwegs gewesen, neue Waren einzukaufen. Nachdem er den Kassastand kontrol­liert hatte, entnahm Paul bis auf einiges Wechselgeld für morgen das Geld. Als er in das enttäuschte Gesicht von Agnes sah, tröstete er sie: „Naja, was soll's. Für den Anfang gar nicht so übel; wird schon werden.“
Wie dankbar war Agnes doch, dass Paul so freundlich reagiert hatte. Sie studierte zwar Welthandel, aber kaum stand sie selbst im Verkauf, hatte sie nur eine Leistung zu­stande gebracht, die wirklich nicht der Rede wert war. Sie begann zu ahnen, wie groß der Unterschied zwischen Theorie und Praxis sein konnte. Um die Gegend zu erkunden, schlug sie Pauls Angebot, sie mit dem Auto nach Hause zu fahren, ab. Der Rückweg führte sie an der ihr bereits bekannten Filiale von Alpi Diskont und dem Café Hermes vorbei. Hier blieb Agnes zum Abendessen: Gulaschsuppe. Nach einer Viertelstunde war sie zu Hau­se.
In ihrem Zim­mer warf sie sich auf das Bett und dachte nach. Immerhin war das der erste Tag in ih­rem Leben gewesen, an dem sie im klassischen Sinne gearbeitet hatte. Ihr bisheriger Status war ausschließlich Studentin des Welthandels gewesen. Als sol­che war Prinzessin Agnes wie ein schillernder Schmetter­ling von einer Party zur anderen geflattert, dazwischen wieder einmal eine Vorlesung oder Klausur, alle halben Zeiten sogar eine Prüfung. Mal hatte sie mit diesem, dann wieder mit jenem geflirtet, sich aber nie wirklich gebunden. Sie war bekannt als fröhlich und unbekümmert. Dementsprechend gern hatte man ihre Gesellschaft. Aber mit dem Ernst des Lebens hatte das alles nicht das Geringste zu tun gehabt, soviel war ihr heute klar geworden.
Schmerzvoll wurde Agnes bewusst, dass Siddi Lohan wie der altrömische Gott Janus zwei gänzlich unterschiedliche Gesichter hatte. Das Leben im Nordviertel war total anders, als das, welches sie bisher geführt hatte. Einmal mehr drängte sich ihr die Fantasie von einem fremden Planeten auf. Die Gesetze dieses Lebens aber musste sie erst einmal erlernen, wollte sie hier nicht jämmerlich untergehen. Und dazu hatte sie keine Lust. Als erste Maßnahme beschloss Agnes, geistig einen Katalog ihrer Erkenntnisse anzulegen. Darin machte sie sogleich ihre ersten Einträge.
Als Agnes das Fenster öffnete, fiel ihr eine Katze auf. Diese sah von einer Astgabel eines schlecht gepflegten Bir­kenimitates im Garten mit einer Mischung aus Langeweile und östlicher Gelassenheit auf sie herunter­. Die Katze hatte ein strahlend weißes Fell, nur den Kopf zierte ein kreisrunder, kohlrabenschwarzer Fleck. Es machte den Eindruck, als habe sie eine schwarze Kappe auf. Im Nu zeichnete sich ein Lächeln in Agnes' Gesicht.
Da hörte Agnes Pauls Stimme: „Dorothea!“ Die Katze hob andeutungsweise den Kopf und spitzte die Ohren.


Am nächsten Tag schleppte Agnes' Chef neuen Plunder heran, sodass der Bretter­verschlag zum Bersten voll wurde.
„Im Südviertel ist irgend so ein reiches Schwein gestorben“, erklärte Paul, während er einen Kupferstich mit einer alten Landkarte verräumte. Agnes half beim Einräumen, so gut es ging. Unter den neuen Sachen fand sich auch ein Stoß mit abgegriffenen Porno­heften, die Agnes jedermann, der auch nur entfernt nach Junggeselle aussah, unbedingt aufschwatzen sollte.
„Wo sich Angebot und Nachfrage treffen, da und nur da ist der Markt. Und im Übrigen: Stroh zu Gold, wie Sie wissen, Agnes“, kommentierte Paul lachend. Dann verabschiedete er sich wieder.
Gedankenverloren sah Agnes auf das oberste der Hefte hinunter und dachte sich: „Eine Schande, dass ich mit diesem Schund mein Geld verdienen muss.“ Da sagte die Frau auf der Abbildung: „Geht mir genau so. Aber ich bin halt keine von den Reichen und verdiene mir so mein Studium. Meinst du vielleicht, was ich hier mache, ist lustig? Ja, deine ersten zwei oder drei Männer vielleicht. Aber dann ekelt dich und wenn du Glück hast, ist es dir zum Schluss egal. Jedenfalls verdiene ich mir mit der Kohle für heute die Gebühren für meine Soziologieprüfung mor­gen Vormittag.“
Da wurde die Prinzessin sehr nachdenklich ...
Für den Rest des Tages war „business as usual“ angesagt. Paul befand sich auf Ein­kaufstour, Agnes verkaufte auf dem Markt so gut sie es vermochte. Die unterschiedlichsten Leute gingen vorbei. Solche, die sich nichts Besseres leisten konnten, wie auch Reiche, offensichtlich auf der Suche nach dem besonderen Schnäppchen. Bemerkenswert war es, wie viel die Kun­den von sich zu erkennen gaben, ohne dass sie das wussten oder erst recht woll­ten. Bisher war sie immer in der Rolle der Käuferin gewesen, einmal auf der anderen Seite zu stehen war wie eine Offenbarung. Agnes ahnte mit einem Male, die Liste ihrer Er­kenntnisse würde umfangreicher werden, als sie bislang geahnt hatte.


Bald war es Agnes zur lieben Gewohnheit geworden, nach der Arbeit im Hermes zu Abend zu essen. Meistens waren dieselben Gäste da, mit denen sie schon bei ihrem ersten Besuch hier Kontakt gehabt hatte: Erika, Eddie und noch einige wenige andere, die sie alle im Laufe der Zeit kennen lernen sollte.
Eines Abends, nach Dienstschluss, stellte Agnes fest, dass sie schlicht und einfach gewaltigen, absolut undamenhaften Hunger hatte. „Aha! Arbeiten macht hungrig!“, verlängerte sie die Liste ihrer Erkenntnisse um eine wichtige Zeile. Indes, ihr Geld neigte sich bedenk­lich dem Ende zu. Zum ersten Mal im Leben würde sie wohl oder übel haushalten, sprich: knausern müssen. Jeden Tag etwas im Hermes essen, das ging auf Dauer nicht. Wäre doch gelacht, wenn eine Studentin des Welthandels ihre Haushaltskassa nicht in Schuss halten könnte!
Es traf sich gut, dass ihr Heimweg Agnes direkt an der 23497. Filiale von Alpi Diskont vor­beiführte. Allerdings graute der Prinzessin beim Gedanken, sich wieder in diesen Räumlichkeiten aufhalten zu müssen. Lebhaft hatte sie noch ihr Einkaufserlebnis an ihrem ersten Tag im Nordviertel in Erinnerung. Doch die Toiletteartikel und sonstigen Waren, die sie damals gekauft hatte, gingen zur Neige und mussten dringend aufgestockt werden.
Agnes ließ sich von einem Passanten den Weg zu einem der anderen Geschäfte weisen, schließlich gab es drei oder vier Handelsketten. Das Geschäft fand sich zwei Straßenzüge weiter. Vielversprechend und vor allem weithin sichtbar prangte das Schild „Doppelplus“ über dem Eingang.
Kaum stand Agnes im Laden, als sie ernüchtert feststellen musste: dasselbe Erscheinungsbild wie bei Alpi Diskont! Auch das Angebot war fast identisch, ebenso das Preisniveau. Und wieder wandelte Agnes zwischen den billigen Regalen und Schütten. Die Suche nach Essen, einem Stück Seife und einer Packung Waschpulver führte sie an jeder Menge Nahrungsmittelkonserven, mit angeblich verschiedenstem Inhalt, vorbei. Das eine Produkt so wenig appetitanre­gend wie das andere, fand Agnes. Über kurz oder lang stellte sich ein undefinierbares Würgen in ihrem Hal­s ein.
Hatte man ihr auf der Uni nicht beigebracht, dass nur standardisierte Herstellungsverfahren betriebswirtschaftlich sinnvoll sind und den Unternehmen eine optimierte Rentabilität sichern können? Warum aber hatte man verschwiegen, was dies letzten Endes bedeutete? Und warum gab es vier Handelsketten, die offiziell im Wettbewerb miteinander standen? Hatten doch alle dasselbe Angebot, Preisniveau, ja sogar Eigentümer? Erneut machte Agnes geistig einige Einträge in ihre Liste der Erkenntnisse.
Mindestens eine Viertelstunde verbrachte Agnes zwischen den Schluchten aus Regalen, Schütten und sonstiger Ladeneinrichtung, bis sie meinte, auf Wolken zu gehen. Wo im­mer sie hinblickte, nirgendwo sah sie etwas, das sie wirklich kaufen woll­te. Aber für ei­nige der Produkte würde sie sich wohl oder übel entscheiden müssen.
Als sich ihre Rat­losigkeit langsam in blan­kes Entsetzen zu verwandeln begann, hörte sie eine Stim­me hinter sich: „Das Gu­lasch, nehmen Sie das Gulasch, junge Frau.“
Claudia, die Kellnerin aus dem Hermes, stand hinter ihr.
„Oh ...!“, entfuhr es Agnes.
„Was glauben Sie wohl, was Sie die ganze Zeit bei mir gegessen haben? Ich bin übrigens Claudia.“
„Agnes. Danke für den Tipp.“
Also auf an die Front, sagte sich Agnes. Dann schnappte sie sich schweren Herzens zwei Dosen Gulaschsuppe, sowie ein Stück Seife in Aktion, zahlte und eilte nach Hause! Schnell das Fenster aufmachen und tief durchatmen! Nie und nimmer hätte sie gedacht, jemals so etwas in den Händen zu halten. Igitt! Mehr noch, sie hatte gar nicht gewusst, dass es so etwas überhaupt gibt ... Aber wie immer sie es drehte und wendete, die bei­den Dosen standen auf dem Tisch und warteten darauf, von ihr, der Prinzessin, geöff­net zu werden. Da war es Agnes, als würden die Dosen spöttisch grinsen. Wartet nur, euch kriege ich noch, das lasse ich mir nicht bieten.
Und schon ging Agnes mit einem Dosenöffner bewaffnet daran, das gewalzte Alumi­niumblech zu öffnen. Als sie zum wiederhol­ten Male versuchte, den Öffner richtig anzusetzen, drückte sie die erste Dose am Rande ein. Bis zur zweiten Dose hatte sie schon herausgefunden, in wel­chem Winkel sie das Gerät ansetzen musste. Wenigstens so un­gefähr. Jetzt noch zusammendrücken und schrauben! Zack! Und schon glitt sie ab, der Dau­men wischte über den halb geöffneten Deckel, der eine zentimeterlange, oberflächliche Schnitt­wunde hinterließ.
„Au!“ Sowohl im Schmerz als auch im Zorn schrie Agnes auf. In diesem Augenblick sah Paul durch das Fenster herein. Er grinste unverschämt bis über beide Ohren. So ein Kerl! Das war in keiner Weise angemessen, wenn sich eine Prinzessin weh tat!
„Lassen Sie nur, ich komme schon“, sagte er lakonisch und wollte ihr beim Öffnen der Dose helfen. „So wie es scheint, habe ich da einiges mehr an Übung. Schließlich bin ich erfolgreicher Junggeselle, der Herr der Dosen sozusagen.“
„Nein, ich will nicht, dass Sie mir helfen. Ich möchte gerne selbst imstande sein, eine Dose Gulaschsuppe zu öffnen. Aber ein Pflaster könnten Sie mir bringen.“
„Ich wollte nur behilflich sein“, zog sich Paul achselzuckend zurück und ging in das Haus, das Verlangte zu holen.
Kaum war er weg, fügte Agnes zu den Dosen gewandt grimmig hinzu: „Euch wird das Lachen noch vergehen. Es gibt auch im Tai-Chi sieben tödliche Griffe.“
Als Paul mit dem Pflaster zur Stelle war, war das Werk bereits getan. Der Inhalt der Dosen wurde bereits im Geschirr aufgewärmt und duftete dort dank dubioser Aromastoffe wohlgefällig vor sich hin.
„Ich habe sogar beide Dosen offen“, kommentier­te Agnes triumphierend. „Wir können in zehn Minuten essen.“ Das ließ sich Paul nicht zweimal sagen.


Wie im Fluge vergingen die nächsten drei Wochen. Von Montagmorgen bis Samstagmittag stand Ag-nes auf dem Markt und verkaufte, während Paul die meiste Zeit damit verbrachte, Waren einzukau­fen. Zwischendurch fuhren sie auch auf die Trödelmärkte, die in den Umlandgemein­den gelegentlich abgehalten wurden. Agnes lebte immer noch in der Hoffnung, jeden Tag mit ihrem alten Gesicht aufzuwachen, dann wäre der Albtraum vorbei. Dann müss­te sie nicht mehr schwitzend in der schwülen Luft am Markt stehen und hoffen, dass ei­ner der Passanten etwas vom erbärmlichen Plunder kaufte, von dem sie tagein, tagaus umzingelt war.
Und zu Hause? Ging sie duschen, kam minutenlang zuerst nur bräunliches, bracki­ges Wasser, der Kühlschrank wollte dauernd gepflegt sein, sonst rächte er sich mit Ge­stank, ihre Wäsche musste sie selbst besorgen, denn wenn sie es nicht tat, tat es nie­mand. War eine zweite Person in ihrem Zimmer, konnte sie die Toilette nicht benutzen, und so ging das dahin. An allen Ecken und Enden war es fast zum Verzweifeln. Gele­gentlich erschien ihr ihr neues Leben als einziger Horror. Inständig hoffte sie, jeden Au­genblick in ihrem normalen Leben aufzuwachen.
Am Ende der vierten Woche ging sie Samstagmittag total frustriert nach Hause. Die Hoffnung, ihr altes Gesicht wieder zu erlangen hatte sich bis jetzt nicht erfüllt. Im Ge­genteil, es stellten sich ernste Zweifel ein, ob das jemals der Fall sein würde. Sicher, sie hatte damals in Kurts Schrottpresse beschlossen, sich mit dem Zustand zu arrangieren und das Beste daraus zu machen, wie immer sich das herausstellen würde. Aber was das wirklich hieß, davon hatte sie damals keine Ahnung gehabt. Und vor allem war sie insgeheim der Überzeugung gewesen, bald ihr gewohntes Äußeres zurück zu erhalten und mit Trari und Trara wieder in das Königsschloss einziehen zu können. Indes belehrte sie die Wirklichkeit Tag um Tag schmerzvoll eines anderen.
Alleine, wenn sie an ihre neuen Bekannten, die Stammgäste aus dem Hermes, dachte ... Es wäre ihr früher nicht im Traum eingefallen, sich mit solchen Leuten abzugeben. Wie in Trance wankte sie den Gehsteig entlang. Beinahe wäre sie in eine mangelhaft gesicherte Baugrube gefallen. Viel hätte nicht gefehlt und sie hätte sich verlaufen, obwohl sie den Weg inzwischen eigentlich bestens kannte ... Als Agnes an einer Kreuzung die Straße überquerte, hatte sie zum ersten Mal das Bedürfnis, ihre Bluse zu öffnen, um frische Luft zu kriegen ... Es häuften sich Augenblicke, in denen sie meinte, alles stürze auf sie ein ... Tief durchatmen, nur nicht die Nerven verlieren ...
Zu Hause warf sie sich auf ihr Bett und weinte. Es klopfte. Paul war da.
„Es geht Ihnen nicht gut, Agnes, stimmt's?“ fragte er ganz besorgt und setzte sich im Bereich der Oberschenkel auf die Bettkante. Sorgsam vermied er jeden Körperkontakt mit seiner Verkäuferin. Fein, sagte sich Agnes, immerhin schien sich ihr Brötchengeber für sie zu interessieren. Im Geist erteilte sie ihm einen Pluspunkt.
„Nein, Paul, es geht mir gar nicht gut. Dieses Leben! Ich weiß nicht, wie ich es Ihnen erklären soll. Sie sind ein netter Kerl und helfen mir, wo es nur geht, aber ich fürchte, Sie werden es nicht verstehen ... Manchmal glaube ich, ich halte das alles nicht aus. Es ist einfach wie ein ... wie soll ich sagen?, ja, wie ein einziger Albtraum. Ich wünsche mir nichts sehnlicher als eines Morgens aus diesem Traum oder dieser Halluzination oder was das sein soll, aufzuwachen, aber nein ...“
Agnes lag da, den Kopf in den Polster vergraben und stierte mit glänzenden Augen vor sich hin. Paul streichelte ihr vorsichtig den Kopf. Agnes ließ es kommentarlos geschehen. Pauls Berührung tat zwar gut, löste aber ihr Problem nicht.
„Ich komme gleich wieder“, sagte Paul und verließ eilends das Zimmer. Wenig später war er wieder da und hielt eine Flasche mit einer dunkelbraunen Flüssigkeit in der Hand.
„Was ist das?“ wollte Agnes misstrauisch wissen.
„Baldrian von der besten Sorte. Vertrauen Sie mir. Nehmen Sie zwei Teelöffel davon, dann werden Sie tief und fest schla­fen. Schlaf heilt. So wie ich das sehe, sind Sie völlig überanstrengt und brauchen drin­gend Erholung.“
Keine zehn Minuten später war Agnes dank Baldrian eingeschlafen ... Als sie wieder aufwachte, war heller Tag. Sie hörte Stimmen um sich. Schnell öffnete sie die Augen. Oh Schreck! Claudia, Erika, Eddie und Paul saßen um ihren Tisch und ließen es sich gut gehen. Überall Knabbergebäck, Limonade, Bier, verschiedene Imbisse, aufgerissene Verpackungen allenthalben. Am Fußende des Bettes saß Dorothea, schnurrte und gähnte verschlafen.
„Sie ist munter! Guten Morgen“, hörte Agnes auch schon Claudia.
„Guten Morgen!“ „Hallo!“ „Schön, dass Sie wieder da sind!“, so klang es von allen Seiten. Fassungslos sah sie Paul an.
„Ich erkläre es Ihnen später“, sagte dieser augenzwinkernd. „Haben Sie gut geschla­fen?“
Bevor Agnes antworten konnte, warf Erika ein: „Na, da war ich ja ganz entsetzt. Ich meine, wie uns Paul erzählt, dass es Ihnen nicht gut geht. Brauchen Sie etwas, kann ich Ihnen irgendwie helfen?“
„Oh, ich habe einen Bärenhunger. Am liebsten würde ich jetzt aufstehen, duschen und anschließend etwas essen.“
Mit triumphierendem Blick wandte sich Claudia an Eddie: „Siehst du, Eddie, ich habe unsere selbst gemachte Bohnensuppe doch nicht umsonst mitgenommen. Also gut, Agnes möchte aufstehen. Das heißt, die Männer drehen sich um. Prompt, wenn ich bit­ten darf. Und ich weiß genau, dass du einen Taschenspiegel hast, Eddie! Dass du mir auf keine Ideen kommst!“
Selten, dass Agnes etwas gegessen hatte, das ihr so gut schmeckte wie die vorhin er­wähnte Bohnensuppe. Mit klein geschnittenem Speck und Gewürzen geschmacklich vollendet abgerundet! Und wieder machte die Prinzessin im Geiste einen Eintrag in die Liste ihrer Erkenntnisse.
Zwei Stunden blieben ihre Gäste noch. Man plauderte angeregt, lachte gemeinsam, trübseligen Gedanken nachzuhängen hatte Agnes gar keine Zeit. Nach einem gemeinsamen Kartenspiel verabschiede­ten sich Eddie, Erika und Claudia und ließen sie mit Paul zurück.
Bevor Agnes das Wort an ihn richten konnte, begann Paul: „Entschuldigung“
„Das können Sie aber laut sagen“, knurrte Agnes zurück.
„Ich weiß, ich lade diese Leute hier in Ihr Zimmer ein, während Sie schlafen. Es wird nicht wieder vorkommen. Aber die waren gestern so bestürzt, als sie hörten, Sie seien nicht wohlauf. Es ist Ihnen vielleicht nicht bewusst, aber wo immer Sie hinkommen, mag man Sie. Die Teilnahme dieser Leute ist absolut ehrlich.
Wir dachten alle, es sei Ihnen am meisten geholfen, wenn Sie wissen, dass Sie Freunde haben. Sicher, hier kann Ihnen niemand ein angenehmes Leben bieten, vielmehr ist das Leben hart und rau. Sie sind so fern von jedem Luxus, dass dieser Ihnen näher ist, wenn Sie ihn in ei­nem Film sehen, aber Sie haben einen Platz in unserem Herzen. Vielleicht nehmen Sie damit fürs Erste einmal vorlieb.“
Urplötzlich meinte Agnes tief in sich eine Stimme zu vernehmen, die ihr sagte, dass sie soeben etwas Wesentliches gehört hatte. Wie gerne hätte Agnes Paul jetzt umarmt, aber sie fürchtete, er hätte es missverste­hen können. Mit Freude stellte sie fest, wie warm ihr ums Herz geworden war. Was für ein schönes Gefühl! Nie und nimmer hätte sie jetzt mit Paul schimpfen können. Schon wieder vergab sie einen Pluspunkt.
Dabei hatte er absolut recht. Sicher, wo immer sie auch hinsah, alles war alt, reparaturbedürftig, billig und funktionierte mehr schlecht als recht. Früher wäre Agnes schweißgebadet aufgewacht, hätte sie von solchen Gegenständen auch nur geträumt, aber irgendwie hatte sie mit ihrem bescheidenen Zimmer auch so etwas wie eine kleine, lauschige Enklave für sich. Dorothea schmei­chelte um ihre Füße. Was für eine unglaublich schöne Katze! Agnes beugte sich hi­nunter und streichelte sie.
Ach ja, nicht zu vergessen, sie hatte Arbeit und konnte damit ihren Lebensunterhalt selbstständig bestreiten. Sie war auf niemanden angewiesen. Das war keine Selbstver­ständlichkeit bei dieser extremen Arbeitslosigkeit, sondern ein echter Glücksfall, fast schon ein Privileg. Und sie hatte Freunde, die sie mochten, nicht, weil sie reich und mächtig war, denn Agnes war weder das eine noch das andere. Ihre Freunde schätzten und respektierten sie, weil sie so war, wie sie war. Agnes merkte, dass sie vor Freude weinte. Was wollte ihr das Schicksal damit zeigen ...? Und wieder führte sie die Liste ihrer Erkenntnisse fort.
Wie auch immer, Agnes kam zum Schluss, mit diesem Wochenende endgültig zu ei­ner aus dem Nordviertel geworden zu sein. Sie war eine von ihnen. Und weil die aus dem Nordviertel üblicherweise per Du miteinander waren, kam sie auf die Idee, die ge­meinsame Kommunikationskultur zu reorganisieren.
„Ich möchte, dass wir künftig du zueinander sagen. Wie wär's?“
Paul stutzte überrascht, aber er war einverstanden.


Aus Wochen wurden Monate. Der Sommer war ungewöhnlich heiß und trocken dieses Jahr. Sogar der öffentliche Brunnen im Marktzentrum versiegte gegen Ende August. Erst mit den Regenfällen Anfang September führte er wieder Wasser. Agnes und Paul standen in ihrem Stand und schwitzten ununterbrochen. Immerhin hat­te Paul einen zweiten Sessel spendiert, damit nicht immer einer stehen musste. Da die allermeisten Leute in Urlaub oder wenigstens im Schwimmbad waren, war auch geschäft­lich nicht viel los. Ohne die vereinzelten Touristen, die sich ab und zu in diese Gegend verirrten, wären die Umsätze katastrophal gewesen. So waren sie einfach nur schlecht.
Am Höhepunkt der Hitze kippte einer der Obdachlosen von der Bank neben dem vertrockneten Brunnen und rührte sich nicht mehr. Da Agnes ausnahmsweise Kunden zu bedienen hatte, konnte sie nur aus den Augenwinkeln mitverfolgen, wie der Ret­tungswagen kam und sich scheinbar um den Betreffenden zu schaffen machte. Als ihre Kundin mit viel Überredungskunst endlich die eine Drachme für zwei alte Porzellantas­sen gezahlt hatte, war von dem Unglücklichen nichts mehr zu sehen. Auch die Rettung war schon weg.
Am nächsten Morgen herrschte die typische Langeweile. Da fiel Agnes der Mann von gestern ein. Es interessierte sie, was aus ihm geworden war. Weil Paul wieder einmal nicht da gewesen war, konnte sie ihn nicht fragen. Also wandte sie sich an ihre linke Standnachbarin: „Irene, kannst du dich an den Obdachlosen erinnern, der gestern beim Brunnen drüben zusammengeklappt ist?“
„Sicher“
„Was ist eigentlich aus ihm geworden?“
„Die Rettungsleute waren da. Wie immer haben sie zuerst danach gefragt, ob er sozi­alversichert ist. Natürlich war er das nicht. Also haben sie ihn in den Schatten auf der von uns abgewandten Seite des Brun­nens gezerrt und ihn dort liegen gelassen. Selbstverständlich haben sie ihn mit den abgedroschenen Allerweltsratschlägen versorgt: auf keinen Fall mehr Alkohol, statt dessen Mineralwasser, keine Zigaretten, mehr Bewegung im Freien, gesündere Ernährung und der ganze Mist eben. Du kannst es dir ja vorstellen. Im Laufe der Nacht ist er gestorben. Keine Ahnung an was, wird schon die dauernde Sauferei gewesen sein. Irgendwann rächt sich das halt.“
Nur mit Mühe konnte Agnes ihre Betroffenheit verbergen. Zum Glück gab es einen jungen Burschen zu bedienen, der sich für die Medaillen der alten Königsarmee inte­ressierte. Das lenkte sie ab. Fasziniert wie eine Elster von glitzernden Steinchen hielt der junge Mann das klimpernde, mit Bronze überzogene Blech in der Hand. Mit glänzenden Augen träumte er geraume Weile geistesabwesend vor sich hin. Geld für den Kauf eine der Auszeichnungen hatte er wahrscheinlich keines, sonst hätte er nicht so lange gezögert. Eine höchst merkwürdige Begründung murmelnd, warum er nichts zu kaufen gedenke, zog er wieder ab. Er tat Agnes richtig leid.
Vielleicht hätte sie ihm eine der Medaillen schenken sollen? Irgendwie kam sie sich fast geizig vor. Immerhin lagen mehr als zwei Dutzend vor ihr und eine weniger hätten sie und Paul bestimmt verschmerzen können.
Da hörte sie Irene, die Agnes' Gedanken förmlich lesen hatte können: „Du überlegst dir, ob du ihm eine Auszeichnung hättest schenken sollen, stimmt's?“
„Naja, was wäre schon dabei gewesen?“
„Wir Händler hier könnten alles verschenken, was wir anzubieten haben, die Welt würde um keinen Deut besser. Geschenke machen ist keine Lösung. Es verschleiert nur das eigentliche Wesen des Prob-lems.“
Das leuchtete Agnes ein. Äh, welches Problem eigent-lich??? War ihr da bisher etwas entgangen? Die nächste Kundin riss Agnes aus ihren Grübeleien.
Gelegentlich war die öffentliche Enko eingeschaltet. Dann hatten Agnes und Paul, sofern er gerade anwesend war, Gelegenheit, die neuesten Nachrichten zu hören. Meistens liefen die Sender „Freie Hei­mat“ oder „Die Welt zu deinen Füßen“. Vor allem waren es die Umtriebe ei­ner Bewe­gung mit dem Namen „Linksliberale“, die der staatlichen Obrig­keit schwer zu schaffen machten. Irgendwann fiel Agnes auf, dass, war etwa ein Mord geschehen, der Verbrecher grundsätz­lich zuerst in den Rei­hen der Linksliberalen vermutet wurde. Wer war der Übeltäter, ging irgendwo eine Bombe hoch? Keine Frage, ga­rantiert ein Linksliberaler. Selbst als am 25. Juli ein in den Bahn­hof ein­fahrender Zug entgleiste, was Dutzende Verletzte zur Folge hatte, konnte dies nur auf das Konto der Linksliberalen gegangen sein.
Einmal kommentierte Agnes diese Nachrichten: „Eine wahre Plage, diese Linkslibe­ralen.“
Paul erwiderte: „Du solltest nicht alles glauben, was die uns erzählen. Es ist ihre Ab­sicht, dass wir der Meinung sind, die Linksliberalen wären eine Plage. Wenn die Verbrechen aufgeklärt sind, hast du da jemals den Kommentar gehört: Entgegen den ursprünglichen Vermutungen haben die Schuldigen nichts mit den Linksliberalen zu tun? Na also!
Die Linksliberalen sind eine politische Bewegung, aber die Obrigkeit möchte diese in den Augen der Öffentlichkeit in die Nähe der Kriminalität rücken. Und abgesehen davon ist dir vielleicht schon aufgefallen, dass so gut wie nie darüber berichtet wird, worum es diesen Leu­ten geht?“
Damit zog er einen verknitterten Prospekt aus der rechten hinteren Hosentasche und gab ihn Agnes. Er war mit „Wa-rum linksliberal?“ betitelt.
„Wehe du verpfeifst mich. Der Besitz solcher Lektüre ist streng verboten, wie eben alles, was interessant ist. Man findet diese Prospekte gelegentlich an öffentlichen Plätzen verstreut. Sie werden im Schutze der Nacht ausgeteilt. Das hier habe ich in einer U-Bahn-Station gefunden.“
Staunend begann Agnes zu lesen: „Eine Gesellschaft besteht auf den Punkt gebracht aus Herrschenden und Beherrschten, aus Reichen und Armen, aus Privilegierten und dem „normalen“ Volk, kurz aus Ober- und Untertanen. Je schlechter es den Untertanen geht, desto dringlicher ist es, die Beziehungen zwischen Ober- und Untertanen zu analysieren und kritisch zu hinterfragen. Das ist eine der zentralen Aufgaben, die sich die linksliberale Bewegung gestellt hat.“
Oho, da war ja eine Menge absolut subversives Ge­dankengut versammelt! Irgendwie faszinierend, fand Agnes. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals solche Ideen gelesen zu haben ... Ein Kunde beendete mit Fragen zu einem antiquierten Silberlöffel vorzeitig ihr Studium des Pro­spektes. Agnes nahm sich vor, zu Hause fertig zu lesen.
Nach ihrem Abendimbiss im Hermes und einem kleinen Schwatz mit Claudia machte Agnes es sich auf ihrem Bett gemütlich, um Pauls Pro­spekt zu Ende zu studieren. Auf der letzten Seite war symbolisch eine der Brücken über den Dessi­no abgebildet. Mitten auf der Brücke war eine U-Bahn-Station. Die Bahn, die in diesem Streckenabschnitt zwangsläufig ausnahmsweise überirdisch geführt wurde, war flankiert von einem Geh­steig, auf dessen anderer Seite eine sechsspurige Fahrbahn in beide Richtungen verlief.
Agnes sah sich um. Die Stadtverwaltung wollte eine deutliche Trennung zwischen Nord- und Südviertel, also hatte man den Verkehr zwischen den Stadtteilen auf nur sie­ben Brücken beschränkt. Der wirklichen Frequenz des Verkehrs entsprach das jedoch nicht. Die Folge war ein außerordentliches Gedränge der Passanten und Fortbewe­gungsmittel aller Art.
Unwillkürlich fand sich Agnes in einer Unmenge an hastig an ihr vorbei eilenden Leu­ten wieder. Alles war auf einmal in magisches Blau getaucht. In unmittelbarer Nähe zur Haltestelle saßen eine Reihe Bettler und Bett­lerinnen. Sie hielten den Vorübergehen­den Schalen aller Art, Aluminiumbecher oder sonstige Gefäße hin. Agnes kam unter den Bettlern zu stehen, sie wusste selbst nicht, wie. Als sie protestieren woll­te, merkte sie, sie konnte nicht sprechen. Da fiel ihr auf, auch mit dem Hören hatte sie Probleme. Zwar vernahm sie die allgemeine Geräuschkulisse, die wie ein wabernder Nebel um sie herum brandete, aber sie konnte nicht ein Wort bewusst wahrnehmen. Bemerkten die anderen Passanten sie überhaupt? Keiner sprach sie an, keiner sah ihr in die Augen, niemand berührte sie ...
Wie unter Zwang setzte sich Agnes unter das Bettlervolk und hielt eine weiße Porzellan­schale, wie man sie zum Füttern einer Katze verwenden würde, hoch. Alles in ihr schrie auf. Sie wollte sich dagegen wehren, aber es half nichts. Agnes konnte nicht einmal den Mund öffnen. Mit glasigen Augen, in denen nur noch Reste des Lebens zu erken­nen waren, blickte sie teilnahmslos die Passanten an. Ohne die geringste Gemütsre­gung er­kennen zu lassen, hielt sie den vorbei eilenden Menschen ihre Bettler­schale entgegen. Mancher gab die eine oder andere unbedeutende Münze, einige spuckten ihr vor die Füße. Ein etwa achtjähriger Knabe nahm einen Teil der Münzen aus ihrer Schale und lief davon. Gelegentlich traf sie ein mitleidiger Blick, oft genug unverhohlene Verach­tung.
Agnes musste alles hinnehmen, ohne reagieren zu können. Am Anfang war al­les wund in ihr, mit der Zeit stumpfte sie immer mehr ab. Sie fühlte sich wie ein Zombie. Da und nicht da zur gleichen Zeit. Sie funktionierte automatisch, aber sie war nicht wirk­lich. Sie hatte keine Ahnung, wie lange dieser Zustand dauerte, zum Schluss war es ihr egal, was mit ihr sein würde.
Nach einer halben Ewigkeit gewahrte sie plötzlich eine Frau neben sich stehen. Ihr Gesicht war nicht zu erkennen. Nur ihr gütiges Lächeln. Ein Zeichen der Freundlichkeit! Welche Wohltat! Wie in Zeitlupe beugte sich die Unbekannte halb zu Agnes hinunter und zog sie mit ihrer rechten Hand in die Höhe. Dann führte sie Agnes fort und zu ei­nem Werbeplakat der Firma Hectriss. Willenlos folgte Agnes. Das Plakat zeigte ein Bett, das mit den Produkten von Hectriss in kultivierter Noblesse bezogen war. In die­se flauschige Herrlichkeit legte die Unbekannte Agnes und bedeckte ihre Augen mit der rechten Handflä­che. Welch zarte, geradezu liebevolle Berührung! Agnes spürte, wie sie innerlich heilte. Sie weinte Tränen der Freude ... Da wurde es dunkel um Agnes, die Geräusche ver­stummten ...
Als Agnes die Augen wieder öffnete, war heller Tag. Ein rascher Blick auf die Uhr! Du meine Güte, höchste Zeit aufzustehen, in einer Stunde würde sie wieder verkaufen. Da bemerkte sie auf dem Tisch eine Porzellanschale, wie man sie zum Füttern einer Katze verwenden würde und ein paar Münzen. Wie seltsam wurde ihr zumute! Kurz nachgezählt, jawohl, es würde für einen Hotdog und eine Limonade am Imbissstand reichen.
Kurze Zeit später war Pauls Stand am Markt wieder geöffnet. Die Schale hatte Agnes neben die Kassa gestellt für den Fall, dass jemand auf die Idee kam, ihr Trinkgeld zu geben. Aufmerksam beobachtete sie erneut das Verhalten ihrer Kunden. Für heute war es ihr Ehrgeiz, frühzeitig herauszufinden, ob jemand tatsächlich etwas kaufen wollte oder ob sich jemand nur die Zeit zu vertreiben gedachte.
Und so kamen und gingen die Menschen. Manchmal schlenderten die Leute mit ih­ren Kin­dern von Stand zu Stand und machten sich über die Beschäftigten lustig. Einmal warf ein verzogener Bengel Agnes einen ganzen Stapel alter Post­karten vom Tisch und lief auflachend davon. Sein Papa meinte nur achselzuckend: „Ist ja nichts pas­siert. Dann sammeln Sie die Karten halt wieder auf. Dazu sind Sie ja da oder etwa nicht?“
Da wurde die Prinzessin sehr nachdenklich ...


Eines Tages hatte Paul so viele neue Waren angeschleppt, dass er den Schuppen neben der Garage kurzfristig umräu­men musste. Zum Teil hatte er gar keine an­dere Wahl als den Trödel sogar im Haupthaus unterzubringen.
Da hatte Agnes einen Vorschlag: „Paul, wenn das so weiter geht, haben wir genug Waren, um die Nachbarbude damit auszustatten. Ist dir schon einmal die Idee gekom­men, den Nachbarstand dazuzumieten, einen gemeinsamen größeren Stand daraus zu machen und den ein wenig zu modernisieren? Ich bin sicher, die meisten Kunden wür­den bei uns kaufen.“
„Natürlich. Aber da macht die Bank nicht mit. Ich kann nichts als Besicherung anbie­ten. Für das Haus zahle ich noch über zehn Jahre das Darlehen ab, das meine Eltern damals aufgenommen hatten und mein Betriebsgründungsdarlehen läuft auch noch über sieben Jahre.“
„Hast du es denn schon probiert?“
„Oh ja.“ Pauls Miene wurde sauer. „Ich kann mich noch sehr gut an mein Gespräch mit diesem Drachsel von der Siddi-Lohan-Bank erinnern. Das überhebliche Grinsen sehe ich heute noch vor mir! Er hat mir ge­nau erklärt, dass eine Bank das, was sie an Kredit zur Verfügung stellen soll, in Form il­liquider Mittel als Sicherstellung haben will. Echtes Ri­sikokapital gibt keine Bank der Welt. Es war diesem Drachsel ein Genuss mir vorzu­rechnen, welch hohes Risiko ich für eine Bank bin und welch dementsprechend hohe Zinsen er berechnen müsste, würde ich wider allen Erwartens die Sicherstellungen doch aufbringen können.
Und damit tut eine Bank nur für den etwas, der von vornherein im Grunde bereits ausreichend hat. Es ist eben so, wie der Volksmund sagt: Der Teufel scheißt immer zum gleichen Haufen, Agnes.
Nein, meine Liebe. Was früher der Zugang zu Grund und Boden war, ist heute der Zugang zum Kapital, der Schlüssel zur Welt der Reichen. Der Grundadel wurde schon lange durch den Geldadel abgelöst. In diesem Sinne ist es sogar konsequent, wenn wir heute wieder eine Monarchie haben. Aber es ist ungerecht, dass nur der Reiche eine Chance hat. Auf diese Weise unterstützen die Banken das System und sorgen dafür, dass die Reichen immer einen exklusiven Klub bilden, in dem sie ungestört unter sich bleiben.“
Da wurde die Prinzessin sehr nachdenklich ...
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BeitragVerfasst am: 12.02.2008, 09:00    Titel: Ein Hund tritt in den Saal 2. Kapitel / 3. Teil Antworten mit Zitat

Während sich die Königin in ihrem seidenen Pyjama würdevoll zu Bette begab, sagte sie zu ihrem Gemahl, Georg III., dem absoluten Monarchen über Siddi Lohan: „Du-u, Schorschi.“
Georg III. weilte noch in der Nähe seines Schreibtisches auf der anderen Seite des Zimmers. „Ja, mein Schatz?“
„Du Schorschi, diese Linksliberalen, die werden mir langsam unheimlich.“
„Ach, Schatz, die sind halt anderer Meinung wie wir. Was soll's. Es wird immer ein paar halbstar­ke Querulanten geben. In meinem Alter muss ich an meinen Blutdruck denken.“
„Du Schorschi, die üben Fundamentalkritik! Und das können wir uns auf Dauer nicht bieten lassen. Lngfristig wird das deinem Blutdruck bedeutend mehr schaden. Ich hoffe doch, du hast vor, dieses linksliberale Zeugs demnächst zu ver­bieten, gell?“
Ihr Gatte, geschafft von den Mühen des Tages, erwiderte ihr: „Aber Schatz, du regst dich immer so auf ... Mir machen diese Leute auch Sorgen, aber deswegen gleich verbieten?“
Ein Blick in das Gesicht seiner geschätzten Ehegemahlin: Oh ja, so schnell wie möglich untersagen, am besten unter drakonische Strafen stellen! Alles andere wäre seinem ehelichen Frieden eindeutig abträglich. Seufzend gab der König nach.
„Naja, wenn es dir so wichtig ist und wenn ich dir damit eine Freude mache, dann verbiete ich sie eben.“ Und überdies würde dann die dauernde Quengelei aufhören. Aber das sagte Georg III. natürlich nicht.
„Jetzt entschuldige mich, ich muss noch ein wenig an meiner Rede für morgen feilen.“
„Du-u Schorschi, du vergisst eh nicht auf dieses Lumpenpack, äh, auf die Linkslibe­ralen, nicht wahr?“
„Oh nein, Schatz, wo denkst du hin.“
„Abgesehen davon sind wir immer noch Ehemann und Ehefrau. Sag, fällt dir zu dem Thema denn gar nichts mehr ein?“
„Aber sicher Schatz. Ich komme ja gleich zu Bett.“
Als er mit seiner Rede fertig war, war die Königin bereits eingeschlafen. Vorsichtig legte er sich an die Seite seiner holden Gattin und betrachtete, was sein Schicksal ihm in puncto Ehe zugedacht hatte. Früher einmal war diese Frau attraktiv gewesen, und zwar in vielerlei Hinsicht. Mit Freude dachte er daran zurück. Aber das Leben am Hofe hatte sie hart gemacht, das Gesicht kantig und die Hüften gut ge­polstert. Du meine Güte, was war ihre gemeinsa­me Emotionalität doch für ein dürrer Ast geworden, ein wahrhaft schmaler Grat, über den er sich da ge­legentlich mühsam hinüberbal­ancierte. Dabei hätte er so gerne gemeinsam mit dieser Frau dem Geheimnis des Lebens nachgespürt. Immerhin hatten sie zwei Kinder. Woher, wohin, warum ...? Wenn er Antworten finden konnte, dann doch am ehesten in der Umarmung seiner eigenen Frau. Wenn nicht hier, wo dann? Das Leben erschien Georg von Löwenstein als großes Geheimnis, mehr noch, als ein einziges Wunder ...


Am 12. September wurde gefeiert. Erwach­sene prosteten sich zu, die Kinder hat­ten schulfrei. Sie gingen in ihrem Sonntagsge­wand spazieren oder wohnten den bunten Umzügen bei. Auch auf dem Trödel­markt ging es hoch her. An vielen der Buden wurden heute ausnahmsweise Würstchen, Getränk und al­lerlei Imbisse zuzüglich zum normalen Sortiment angeboten.
Da Agnes ihr Gedächtnis verloren hatte, fühlte sich Paul bemüßigt, seiner Verkäufe­rin etwas über diesen Tag zu erzählen. An den letzten Resten seines Jausenwürst­chens von der Imbissstube herumkauend, begann er: „Agnes, heute ist ein Feiertag, der höchste in unserem Staat, der so genannte Königstag. Wer immer der Meinung ist Rang und Namen zu haben, hält irgendwo bei einer der zahlreichen Veranstaltungen eine Festre­de zu Ehren dieses Ereignisses und der Errungenschaften des Königshau­ses.“
„Soso“, Agnes zeigte sich nur mäßig interessiert. Sie kontrollierte lieber das Wech­selgeld. Man muss schließlich Prioritäten setzen. Ihr Chef und sie erwarteten heute regen Geschäftsgang und dafür wollte Agnes gerüstet sein.
„Früher“, fuhr Paul fort, „ruhte die Arbeit an einem Feiertag. Das wäre eigentlich in unserer Branche auch heute noch so. Allerdings kann sich auf unserem Markt niemand leisten, an diesem Tag auf den Umsatz zu verzichten. Also lassen sich alle Budenbesitzer einen Trick einfallen, um die Gewerbeordnung zu umgehen. Wer irgendetwas zum Es­sen oder Trinken anbietet, beansprucht die Bestimmung über eine kurzfristige Verlagerung der ordentlichen Geschäftstätigkeit in Richtung Gastronomie für sich und darf damit seinen Umsatz machen.“
In diesem Augenblick war es genau zehn Uhr vormittags. Plötzlich wurden alle Pro­gramme auf sämtlichen dreieinhalb Millionen Entertain­mentkonsolen im ganzen Lande unterbrochen. Wer immer auf dem Markte anwesend war, hielt inne und richtete seine Aufmerksamkeit auf die öffentliche Enko im Zentrum. Des Königs Kon­terfei erschien dort in holografischer Abbildung mit leichtem Grünstich.
Gespannt hörte ihm das ganze Volk zu: „Liebe Bürgerinnen und Bürger! Und wieder ist ein Jahr vergangen, erneut zelebrieren wir den alljährlichen Königstag. Wir tun dies zum Andenken an die seiner­zeitige Macht­übernahme durch die Monarchie vor nunmehr genau 63 Jahren. Ich beglückwün­sche uns alle zu diesem Ereignis und lade Sie ein, gemeinsam mit uns, der Königsfami­lie, zu feiern und fröhlich zu sein. Wir haben allen Grund dazu.
Aber ich will nicht verschweigen, dass auf den heutigen Tag auch ein kleiner Schat­ten fällt. Wie allseits bekannt, gibt es leider auch kritische Stimmen zu unserem Gesell­schaftssystem, die mancherorts den einen oder anderen unter Ihnen möglicherweise verunsichert ha­ben mögen. Daher scheint ein kleiner historischer Rückblick angemessen zu sein, um den heutigen Wirrnissen gefestigten Blickes entgegentreten zu können.
Noch im 21. Jahrhundert war die global vorherrschende Regierungsform die demo­kratische Re­publik, obwohl bereits abzusehen war, dass über kurz oder lang wirtschaft­liche Interes­sen im Staat die Oberhand gewinnen würden. Die Bedeutung der Unterhal­tungsindustrie wuchs zusehends und die Firmen schlossen sich auf globaler Ebene zu­sammen. Als Konsequenz dieser Entwicklung blieben im 22. Jahrhundert nur eine Handvoll Unternehmen übrig, die sich einen riesigen, weltumspannenden Markt brüderlich und vor allem oligarchisch teil­ten. Allerdings stellten diese Unternehmen auch eine Reihe anderer wichtiger Güter für das Leben der Bürger be­reit, sodass ihr Ein­fluss immer noch mehr stieg. Es war nur historisch konsequent, dass die 123 wichtigs­ten Unterneh­men in der berühmten Konfe­renz von Perrubuti im Jahre 2224 beschlos­sen, die politi­sche Macht zu übernehmen. Da aber ein Unterneh­men im Normalfall in Familienbesitz ist und die Leitung innerhalb dieser Familie von ei­ner Generation zur an­deren weiterge­reicht wird, war die einzig lo­gisch richtige Staats­form letzten Endes die Erbmonarchie. Seither ist die Erde in 123 Monarchien straff und vor allem effizient organisiert.
Unser Gesellschaftssystem ist also historisch gewachsen und wenn es Stimmen gibt, die meinen, man solle zur alten Republik zurückkehren, so wäre dies ein bedauerlicher Rückschritt. Bedenken Sie nur, wie schwerfällig die alten Republiken waren. Wie lange dauerte es doch, bis irgendein Gesetz nach schier endlosen Debatten im Parlament endlich beschlossen worden war! Und dann war es zu allem Überdruss meistens ein flauer Kompromiss, also weder Fisch noch Fleisch. Dass kaum ein Problem wirklich erledigt wurde, ist die logische Folge. Wenn mir heute ein Missstand zur Kenntnis gelangt, kann ich innerhalb kürzester Zeit reagieren und auf die­se Weise Ab­hilfe schaffen.
Liebe Bürgerinnen und Bürger, seien Sie stolz auf Siddi Lohan, seine Geschichte und vor allem auf seine Errungen­schaften. Lassen Sie sich nicht einreden, es sei etwas daran falsch. Natürlich leben wir in keinem Paradies, aber das waren die alten Republiken auch nicht. Ich verbiete daher mit heutigem Tage die linksliberale Bewegung, weil sie in umstürzlerischer Weise die öffentliche Ruhe und Ordnung gefährdet. Das werde ich nicht zulassen.
Dieses Verbot wird die konstruktiven Kräfte in unserem Lande stärken. Im festen Glauben an unsere gemeinsame Zukunft werden wir die Probleme anpacken und ge­meinsam meistern, für extrem radikale Kräfte ist in unserem Boot kein Platz.
In diesem Sinne sage ich Ihnen noch einmal: Seien Sie fröhlich, feiern Sie mit uns, Sie ha­ben allen Grund dazu!“
Es folgte die Staatshymne, gespielt vom Sinfonieorchester Siddi Lohan unter Alexander von Keytel. Agnes hatte in der Zwischenzeit wie betäubt hinter ihrem Trö­del gestanden und mit feuchten Augen zu­gehört. Papa, ja das war Papa gewesen! Was er ge­sagt hatte, war Agnes gar nicht bewusst geworden, aber die Stimme! Sie stand immer noch andächtig da und lauschte, obwohl sein letztes Wort schon verklungen war.
Wie lange hatte sie nichts mehr gehört und gesehen von ihm? Rund vier Monate. Si­cher, sie vermisste auch die übrige Familie. Ihr Bruder ging ihr noch am wenigs­ten ab. Hatte er doch kurz vor ihrer Verwandlung irgend so eine unbekannte Gräfin geheira­tet, vermutlich eine Neureiche. Ihre Schwägerin war Agnes überhaupt nicht geheu­er, mögli­cherweise war sie eine Schwindlerin, wenn nicht gar Hochstaplerin. Und da war noch ihre Mutter ... Naja, viel­leicht gehört es sich zwischen Mutter und Tochter, dass man sich nie so wirklich ver­trägt. Ein bisschen Abstand zu Mama konnte nicht schaden. Aber das vorhin war Papa gewesen ...!! Eine Träne stahl sich ihre linke Wange hinunter.
„Papa ...“, entfuhr es ihr unwillkürlich.
„Was sagst du da? Ich habe dich nicht verstanden“, fragte Paul nach, der sich ange­sprochen fühlte.
„Pa .... äh, Papier zum Einwickeln! Es ist ausgegangen.“
Als Paul die Träne im Gesicht seiner Verkäuferin sah, sagte er nur: „Ja, wirklich zum Heulen, was der alte Knacker da alles für einen Blödsinn von sich gegeben hat.“ Und schon war er verschwunden, neue Verpackung zu holen.
Kaum war er zurück, fragte er Agnes: „Was hast du über die jüngste Geschichte in Erfahrung bringen können? Ich meine, nachdem du ja vor wenigen Monaten das Gedächtnis verloren hast.“
„Nichts, außer dem, was unser König vorhin erzählt hat.“
„Nun, der alte Knacker“, zack!, Agnes puffte Paul mit dem Ellbogen in die Seite zum Zeichen, er solle ein wenig respektvoller sein. Schließlich redete er von ihrem Vater! Ihr Chef atmete tief aus, respektierte aber, dass es Agnes nicht schätzte, wenn er so schnoddrig über den König sprach.
„Schon gut“, beschwichtigte Paul, „also der König hat wie immer nur die eine Hälfte der Wahrheit gesagt. Nämlich die, die alle Welt hören soll.“
„Gibt es denn auch eine andere?“
„Oh ja. Was der König gesagt hat, entspricht im Großen und Ganzen der offiziellen Geschichtsschreibung und ist auch in dieser Form seit sechs Jahrzehnten auf den Datenkristallen gespeichert. Insofern ist es nicht einmal neu, was der alte Kna ... äh, der König gesagt hat. Ein paar meiner Freunden ist es aber sehr wohl gelungen, darüber hinausgehende Nachforschungen anzustellen.
Die meisten der Adelsfamilien haben ihre Titel frei erfunden, manche haben ihre „von“ und „zus“ von den tatsächlich existierenden Adelsfamilien abgekauft. Diese waren oft derart verschuldet, dass sie ihre angestammten Titel im Gegenzug für Schuldenfreiheit an die Neureichen verkauften. Es hat sogar Versteigerungen gegeben, natürlich alles geheim. Jämmerliche Spektakel, kann ich dir nur sagen! Gegenüber der Öffentlichkeit wollte man nur gediegene Tradition, Geschichtsbewusstsein usw. signalisieren. In Wahrheit haben es von den alten Adelsfamilien nur ganz wenige in den Olymp der aktuellen Aristokratie geschafft.“
„Mag sein, aber warum ist es denn so notwendig, das zu wissen?“
„Weil es ein Licht darauf wirft, was diesen Leuten wirklich wichtig ist, nach welchen Grundsätzen sie leben.“
„Ach ja, und nach welchen Grundsätzen leben denn diese Leute?“
Täuschte sich Paul oder hörte er tatsächlich einen schnippischen Unterton? Er gab zur Antwort: „Macht, Reichtum und Erfolg, so heißen die Götzen, die sie anbeten.
Die Wurzeln liegen im 20. Jahrhundert. Damals begannen die Unternehmen wirtschaftlich aggressiv zu werden, die größeren schluckten die kleineren, es herrschte das Gesetz des Stärkeren. Steigerung des Umsatzes, der Marktanteile, der Rendite, Verdrängungswettbewerb, das war das beherrschende Motto. Als sich im 21. Jahrhundert die Unternehmen im großen Stil global organisierten, gesellte sich zur wirtschaftlichen Macht auch die politische. Warum hätte man jetzt auf aggressives Verhalten verzichten sollen?
Die ganze Entwicklung kulminierte in der endgültigen Elefantenhochzeit zwischen Wirtschaft und Politik. Ich meine die Konferenz von Perrubuti im Jahre 2224, die der König vorhin so stolz erwähnt hat. Das war der krönende Abschluss dieses Weges, sozusagen die siebte Nacht des Samakutra. Die traurige Folge dieser Geschichte ist unsere heutige Gesellschaftsform, eine moderne Variante der totalitären Monarchie.
Ich möchte es so zusammenfassen: Vom Grundadel des Mittelalters zum Geldadel von heute ... Ich sage dir, Agnes: Wer unsere Probleme lösen will, muss zuallererst die unheilige Ehe von Politik und Wirtschaft scheiden.
Nur in Marktnischen ohne jeden Prestigewert gibt es wirklich unabhängige Unternehmer so wie vor dreihundert Jahren. Wir auf dem Trödelmarkt gehören dazu. Die überwältigende Vielzahl von Unternehmen hat nur den einen Zweck, nämlich zu verschleiern, dass die Leute eigentlich nur mehr in denselben Beutel zahlen.
Aber ich habe jetzt Hunger. Ich gehe zu den anderen Ständen etwas essen, überprüfe im Vorübergehen die Qualität des Angebotes und die Preise. Marktbeobachtung nennt man das. “
Damit verschwand er grinsend. Für die nächsten Minuten blieb Agnes allein im Stand. Was ihrem Papa eine kontinuierliche Weiterentwicklung in Richtung Fortschritt war, war Paul das wilde Wuchern eines Krebsgeschwulstes. Zwei Seiten derselben Münze ...?
Inzwischen waren die Sen­dungen, getreulich von der Enko wiedergegeben, weiter gegangen. Man war mittlerwei­le beim Wirtschaftsteil angekommen.
Gerade meldete Esther Rundstetter vom Sender „Die Welt zu deinen Füßen“: „Gestern haben sich die Rechtsanwälte der vier Firmen, die die Modemarke „Hectriss“ für sich in An­spruch nehmen, zu einer geheimen Beratung zurückgezogen. Heute wurde in einer gemeinsamen Pressekonfe­renz verlautbart, dass zwei der beteiligten Firmen den Rechtsstreit vor Ge­richt klären lassen wollen. Die beiden anderen Firmen haben sich mit einer einmaligen Abfindung zufrieden gegeben und erklärten, künftig vom Markennamen „Hectriss“ Ab­stand neh­men zu wollen. Bekanntlich trug die immer noch verschwundene Prinzessin Agnes Be­kleidung von Hectriss, kurz bevor sie im Mai dieses Jahres verschwand.
Ich verweise bei dieser Gelegenheit auf unsere Sondersendung zum Thema Suche nach der Prinzessin heute um 21.00 Uhr.“
Agnes konnte sich das Grinsen kaum verkneifen. Als sie zu ihrer linken Standnach­barin lugte, um sie zu fragen, was sie von Hectriss halte, bemerkte sie ein bekanntes Gesicht in der Menge. Oh, siehe da, Otto von Löwenstein, der General! Ausnahmsweise in Zivil. Welche Freude, so hoher Besuch auf dem Markt! Vielleicht würde Agnes ja mit ihrem Onkel ein Ge­schäft machen? Paul und sie hatten am Vor­abend beschlossen, heute eine dünne, leicht versalzene Kartoffelsuppe auszuschen­ken. Etwas selbstsicher boten sie nun diese Spezialität als „Hütten­suppe á la Carcassonne“ an, wobei Agnes auf dem Beinamen bestanden hatte.
Kaum war der Onkel heran, versäumte Agnes nicht die Gelegenheit, stolz ihre Köstlichkeit anzupreisen: „Na, schönen guten Tag, der Herr. Eine Tasse Hüttensuppe á la Carcassonne gefällig? Wärmt Leib, wärmt Seele, so sagt der Volksmund. Bei den Feierlichkeiten heute kann es nicht schaden, wenn Sie ein bisschen Kraft tanken.“
Der General wunderte sich, warum ihn die junge Frau so unbekümmert, so fröhlich ansah. Wusste sie etwa nicht, mit wem sie es zu tun hatte? Also, ein bisschen Respekt wird man wohl erwarten dürfen. Er warf den Topf vom Tisch, lachte und sagte nur: „Ich mag kei­ne Sup­pe. Hahahaha.“
Der Onkel wusste, Agnes konnte sich nicht wehren und genoss diese Art Macht sicht­lich. Da wurde die Prinzessin sehr nachdenklich ...


Die Königin befand sich in einer Amtsunterredung mit König Taddäus II. von Perru­buti. Ihrem Mann, Georg III., hatte sie mitgeteilt, sie wolle in ihrer Eigenschaft als Ministerin für äußere Beziehungen in die Wege leiten, ob man die Suche nach Agnes im Aus­land nicht ein wenig ankurbeln könne.
Die Unterredung schloss hochoffiziell, feierlich und würdevoll mit einem gemeinsam verfassten Dokument. Darin brachte König Tad­däus II. von Perrubuti seine tiefe Betroffenheit über das Verschwinden der Prinzessin Agnes zum Ausdruck. Des Weiteren war man im trauten Geiste der guten Nachbarschaft über­eingekommen, einen Arbeitsaus­schuss einzusetzen, um die Suche nach der Prinzes­sin künftig mit vereinten Kräften noch intensiver durchzuführen.
Nach ihrer Unterredung ließ es sich König Taddäus II. nicht nehmen, seinen vorneh­men Gast persönlich zu den Gemächern zu eskortieren. Gemessenen Schrittes wan­delte man vereint in der gemeinsamen Sorge um das Wohlergehen der Agnes durch die marmornen Gänge des Schlosses. Kaum war die Tür zur Gästesuite hinter ihnen zugezogen, riss Tad­däus der Königin förmlich die Kleider vom Leib. Diese überschütte­te ihn mit Küssen. Voller Begier­de griff sie ihm zwischen die Beine und befühlte ausgiebig seine männliche Anato­mie. Ja, ein richtiger Mann harrte ihrer ...
Schwer atmend nahm sie den König in die Arme und sagte: „Du-u Taddi, komm, mein wilder Stier, komm über mich und besorg es mir kräftig.“
„Oh ja, mein Schatz. Ich brauche es schon dringend.“
„Ich auch.“
Weiter als bis zum Fell des Schneeleoparden aus dem tibetischen Hochland im Vorraum schafften sie es nicht ... Nach einer halben Stunde, in der die ehrwürdige Räumlichkeit weidlich verwüstet worden war, kehrte wieder Ruhe in das emotionale Leben der beiden ein. Taddäus lag verschwitzt und noch etwas außer Atem neben der Königin: „Dein Mann? Hat er immer noch nichts mit­gekriegt?“
„Ach was, Taddi, der alte Kapaun ist doch dauernd mit seinen Staatsgeschäften be­fasst. Nur keine Angst und vor allem - keine Hemmungen.“
Warum bloß war das vorhin mit Georg nicht möglich? Oh ja, die Königin hatte auch mit ihrem Ehemann heiße Nächte verbracht, aber die waren schon lange her, 20, 25 Jahre allemal. Der Alltag hatte viel kaputt gemacht. Und außerdem kannte der eine den anderen in- und auswendig. Es gab nichts Neues zu entdecken, jeder Quadratzen­timeter der Haut war schon seit langem erforscht. Geblieben war eine Kameradschaft mit gelegentlichen Ausflügen ins Reich der Sinnlichkeit, aber auch nicht mehr. Irgend­wie schade, aber was soll's. Es gab ja Taddi.
Nach einer Weile ergriff die Königin wieder das Wort: „Du-u, Taddi!“
„Ja, mein Schatz?“, sagte Taddäus II., absoluter Monarch über Perrubuti.
„Du Taddi, das ist jetzt aber echt blöd, wenn die Agnes wirklich nicht mehr auftau­chen sollte. Dann wird es nichts mit unserem Plan, deinen Sohn mit meiner Tochter zu verheiraten, damit wir uns öfter sehen und ... naja, ... du weißt schon, was ...“
Das leuchtete Taddäus II. von Perrubuti ein. Er sagte: „In der Tat, das wäre ein Problem, mein Schatz. Aber jetzt lass uns mal nicht daran denken, wir tun ja alles, damit deine Tochter wieder auftaucht.“
Dann nahm er sie ganz zärtlich und innig in seine starken, königlichen Arme. Wie sehr genoss es die Frau.


Zwei Stunden später wurde in Siddi Lohan König Georg von seinem Cousin, An­dreas von Löwenstein, dem Chef des Geheimdienstes, geweckt.
„Ich hoffe für dich, es ist wichtig“, knurrte Georg ungehalten, während er seine Beine aus dem Bett schwang.
„Nur keine Sorge. Ich möchte dir das bloß nicht in Form einer offiziellen Mitteilung zur Kenntnis bringen müssen“, gab Andreas zur Antwort und hielt Georg einen Datenkristall entgegen. „Sieh es dir einfach an.“ Von Löwenstein verabschie­dete sich unauffällig und ließ den König wieder alleine. Dieser war schon ganz gespannt.
Georg aktivierte die Enko und legte den Kristall ein. Es war eine Auf­zeichnung über das, was seine Gemahlin, die Königin, in Perrubuti heute Nacht in ihrer diplomatischen Mission erwirkt hatte. Im inoffiziellen Teil vor allem. Aha, deswegen war sie also neuer­dings des öfteren bei den Nachbarn zu Besuche. Und ihr Amt gab ihr jede Menge Vor­wände. Einmal wa­ren es Wirtschaftsverträge, das andere Mal internationale Angele­genheiten, die einen Schulterschluss mit Perrubuti opportun erscheinen ließen, usw. Der Ausreden gab es Dutzende.
Minutenlang saß der König auf der Bettkante und hielt sein Gesicht in den Händen vergraben. Einen Kapaun hatte sie ihn genannt! Das tat weh. Wie gemein! Dass es ihm vielleicht kei­nen Spaß mehr machen könnte, darauf kam sie offenbar nicht.
Dabei war es nicht im­mer so ge­wesen. Mit Wehmut schweifte sein Geist über zwan­zig Jahre zurück in die lange Geschichte seiner Ehe ... Vor allem Agnes war die Folge einer Nacht, in der die Leiden­schaft über seine Frau und ihn hinweggefegt war wie ein Step­penbrand über Ostafri­ka ... Was hatte er falsch gemacht? Oder gab es dafür eigentlich gar keinen Schuldigen und sie beide hatten sich nur auseinan­der gelebt ..? Er warf einen bitteren Blick auf die andere Hälfte des Ehe­bettes: Da lag niemand, es war unberührt, es war kalt. Und wie kalt sogar ..! Unwillkürlich fröstelte Georg. Nein, da halfen keine erlesenen Stoffe, aus denen Decken und Bettbezüge gefertigt waren, nicht Glanz, nicht Seide. Georg fand keine menschliche Wärme mehr in seinem eigenen Bett ...
Am Ende dieser langen, bitteren Minuten gab sich Georg III. einen Ruck. Soviel stand fest: Er musste reagieren, es war ihm auch schon klar, wie.
„Computer, eine streng vertrauliche Mitteilung an König Taddäus II. von Perrubuti, geschrieben in der Handschrift Georgs III., König von Siddi Lohan:


Sehr geehrter Herr Kollege,

ich muss ja, aber Sie ...??

Gezeichnet: Georg III. von Löwenstein, König von Siddi Lohan.“

Jetzt ging es Georg besser. Erleichtert legte sich der König zu Bette. Sicher, mit rationaler Konfliktbewältigung hatte seine Botschaft nicht das Geringste zu tun und dennoch, das kleine bisschen Rache hatte ungemein gut getan. Er versuchte, sich die Eskapaden seiner Frau nicht allzu nahe gehen zu lassen. Heißt es doch: Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist. Er konnte die Sache nicht besser machen, wenn er jetzt die halbe Nacht schlaflos vor sich hingrübelte. Die Minuten vergingen träge und unversehens glitt Georg gähnend an die Schwelle zum Schlaf ... Schon war es ihm, als hörte er seine eigenen, regelmäßigen und tiefer werdenden Atemzüge ...
Mit einem Male sah er sich an einen unbekannten Ort versetzt: eine große, leere Halle, Marmorplatten zu seinen Füßen. Dichter Nebel im Zwielicht verhüllte das eine Ende des Saales. Georg stand am anderen Ende, vor einer wuchtigen Eingangstür aus massiven, abgegriffenen Holzbohlen. Weit und breit war niemand außer ihm ... Unnatürlich still war es ringsum ... Der König bemerkte, wie sich langsam und geräuschlos die Tür öffnete. Herein kam ein Hirtenhund mit einer Schriftrolle im Maul. ... Als das Tier näherkam, hörte der König eine beunruhigende Geräuschkulisse von der Ferne, die durch den Türspalt hereindrang. Schüsse, Schreie, dumpfe Explosionen ... Es hörte sich an wie, ja wie denn? Wie Schlachtenlärm ...!
Der Hund war inzwischen heran. Er legte dem König die Rolle vor die Füße und sah ihn zähnefletschend mit Augen an, aus denen es befremdlich leuchtete. In dieser Glut erkannte Georg Vorwürfe, Anklagen und ... Drohungen ... Blitzartig begriff er: Das war ein mächtiger Hund, ein wilder, ein zu allem entschlossener. Er würde sich gewiss von ihm, dem König, nicht bändigen lassen. Da fiel Georg auf, dass der Hund eine blutige Spur hinterlassen hatte! Und aus dem rechten Augenwinkel lief ebenfalls ein dünner Faden Blut. Der Kampfeslärm kam inzwischen näher ... Unwillkürlich rümpfte Georg die Nase. In der Tat, es roch nach Schießpulver ... So viel Blut, so viel Tod war mit diesem Hund gekommen ... Plötzlich erfasste den König Angst. Nur nicht provozieren, wer weiß, wozu dieses Ungeheuer fähig war!
Schweißgebadet fuhr Georg III. in seinem Bett hoch. Ein Traum oder eine Halluzination! So etwas gibt es an der Schwelle zum Schlaf, das weiß man. Zitternd am ganzen Körper begab sich Georg in aller Eile zu seinem Schreibtisch und öffnete die unterste Schublade. Hier hatte er in der homöopathischen Hausapotheke, die die Königin angelegt hatte, seine Beruhigungstropfen. Hoffentlich erwischte er nicht im Halbdunkel das falsche Fläschchen. Tief ausatmen, nur nicht die Nerven verlieren ...!
Zufällig fiel des Königs Blick in den Toilettenspiegel seiner Frau schräg links von ihm. Darin sah er, wie sich soeben hinter ihm die Schlafzimmertüre schloss! Hatte er sich getäuscht oder war tatsächlich für einen kurzen Augenblick noch so etwas wie ein Hundeschwanz zu sehen gewesen? Aber er war doch hellwach! Wie konnte dann derlei geschehen? Rasch fuhr Georg herum. Nichts! Alles im Zimmer war wie gewohnt ...
Georg kniff sich mit Daumen und Zeigefinger seiner Rechten in den linken Handrücken. Au! Kein Zweifel, er träumte nicht. Auf einmal meinte Georg, als hörte er ein Knurren aus einer rauen, tiefen Kehle, das sich von der Tür den Gang hinunter bewegte. Und so etwas wie ein Echo des Schlachtenlärms, das erst langsam im Nichts verebbte ...
„Glücklicherweise ist der Spuk jetzt vorbei“, sprach er laut zu sich selbst, vor allem weil ihm der Klang seiner eigenen Stimme etwas Sicherheit verlieh. Dann begab er sich mit der Arzneiflasche in der Hand zu seinem Bett. Plötzlich zog es ihm die Beine weg! Hart landete er mit dem Hintern auf dem Boden. Verdammt, da waren blutverschmierte Tritte, auf denen er ausgerutscht war! Durch den Schreck hatte er sein Fläschchen in die Luft geworfen, das auf dem Bett gelandet war. Als sich Georg wieder aufgerafft und das Licht eingeschaltet hatte, waren die Spuren verschwunden.
Georg legte sich ins Bett. Nein, er glaubte an keine Gespenster. „Kläff“ hörte er ein Geräusch vor der Zimmertür. Es hörte sich an wie ein Köter, der unbedingt das letzte Wort haben wollte ... „Und ich lasse mir auch keine einreden“, ergänzte er mit lauter Stimme, so als gelte es, jemandem vor der Tür etwas Wichtiges zu sagen ... Licht aus.


Unerfreulich prasselte anhaltender Regen auf den Markt. Zwischen den Brettern, die das Dach bilden sollten, tropfte es bedenklich auf Agnes herunter, die sich mit einem wasserdichten Umhang aus billigem Recyclingplastik notdürftig schützte. Zum Teil musste sie die Waren mit einer Kunststoffplane abdecken. Kein Wunder, dass sich kaum Kund­schaft auf dem Markt einfand ... Da tauchte ein Be­diensteter des Stadtmagistra­tes auf und stellte sich selbstbewusst Agnes gegenüber.
„Ist der Chef zu sprechen?“, wollte er wissen, während er Agnes seinen Ausweis unter die Nase hielt.
„Nein“, antwortete Agnes, „der ist gerade auswärts. Kann ich Ihnen auch helfen?“
„Vielleicht, aber es würde mich wundern. Die Miete für den Stand: 380,-- Drachmen. Bis kommenden Montag. Spätestens natürlich. Aber sagen Sie ihm gleich, jetzt gibt es keinen Aufschub mehr und keine Teilzahlungen. Entweder er zahlt oder wir räumen den Stand von Amtes wegen und pfänden seinen Privatbesitz.“
Schluck, Agnes wusste nicht, was sie sagen sollte. Bevor sie etwas erwidern konnte, ergänzte der Beamte: „Allerdings, es bestünde, rein formalrechtlich gesehen, die Mög­lichkeit auf einen Antrag betreffend Erlass der Mietrückstände infolge unverschuldeter wirtschaftli­cher Bedrängnis. Nachdem ich selbst diese Anträge bearbeite, gäbe es zu­mindest theoretisch schon die Möglichkeit, Ihrem Chef in Form eines Mieterlasses ein wenig entgegen zu kommen. Aller­dings erwarte ich mir in diesem Falle auch eine dem­entsprechende Geste eurerseits. Eine Hand wäscht eben immer noch die andere, wie schon die alten Römer gesagt haben. Manaus manaus pflavat. Oder wie sehen Sie das?“
„Ganz meine Rede. Aber an welche Geste dachten Sie denn?“
„Naja, eine junge, gut aussehende Frau wie Sie könnte einem unbescholtenen Be­amten wie mir schon eine Freude eher privater Natur machen, die den Amtsschimmel maßgeblich beflü­geln würde. Sie verstehen?“
Täuschte es Agnes oder sabberte der Kerl vor Geilheit?
„Am besten, Sie besprechen es mit ihrem Chef. Also dann, zahlen oder ...“
Und damit war er augenzwinkernd verschwunden. Seine gute Laune ließ ihn ein un­beschwertes Liedchen trällern. Als der Chef gegen Mittag auftauchte, teilte ihm Agnes ihr Gespräch mit dem Beamten mit. Paul setzte sich vorerst mit glänzenden Augen auf einen Stapel Heimatromane nieder, die obersten Exemplare waren ohnehin schon durchnässt und stierte in den gleichmäßig fallenden Regen hi­naus. Er atmete drei- oder viermal tief aus.
Als er sich wieder ein wenig gefasst hatte, sagte er: „Das Heer der dienstbaren, willfährigen, aber kleinen Geister. Die Macht der Mächti­gen gründet auf der Dienstbarkeit solcher Leute. Sicher, in Zeiten wie diesen ist jeder froh um Arbeit und praktisch keiner kann sich die Arbeit aussuchen. Insofern darf man niemandem einen Vorwurf machen, wenn er sich zum Handlanger der Obrigkeit macht. Ich kenne viele Menschen, die das Leben in eine solche Position gestellt hat und dort mit Herz und Verstand handeln. Diese sind ein großer Segen für uns. Hätte ich nicht solche Freunde, es gäbe meinen Stand schon lange nicht mehr.
Leider gibt es aber auch die anderen, die kleinen Würstchen im Windschatten der Macht! Sie identifizieren sich mit der Obrigkeit, die sie repräsentieren und kompensieren dadurch ihre tatsächliche Bedeutungslosigkeit. Diese Wesen hingegen sind eine immense Plage.
Heute hast du ein solches kennen gelernt. Vor denen musst du dich am meisten hüten. Das Wort Satan bedeutet „Herr der Fliegen“ und solche Fliegen sind gemeint.“
Agnes, die genau zu wissen glaubte, wovon sie redete, seufzte: „Jaja, wie du schon angedeutet hast, kann man es sich halt nicht immer aussuchen, wo einen das Leben hinstellt. Vielleicht ist doch alles ein großes Geheimnis.“
„Sicher, und das ist im Grunde auch gut so. Sonst gäbe es ja nur Märchenprinzen und Prinzessinnen. Könntest du dir das vorstellen? Du, eine Prinzessin ...?“
Kameradschaftlich puffte Paul sie mit dem rechten Ellbogen in die Seite. Und wie gut sich Agnes das vorstellen konnte! Noch vor wenigen Wochen hätte ihr die Bemerkung Pauls vielleicht weh getan, inzwischen war sie darüber hinweg. Verschmitzt lächelnd sagte sie: „Mag alles sein, aber was machen wir jetzt?“
Zum ersten Male fühlte sich Agnes wirklich ratlos und überfordert. Geistesabwesend kassierte sie das Geld für einen alten Kerzenständer, umwickelte diesen in vergilbtes Zei­tungspapier und übergab ihn dem Kunden; dem einzigen an diesem Vormittag. Langsam hörte der Regen auf.
„Ich weiß es nicht“, meinte Paul achselzuckend, als der Kunde außer Hörweite war. „Weißt du, einmal ist es der von der Stadtverwaltung, dann wieder der Typ vom Finanz­amt, dann wieder ein an­derer. Im Grunde geht das schon seit Jahren so dahin ... Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie das erste Mal einer von denen aufgetaucht ist. Wie deutlich höre ich immer noch seine Worte: „Guten Tag, Finanzamt Siddi Lohan. Sie stehen mit soundso viel tausend Drachmen in der Kreide. Ich beschlagnahme jetzt Ihre Handkasse.“
Und damit nahm er mir die ganze Tageslosung vom Vortag. Nur ein paar Münzen, damit ich meinen Kunden Wechselgeld geben konnte, ließ er mir.
Im ersten Augenblick dachte ich mir: Bring ihn um, bring ihn einfach um! Aber zugleich war mir klar, dass damit meine Probleme erst richtig beginnen würden. Heute bin ich froh, dass ich es nicht getan habe, denn ich habe ihn in weiterer Folge als liebenswürdigen Menschen kennen gelernt. Der Witz ist nämlich, dass der Beamte als Mensch in keiner Weise etwas dafür kann. Er hat weder rechtlich noch moralisch falsch gehandelt, er hat diese Zustände nicht verschuldet. Insofern war sein Vorgehen untadelig. Schuld ist das System, das nach einer dämonischen Mathematik funktioniert, die auf einen Gewinner Dutzende Verlierer produziert.
Ich begann mir damals grundlegende Fragen zu stellen. Sicher, ich habe in der Zwischenzeit viele Antworten gefunden, aber sie haben nicht den existenziellen Druck von mir genommen. Deine Vor­gängerin, Dorothea, ist deswegen gegangen. Sie hat es nicht mehr ausge­halten, dass uns dauernd das Wasser bis zum Halse stand. Zu ihrem An­denken habe ich meine Katze nach ihr genannt. Die Frage ist, ob das je­mals besser wird ...
Sieh einmal auf die andere Straßenseite. Siehst du den Stand da drüben halbrechts in knapp dreißig Metern Entfernung?“
Agnes erblickte dort einen Kleintransporter mit Anhänger. Drei Arbeiter waren damit beschäftigt, Waren einzuladen. Zwei weitere Männer mit Anzug, Krawatte und Aktentasche beaufsichtigten das alles. Offenbar wurde der Stand geräumt. Ein Mann mittleren Alters, von dem Agnes wusste, dass es der Standbesitzer war, stand daneben. Verzweiflung leuchtete ihm aus den Augen.
„Was geht da vor, Paul?“
„Ganz einfach. Er hat es nicht geschafft. Bruno ist jetzt seit über zwei Jahren hier. Es kommt mir vor, als sei es gestern gewesen, dass er seinen Stand bezogen hat. Nicht, dass du jetzt denkst, er sei faul gewesen oder zu dumm, sein Geschäft zu führen, es hat einfach nicht sein wollen.
Kannst du dir vorstellen, was das für diesen Menschen bedeutet? Erstens hat er nun keine Arbeit mehr, zweitens geht die Show jetzt bei ihm zu Hause weiter. Die schleppen ihm alles weg, was auch nur annähernd von Wert ist. Wenn er Pech hat, verliert er seine ganze Bleibe. Was du hier siehst, ist für den armen Mann absolut existenzbedrohend.“
Der Stand war in der Zwischenzeit geräumt. Das Wort „Geschlossen“ prangte kalt und unfreundlich in roter Schrift auf einer amtlichen Mitteilung an der vorderen Front des Bretterverschlages. Der glücklose Geschäftsmann ging mit bleichem Gesicht und verkniffenen Lippen an ihnen vorbei. Es schien als schwebte er über dem Boden. Die Pfützen, durch die er schritt, schien er nicht einmal wahrzunehmen. Brunos glänzende Augen stierten vor sich hin.
Alle auf dem Markt wussten, was ihm widerfahren war, jeder sah peinlich berührt weg, bzw. verhielt sich so, als hätte er nichts mitbekommen. Wollte man nicht helfen oder konnte man es nicht? Oder wollten die Leute Bruno zusätzliche Demütigung ersparen, ihm einen letzten Rest von Würde lassen? Agnes wusste es nicht. Sie fühlte ein ungemein beklemmendes Gefühl im Hals ...
Paul sah dem Unglücklichen eine Weile nach und sagte: „Was wird aus ihm? Wovon wird er leben? Unter welchem Dach wird er schlafen? Ich habe keine Ahnung! Es kann jeden von uns erwischen und wenn du noch so fleißig bist oder kaufmännisch gewieft. Solche Vorkommnisse erinnern mich stets daran, was auch mit uns geschehen könnte, wenn wir Pech haben. Ich tue alles, um das zu verhindern. Es gibt keine Gnade.“
Agnes meinte die Stimme von Professor Ecker zu hören. Aha, das hatte er damals gemeint! Ja, in der Tat, es gab keine Gnade ... Paul war offenbar sehr betroffen, nur zu sehr erinnerte ihn der Vorfall an seine eigene missliche Lage. Er redete, als hätte er einen Frosch im Hals. Agnes ging es ähnlich. Was war das nur für ein befremdliches Gefühl? So, als stünde man bis zum Hals im Wasser und hätte Müh und Not, nicht unterzugehen.
„Und was uns betrifft, Agnes: Aufgeben kommt jedenfalls nicht in Frage. Da gibt es nur eines: verkaufen, verkaufen, verkaufen ... Stroh zu Gold, meine Liebe. Ach richtig, da fällt mir ein, ich habe wieder einige Kilos an Schweinskram mit.“
Damit warf er einen neuen Stapel gebrauchter Pornohefte unter den Tisch, an einen Platz, wo diese hoffentlich unversehrt bleiben würden. Und schon war er wieder weg, seine diversen Einkäufe zu machen. Agnes rückte die Hefte unter dem Tisch ein wenig zurecht, als ihr auffiel, dass sie die Frau auf einem der Titelblätter kannte. Nur, dass sie dieses Mal schwar­z-glänzendes Latex anhatte und eine lederne Peitsche in der Hand.
„Halt, dich kenne ich doch?“
„Sicher, wir haben uns schon einmal unterhalten.“
„Damals hattest du noch keine Peitsche in der Hand.“
„Ja, aber ich habe jetzt etwas andere Schwerpunkte in meinem Serviceprogramm. Man muss sich spezialisieren, das bringt mehr. Ich verhaue den reichen Perverslingen ordentlich die Ärsche und die bezahlen mich dafür. Ist doch ein tolles Geschäft, nicht?“
„Ich wünsche es dir. Wie heißt du eigentlich? Ich bin Agnes.“
„Birgit.“
Dann war Kundschaft da und Agnes musste kassieren. Eine vergilbte, ausgefranste Landkarte aus dem 19. Jahrhundert zum Aktionspreis von sechs Drachmen wechselte den Besitzer. Auch Kleinvieh macht Mist.
Am späteren Nachmittag tauchte ein selbstbewusster Fremder auf dem Markt auf. Irene, die Stand­nachbarin, flüsterte Agnes hinter vor­gehaltener Hand zu: „Sieh mal, drüben geht Prinz Klaus von Perrubuti. Er ist wie­der einmal inkognito da. Zumindest glaubt er das, in Wirklichkeit kennt ihn hier jeder bestens. Seine Anwesenheit ist immer willkommen, weil er sich dann für teure Schwei­nereien aller Art interessiert. Also halt deine grauslichsten Hefte bereit, sollte er zu dir kommen. Und verlange mindes­tens das Doppelte. Erstens hat er das Geld, zwei­tens machen das alle so. Und der Preis ist ihm sowieso egal.“
Minuten später war Prinz Klaus heran und interessierte sich angeregt für die Porno­hefte, vor allem für die mit SM-Inhalt.
„Entschuldigen Sie, der Herr“, unterbrach ihn Agnes in seinen Meditationen. „Sie se­hen genauso toll aus wie Prinz Klaus von Perrubuti.“
„Oh danke, sehr schmeichelhaft. Ein guter Bekannter von mir. Netter Mensch, sehr netter Mensch ...“
„Sagen Sie, stimmt es, was man so munkelt, er will um die Hand der Prinzessin Agnes anhalten?“
„Sein Vater will das. Er selbst hofft, dass sich das verhindern lässt. Wie, das erstaunt Sie? Was man so läu­ten hört, ist Prinzessin Agnes eine verzogene, verwöhnte Göre, die aus lauter Lange­weile Welthandel studiert. Wer möchte schon so eine Zicke an seiner Seite? Tagaus, tagein ... Die macht einen ja fix und fertig. Dafür fühlt sich der Prinz nicht berufen und ich kann ihm das nachfühlen.“
„Ach so, das verstehe ich freilich. Haben Sie einen speziellen Wunsch auf dem Herzen?“
„Naja, gewissermaßen schon. Vielleicht können Sie mir tatsächlich helfen. Ich bin fremd in der Gegend und suche ein Etablissement für außer­gewöhnliche Freuden. Aber es muss schon wirklich etwas Tolles sein. Sie verstehen?“
„Für ... äh, strenge Freuden, sozusagen?“
„Ja, genau.“
„Ich denke, da habe ich etwas für Sie.“
Und damit bückte sich Agnes unter den Tisch nach dem Heft mit Birgit und flüsterte: „Geschäft kommt. Wo hast du dein Appartement?“
„Bürgerweg 17. Er soll bei Mercedes läuten. Schicke ihn nur her, es soll dein Scha­den nicht sein. Du weißt schon, Vermittlungspromotion oder wie das heißt.“
„Provision heißt das, Provision. Und dass du mir ja das Doppelte verlangst. Erstens hat er das Geld, zweitens machen das alle so. Und der Preis ...“
„... ist ihm sowieso egal. Ich weiß, mit Freude habe ich mitgehört.“
Mit einem unwiderstehlichen Lächeln kam Agnes auch schon wieder zum Vorschein und informierte ihren Kunden: „Das trifft sich gut, denn ich kenne die exklusivste Adresse weit und breit für derlei Zerstreuung. Al­lerdings muss ich um eine bescheidene Provision bitten.“
„In Ordnung, wie viel?“
Agnes nahm demonstrativ ihren Taschenrechner zur Hand und tippte eine Weile he­rum, sodass der Eindruck entstand, sie führe eine komplizierte Berechnung durch. Den Rechner hielt sie schief, damit ihr Kunde nicht merkte, dass dieser gar nicht funktionierte.
„Ja, das macht dann 380 Drachmen, bitte schön.“
Der Prinz wurde zwar stutzig, zuckte aber dann die Achseln und legte das Geld kommentarlos auf den Tisch. Darauf übergab ihm Agnes einen Notizzettel mit Birgits Adresse. Umgehend ent­fernte sich der Kunde mit glänzenden Augen. Agnes atmete erleichtert auf. Jetzt wurde ihr erst richtig bewusst, welcher Coup ihr gelungen war. War das eigentlich privates Geld oder geschäftliches? Oder wie würde Shakespeare gesagt haben? Versteuern oder nicht versteuern, das ist jetzt die Frage ... Egal, sie würde das unscheinbare Häufchen abgegriffener Geldscheine auf alle Fälle dazu verwenden, Paul zu hel­fen. Aber es sollte eine kleine Überraschung werden.
Das Wochenende über war Paul sehr bedrückt. Der Umsatz am Samstag war nicht berauschend und gab zu keiner Euphorie Anlass. Agnes sagte aber nur: „Wird schon werden, Paul. Nur nicht aufgeben. Vertrau mir, es wird alles gut.“
Am folgenden Montag standen Agnes und Paul gemeinsam in ihrem Stand und ver­kauften fleißig. Aus irgendwelchen Gründen hatten sie einen ausnehmend guten Tag und viel zu kassieren. Gegen zehn Uhr war der städtische Beamte grinsend zur Stelle. Wie enttäuscht war er jedoch, als ihm Agnes ein Bündel Geldscheine unter die Nase hielt und ihn aufforderte: „Zählen Sie nach!“
Tatsächlich, haargenau 380 Drachmen. Na also!
„Und übrigens heißt es: manus manum lavat“, fügte Agnes mit unverhohlener Genugtuung hinzu.
Wortlos stellte der Beamte die Quittung aus, dann entfernte er sich grußlos. Er hatte offensichtlich nicht das Bedürfnis, länger als unbedingt nötig zu verweilen. Schon wollte ihm Agnes: „Mistkerl!“ oder etwas Vergleichbares hinterherru­fen, aber das schickt sich für eine Prinzes­sin nicht. Also strafte sie den Beamten mit Contenance.
„Du Agnes“, hörte sie da auch schon Paul neben sich, der sie mit verschränkten Ar­men etwas misstrauisch musterte. „Also du kannst einen wirklich immer wieder überra­schen. Woher haben wir denn eigentlich so viel Geld?“
„Lass es mich folgendermaßen ausdrücken: Branchenübergreifende Geschäftsaktivitäten erschließen durchaus neue Märkte und damit zusätzliche Umsatzquellen. Und ... tja, Paul, bist du dir ganz sicher, dass du darüber hi­naus Näheres wissen willst?“
„Schon gut, schon gut.“ Kein Mensch muss alles wissen.


Strategische Besprechung der Königsfamilie. Ir­gendwie kam die Rede auf die Ar­mut. Heinrich war gerade am Wort: „Faul sind diese Proleten und können tun sie auch nichts. Dauernd leben sie von der staatlichen Fürsorge, oder anders gesagt von uns, nicht? Und dafür stellen sie auch noch Ansprüche! Was für eine Sauerei!“
Der König hielt entgegen: „Ich hoffe nur, dass es tatsächlich so einfach ist. Die Links­liberalen machen uns dafür verantwortlich.“
„Das wäre ja noch schöner! Kommt gar nicht in Frage. Jeder ist seines Glückes Schmied“, entgegnete Heinrich stolz auf seine Weisheit.
Die Königin ergänzte im Brustton der Überzeugung die Klugheit ihres Sohnes: „Nur Neid und Missgunst. Arme Leute hat es immer und überall gegeben. Das wird auch weiterhin so sein. Also wird es schon seine Richtigkeit haben.“
Andreas von Löwenstein warf im Namen des Geheimdienstes ein: „Mag alles sein. Aber mir sind solche Überlegungen zu sphärisch. Ich finde, wir sollten es nicht übertreiben. Die Stimmung in der Bevölkerung möchte ich mit einem ko­chenden Wassertopf verglei­chen. Dauernd halten wir nur den Deckel drauf. Wir sollten alles unternehmen, damit die Lage nicht eskaliert. Ich fürchte, das ist der Punkt, den wir nicht übersehen dürfen.
Armut und Arbeits­losigkeit sind die stärksten Ursachen für den Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung. Die Frage ist nur, wann das Volk bereit ist, ge­walttätig zu werden. Man hat das 1792 schon einmal er­lebt. Und dann die Oktoberre­volution 1917 im alten Russland.“
Der König erwiderte: „Ich hab's. Eine Imagekampagne muss her. Wir verkaufen unsere Leistun­gen gegenüber der Bevölkerung zu wenig. Man muss es den Leuten klar machen, dass es ih­nen im Vergleich ohnehin noch gut geht.“
Ruckartig erwachte die Großmutter aus ihrem Halbschlaf und sagte: „Egal was ihr beschließt, lasst uns nur einführen, was wir seit mindestens zehn Jahren erfolgreich praktizieren.“
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Ich schreibe, also bin ich.
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BeitragVerfasst am: 12.02.2008, 09:02    Titel: Ein Hund tritt in den Saal 2. Kapitel / 4. Teil Antworten mit Zitat

Zwei Tage später meldete der Sender „Freie Heimat“ in den Abendnachrichten: „Der abschließende Untersu­chungsbericht über die verschwundenen Waffen wurde heute veröffentlicht. Daraus geht hervor, dass die Waffen infolge ihres Alters ver­schrottet worden waren. Ein Com­puterfehler hatte jedoch die korrekte Aufzeichnung des Vorganges durch die Behörden verhindert, wodurch der Eindruck entstanden war, die Waffen seien möglicherweise un­rechtmäßig ent­wendet worden. Damit wurde auch seitens des Ministeriums für Inneres die offizielle Einstellung des Ermittlungsverfahrens mitgeteilt.“
Mit großer Erleichterung vernahmen es Paul und seine Mitverschworenen in ihrer Höh­le. Unter großer Gefahr hatten sie vor einigen Monaten Infanteriewaffen aus drei De­pots gestohlen. Seit­her hatte Kalchner versucht, durch Fälschung der Computerauf­zeichnungen die Sache zu vertuschen. Nun war es anscheinend gelungen. Alle gratulier­ten Kalchner überschwänglich.
Und weiter hörten die Konspiranten den Sprecher: „Wie heute die oberste Polizeibe­hörde verlautbart hat, muss man neuerdings den Verdacht hegen, dass die heuer im Mai verschwundene Prinzessin Agnes von den in der Zwischenzeit verbotenen Links­liberalen gekidnappt worden ist.“
„Sauerei!“ - „Frechheit!“ - „Habt ihr schon so einen Unsinn gehört?“, so kommentier­ten die Beschuldigten in einhelliger Entrüstung.
Der Sprecher redete weiter: „Trotz Verbotes scheint die Bewegung immer noch aktiv zu sein. Experten gehen davon aus, dass die Sympathie der Bevölkerung für die Linksliberalen ungebrochen ist. In unregelmäßigen Abständen werden auch weiterhin Prospekte und sonstiges Propagandamaterial zur Volksverhetzung aufgefunden. In diesem Zusammenhang er­bittet die Polizei Ihre Hilfe. Sollten Sie jemanden beobachten, der derlei Schriften ver­teilt oder an gewissen, meist öffentlichen Orten hinterlegt, so melden Sie es bitte der nächsten Polizei­dienststelle.
Jeder Hinweis, der zu einer Festnahme führt, wird mit einer Prämie von 150 Drachmen belohnt. Informationen, die nicht weitergeleitet werden, stehen unter Strafe.“


Dunkel war es in der aufgelassenen Lagerhalle im Hafenviertel auf der Nordseite des Dessino. Durch eines der wenigen nicht zugenagelten Fenster drang das Licht des Vollmondes herein ...
Sabine saß in ih­rem Schutzkreis, seidene Kleidung an. Mit Kreide hatte sie das Siegel Odram­miels und andere magische Zeichen auf den Bo­den gemalt. Direkt vor ihr stand ein Pa­ravent, dahinter zwei tote Katzen, die dem Dämon Odrammiel helfen sollten, sich kör­perlich zu manifestieren. Links und rechts ne­ben dem Schutzkreis brannten spezielle Räucherungen, die Odrammiel nach der Überlieferung besonders liebte. Unablässig murmelte Sabine ihre Beschwörungsformeln.
Nach einer knappen Stunde schien sich der Raum zu verfinstern. Ein strenger Ge­ruch begann sich auszubreiten. Hinter dem Paravent meinte Sabine beunruhigende Geräusche zu hören. Sabine kompensierte die aufkommende Unsicherheit mit erhöhter Lautstärke ihrer Beschwörungsformeln. Zu guter Letzt rührte sich etwas hinter dem Pa­ravent ...
Sabine klopfte das Herz bis zum Hals. Was würde ihr in den nächsten Momenten begegnen? Mühsam unterdrückte sie die aufkommende Angst ... Dann war es so weit! Ein Mann Anfang vierzig trat hervor, tadellos ge­kleidet in einem grauen, top­modischen Flanellanzug, die schwarzen Lederschuhe blitz­ten nur so vor Sauberkeit. Auf dem Kopf ein eleganter Hut. Alles in allem eine ge­pflegte, äußerst kultivierte Er­scheinung, kurzum, das Letzte, was Sabine erwartet hätte. Erleichtert atmete sie auf.
„Darf ich mich setzen?“, wollte der Fremde wissen.
„Gewiss doch“, gab Sabine zur Antwort, die inzwischen ihre Rezitationen beendet hatte. Odrammiel setzte sich an einen Tisch, der in rund drei Metern Entfernung rechts von Sabine unter einem Fenster stand.
„Ich würde es begrüßen, würdest du dich zu mir an den Tisch setzen. Es plaudert sich auf diese Weise doch viel gemütlicher, findest du nicht?“
Den Schutzkreis verlassen? Sehr gefährlich. Als habe Od-rammiel ihre Bedenken er­raten, sagte er mit einem leicht spöttischen Lächeln: „Sei versichert, dein alberner Schutz­kreis entspricht ohnehin nicht der Überlieferung. Damit ist er wirkungslos. Sieh mal.“
Damit trat er näher, blieb aber außerhalb des Kreises stehen. Unwillkürlich zuckte Sabine zurück. Odrammiel bemerkte es mit einem nachsichtigen Lächeln. Er zeigte auf eines der Symbole.
„Dieses Zeichen da hast du verkehrt herum aufgemalt. Und das daneben gehört mehr in die Länge gezogen. Aber das ist jetzt auch schon egal. Du bist sicher vor mir, solange mich deine Gegen­wart gut unterhält. Das verspreche ich dir.“
Wie unter Zwang verließ Sabine den Schutzkreis und setzte sich dem Dämon gegen­über an den Tisch.
„Du hast mich gerufen. Warum?“
„Um ehrlich zu sein, habe ich mir einen Dämon etwas anders vorgestellt.“
„Oh, gefällt dir mein Hut nicht?“ Odrammiel griff mit Zeige- und Ringfinger der lin­ken Hand auf seine Kopfbedeckung. Augenblicklich verwandelte sich diese in eine blaue Kasperlmütze mit Tupfen. Mit Mühe unterdrückte Sabine das Lachen. Trotz seines nun­mehr lächerlichen Erscheinungsbildes hatte sie großen Respekt vor diesem Wesen. Sie wagte Odrammiel nicht einmal zu duzen.
„Nein, nein, Sie verstehen mich falsch. Das habe ich nicht gemeint. Eher den Ge­samteindruck.“
„Ach ja, ich weiß, was du meinst. Ich hätte dir auch in einer der traditionellen Gestal­ten, furchterregend und grauenvoll, erscheinen können. Aber das hätte dich er­schreckt und damit die Qualität unserer Kommunikation schlecht beeinflusst. Außerdem wäre ich nicht einer der mächtigsten Fürsten, wenn ich es nötig hätte, eine Wäschereiar­beiterin zu erschrecken.
Da staunst du, was ich alles von dir weiß, nicht wahr? Kommen wir zur Sache: Um was geht es denn?“
„Nun, als Höllenfürst sind Sie sicher sehr beschäftigt. Ich will daher Ihre kostbare Zeit nicht über Gebühr beanspruchen.“
Das gefiel Odrammiel: „Sehr lobenswert, sehr lobenswert ...“
„Das Schicksal oder wer auch immer, hat gewollt, dass ich zu den armen Leuten gehöre. Andere leben im Überfluss und schmeißen das Geld mit vollen Händen zum Fenster hinaus, nur weil sie in die richtige Familie hineingeboren wurden. Mit persönlichem Verdienst hat das nicht das Geringste zu tun. Das ist zutiefst ungerecht. Ich will mir das nicht mehr gefallen las­sen. Viele meiner Freunde meinen, man könne das irgendwann einmal durch Reformen ändern, andere drängt es nach ei­ner Revolution. Aber weder das eine, noch das ande­re wird jemals erfolgreich sein, wenn es überhaupt stattfindet. Nicht umsonst heißt es: Entweder man ist auf der richtigen oder der falschen Seite des Dessino geboren.
Ich glaube, man sollte danach trachten, Anschluss an die Welt der Reichen zu erhalten. Dazu bedarf es für so je­mand wie mich eines, eines ... ich weiß gar nicht, wie ich mich ausdrücken soll, eines Wunders, möchte ich fast sagen.“
„Und das soll ich vollbringen?“
„Wäre es denn möglich?“
„Natürlich, kein Problem. Aber was erhalte ich an Gegenleistung?“
„Ich dachte, der übliche Lohn für die Hilfe eines Wesens Ihrer Art ist es, ihm die eige­ne Seele zu überschreiben, damit sie ihm im Jenseits dient.“
„Ich weiß, das war über Jahrtausende so ehrwürdige Tradition. In der Zwischenzeit haben sich so viele Seelen angesammelt, dass wir Fürsten keine mehr brauchen. Wir haben wirklich so viele dienstba­re Geister um uns, die alles, was du für mich nach deinem Tode tun könntest, zehnmal besser erledigen. Schließlich arbeiten die meisten bereits seit einer halben Ewigkeit für uns. Nichts für ungut, meine Liebe, ich fürchte, du würdest einfach nur im Wege stehen.
Davon abgesehen wärest du den Rest deines Lebens damit beschäftigt zu überlegen, wie du mich austricksen kannst. Nein, wir müssen uns schon etwas anderes ein­fallen lassen.“
Damit schwieg er für eine Weile. Offenbar dachte er angestrengt nach. Die Spitze der Kasperlmütze hing ihm über die rechte Wange bis unter die Kinnspitze. Bei jedem an­deren Gesprächspartner hätte Sabine hellauf gelacht, aber bei einem Dämon, der in der Hierarchie direkt hinter Satan kam, schien ihr Zu­rückhaltung angebracht. Weiß der Teufel, welche Kräfte ein wütender Dämon entfesseln konnte und ob sie dann immer noch Herrin der Lage bleiben würde. Zur Sache selbst sagte sie nichts. Was wusste sie schon von den Bedürfnissen eines solchen Wesens? Wie hätte sie ihm also einen auch nur annähernd akzepta­blen Vorschlag machen können?
Nach einigen Sekunden gab sich Odrammiel einen Ruck: „Ich brauche eine Frau. Sie soll mit mir das letzte Geheimnis des Lebens selbst zele­brieren, nämlich seine Entstehung. Siehst du dich darüber hinaus?“
Der Dämon wollte also mit ihr ins Bett! Du meine Güte, hoffentlich ließe sich das ver­hindern.
„Aber gibt es denn keine Frauen bei Ihnen, in der Hölle, äh, ... ich meine, dort, wo Sie eben herkommen?“
„Oh ja, mehr wie genug. Und viele sind wunderschön. Ich möchte dich nicht beleidi­gen, aber gegen die meisten bist du einfach eine graue Maus. Aber sie alle haben sich vom Prinzip des Lebens abgewandt. Das ist ja der Grund, warum sie dort sind, wo ich herkomme. Wie nennst du das? Hölle? Gut, dann sagen wir eben Hölle. Abgesehen davon sind es seit Tausenden von Jahren die gleichen Frauen. Sie hängen mir schon lange zum Hals hinaus. Ich mag schon gar nicht mehr. Verstehst du das?“
„Ehrlich gesagt, das mit der Gewöhnung schon, das andere nicht so ganz. Ich wäre Ihnen dankbar, könnten Sie sich ein wenig konkreter ausdrücken.“
Das hatte sich Odrammiel gedacht. Vielleicht war es Zeitverschwendung, sich einem derart spirituell unterentwickelten Wesen gegenüber zu setzen. Andererseits war er in den letzten Jahrhunderten nicht mehr oft beschworen worden. Nicht nur, dass dieser Um­stand seine Eitelkeit kränkte, war er doch der Ansicht, über eine Unmenge an Macht und Wissen zu verfügen, es war auch eine Prestigefrage. Je begehrter ein Wesen sei­ner Art bei den Menschen war, desto größeres Ansehen genoss es im Großen Rat. Und überdies verringerten sich auch die Gelegenheiten, das letzte Mysterium des Lebens zu erforschen.
Der Dämon fuhr fort: „Seit Anbeginn an beschäftigen wir Höllenfürsten uns mit Zerstörung, Tod und Ver­nichtung. Wir haben alles daran gesetzt, um das Leben zu zerstören und in der Tat, wir haben ganze Völker untergehen lassen. Mit Freude sahen wir zu, wie ganze Landstri­che entvölkert wurden. Wie oft haben wir Liebe in Hass verwandelt, Freunde wurden zu erbitterten Geg­nern, weil wir das betrieben haben. Und jede Bäuerin, die am Arsch der Welt ein Kind gebiert, bringt damit wieder Lachen, Lebensfreude und Optimismus in die Welt.
Und ir­gendwann ein­mal müssen wir erneut dagegen antreten. Das ist geradezu widerwärtig.
In der Zwischenzeit habe ich mich schon damit abgefunden, dass wir den Kampf nie ganz gewinnen werden, aber wenn es schon so ist, möchte ich wissen warum. Und das Geheimnis, so wie ich das sehe, wurzelt in der Umarmung von Mann und Frau. Hier möchte ich der Sache auf den Grund gehen. Vielleicht gelingt es mir heute, zusammen mit dir.
Als meine Gegenleistung statte ich dich mit magischen Mitteln und Artefakten aus, die dir sogar mehr ermöglichen, als nur den Zutritt zu der Welt der reichen Leute. Allerdings, mit einem Wesen wie mir so tief in die Welt der Geheimnisse vorzudringen, ist etwas anderes als mit einem menschlichen Mann. Ich frage dich noch einmal: Fühlst du dich stark genug?“
„Ach was, lass ihn doch einfach, mach' die Augen zu und warte, bis es vorbei ist“, dach­te sich Sabine. Egal, was Odrammiel in diesen wenigen Minuten finden würde, seine Geschenke würden ihr für den Rest des Lebens helfen. Nie mehr wieder arm, für immer reich, war es das nicht wert?
„Ja.“
Im nächsten Augenblick war die Welt in magisches Blau getaucht. Odrammiel schien verschwunden. Sabine merkte, dass sie sich in einer horizontalen Lage befand, nackt, die Schenkel weit geöffnet. Ein unsichtbares Wesen beugte sich über sie und drang in sie ein.
Unendliche Wollust überströmte sie ... Doch zugleich eröffneten sich ihr Visionen unbekannter Welten, einge­taucht in Schwermut und Düsternis. Sie folgte ihrem Liebhaber in steile, neblige Schluchten, in Sümpfe, über denen giftige Methanschwaden zogen. Sabine schwebte zwischen bizarren Felsformationen, die von Weitem an versteinerte Ungeheuer in der Stunde ihres Todes gemahnten, vorbei an verkrüppelten Bäumen. Bedrohlich reckten diese ihre Äste grotesken Fingern gleich in die Luft ... Es war wie zum Zeichen: Das Böse ist hier!
Sabine hörte dort ihre eigenen Atemzüge, wie der Wind, der über eine menschenleere Einöde streicht oder zwischen verlassenen Häusern in der Tiefe der Nacht. Sie nahm ihr eigenes Stöhnen wahr, wie es einmal näher, das andere Mal ferner lang gezogen durch diese Welten geisterte.
Sabine hatte längst jedes Zeitgefühl verloren ... Irgendwann einmal entlud sich das Wesen in und über ihr mit viel animalischem Gebrüll in ihren Unterleib. Doch klang es wie ein Schrei nach Erlösung ... Wie Feuer brannte der Same ih­res Lieb­habers. Sabine wurde ohnmächtig ...


Samstagnachmittag. Paul klopfte an Agnes' Tür. Als sie öffnete, fragte er: „Der Vor­garten. Du weißt doch, wie ungepflegt er ist. Selbst dieses karge Gestrüpp will gepflegt sein. Hast du nicht Lust auf ein wenig Gartenar­beit? Das Jahr ist schon fortgeschritten und ich hätte gerne vor dem Herbst rund um das Haus noch ein bisschen Ordnung gemacht.“
Wirklich Lust hatte Agnes zwar nicht. Aber erstens war ihr ohnehin langweilig und zwei­tens, warum denn nicht? Also gingen sie zuerst über den Vorgarten. Straßenseitig ist das auch ein bisschen ein Imageproblem, so hatte Paul gemeint. Wenn einem das Glück schon eines der wenigen Plätzchen bescherte, an denen noch irgendetwas wuchs und sei es noch so verkümmert, dann sollte man es auch schätzen und pflegen, so argumentierte Paul. Wieder notierte Ag-nes einen Pluspunkt.
Agnes war gerade da­bei mit der Sichel ein widerspenstiges, bräunliches Grasbüschel in einer Ecke unter den Thujen ab­zuschneiden, als sie vier Roboter auf der Straße draußen bemerkte. Zwei hielten ei­nen Mann in ihrer Mitte unter den Achseln eingeklemmt. Wie leblos schleifte er die Füße hinter sich her, der Kopf wackelte vornüber gesenkt. Das Haar hing wirr in das Ge­sicht, sodass von den Gesichtszügen kaum etwas zu erkennen war. Sein zerrisse­nes Hemd war blutgetränkt. Er hinterließ eine Blutspur, die er mit seinen eigenen Füßen unab­sichtlich verwischte. Ein dritter Roboter ging voran und machte den Weg frei, der vierte hintendrein sicherte den Trupp nach rückwärts. Alle waren mit schussbereiten Handfeuerwaffen ausgerüstet.
Paul war herangekommen und beobachtete durch den lebenden Zaun hindurch das Geschehen. Er flüsterte: „Ein Beseitigungstrupp ...“
Erstaunt stellte Agnes fest, dass Paul Angst hat­te. Das also war ein Beseitigungs­trupp in Aktion! Zum ersten Mal in ihrem Leben konnte sie einen solchen Trupp beob­achten. Dabei konnte sich Agnes noch gut erinnern, wie die Königsfamilie vor vier Jah­ren den Einsatz dieser Roboter beschlossen hatte. Otto, der General, als derjenige, der die Maschinen entwickeln hatte lassen, hatte damals in höchsten Tö­nen geschwärmt. Er hatte seine Roboter nicht genug preisen können als die Wunderwaffe schlechthin gegen die Unruhen im Nordviertel, speziell deren Rädelsführer. Andreas war im Namen des Geheimdienstes von der psychologischen Wirkung auf die Bevölkerung, wie er sich wörtlich ausgedrückt hat­te, überzeugt. Ihr Bruder argumentierte für die Inbe­triebnahme der Roboter wegen ihrer voraussichtlichen Effizienz und ihrer moderaten Anschaffungskosten. Und abschließend hatte der General noch grinsend angefügt: „Vergesst nicht das Beste: Sie kennen kein Erbarmen.“
Ja, Erbarmen kannten diese Maschinen wahrlich nicht. Also, um ehrlich zu sein, auch Agnes fürchtete sich. Sie blieb in geduckter Haltung und vermied alles, was auf sie auf­merksam hätte machen können. Kaum, dass sie zu atmen wagte. Auch sonst ließ sich plötzlich auf der Straße möglichst kein Mensch mehr blicken. Auf der gegenüberliegen­den Straßenseite verschwanden zwei junge Männer eilends im Garten. Im Nachbar­haus zog sich ein Mann in den Kellereingang zurück. Konnte sich jemand nicht unauf­fällig verdrücken, ging er schnellstens aus dem Wege und unterließ alles, was den Ro­botern un­gelegen hätte sein können. Allen leuchtete die pure Angst aus den Augen. Wenn Andreas damals mit seiner psychologischen Wirkung in Wirklichkeit Einschüchte­rung oder Ab­schreckung gemeint hatte, dann war die Rechnung voll aufgegan­gen. Wie aber sah die Bevölkerung das? Welche Erfahrungen hatten sie mit diesen Trupps ge­macht?
„Der arme Teufel, den können wir abschreiben“, flüsterte Paul weiter. Inzwischen bo­gen die Beseitigungsroboter mit ihrem Opfer bei einem Eisenwarengeschäft um die Ecke. Nur die Blutflecken da und dort erinnerten noch an das Geschehen. Damit kehrte erneut normales Leben in die Straße ein und Agnes wagte es wieder, mit normaler Lautstärke zu reden.
„Paul, warum geschieht so etwas?“
„Man weiß es nicht genau. Meistens, weil die staatliche Obrigkeit meint, ein Exempel statuieren zu müssen. Manchmal suchen sie gezielt einen. Oft erwischt es jemand von den Linksliberalen, gelegentlich aber auch garantiert harmlose Zeitgenossen. Du weißt schon, Tante Trude auf dem Weg zum Gemüsemarkt. Diese Trupps sind der Höhe­punkt der staatlichen Willkür. Jeden kann es immer und überall erwischen, keiner kann sich wehren. Von den meisten Opfern hat man nie mehr etwas gehört oder gese­hen.
Den Gerüchten zufolge werden die Leute ver­hört, gefoltert und sollten sie das al­les lebend überstanden haben, werden sie meistens im Keller des Schlosses exeku­tiert. Du weißt schon, päng, das Blut spritzt herum und aus ist es mit den Leuten. Im Ausnahmefall nimmt man einen medizini­schen Eingriff im Gehirn vor, damit sich die Betreffenden nachher an nichts mehr erin­nern können und lässt sie dann frei.
Ich ... nein, wir glauben, du bist so ein Fall. Deswegen haben Kurt und ich dir geholfen, deswegen hast du so schnell Freunde gefunden. Wir alle denken, du bist eine von uns und weißt es nicht ...“
Als sie im rückwärtigen Garten waren und sich dort ans Aufräumen machten, wollte Agnes wissen: „Kann man denn da gar nichts machen? Du weißt schon, ich meine die Beseiti­gungstrupps und so?“
„Doch Agnes, es gibt Widerstand. Es gibt. Lass uns für heute Schluss machen. Komm mit, ich lade dich auf eine Jause ein.“
Und so kam Agnes zum ersten Mal in das Haupthaus. Im Erdgeschoss befanden sich neben der Toilette ein Wohnzimmer, eine Küche und ein kleiner Raum, der offen­bar dazu diente, alte Gegenstände zu reparieren. Paul lud Agnes in die Küche ein. Ein Blick in den halb leeren Kühlschrank belehrte ihn, dass er nicht viel anzubieten hatte. Aber es fand sich wenigstens etwas Hartwurst und Käse. Limonade und Schwarzbrot rundete die kärgliche Jause ab.
Agnes, die einen Bärenhunger hatte, langte kräftig, absolut undamenhaft zu. Sie konnte sich nicht erinnern, dass ihr jemals ein Imbiss so gut geschmeckt hatte. Paul sah es schmunzelnd.
„Ich wohne alleine in dieser alten Bude“, erzählte Paul zum ersten Mal von sich selbst. „Bis vor drei Jahren lebten meine Mutter und mein Vater hier. Papa war einer der Gründungsmit­glieder der linksliberalen Bewegung. Mama sagte immer, er solle auf­passen, sonst wür­de es früher oder später ein schlimmes Ende mit ihm nehmen. Dauernd lebte sie deswegen in Furcht. Sie selbst war an Politik nie interessiert.
Eines Tages kam ich nach Hause. Ich war noch auf der anderen Straßenseite und bog dort gerade um die Ecke, als ich einen Beseitigungstrupp sah, der meine Mutter fortschleppte. Du hast vorhin mitbekommen, wie sie das üblicherweise machen. Sie nennen das „ruhig stellen“. Meine Mutter war auch ruhig gestellt. Die Roboter waren noch kaum auf der Straße, da stürzte mein Vater aus dem Haus, eine veraltete Pistole aus dem Krieg in der Hand. Aus Leibeskräften brüllend begann er auf die Roboter zu schießen. Natürlich war das lächerlich. Obwohl er den Blechkübel, der die Nachhut bil­dete, mehrmals traf, drehte sich dieser um, als sei nichts geschehen und schoss mei­nen Vater buchstäblich über den Haufen. Ich höre heute noch die abgeschossenen Patronenhülsen zu Boden fallen. Die Wucht der Einschläge warf meinen Vater rückwärts zu Boden. Als ich heran war, waren die Roboter schon weg. Du hast gese­hen, wie schnell das geht.
Mein Vater lebte noch, ein paar Sekunden wenigstens. Ich kniete mich zu ihm und stützte seinen Hinterkopf mit meiner rechten Hand. Da flüsterte er, während das Blut aus den Mundwinkeln floss: „Jetzt ist alles gut ...“ Im nächsten Augenblick war er tot. Er sagte das so total ehrlich, als habe er nur darauf gewartet, bis ich da war und er in mei­ner Gegenwart sterben konnte. Vielleicht wollte er mich bloß noch einmal sehen.
Im Nachhinein bin ich der Überzeugung, dass er es provozierte, von den Beseiti­gungsrobotern erschossen zu werden. Ohne Mama wollte er einfach nicht mehr weiter­leben. Wie nicht anders zu erwarten war, habe ich von meiner Mutter nie mehr etwas gehört.
Ich kann dir gar nicht sagen, welchen Zorn ich in mir hatte. Wäre mir König Georg gegenüber gestanden, ich glaube, ich hätte ihm die Eingeweide herausgerissen oder ich weiß nicht, was sonst getan. Nach dem Tod meines Vaters gab ich meine eigene kleine Wohnung auf und zog wieder in mein Elternhaus. Seither lebe ich hier als allein stehender ... hähähä Geschäftsmann. Aber ich glaube, meine Stunde kommt schon noch. Jedenfalls arbeite ich daran.“
Da wurde die Prinzessin sehr nachdenklich ...


Als Sabine wieder zu sich kam, fühlte sie sich verändert, ohne dass sie Genaueres hätte sagen können. Aber immerhin war sie in der unheimlichen Heimatwelt Odrammiels nicht zurückgeblieben, sondern fand sich in ihrem Schutzkreis liegend wieder. Die Zeichen, die sie mit so viel Sorgfalt an den Rand des Kreises gemalt hatte, waren ver­wischt und fast nicht mehr leserlich. Die Räucherungen waren ausge­gangen, die Flammen der Kerzen ver­loschen. Durch das Fenster schim­merte das Mor­genrot herein.
Etwas benommen setzte sich Sabine auf. Ihr Unterleib fühlte sich wie taub an. Siehe da! Eine altertümlich anmutende Schatz­truhe stand doch tatsächlich außerhalb des Schutzkreises!
Sabine öffnete neugierig: Ein Spiegel, mehrere Tie­gel, drei schwere, unhandliche Bücher, ein Totenschädel mit einer schwarzen Kerze drauf, eine fünfzehn Zentimeter große Statue eines geflügelten Wesens mit einer abstoßenden Fratze und eine handvoll sonstiger kleinerer Artefakte.
Es war ein ausnehmend befremdliches Gefühl, diese Objekte in Händen zu halten, kamen diese doch aus einer dämonischen Sphäre. Schwer fühlten sich die Bücher an, mit ihren hölzernen Deckeln, beschrieben mit unverständlichen, Furcht erregenden Zeichen in Metall. Als Sabine eines öffnete, bemerkte sie, dass statt Papier Leder mit hellbrauner Musterung verwendet worden war. Die verschnörkelte Handschrift erschien in einer Farbe, die an getrocknetes Blut gemahnte.
Plötzlich, Sabine wusste selbst nicht, wie, war ihr klar, was sie mit den Gegenstän­den tun sollte. Hastig schloss sie den Deckel der Truhe und wollte nach Hause eilen, um dort Od-rammiels Schätze einzusetzen.
„Und wie“, so überlegte sie, „soll ich die Truhe transportieren? Sie hat zwar metallene Griffe auf jeder Seite, aber die sind wohl dazu gedacht, dass einer vorne, ein anderer hinten geht. So groß und unhandlich wie die Truhe ist, schaffe ich das nie und nimmer ohne Hilfe. Ha, da drüben ist ja so ein, so ein, wie heißen die Dinger doch gleich? Ich bin eben nicht vom Fach ... Ach was, egal. Hauptsache, ich kann damit umgehen. Es hat zwei Griffe oben und unten eine Art Schaufel, auf die ich meine Kiste stellen kann, zwi­schen zwei Rädern, dann ziehe oder schiebe ich das Gefährt nach Hause. Was will ich mehr? Hoffentlich hält mein Kreuz das aus. Man möchte nicht glauben, wie die Arbeit in einer Wäscherei die Wirbelsäule beansprucht. Wird schon gehen. Her mit dem ... Ding. Truhe ein wenig aufheben und jetzt ... scheiße, noch ein­mal, aha, so geht das! Und raus mit dem Zeug aus dieser zugigen Halle! Klappt ja besser, als ich befürchtet hatte ...
Oh, sieh da, die ersten Hafenarbeiter ... Guten Morgen, ich weiß, ich mache einen reichlich außergewöhnlichen Eindruck mit meiner Truhe auf dem ... Ding da, fragt mich einmal, was ihr für einen Eindruck auf mich macht! Vier Sklaven auf dem Weg zur Stät­te ihrer Ausbeutung. In drei Stunden bin ich auch auf der Stätte meiner Ausbeutung und wasche dort fremder Leute stinkende Socken, aber nicht mehr lange, das schwöre ich euch ...
Achtung, da sind ein paar Stufen, dass dir die Truhe bloß nicht von der Schaufel rutscht! Du mei­ne Güte, auf der anderen Seite geht es ja wieder hinauf. Und ihr da, ihr alten Pennbrü­der in euren schäbigen Schlafsäcken, ihr meint wohl, eine Unterführung biete euch so etwas wie Sicherheit! Nur weil es nicht hereinregnet. Da habt ihr euch getäuscht! Ihr solltet endlich etwas tun gegen eure Lage. So wie ich! Soso, hinauf geht ziehen besser ... in Ordnung ... und jetzt in die Apfelstraße einbie­gen, vorbei am Bä­cker, bei dem ich manchmal morgens so was Ähnliches wie einen Kaffee trinke. Du wirst mich nicht mehr oft sehen, bald habe ich dich hinter mir und du kannst dein bitte­res Ge­söff in deinen eigenen Schlund hinunterschütten, wenn dir nicht übel dabei wird ...
Und du, du Bettler, du verlässt dich eben auch auf die anderen! Streckst ihnen dei­nen Hut hin in der Hoffnung, dass sie dir ein paar Münzen hineinwerfen. Nimm dein Le­ben in die Hand, verdammt noch mal! Ich weiß schon, du hast es dir nicht ausgesucht, wer sagt schon freiwillig: Ja, ich will meinen Lebensunterhalt durch Betteln bestreiten? Aber das bringt es nicht. Du musst etwas tun! Ich halte zwar nicht viel von den Linksli­beralen, aber das muss man ihnen lassen, sie uternehmen etwas. Sicher, sie tun das Falsche. Sie hän­gen ihren Träumen von sozialer Gerechtigkeit nach. Diese wird es nie und nim­mer ge­ben ... Tagträumer, sage ich, sind das! Nein, nein, entweder du bist auf der richtigen Seite des Dessino geboren oder im Nordviertel ...
Oh verdammt, ich habe ja Rot ... Ist schon gut, musst ja nicht gleich so wild hupen deswegen. Was bin ich froh, dass mir in Zukunft derlei erspart bleiben wird! Dann schleppen die Diener, die Lakaien, solche Leute, wie ihr es seid. Wie sie das machen, wird mich nicht interessieren. Ich warte dann zu Hause, bei einem exquisiten Drink, den mir der Barmensch gemixt hat. Dann könnt ihr mir meinetwegen so eine Kiste vor die Füße stellen. Und wenn ich gut gelaunt bin, spendiere ich sogar Trinkgeld, wenn nicht, haben die halt Pech gehabt. Anschließend genieße ich nur noch den Augenblick des Öffnens ...
Meine Güte, das zieht sich ... Dass ein paar Häuserzüge so weit sein können! Wie die alle schauen! Jaja, gafft nur, aber ich, ich bin euch bald los, und ihr müsst in der Schei­ße weiterleben, das ist der Punkt!
Puh, ich sollte verschnaufen, nur eine kleine Pause einlegen, jetzt sollten fünf Minuten auf dem Gehsteig auch keine Rolle mehr spielen ... Andererseits, jeder Me­ter, den ich hinter mich bringe, führt mich mehr weg von diesem schäbigen, kleinkarier­ten Leben, um das ich nicht gebeten habe, näher zu dem, was mir zusteht. Wohlstand ist ein Menschenrecht und das werde ich einfordern! Ja, das gibt mir Kraft! Auf geht's, nur keine Müdigkeit vorschützen ...
Da ist ja auch schon mein Zeitungsstand, jetzt kann es nicht mehr lange dauern ... Wie toll diese Weiber auf den Titelbildern aussehen. Eine graue Maus hat mich Odram­miel genannt. Er hat ja Recht! Aber es wird nicht so bleiben. Die Männer werden sich nach mir umdrehen, sie werden Schlange stehen mit mir tanzen zu dürfen! Dank der kleinen Helferlein in dieser Truhe werde ich dafür sorgen, dass ich auch tanzen kann. Keine der reichen Da­men wird so angeregt plaudern können, keine wird so hinreißend aussehen, keine wird mehr um­schwärmt sein. Genießen werde ich es, im Mittelpunkt zu stehen. Dann ist es vorbei mit der grauen Maus, denn ich werde Geld haben, schön sein und neue Bandscheiben sind dann auch kein Problem. Dann pfeife ich auf euch alle.
Oh nein, ich mache euch keinen Vorwurf, ihr könnt genauso wenig dafür wie ich, dass ihr hier im Nordviertel vor euch hinvegetieren müsst, weil leben kann man das wirklich nicht nennen, aber für mich ist es schon bald vorbei. Ein Haus im Südviertel! Mit viel Garten rundum. Und wehe, der Gärtner verpfuscht was! Diener sorgen für mein leibliches Wohlergehen, von einer Party zur anderen werde ich schweben. Small Talk mit einer befreundeten Schauspielerin oder einer Künstlerin. Eine der ganz Großen, natürlich ... An Geld kei­nen Gedanken mehr verschwenden müssen. Geld hat man, darüber redet man nicht. Bald, sehr bald schon ...
Und was sehe ich denn da drüben? Alpi-Diskont, vermutlich die 23497. Filiale, gleich daneben Doppelplus, die beiden Tempel für den Einheitsbrei des kleinen Volkes! Ihr könnt euren unappetitlichen Fraß künftig an wen anderen verscherbeln, ich werde mir mit euren Dosen nicht mehr den Magen verderben. Künftig wird gespeist, oh nein! getafelt, fürstlich und ausgiebig. An euch werde ich nur noch denken, sollte ich zu viel gegessen haben und kotzen müssen ...
Ah, da ist ja schon mein Haus. Wurde auch Zeit! 53 Wohnungen drin, eine davon im zweiten Stock ist die, die ich gemietet habe. Niemand sollte in so einem deprimierenden Kaninchenbau leben müssen! Aber für mich ist das ohnehin in Kürze vorbei ... Hinein in den Lift, und dann ein bisschen verschnaufen ... Was, er geht wieder einmal nicht? Verdammte Sauerei! Jaja, das Geld, dauernd sagt die Hausverwaltung in solchen Fällen, dass kein Geld da ist. Hängt mir schon zum Hals raus! Dann muss es halt über das Treppenhaus gehen ... Meine Güte, die Hausmeisterin, wie immer mit bunten Plastiklockenwicklern! Wenn du wüsstest, wie dämlich du damit aussiehst! Du denkst wohl, du tust deiner Visage einen Gefallen, wenn du dir Locken in das Haar machst? Wie lächerlich! Du könntest dir Spaghetti mit Knoblauchsoße ins Haar schmieren, würde es keinen kümmern. Ich kann dir gar nicht sa­gen, wie froh ich bin, wenn ich dich nicht mehr sehen muss!
Puh, ich bin ganz schön außer Atem, aber was soll's ... Zwei Stufen noch, dann um die Ecke ... Da ist auch schon meine Wohnungstür ... Verflixt und zugenäht, der Schlüssel, ich sollte ihn doch einmal reparieren lassen. Aber nein, das rentiert sich nicht mehr. Es ist sicher eine der letzten Male, in denen ich ihn brauche. Bei uns stinkreichen Leuten geht das ja ganz anders. Äh, wie eigentlich? Machen das die Diener oder geht das automatisch? Trete ich einfach vor die Tür und sage: Aufmachen, aber ein bisschen plötzlich ...? Keine Ahnung. Schön, ich lasse mich überraschen ...
Na also, ich habe es ja doch geschafft, endlich ist offen! Hinein in dieses unwürdige Loch mit seinen 25 Quadratmetern, mit seinem abgetretenen Teppichboden und der Klospülung, die dauernd rinnt. Nicht zu vergessen die Fenster, durch die es im Winter zieht wie im berühmten Vogelkä-fig ... Hier kann in Bälde jemand anders hausen. Schnell die Kiste aufmachen! Jaaaa, das sind die Gegenstände, die ich gebraucht habe. Nur kurz nachlesen, wie ich damit umgehen muss ...
Ich habe es so satt, dieses demütigende Leben. Sehr bald ist alles anders ... Und ich schwöre, bei allem, was mir hei­lig ist: Nie mehr arm, nie mehr wieder arm ...!!“


Samstag, 20.00 Uhr. Ball im Königsschloss. Baronesse de Mercedes war der ge­sellschaftliche Mittelpunkt. Keiner hatte zuvor etwas von einer Baronesse de Mercedes ge­hört, aber dem Outfit nach musste sie schwerreich sein. Keine der anwe­senden Da­men konnte so angeregt plaudern, keine sah so hinreißend aus, keine wurde so um­schwärmt. Die Männer standen Schlange, um mit ihr tanzen zu dürfen. Da wurde selbst Prinz Heinrich, der Königssohn, aufmerksam. Als er die Baronesse zum Tanze einlud, musste diese niesen.
„Hatschi!“
Keiner sah das bläuliche Pulver, das die Baronesse Prinz Heinrich für den Bruchteil einer Sekunde in das Gesicht sprühte. Galant führte er sie auf die Tanzfläche. Schon nach dem ersten Walzer war es um ihn geschehen. Er fühlte sch wie verzaubert! War der Prinz doch Junggeselle und suchte ohnehin seit geraumer Zeit nach einer Frau, die seiner würdig war ...
Gegen Ende des Balles wurde die Verlobung verkündet. Damit begannen die be­rühmten sieben Nächte des Samakutra, ein obligatorisches Ritual, das traditionell einer Vereheli­chung im Herrscherhaus voranging.
In der ersten Nacht saßen Sabine und Heinrich nur nebeneinander, ohne sich zu be­rühren. Sie tranken leichten Wein, scherzten ein wenig und durften sich gegenseitig ausziehen.
In der zweiten Nacht war es zusätzlich erlaubt, dass sich Heinrich und Sabine küssten. In der dritten Nacht durften sie auch darüber hinaus gehen. Und so ging es weiter. Die Verlobten sollten sich von Nacht zu Nacht mehr kennen lernen, allerdings ohne sich zu vereinen. Die Tage dazwischen mussten sie in getrennten Räumlichkeiten verbringen. Den krönenden Abschluss des Rituals bildete die siebente Nacht, die zugleich die Hochzeitsnacht war.
Mit Prunk und Glorie war die Hochzeit abgehalten worden, die Gäste huldvoll entlas­sen. 23.30 Uhr im Schlafzimmer des jungen Brautpaares. Als sich Prinz Heinrich aus­zog, bemerkte seine Frau für einen kurzen Moment einen blauen Dunst seinem Munde entweichen. Oh je, der Zauber war verflogen!
Prinz Heinrich schüttelte den Kopf, als er­wache er aus beunruhigenden Träumen oder befreie sich frühmorgens von den letzten Resten des Schlafes. Total befremdet sah er seine Gattin an.
Mit belegter Zunge sagte er: „Kann es sein, dass wir heute geheiratet haben? Oder habe ich das nur geträumt?“
„Aber Liebling, du scherzt. Natürlich haben wir vor wenigen Stunden geheiratet, das ist unsere Hochzeitsnacht. Und nun komm und lege dich zu mir. Du wirst sehen, ich werde dich glücklich machen.“
Dabei dachte sie an das blaue Pulver, und wo es wohl unter all den Sachen hinge­kommen sein mochte. Aber sie konnte ihrem Ehemann nicht auf Dauer alle paar Tage eine Prise Zauberpulver ins Gesicht schütten. Irgendwann kam sowieso die Ernüchte­rung. Wichtig war nur, dass sie zu diesem Zeitpunkt bereits Heinrichs rechtmäßig angetraute Ehefrau war und damit ihr bisheriges Leben ein für alle Mal hinter sich lassen konnte. Und das war ja schließ­lich der Fall. Wenn sie es ihm überdies im Bett recht fein machen würde, würde er sich über kurz oder lang schon arrangieren.
Heinrich saß einfach nur da und war fassungslos. Er konnte sich all das nicht erklä­ren. Dann sagte er: „Wer immer du auch bist, höre mich an. Ich habe keine Ahnung, was in mich gefah­ren ist, dass ich mich jetzt in dieser Lage wiederfinde. Du weißt wahrscheinlich genau wie ich, dass eine Scheidung undenkbar ist. Aber du sollst wissen, mein Trieb richtet sich nach meinen Geschlechtsgenossen, nicht nach euch ... Weibern! Insofern ist es mir egal, wer meine Ehefrau nach außen ist, in Wahrheit interessiert mich der Dienst­fahrer mehr als du. Ich brauche für die Öffentlichkeit eine repräsentative Frau neben mir, das ist alles. Immerhin siehst du recht passabel aus, wenn du geschminkt bist.
Das Volk und die Tratschweiber wollen einen Thronnachfolger, das muss dir klar sein. Das gehört zu deinen Pflichten. Woher du ihn nimmst, ist mir egal.
Du sollst ein angenehmes Leben haben als meine Ehegattin in Ehren und Würden und vor allem kannst dir in das Bett holen, wen auch immer. Es ist mir egal, aber lass mich zufrieden. Ich gehe meinen Weg, du den deinen. Wenn du mit diesem Arrangement einverstanden bist, soll es mir recht sein.“
Verdammt noch einmal, das war ja wie in der Lotterie! Du machst dein Los auf und „Leider nicht“ grinst dir höhnisch entgegen! Sabine fühlte sich von Odrammiel betrogen. Aber streng genommen hatte er ihr nur den Eintritt in die feine Gesellschaft versprochen, nicht, dass sie für den Rest des Lebens glückliche Ehefrau sein würde. Sabine kam zum ersten Mal der Verdacht, dass beides nicht ein und dasselbe war. Und wenn sie es recht be­dachte, war ihr Hein­rich eigentlich nicht einmal sympathisch. Wenn sie mit ihm nicht ins Bett musste, um so besser.
Beherzt fasste sie ihren Ehemann an den Händen und sagte: „Aber Liebling, wenn es dir so lieber ist, dann bin ich natürlich einverstanden. Haupt­sache, du bist glücklich mit mir.“


Wie meistens wachte auch heute Agnes alleine über den Stand. Gegen Mittag tauchte eine junge Frau vor ihr auf, die ihr die Hand reichte und sich als „Birgit“ vorstellte. Ungeschminkt und ohne laszives Outfit hätte Agnes sie nur schwerlich wie­dererkannt.
„Deine Provision, Agnes“, sagte Birgit und übergab Agnes ein Kuvert mit fast 700 Drachmen.
„Oh“, entfuhr es Agnes, die in den letzten Monaten nicht mehr so viel Geld auf einem Hau­fen gesehen hatte, „ist das dein Ernst?“
„Ja, Prinz Klaus kommt seither öfter vorbei. Nimm es ruhig, es ist sein Geld. Ihm tut es nicht weh, auch wenn er mehr wie das Doppelte zahlt, ich bin es gewöhnt und dir hilft es wahrscheinlich.“
Damit war sie wieder weg. Agnes ließ versonnen den Stapel mit den Geldscheinen durch die Finger gleiten. Was ist das nur für eine seltsame Ressource? Geld war wie das Blut in den Adern, es machte die meisten gierig, manch einen sogar kriminell. Es konnte genauso glücklich wie unglücklich machen. Das meiste im Leben drehte sich um diese Ressource und vor allem, wie sie zu erlangen war. Geradezu unheimlich. Geld hatte die Macht, Leben zu vernichten, obwohl andererseits auch kein Leben ohne Geld denkbar schien. Zu viel und zu wenig davon schien Agnes gleicherma­ßen ein Quell von Krankheit, zumindest im spirituellen Sinne, zu sein, oft auch im kör­perlichen ... Da war noch viel mehr an Geheimnissen um diese Ressource, als man ihr auf der Uni beigebracht hatte. Da war etwas von ..., ja, von Magie dabei ...
Agnes stellte mit Erstaunen fest, dass sie zu Geld eine gänzlich neue Beziehung hat­te. Plötzlich war es ihr klar, wie hoch dieser Betrag in Wirklichkeit war, zu­mindest für so jemand wie sie. Was aber machte so jemand wie sie mit derartig viel Geld? Da kam ihr eine Idee ...
Kaum sperrte der Trödelmarkt heute zu, fuhr sie mit der U-Bahn ins Südviertel, ging in das nächste Modegeschäft der Firma „Hectriss“ und kaufte sich eines der hübschen Kleider in Aktion. Die Kassiererin erklärte ihr, während die Kassa das Geld automatisch nachzählte und dabei gleich auf gefälschte Scheine überprüfte, herablassend: „Und bevor ich es vergesse: Prinzessin Agnes hat bei uns gekauft. Der Rock, den sie angehabt hatte, kurz vor ihrem Verschwinden, er war natürlich aus unserem Hause.“
„Ach so, ja dann.“
Zu Hause zog Agnes das Kleid in aller Eile an. Es saß wie angegossen. Sie fühlte sich herrlich darin. Plötzlich fiel ihr ein, dass sie immer noch eine Prinzessin war. Sorgfältig prüfte sie ihr Dekolleté im Spiegel. Zeigte es zu viel von ihrer Brust oder viel schlimmer noch, zu wenig? Ein gelungenes Dekolleté ist wie eine erfolgreiche Speisekarte, sagt man. Macht Lust aufs Essen, ersetzt es aber nicht. Mit einem Mal wurde Agnes bewusst, dass sich ihre rech­te Hand über dem Schamhügel befand. Dann klin­gelte sie bei Paul.
„Paul, ich lade dich heute Abend auf einen Tee ins Attika ein.“ Zu viel mehr würde das ver­bliebene Geld nicht reichen.
Paul blieb zuerst einmal der Mund offen. Sicher, eine wirklich schöne Frau kann die ärgsten Fetzen anziehen, sie wird damit gut aussehen, aber Agnes' Outfit schlug wirklich alles. Sie hatte Geschmack und sah umwerfend aus. Paul ertappte sich beim Schlu­cken.
„Ins Attika? Das ist doch so ein typischer Nobelschuppen im Südviertel?“
„Ja, sicher. Gehst du nicht gern dorthin?“
„Keine Ahnung, ich war noch nie da. Ich bin nicht einmal sicher, ob ich über passen­de Garderobe verfüge. Wenn du mir vielleicht helfen möchtest? In Fragen des guten Ge­schmacks bin ich einfach nicht so bewandert.“
Pauls Kleiderschrank war in modischer Hinsicht ein schlichtweg schauerlicher Ab­grund. Altmodische, billige Kleidungsstücke fanden sich nachlässig eingeräumt, kaum ein Hemd war ordentlich zusammengelegt. Das eine Stück die noch größere Enttäu­schung als das andere. Kurzerhand telefonierte Paul und lieh sich einen Anzug von Kurt. Eine Viertelstunde später war Kurt mit seinem prächtigsten Anzug zur Stelle. Er war zwar eine Nummer zu groß, aber auch egal. Lieber zu groß als zu klein, kommentierte Agnes.
Dergestalt gewandet fuhren sie ins Südviertel. Umständlich, weil aufgeregt, parkte Paul seinen alten, klapprigen Wagen zwischen den Luxuslimousinen der anderen Gäs­te ein. Zwei livrierte Diener vor dem Eingang, Angestellte aus dem Nordviertel, sahen es mit unverhohlenem Stirnrunzeln. Die beiden Gäste kümmerte es nicht.
Tatsächlich, Agnes' Lieblingsplatz am Fenster, mit der ihr ehemals so vertrauten Ansicht zum Königsberg, war noch frei. Paul und seine Begleiterin setzten sich und nahmen die Speisekarte entgegen. Wie erleichtert atmete da Agnes auf! Wie gut es doch war, wieder einmal hier zu sein. Seltsam, als sie hier noch ein und aus ging, als sei es ihr Wohnzimmer, war es für sie nicht annähernd so bedeutsam gewesen, hier zu sitzen. Wie schnell hatte sich doch al­les gewandelt!
Agnes sagte: „Sieh nur Paul, von hier aus kann man sogar die Veranda der Prinzessin erkennen.“
Wie schwärmerisch glänzten ihre Augen! Oha, woher wusste Agnes derartige Details? Immerhin hatte sie ja vor Monaten das Gedächtnis verloren. Doch bevor sich Paul die­ser Frage näher widmen konnte, trat ein Mann, den Agnes bestens als den Geschäfts­führer kannte, unauffällig an ihren Tisch heran.
„Entschuldigung, die Herrschaften, Junggraf Roderick von Seidelstein ist soeben eingetroffen.“ Damit gab er mit seiner Körperhaltung den Blick auf einen reichen Bengel, wie sich Paul aus­gedrückt hätte, frei. Der reiche Bengel stand etwas abseits in der Nähe des Einganges und betrachtete gelangweilt seine Fingernägel. Agnes verspürte zwar den Impuls, ihren ehemaligen Kommilitonen zu begrüßen, hielt sich aber zurück.
„Ach ja?“, erwiderte Paul. „Toll!“
„Der Junggraf belieben gewöhnlich diesen Tisch hier zu benützen. Ich möchte Sie bitten, ... vielleicht ... hmm, da drüben Platz zu nehmen.“
Er zeigte auf einen Tisch in der Nähe zum Kücheneingang. Links und rechts gingen dauernd Leute vorbei, aus der Küche wehten die verschiedensten Gerüche heraus. Das war ein absolut unattraktiver Platz, im Verhältnis natürlich.
Paul, dem langsam die Zornesröte ins Gesicht stieg, erwiderte: „Warum bitten Sie nicht den Grafen, woan­ders zu speisen? Zum Beispiel da.“
Und schon zeigte er auf einen Tisch in der anderen Richtung, der sich in unmittelbarer Nähe zum WC befand. Auch das einer der ungeliebten Sitzplätze im Lokal. Plötzlich waren zwei weitere Männer zugegen, die Agnes als Security Guards früher nicht einmal eines Blickes gewürdigt hatte. Der eine trat von hinten an Paul heran und flüsterte ihm ins Ohr: „Noch lassen wir es nach außen hin so aussehen, als sei der andere Tisch ihr ei­gener Wunsch. Ich hoffe, Sie wissen unser Entgegen­kommen zu schätzen. Wir können auch anders.“
Daran hatte Paul keinen Zweifel.
„Komm Paul“, lenkte Agnes achselzuckend ein, „wir setzen uns da hinüber.“
Der Geschäftsführer führte sie freundlich und vor allem persönlich an ihren neuen Tisch. Höflich lud er Agnes und Paul ein, sich zu setzen. Die Leute im Lokal mussten den Eindruck erhalten, es sei der Wunsch der beiden Gäste gewesen, sich hierher zu setzen.
Die Tasse Jasmintee wollte nicht mehr so recht schmecken. Agnes merkte es Paul an, dass dieser schwer mit sich zu kämpfen hatte. Mit verkniffenem Mund saß er ihr ge­genüber und sagte kein Wort.
„Nimm das nicht so tragisch, Paul“, versuchte sie ihn aufzumuntern. Dabei legte sie beruhigend die Hand auf seinen linken Unterarm und lächelte ihn an. „Es gefällt mir hier sowieso besser.“
„Das glaube ich dir nicht. Was musst du von mir halten? Du möchtest dich an einen bestimmten Tisch setzen, er ist auch nicht reserviert und ich muss es zulassen, wenn man uns verscheucht, wie zwei lästige Gelsen im Sommer.“
„Du darfst das nicht so demütigend sehen. Für mich ist es viel wichtiger, mit dir, Paul, an ei­nem Tisch zu sitzen und in aller Ruhe meinen Tee zu trinken. Deine Gesellschaft bedeutet mir was; das ist der Punkt. Ob wir dabei mehr oder weniger vom Königsschloss sehen, kümmert mich nicht.“
„Sicher, ich bemühe mich ohnehin gerade, mir das nicht zu nahe gehen zu lassen. Ich habe mich sehr gefreut über deine Einladung und die Macht, mir diesen Abend zu verderben, soll dieser reiche Bengel nicht haben. Aber es ist halt so, dass mir großkotziges Auftre­ten immer mehr aufstößt.
Ich erinnere mich an meine Anfangszeit als Unternehmer. Da­mals wurde ich wegen einer an sich belanglosen Sache bei der Stadträtin vorstellig, die für die Vermietungen an den Trödelmärkten zuständig war, einer gewissen Dunja, Grä­fin von Caldonleck. Wir geben uns die Hand, die Gräfin sieht mir in die Augen und fragt mich: Was können Sie für mich tun? Nicht etwa: Was kann ich für Sie tun? Oder eine vergleichbare Floskel, das hätte ich eigentlich erwartet, nein, sie wollte wissen, was ich für sie tun kann.“
„Ich nehme einmal an, sie hat sich einfach versprochen. Insofern sollte man einen solchen Ausrutscher nicht überbewerten“, meinte Agnes.
„Mag ja sein, das habe ich mir damals auch gesagt. Aber das ist, wie wenn der Hund seine Wunden leckt. Du weißt ja, wie psychologisch verräterisch Fehlleistungen dieser Art sein können. Es ist schon so: Leute wie du und ich arbeiten für die einigen Weni­gen, damit diese weiterhin leben können, wie die Maden im Speck. Wir sind einfach brauchbare Idioten.“
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Ich schreibe, also bin ich.
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BeitragVerfasst am: 12.02.2008, 09:05    Titel: Ein Hund tritt in den Saal 2. Kapitel / 5. Teil Antworten mit Zitat

Paul stürmte in den Stand und rief: „Komm, Agnes, wir haben es eilig. Ein reiches Schwein ist gestorben. Wir sollen einen Teil der Hinterlassenschaft abholen.“
Flugs versperrten sie ihren Bretterverschlag und hängten einen handgeschriebenen Zettel auf, sie würden am Nachmittag wieder offen haben. Und ab ging es im Auto ins Südviertel, in eine Gegend, die Agnes noch von früher bestens kannte.
Sorgfältig ge­pflegte Baummodelle standen da allenthalben, dank regelmäßig nachgefüllter ätheri­scher Öle herrlich vor sich hinduftend. Die Sound­chips verströmten einen Vogelgesang, dass einem schier das Herz in der Brust lachte. Aus­reichend Verkehrsregulierungsro­boter neuester Bauart sorgten dafür, dass das Le­ben auf der Straße stets optimal gere­gelt war. Teuer gekleidete Menschen verströmten die Noncha­lance derer, die keine wirklichen Sorgen haben.
Mitten in diesem idyllischen Viertel lag eine Villa im traditionellen englischen Stil. Über dem Tor prangte ein üppiges Wappen aus der Barockzeit, darunter der Name: Zu Behrenlohe. Siehe da, ein Grafengeschlecht der alten Aristokratie, keine der zahlreichen Familien, die sich vor einem halben Jahrhundert einen Titel mehr oder weniger erschwindelt hatten! Sogar entfernte Verwandte der Löwensteins ...
Letztes Jahr war sie einmal hier gewesen, auf der Geburtstagsparty der Tochter des Hauses. Esther war Studentin der Meeresbiologie und eine Schulkollegin seit man­chen Jahren. Agnes hatte ihr damals über die ungeliebte Mathematikprüfung bei der Matura hinweg­geholfen. Und nun war vor drei Wochen Esthers Opa gestorben.
Der alte Graf hatte es sich bei der Party damals nicht nehmen lassen, Agnes ein wenig das Haus zu zeigen. Sie konnte sich noch gut an eine ca. 30 Zentimeter hohe Holzstatue erinnern, die am ehesten noch mit einer Katze mit übergroßen Fledermausflügeln zu vergleichen war. Unglaublich faszi­nierend war der Ge­genstand gewesen. Warum eigentlich? Keine Ah­nung ... Judiths Opa hatte ihr die Figur als Schutzgeist der Familie vorgestellt. Er ver­gaß allerdings auch nicht dazuzufügen: „Aber außer mir glaubt es keiner. Jedenfalls ist es nicht nur eine mythologische Figur, sondern auch eine sehr wertvolle handgeschnitzte Arbeit un­bekannter Herkunft. Das Alter wird auf etwa dreihundert Jahre geschätzt.“
Agnes war ganz aufgeregt. Würde sie ihre Freundin wiedersehen ...? Das wuchtige, schmiedeeiserne Tor der Zufahrt öffnete sich automatisch und mit leisem Quietschen, als sie sich näher­ten. Vor dem Eingangsportal wurden sie von einem Bediensteten empfangen, der aus seiner Abneigung für Agnes und Paul keinen Hehl machte. Für ihn waren die beiden einfach Aasgeier, die sich am Ei­gentum seines verstorbenen Herrn gütlich tun wollten.
Unbeeindruckt ließ sich Paul in einem der Vorzimmer die Sachen zeigen, die man ihm abzutreten gedachte: alte Bücher, Schatullen, Vasen, Geschirr, hauptsächlich Ge­genstände des täglichen Bedarfes. Er prüfte sorgfältig dieses und jenes. Da ge­sellte sich die trauernde Witwe zu ihnen. Das Erste, was Agnes auffiel, war ihre hell­blaue Augenfarbe, die genauso künstlich war wie ihr Busen. Von ihrem dreimal gelifte­ten Gesicht gar nicht zu reden.
„Nun, möchten Sie die Sachen haben?“ fragte die Gräfin Paul spitz. Auch sie konnte die beiden nicht leiden, war sie sich doch sicher, beim Preis kräftig übers Ohr gehauen zu werden. Und das musste man sich von solchem Gesindel gefallen lassen! Doch einen anderen dieser Leute kommen zu lassen, brachte es auch wieder nicht. War der eine doch wie der an­dere. Letzten Endes war es egal, von welchem dieser üblen Typen man über den Tisch gezogen wurde. Unwillkürlich maß die Hausherrin Agnes und Paul von oben bis unten, besonders Agnes, wegen der weiblichen Konkurrenz.
„Gewiss doch, gnädige Frau“, gab Paul ungerührt zur Antwort und machte weiter.
„Dann kommen Sie mit in mein Arbeitszimmer am Ende des Flurs.“
Agnes hatte Esthers Oma allerdings anders in Erinnerung. Wie sehr hatte sie sich doch damals als gute Gesellschafterin bemüht! Keine Spur von Arroganz, alle waren sie so lieb und nett gewesen. Und so zuvorkommend, so gastfreundlich, so ... anders eben.
Kaum fünf Minuten später war Paul wieder zurück. Rasch ging es an das Einladen. Immer wieder ging Paul mit Agnes zum Wagen hinaus, bis dieser und der Anhänger voll beladen waren. Nach ei­ner Weile sagte Paul zu Agnes: „Nun, ich glaube, wir haben es.“
„Nein“, sagte sie, denn sie erblickte soeben den hölzernen Schutzgeist, der von einer Plane halb verdeckt wurde. „Dieses Ding da, das muss noch mit.“ Damit deutete sie auf die Figur.
Nachdenklich nahm Paul den Schutzgeist in die Hand. „Wie ein kleiner Dämon“, dachte er sich. Er wusste vorerst nicht, wie der Wert des Gegenstandes einzuschätzen war und vor allem bezweifelte er, auf dem Trödelmarkt Käufer dafür zu finden. Aber wenn er Agnes damit eine kleine Freude machte! Warum denn nicht?
Kaum hatte Paul hinter dem Steuer des Wagens Platz genommen, wurde er von Agnes gefragt: „Es geht mich zwar nichts an, aber wie viel hast du dafür gezahlt?“
„Ich habe die Alte kräftig übers Ohr gehauen. Ihr tut es nicht weh und uns hilft es. Was hat es eigentlich damit auf sich?“
Er deutete auf die Figur, die Agnes fast liebevoll mit beiden Händen im Schoß hielt. Seine Angestellte freute sich unverkennbar. Paul musste lächeln.
Agnes sagte: „Oh, es ist nicht nur eine mythologische Figur, nämlich ein Schutzgeist, sondern auch eine sehr wertvolle handgeschnitzte Arbeit unbekannter Herkunft. Das Alter wird auf etwa dreihundert Jahre geschätzt. Und außerdem mag ich dieses Ding.“
„Aha, du sprichst ja wie eine Expertin. Aber wenn dir an der Figur so viel liegt, verkau­fen wir sie eben nicht, sondern stellen sie am Eingang ... meines Hauses auf. Da kann sie uns dann be­wachen. Einverstanden?“
Fast hätte Paul von „unserem“ Haus gesprochen. Und ob Agnes der Vorschlag recht war! Erneut notierte sie einen Pluspunkt.
Zu Hause recherchierten sie noch bis tief in die Nacht. Mit Verwunderung stellte Agnes fest, dass Paul über eine Reihe alter Bücher mit großteils für ihre Begriffe dubio­sem Inhalt verfügte.
„Brauche ich alles um die Antiquitäten zu beurteilen. Ich meine, wenn mir wirklich ein­mal eine echte Antiquität angeboten wird, möchte ich Bescheid wissen“, erklärte Paul und verwies stolz auf fünfzehn bis zwanzig Wälzer mit Titeln wie: „Kleiner Führer durch die Welt der magischen Artefakte“, „Mythologie für den Insider“, „Persische und sumerische Magie“ oder „Dämonologie“.
Als Agnes eine Suche über die Enko starten wollte, sagte Paul: „Sei vorsichtig mit der Enko. Alles, was du über die Enko machst, kann von dritter Seite mitverfolgt oder nachvollzogen werden. Je weiter deine Aktivitäten vom statistischen Durchschnitt abweichen, desto verdächtiger machst du dich für die Obrigkeit. Alles, was für mich wichtig ist, ver­suche ich ohne die Enko zu bewältigen.“
„Warum hast du dann überhaupt eine?“
„Erstens, weil so gut wie jeder eine hat. Das bedeutet automatisch, wenn ich keine habe, mache ich mich verdächtig. Zweitens kann man die Obrigkeit durch die Enko an­dererseits wieder leicht austricksen. Ich weiß zum Beispiel, dass statistisch gesehen 92 % ­der Junggesellen einmal pro Woche einschlägige Filme abrufen, also tue ich das auch. Ob ich dann wirklich zusehe und vor allem bis zum Ende, hahaha, ist eine ganz andere Frage. Wichtig ist, dass ich statistisch unauffällig bin. Und drittens, ist die Enko einmal wirklich unumgänglich, bist du froh und dankbar um sie.
Sicherheitshalber mache ich über die Enko keinerlei Aktivitäten, die der Obrigkeit echte Aufschlüsse über mich vermitteln könnten. Deshalb habe ich auch noch Bücher und nicht bloß Datenkristalle, wie die allermeisten unserer Zeitgenossen. Was deine Holzfigur angeht, wollen wir lieber zuerst sehen, ob wir mit meiner Bibliothek auskommen.“
Die Argumente leuchteten Agnes ein. Gemeinsam mit Paul machte sie sich über die Bücher her. Diese Druckwerke in der Hand zu halten, war eine sehr merkwürdige Erfahrung für Agnes. Wie fühlten sich die manchmal altersbedingt ramponierten Umschläge an, wie die ver­gilbten Seiten? Ihr unbekannte Verlage, Autoren, von denen sie bislang nichts ge­hört hatte, veraltete, teils schwer lesbare Schrifttypen, die Seiten überladen mit geheim­nisvollen Darstellungen: fremdartige, bizarre Symbole, Artefakte unterschiedlichster Art, unheimliche, nicht-menschliche Wesen aus Sphären, in die Agnes hoffte, niemals eintauchen zu müssen ... Noch nie im Leben hat­te sie Derartiges in Händen gehalten ...
Nach zwei Stunden Studiums in soundsovielen Büchern fand Paul in der „Dämonolo­gie“ auf Seite 583 den entscheidenden Hinweis. Bei ihrer mysteriösen Neuerwerbung handelte es sich um einen Geist, den man unter Okkultisten den „Imagospurien“ zuordnete. Meistens fanden sich diese Wesen an Eingang bzw. Ecken wichtiger Gebäude und sa­hen von dort misstrau­isch auf alle, die sich näherten. Sie hatten die Aufgabe, die Be­wohner des betreffenden Gebäudes vor Gefahren zu warnen bzw. sie vor allem Unbill zu schüt­zen. Es waren Verwandte der Gargoyle, der „Wasserspeier“, denen man gelegentlich an Brunnen begegnet. Zumeist steckt ihnen ein Rohr im Maul, aus dem das Nass sprudelt. Zudem fanden Paul und Agnes den Hinweis, ein Imagospurius wirke auf die Psy­che derer ein, die er abwehren will.
Paul sagte: „Und wie nennen wir ihn? Wie wäre es mit Julius, das reimt sich auf Imagospurius?“
Agnes fand das einen witzigen Einfall und war einverstanden. Paul nahm den Schutzgeist und legte ihn links neben die Haustü­r in eine wind- und vor allem regengeschützte Ecke. Agnes tätschelte ihn liebevoll. Dann war Julius Imagospurius alleine und äugte aufmerksam in die Dunkelheit.


Die Prinzessin wurde inzwischen nicht nur von der Polizei, sondern auch bereits vom Geheimdienst gesucht. Hunderte Agenten waren beauftragt worden. Man hatte sie mit einem biologischen Scanner der neuesten Bauart ausge­stattet. Dieser konnte Personen auf Sichtweite be­züglich gewisser biologischer Kenndaten testen. Unauf­fällig, zuverlässig und vor allem rasch - was will man mehr?
Das Gerät war einem Da­tenarmband bewusst täuschend ähnlich ge­macht. Es versetzte die Agenten damit in die Lage, zum Beispiel vom Fensterplatz eines Restaurants aus die Vorbeigehenden durch das Fenster zu scannen, ohne dass diese es bemerkten. Ging die Anzeige über einen bestimmten, markierten Punkt hi­naus, wurde die betreffende Person befragt.
Zwei der Agenten saßen eines Tages im Hermes und langweilten sich weidlich. Wo­chenlang suchten sie nun schon die Prinzessin und offen gesagt, hatten sie keine Hoff­nung mehr, sie jemals ausfindig zu machen. Die Stadt Siddi Lohan hatte über 2,3 Mio. Einwohner und bot jede Menge Gelegenheiten, auf Nimmerwiedersehen unterzutau­chen. Das war auch aller Wahrscheinlichkeit nach geschehen. Es war nun bereits 6 Uhr abends vorbei und ihr Dienstschluss um 18. 30 Uhr rückte merklich nä­her.
Halt! Da war ein Ausschlag auf dem Datenarmband und was für einer! Schnell sprangen die Agenten auf und verlie­ßen das Lokal. Zuerst das verdächtige Subjekt beschatten und beobachten, dann erst befragen, so lautete die Dienstanweisung für diesen Fall. Unauffällig, wie sie meinten, verfolgten sie die junge Frau, die den Ausschlag verursacht hatte. Agnes, die bemerkte, dass ihr zwei Männer folgten, beschleunigte ihre Schritte. Eine innere Stimme sagte ihr, dass es besser sei, mit den beiden Gestalten hinter ihr nichts zu tun zu haben. Doch nun gingen auch die zwei Agenten schneller.
Glücklicherweise war Agnes bald bei Pauls Haus angelangt. Schon waren auch ihre Verfolger heran. Als sie kaum fünf Meter vom Eingang entfernt waren, war es, als rann­ten sie gegen eine unsichtbare Wand. Die Agenten waren außerstande, auch nur einen Schritt vorwärts zu tun. Zu allem Überdruss wurde ihnen auch noch übel. Urplötz­lich verfinsterte sich der Him­mel, die Gegend schien in ein magisch-blaues Licht ge­taucht. Wie in einer Vision schauten die beiden ein mythologisches Wesen, das auf den Stufen zum Eingang des Hauses saß. Es war eine Mischung aus einer riesigen Katze und einer Fledermaus mit überlan­gen, hasenartigen Ohren. Mit glühenden Augen sah es die zwei Agenten feindselig an.
„Ich denke, es ist keine gute Idee, der Frau weiter zu folgen“, hörte sich selbst der eine mit belegter Zunge sagen.
Der andere Agent wollte nicht locker lassen: „Überleg doch, das ist die heißeste Spur, die wir jemals hatten.“
Er bemühte sich weiter zu gehen, aber die Übelkeit wurde so stark, dass er sich laut­stark übergeben musste.
„Erstens ist die Frau sicher inzwischen über den Hinterausgang verschwunden, zwei­tens könnten die Leute denken, wir seien sexuell unausgelastet.“
„Das bin ich auch“, konterte sein Kollege und entließ mit einem gräulichen Uaa­aahhh!! den letzten Rest seines Magens auf den Bürgersteig. Dadurch war er gezwun­gen, etwas zurückzutreten. Und siehe da, schon ließen die Magenbeschwerden nach!
„Ich glaube, du hast recht“, lenkte nun auch der andere Agent mehr gegen seinen ei­genen Willen ein. „Abgesehen davon ist die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet das hier Prinzessin Agnes ist, ich weiß nicht wie klein. Ausgesehen hat sie ohne jeden Zweifel nicht danach. Obendrein ist schon Dienst­schluss. Gehen wir nach Hause!“
Vom Wesen, das sie beide gesehen hatten, erwähnten sie kein Wort. Kaum hatten sie sich umgedreht, war es auch schon verschwunden ...


Als eine Grippewelle halb Siddi Lohan erfasste, warf es auch Agnes für eine ganze Woche zu Bett. In dieser Zeit stand Paul alleine auf dem Markt und verkaufte mehr schlecht als recht. Allenthalben hörte er die Kunden fragen: „Ist denn die junge Frau von neulich nicht mehr da?“ War denn mit ihm keiner mehr zufrieden? Wie erleichtert zeigte sich doch alle Welt, als Paul informierte, Agnes sei nur krankheitshalber vorübergehend abwesend.
Der Arzt war gerade gegangen, als es an Agnes' Zimmertür klopfte. Es war Erika, ihre Freundin aus dem Hermes.
„Soso, da liegst du nun im Bett! Wie geht es dir? Oder ist die Frage zu dämlich, wenn man mit einer Erkältung das Bett hüten muss?“
„Ich freue mich über deinen Besuch. Allerdings, so fürchte ich, kann ich dich nicht so bewirten, wie es sein sollte, du siehst ja ...“
„Aber, aber“, widersprach Erika. „Ich bin nicht gekommen, um mich von dir fürstlich be­wirten zu lassen. Ich wollte dich sehen und dich fragen, ob ich etwas tun kann für dich.“
„Setz dich doch erst einmal. Schön, dass du da bist. Mir ist ohnehin langweilig.“
„Da trifft es sich ja gut, dass ich dir den Siddi-Lohan-Beobachter mitge­bracht habe. Sieh nur“, und damit deutete Erika auf das Titelblatt der Zeitung, „Prinzessin Agnes wird immer noch fieberhaft gesucht.“
Eine Fotografie, die ein Viertel des Titelblattes einnahm, zeigte das Gesicht der Prin­zessin Agnes in glücklicheren Tagen. In glücklicheren ...? Das hieße doch, dass sie jetzt unglücklich war ... Als Agnes einen kurzen Moment darüber nachdachte, stellte sie mit Verwunderung fest, dass sie mittlerweile gar nicht mehr so unzufrieden mit ihrem Leben war. Warum eigentlich? Dieser Frage würde sie zu gegebener Zeit weiter nachgehen müssen. Im Augenblick hatte sie einen Gast, um den sie sich kümmern wollte.
„Woher weißt du eigentlich, dass ich krank bin?“
„Paul, er hat es mir gesagt.“
„Ich schäme mich für die Unordnung. Und dafür, dass ich dich nicht so bewirten kann, wie ich es möchte.“
„Jetzt höre aber sofort auf damit. Es geht nur um dich und dass du so schnell wie möglich wieder gesund wirst. Im Hermes fragen alle schon nach dir.“
„Wieso?“
„Man mag dich halt gern. Du hast einige Freunde und bemerkst das offenbar nicht. Weißt du, wenn du diese Prinzessin Agnes da wärest, wäre es etwas anders. Wir klei­nen Leute müssen zusammenhalten.“
„Das verstehe ich nicht. Sieht sie etwa nicht gut aus, die Prinzessin?“
„Sicher, sicher. Aber wenn du so viel Geld und Zeit in dein Äußeres investieren könn­test, dann sähest du auch ganz anders aus. Oh ...!!! Entschuldige, du siehst auch so echt toll aus, aber du weißt schon, was ich meine ... Verdammt noch mal, ich glaube, ich rede lauter Blödsinn.“
„Nein, nein, ich bemühe mich gerade zu begreifen“, erwiderte Agnes nach­denklich. „Ich bin jedenfalls sehr froh, dass du da bist“, ergänzte sie mit Tränen in den Augen. Sie fasste Erika an der Hand. Plötzlich hielt ihre Freundin triumphierend ein Stück Hartwurst in die Höhe. Agnes glaubte ihren Augen nicht zu trauen.
„Na, was sagst du? Echt geräuchert! Die ist nicht, ich sag's noch einmal, nicht von Alpi Diskont oder Doppelplus. Da kriegst du so was nie und nimmer. Riech mal.“
Wohlgefällig und ausgiebig sog Agnes den Duft der Wurst in die Nase. Geräuchert über, sie hatte keine Ahnung was, fein abgeschmeckt mit allerlei Gewürzen. Wie himmlisch dünkte Agnes der Geruch! Die ganzen sündteuren Spezialitäten, die sie früher einmal von goldenen Tellern gegessen hatte, vornehm serviert von Dienern, verblassten dagegen zur Bedeutungslosigkeit. Sie konnten ihr in diesem Augenblick alle gestohlen bleiben.
„Das hübsche Gesicht alleine macht es ja nicht“, fuhr Erika fort, während sie die Wurst auf einem Jausenbrett in annähernd gleich dicke Scheiben schnitt und Agnes anschließend davon anbot. „Die innere Schön­heit, die bringt's. Oh je, ich fürchte, das klingt pathetisch oder belehrend oder trivi­al. Oder alles das zusammen.“
„Ist das nicht ein bisschen Neid, der da aus ... uns spricht?“
„Ich glaube nicht. Meinst du vielleicht, die wird glücklich, nur weil sie reich ist und bes­tens aussieht? Umschwärmt von Männern weiß sie doch von keinem Einzigen, was er wirk­lich will, außer eine kräftige Nummer schieben, und ob seine Gefühle ehrlich sind. Wenn unsereiner geheiratet wird, dann hat man wenigstens echte Chancen auf Liebe.“
Da wurde die Prinzessin sehr nachdenklich ...


Abendessen der Königsfamilie. An einem Ende der Tafel saßen Georg III., absolu­ter Monarch über Siddi Lohan und die Königin, daneben der Königssohn und Sa­bine, seine Ehefrau. Ihnen gegenüber hatte die Großmutter Platz genommen. Agnes, Sabines Schwägerin, tafelte neben ihr. Weiter die Tafel hinunter aßen noch ein paar On­kel und Tanten und vervollständigten auf diese Weise die offizielle Königsfami­lie. Vier livrierte Diener servierten gerade den dritten Gang. Stilvoll klirrten die Kristallgläser, ver­goldetes Besteck scharrte neckisch über chinesisches Porzellan.
Mürrisch sagte gerade der Königssohn: „Oh, schon wieder Chateaubriand à la Rochade auf Sahnespitzenhäubchen mit einem Hauch von Zimt, dazu ein Gläschen Chartreuse. Das hatten wir doch vorletzten Monat schon, wenn ich nicht irre? Dabei mag ich gar kein Sahnehäubchen. Geh, Diener, tun Sie das da weg, einfach nur weg. Es genügt mir, wenn ich es auf den Tellern der anderen sehen muss. Lässt sich halt nicht verhin­dern.“
Und zu seiner Frau neben ihm gewandt, fügte er halblaut hinzu: „Bevor ich so etwas esse, esse ich lieber gar nichts.“
„Genau“, bestätigte Sabine grinsend und ließ es sich schmecken. Nicht nur schwul, sondern auch heikel war der Kerl. Rechnete man überschlagsartig zusammen, was die Königsfamilie bei einem Essen verderben ließ, kam eine Summe heraus, mit der eine dreiköpfige Familie im Nordviertel einen Monat lang auskommen musste. Aber das kümmerte Sabine jetzt nicht mehr, jetzt, wo sie ihren Platz an der Sonne hatte.
Das Ein­zige, was ihr noch Sorgen machte, war die Schwägerin. Diese Agnes war sicher eine unrei­fe, verwöhnte Studentin, aber die konnte sich vielleicht noch entwickeln. Sonst saß nie­mand am Tisch, der diese Fähigkeit hatte. Alle waren sie auf ihre Art ganz leicht bere­chenbar. Jeder verfolgte im Prinzip die Strategie, die Dinge so zu erhal­ten, wie sie momentan waren, schließlich profitierten alle bestens davon. Jede Veränderung hätte zwangsläufig nur eine Verschlechterung der persönlichen Lebensumstände mit sich bringen können.
Aber Agnes konnte Sabi­ne in der kurzen Zeit, die sie die Prinzessin kannte, nicht einschätzen. Würde sie je zur Gefahr werden? Wenn ja, wie würde sich das auswirken? Fragen, die nach Antworten drängten ...
Kaum war man allseits offiziell zu Bette gegangen, kaum war Stille in die Gänge und Hallen des Schlosses eingekehrt, warf sich Sabine, Gräfin de Mercedes, Ehefrau von Thronfolger Heinrich, einen Tarn­mantel aus dem Fundus Odrammiels Artefakte um. In seinem Schutz pas­sierte sie die Räumlichkeiten und begab sich immer weiter nach unten, in die weniger benützten Teile des Schlosses. Gelegentlich musste sie ei­nem Trupp der Palastwachen ausweichen oder sich an einem Überwachungsroboter vorbeischleichen, sonst begegnete sie niemandem.
Dank der Möglichkeit, sich ungesehen fortbewegen zu kön­nen, hatte Sabine bald herausge­funden, dass von den Gebäuden aus eine Reihe Gän­ge in das Bergmassiv führte. Mehr noch, der Berg war in Wirklich­keit unterhöhlt wie Schweizer Käse. In diesem Labyrinth hatte sie einen Raum gefun­den, in dem sie ihre Artefakte und sonstigen magi­schen Utensilien unter­bringen konnte. Magisch vor dem Zugriff Un­befugter geschützt, waren die Objekte dort sowohl in Si­cherheit als auch für Sabine leicht er­reichbar.
Dorthin begab sich die Schwiegertochter des Königs diese Nacht. Sie enthüllte den Spiegel, den sie von Odrammiel er­halten hatte. Er zeigte das Gesicht eines Löwen aus massivem, schwärzlich gemustertem Marmor mit weit aufgerissenem Maul. Zwi­schen den Zähnen blinkte säuber­lich poliertes Kristallglas. Da hinein blickte sie jetzt und fragte den Spiegel gemäß der vorgeschriebenen Formel: „Spieglein, Spieglein an der Wand, habe ich die Lage in der Hand?“
Eine männliche Stimme, wie aus den Weiten des Universums, antwortete ihr: „Zu dieser Stunde schon noch. Aber Agnes wird das ändern. Noch nimmt sie keiner ernst, selbst für ihren Bruder ist sie bloß eine alberne Gans. Aber eines Tages wird ihre Bedeutung die deine weit überstei­gen.“
Hatte Sabine es doch gewusst! Diese Agnes, diese Göre, war nicht zu unterschätzen. So ein verdamm­tes Miststück. Sie musste weg!
„Wie kann ich der Gefahr begegnen?“
„Was immer du tust, dem Schicksal zu trotzen, wird erst recht dazu führen, dass es sich erfüllt.“
„Das werden wir ja sehen.“ Und damit nahm sie das „Buch der ultimativen magischen Rezeptu­ren“ zur Hand und suchte sich etwas Passendes aus. Sozusagen das berühmte Pünktchen auf das I. Dem Spiegel schenkte sie bereits keine Aufmerksamkeit mehr, als dieser sie mit eindringlich warnte: „Wähle deine Feinde mit Bedacht!“
Im Vorwort stand, dass ein Rezept, welches einmal verwen­det worden war, für immer sowohl aus dem Buch als auch aus dem Gedächtnis des praktizierenden Magiers ver­schwinden würde. Mithin stand ein Rezept genau einmal und nicht öfter zur Verfü­gung. Es galt daher, mit Sorgfalt und viel Überlegung vorzugehen.
Nach einigen Minuten intensiven Blätterns hatte Sabine es gefunden. Sie nahm ein gusseisernes Gefäß zur Hand, stellte es über einen Bunsenbrenner und braute darin ein unheilvolles Gebräu gemäß den Anweisungen. Als nach zehn Minuten schwarz-grü­ner Dampf aufstieg, tat Sabine einen grausamen Fluch. Abschließend noch ein halbes Gramm getrocknete Alraunwurzel hineinrühren, das würde bestimmen, wie lange der Fluch wirken würde. Halt! Wie war das doch gleich gewesen? War das jetzt die Angabe für ein Jahr, ein Jahrzehnt oder ein Jahrhundert? Schnell nachsehen ... Zu spät, die Schrift war schon verschwunden, die Seite des Buches war unbeschrieben, das Rezept damit ein für alle Mal Geschichte! So ein Pech ...
Am nächsten Morgen wachte Agnes mit einem anderen Gesicht auf ...


Herbst. Auf dem Trödelmarkt wurde es zugig und ungemütlich. Regnete es, zog die Kälte bereits unangenehm in den Knochen. Zwei Stände, an denen frisch ge­röstete Kastanien an­geboten wurden, hatte man eröffnet. Glücklicherweise konnte Agnes eine einigermaßen schüt­zende Jacke im Abverkauf bei Alpi-Diskont billig erste­hen. Für die wärmeren Schuhe hatte das Geld nicht gereicht. Sie waren erst mit dem nächsten Monatsgehalt möglich. Hoffentlich waren die betreffenden Schuhe dann überhaupt noch lagernd.
Mit wenig Begeisterung standen Paul und Agnes auf dem Markt und verkauften nach besten Kräften. Immerhin war die umsatzschwache Jahreszeit, der Sommer, wieder vorbei und es klingelte wieder einigermaßen in ihrer Handkassa. Der tägliche Umsatz stieg auf 60, manchmal 70 Drachmen. Zumeist grußlos wanderten die Käufer von ei­nem Stand zum anderen.
Zu dieser Jahreszeit feierten die wichtigsten Kulte eine Reihe unterschiedlicher Feste. Also war Einschlägiges ge­fragt: Kerzen, klerikaler Trödel und Kitsch aller Art gingen reichlich über den Laden­tisch. Da Agnes immerhin ihr Gedächtnis verloren hatte, fühlte sich Paul aufgerufen, ihr die geänderte Nachfrage zu erklären: „Die Leute bei uns hängen durchwegs dem Kult der drei Götter an. Gemeint sind Ilak-Gathi, Ilak-Gathu und Ilak-Gatha. Es gibt dutzenderlei stark abweichende Varianten dieses Kultes. Allen jedoch sind ein paar Feiertage gemeinsam, die teilweise von den alten Kulten übernommen worden sind: Al­lerseelen, Weihnachten, Halloween, Ramadan usw.
Einige der wichtigen Feier­tage fal­len in den Herbst, folglich verstärkt sich neuerdings die Nachfrage nach sakralen Gegenständen al­ler Art. Also habe ich auch dementsprechend eingekauft. Wenn wir nicht dort sind, wo un­ser Kunde mit seinen Bedürfnissen ist, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir kein Geschäft machen.“
„Und was hältst du persönlich von der Religion?“
„Solange wir gutes Geschäft damit machen, finde ich alles in Ordnung. Und ob das mit den Göttern stimmt, wissen sowieso nur die selbst. Mich kümmert es wenig, um ge­nau zu sein, überhaupt nicht. Mit meinem Le­ben ist etwas nicht in Ordnung. Das ist mein Problem.“
Wegen der unfreundlichen Witterung fuhr Paul Agnes üblicherweise nach Markt­schluss mit dem, was er sein Auto nannte, nach Hause. Manchmal jedoch, etwa wenn Paul nicht da war, kehrte Agnes auf ihrem Weg nach Hause im Hermes ein. Dort war sie bereits bestens bekannt und vor allem gerne gesehen, obwohl sie selten mehr als einen Tee trank. Hier zu Abend zu es­sen konnte sie sich schon lange nicht mehr leisten.
Gegen Ende Oktober schleppte Paul eines Vormittags zwischen dem typischen sakralen Kitsch vier Da­tenkristalle an. „Das sind Aufzeichnungen, wie Prinzessin Agnes morgens ihre Tai-Chi-Übungen macht. Natürlich nur von den Tagen, an denen sie nichts anhat.“
Agnes blieb der Mund offen. Die Röte schoss ihr ins Gesicht. Sie setzte sich auf den Schemel neben einem Stapel alter Ausgaben des „Siddi-Lohan-Boten“, einer schon lange nicht mehr existierenden Regio­nalzeitung.
„Was hast du denn?“ Paul schüttelte erstaunt den Kopf. „Sicher, es ist reichlich geschmacklos, wenn der eigene Geheim­dienstchef über eine versteckte Kamera auf dem Balkon solche Aufnahmen macht um sich auf dem Schwarzmarkt damit eine goldene Nase zu verdienen, aber es sind nun einmal gesuchte Spezialitäten. Der Prinzessin Tai-Chi-Übungen sind seit Jahren der Renner unter Insidern. Jeder von uns Trödelhändlern schätzt sich glücklich, wenn er solche Datenkristalle erwischt. Verkaufe die Kristalle um dreißig Drachmen das Stück, auf keinen Fall günstiger!“
Agnes war ganz entrüstet: „Aber das ist ja ... da fehlen mir doch die Worte ...“
„Hehe, du führst dich ja auf, als ginge es um dich. Wenn eine Frau so gut aussieht, kann sie gar nichts zeigen, wofür sie sich schämen müsste. Also hab dich mal nicht so. Jetzt machen wir den Hintern der Prinzessin zu Geld.“


Eines Tages besuchte Sabine den Trödelmarkt. An Pauls Stand wurde sie von Agnes bedient. Aus der Hinterlassenschaft von Esthers Opa kaufte sie ein Buch: „Die Magie des Alhazrael.“
Gespannt ging sie nach Hause. Im Hausflur begegnete ihr ihre Nachbarin, eine schrullige Pensionistin, die mit ihrem verlausten Köter nach draußen ging.
„Bin ich froh, wenn ich dich, altes Weib, nicht mehr sehen muss“, dachte sich Sabine. Sie grüßte nicht. Dann kam ihr die Hausmeisterin entgegen. Wie immer in einen speckigen, blauen Ar­beitsmantel gekleidet, Lockenwickler am Kopf. Sabine dachte: „Und du wirst mir erst recht nicht abgehen.“
In ihrer 25 m² großen Garçonnière warf sie sich auf das ungemach­te Bett, schlug den alten Schmöker vom Trödelmarkt auf und begann ungeduldig zu le­sen:
„Dem Novizen der praktischen Magie eröffne ich in diesem Buch, Höllenfürsten und andere dämonische Wesen aller Art zu beschwören. Doch muss ich eine dringliche Warnung vorausschicken. Diese Wesen lieben es nicht, wenn man sie aus reiner Neu­gierde, Jux oder Tollerei beschwört. Zudem sind viele aggressiv und mächtig zugleich, sodass sich ein Magier anlässlich einer Beschwörung in außerordentliche Gefahr be­gibt.
Wenn kein wirkliches Anliegen vorhanden ist, so soll man diese Wesen dort lassen, wo sie sind. Stets muss ein Magier über den stärkeren Willen verfügen als das be­schworene Wesen, das er dauernd unter Kontrolle haben muss. Ist es diesem gelungen, in den Körper des Magiers einzudringen, so ist es um ihn geschehen. Fortan muss er dem Wesen in den trans­zendenten Welten dienen. Zurück bleibt nur sein physischer Körper, einem qualvollen Tod unweigerlich preisge­geben.
Wie es auch im Diesseits viele Völker mit durchaus unterschiedlichen Wesen gibt, so sind auch die transzendenten Welten mit gänzlich verschiedenen Wesen und Charakte­ren bevölkert. Grundsätzlich gilt, dass die Bösartigen stets leichter zu beschwören sind als die Wohlwollenden. Zumeist sind diese Wesen allerdings selbst dem normalen Durchschnittsmenschen spirituell un­terlegen, weshalb es Zeitverschwendung ist, sie nach höherer Erkenntnis zu befra­gen. Sie haben derlei Wissen nicht und es interessiert sie nicht.
Wesen, von denen der Magier höhere Erkenntnis erlangen kann, sind jedoch weitaus schwieriger zu beschwören. Damit es erscheinen kann, muss ihm der Magier einen Stoff zur Verfügung stellen, der ihm die materielle Erscheinung überhaupt ermöglicht. Die häufigste Form der Trägersub­stanz ist Rauch und/oder Blut. Je aggressiver ein Wesen ist, desto mehr verlangt es nach Blut.
Entscheidend ist auch die Stunde der Evokation, die nach astrologischen Grundsät­zen berechnet wird. Ist die nämliche Stunde herangekommen, so begibt sich der Magier an einen einsa­men, finsteren Ort, an dem er ungestört arbeiten kann. Dort stellt er sich in den Schutz­kreis, den er mit magisch besprochener Kreide gezogen hat. Dann kommen die Siegel, die für das betreffende Wesen überliefert sind. Sie werden an den äußeren Rand des Kreises geschrieben. Dann werden auch diese magisch besprochen. In einer Abfolge von Anrufungen und Beschwörungsformeln, die ich weiter unten näher beschreiben werde, wird dann das Wesen letzten Endes herbeizitiert.
In diesen Beschwörungsformeln ist immer wieder der Name des betreffenden We­sens einzuflechten, wobei es von äußerster Wichtigkeit ist, diesen richtig auszusprechen. Ich habe dies bei meiner Beschwörung des Dämons Pazouzou eindrucksvoll erlebt. Stundenlang rezitierte ich die überlieferten Formeln ohne jeden Erfolg. Als mir aber ein­fiel, dass Pazouzou manchmal auch in Gestalt eines Insekts erscheint, kam ich auf die Idee, die Endsilben „zouzou“ so zu betonen, dass es sich anhörte, als summe ein In­sekt durch die Luft. Und auf einmal war der Dämon da!
Überhaupt sind Namen und Bezeichnungen die große Schwachstelle der Magie. An allen Ecken und Enden nimmt der Magier Einblick in Welten, Sphären oder wie immer man sagen will, die mit den Begriffen des menschlichen Hausverstandes nicht zu erfassen sind. Also nimmt er Zuflucht zu sprachlichen Bildern aller Art, in der Hoffnung, sich dadurch mitteilen zu können. In Wahrheit sind diese Begriffe mindestens so oft irreführend wie hilfreich. Ich schreibe auch von „Hölle“ und „Höllenfürsten“, tue dies aber nur, weil ich annehme, dass mich der Leser so besser verstehen wird. Der Adept, also der Eingeweihte, spricht grundsätzlich nur von transzendenten Welten bzw. Wesen, ohne diese gleich moralisch zu bewerten.
Ich selbst habe auf meinen magischen Erkundungen Sphären unterschiedlichster Art erlebt. In der Tat erkundete ich Sphären, in der die Wesen keine Not leiden müssen, weil kein Wesen auf Kosten der anderen lebt. Das ist der entscheidende Punkt. Die in unserer Welt üblichen Verteilungskämpfe um Ressourcen, die bei rechter Betrachtung ohnehin in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen, sind dort unbekannt. Aus diesem Blickwinkel leben wir Menschen in so einer Art Hochburg der Vampire, weil einige wenige auf Kosten aller anderen existieren.
Spirituell gesehen befindet sich unsere Welt im Vergleich zu anderen Sphären in einer Art „Schwebezustand“, der vom freien Willen der Menschen bestimmt wird. Entschließt sich ein Mensch, transzendente Welten zu erforschen, so gibt es dazu Möglichkeiten, die auf den kommenden Seiten geschildert seien.
Aber es ist ein gefährlicher Pfad, auf den man sich begibt. Der Magier muss sich in Acht nehmen, dass nicht „zufällig“ eine Kerze umfällt und dabei den Schutzkreis unterbricht oder dass er durch überraschendes Verhalten des Wesens in seiner Konzentration gestört wird. Der Ge­fahren gibt es mehr als man sich vorstellen kann.Größte Sorgfalt in allem ist lebensnotwendig.“
Aha, gefahrlos ist die Sache also nicht, überlegte Sabine. Andererseits gab es für sie kein größeres Risiko als auf der falschen Seite des Dessino geboren zu werden. Mit allem anderen werde ich fertig, schloss sie grimmig ihre Überlegungen. Eifrig studierte sie weiter.
„Ich entsinne mich meines ersten Versuches, Lilith zu beschwören. Lilith ist eines der ältesten weiblichen Wesen, die wir kennen, wenn nicht sogar das älteste überhaupt. Nach über drei Stunden pausenloser Rezitationen erschien mir ein Wesen, von dem ich nur die Augen sah. Lauernd sah es mich aus kalten, unnatürlich tiefblauen Augen an, es verfolgte jede meiner Bewegungen, sprach aber kein Wort. Ich spürte nur die Gefühle dieses Wesens und diese waren ganz und gar nicht freundlich. Schon bald wurde mir klar, dass es mächtig und schwer zu beherrschen war.
Jeder Versuch, das Wesen anzusprechen, schlug fehl. Es bereitete mir zusehends mehr Mühe, die Konzentration aufrecht zu erhalten. Mir wurde übel, ich bekam Kopfweh und mein Hals fühlte sich an, als würde ich gewürgt. Überdies begann ich beunruhigende Geräusche, die sich näherten, zu hören. Mit einem Mal begriff ich: Das ist nicht Lilith! Ich war in Gefahr, das Wesen griff mich psychisch an. Also beendete ich meine Rezitationen in der Erwartung, das Wesen verschwinde sogleich. Weit gefehlt! Eilends nahm ich zu den Bannformeln Zuflucht. Ich kämpfte bis zum Morgengrauen. Schließlich wurde ich ohnmächtig. Als ich wieder erwachte, schien die Sonne hoch vom Himmel. Erschöpft schleppte ich mich mit Mühe nach Hause und war monatelang krank.“
Sabine blätterte weiter. Es folgte eine schier endlose Aufzählung verschiedener Dä­monen, ihrer Namen, Siegel und mit welchen Beschwörungen sie zu evozieren seien. Mit besonderem Interesse verfolgte sie die Aufzählung, was diese Wesen alles bewir­ken sollten. Dabei wurde ihre Aufmerksamkeit von einem gewissen Odrammiel gefes­selt, über den Alhazrael Folgendes schrieb:
„Odrammiel. Uraltes Wesen der oberen Höllenhierarchie. Er kann dem Magier zu Reichtum und Erfolg im Geschäftsleben verhelfen, bzw. verschafft diesem Eingang in die Welt der feinen Leute. Odrammiel liebt höfisches Gebaren und den Umgang mit dem anderen Geschlecht. Man sagt ihm eine ausgeprägte Portion Eitelkeit nach.“
Na also, das sah schon mal recht gut aus. Sabine war müde geworden. Achtlos ließ sie das Buch auf den Boden gleiten. Dort kam es so zu liegen, dass das letzte Kapitel auf­geschlagen wurde. Hier stand zu lesen: „Zum Ausklang sei dem Novi­zen der rituellen Evokati­onsmagie noch mit­gegeben, dass es in seinem Ermessen liegt, die magische Praxis zum Guten oder zum Bösen einzusetzen. Die Methoden sind die­selben, aber was der Ma­gier mit seinem Handeln bewirkt, begründet den Unterschied zwischen weißer und schwarzer Magie.
Weiters ist es mir ein großes Anliegen, ergänzend darauf hinzuweisen, dass es auch noch andere Formen der Magie gibt: Wie man aus Feinden Freunde macht, ein liebe­voller Blick, die Verzweiflung eines Mitmenschen zu lindern, ein offenes Ohr, dem ande­ren zuzuhören, wenn dieser sich einsam wähnt oder wie man selbst in bescheidenen Verhältnissen in Anstand und Würde leben kann, wie man alleine durch Fleiß aus Stroh Gold macht, usw. Aber diese Magie vermag ich nicht zu lehren ...“
Sabine las es nicht, sie war eingeschlafen.


Über Nacht war der erste Schnee gefallen. Nicht ungewöhnlich für die zweite No­vemberhälfte. Paul machte Agnes das Angebot, in das Haupthaus zu übersie­deln, weil es in ihrem Zimmer in den kommenden Monaten entschieden zu kalt werden würde. Also zog Agnes in das Obergeschoss ein. Außer dem Bad (ah, endlich wieder einmal ein Bad, nicht immer nur Dusche!) befanden sich dort drei Zimmer, eines für Paul, das zweite war eine Art Wohnzimmer. Hier stand auch die Enko, die ihr Paul großzügig zur Verfügung stellte. Im dritten Raum, einer Mansarde mit kaum zwanzig Quadratmetern Fläche, lebte fortan Agnes. Obwohl winzig, war die Kammer ausgespro­chen zweckmäßig eingerichtet. Vor allem das Bett neben dem Einbau­schrank unter der Dachschräge vermittelte eine be­hagliche Atmosphäre. Agnes fühlte sich sofort wohl. Den feuchten Fleck an der einen Ecke zur Außenmauer übersah sie geflissentlich. Hier musste das Dach undicht sein. Besser ein undichtes Dach über dem Kopf als gar keines.
Beim Einräumen ihrer dürftigen Habseligkeiten in den Kasten fiel ihr ein Buch entge­gen: „Grundlagen der militärischen Strategie von Claudia Hehn.“
Das Foto über dem Klappentext zeigte Claudia, die Kellnerin aus dem Hermes, ledig­lich ein paar Jahre jünger.
„Paul?“
„Ja?“ kam die Antwort aus dem Nebenzimmer. Und schon stand Paul in der Türe. Als er das Buch in Agnes' Hand sah und ihren fragenden Gesichtsausdruck, konnte er un­schwer erraten, um was es ging.
„Ja, Agnes, das ist unsere unscheinbare Claudia aus dem Hermes. Sie war Lehrbe­auftragte für Militärgeschichte und militärische Strategie an der ehemaligen königlichen Militärakademie bis zu deren Schließung vor fünf Jahren. Lies es ruhig. Ich mache das auch gelegentlich. Es erinnert mich wohltuend daran, was diese Frau eigentlich drauf hat.“
Kaum hatte es sich Agnes in ihrem neuen Zimmer eingerichtet, setzte sie sich und begann zu lesen: „Vorwort. Gewiss, so von Strategie die Rede ist, hören wir sogleich er­lauchte Namen: von Clausewitz, Baron Jomini, Graf von Moltke, Graf von Schlieffen. Diese Leute haben mit ihren Erkenntnissen und Arbeiten im 19. Jahrhundert die militäri­sche Strategie auf eine fundierte theoretische Basis gestellt. Und auch wir werden uns den Ahnen und ihren Erkenntnissen gebührend widmen.
Indes mag derlei den Eindruck erwecken, Strategie sei lediglich eine militärische Spezialdisziplin. Mitnichten! Ein vor­urteilsloser Blick in die vielfältigen Aspekte des Lebens offenbart uns: Ohne es bewusst wahrzunehmen, sind wir pausenlos und überall von Stra­tegien umgeben. Unser gan­zes Leben ist davon eingebettet. Jedes Lebewesen trägt schon in den Erbanlagen ei­nen strategischen Plan mit sich, wie es das Leben zu be­wältigen gedenkt. Alle wirklich bedeutsamen Phänomene der Biologie sind Ausdruck von Strategie. Aber auch die menschliche Gesellschaft ist von diesem Grundsatz ge­prägt. Das Leben selbst hat Strategien für sich, alle Lebensformen gehen zumindest grundsätzlich strategisch an ihr Leben heran und auch die Menschen tun dies. Aller­dings sind wir Menschen die einzi­ge, uns bekannte Lebensform, die imstande ist, stra­tegische Prinzipien bewusst einzu­setzen. Das ist der Punkt, an dem es spannend wird und aus dem dieses Buch seine Berechtigung schöpft.
Überall, wo gegensätzliche Interessen aufeinanderprallen, geschieht Strategisches. Wenn sich ein Maikäfer über eine Kolonie Blattläuse hermacht, wenn eine Armee in das Staatsgebiet der Nachbarn eindringt, wenn sich ein neunjähriger Knabe mit seiner Mutter darüber streitet, wann er zu Bett gehen soll, immer und überall erblickt das ein­schlägig geschulte Auge mehr oder weniger strategisch bedingtes Handeln. In die­sem Sinne möchte ich sagen: Strategie ist alles!
Wir wollen also künftig das Wort „Strategie“ mit Hochachtung und allem Respekt, wenn nicht gar mit Inbrunst, aussprechen.
Ich stelle diese Erwägungen meinem Buch voran, weil davon auszugehen ist, dass strategische Entfaltung in der Regel sowohl unbewusst als auch stillschweigend ge­schieht. Niemand redet großartig darüber, kaum einer diskutiert diese Zusammenhän­ge. Und so kommt es, dass wir mehr oder weniger sprachlos vor Phänomenen wie: Ar­beitslosigkeit, Armut, Reichtum, Luxus, soziale Unterdrückung, imperialistische Außen­politik, etc. stehen. Viele von uns neigen dazu, diese Dinge als schicksalsbe­dingt oder vom Zufall ausgelöst, jedenfalls als unabänderlich in der einen oder anderen Weise zu betrachten. Keineswegs! Wir müssen lernen, alles das als Ausdruck von Stra­tegie zu erkennen.“
Das war ja ungeheuerlich! Das hieße ja, ... Armut und Arbeitslosigkeit würden von denen, die die Macht hätten, sie abzustellen, wissentlich in Kauf genommen, ... ja, vielleicht sogar ... Und ihre Familie und damit auch sie, Agnes, wäre daran schuld, dass ... ohhh ... nicht auszudenken, entsetzlich! Schnell weiterlesen ...
„Natürlich heißt das in weiterer Folge, dass wir uns fragen müssen, wer fährt zu wel­chem Zweck eine Strategie, die derlei Manifestationen hervorbringt? Denn an diesem Punkt wird es wirklich interessant, denn an ihm können wir unser eigenes Leben ge­stalterisch in die Hand nehmen. Genau hier wartet die Erkenntnis auf uns, dass wir nur bis zu einem gewissen Grad fremden Strategien hilflos ausgesetzt sind. Vielmehr ver­setzt uns die Beherrschung strategischer Prinzipien in die Lage, wirkungsvoll gegenzu­steuern.
Vor diesem allgemeinen Hintergrund muss man nun auch das wesentlich enger ge­fasste Betätigungsfeld der militärischen Strategie betrachten. Das Sammelsurium der militärischen Strategien ist nur eine besonders deutliche Ausprägungsform dieser allge­meinen strategischen Prinzipien, für die den Blick zu schärfen, Aufgabe dieses Vorwor­tes ist.“
Agnes legte den Band aus den Händen. Aha, das hatte man ihr auf der Uni nicht er­zählt. Dort war sie vollgestopft worden mit Detailwissen aller Art, volkswirtschaftlichen Zusammenhängen auf den verschiedensten Ebenen, komplizierten betriebswirtschaftlichen Berechnungen, und was es da noch alles gibt. Aber dass Armut und Arbeitslosigkeit strategische Ausprägungen sein sollen, was heißt, dass jemand dahintersteckt, der das so will, weil es in seinem Sinne ist ...??
Da wurde die Prinzessin sehr nachdenklich ...
Noch stundenlang las Agnes an die­sem Abend. Als ihr das Sitzen auf dem Sessel zu unbequem wurde, legte sie sich auf das Bett und blätterte weiter. Claudias Buch faszinierte sie, es ließ Agnes nicht mehr los.
Spät in der Nacht war sie beim Ende angelangt: „Nachwort. Nachdem heutzutage im­mer intensiver darüber nachgedacht wird, ob man menschliche Soldaten durch Roboter ersetzen soll, möchte ich an dieser Stelle einen kleinen Blick in eine Zukunft wagen, die sich meiner Einschätzung nach nicht aufhalten lässt. Die technologische Entwicklung ist mittlerweile dermaßen fortgeschritten, dass es selbst ohne nennenswerte Umstel­lungsprobleme möglich ist, Menschen durch Roboter zu ersetzen. Das wird auch ge­schehen, denn noch nie hat sich staatliche Autorität die Möglichkeit entgehen lassen, ihre Interessen mithilfe neuester Technologien durchzusetzen. Ich erinnere nur an den bezeichnenden Weg, den das einstige „Internet“ (der Vorläufer unserer Entertainmentkon­sole) im 21. Jahrhundert gegangen ist. Noch am Ende des 20. Jahrhunderts, als freiwil­liger Zusammenschluss von Millionen Computern vom Geiste des Freibeutertums ge­prägt, hatte es sich innerhalb weniger Jahrzehnte zum zentralen Mittelpunkt staatlicher Überwachung herauskristallisiert. Da praktisch alle Bürger irgendwann auf irgendeine Weise im Internet aktiv wurden, erreichte die Effizienz obrigkeitlicher Überwachung einen bis dahin unerreichten Grad an Vollständigkeit und Perfektion.
Überdies sind die Vorteile, die Roboter gegenüber menschlichen Soldaten haben, auf der Hand liegend:

1.Verwundete Soldaten verursachen erhebliche Probleme, tote nicht. Ein Verwun­deter muss abtransportiert werden, er bedarf der ärztlichen Hilfe, er beansprucht sanitäre Einrichtungen aller Art. Das verursacht Kosten, das bindet Personal, Geld etc., kurz, unterschiedlichste Ressourcen. Und das alles für jemand, der mit hoher Wahrscheinlichkeit als Invalide kampfuntauglich, den Rest seines Lebens auf Kosten des Gemeinwohles wei­ter leben muss! Das ist weder für die Betroffenen lustig, noch für den Staat von Vorteil. Das heißt, Verwundete belasten das Gemeinwesen gewaltig, unabhängig vom Kosten-Nutzen-Verhältnis, welches grundsätzlich als äußerst schlecht einzu­stufen ist. Alle diese vorhin erwähnten Ressourcen könnten im Kriegsfall ander­weitig viel effektiver eingesetzt werden.
Aus diesen Gründen fahren alle an einem militärischen Konflikt beteiligten Partei­en die Strategie, dem Gegner Verwundete, nicht Tote, zu verursachen. Ein Bei­spiel: Es wäre an sich kein Problem, Schützenminen so zu dosieren, dass der Un­glückliche, der auf sie tritt, stirbt. Mit Absicht tut man das nicht. Wir wissen nun, warum.
Im Gegensatz dazu müssen Roboter, die nicht mehr ganz funktionstüchtig sind, keineswegs unbedingt repariert werden. Es bleibt vielmehr der Abwägung des Kosten-Nutzen-Verhältnisses im Sinne der Kriegsökonomie überlassen, ob das geschieht. Auf diese Weise kann mit den vorhandenen Ressourcen wesentlich ef­fizienter umgegangen werden.

2.Roboter haben keine Emotionen. Die Militärgeschichte ist voll von Beispielen, in denen Soldaten Befehle verweigert haben, weil sie nicht im Einklang mit ihren persönlichen, moralischen Prinzipien gestanden sind. Diese so genannten „Sub­ordinationsprobleme“ werden der Vergan-genheit angehören. Roboter hinterfragen nicht, sie führen aus. Dass ein hundertprozentig berechenbares Verhalten der ausführenden Organe den befehlsgebenden Instanzen nur recht sein kann, ver­steht sich von selbst. Die eigene Strategie muss praktisch keine irrationalen Reste mehr einkalkulieren. Folglich steigt die Wahrscheinlichkeit spürbar, die angestreb­ten Ziele wie geplant zu erreichen.

3.Ich habe im Kapitel über die psychologische Kriegsführung dargelegt, wie aufwendig zum einen, und wie notwendig zum anderen, diese ist. Weiters habe ich ge­schildert, dass sie im Wesentlichen bezweckt, die eigenen Leute bei der Stange zu halten, um es salopp zu formulieren. Mit Robotern als Soldaten kann die psy­chologische Kriegsführung weniger üppig gestaltet werden, weil Maschinen keiner Motivation, sondern nur der Programmierung bedürfen. Und schon wieder sind Ressourcen frei, die eine Krieg führende Partei in den aggressiven Teilen ihrer Strategie zwangsläufig besser inves­tiert sieht.


Aus den dargelegten Gründen erscheint der bevorstehende Austausch von Soldaten gegen Roboter unausweichlich. Allerdings ist dieser Wechsel durchaus auch problema­tisch. Nicht nur der Vollständigkeit halber möchte ich das ausdrücklich erwäh­nen. Da sich diese Probleme in der Hauptsache auf politischer, sozusagen höherer Ebene ergeben werden, seien diese im Rahmen dieses Buches nur kurz skizziert.
Die staatliche Autorität wird den Austausch im Kern als humanitäre Maßnahme argu­mentieren. Weil ja Menschen nicht mehr so zu Schaden kämen, etc. Sicher stimmt das, allerdings wird auch die Hemmschwelle, einen Krieg zu führen, sinken. Roboter schreien nicht, sie bluten nicht, sie sterben weder heroisch noch erbärmlich. Das ergibt ein qualitativ gänzlich anderes Bild von Kampfhandlungen in den Massenmedien, sprich in den Augen der Öffentlichkeit. Damit erhalten kriegerische Konflikte gewissermaßen das Flair eines Computerspieles. Sie erlangen dadurch sogar einen erheblichen Unterhal­tungswert, da an den Spieltrieb der Bevölkerung appelliert wird.
Überdies haben Maschinen keine Angehörigen, die unangenehme Fragen stellen könnten, eine Hinterbliebenenrente begehren, usw. Weiters erscheinen Kosten und Ri­siken eines Krieges sowohl kleiner als auch kalkulierbarer denn je. Was also sollte zwei Staaten großartig daran hindern, gegebenenfalls ein militärisches „Tänzchen zu wagen“? Ist doch ein Krieg nur die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, wie sich von Clausewitz am Beginn des 19. Jahrhunderts ausgedrückt hat.
Indes möchte ich diese Zeilen mit einem mir persönlich wichtigen Hinweis schließen. Es gibt noch andere strategische Aufgaben für den, der mit Strategie bewusst umge­hen kann. Etwa wie man aus Unbekannten Kunden, aus Verwandten Freunde macht oder wie man selbst in beschei­denen Verhältnissen in Anstand und Würde leben kann, wie man alleine durch Fleiß aus Stroh Gold macht, kurz, wie man verhindert, dass aus dem eigenen Leben ein Mär­chen wird, in dem der Teufel gewinnt. Aber diese Aufgaben sprengen endgültig den Umfang dieses Werkes. Es wäre schön, könnten wir gemein­sam die Vision teilen: Hinter dem Horizont, da geht es weiter ...“
Agnes hatte es aufmerksam gelesen. In der Zwischenzeit war es kurz vor drei Uhr in der Nacht geworden. Total ermüdet schloss Agnes die Seiten des Buches. Sie würde Claudia von nun an mit anderen Augen sehen ...
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Ich schreibe, also bin ich.
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BeitragVerfasst am: 12.02.2008, 09:07    Titel: Ein Hund tritt in den Saal 2. Kapitel / 6. Teil Antworten mit Zitat

Voll Sorge befragte Sabine wieder einmal ihren Spiegel: „Mein Leben in der fei­nen Gesellschaft habe ich mir ganz anders vorgestellt. Ich habe mehr Geld, als ich je zu träumen gewagt hätte und bin trotzdem nicht glücklich. Irgend­wie fühle ich mich betrogen. Meinst du, sollte ich nicht noch einmal mit Odrammiel re­den?“
Der Löwe, dessen Maul den Spiegel umfasste, gab zur Antwort: „Nein, meinen Meister erneut zu zitieren, kann ich dir beim besten Willen nicht emp­fehlen. Sieh nur.“
Sabine sah tiefer in den Spiegel. Nach anfänglichen Nebeln zeigte er ein muskelbepacktes, dämonisches Wesen mit zwei Wid­derhörnern. Es war sicher mehr als zwei Meter groß und saß auf einer Art steinernem Thron. Übergroße, phosphorgrüne Augen glühten in­mitten ei­ner wahrhaft fremdartigen Fratze. Vielen Dank, dass Odrammiel ihr bei der Beschwörung nicht in dieser Ge­stalt erschie­nen war. Drei schöne, äußerst spärlich bekleidete men­schliche Frauen umringten den Dämon lasziv. Die übrige Umgebung versank im Dunkeln ...
Odrammiel sagte gerade zu der linken: „Irgendwie fühle ich mich betrogen, Hohe­priesterin. Ich kann nicht behaupten, ich hätte in Sabines Umarmung etwas von Bedeutung entdeckt.“
Da erwiderte die Hohepriesterin rechts neben ihm: „Ich kann dir schon sagen, was schief ge­laufen ist. Du hast dich mit ihr vereinigt, aber das ist es nicht. Sie hätte dich lieben müs­sen, aber das tat sie nicht. Das Geheimnis, das du ergründen möchtest, liegt in der Umarmung einer Frau, die dich liebt.“
„Und genau deswegen fühle ich mich hintergangen.“
„Teufel und Dämonen fürchtet man, man verehrt sie zwischendurch, ja manchmal ha­ben sie sogar Hohepriesterinnen zu ihren Ehren, wie du, Odrammiel, aber geliebt wer­den sie nicht. Wir tun es auch nicht. Wir sind dir untertan und wenn du männliche Be­dürfnisse hast, stehen wir dir zur Verfügung. Und damit hat es sich. Das ist ja der Grund, warum du in der Hölle bist und überall, wo du bist, dort ist Hölle.“
In einer Mischung aus Wut, Schmerz und Verzweiflung schrie Odrammiel auf. Es klang wie das Brül­len eines wilden Tieres. Sekundenlang gellte der grässliche Laut in das Dunkel der Umgebung hinaus ...
„Mich, Odrammiel, betrügt man nicht ohne Folgen. Nie und nimmer werde ich so etwas dulden! Ich werde diese Frau bestrafen. Ein Fluch soll die Frucht ihres Leibes treffen! Sollte sie gebä­ren, ...“
Der Rest wurde in einer Sabine unverständlichen Sprache gesprochen. Es hörte sich ungefähr so bedrohlich an wie in den dämlichen Horrorfilmen, in denen irgendwelche finstere Wesen sich gegenseitig den Angriff auf die Menschen befehlen. Damit verlosch die Vision. Plötzlich fühlte Sabine stechende Schmerzen im Unterleib. Das erin­nerte sie an ihren Frauenarzttermin morgen. Schnell begab sie sich wieder in ihr Schlaf­gemach und stieg zu ihrem homosexuellen Ehemann ins Bett. Dieser schnarchte friedlich vor sich hin, die Decke bis ans Kinn gezogen.
Der nächste Tag hatte für des Königs Schwiegertochter eine unangenehme Enthül­lung bereit. Sie befand sich im Gespräch mit ihrem Arzt, der die Befunde in der Hand hielt, in denen er unablässig blätterte, so, als suche er etwas. Sabine merkte bald, dass etwas nicht stimmte.
Der Arzt hatte Hemmungen, ihr in die Augen zu sehen, als er seine Patientin informierte: „Ohne jeden Zweifel, Sie sind schwanger, Baronesse. Aber, hm, ... wie soll ich es sagen?“
„Heraus damit!“
„Was in Ihrem Unterleib heranwächst, entwickelt sich offensichtlich normal, nur ... was es ist, wissen wir nicht.“
Das Weihnachtsgeschäft lief gut. Allerdings waren die Kunden hektisch und Agnes' Ar­beit war dadurch sehr anstrengend. Jeder Kunde bildete sich eine Spezialität ein, je ausgefallener, desto besser und das natürlich zum absoluten Tiefstpreis. Wie oft versuchte die Kundschaft mit Agnes und Paul, der sich infolge der gestiegenen Frequenz eben­falls im Verkauf befand, zu feilschen!
Agnes hatte bereits einen recht guten Blick dafür entwickelt, wie viel Geld sich wohl in der Börse ihres Gegenübers befinden mochte. Wollte also einer der Reichen wieder einmal aus reinem Sportsgeist den Preis in den Keller drücken, wurde eben der Aus­gangspreis dementsprechend hoch angesetzt. Letzten Endes zahl­te der Kunde das, was ein armer Schlucker ohne zu feilschen auch auf die Tischplatte gelegt hätte. Doch der Reiche sonnte sich in seinem Einkaufserlebnis, offensichtlich im Gefühl, wie­der einmal Macht ausgeübt zu haben. Agnes und Paul gönnten jedem sein Einkaufserlebnis, Hauptsache Geld klimperte in der Kassa! Ohne Murren nahmen sie es auf sich, mehr oder weniger im Freien zu stehen, Schnee und Kälte ausgesetzt, wenn es sich wenigstens dafürstand.
Sie gewöhnten sich an, allabendlich nach Geschäftsschluss die Tageslosung zweimal zu zählen. Einmal Agnes, dann Paul oder umgekehrt. Damit sich keiner verzählte, begründeten sie das sich selbst gegenüber offiziell. Naja, bei derartigen Beträgen! In Wirklichkeit wollte jeder das Vergnügen haben, doppelt oder dreimal so viel Geld wie das restliche Jahr über zählen zu dürfen. Die Geldscheine in der Handfläche spüren, von 190 auf über 200 Drachmen weiterzählen, glänzende Augen dabei kriegen ... Sich gelegentlich verzählen, nur um das Vergnügen noch einmal auszukosten. Und das alles natürlich mit demonstrativer Beiläufigkeit, als sei das in keiner Weise etwas Besonderes. In Wirklichkeit hüpfte ihnen das Herz im Leibe.
Zwei Tage vor Weihnachten kam am frühen Vormittag ein alter Mann mit Hut, dessen Schatten einen Großteil seines Ge­sichtes verdeckte, vorbei. Er steckte der staunenden Agnes kommentarlos ein ver­schlossenes Kuvert zu und entfernte sich unverzüglich. Paul, der gerade auf der Toilette war, hatte nichts davon mitbekommen. Als Agnes in der Mittags­pause endlich dazu kam, die Botschaft unbemerkt zu öffnen, las sie: „Silvesterabend 19.30 Uhr. Sieh aus dem Fenster.“


Zwei Hände wurden geschüttelt. Paul und Agnes standen im Wohnzimmer neben einem feierlich gemeinsam geschmückten Bäumchen aus wieder verwertetem Plastik.
„Frohe Weihnachten, Agnes.“
„Frohe Weihnachten, Paul.“
Natürlich waren sie übereingekommen, sich nichts zu schenken. Und genauso natürlich taten sie es dennoch. Agnes hatte einen Rasierpinsel gekauft, Paul ein paar Gutscheine für ein Modegeschäft, bzw. für ein Geschäft, das auf der Hausmauer darüber „Damenmode“ plakatiert hatte.
Sie standen vor dem Weihnachtsbäumchen und tauschten ihre Geschenke aus. Aus der Küche duftete ein Grillhuhn, der Weißwein von Doppelplus war bereits gekühlt. Agnes sah unglaublich aus, so fand Paul. Ein wenig geheimnisvoll, diese grünen Augen, das Gesicht so schön und, was ihm viel wichtiger vorkam, so faszinierend, obwohl sich kaum Make -up darin fand. Das Lächeln offen, ehrlich, einladend ... Paul musste sie einfach umar­men, in diesem Augenblick konnte er nicht anders ... Es elektrisierte ihn geradezu ... Wohlgefällig ließ Agnes es ge­schehen. Wie gut ihm die Berührung seiner Wange mit der ihren tat! Jede Faser sei­nes Körpers drängte ihn zu dieser Frau. Und zugleich wusste er, er könnte weitergehen, wenn er das wollte.
Aber Agnes war seine Angestellte, er der Chef. Man könnte ihm nachsagen, er habe seine Stellung ausgenützt. Und überhaupt, Liebe zwischen Chef und Angestellter ist halt auch so ein Kapitel ... Also löste er sich von Agnes, obwohl es ihm unglaublich schwer fiel. Er verspürte fast körperlichen Schmerz dabei. Es schien ihm besser, wenn er mit Agnes kameradschaftlich weiterlebte und das Geschäft auf einer sachli­chen Ebene mit ihr weiterführte. Agnes akzeptierte es bedauernd.
Wenig später saßen sie vor dem gegrillten Huhn, ihrem Weihnachtsessen. Agnes hatte sich nicht vorstellen können, dass ein einfaches Grillhuhn dermaßen gut schme­cken konnte. Die knusprige, goldbraune Haut, das zarte, weiße Fleisch, ein Fest der Sinne! Allerdings hatte sie im letzten halben Jahr auch kein derartiges Essen mehr ge­habt. Und Hunger ist allemal der beste Koch. Paul sah ihr mit Vergnügen zu. Es machte ihn stolz, schließlich hatte er gekocht.
Agnes drängte sich die Frage auf, wie viel das alles gekostet haben mochte. Sie sagte: „Du Paul, ich habe schon mitgekriegt, dass du es ungemein schwer hast. Wenn ich dann so wie heute sehe, was du zuwege bringst, frage ich mich, wie du das trotzdem schaffst.“
„Weißt du Agnes, wenn ich in meinen bescheidenen Verhältnissen von kaufmänni­schem Erfolg reden darf, dann liegt sein Geheimnis im Einkauf. Ein Prozent beim Ein­kauf eingespart wiegt soviel wie drei bis fünf Prozent mehr Umsatz. Meinst du, ich fahre umsonst den ganzen Tag herum und bemühe mich, möglichst günstig einzukaufen?
Aber jetzt lass uns nicht mehr vom Geschäft reden, es ist Weihnachten, draußen liegt Schnee und wenn wir uns nicht ranhalten, wird unser Huhn kalt.“


Silvesterabend. Paul klopfte an die Tür und unterbrach damit Agnes' Tai-Chi-Übun­gen.
„Ich gehe in das Hermes, Silvester feiern. Kommst du mit?“
Agnes dachte an die Botschaft des Alten von neulich. Was zeigte die Uhr? Viertel nach sechs.
„Nein, vielleicht komme ich nach. Ich weiß es noch nicht.“
Träge verrann die Zeit. Wie lange eine Stunde dauern kann, wenn nichts zu tun ist! Fünf Minuten vor halb acht drückte sich Agnes schon am Fenster auf die Straße hinunter die Nase platt. Es schneite in dicken Flocken. Nie­mand zu sehen weit und breit. Halt! Ein Scheinwerferkegel! Eine überlange Luxuslimou­sine, so eine, wie Vater sie besaß, bog um die Ecke. Das rückwärtige Fenster bewegte sich nach unten. Ein Mann in dunkler Kleidung beugte sich aus dem Fenster, das Gesicht durch den Schatten seines Hutes nicht erkennbar. Er winkte Agnes, sie solle kommen. Die Sache war dieser zwar nicht geheuer, aber eine innere Stimme sagte ihr, sie solle sich darauf einlassen. Schnell ihren einzigen Wintermantel aus dem Secondhandgeschäft umgeworfen und schon trat sie aus dem Haus.
Geräuschlos öffnete sich die hintere Wagentür. Der Mann im Wagen deutete Agnes, Platz zu nehmen. Wie von Zauberhand schloss sich die Türe hinter ihr. Der mysteriöse Mann neben ihr sagte mit verstellter Stimme: „Der König hat heute Nacht zu ei­nem Ball geladen. Wenn du möchtest, kannst du teilnehmen.“
„Ich habe nichts anzuziehen. Und mit welchem Namen sollte ich in die Gesell­schaft eingeführt werden?“
„Zieh das an“, erwiderte der Mann, indem er Agnes ein Ballkleid vom Beifahrersitz reichte. „Du wirst dich Gräfin Monte Christo nennen. Es versteht sich von selbst, dass du nichts verraten darfst. Schlag zwölf musst du den Ball verlassen, solange bist du geschützt. Ich erwarte dich vor dem oberen Portal. Ist der letzte Klang der Glo­cke verhallt, fahre ich wieder, mit oder ohne dich.“
Da fiel Agnes auf, dass sie das Kleid bereits anhatte. Endlich wieder etwas Anständi­ges auf dem Leibe. Nicht nur das, es war das schönste Kleid, das sie jemals getragen hatte. Wie wunderbar sie sich darin fühlte! Ein zufälli­ger Blick in den Rückspiegel zeigte ihr, dass sie geschminkt war. Und zwar bestens! Ehe sie zum Nachdenken kam, hielt der Wagen. Sie waren vor dem oberen Portal angekommen. Ein Diener des Schlosses hielt die Tür auf, ihr Begleiter sagte ihm: „Die Gräfin Monte Christo!“
Was für ein seltsames Gefühl, sich durch die vertrauten Gänge und Zimmer zu bewegen! Jeden Quadratmeter Boden kannte Agnes in– und auswendig. Mit verbundenen Augen hätte sie sich hier zurechtgefunden und dennoch war sie fremd, nur kurz zu Gast ...
Auf dem Ball war Agnes der gesellschaftliche Mittelpunkt. Keine der anwesenden Damen konn­te so charmant plaudern, keine sah so hinreißend aus, keine wurde so um­schwärmt. Die Männer standen Schlange, mit ihr tanzen zu dürfen.
Zu guter Letzt wurde selbst der König aufmerksam. Er wandte sich an seine Frau und sagte: „Eine ausgesprochen bemerkenswerte Tänzerin, findest du nicht auch? Ich denke, ich werde mit ihr einen Walzer wagen.“
„Du-u Schorschi, tust dich eh nicht überanstrengen. Denk bitte an deine Bandschei­ben, ja?“
„Gewiss, mein Schatz, gewiss.“ Und schon war der König fort. Seine Frau sah es mit ge­mischten Gefühlen. Georg überlegte: Warum sollte er auf seine Bandscheiben achten? Hatte er die nicht vor zwei Jahren gegen die neuesten Cyborg-Implantate austauschen lassen?
Das Herz klopfte dem König bis zum Halse, als er die Gräfin Monte Christo zum Tanze bat. Es war ihm, als kenne er diese Frau. Die Art, das Champagnerglas zu halten, wie sie beim Lächeln die Zähne zeigte, die ungekünstelte Anmut, mit der sie sich bewegte ... Er kannte all das, er wusste nur nicht, woher ...
Gegen die Gräfin waren die meisten der anderen anwesenden Frauen schlicht und einfach Bauerntrampel. Verwechselten sie doch perfekte Schminke mit Schön­heit, dämliches Gegacker mit Konversation, nuttiges Arschgewackel mit Noblesse, süß­liches Grinsen mit Herzlichkeit! Igitt!! Aber die Gräfin von Monte Christo, ja, die war an­ders, ganz anders.
Der Tanz mit der Gräfin tat ihm gut. Und offensichtlich auch ihr. Da schlug die Glocke. Bummm – bummm, ein Blick auf die Uhr: Mitternacht, bummm ...
„Ich muss gehen. Danke für den Tanz, danke für ... alles, Herr König, auf Wiedersehen!“, flüsterte die Gräfin Monte Christo mit Tränen in den Augen.
Bummm ... und schon war die Gräfin Richtung Ausgang enteilt. Der König blieb total verblüfft zurück. Jetzt, wo es doch gerade erst richtig lustig wurde! Was hatte sie denn? War er ihr auf die Zehen getreten?
Er rief der Gräfin nach: „Halt, bleiben Sie doch da!“
Bummm ... Die Gräfin eilte die Treppe hinunter. Jetzt lief sie sogar, so schnell es ging. Auf der untersten Treppe stolperte sie und verlor den linken Schuh. Bummm ... Mit nur ei­nem Schuh lief sie weiter, als wäre der Teufel hinter ihr her. Beim letzten Schlag der Glocke hatte sie das obere Portal erreicht. Sie beeilte sich, in die Limousine einzu­steigen, die ohne Verzug losfuhr.
Zurück blieb ein reichlich verwirrter König. Die Königin hatte gemeinsam mit dem überwiegenden Teil der weiblichen Gäste den unerwarteten Abgang der Gräfin mit kaum verhohlener Genugtuung mitverfolgt. Georg III. gab seinem Geheimdienstchef ei­nen Wink. Unauffällig zog er sich mit diesem in seine Arbeitsräume zurück.
„Wer war die Frau, Andreas?“, fragte er den Agenten, der den verlorenen Schuh nachdenklich von allen Seiten betrachtete.
„Wir haben den ganzen Abend schon ermittelt, Georg, aber eine Gräfin Monte Chris­to gibt es nicht. Leider ist es uns nicht gelungen, ihre wahre Identität auszuforschen. Al­lerdings ergaben die Computersimulationen, dass der Vorfall als harmlos einzustufen ist. Kein Hinweis auf einen Attentatsversuch oder Vergleichbares. Meiner Auffassung nach warst du zu keinem Zeitpunkt des Abends in Gefahr. So gesehen solltest du der Sache nicht mehr Bedeu­tung beimessen, als ihr zukommt.“
„Gib mir den Schuh und lass mich alleine.“
Kaum war der Geheimdienstler draußen, setzte sich Georg III. Der Sache nicht mehr Bedeutung beimessen, als ihr zukommt! Ha, der hatte ja keine Ahnung ... Verson­nen drehte und wendete er den Schuh. Das Lächeln dieser geheimnisvollen Frau, ihre Bewegungen, ihre Natürlichkeit, all das führte ihn im Geiste zurück. Und je mehr er den Schuh in Augenschein nahm, desto mehr formte sich eine Gestalt, die ihn trug: Agnes! Ja, wenn nicht die äußerliche Erscheinung der Gräfin so deutlich dagegen gesprochen hät­te, hätte er ge­sagt, das war Agnes gewesen ...
Weinend sank er über dem Schreibtisch zusammen. Sie lebte noch, davon war er jetzt felsenfest überzeugt.
„Agnes ... Agnes ...!!“


Der Jänner war die härteste Zeit auf dem Markt. Mit einem kleinen Kerosinofen versuchten Paul und Agnes der klirrenden Kälte Herr zu werden. Eine Plas­tikdecke auf dem Dach des Verschlages sollte einerseits das Eindringen des Schnees verhin­dern und andererseits das Entweichen der wenigen Wärme, die ihr Ofen spende­te, hintanhalten. Dazu kaum Kundschaft. Kein Wunder, hatten sich die Leute doch an­lässlich Weihnachten mehr als verausgabt, also war jetzt sparen das Gebot der Stunde. Wenige Kun­den aber bedeuteten wenig Umsatz. Freudlos zählte Paul jeden Abend 15, 18, manchmal 22 Drachmen Umsatz. Das hieß unweigerlich Not und existentielle Sorgen, der Berg der unbezahlten Rechnungen, Gebühren und Abgaben türmte sich bedrohlich. Paul schätzte sich glücklich, wenn sich einer der Gläubiger noch einmal vertrösten ließ, ein allerletztes Mal, wie man ausdrücklich betonte ...
Früher oder später war der Winter vorbei und der Schnee entließ Ende Februar die Landschaft in den Frühling. Damit kehrte bei der Bevölkerung die Bereitschaft, sich ins Freie zu begeben wieder zurück und auch die Kauflaune der Kunden stellte sich wieder ein. Der Ab­grund in der Geldtasche, den der Rausch des Weihnachtseinkaufes hinter­lassen hatte, war überwunden und damit die Kaufkraft wieder hergestellt, so weit dies eben möglich war. Dadurch erholten sich die Umsätze wieder langsam und im Gefolge Pauls Laune.
Eines Tages fragte Paul Agnes: „Ich gehe heute zu einer Versammlung. Kommst du mit?“
„Welche Versammlung?“ fragte Agnes zurück, die gerade den Stand für heute schloss.
„Lass dich überraschen.“
Kaum saßen sie im Wagen, erklärte Paul ihr: „Du kennst die linksliberale Bewegung, die letzten Königstag verboten worden ist. Du erinnerst dich, dass mein Vater zu den Gründern gehört hatte. Die Leute denken im­mer, das sei eine rein politische Bewe­gung, ein loser Haufen sozusagen, aber das stimmt so nicht. Es gibt auch ei­nen straff organisierten Flügel, dem ich angehö­re. Wir treffen uns gelegentlich an einem gehei­men Ort und beratschlagen im Schutze der Dunkelheit. Was ich dir also in den nächs­ten Stunden zeige, ist streng geheim. Be­trachte das bitte als Zeichen meines Vertrau­ens zu dir.“
Und schon bog er auf das Gelände der Schrottpresse ein. Die Arbeiter waren alle schon weg oder wenigstens zeigte sich niemand mehr. Paul hielt ne­ben dem Büroge­bäude. Wie ein Gentleman der alten Schule hielt er Agnes die Tür auf. Die Prinzessin fühlte sich sehr geehrt und bedankte sich mit einem Lächeln.
Paul führte sie durch die Anlage an den verrosteten Autos vorbei in den hintersten Geländeteil, direkt zur Nordwand. Da stieß Agnes mit ihrem Fuß an ein ungewöhnliches Objekt. Ja, war das denn nicht ...? Oh doch, das war ihre Tasche mit den Aktien! Trotz jeder Menge Schmutz war das Krokodilleder deutlich zu erkennen, es gab nicht die Spur eines Zweifels! Rasch bückte sich Agnes da­nach, öffnete die Tasche und hielt ihre eigenen Aktien in der Hand. Sie schienen unver­sehrt zu sein. Sie wandte ihren Blick nach oben. Dort war ein bisschen von der Schlossmauer zu erkennen. Das musste offenbar die Stelle sein, an der sie damals im letzten Frühjahr in ihrem Übermut die Ta­sche verloren hatte. Lange hatte es gedauert, lange ...
Paul blieb vor Staunen fast der Mund offen. Auf die verlorenen Gegenstände der Prinzessin Agnes hat­te er inzwischen doch total vergessen! Dabei waren diese die ganze Zeit hier, inmitten vor sich hinrostender Metallteile gelegen! Und keinem war es je aufgefallen.
„Oh, das gehört nicht uns, Agnes“, so hörte Agnes ihren Chef. „Ich muss dir das leider weg­nehmen. Der Inhalt der Tasche ist sehr wertvoll. Ich werde dafür sorgen, dass du dei­nen Anteil vom Finderlohn erhältst. Ich erkläre es dir später“.
Und schon nahm Paul die Tasche an sich. Agnes sah ihn ganz seltsam an.
Direkt an der Felswand stand ein alter, schrottreifer Wohnwagen, den Paul nun auf­machte. In seinem Inneren befand sich an der rückwärtigen Seite eine Öffnung, die zu ei­ner Höhle in das Berginnere führte. Nach wenigen Metern weitete sich der Gang zu ei­nem relativ bequem eingerichteten Raum, in dem bereits vier Personen versammelt waren: Clau­dia, die Kellnerin des Hermes, der schwerhörige Eddie, seine Tochter Erika und ein un­bekannter Mann, der Agnes als „Hermann“ vorgestellt wurde.
Es wurde die allgemeine Lage besprochen, was im Augenblick in Sachen Öf­fentlichkeitsarbeit am besten zu machen sei, usw. Dazwischen stellte man wieder die Enko an, um die neuesten Informationen zu erhalten. Wurstbrote, Ge­bäck und diverse Getränke ließen die Versammlung zum Picknick werden, fand Agnes. Allerdings kam ihr der Verdacht, dass wegen ihrer Anwesenheit nichts wirklich Verbindliches zur Spra­che gekommen war. Wahr­scheinlich misstraute man ihr und würde sie wohl erst Schritt für Schritt einweihen.
Nach der Versammlung fuhr Paul Agnes nach Hause. Im Auto erklärte er ihr: „Die Sa­che mit der Tasche, Agnes.“
„Was ist da Geheimnisvolles damit?“
„Stell dir vor, letzten Mai sitze ich in irgendeiner Kneipe, geschäftlich bedingt im Südvier­tel, als Prinzessin Agnes neben mir Platz nimmt. Sie spricht mich ganz ungeniert an. Sie habe eine Krokodilledertasche mit einer Menge Aktien versehentlich über die Schloss­mauer die nördliche Felswand hinuntergeworfen. In ihrer Blödheit hätte sie dazu sagen sollen, tat es aber natürlich nicht. Ich solle diese auftreiben und sie ihr wieder zurückgeben. Ich glaube, was du heute gefunden hast, ist diese ominöse Ta­sche.“
„Was ist diese Prinzessin Agnes für ein Mensch? War sie unsympathisch?“
„Nein, nein, unsympathisch war sie nicht. Aber eben eine verzogene, ver­wöhnte High-Society-Göre. Sie hat sicher ihre charakterlichen Qualitäten, ich meine, das Herz am rechten Fleck, wie man so sagt, aber ganz bestimmt die falsche Erziehung.“
„Das verstehe ich nicht ganz.“
„Wenn du bei einem Klavier eine Taste schlägst und es steht ein anderes daneben, dann schwingt die betreffende Seite dieses Klaviers ebenfalls mit. So ein ähnlicher Ef­fekt war zwischen mir und Agnes. Genauer kann ich es allerdings nicht erklären, dazu hatte das Gespräch zu wenig lange gedauert. Ich will es einmal so sagen: Es war eben keine Begegnung von Mensch zu Mensch, sondern von Obertanin zu Untertane. Und ich war der Untertane. Dementsprechend gab sie sich.“
„Und wirst du ihr die Tasche zurückgeben?“
„Sicher, wenn sie nicht verschwunden wäre. Wenn ich daran denke, dass wir Linksli­beralen sie entführt haben sollen ... Sobald die Dame beliebt wieder zu erscheinen, kriegt sie ohne Frage auch ihre Aktien.“
„Ach, Paul, die Prinzessin ist schon so lange verschwunden, dass ich nicht glaube, sie wird jemals wie­der auftauchen. Lass uns doch die Aktien selbst zu Geld machen oder willst du be­haupten, wir könnten es nicht brauchen?“
„Und ob wir das Geld brauchen könnten. Wahrscheinlich wäre dies das Ende unserer finanziellen Sorgen. Aber ich könnte mir selbst nicht mehr in die Augen sehen. Ich habe einen Deal und ich halte mich daran.“
„Aber du, der Untertan, hättest jetzt eine Gelegenheit, dich an ihr, der Obertanin, zu rächen.“
„Ist mir zu billig. Überdies ist das System schuld und nicht die Person der Prinzessin. Und abgesehen davon sind die Aktien vielleicht gar nichts mehr wert. Wenn ich mir vor­stelle, ich hintergehe die Prinzessin, verrate mei­ne Prinzipien, was sicher schlimmer ist, und komme dann in der Bank drauf, dass die Papiere nichts mehr wert sind, spätestens dann würde ich mir selbst vor die Füße kot­zen ... Oh nein, es stimmt schon, was mein Vater immer gesagt hat: Seine Seele an den schnöden Mammon zu verkaufen, das ist die moderne Form des Teufelspaktes.“
Nach einigen Momenten der Stille ergänzte Paul: „Ich verstehe dich zwar. Aber es muss und wird auch anders gehen, Agnes. Irgendwann, irgendwie ...“
Bei diesen Worten waren sie zu Hause angelangt. Nachdem er Agnes aussteigen hatte lassen, fuhr Paul wieder zur Schrottpresse zurück. Er durchquerte den Versamm­lungs-raum und betrat einen der angrenzenden Räume. Dort saß ein Mann, Anfang vier­zig, gefesselt vor einem Tisch. Grelle Scheinwerfer leuchteten ihm ins Gesicht. Er war des Verrates überführt worden. Der übrige Raum versank für ihn im Dunkeln. In den Ecken waren Lautsprecher aufgebaut, über die der Gefangene befragt wurde.
„Alfons Wegscheider, du hast über ein Jahr lang alle unsere Pläne an den königli­chen Geheimdienst weiter geleitet“, so hör­te der Gefesselte eine elektronisch verzerrte Stim­me aus allen Richtungen gleichzeitig. „Darüber werden wir uns jetzt unterhalten. Was immer du uns sagst, es muss die Wahr­heit sein. Nur keine Angst, wir werden dich nicht foltern. Du wirst uns trotzdem die Wahrheit erzählen, nicht wahr?“
Keine Antwort des Gefangenen. Das hängt von euren Fragen ab, hätte er sagen wol­len, tat es aber nicht.
„Du bist doch einer von uns“, so fuhr die Stimme fort. „Wa-rum also hast du unsere gemeinsame Sache verraten?“
„Erstens werdet ihr nie Erfolg haben, zweitens hat mir der Geheimdienst aus der Pat­sche geholfen und nicht ihr. Vor über einem Jahr hatte ich einen riesigen Schulden­berg. Sie haben mir Geld auf den Tisch gelegt. So viel Geld, wie ich noch nie auf einem Haufen gesehen habe. Noch am gleichen Tag war ich schuldenfrei. Wozu sollte ich für eine aussichtslo­se Sache arbeiten, die mir nicht helfen konnte?“
„Was würdest du an unserer Stelle mit einem Verräter, so wie du einer bist, tun?“
Keine Antwort. Wegscheider war klar: Was immer er jetzt sagen würde, es wäre sein Urteil über sich selbst.
„Wir geben dir die Möglichkeit, dich zu rehabilitieren. Du wirst einen Datenkristall erhal­ten, der Informationen enthält, von denen wir wollen, dass der königliche Geheimdienst davon erfährt. Nimm den Kristall und begib dich damit zu deinen Kontaktleuten in das Schloss. Bis dahin beschatten wir dich, damit du nicht kneifst.
Du wirst nie mehr für uns arbeiten, aber wir töten dich wenigstens nicht. Lass dich von heute an nie mehr hier blicken, hast du verstanden?“
Wegscheider hatte verstanden. Da davon auszugehen war, dass der königliche Ge­heimdienst ihm hinter die Schliche kam, würde er, Wegscheider, eben von dieser Seite liquidiert werden. Insofern hatten die Linksliberalen sich eigentlich nur die Finger abge­putzt. Aber eine winzige Chance sah sich Wegscheider. Einfach den Kristall abgeben und schnells­tens verschwinden. Aber wohin? Wo gab es den Schlupfwinkel in Siddi Lohan, an dem auch nur irgendein lebendes Wesen sicher war vor dem Geheimdienst? Er wollte doch einfach nur leben ...
Wegscheider nahm den kleinen Aluminiumbehälter mit dem Datenträger auf, der von hinten aus dem Schatten auf den Tisch geworfen wurde, als enthielte er sein Todesur-teil ...
Zwei Stunden später wurde Paul aus dem Schlaf gerissen. Eine ankommende Bot­schaft über die Enko! Herkunft unbekannt! Paul erblickte Wegscheider, der eine Treppe nach oben schlich. Nacht war es, die Stufen schlecht durch einen schwachen, gelblichen Licht­kegel beleuchtet. Vermutlich eine der Hintertreppen oder geheimen Stiegen im Schloss. Angsterfüllt sah sich der Agent immer wieder um ... Plötzlich tauchte im Vordergrund eine linke Hand mit schwarzem Lederhandschuh auf. Sie hielt eine Pis­tole, die auf Wegscheider zielte. Viermal drückte die Hand ab. Viermal wurde Weg­scheider in die Brust getroffen. Sein Körper kippte hintenüber. Noch im Fallen riss er die Hände hoch. Ein langer Todesschrei, irgendwo ein Echo ...
Schnell sah Paul weg und schlug betroffen die Hände vor das Gesicht. Verdammt, es ist tatsächlich so, wie in diesen beschissenen Filmen! Kurz bevor die Botschaft weich ausblendete, war noch der Kadaver eines Schäferhundes zu sehen, der aus Schnauze und Brust blutend, die steilen Stufen hinunterrutschte, aus dem beleuchteten Bereich dorthin, wo es finster wurde ... Paul sah es nicht.
Wegscheider war, obwohl er sich kaufen hatte lassen, kein wirklich unsympathischer Kerl gewesen und weder dumm noch hässlich. Es versuchten halt alle zu überleben, wie sie nur konnten. Aber es geht eben nicht jeder den richtigen Weg, nur weil er einer von uns ist, überlegte Paul. Hof­fentlich gehe ich nicht auch in die Irre, hoffentlich ...


Endlich war die Geburt vorbei. Total erschöpft, nicht richtig bei Sinnen, lag Sabine in ihrem Wochenbett. Soeben hatte sich die Tür hinter der Hebamme geschlos­sen. Was immer die junge Frau geboren hatte, sie hatte es nicht einmal zu Gesicht bekom­men. Die Hebamme hatte es sofort in ein Laken gewickelt und aus dem Zimmer getragen. Etwas, irgendetwas rührte sich unter dem Leinen und gab befremdliche Geräusche von sich. Sabine konnte es nicht mehr hören.
Der Arzt sah sie an und sagte: „Sie müssen jetzt stark sein. Es war leider eine Totge­burt. Ich gebe Ihnen jetzt eine Beruhigungsspritze.“
Minuten später war Sabine eingeschlafen. In der Zwischenzeit war die Hebamme mit ihrem Bündel beim Hinterausgang der Krankenstation angelangt. Die Tür öffnete sich und gab den Blick auf den Zeremonienmeister frei. Die obere Hälfte seines Gesichtes tief im Schatten einer braunen, mönchsartigen Kapuze, streckte er seine klauenartigen Hände vor.
„So hat sich denn Odrammiels Fluch erfüllt“, flüsterte der Zeremonienmeister, indem er das Bündel ent­gegennahm. Noch während er sich abwandte, murmelte die Hebamme: „Armes Kind, arme Mutter“.
In der Abgeschiedenheit des riesigen Waldes westlich der Stadt überließ der Zeremo­nienmeister Odrammiels Fluch sich selbst. Jahre später verschwanden die Vögel, die Bäu­me starben ab, die Vegetation ging zurück. Also instal­lierte man landauf, landab verschiedenste Baumimita­te. Ihre Soundchips ahmten Vo­gelstimmen nach, und synthetische Öle gaben die Gerü­che der natürlichen Gewächse von sich.
Eines Tages tauchte im Stadtpark über Nacht eine Statue auf, die bald den Namen „Statue des Fluches“ erhielt. Aus einem unbekannten, dunklen Gestein erhob sich ein unförmiger, fast zwei Meter großer Körper mit drei Köpfen auf seinen Schultern. Die Gesichter waren mit einem Schleier verhangen, der nur ansatzweise feminine Gesichts­züge zu erkennen gab, und blickten nach Norden, Südosten und Südwesten. Die Sta­tue besaß Hände, die wie eine Mischung aus menschlichen Händen und Vogel­krallen wirkten. Bedrohlich waren sie nach vor gestreckt. Sie erweckten den Eindruck, als würden sie ge­rade ein un­sichtbares Wesen würgen.


Zügig eroberte im März der Frühling wieder das Land. Es mehrten sich die Was­serpfützen auf dem Markt, genauso wie die Knaben, die zum Leidwesen ihrer Mütter übermütig hineinsprangen. Die Temperaturen wurden wieder erfreulicher, die all­gemeine Laune besserte sich zusehends. Auch die Obdachlosen um den Zentrumsbrun­nen hatten sich wieder eingefunden. Sie waren während der kalten Monate in irgend­welchen verlassenen La­gerhallen im Hafenviertel untergetaucht. Agnes hatte ihnen in der Zwischenzeit den Spitzna­men „Bruderschaft des Gesöffes“ angehängt.
Wieder einmal stand Agnes alleine auf dem Stand. Sie ordnete gerade ein paar Pul­lover und sonstige Bekleidungsstücke, die Paul dieser Tage erstanden hatte. Das nann­te sich Warenpräsentation. Plötzlich landete ein Flugblatt auf der obersten der Winterja­cken. Überrascht sah Agnes auf, aber sie sah nur mehr einen Menschen von hinten, mit der für Jugendliche typischen schlampigen Kleidung, der schon am nächsten Stand vorbeiging. Dort hinterließ er ebenfalls in aller Eile möglichst unauffällig eines seiner Blätter.
Das Flugblatt zeigte auf der ersten Seite in dicken Lettern das Wort: Demonstration. Am ersten Freitag im April ab 11.00 Uhr sollte sie stattfinden und beim Schulzentrum in­mitten des Nordviertels wolle man sich treffen. Es ging um Arbeitszeitverkürzung, ge­rechtere Löhne und ähnliche Themen. Laut Impressum war eine linksdemokratische Bewegung für den Inhalt verantwortlich. Linksdemokratisch, soso ... Natürlich! Die Links­liberalen hatte Papa ja verboten.
Der betreffende Freitag war schneller da, als es Agnes glauben konnte. Gemeinsam mit Paul sperrte sie wie jeden Morgen ihren Stand auf. Paul wirkte, als hätte er andere Dinge im Kopf. Als er etwas umständlicher als nötig nach dem Schlüssel suchen muss­te, fragte ihn Agnes: „Ist irgendetwas mit dir? Du kommst mir ein wenig konfus vor.“
„Nein, nein“, antwortete Paul geistesabwesend, ohne ihr in die Augen zu sehen, „ich muss nur gegen elf Uhr weg. Wichtige Geschäfte.“
Agnes fürchtete zu wissen, um welche Geschäfte es sich handelte. Rechtzeitig um halb elf verabschiedete sich Paul, mit kaum verständlich gemurmelten Hin­weisen, was er nun angeblich zu tun habe. Aber schließlich war er der Chef. Er brauch­te sich nicht zu erklären.
Eine Stunde später schaltete einer der Saufkumpels um den Brunnen die Enko ein, auf den Sender „Die Welt zu deinen Füßen“. Die Abbildung wurde auf größtmögliche Vergrößerung eingestellt. Das ging zwar auf Kosten der Qualität, aber was soll's, so konnten wenigstens alle auf dem Markt die Reportage über die Demonstration mitver­folgen.
Schick gekleidet, perfekt geschminkt und mit nonchalantem Lächeln mel­dete sich die Reporterin: „Schönen guten Tag, meine Damen und Herren. Zu unserer Sondersendung über die heutige Demonstration begrüßt Sie Esther Rundstetter vom Sender „Die Welt zu deinen Füßen“, Ihr Garant für Spannung und gute Unterhaltung. Objektiv, unabhängig.
Das heutige Ereignis hat nach Meinung aller Experten mit den gelegentlichen Ar­beitsniederlegungen in den Fabriken oder den üblichen Kaffeekränzchen zu sozialen Themen nicht das Geringste zu tun. Vielmehr wird eine echte Demonstration erwartet, so eine, wie wir sie eigentlich nur mehr aus der Geschichte kennen. Wir haben zwei Kamerateams abgestellt, um Ihnen, meine Damen und Herren, möglichst authentisch von dieser, sicher größten öffentlichen Veranstaltung zur sozialen Problematik dieses Jahres berich­ten zu können.
Vorerst die Fakten: Die linkslibera ... äh, Entschuldigung, die linksdemokratische Bewegung hat heute zu dieser Veranstaltung geladen. Bis jetzt sind es nach Schätzungen der Verantwortlichen etwa fünftausend Leute, die sich hier, im Schulzentrum und in den angrenzenden Vierteln in schönster Eintracht versammelt haben.
Noch ist die Lage ruhig, es erinnert alles ein bisschen an ein gemütliches Pick­nick. Und nun, sehr geehrte Damen und Herren, darf ich den Kommandierenden der anwesenden Polizei, Herrn Oberst von Moldegg vor das Mikrofon bitten.“
Im Bild erschien ein hoch dekorierter Polizist, die Schildkappe mit goldenen Borten verziert, das Lächeln publikumswirksam aufgesetzt. Im Hintergrund tummelten sich ein paar rangniedrigere Polizisten in abwartender Haltung. Esther Rundstetter fragte ihn: „Herr Oberst, wie beurteilen Sie die Lage?“
„Wie Sie schon gesagt haben, ist zurzeit noch alles relativ ruhig. Wir haben die Sze­ne unter Kontrolle. Stichprobenartig führen wir Personenkontrollen durch, ob jemand Waffen oder Rauschgift bei sich führt. Es sind übrigens höchstens dreitausend Leute, die sich hier eingefunden haben. Dennoch dürfen wir die Sache nicht unterschätzen. Zum einen könnten es ja durchaus noch mehr Demonstranten werden, zum anderen vermuten wir, dass die Scharfmacher, wie wir sie nennen, noch kommen werden.“
„Wer sind das, die Scharfmacher?“
„Die Redner, die mit ihrer Propaganda die Leute aufwiegeln und verhetzen. Bis jetzt hat gerade einmal einer dieser, äh, wie heißen sie doch, ja, dieser Linksdemokraten die Leute über eine übersteuerte Lautsprecheranlage willkommen geheißen und sie einge­laden, es sich bequem zu machen. Und wenn's in der Blase gluckert, begeben sich die Mädels dahin und die Jungs dorthin. Für eine Veranstaltung dieser Art und Größe ist das geradezu lächerlich.“
„Wer steckt denn Ihrer Meinung nach hinter der ganzen Sache?“
„Die Linksliberalen. Sie nennen sich zwar jetzt Linksdemokraten, aber es sind diesel­ben Leute. Wir arbeiten an der Aufdeckung dieses Etikettenschwindels, kann ich Ihnen nur lebhaft versichern. Über kurz oder lang werden die Linksdemokraten genauso ver­boten sein. Und so gehört es sich auch. In der Zwischenzeit sind wir eben damit be­schäftigt, die öffentliche Ruhe zu gewährleisten. Aber das sollte uns eigentlich keine größere Mühen bereiten.“
Selbstsicher zeigte er auf die Polizisten in seinem Rücken. Dort langweilten sich Dut­zende Beamte in schwarzen Lederanzügen vor gepanzerten Fahrzeugen, transparente Schutzschilde in der linken Hand. Da und dort erzählte einer einen Witz, die Zigaretten qualmten, manch einer trank Kaffee aus einem Plastikbecher.
„Das sind beileibe nicht alle“, ergänzte der Oberst seine Ausführungen grinsend. „Weitaus mehr Beamte warten als Reserve in dutzenden Fahrzeugen, die wir in der Umgebung abgestellt haben.“
Agnes hatte mit beklemmenden Gefühlen zugesehen. Fast hätte sie dem Kunden, den sie gerade bediente, zu wenig Geld herausgegeben. Aber auch der Kunde sah mehr in Richtung Enko als auf das alte Mikroskop im Originalkoffer aus dem vorigen Jahrhundert, das er soeben erstanden hat­te. Mit in die Hüften gestemmten Armen sah er sich die Polizisten an und meinte nur: „Arschlöcher!“
Agnes widersprach nicht. Soeben vernahmen beide wieder die Reporterin: „Besten Dank, Herr Oberst, das verspricht ja noch spannend zu werden. Ich schalte nun zu un­serem zweiten Kamerateam auf der anderen Seite des Geländes, das inzwischen ei­nen Verantwortlichen der Demonstranten vor das Mikrofon geholt hat.“
Schnitt. Das nachfolgende Bild zeigte den Schlossberg, der sich von hier aus von sei­ner schroffsten Seite darbot: die Nordwand mit ihrem abweisenden Granit, im oberen Drittel die maulartige Öffnung eines in den Berg gehauenen Flugzeughangars. Daraus konnten im Bedarfsfalle die Gardeflieger des Königs starten. Gefühlvoll schwenkte die Kamera auf das Schulgelände und fokussierte auf das Gesicht einer unscheinbaren Frau Anfang fünfzig.
Über Funk wurde diese nun von Frau Rundstetter gefragt, um was es den Demons­tranten eigentlich ginge.
„Besten Dank für die Gelegenheit, unsere Anliegen auch auf diesem Wege darzule­gen“, antwortete die Angesprochene. „Ich bin übrigens Erika Denkstein. Ich gehöre der linksdemokratischen Bewegung an und bin für Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Wie Sie den Transparenten unschwer entnehmen können, sind unsere zentralen Anliegen zu­erst einmal, auf unsere missliche Situation aufmerksam zu machen. Aber mit dem blo­ßen Aufzeigen „Wir fühlen uns schlecht behandelt“ geben wir uns heute nicht zufrie­den. Wir haben konkrete Forderungen erarbeitet, wie Verkürzung der Arbeitszeit, Bekämp­fung der Arbeitslosigkeit durch ein sehr konkretes Maßnahmenpaket, Anhebung der so­zialen Leistungen des Staates und Ähnliches. In summa würde die Umsetzung dieser Forderun­gen eine spürbare Verbesserung unserer sozialen Lage bedeuten.“
„Sicher“, so hörte man wieder Frau Rundstetter, „aber wer soll denn das alles finan­zieren?“
„Solange zehn Prozent der Bevölkerung 90 Prozent des Einkommens ....!“
Tschschsch, fauch ... Das Bild wurde grau, die Lautsprecher gaben nur noch unver­ständliche Zischlaute von sich. Nach zehn oder zwölf Sekunden erschien wieder Esther Rundstetter, die lächelnd meinte: „Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich erhielt soeben von der Regie den Hinweis, dass wir eine kurzfristige technische Störung hatten. Ich hoffe, Sie können nunmehr unser Programm wieder in der gewohn­ten Qualität genießen. Derlei Pannen können bei echten Livesendungen, vor allem un­ter erschwerten Umständen, wie sie hier vorliegen, gelegentlich auftreten. Wir sind eben noch einer der letzten Sender, die tatsächlich Livesendungen durchführen.
Und nun schalten wir zurück ins Studio, zu meinen Kollegen von der Informationsab­teilung. Wir melden uns wieder vor Ort, wenn sich etwas Wichtiges ergibt, planmäßig jedoch um 13.30 Uhr, wenn wir alle gegessen haben.“
Die gute Laune des Morgens war großer Beklemmung gewichen. Agnes hatte das untrügliche Gefühl, dass Paul auch bei dieser Demonstration war. Bisher war es recht ruhig, aber das hieß nichts, das musste nicht so bleiben. Da hatte der Polizeioberst absolut Recht. Agnes war aufrichtig in Sorge. Sie tat sich sogar mit dem Verkaufen schwer. Einerseits ging ihr die Arbeit auf die Nerven, andererseits war sie wenigstens abgelenkt. Sicher, der Kunde ist König, und dieser wollte nach wie vor erstklassig be­dient werden, warum denn auch nicht? Aber Agnes hatte heute wie noch selten zu kämpfen.
Der mittägliche Imbiss wollte nicht munden und die Zeit zog sich unerfreulich und zäh­flüssig dahin. Immer wieder sagte sie sich: Du wirst sehen, du kommst abends nach Hause und Paul ist schon da; und alles wird sein wie immer, als wäre nie eine Demonstration ge­wesen. Oder er würde plötzlich wieder neben ihr auf dem Stand stehen und gemein­sam mit ihr die Kunden bedienen, weil er die Nase voll hatte oder weshalb auch immer ... Sicher, das alles konnte sein, es konnte aber auch ganz anders kommen. Und davor fürchtete sich Agnes ...
Pünktlich auf die Minute, strahlend wie stets, meldete sich Esther Rundstetter wieder über die Enko: „Mei­ne sehr geehrten Damen und Herren, hier sind wir wieder für Sie vor Ort bei der De­monstration. Wir vom Sender „Die Welt zu deinen Füßen“, Ihr Garant für Spannung und gute Unterhaltung. Objektiv, unabhängig.
Um die Mittagszeit sind einige Leute mehr eingetroffen, zum Großteil Jugendliche, die nicht die Schule schwänzen wollten. Auch die ersten Redner haben wir bereits ge­hört und mit ihnen, wie nicht anders zu erwarten war, die Klagen über angebliche Unge­rechtigkeiten aller Art. Wir haben noch einmal Erika Denkstein vor das Mikrofon gebe­ten. Frau Denkstein, was sagen Sie zum Vorwurf, dass die linksdemokratische Bewe­gung praktisch iden­tisch sein soll mit der linksliberalen?“
„Aus ihrem Munde klingt das ja so, als wäre das verwerflich. Der einzige Nachteil der Linksliberalen ist nur, dass sie verboten worden sind. Aber das ist wie im Fußball. Wenn der eine Verein verboten wurde, heißt das ja nicht, dass Sie nicht im nächsten spielen dürfen. Und dass ähnliche Ideen im Prinzip dieselben Leute ansprechen, sollte nicht überraschen. Organisationen kann man verbieten, Ideen nicht.“
„Besten Dank, Frau Denkstein. Aber jetzt fragen wir einmal einen der Demonstranten selbst.“
Damit fischte sich Rundstetter einen jugendlichen Demonstranten mit Pickeln und Hornbrille aus der Menge. Auffordernd hielt sie ihm das Mikrofon unter die Nase: „Warum bist du hier?“
Der Junge war sichtlich verlegen. Man kommt nicht jeden Tag ins Fernsehen. Errö­tend und mit hörbar belegter Zunge gab er zur Antwort: „Also, um ehrlich zu sein, ... ich hatte gehofft, die Julia kommt auch. Aber bis jetzt habe ich sie noch nirgends entdeckt.“
Als Nächstes wurde ein etwa gleichaltriges Mädchen interviewt. Sie meinte: „Ich bin hier, weil endlich mal was los ist. Manche meiner Freundinnen sind auch da, die Li­monade ist billig ... Und tja, wenn die Julia wirklich nicht kommen sollte, ... mir ist auch lang­weilig.“
Lautstarkes Gekicher der umstehenden Mädchen. Dann war ein Greis mit einer schäbigen Mütze dran.
„Was haben Sie hier zu tun?“, wollte Esther Rundstetter wissen. Der Alte, der offen­bar nicht recht hören konnte, klappte die eine Seite seiner Mütze auf, wodurch sein rechtes Ohr frei wurde, beugte sich dabei etwas vor und gab mit verkniffenem Gesicht zur Antwort: „Wie bitte, Huhn? Ich wünschte, es gäbe hier Huhn. Aber bei den ewigen Hotdogs an der Essensausgabe da drüben hole ich mir nur Bauchweh. Wissen Sie, mir persönlich ist es ja gar nicht so wichtig, warum alle die Leute da sind, irgendeinen Grund zu meckern gibt es ja immer. Aber ich habe mir heute Morgen gesagt, es ist wichtig, dass sich die jungen Leute nicht allein gelassen fühlen. Zusammen sind wir stark, das habe ich im Krieg gelernt. Jaja, ich bin ein alter Kriegsveteran und ich weiß, meine Geschichten will keiner mehr hören ... Aber dass ich mir den Magen verderben soll, wenn ich außer Haus gehe, sehe ich auch wieder nicht ein.“
„Vielen herzlichen Dank. Soviel zu den Beweggründen, warum sich die Leute hier eingefunden haben. Und damit schalten wir wieder zu Kamera 1 am Eingang des Schulgeländes, in der Nähe der Ordnungskräfte. Wir fragen dort Oberst von Moldegg, wie er die aktuelle Lage einschätzt.“
Der Oberst war schon reichlich angestrengt. Nicht mehr annähernd so souverän wie ehedem blickte er in die Kamera: „Es sind jetzt mehr Demonstranten. Das macht die Lage unübersichtlich und gefährlich. Aber noch wichtiger: Die Scharfmacher sind da. Sehen Sie auf dem Parkplatz drüben die Typen mit den aufgestellten Krägen oder die Kapuzen tief im Gesicht?“
Die Kamera machte einen Schwenk in die angegebene Richtung. Tatsächlich, die meisten Anwesenden dort hatten Sonnenbrillen auf. Billige, beliebig austauschbare Al­lerwelts-kleidung vervollständigte die Tarnung.
„Sie wollen nicht erkannt werden. Aber für diese Fälle haben wir vorgesorgt. Unsere Wasserwerfer sind inzwischen eingetroffen und es wurden Tränengasgranaten verteilt. Wir warten nur noch auf den Einsatzbefehl.“
Die Kamera schwenkte zu den Sicherheitskräften. Statt Kaffeebecher hatten die Poli­zisten nun Schlagstöcke in der Hand. Jeder Anschein von Gemütlichkeit war ver­schwun-den. Streng standen die Beamten in geschlossener Formation, jederzeit bereit. Ein falsches Wort, eine Provokation zu viel oder der gewisse Befehl ...
„Wir sind zuversichtlich, Herr Oberst, dass Sie die Situation auch weiterhin so erfolg­reich unter Kontrolle halten können. Meine Damen und Herren, das war es für dieses Mal wieder. Wir melden uns umgehend, wenn der Einsatzbefehl erteilt wurde oder wenn sich sonst eine wichtige Veränderung der Lage ergeben hat. Ihre Esther Rund­stetter vom Sender „Die Welt zu deinen Füßen“, Ihr Garant für Spannung und gute Un­terhaltung. Objektiv, unabhängig.“
Das sah ja gar nicht gut aus, fand Agnes. Die Stimmung auf dem Markt näherte sich spürbar dem Nullpunkt. Die Kunden blieben zusehends aus, das Verkaufspersonal wur­de schweigsam. Unwillkürlich sahen sich Agnes und Irene auf dem linken Nachbar­stand an. Irene blickte die nackte Angst aus den Augen.
„Meine beiden Kinder. Sie sind dort. Haben sich nicht abhalten lassen. Sicher, sie sind volljährig, aber ... Ich weiß nicht, ob du das nachvollziehen kannst, Agnes.“
„Oh ja, ich denke schon. Ich habe auch jemanden dort. Gewissermaßen ...“
Unerfreulich zog sich der weitere Nachmittag hin. Paul kam nicht. Auch der nieselnde Regen, der sich zwischendurch für zwanzig Minuten einstellte, hob die Laune keines­wegs. Die Enko zeigte ein paar Comics. Es folgte eine Anleitung zum Basteln für Kinder im Vorschulalter, dann ein farbenfroher Bericht über das Schicksal der Korallenbänke vor Australien ...
Kurz vor Marktschluss wurde das Programm abrupt unterbrochen. Atemlos meldete sich Es­ther Rundstetter, im Hintergrund turbulente Szenen. Polizisten prügelten sich mit Demonstranten, außer einem heillosen Durcheinander war nicht viel zu erkennen.
„Meine sehr geehrten Damen und Herren, hier bin ich wieder für den Sender „Die Welt zu deinen Füßen“, Ihr Garant für Spannung und gute Unterhaltung. Objektiv, un­abhängig. Wie Sie erkennen können, ist die Demonstration in diesen Minuten drama­tisch ausgeufert, sodass die Sicherheitskräfte einschreiten mussten. Herr Oberst, was ist geschehen?“
Oberst von Moldegg war sichtlich gestresst. Er antwortete: „Die Scharfmacher haben uns provoziert. Die verbalen Attacken von wegen „Drecksäcke“, „Arschlöcher“ und so hätten wir ja noch hingenommen, aber wir können uns nicht mit Steinen bewerfen lassen. Also gab ich den Einsatzbefehl. ... Verdammt, tut's den weg.“
Er wandte sich zur Seite, wo ein paar Polizisten auf einen Demonstranten, der auf dem Boden lag, einprügelten. Als die Beamten gewahrten, dass sie auf Sendung wa­ren, schleiften sie den Mann schnell aus dem Blickwinkel der Kamera. Einer versuchte unauffällig, die Blutspur zu verwischen. Der Oberst stellte sich so nahe zur Kamera, dass er möglichst viel vom Bild ausfüllte.
„Die Lage ist geradezu explodiert. Wie wenn alle nur auf das gewisse Etwas gewar­tet hätten. Auf dem ganzen Schulgelände müssen wir inzwischen vorgehen. Wir tun al­les, damit sich die Lage so schnell wie möglich wieder beruhigt.“
Esther Rundstetter ergänzte: „Und wieder einmal haben die Scharfmacher ganze Ar­beit geleistet. Damit schalte ich zur anderen Kamera im Schulzentrum.“
Die Kamera zeigte einen offenen Kampf zwischen den Sicherheitskräften und den De­monstranten. Unruhig wechselten die Einstellungen, wodurch dem Geschehen schwer zu folgen war. Steine flogen, zum Teil Molotowcocktails, da und dort brannte es bereits. Wasserwerfer waren im Einsatz und trieben die Leute auseinander. Wie die Wilden warfen sich die Demonstranten mit Ziegeln, Messern, Zaunlatten und allen möglichen Gegenständen bewaffnet auf die Polizisten und wurden reihenweise verprügelt.
Als die Kamera für einen kurzen Moment ein Einsatzfahrzeug mit aufgebautem Was­serwerfer zeigte, schrie der Polizist, der die Wasserkanone bediente, auf. Eine Blutfon­täne spritzte aus seinem Kopf. Dann kippte er zur Seite und rutschte der Bordwand des Fahrzeuges entlang zu Boden. Irgendjemand schrie: „Scharfe Munition!! Feuern nach eigenem Ermessen!“
Die ersten Schüsse wurden abgefeuert. Die folgende Kameraeinstellung zeigte einen Mann an der Rückseite eines der Schulgebäude. Er wurde gerade von drei Polizisten zusammen­geschlagen. Zwei hielten ihn an den Armen, der dritte hieb mehrmals hinter­einander mit der Faust in den Bauch. Der Mann klappte zusammen. Agnes starrte ent­setzt in die Enko. Der Atem stockte ihr. Diesen Demonstranten kannte sie doch! Natür­lich, es war Paul! Hatte sie es doch geahnt! Im nächsten Augenblick zeigte die Enko eine Gruppe Jugendlicher, die durch ein eingeschlagenes Fenster in eines der Schulge­bäude ein­stieg. Von Paul war nichts mehr zu sehen.
„Hallo!“, diese Worte rissen Agnes in ihre Wirklichkeit auf dem Markte zurück. Eine ältere Dame stand ihr gegenüber und sprach sie freundlich an: „Ich wollte fragen, ob Sie die ersten zwei Nummern des Siddi-Lohan-Boten schon be­kommen haben. Sie erinnern sich vielleicht, ich war schon vorigen Monat hier deswe­gen.“
„Nein, gnädige Frau“, gab Agnes geistesabwesend zur Antwort. Und doch war sie dankbar dafür, beschäftigt zu sein. „Sie wissen selbst, das sind gesuchte Raritäten und dementsprechend schwer aufzutreiben. Ich glaube, ich habe mir damals Ihre Telefon­nummer notiert. Wir rufen Sie an, wenn die Ausgaben da sind. Geht das in Ordnung?“
„Natürlich. Üble Geschichte, meinen Sie nicht auch?“ sagte die Kundin und blickte betrübt in Richtung Enko, in der die Ausschreitungen immer noch live übertragen wurden. In der Zwischenzeit hatten sich die Schüsse gehäuft. Ganze Salven wurden in die Reihen der Demonstranten abgefeuert. Diese hatten sich allerdings auch teilweise bewaffnet. Sie banden sich feuchte Tücher vor den Mund, um sich vor dem Tränengas zu schüt­zen, welches sich mittlerweile reichlich über das Gelände verteilt hatte und kämpften ih­ren Möglichkeiten gemäß. Einige schwangen Samuraischwerter und Buschmesser.
Da und dort hatte sich eine Gruppe in einem Gebäude ver­schanzt, anderen Orts fand sich ein wüstes Handgemenge zwischen Poli­zisten und De­monstranten. Die Geräuschkulisse konnte Agnes mittlerweile nur mehr mit viel Mühe aushal­ten.
Das Ganze spielte sich etwa drei Kilometer Luftlinie vom Markt in Richtung Schloss­berg in Agnes' Rücken ab. Die Kundin stand ihr gegenüber. Plötzlich sagte sie: „Du mei­ne Güte, dort brennt es ja.“
Agnes verließ eilends den Stand und drehte sich um. Tatsächlich, wo sich die De­monstration abspielte, musste etwas brennen. Dem Schein und den finsteren Rauch­wolken, die sich hunderte Meter hoch türmten, zufolge, handelte es sich um ein großes Feuer. Und schon folgte die Meldung über die Enko: „Meine Damen und Herren, die Demonstranten haben soeben einen Teil der Schulgebäude angezündet. Wie wir erfahren haben, brennt das Hauptgebäude auf allen Stockwerken.“
Die Kamera zeigte lichterloh brennende Häuser, vor denen Polizisten und Demons­tranten sich gegenseitig bekämpfend hin und her liefen. Mit Blaulicht und Sirene rück­te die Feuerwehr an.
Die Kundin auf dem Trödelmarkt fragte Agnes: „Was ist denn mit Ihnen, junge Frau? Sie weinen ja.“
„Danach kommt nur noch der Bürgerkrieg“, flüsterte Agnes. Da fiel ihr auf, dass die meisten anderen Stände bereits geschlossen hatten. Nur mehr ganz vereinzelt hielten sich Menschen auf dem Markt auf. Kein Wunder, es war sechs Uhr vorbei.
„Der kommt sowieso“, ergänzte die Kundin. „Die Frage ist nur wann. Was meinen Sie, wie lange das so weitergehen wird? Hoffentlich muss ich das nicht mehr miterleben. Ich habe meinen Mann und einen der beiden Söhne im letzten Krieg verloren. Das reicht mir.
Es tut mir leid, ich muss nach Hause. Auf Wieder­sehen.“
„Auf Wiedersehen.“ Agnes hatte Mühe, den Gruß der Kundin zu erwidern. Sie hätte jetzt nach Hause gehen können. Aber sie versperrte den Stand, ging zum Brunnen im Zentrum und setzte sich mitten unter die Brüderschaft des Gesöffs. Drei der Brüder wa­ren anwesend.
„Hallo, so feiner Besuch? Da freue ich mich aber“, hörte Agnes den einen. Und schon bot man ihr eine Doppelliterflasche an, halb gefüllt vermutlich mit Rotwein, unbekannter Herkunft.
„Danke nein, mir ist alles vergangen“, winkte Agnes ab.
Ein anderer der Brüder sprach sie an: „Du bangst um Paul Wayden, stimmt's?“
„He“, fuhr ihn ein anderer an, „das ist eine feine Dame. Sag gefälligst Sie. Entschuldi­gen Sie bitte den alten Rüpel.“
„Ist schon gut. Wir sitzen alle im selben Boot. Sagen wir einfach du zueinander. Ich bin Agnes.“
„Na, siehst du?“ triumphierte der erste der Brüder in Richtung dessen, der ihn zurechtgewiesen hatte. „Weißt du, Agnes, dein Chef, der Paul Wayden, der ist gar nicht so ohne. Wenn der was sagt, das hat Gewicht. Wir mögen ihn alle.“
„Kaum einer unter uns, dem er nicht schon geholfen hätte“, ergänzte ein anderer. Und der dritte fügte hinzu: „Abgesehen davon, der hat ein Ziel vor Augen. Der Bursche hat etwas, ich weiß auch nicht genau, was. Wir jedenfalls haben es nicht. Auf alle Fälle ist der für etwas anderes bestimmt als hier zu stehen und altes Zeug zu verkaufen.“
Gemeinsam mit den Brüdern verfolgte Agnes die Übertragung weiter. Im Laufe der Zeit mehrten sich die Bilder, in denen die Demonstranten scharenweise mit erhobenen Hän­den aus den Gebäuden kamen oder vielmehr stolperten und dann abgeführt wurden. Eine Stunde später hatte sich die Lage wieder beruhigt. Feuerwehr, Rettung und Sani­täter waren in den Bildern aufgetaucht. Dazwischen Verletzte und blutige Verbände. Und Bahren, viele Bahren, auf denen man die Leute zu den Rettungswägen brachte ... Da und dort wurde gar einem auf dem Boden Liegenden die Decke über den Kopf ge­zogen. Und wieder wurde Oberst von Moldegg um eine Stellungnahme gebeten. Seine Lau­ne hatte sich sichtlich gebessert.
Mit altgewohnter Nonchalance sprach er in das Mikrofon: „Ich darf Ihnen mitteilen, dass wir die Situation vollständig unter Kontrolle haben. Öf­fentliche Ruhe und Ordnung sind erfolgreich wieder hergestellt. Jetzt geht es ans Lö­schen der Brandherde, der ganze Saustall, ... äh, die Unordnung will aufgeräumt sein und die Verhafteten müssen wir vernehmen. Tja, der ungeliebte Schreibkram muss halt auch sein.“
Doch so leicht entkam er Esther Rundstetter nicht: „Eine letzte Frage noch: Gerüchteweise hört man immer wieder, dass die Linksliberalen ganze Camps im Untergrund aufgebaut haben, in denen Tausende militärisch ausgebildet werden. Was ist davon zu halten?“
„Wie Sie selbst schon gesagt haben, handelt es sich um Gerüchte. Sicher gibt es ein paar gewaltbereite Fanatiker, die gelegentlich mit veralteten Pistolen in irgendwelchen Hinterhöfen Schießübungen machen, aber die sind harmlos. Von einer Massenbewegung kann gar keine Rede sein. Die führenden Köpfe bestehen aus ein paar gelangweilten Arbeitslosen. Wir haben alles unter Kontrolle, seien Sie versichert.“
„Es ist beruhigend, das zu hören. Meine sehr geehrten Damen und Herren“, so ließ sich wieder Esther Rundstetter vernehmen, „ich denke, die Demonstration ist damit endgültig vorbei. Wir haben live mit­verfolgt, was die Scharfmacher verursachen können und wie souverän die Sicherheits­kräfte die Ordnung wieder hergestellt haben. Es bleiben natürlich einige Fragen an die Verantwortlichen der Demonstration: Hat es das wirklich gebracht? War dieses Spekta­kel den angeblich so sozialen Zielen tatsächlich dienlich oder hat man ihnen nicht viel­mehr dadurch geschadet? Wer soll die Aufräumungsarbeiten und die Reparaturen be­zahlen? Damit möchte ich die Sonderbericht­erstattung abschließen. Ich bedanke mich, dass Sie live dabei waren.
Und nun, meine Damen und Herren, noch ein abschließender Hinweis. Wir bringen heute im Nachtprogramm den spektakulären Science-Fiction-Film „Die Ersten werden die Letzten sein“. Um was es geht? Um Außerirdische. Wie üblich bedrohen sie unsere Welt. Und wenn Sie, meine Damen und Herren, wissen wollen, ob die Erde noch zu retten ist, und wenn ja, von wem, dann schalten Sie ein: 23.45 Uhr. Nicht vergessen! Also: Seien Sie dabei, versäumen Sie nichts, bleiben Sie stets im Bilde. Das war Esther Rundstetter für den Sender „Die Welt zu deinen Füßen“, Ihr Garant für Spannung und gute Unterhaltung. Objektiv, unabhängig.“
Im Abspann der Reportage erfolgte die mit gefälliger Musik untermalte Einblendung: „Unsere Reporterin wurde eingekleidet von Hectriss, natürlich von der einzigen, au­thentischen Modelinie, die auch Prinzessin Agnes seinerzeit getragen hat, Make-up von Andrea Teleron de Chacatreuse, Hairstyling von Hugo Koch & Partner International, Accessoires von ...“
Von wem die geschmacklosen Klunker waren, die von Esthers Ohrläppchen gebau­melt waren, hörte Agnes schon nicht mehr. Es interessierte sie auch nicht im Gerings­ten. Ab nach Hause! Nicht auszudenken, käme Paul heim, und sie wäre nicht zur Stel­le. Nach allem, was sie mitbekommen hatte, würde er dringend Hilfe brauchen.
Als sie die Haustür aufsperrte, hielt sie inne, um zu lauschen. Nicht das leiseste Ge­räusch ... Von Paul keine Spur. Agnes setzte sich in das Wohnzimmer und überlegte fieberhaft. Der klare Verstand sagte ihr, dass ihr Chef wahrscheinlich gerade einver­nommen wurde, aber die Ungewissheit wütete unbeschreiblich in ihr. Rastlos ging sie auf und ab, auf und ab. Dazwischen sah sie wieder auf die Uhr, sie hörte nach unten, sie öffnete das Fenster, vielleicht käme er gerade vorne, bei der Eisenwarenhandlung, um die Ecke ...
Gegen elf Uhr hörte sie Geräusche. Jemand sperrte offenbar die Eingangstür auf. Claudia war da, gefolgt von Hermann und Kurt von der Schrottpresse, die Paul auf einer Bahre hereintrugen. Paul schien bewusstlos zu sein. Sein Gesicht war blutüberströmt, die Haare blutverkrustet und wirr, das rechte Auge zugeschwollen.
„Schnell hinauf in sein Bett“, kommandierte Agnes. Als sie Paul auf das Bett legten, hielt Agnes seinen Kopf. Da bemerkte sie eine Beule am Hinterkopf.
„Irgend so ein Schwein hat ihn niedergeschlagen“, sagte sie aufgebracht.
Kurt erwiderte: „Ich war dieses Schwein. Ich musste ihn kurzfristig außer Gefecht set­zen, die hätten ihn sonst umgebracht. Tot nützt er uns nicht.“
„Ist eine längere Geschichte, Agnes“, setzte Claudia hinzu. „Belaste dich nicht damit. Es ist schon in Ordnung so. Wir hatten alle Hände voll zu tun, Paul aus dem Schulge­lände herauszubringen. Die Polizei hat ihn zusammengeschlagen.“
„Ich habe es gesehen, schließlich war ich live dabei, dank der „Welt zu meinen Füßen“. Hat jemand schon an einen Arzt gedacht?“ fragte Agnes, die gerade Paul mit ei­nem nassen, kalten Handtuch das Gesicht sauber wischte.
Kurt antwortete: „Ja, aber es ist besser, wenn er im Verborgenen bleibt. Ich habe ihm ein Schlafmittel gespritzt, er schläft jetzt wie ein Baby. Schlaf heilt auch. Wir sollten den morgi­gen Tag abwarten. Ich glaube nicht, dass er in unmittelbarer Lebensgefahr ist. Wir kön­nen nur hoffen, dass er keine inneren Blutungen hat. Das können wir so nämlich nicht beurteilen.“
Pauls Körper war voller Blutergüsse, Abschürfungen und kleinerer Schnittwunden. Leider konnte die Hausapotheke im Erdgeschoss außer einer abgelaufenen Wundsal­be und ein wenig Verbandsmaterial nicht viel anbieten. Notdürftig versorgt wurde Paul zugedeckt.
„Und war nicht Eddie auch dabei? Was ist mit ihm?“, wollte Agnes wissen.
Hermann antwortete grinsend: „Der ging am frühen Nachmittag mit Bauchweh nach Hause. Er verträgt keine Hotdogs. Du weißt schon, die Soßen und all das Zeug ... Wahrscheinlich liegt er im Bett und pupst friedlich vor sich hin.“
Zwei Stunden später ließen Claudia, Hermann und Kurt ihre Freundin Agnes alleine. Die junge Frau konnte keinen Schlaf finden. Sie saß die ganze Nacht über an Pauls Bettrand und wachte über seinen Schlaf. Sie hatte sich immer einen Mann gewünscht, einen, der sie als Mensch, als Frau wollte und nicht als Prinzessin oder der Macht und des Geldes wegen. So einer, um genau zu sein, der erste in ihrem Leben, lag vor ihr, blutig geschlagen in sei­nem künstlichen Tiefschlaf. Dabei konnte sie noch von Glück reden, es hätte we­sentlich schlimmer kommen können.
Ihre Gedanken schweiften zurück, an letzte Weihnachten. Ja, sie hätte sich ihm da­mals hingegeben, wenn er nur zugegriffen hätte. Aber Paul hatte Skrupel gehabt. Ein Fall nobler Zurückhaltung? Bestimmt ... Grundsätzlich sprach es für Paul, dass er sich damals nicht von seiner Körperchemie überrennen hatte las­sen. Und dennoch, wenn Agnes nur ein wenig in sich hineinhorchte, stellte sie fest, es wäre ihr lie­ber gewesen, er hätte den Dingen seinen Lauf gelassen. Wenn es aber so war, warum hatte sie dann nicht ein wenig nachgeholfen? Etwa, weil eine Prinzessin nicht gewöhnt ist, nachhelfen zu müs­sen ...??
Quälend langsam verging die Zeit. Immer wieder feuchtete Agnes Paul das Gesicht mit kaltem Wasser an, fühlte seinen Puls ... Es war gegen vier Uhr morgens, als Agnes Geräusche auf der Straße hörte. Vorsichtig spähte sie beim Fenster hinaus. Polizisten und zwei Dienstautos! Agnes bekam Angst ... Glücklicherweise bewegten sie sich kaum vom Fleck und machten - wenigstens vorläufig - keine Anstalten, in das Haus einzudrin­gen. Dem Eingang am nächsten stand der ranghöchste Polizist und beratschlagte mit den anderen, was sie machen sollten.
Die Welt war in tiefes magisches Blau getaucht, vor der Eingangstür stand ein Furcht erregendes mythologisches Geschöpf und hielt ihn und seine Beamten fern.
„Ist das wirklich das Haus, in dem die Demonstranten mit dem Verletzten verschwun­den sind?“ fragte er seinen Kollegen neben sich.
„Schon, aber wenn sie ihn zum Arzt bringen, scheint er sowieso auf“, erhielt er zur Antwort.
„Abgesehen davon“, ergänzte ein weiterer Kollege, „wir haben so viele verhaftet, dass ich nicht glaube, dass uns der da zusätzlich etwas von Bedeutung sagen könnte. Insofern halte ich unseren Einsatz für Zeitverschwendung.“
„Wenn wir ihn überhaupt finden“, fiel ein anderer Kollege ins Wort. „Gehen wir allen Hinweisen über abgehauene Demonstranten so akribisch nach, sind wir bis zu meiner Pensionierung beschäftigt.“
„Gut“, sagte der Kommandant des Trupps nach einem kurzen Moment des Überle­gens. Zudem hatte er die Dienstanweisung erhalten, Überstunden, die nicht unbedingt notwendig waren, zu vermeiden. „Lasst uns Schluss machen, das bringt nichts mehr. Ich habe für heute die Schnauze voll.“
Damit stiegen sie in die Wägen und fuhren um die Ecke. Über die gemeinsame Hal­luzination verlor keiner ein Wort. Agnes fiel ein Stein vom Herzen. Sie ging hinunter, trat vor das Haus und streichelte Julius Imagospurius. Dankbar schnurrte dieser. Der Rest der Nacht verlief ruhig. Als Paul am frühen Morgen aufwachte, sah er Agnes durch sein lin­kes Auge am unteren Bettrand sitzen. Das rechte war zugeschwollen. Agnes war einge­döst. Paul fühlte sich miserabel, er hatte einen faden Geschmack im Mund, zugleich jedoch spürte er, dass es aufwärts ging mit ihm.
Agnes schreckte hoch: „Paul!“
Ihr Patient sagte nur: „Agnes, heute lassen wir unseren Stand geschlossen! Ich fühle mich indispo­niert.“
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Ich schreibe, also bin ich.
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BeitragVerfasst am: 12.02.2008, 09:10    Titel: Ein Hund tritt in den Saal 2. Kapitel / 7. Teil Antworten mit Zitat

Montagmorgen. Paul und Agnes sperrten ihren Stand auf. Einer der Brüder vom Gesöff hatte schon die öffentliche Enko im Zentrum des Marktes eingeschaltet und auf den Sender „Freie Heimat“ eingestellt. Gerade wurden die Nachrichten ge­sendet.
Die Leute hörten den Sprecher: „Meine sehr geehrten Damen und Herren, vor wenigen Minuten wurde die Bilanz der Demonstration vom letzten Freitag offiziell bekannt gegeben: Zirka 8.000 Teilnehmer versammelten sich von elf Uhr Vormittag bis in die späten Abendstunden. Wegen Provokatio­nen kam es schließlich zum Polizeieinsatz, der die Demonstrati­on nach etlichen Stunden beendete. Ein Teil der Schulgebäude brannte nieder, weil er von den De­monstranten angezündet worden war.
Der Schaden wird auf 18 bis 20 Millionen Drach­men geschätzt. Wir beklagen zwölf Todesopfer, mehrere Menschen schweben zur Stunde immer noch in Lebensgefahr. Etwa achtzig Verletzte mussten ärztlich versorgt werden, über hundertfünfzig Teilnehmer wurden festgenommen.
Und nun, meine sehr geehrten Damen und Herren, wird die Königin persönlich ein paar Worte an Sie richten.“
Paul hatte sich inzwischen im Stand niedergesetzt. Um lästigen Fragen über sein im­mer noch reichlich verschwollenes Auge zu entgehen, setzte er sich eine der Sonnen­brillen auf, die sie neben den Souvenirartikeln aus dem vorigen Jahrhundert zum Kaufe anboten. Agnes fand zwar, Paul sah damit schlichtweg unmöglich aus, aber bitte. Und jetzt wollte sie Mutter zuhören.
Die Königin klimperte mit ihren künstlichen, überlangen Wimpern, bis sie merkte, dass sie bereits auf Sendung war. Dann hörte man sie mit bekümmerter Miene: „Schö­nen guten Morgen, liebe Bürgerinnen und Bürger.
Wir alle haben mit Entsetzen die Er­eignisse des letzten Freitags mitverfolgt. Sicher haben wir auch die einzig richtige Er­kenntnis gewonnen: So kann es nicht gehen. Ich, und ich spreche hier für das ganze Königs­haus, habe durchaus Verständnis für die Anliegen mancher unter Ihnen und auch da­für, dass man diese artikulieren will. Dass das, was wir letzten Freitag mit anse­hen mussten, der absolut falsche Weg war, brauche ich nicht extra zu betonen.
Aus diesem Grunde sei allen unter Ihnen gedankt, die sich besonnen verhalten und gar nicht erst mitgemacht haben. Meine besondere Anerkennung hingegen gilt den Sicherheitskräf­ten, ohne die es schlimm ausgesehen hätte. Ihrem selbstlosen und souveränen Ein­satz ist es zu danken, dass Recht und Ordnung im Interesse Siddi Lohans wieder hergestellt werden konnten.
Ich möchte Sie, liebe Bürgerinnen und Bürger, vielmehr einladen, konstruktiv an der Gestaltung unserer gemeinsamen Zukunft mitzuwirken. Weiters möchte ich Ihnen versi­chern, es wird nicht mehr vorkommen, dass einige wenige so viel Schaden anrichten dürfen.
Seien Sie also versichert, Ihre Bedürfnisse werden ernst genommen. Allerdings wer­den wir gemeinsam in Hinkunft andere Wege finden, konstruktiv an die Lösung eventu­eller Probleme heranzugehen. Schönen Tag.“
„Falsche Schlange“, zischte Irene. Jetzt erst bemerkten Paul und Agnes, dass ihre Nachbarin mit verweinten Augen die Waren in ihrem Stand ordnete. Sie war eine halbe Stunde zu spät gekommen.
„Was ist denn mit dir, Irene?“, fragte Agnes. „Geht es dir nicht gut?“
„Ich habe dir ja erzählt, dass meine Kinder auch dabei waren. Stell dir vor, mein Sohn ist tot! Ich fasse es noch immer nicht. Die Tochter liegt mit gebrochenen Rippen zu Hause. Und ich habe kein Geld, weder für den Arzt, geschweige denn ein Begräbnis.“
Betroffen sahen sich Paul und Agnes an. Einsilbig gingen sie heute ihrer Arbeit nach. Zum Glück wurde es ein guter Tag ... Um 18 Uhr nahm Paul den Tagesumsatz aus der Kassa und gab ihn Irene. Diese wollte das Geld zuerst nicht nehmen, war ihr doch klar, wie schwer es verdient worden war. Agnes und Paul aber wirkten so lange auf sie ein, bis Irene erleichtert und seufzend zugleich nachgab.
An diesem Abend wurde in der Verschwörerhöhle die Lage analysiert. Kurt meldete sich als Ers­ter zu Wort: „Wir wissen jetzt, wie sie vorgehen und vor allem, dass sie keine Skrupel ken­nen.“
„Wie hoch sind denn eigentlich die Verluste und Schäden wirklich? Weiß das überhaupt jemand?“, warf Paul ein.
Claudia antwortete ihm: „Viel, viel höher als offiziell angegeben. Genaue Zahlen ha­ben wir selbst nicht, brauchen wir aber auch nicht. Unsere Erkenntnisse müssen vor al­lem qualitativ und nicht quantitativ sein. Kurt, wie sieht die Resonanz in den Rekrutie­rungsbüros aus?“
„Wir haben einen Zulauf wie noch nie. Sicher war die Berichterstattung unfair, einsei­tig und diente mehr der Manipulierung der Öffentlichkeit als deren Information, aber es waren zu viele dabei. Es hat sich schon herumgesprochen, wie es wirklich gelaufen ist. Viele der Jüngeren sind so zornig wie nie und in Scharen finden sie sich in den Büros ein.“
Während sich Paul eine Limonade aus dem Kühlschrank holte, sagte er: „Je mehr die Obrigkeit glaubt, mit so billigen Mitteln wie „Die Welt zu deinen Füßen“ die Bevölkerung manipulieren zu können, desto mehr fühlen sich die Leute verhöhnt. Und so geht der Schuss nach hinten los. Unsere Bewegung hat durch die Ereignisse des letzten Wo­chenendes mehr Akzeptanz bei der Bevölkerung denn je. Die Aktivisten sind so moti­viert, wie es nur geht und ich sehe unsere dringendste Aufgabe jetzt darin, das in einen dauerhaften Erfolg umzumünzen.“
Hermann nickte zustimmend: „Das ist auch meine Meinung. Wenn die Obrigkeit je­mals zu Fall gebracht werden kann, wird sie darüber stolpern, dass sie uns für blöd an­sieht. Bevor die Scheißkerle merken, dass sie uns ernst nehmen müssen, wird es vor­bei sein. Das ist unsere Chance, unsere einzige übrigens. Im Augenblick stehen uns Tür und Tor offen, weil wir genau den Zulauf haben, der unserer Bewegung den end­gültigen Kick gibt. Eine spektakuläre Aktion wäre das Richtige, um die Rekruten bei der Stange zu halten.“
Claudia erwiderte: „Grundsätzlich ja. Aber dazu sind die allermeisten noch nicht aus­reichend ausgebildet. Wir sollten uns etwas anderes einfallen lassen.“
Nach einem kurzen Moment des Schweigens sagte Paul: „Wir müssen den Nach­wuchs psychologisch betreuen. Bereitet die Mannschaften intensiv auf eine militärische Auseinandersetzung vor. Ich habe das Gefühl, es wird nicht mehr lange dauern.“
Mit offenem Mund hatte Agnes zugehört. Sie hatte sich zwar in der Zwischenzeit an die Verschwörergemeinschaft gewöhnt, aber da es erst die dritte Versammlung war, an der sie teilnahm, war ihr noch nicht aufgegangen, wie weit die Konspiration in Wirklichkeit schon gediehen war. Abgesehen davon war in ihrer Anwesenheit noch nie so unverblümt geredet worden.
Paul hatte Agnes den Abend über aufmerksam beobachtet. Kaum hatten er und Agnes die Schrottpresse verlassen, fuhr Paul den Wagen an den Straßenrand und sagte: „Ich werde dir heute etwas Wichtiges zeigen. Dazu muss ich dir leider die Augen verbinden.“
Damit holte er aus dem Handschuhfach ein altmodisches Kopftuch und verband Agnes damit die Augen. In Agnes regten sich im gleichen Augenblick unangenehme Erinnerungen, schließlich hatte man ihr schon einmal die Augen verbunden, und das war damals eine äußerst unerquickliche Situation gewesen. Paul bemerkte die aufkommende Panik und beruhigte sie: „Vertrau mir. Es ist zu deinem Schutz.“
Paul fuhr mit Agnes vielleicht zwanzig Minuten durch die Gegend. Den schlechten Fahrbahnverhältnissen zufolge musste es sich um das Nordviertel handeln. Endlich hielt er und half ihr aus dem Wagen. Dann führte Paul sie an der Hand durch ein Gebäude, einige Stockwerke tief hinunter. Wie vertraut sich Pauls Hand anfühlte. Es war, als ginge ein Strom Zuversicht durch sie auf Agnes über. Ohne dieses Gefühl wäre sie nicht imstande gewesen, weiter mitzumachen.
Ganz erleichtert war Agnes, als Paul dann doch das Kopftuch entfernte. Sie standen in den unterirdischen Gängen eines fabrikähnlichen Gebäudes. Leute in den Uniformen der alten Königsarmee gingen an ihnen vorbei, zum Teil mit Infanteriewaffen ausgestattet. Alle grüßten Paul, der offensichtlich wohlbekannt war.
Paul erklärte: „Das ist eines unserer Trainingszentren. Jede Nacht kommen unsere Leute hierher und üben den bewaffneten Kampf. Rechts ist das Zentrum für den Nahkampf, aber ich werde dir lieber den Schießstand gegenüber zeigen. Stopf dir das in die Ohren.“
Mit diesen Worten reichte er Agnes zwei Gummipfropfen, die sie sich in die Ohren stopfte. Sofort war die Lautstärke um mindestens die Hälfte gedämpft. Paul öffnete eine der Türen auf der linken Seite und zog Agnes mit in den Raum. Etwa zehn Männer und fünf Frauen übten sich gerade im Schießen mit den verschiedensten Infanteriewaffen. In hundert Metern Entfernung waren die Schießscheiben aufgebaut.
Paul drückte Agnes eine großkalibrige Pistole in die Hand und unterwies sie im Gebrauch der Waffe. Ausprobieren wollte sie die Waffe aber dann doch nicht. Statt dessen sagte sie zu Paul: „Welche Rolle spielst eigentlich du hier?“
„Das ist nicht ganz geklärt. Mein Vater und ich zählten zu den Männern der ersten Stunde. Seit der Geschichte mit meinen Eltern gehöre ich für alle zum harten Kern. Vieles, was du hier siehst, habe ich mitgeplant.“
„Ha, untertreib nicht so“, warf ein vorbeigehender Soldat lachend ein. „Paul ist einer der führenden Köpfe. Ohne ihn wäre das alles hier nicht möglich. Paul, wenn du der hübschen Lady hier schon deine Sünden gestehst, dann wenigstens alle.“
Paul schien den Soldaten gut zu kennen. Er war über die Unterbrechung keineswegs peinlich berührt, sondern klopfte seinem Kumpel jovial auf die Schulter. Paul machte seinerseits einen belanglosen Scherz, dann waren er und Agnes wieder alleine.
Paul fuhr fort: „In Wirklichkeit verbringe ich mit diesen Soldaten fast ebenso viel Zeit wie mit meinem Stand auf dem Trödelmarkt. Deswegen brauche ich ja eine Verkäuferin, sonst ginge das nicht. Der Tag hat nun einmal nur vierundzwanzig Stunden.“
„Ich bin total überrascht. Da also treibst du dich die ganze Zeit herum, während ich deine Kunden bediene! Möchtest du mich nicht etwas herumführen? Du hast es ja gehört: Wenn schon, dann alle Sünden.“
Das ließ sich Paul nicht zweimal sagen. Also zeigte er Agnes einen Teil der Anlage, bis sie zuletzt bei der Waffenkammer anlangten. Hier waren hunderte Gewehre, Pistolen, Maschinengewehre, Lenkraketen verschiedenster Bauweise und die dazugehörige Munition aufgetürmt. Weiter hinten lagerten Kisten mit Sprengstoff, sorgfältig getrennt von den Zündern.
Indem er auf die Waffen deutete, sagte Paul zu Agnes: „Ich nehme an, du hast keine Ahnung, wie viel geballte Zerstörungskraft hier versammelt ist. Wie viel Leid, Schmerzen und Tod das hier bedeuten kann. Sei froh, du würdest frösteln.“
„Mir ist auch so ganz anders. Lass uns gehen, Paul, das Zeug ist mir unheimlich.“
Während sie sich entfernten, erzählte Paul weiter: „Viele dieser Soldaten sind arbeitslos. Sie haben nichts mehr zu verlieren. Andere stehen im Berufsleben, manche sogar im Südviertel. Ganz Siddi Lohan ist durchzogen von unseren Soldaten. Wir haben Agenten sogar im Umfeld des Königs. Der Soldat vorhin ist Kalchner, Major im verbliebenen Rest der Königsarmee. Er zählt zu den unmittelbaren Vertrauensleuten des Generales. Wenn wir es wollten, könnten wir jederzeit eine beliebige Person im Palast oder im Südviertel gefangen nehmen oder umbringen.“
„Und warum geschieht das nie?“
„Weil wir aus den Leuten Soldaten machen, keine Verbrecher. Jeder von denen, die du gesehen hast, würde bedenkenlos für unsere Sache sein Leben auf das Spiel setzen. Wer immer hier trainiert, für den ist die Zeit der Zweifel vorbei.“
„Wie ist es möglich, dass hier ungeniert eine ganze Untergrundarmee ausgebildet wird? Das kann dem königlichen Geheimdienst doch nicht verborgen bleiben?“
„Jede Wette, wir sind bestens ausspioniert. Darüber, warum die andere Seite noch nichts unternommen hat, gehen die Meinungen auseinander. Wir haben leider keine gesicherten Informationen. Die Lage ist am ehesten mit einem inoffiziellen Waffenstillstandsabkommen vergleichbar. Es ist ein gegenseitiges Belauern. Auch die andere Seite kann oder will zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine offene Auseinandersetzung riskieren. Es beunruhigt mich, dass ich nicht weiß, warum. Das macht den General schwer berechenbar. Wenn ich einen Albtraum habe, dann ist es der, General Löwenstein könnte es schaffen, uns unvorbereitet anzugreifen. Wir sind noch nicht so weit, aber bald.“
Jetzt wurde es Agnes klar: Diese Leute meinten es ernst.


Otto von Löwenstein machte es sich gemütlich in seinem Büro, schlürf­te eine Tasse magenschonenden, entkoffeinierten Kaffee und telefonierte dabei: „Das hat ja toll geklappt mit der Demonstration oder wie siehst du das? ... Die Idee, den Mann an der Wasserkanone erschießen zu lassen, hat sich bestens bewährt. Glückli­cherweise haben wir den Todesschrei im passenden Moment zuspielen lassen, er wäre doch tatsächlich in der allgemeinen Geräuschkulisse untergegangen ... Wie bitte, er hat gar nicht geschrien? Und unser zugespieltes Geplärre kam um vier Zehntelse­kunden zu spät? Auch egal, es tat seine Wirkung, das alleine zählt. Es wäre schon sehr traurig, hätte einer der Unsrigen umsonst ins Gras gebissen. Und das im wahrsten Sin­ne des Wortes, schließlich ist der Mann auf den Rasen gefallen, hahaha ...
Was sagst du zu den Brandbeschleunigern in den Schulgebäuden? Die haben es doch auch voll gebracht, findest du nicht? Merk dir, wo wir diese gekauft haben ... Du meine Güte, billig ist auch etwas anderes, aber Qualität hat eben ihren Preis ...
Naja, das kann man noch nicht genau sagen, die Aussagen werden erst ausgewertet. He, das bedeutet wo­chenlange Knochenarbeit ... Sicher, vieles macht der Computer allei­ne, es lebe sei­ne künstliche Intelligenz, aber ich sage dir, wenn's ans Eingemachte geht, dann musst du das selbst erledigen. Und wenn es bis spät in die Nacht dauert. Und es darf dich nicht kümmern, dass du Überstunden machst bis zum Gehtnichtmehr ...
Ja, ich bin auch der Meinung, dass sich Moldegg wacker gehalten hat. Vor allem, dass er den militanten Flügel der Linksliberalen so glaubwürdig heruntergespielt hat, finde ich super ... Na freilich sind es weitaus mehr. In Wirklichkeit ist es viel schlimmer, als die Gerüchte vermuten lassen ...
Wie, verhaften? Das bringt rein gar nichts, es ist wie bei einer Hydra. Du schlägst ihr einen Kopf ab, schon wachsen drei nach. Es ist einfach Zeitverschwendung. Aber wir tun ja ohnehin alles, dass das Problem endgültig gelöst wird. Demnächst, mein Lieber, ganz fest versprochen, demnächst ...
Ja, so ist es ... Und ich muss jetzt zu ei­ner strategischen Besprechung mit der Königsfa­milie ... Jaja, sage ich auch, also bis zum nächsten Mal ...“
Nachdem er aufgelegt hatte, drückte er auf die Gegensprechanlage zu seiner Vor­zimmerdame.
„Sie wünschen, Herr General?“
„Bereiten Sie die üblichen Beileidsschreiben für die Familien der gefallenen Beamten vor. Den Mann an der Wasserkanone nehmen Sie bevorzugt dran, immerhin hat es ihn als Ersten erwischt. Im Übrigen gehe ich jetzt zur strategischen Besprechung mit der restlichen Königsfamilie.“
Die Familie war bereits versammelt. Irgendwie war die Rede auf die Demonstration gekommen. Kaum hatte sich Otto von Löwenstein gesetzt, fragte der König: „Wie sieht denn die eigentliche Bilanz aus? Jetzt, drei Tage nach der Demonstration werden die Zahlen wohl feststehen.“
Andreas fühlte sich angesprochen. Er antwortete: „87 Tote, davon 14 Polizisten, 214 Schwerverletzte, die Zahl der Leichtverletzten wissen wir gar nicht, weil sich die meis­ten ohne Behandlung verdrückt haben, jedenfalls gehen die Schätzungen an die drei­tausend.“
„Und wie viele Demonstranten waren es nun wirklich?“, wollte die Königin wissen.
„Etwa fünfzehntausend.“
„Und was haben wir aus diesem Vorfall gelernt?“, hakte der König nach.
Da warf Heinrich ein: „Wie, was soll das heißen, Papa? Aus dem Vorfall lernen? Nicht wir müssen daraus etwas lernen, sondern die Demonstranten, die Proleten. Schließlich ha­ben wir sie mit blutigem Schädel nach Hause geschickt oder etwa nicht? Das Einzige, was diese Arsch­löcher begreifen müssen ist, sich nicht mit uns anzulegen.“
Die Großmutter nickte beifällig in ihrem Halbschlaf. Der König atmete hörbar aus. Auch Andreas war anderer Meinung: „Ich fürchte, so einfach geht das nicht. Wir sind gut beraten, die Vor­fälle ernsthaft zu analysieren.“
„Und wie ich dich kenne“, meinte Heinrich, „hast du das bereits getan. Also schieß los, es lässt sich vermutlich sowieso nicht verhindern.“
„Die Linksliberalen zu verbieten hat überhaupt nichts gebracht. Die Linksdemokraten, wie sich dieselben Leute jetzt nennen, sind genauso stark. Und sie sind fähig, Tausen­de auf die Straße zu bringen. Das sollte uns zu denken geben. Wir dürfen diese Leute nicht unterschätzen. Vermutlich ha­ben wir das bisher getan.“
Der König meinte: „Und die Berichterstattung? Die hat wohl etwas zu unseren Guns­ten beigetragen, oder irre ich mich?“
Jetzt meldete sich der General: „Das bleibt abzuwarten. Es wäre naiv zu glauben, dass alle auf diese Informationsaufbereitung hereingefallen sind. Ich gehe eher davon aus, dass „Die Welt zu deinen Füßen“ die öffentliche Meinung mehr polarisiert als zu unse­ren Gunsten beeinflusst hat, so sehr sich der Sender auch Mühe gegeben hat.“
Nun wurde es aber Heinrich zu viel. Unbeherrscht rief er aus: „Verdammt noch ein­mal, ihr Weicheier! Ich muss euch einmal etwas sagen. Mich kotzen eure Analysen und Erkenntnisse an. Das sind Proleten da draußen. Die haben nichts zu sagen. Was mit denen ist oder nicht ist, interessiert mich einen Dreck! Die sollen ihre Steuern zahlen und das Mundwerk halten. Und wenn es eben nötig ist, setzen wir unsere Roboter ein. Dann ist endlich Ruhe.“


Gegen Ende April gewöhnte es sich Agnes an, öfter zu Fuß nach Hause zu gehen. Gelegentlich nahm sie einen Umweg, um die Umgebung näher zu erkunden. Abgesehen davon tat ein kleiner Spaziergang nach dem stundenlangen Stehen auf dem Markte sehr gut. Schon lange erfasste sie kein Grausen mehr, wenn sie die abbröckelnden Fassaden der Häuser sah oder die hinten und vorne schlecht sitzende Kleidung der Einwohner des Nordviertels. Klar, war ja Kleidung von der Stange, etwas anderes konnte sich keiner leisten. Auch Agnes hatte ihre Ansprüche deutlich abgespeckt. In ihrem Äußeren unterschied sie sich schon lange nicht mehr von den anderen.
Als Agnes um die Ecke bog, erblickte sie auf der anderen Straßenseite die Eisenwarenhandlung. Es war also nicht mehr weit bis zu Pauls Haus, ihrem Zuhause. Halt, da stimmte etwas nicht! Zwei Männer mit Anzug, Krawatte und Aktentasche standen vor dem Eingang und schlugen soeben eine amtliche Mitteilung in der Größe eines DIN-A-4-Blattes an: Geschlossen! Die altmodischen, verdreckten Fensterläden waren heruntergelassen, die Eingangstür wurde soeben versperrt, vermutlich für lange Zeit. Sofort kam ihr der unglückliche Standnachbar auf dem Markt vom letzten Herbst in den Sinn! Und schon war es wieder da, dieses ganz seltsame, ihr absolut unheimliche Gefühl von damals, für das Agnes bis jetzt keinen Namen gefunden hatte ...
Im Herbst war keine Zeit gewesen, länger darüber nachzudenken, später war ihr der Vorfall nicht mehr gegenwärtig gewesen, aber nun ...
Als sie am Laden vorüberhastete, bemerkte sie eine kleine Bäckerei, die noch offen hatte. Nichts wie hinein, ein Kaffee würde ihr jetzt gut tun. Nachdem Agnes das erste Mal an ihrem Cappuccino genippt hatte, wurde sie von der Verkäuferin angesprochen: „Sie sind ja ganz grün im Gesicht. Geht es Ihnen nicht gut?“
„Die Eisenwarenhandlung da vorne ...“
„Sie meinen die ehemalige Eisenwarenhandlung. Die wurde heute endgültig geräumt. War sowieso schon der dritte Pächter. Das Geschäft ging halt nicht. An allen Ecken und Enden Konkurrenz und die Leute haben einfach kein Geld im Sack. Ich weiß ja auch nicht, wie lange ich noch eine Arbeit habe. Jedes Mal, wenn mein Chef die monatlichen Umsatzzahlen liest, schaut er ganz finster.
Oder sehen Sie nur das kleine Häuschen neben der Eisenwarenhandlung. Sehen Sie das Schild dort?“
In der Tat sah Agnes ein Schild links neben der Eingangstür des bezeichneten Hauses. Groß und unmissverständlich konnte Agnes „Zu verkaufen“ lesen.
„Ehemalige Stammkunden von mir“, fuhr die Verkäuferin fort. „Ein reizendes älteres Ehepaar, hoch in die fünfzig. Irgendwann kamen die Leute immer seltener zu mir. Und als ich sie eines Tages darauf ansprach, erklärten sie mir, sie könnten kaum noch die Darlehensraten für ihr Haus bezahlen.“
„In so einer Situation gehe ich doch arbeiten!“
„Meinen Sie vielleicht, junge Frau, auf diese Idee wären die beiden nicht gekommen? Aber erstens ist Arbeit Mangelware und zweitens oft so schlecht bezahlt, dass es trotzdem hinten und vorne nicht reicht. Beide haben letztes Jahr ihre Anstellungen verloren. In ihrem Alter nimmt sie keiner mehr. Wenn Sie mich fragen, die Zwei können sich eingraben.“
„Das ist ja wie in einem schlechten Traum“, so überlegte Agnes, während sie übereilt zahlte und die Bäckerei verließ. „Mein Gefühl, gewürgt zu werden, hat inzwischen ein fast unerträgliches Ausmaß erreicht. Ach ja, da fällt mir auf, Angst wütet in meinem Bauch! Ich habe so etwas noch nie erlebt, ich kann es nicht beschreiben. Ganz ruhig überlegen, Agnes, du musst der Sache auf den Grund gehen. Wie fühlt es sich an? Nein, nicht wie die Angst vor einer Geisterbahn, eher wie die, von einer Brücke zu fallen ... Kann es sein, dass ich schwer atmen muss ...? Woher kommt der Eindruck, ich würde keine Luft kriegen? Hurra, da vorne, keine hundert Meter weiter auf der linken Seite ist ja auch schon Pauls Haus! Da fällt mir doch gleich ein Stein vom Herzen! Unverkennbar das reparaturbedürftige Dach und die magere, ungepflegte Hecke zur Straße hin. Ja, das muss es sein! Und im ersten Stock das Fenster meines Zimmers ...
Jetzt wird mir erst klar, wie lieb und teuer mir das alles geworden ist. Ja sicher, das Dach sollte erneuert werden, aber dennoch hat es mir Schutz geboten den Winter über! Von der Wand blättert die Farbe, aber es gibt Schlimmeres. Pauls Haus ist weder schön noch komfortabel, früher hätte ich von einer schäbigen Hundehütte geredet, aber es ist mein Zuhause, da wo ich lebe, da wo ich existieren darf ... Verdammt noch mal, das ist auch etwas ...
Was wäre, wenn Paul seinen Stand schließen und sein Haus verkaufen müsste? Nicht auszudenken! Was würde dann mit mir? Verflixt, das Herz klopft mir bis zum Hals ... Das wäre ja grauenhaft. Ich fühle mich wie betäubt ... Ja dann, ... dann würde ich wohl alles verlieren ... Auf einmal bin ich zutiefst in Sorge ... Kann es sein, dass ... Ja, Moment mal, natürlich!!! Genau davor fürchte ich mich! ... Oh, nun weiß ich, was das ist: Ich habe Existenzangst!!! Zum ersten Mal in meinem Leben bange ich um meine Existenz ... Du meine Güte, ist das ein grauenhaftes Gespenst!
Wenn es jeden treffen kann, zu jeder Zeit, könnte es auch Paul erwischen. Warum denn nicht? Und die Folge für mich wäre ein Albtraum ... Schnell hinein in das Haus. Aber warum fällt mir das eigentlich erst jetzt auf, nachdem ich schon fast ein Jahr im Nordviertel lebe? Wenn ich es so recht bedenke, ... genau, da waren in Wirklichkeit viele, die aufhören mussten, denen man alles genommen hat, ich habe es nur noch nie richtig wahrgenommen. Als hätte ich die ganze Zeit über durch eine Brille mit einem speziellen Filter geblickt ...
Wahrscheinlich ist es auch Paul, er gibt mir so viel Sicherheit. Wo ist er denn eigentlich? Paul ...?! Paul ...?! Aha, treibt er sich wieder einmal herum, keiner weiß, wo ... Aber eigentlich ist es ohnehin besser so, ich möchte nicht, dass er mich in diesem Zustand sieht ... Wenn ich so aussehe, wie ich mich fühle, möchte ich in keinen Spiegel sehen ...
Was habe ich vor einem Jahr eigentlich für ein unglaubliches Glück gehabt! Das war ja wohl wirklich das berühmte blaue Auge. Es hätte noch wesentlich schlimmer kommen können. Dank Paul ist mir das erspart geblieben ...
Ja, Paul, der gibt mir mehr als nur ein gutes Gefühl. Immerhin teilt er praktisch einen Großteil seines Lebens mit mir. Und das halbe Haus dazu. Das geht von der Enko bis zur Badewanne, zum Wohnzimmer und zum Kühlschrank. Fast alles benützen wir gemeinsam, nur das Bett nicht ... Apropos Kühlschrank, was gibt es denn zum Abendessen? Ach was, ich habe doch gar keinen Hunger mehr ...
Schönen guten Abend, Dorothea, ja, leg dich zu mir auf das Bett. Komm schon, Kätzchen, dein Schnurren tut so gut, und ich habe es heute dringend nötig. Wenn ich bedenke, ich könnte dich, Kätzchen, meine Arbeit, das Haus und ... Paul verlieren, kommt mir das Heulen. Aber noch ist es nicht so weit ...
Erst heute ist mir klar geworden, wie dünn das Eis ist, auf dem wir tanzen: Paul, du und ich. Ich werde alles tun, damit es nicht bricht.
Warum fällt mir jetzt Professor Ecker ein? Er hat gesagt: Bleiben Sie unerschütterlich bei sich selbst, in der festen Überzeugung für das Gute auf der Welt zu stehen und zu kämpfen. Ja, das will ich tun, mit aller Kraft ...
Oh, ihr Götter! Ihr habt mir mein adeliges Dasein genommen, und ich vermisse es nicht. Nicht mehr. Ihr habt mich für meinen Hochmut, meine obertänige Arroganz gestraft und ich muss euch im Grunde danken. Warum ich auch meiner Identität und meines Aussehens beraubt worden bin, weiß ich nicht, dennoch will ich es in Demut ertragen. Aber nehmt mir nicht auch noch meine Würde! Ich verspreche hoch und heilig, dass ich keiner Fliege etwas zuleide tun werde! Lasst mir das kleine bisschen Luft zum Atmen, stampft mich nicht in Grund und Boden ... Bitte ...!“


Der Mai war mit viel wärmender Sonne und Optimismus auf dem Markt eingekehrt. Wie immer stand Agnes auf dem Trödelmarkt. Soeben hatte sie einen alten Atlas an einen pensionierten Geografieprofessor verkauft. Nun ließ sie sich von der Sonne die Wangen streicheln. Paul versuchte, einen beschäftigten Eindruck zu erwecken. Plötzlich fiel Agnes etwas ein.
„Du, Paul, habe ich auch so etwas wie Urlaub?“
Ihr Chef war ganz überrascht. Das hatte er total vergessen. Natürlich hatte seine Verkäuferin Anspruch auf Urlaub. Agnes war schon fast ein Jahr bei ihm, es war höchste Zeit, ihr frei zu geben.
„Freilich. Zwei Wochen.“
„Gib mir drei Tage. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich es länger aushalte.“
Also stand Paul die nächsten Tage alleine im Stand und verkaufte. Unterdessen ließ Agnes es sich gut gehen, soweit sie es vermochte. Am ersten Tag war ausschlafen und erst gegen Mittag aufstehen dran.
Am zweiten Tag setzte sie sich in einen Park in der Nähe des Hermes und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen, soweit sich diese durch den Smog kämpfen konnte.
Agnes fielen die Grünanlagen ein, die sie vor wenigen Jahren noch im Geschichtsunterricht auf dem Monitor gesehen hatte: Bäume, Sträucher, manche sogar in Blüte, soweit das Auge reichte in den unterschiedlichsten Grüntönen. Dazwischen tummelte sich eine Unmenge an echten, lebenden Vögeln! Dichter, grüner Rasen! Frische, sauerstoffreiche Luft durchströmte die Landschaft. Hell und freundlich schien die Sonne von einem klaren, tiefblauen Himmel ...!
So beeindruckend das einerseits auch war, so war es doch andererseits im Grunde Edelkitsch. Zudem hegte Agnes den Verdacht, dass die Aufzeichnungen manipuliert gewesen waren. All das hatte viel zu schön gewirkt, um echt zu sein.
Wie grundlegend unterschied sich doch das Ambiente, in dem sie sich im Augenblick befand, von den Geschichtsdateien. Neben Agnes stand ein windschiefes, halb verrottetes Nussbaumimitat, welches sicher demnächst vornüber kippen würde. Zu allem Überdruss gab es einen undefinierbaren Geruch von sich. Glücklicherweise ging ein leichter Wind, der die zweifelhafte Ausdünstung von Agnes wegwehte. Der Boden war verkarstet, stellenweise kam nackter Fels zum Vorschein.
Die grünlich-braunen Grasbüschel, die sich da und dort ihren Weg durch das Geröll bahnten, veranlassten die Stadtverwaltung, das Gelände „Kaiserpark“ zu nennen. Im Zentrum war ein steinerner Brunnen aufgebaut, der dringend einer Generalsanierung bedurfte. Groß prangte ein metallenes Schild über dem Wasserauslauf: „Kein Trinkwasser.“
Allerlei Unrat und weggeworfene Zeitungen säumten die Wege. Hoppla, da lag doch eine Tageszeitung gerade zu ihren Füßen! Noch dazu in unversehrtem Zustand! Ein halbes Wunder, möchte man meinen.
Gelangweilt schlug Agnes das Blatt auf. Die Seiten mit den Lokalnachrichten brachten die Meldung: „Der berühmte Universitätsprof. Ecker, Träger des Siddi-Lohan-Ehrenzeichens für wissenschaftliche Verdienste, wird ein Jahr früher als geplant in Pension geschickt. Ein ärztliches Gutachten belegt, dass der Professor endgültig erblindet ist. Er kann seiner Lehrverpflichtung nicht mehr nachkommen.“
Sofort kam Agnes der alte, schrullige Mann aus ihrer Studentenzeit wieder in den Sinn. Plötzlich überfiel sie das Bedürfnis, ihm etwas zu sagen. Hastig verließ Agnes den Park, zog sich zu Hause ihre besten Sachen an und eilte auf die Universität.
Es war ein seltsames, fast schon befremdliches Gefühl, wieder durch die Gänge zu gehen, den eigenen Schritt auf dem Marmor zu hören, alten Bekannten zu begegnen, ohne dass diese Agnes wiedererkennen konnten. Rund elf Monate waren es nun her ...
Gelegentlich wurde Agnes von einer entgegenkommenden Studentin wegen ihrer Bekleidung von der Stange geringschätzig belächelt. Agnes störte es nicht. Auf dem Weg zum Rektorat kam ihr endlich Professor Ecker entgegen. Er hatte eine schwarze Brille auf und bewegte sich vorsichtig auf dem Gang, indem er einen Blindenstock tastend vor sich herschob. Agnes stellte sich ihm in den Weg.
„Herr Professor!“
„Was wollen Sie, junge Frau?“
„Es drängt mich, Ihnen zu danken. Was Sie uns beigebracht haben, hat mir geholfen, mein Leben in den Griff zu bekommen. In Zeiten, da ich nicht mehr wusste, wie ich alles schaffen sollte, klangen mir Ihre Worte im Ohr.“
„Ihre Stimme kommt mir bekannt vor. Wer sind Sie, junge Frau?“, wollte der Professor wissen.
„Das frage ich mich nun selbst seit geraumer Zeit. Ich habe das Geheimnis bislang nicht enträtseln können, aber ich nähere mich dem Punkt, da ich nicht mehr darunter leide. Dank ihrer Worte bin ich bei mir geblieben, fest und unerschütterlich in der Überzeugung für das Gute im Leben zu kämpfen, obwohl es oft unglaublich schwer ist. Sie haben mir beigebracht, die Herausforderung zu sehen und nicht die Strafe.“
„Sie sind eine schöne Frau.“
„Woher wissen Sie das, ich dachte, Sie sind blind?“
„Ja, ich bin blind. Und für die Sehnervimplantate bin ich schon zu alt. Das tut man sich für einen ausrangierten Professor nicht mehr an. Aber das heißt nicht, dass ich in Finsternis lebe. Auf meine Weise sehe ich deutlicher als je zuvor. Und wenn jemand solche Worte so liebevoll spricht, ist er eine schöne Seele. Darauf kommt es letzten Endes an und nicht auf die äußere Beschaffenheit des Körpers.
Sie müssen wissen, junge Frau, viele sehen meinen Abgang von der Uni ohne jedes Bedauern. Ich bin verrufen für unkonventionelle Unterrichtsmethoden und schrullige Ideen, wie meine zahlreichen Kritiker sagen. Wie oft habe ich mich mit der Obrigkeit angelegt! Wären nicht meine wissenschaftlichen Erfolge, hätte man mich schon längst zum Teufel gejagt.
Manche meiner Studenten verschweigen es sogar, bei mir studiert zu haben. Sie wollen in Gesprächen mit möglichen Arbeitgebern nicht signalisieren, dass sie mit eigenständigen, eventuell sogar ungewöhnlichen Ideen unangenehm auffallen könnten. Heutzutage sind nur mehr die billigen Opportunisten gefragt. Und Sie, junge Frau, wollen mir danken? Das soll ich glauben?“
„Ja, das sollen Sie“, hörte er die Frau vor sich. Der Stimmlage war zu entnehmen, dass es durchaus ernst und nicht zynisch gemeint war.
„Um ehrlich zu sein, ich habe es noch nie erlebt, dass mir jemand Danke sagt.“
Unwillkürlich stahlen sich Tränen der Freude über sein Gesicht.
„Es hat sich also doch gelohnt“, flüsterte er.
Der Professor sah nur Dunkel vor sich. Aber da war etwas Unglaubliches. Es beschlich ihn ein Gefühl, als würde er sich in finsterer, kalter Winternacht einem wärmenden Feuer nähern. Sachte spürte Ecker einen Kuss auf seiner rechten Wange.
„Leben Sie wohl, Herr Professor.“


Am dritten Tag ihres Urlaubes nahm Agnes an einer Besprechung in der Höhle teil. Es ging wie üblich um die Rekrutierung des Nachwuchses, die Ausbildung und was wohl in der Öffentlichkeitsarbeit aktuell zu tun sei. Agnes fühlte sich zwar nur am Rande befasst, steuerte aber zum Thema Erstellen einer neuen Broschüre einige Ideen bei, die allgemeine Zustimmung fanden.
Müde legte sich Agnes an diesem Abend zu Bett. Paul machte sich noch in seinem Zimmer zu schaffen. Zufällig hörte Agnes seine Befehle an die Enko: „Computer, öffne die Datei: Tagebuch Paul Wayden, höchste Sicherheitsstufe, Codewort: Alkmene.“
Wahrscheinlich hatte Paul vergessen, seine Zimmertür zu schließen, ansonsten hätte Agnes ihn nicht verstehen können. Im Nu war ihre Müdigkeit verflogen. Sie verhielt sich still und lauschte gespannt. Sie vernahm Pauls Stimme: „Meine schier unendlichen Sorgen drücken mich. Pausenlos dreht sich alles immer nur ums Geld. Ich versuche zwar, dass es mir Agnes nicht anmerkt, aber die Existenzangst begleitet mich, seit ich aus der Armee ausgeschieden bin.
Sicher, ich habe als Händler unschätzbare Einsichten und Erfahrungen machen dürfen und wie gerne würde ich diese in Form eines Buches der Allgemeinheit zugänglich machen. Stroh zu Gold, so würde ich das Werk betiteln. Die Wahrheit ist aber, dass ich abends hundemüde nach Hause komme und vor laufender Enko einschlafe. Es klingt erbärmlich und ist es auch, leider wäre alles andere Lüge. Die Umstände, unter denen ich lebe, drücken meine Lebensqualität ins Bodenlose.
Dabei wehre ich mich genauso gegen die Ungerechtigkeit im System. Existenzielle Sorgen sind eine Gemeinheit, vor allem dann, wenn man sie nicht zu verantworten hat. Die Reichen, die Mächtigen, die Obertanen, die Oligarchen oder wie immer man sie nennen will, haben keine Ahnung, was sie ihren Untertanen damit antun.
Es hilft alles nichts, aber das meiste in meinem Leben kreist um die Ressource Geld und vor allem, wie diese zu erlangen ist. Geradezu unheimlich. Geld hat die Macht, Leben zu vernichten, obwohl ich mir andererseits auch kein Leben ohne Geld vorstellen kann. Zu viel und zu wenig davon scheint gleicherma­ßen ein Quell von Krankheit, zumindest im spirituellen Sinne, zu sein, oft auch im kör­perlichen ... Wenn ich abends die Geldscheine im Weihnachtsgeschäft durch die Finger gleiten lasse, habe ich das Gefühl, dass da noch viel mehr an Geheimnissen um diese Ressource ist. Da ist etwas von ..., ja, von Magie dabei ...“
Agnes hörte einen Zischlaut, wie wenn Paul eine Dose mit kohlensäurehältigem Inhalt geöffnet hätte, gefolgt von einem sekundenlangen gluckgluck ... Das musste die halbe Dose auf einmal gewesen sein. Danach stieß Paul ungeniert auf. Er hätte sich bestimmt nicht so ungezwungen gegeben, wäre er sich bewusst gewesen, dass Agnes mithörte.
Dann diktierte Paul weiter: „Computer: Lösche die letzte Textzeile, die mit dem blubbblubbblubb ...
Vielleicht ist die Menschheit schlicht und einfach damit überfordert, etwas mit einer derart exzessiven Eigendynamik in Händen zu halten, etwas, das so ungebremst in alle Richtungen ausufert, auch in Gut und Böse ...
Ich hätte so gerne, dass es in meinem Leben mehr um Kultur, Schönheit, Musik oder einen Blick bis zum Rand des Universums und ähnliche Dinge geht, aber die drückenden Probleme dämpfen das Bewusstsein. Es fällt mir schwer, Perspektiven für mein Leben zu bewahren. Das ist einfach entwürdigend.
Dabei hat es auch sein Gutes, wenn ich so zu kämpfen habe. Meine Lebensumstände erlauben mir keine billigen Ausflüchte, die ich sicherlich zur Hand hätte, wäre die Lage nicht so bedrohlich. Nur wer mit dem Rücken zur Wand kämpft, zieht alle Register.
Aber ich möchte mich nicht selbst belügen. Hätte ich die Wahl zwischen meinem tatsächlichen Leben und einem, das wenigstens ein kleines bisschen angenehmer wäre, würde ich die Alternative vorziehen. Wenn ich zum Beispiel daran denke, dass ich immer noch Junggeselle bin. Klar, was hätte ich einer Frau schon anzubieten, außer einem leeren Kühlschrank, einem Haus, durch das im Winter der frostige Wind pfeift und einem Leben voller Sorgen, im Grunde ohne jede Zukunft?
Apropos, bei dem Wort Frau fällt mir Agnes ein.“
Paul hielt einen Moment inne. Agnes war noch hellhöriger geworden; sie platzte fast vor Neugierde. Plötzlich hörte sie Geräusche. Es klang, als wäre ein Stuhl oder ein vergleichbarer Gegenstand umgefallen.
Sogleich vernahm sie Paul wieder: „Himmel, Arsch und Zwirn ... Computer: Streiche den Textteil Himmel, Arsch und Zwirn.
Ich war bei Agnes. Was für ein Glück, dass es sie gibt. Es geht mir verdammt gut, wenn ich in Ihrer Nähe bin. Neben ihr auf meinem Stand zu stehen fühlt sich an wie ein wärmender Ofen, wenn es draußen kalt und finster ist, würde ich sagen, wenn der Vergleich nicht so trivial wäre. Und doch komme ich mir erbärmlich vor. Ich weiß gar nicht, wie weit ich Agnes gegenüber Gefühle habe, die über allgemeine menschliche Achtung und Respekt vor einer guten Verkäuferin hinaus gehen. Ich vermeide es sorgfältig, solchen Fragen nachzugehen. Sie steht neben mir auf dem Markt und hilft mir, so gut sie kann. Dasselbe, nein, eigentlich noch viel mehr, möchte ich für sie tun.
Für meine Begriffe klingt das sehr bescheiden und nach der Philosophie eines Ohnmächtigen. Aber meine Stunde schlägt schon noch. Keine Ahnung wann oder wie, aber sie kommt. Seit Jahren hält mich dieser Glaube aufrecht. Hoffentlich kann ich meine Chance erkennen, wenn es so weit ist ... Was immer dann möglich ist, ich werde es tun. Immer wieder habe ich mir das selbst versprochen und tue das in dieser Nacht erneut.“
Mit einem Mal stockte Paul, dann sagte er: „Computer: kurze Pause“ und zog die Zimmertür zu. Obwohl er dem Gemurmel nach weiter diktierte, konnte Agnes ihn nicht mehr verstehen. Schade, aber andere zu belauschen schickt sich für eine Prinzessin ohnehin nicht. Im Nachbarzimmer drüben speicherte Paul, ihr Arbeitgeber, ihr Vermieter, ihr Kumpel, ihr ... seine Gefühle, seine Ängste und Nöte in ein digitales Tagebuch ein. Warum vertraute er sich einer Maschine an und nicht ihr? Wie auch immer, sie würde von nun an Paul Wayden mit anderen Augen sehen ...


Am übernächsten Abend klingelte es an der Haustür. Agnes öffnete Erika. Diese fragte: „Hallo Agnes, ist Paul da?“
„Ja, aber er sitzt in der Badewanne, in der Hoffnung, dass der Thymian- und Lavendelzusatz im Badewasser gegen seine Erkältung hilft. Um diese Jahreszeit zieht es gewaltig bei uns auf dem Markt. Dadurch sind Erkältungen groß in Mode.
Tritt ein. Kann ich etwas für dich tun?“
„Vielleicht. Du weißt ja, der neue Prospekt ist fertig. Genau der, an dem du selbst mitgearbeitet hast. Jetzt geht es darum, ihn zu verteilen. Gelegentlich hilft Paul mit.“
Erika hatte sich ins Wohnzimmer auf das Sofa gesetzt. Einen Stapel mit vielleicht dreihundert frisch gedruckten, reich bebilderten Prospekten legte sie auf den Tisch neben die Reste des Abendessens. Undeutlich vernahmen die beiden Frauen das Glucksen von Pauls Badewasser. Dazwischen nieste er gelegentlich.
„Wo soll denn das alles hin?“, fragte Agnes.
„Das ist für die Kaiserkirche und ihre Umgebung bestimmt: U-Bahn-Stationen, Parks, öffentliche Plätze aller Art, wie immer.“
„Und wenn ich das dieses Mal mache?“
„Agnes, das ist gefährlich. Soweit mir bekannt ist, hast du noch nie verteilt. Mir ist überhaupt nicht wohl bei dem Gedanken.“
„Wie du ja selbst gesagt hast, habe ich an der Gestaltung des Prospektes höchstpersönlich mitgewirkt. Jetzt will ich ihn auch verteilen, da finde ich nichts falsch daran. Um mich mache dir keine Sorgen. Unkraut verdirbt nicht.“
Eine Stunde später ging Agnes verstohlen außer Haus. Kein Mensch befand sich auf der Straße. Der Himmel war mit rabenschwarzen Wolken drohend verhangen. Agnes würde sich beeilen müssen, vor Anbruch des Gewitters wieder zu Hause zu sein.
In der Nähe der U-Bahn-Station „Schulzentrum“ legte sie das erste Dutzend Exemplare ab. Weit und breit war niemand zu sehen. Anschließend ging sie zum Eingang der in der Nähe gelegenen Kaiserkirche. Als sie dreißig oder vierzig ihrer Prospekte, wie sie hoffte, publikumswirksam auf den Eingangsstufen verteilte, sah sie aus den Augenwinkeln zwei Schatten näherkommen.
So unauffällig, wie es ihr möglich war, ging sie zügig in die andere Richtung davon und bog in die nächste Querstraße ein. Mithilfe eines Taschenspiegels lugte sie um die Ecke. In der Tat, die zwei Gestalten liefen in ihre Richtung! Beim besten Willen, aber das konnte kein Zufall sein! Am wahrscheinlichsten waren es Agenten des Geheimdienstes, von der Anwesenheit Linksliberaler hätte man sie vorher bestimmt informiert.
Unwillkürlich wich sie zurück. Da spürte sie, wie die Holztüre in ihrem Rücken nachgab. War es möglich, dass sich ein Haus fand, das in dieser Gegend des Nachts nicht verschlossen wurde? Wie nachlässig kann man nur sein! Ein Blick auf das metallene Schild neben dem Eingang: Pfarrbibliothek!
Na, da würden ihre Informationen ja gut untergebracht sein. Schnell legte sie einen fünf Zentimeter hohen Stapel ihrer Prospekte im Flur der Bibliothek ab. Damit hatte sie wenigstens bereits einen guten Teil los.
Kaum wollte sich Agnes umdrehen, als ihr von hinten der Mund zugehalten wurde. Jemand drückte sie an sich und zischte ihr dabei ins Ohr: „Sei still Agnes, keine Angst, ich bin es, Kurt. Mein Freund und ich verteilen auch. Sei bloß vorsichtig, Polizei ist in der Nähe!“
Als Kurt merkte, dass sich Agnes aufatmend entspannte, ließ er aus.
„Ihr habt mich aber erschreckt. Wer ist der andere, Kurt?“ fragte Agnes mit gedämpfter Stimme.
Kurt antwortete ebenso leise: „Das sage ich dir in deinem eigenen Interesse nicht. Nichtwissen ist Selbstschutz. Aber er beißt auch nur in Notwehr, also sei unbesorgt. Die Bibliothekarin ist eine von uns. Wenn sie informiert ist, dass wir verteilen, vergisst sie gelegentlich auf das Zusperren. Das ist im Bedarfsfalle ungemein praktisch.
Irgendwie ist heute etwas eigenartig. Mein Freund und ich bearbeiten zwar das Nachbarrevier, aber wir mussten uns verdrücken. Es sind so viele Polizisten auf dem Weg, dass ich fast meine, wir sind verpfiffen worden.“
„Anders kann es gar nicht sein“, bestätigte der zweite Verteiler. „Vielleicht ist unsere Bibliothekarin eine Doppelagentin. Wir sollten jedenfalls unverzüglich verschwinden, ich fühle mich hier einfach nicht sicher. Sollten wir entdeckt werden, dann flüchtet jeder in eine andere Richtung, klar?“
Vorsichtig lugten er und Kurt durch den Türspalt ins Freie. Das Gewitter schien jeden Augenblick loszubrechen. Niemand zu sehen ...
Nach kurzer Beratung verließen die Drei die Bibliothek dennoch durch den Hinterausgang. Ein Stück weiter kamen sie an einer Bushaltestelle vorbei, an der Agnes frohen Herzens ihre letzten Prospekte hinterließ. Ihre zwei Begleiter waren schon vor ihrem Zusammentreffen in der Bibliothek alle Exemplare losgeworden. Nun konnte sie sich umgehend nach Hause begeben.
Plötzlich fuhr ein Polizeihilfsroboter mit aufgeblendetem Scheinwerfer in vollem Tempo um die Ecke. Der erste Blitz zuckte durch die Nacht und machte zwei Polizisten, die unmittelbar hinter dem Roboter liefen, für einen kurzen Moment sichtbar.
Kurts Freund rief: „Schnell weg! Hasso nach links, ich nach rückwärts, du nach rechts!“ Und schon stieben die Drei auseinander, jeder in eine andere Richtung. Der Roboter folgte dem Verteiler, der rückwärts in Richtung Dessino entkommen wollte. In diesem Moment setzte wolkenbruchartiger Regen ein und dämpfte das harte Knallen der Schüsse, die Agnes hinter sich hörte. Binnen Sekunden lief Agnes zwischen rasch anwachsenden Pfützen.
Agnes hetzte durch die Straßen, bis sie den Wohnsilo Erikas erkennen konnte. Wenig später lief sie schwitzend, mit pfeifender Lunge an Kurts Haus vorbei. Das war gut, denn es bedeutete, dass sie sich bereits in der Nähe des Café Hermes befand. Dort wartete sie eine halbe Stunde im Schutze einer Zeltplane, die sie zwischen zwei Müllcontainern fand und beobachtete, ob man ihr gefolgt war. Langsam hörte es zu regnen auf, das Gewitter hatte sich verzogen. Nur mehr gelegentliches Wetterleuchten war am Horizont zu sehen.
In den bangen Minuten, in denen sie total durchnässt im nächtlichen Freien stand und abwartete, ob sie noch verfolgt wurde, kam Agnes zu Bewusstsein, wie knapp sie heute davongekommen war. War es das wirklich wert? Hatte sie nicht soeben ihr Leben auf das Spiel gesetzt? Und das alles für ein paar Prospekte! Oder etwa für die Sache, was immer das bedeuten mochte?
Hundsmiserabel fühlten sich diese Gedanken an. Schwer wie verdorbener Fisch lagen sie Agnes im Bauch und verbreiteten von dort aus Angst.
Nun wurde ihr klar, eines Tages würde sie eine Entscheidung treffen müssen, wohin sie wirklich gehörte, ins Nord- oder Südviertel, eine Grundsatzentscheidung, vor der sie innerlich noch immer davonlief. Sie fürchtete sich ein wenig vor diesem Moment. Doch heute Nacht fühlte sie, noch war dieser alles entscheidende Augenblick nicht da ...
Total durchnässt kam Agnes gegen drei Uhr in ihrem Zimmer an. Sie freute sich, dass ihr Abenteuer für sie letzten Endes glimpflich ausgegangen war. Ob das auch für Kurt und den anderen Verteiler zutraf, konnte sie nicht beurteilen. Doch wirklich erfolgreich fühlte sich Agnes nicht. Sicher, es war keine großartige oder gar spektakuläre Aktion gewesen, aber immerhin ein Anfang, so tröstete sie sich. Nächstes Mal, mit ein bisschen mehr Übung, würde es bestimmt besser klappen. Schnell unter die Dusche und ab ins Bett.
Am folgenden Tag stand Agnes unausgeschlafen aber tapfer am Stand und bediente die Kundschaft so gut es ging. Über die öffentliche Enko wurde gegen Mittag die Meldung gebracht, ein linksliberaler Aktivist sei in der vorangegangenen Nacht erschossen und anschließend seine Leiche in den Dessino geworfen worden. Sein Kumpan, der auf den Namen „Hasso“ höre, sei dringend der Tat verdächtig. Also solle man alles Auffällige melden, es winke eine satte Belohnung für den zum Erfolg führenden Hinweis, sowie eine drakonische Strafe, sollten Informationen zurückgehalten werden.
Tief betroffen sah Agnes das dreidimensionale Porträt des Verteilers, den sie vergangene Nacht zusammen mit Kurt getroffen hatte. Gestern um dieselbe Zeit war dieser Mensch noch am Leben gewesen. Wenige Stunden später war er um sein Leben gelaufen - umsonst. Gegen das Maschinenmonster ihrer eigenen Familie hatte er verloren. Dabei hätte es genausogut sie selbst erwischen können. Wenn er in ihre Richtung gerannt wäre, sie in die seine oder sonst irgendeine Kleinigkeit anders gelaufen wäre. Und schon war er wieder da, der verdorbene Fisch im Bauch ...
Paul riss Agnes aus ihren Gedanken, indem er wissen wollte: „Sagt dir die Geschichte etwas? Ich meine, immerhin warst du heute Nacht zum ersten Mal verteilen, hahaha haaatschiii!!! ...“
Nein, der Thymian und der Lavendel im Badewasser gestern Abend waren zu wenig gewesen, um Pauls Beschwerden substanziell zu lindern.
„Sei mir nicht böse Paul, aber ich fühle mich außerstande, darüber zu reden. Noch“, winkte Agnes ab, während sie ihm ein Taschentuch reichte. Ihr Chef akzeptierte und insistierte nicht weiter.
Kaum war die heutige Tageslosung gezählt und kontrolliert, sagte Paul zu Agnes: „Da du nun sozusagen in un­seren Kreis eingeweiht bist, benötigst du auch Papiere. Du weißt schon, die Identitäts­karte. Nur keine Angst, wir haben Methoden, diese zu fäl­schen. Eine vorge­täuschte Identität ist immer noch besser als keine. Wenn du eine Identitätskarte hast, haben Polizei und Geheimdienst im Falle des Falles wenigstens noch das Gefühl, so etwas wie die Form wahren zu müssen. Ohne Identität bist du ihnen hilflos ausgeliefert. Und was das bei einer jungen, hübschen Frau, wie du es bist, bedeuten kann, muss ich dir wohl nicht erst umständlich erklären. Also komm!“
Und schon nahm Paul Agnes mit zum Bahnhof. Dort stand in einer rückwärtigen Ecke der Wartehalle eine der altmodischen Kabinen, in der man Porträtfotos schießen konnte. Nach au­ßen hin durch einen schwarzen Samtvorhang von der übrigen Halle abgeschirmt, be­fand sich der Schlitz zur Ausgabe der Fotos an der äußeren Wand, direkt neben dem Ein­gang zur Kabine.
„Mach doch mal ein Foto von dir. In der Zwischenzeit besuche ich die Pinkelbude“, sagte Paul, drückte Agnes ein paar Münzen in die Hand und war im nächsten Augenblick verschwunden.
Agnes frisierte sich noch ein wenig mithilfe des Spiegels, der in Kopfhöhe neben dem Eingang montiert war. Dann setzte sie sich in die Kabine, rückte ihren Stuhl zurecht und drückte den Auslöser. Nachdem der Apparat vier Fotos in Abständen von fünf Sekunden von ihr geschossen hatte, wartete sie neben dem Ausgang auf die Ausgabe der Fotos. Als sie diese in Händen hielt, stockte ihr der Atem. Auf den Abbildungen trug sie wieder langes blon­des Haar und blaue Augen, ihr altes Gesicht! Schnell ein Blick in den Spiegel – tatsäch­lich, Agnes hatte ihr früheres Aussehen zurück! Der Bann war gebrochen, der Fluch aufgehoben, der Traum zu Ende oder was auch immer ...
Als Paul von der Toilette im Untergeschoss zurückkam, war seine Verkäuferin weg. Statt dessen fand er einen Zettel auf dem Boden liegen: „Ich erwarte meine Aktien. Prinzessin Agnes.“
Aha, aber wo war Agnes, seine Agnes? Nirgends zu sehen. Nach fünf Minuten War­ten suchte Paul überall, vergeblich. Also kehrte er nach Hause zurück. Vielleicht hatte ja irgendetwas Agnes bewogen, vorzeitig zurückzukehren. Aber nein, Agnes' Zimmer war leer, auf dem Bett räkelte sich Dorothea, im ganzen Haus kein Mensch ... Paul setzte sich auf ihr liebevoll gemachtes Bett zu seiner Katze und überlegte. Sei­ne Hand glitt über das Leintuch. Es schien ihm, als hätte es noch etwas von der Wärme ih­res Körpers gespeichert.
Plötzlich stellte Paul fest, dass er Angst um Agnes hatte. Er hatte sie alleine gelas­sen. Was, wenn ihr in diesen wenigen Minuten etwas zugestoßen wäre? Sicher, eine erwachsene Frau muss man alleine lassen können, man kann sie ja wohl nicht mit in die Pinkelbude nehmen, nur damit ihr währenddessen nichts passiert!
Aber es half alles nichts, Agnes war weg und je mehr die Zeit verstrich, desto mehr machte sich Paul dafür verantwortlich. Sie war verschwunden und er hatte ihr nicht ein­mal gesagt, was er für sie empfand. Es war deutlich mehr als nur Achtung, Respekt und Kameradschaftlichkeit. Ohne Frage war sie sein bester Kumpel gewesen, aber es war eben mehr als nur das. Vielleicht hätte er doch die Gelegenheit zu Weihnachten ergrei­fen sollen. Aber er hatte befürchtet, sie hätte der Meinung sein können, er würde seine Position ausnützen. Außerdem, ein Verhältnis zwischen Chef und Angestellter ist an sich schon problematisch, sagt doch jeder, also lieber nicht usw., usf. ...
Träge verrannen die Stunden. Zur Polizei gehen und melden, dass eine Frau abgän­gig ist, die keine Identität hat? Von der er nicht einmal den Nachnamen wusste? Un­möglich, außerdem hätte man ihm Schwierigkeiten gemacht. Als er zufällig einen Blick in den Spiegel warf, stellte er fest, dass ihm eine Träne die linke Wange hinunterlief.
„So hart bist du also doch nicht“, sagte er zu seinem Spiegelbild, indem er bitter auf­lachte.


Die Runde der Konspiranten in ihrer Höhle zeigte sich bei der nächsten Versammlung ganz be­troffen. Zwei Leiter der Ausbildungszentren hatten soeben ihre Berichte abgegeben. Der militante Flügel der Bewegung erfreute sich regen Zulaufes und die Ausbildung der Neulinge verlief nach Plan. Ein achtzehntes Zentrum hatte man vor drei Tagen in einer alten Chemiefabrik eröffnet. Es sollte den vielen Neulingen aus den östlichen Umlandgemeinden künftig als Ausbildungsstätte dienen.
Die Leiter wunderten sich, wie kommentarlos ihre Berichte zur Kenntnis genommen wurden. Bisher hatte man es mit großer Freude gehört, wenn die wichtigsten Projekte planmäßig durchgezogen werden konnten. Heute nickte kaum einer beifällig. Jeder schien gelinde gesagt geistig abwesend zu sein.
Mitten in die aufkommende Stille hinein meinte Eddie mit deutlichen Anzeichen von Bedauern: „Ich habe sie gern gemocht“. Verstohlen wischte er sich mit dem rechten Hand-rücken über die Augen. Er, der hartgesottene Veteran aus dem Krieg!
„Wer nicht?“, sagte auch Claudia, die sich als Strategin in der Runde veranlasst sah, das Vorkommnis in einen höheren Zusammenhang zu stellen. „Aller­dings muss ich euch auf etwas hinweisen, das ihr vielleicht nicht gerne hört. Und selbst auf die Gefahr hin, dass ich mich unbeliebt mache, muss ich euch sagen, wir sollten die Möglichkeit einkalkulieren, dass Agnes in Wirklichkeit für die andere Seite gearbeitet hat.“
„Das glaube ich nicht!“, rief Erika ganz empört.
Da erwiderte Paul: „Streng genommen hat Claudia natürlich recht. Ich bin auch froh, dass du, Claudia, hier die undankbare Rolle übernimmst, diese Bedenken auszuspre­chen. Allerdings, wenn du gesehen hättest, wie es Agnes vor allem in der ersten Zeit bei mir ergangen ist! Am zweiten Tag blieb sie mit dem Stöckel ihres rechten Schuhes zwischen den Brettern hängen. Während sie versuchte sich zu befreien, brach er ab. Agnes war fassungslos, sie schämte sich, sie war den Tränen nahe, aber sie riss sich zu­sammen. Agnes zog beide Schuhe aus und bediente für den Rest des Tages barfuß. Geschützt durch den Vorbau meines Standes sah es ohnehin keiner. Ehrlich war sie in ihrem Schmerz und nicht wehleidig oder zimperlich.“
„Und was willst du uns damit sagen?“ fragte die Strategin stirnrunzelnd.
„Egal, wo immer Agnes jetzt ist und was sie dort treibt, sie wird uns keine Schande machen. Jeder von uns könnte dabei sein und wäre garantiert erfreut. Sie hat das Herz am rechten Fleck und sie tut ganz sicher nichts, was uns schaden könnte. Das ist meine uner­schütterliche Überzeugung, Freunde.“
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Ich schreibe, also bin ich.
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BeitragVerfasst am: 12.02.2008, 09:12    Titel: Ein Hund tritt in den Saal 2. Kapitel / 8. Teil Antworten mit Zitat

Weil Agnes in der Tat nicht mehr auftauchte, betreute Paul wieder alleine seinen Stand auf dem Markt. In Gedanken ging er seine Lage durch. Er hatte ausrei­chend Ware im Lager, sein Stand war zum Bersten voll, er würde es geraume Zeit aus­halten können, bis er wieder neue Ware ankaufen musste. Bis dahin sollte er allerdings wieder eine Verkaufskraft gefunden haben.
Schon der zweite Kunde des Vormittags fragte Paul: „Wo ist denn heute die junge Frau, die sonst immer da ist? Ist sie krank?“
„Nein.“
„Urlaub?“
„Nein.“ Was ging das den Kerl an, verdammt noch mal? Dass manche Kunden glaubten, sie dürften indiskrete Fragen stellen, nur weil sie gelegentlich etwas einkauften und dabei mit der Verkäuferin schäkerten.
„Aha, sozusagen vom Erdboden verschluckt“, meinte der Mann über Pauls Einsilbigkeit spöttelnd und entfern­te sich.
„Ja, so könnte man es nennen“, erwiderte Paul etwas unwirsch. Wirklich misslaunig zu seinen Kunden zu sein, konnte er sich nicht leisten.
Unerquicklich verging der Tag. Der Geschäftsgang war mäßig, der Hamburger zur Mittagszeit schmeckte nicht, später regnete es fast zwei Stunden. Und diese Langewei­le! ... Gelegentlich wurde Paul auf Agnes angesprochen, die offenbar überall vermisst wurde. War denn mit ihm keiner mehr zufrieden? Sicher, mit einer feschen, jungen Frau zu konkurrieren war für Paul eine undankbare Aufgabe, aber wie sehr Agnes auf dem Markt verankert war, ging ihm erst jetzt auf. Sie hatte doch in der Tat ihr eigenes Klien­tel aufgebaut.
Kurz vor Marktschluss kam ein eigenartiger Mann an Pauls Stand vorbei. Der Schat­ten, den sein Hut warf, verdeckte viel von seinem Gesicht. Paul hörte ihn mit offenbar ver­stellter Stimme sagen: „Das Edikt aus der alten Legende. Machen Sie bekannt, dass Ilak-Gathus Erlass wieder da ist. Aber Achtung! Die Rolle mit dem Schriftstück darf erst geöffnet werden, wenn Sie vor dem König ste­hen.“
Damit drückte er Paul eine unscheinbare, aber offensichtlich sehr alte Rolle aus dun­kelbraunem, abgegriffenem Leder in die Hand. Paul wog das Ding in seiner Hand, be­fühlte seine Ober­fläche und sah es sich genauer an. Was mochte das wohl in Wahrheit sein? Es war keineswegs ungewöhnlich, dass ihm jemand wertlosen Plunder teuer verkaufen wollte, nur weil der Gegenstand antiquiert aussah. Aber das würde er ja beim Preis se­hen, den der seltsame Mann ver­langen würde.
„Und wie viel möch...“ ten Sie dafür, wollte Paul sagen. Aber der Mann war weg. Paul beugte sich nach vor, er blickte links, er blickte rechts – keine Spur von dem mysteriösen Fremden. Als er darüber nachdachte, was er von der Sache halten sollte, kam ihm eine Idee ... Er griff zum Handy.
„Kalchner.“
„Wayden. Kannst du für mich eine anonyme Botschaft in Umlauf bringen?“
„Gewiss.“
Am nächsten Morgen erschien in den Medien die Meldung, Ilak-Gathus Edikt aus der alten Le­gende sei wieder aufgetaucht. Es befinde sich an einem höchst geheimen Ort in Sicherheit ...


Der König schreckte hinter seinem Schreibtisch empor. Das war doch nicht mög­lich!
„Papa!“
„Tochter!“
Ehe es sich der König versah, hatte er seine Tochter schon umarmt. Wie seltsam war Agnes zumute. Wie sehr fühlte sie sich angenommen ... Sie spürte, wie sie heilte. Wie gerne erwiderte sie die Umarmung ihres Vaters! Der König fühlte ihm Liebe entge­genströmen. Das war etwas ganz anderes als mit seiner Frau, es war die Liebe einer Tochter zum Vater und eines Vaters zu seiner Tochter, zwei Wesen, die sozusagen am gleichen Leben teilhatten. Seine Kinder sind die wahre Freude eines Mannes, schoss es dem König durch den Kopf.
Dann saß Prinzessin Agnes ihrem Vater gegenüber. Sicher, sie freute sich, ihre Iden­tität wieder zurückzuhaben, aber es war nicht mehr dasselbe Leben und würde es nie mehr sein. Wie würde sie das ihrem Papa beibringen, ohne ihn vor den Kopf zu stoßen? Versonnen nippte sie an ihrem Schwarztee. Irgendwie hatte der im Hermes mindestens genauso gut geschmeckt.
Mühsam hatte der König seine Fassung wieder zurückgewonnen. Nun stellten sich interessanterweise Zweifel ein. Diese junge Frau ihm gegenüber war anders, irgendwie nicht mehr diesel­be Tochter, die er in Erinnerung hatte. Der Sache musste er unbedingt auf den Grund ge­hen.
Er ließ Gebäck servieren und wartete ab, bis der Diener gegangen war. Dann sagte er: „Nun, Agnes, alle medizinischen Untersuchungen bis hin zum DNS-Test haben zwei­felsfrei gezeigt, dass du tatsächlich meine Tochter bist. Ich bin froh, dass ich dich wie­der habe, obwohl mir mein Gefühl sagt, dass du irgendwie nicht mehr dieselbe bist. Wenn ich nur wüsste, was sich verändert hat.“
Spitzbübisch lächelte ihn seine Tochter an: „Ich zahle jetzt meinen Cappuccino selbst.“
„Um ehrlich zu sein, tue ich mir schwer zu glauben, dass du dich an nichts mehr erin­nern kannst, aber möglicherweise kommt es darauf letzten Endes gar nicht an. Ich ver­traue dir, Tochter, dass du mir keine Schande gemacht hast, wo immer du warst und was du dort getrieben hast.“
Sachte fasste Agnes ihren Vater bei den Händen und flüsterte: „Sieh mir ganz fest in die Augen und dann höre in dich hinein. Bin ich deine Tochter oder bin ich es nicht?“
Da waren sie wieder, das Lächeln, die Natürlichkeit, die Anmut, die Erinnerungen und tief in ihm drinnen sagte eine Stimme: Das ist deine Tochter! Im nächsten Augenblick hatte er sie auch schon umarmt, so schnell, dass er es selbst gar nicht richtig mitbe­kommen hatte.
„Agnes ..., Freude meiner Seele“, flüsterte er unter Tränen in ihr linkes Ohr. „Du tust so gut.“
Ein harsches Klopfen an der Türe unterbrach jäh die Wiedersehensfreude. Der Zere­monienmeister trat herein und überbrachte Agnes auf einem gol­denen Teller eine schriftliche Nachricht. Aufmerksam las Agnes: „Ihre Aktien, Prinzes­sin. Mor­gen 10.00 Uhr, Café Hermes. Paul.“
„Entschuldige mich, Papa. Ich habe so einiges zu erledigen.“
Damit zog sich Agnes in ihre Gemächer zurück. Unverzüglich wollte sie sich auf den Balkon begeben. Nach ziemlich genau einem Jahr kam sie nun wieder an dem ominösen Spiegel vorbei, der goldverziert die Gangmauer zur Veranda schmückte. Im Vorbeigehen nahm sie wahr, dass der Spiegel wieder das Gesicht zeigte, das sie im Nordviertel gehabt hatte. Oh nein, das konnte doch nicht wahr sein ...?? Aber ein entsetzter Blick in den Spiegel offenbarte ihr gnadenlos das kurze, schwarze Haar im Pagenschnitt, das ihr so bekannt war und die grünen Augen anstelle der hellblauen. Fassungslos griff sich Agnes in die Haare, betastete Nasenrücken und Lippen. Ihr Spiegelbild machte es ge­nau gleich ... Mehr­mals zwickte sie sich in den linken Unterarm, vielleicht würde sie ja aufwachen, aber es war kein Traum ...
Schockiert nahm sie auf dem nächsten Stuhl Platz und atmete ein paar Mal tief durch. Du musst ganz nüchtern überlegen, sagte sie sich. Schnell in das Bad und einen Blick in den dortigen Spiegel! Welche Erleichterung, sie hatte ihr normales Gesicht. Und jetzt zurück zum Gangspiegel. Er zeigte ihr altes. Da stimmte doch etwas nicht. Der Reihe nach überprüfte Agnes ihr Aussehen in allen Spiegeln bzw. spiegelnden Flä­chen, die sie in ihren Gemächern auftreiben konnte. Überall wurde ihr normales Ge­sicht reflektiert, nur der Gangspiegel zeigte hartnäckig ihr altes.
Gut, sagte sich Agnes achselzuckend. Dann sei es eben so. Es würde sie also der Gangspiegel stets daran erinnern, wo sie einmal war und was sie dort erlebt hatte. Diese Agnes war ja nicht verschwunden, sondern würde so lange leben, solange es die Königstochter gab. Abge­sehen davon waren ihr anderes Gesicht und die damit ver­bundene Geschichte ein Teil ihrer Identität geworden, den sie ohnedies nicht mehr vermissen wollte.
Ach ja, was war sie doch gerade im Begriff gewesen zu tun? Natürlich, der Bal­kon! In der Tat fand sie dort nach wenigen Minuten Suche unter dem Geländer eine klei­ne, kaum 2 Kubikzentimeter umfassende Kamera. Damit hatte also halb Siddi Lo­han mit­verfolgt, wie sie frühmorgens ihre Popschbacken gelüftet hatte! Wutschnaubend riss sie das Ding aus der Verankerung. Auf zu den Schnüfflern! In den Gängen des Bü­rotraktes hielt sie Ausschau nach den Räumlichkeiten ihres Verwandten, Chef des Geheim­dienstes. Aha, da stand es auch schon: „Andreas von Löwenstein, Präsident des Ermittlungsdienstes“. Spanner, sollte man hinaufschreiben, mieser, kleiner, geldgie­riger Spanner.
Ohne zu klopfen warf sie die Tür auf. Von Löwenstein schnellte von seinem Schreibtisch hoch, an dem er gerade in den Bildschirm gesehen hatte. Das Foto mit der umwerfenden nackten Blondine und den gespreizten Beinen konnte Agnes zum Glück nicht sehen.
„Oh, hallo Agnes, ich habe schon gehört, du bist wieder da. Welche Freude!“
„Spar dir das Gesülze, Andreas“ fuhr ihn Agnes barsch an. Sie warf ihm demonstrativ die Kamera auf den Schreibtisch. Binnen Sekundenbruchteile schoss von Löwenstein die Röte ins Gesicht.
„Aber, aber, Agnes, ich verstehe nicht ...“, stammelte er, vollkommen überrascht.
„Oh doch, du verstehst gut. Und ich auch. Nie mehr wieder, geht das in dein Hirn? Nie mehr wieder!“ Damit deutete sie mit dem rechten Zeigefinger auf die Kame­ra wie ein Inquisitor auf eine überführte Hexe. Ohne eine Antwort abzuwarten, warf sie die Tür hinter sich zu.
Zurück in ihren Gemächern nahm sie auf einem Sofa Platz und diktierte: „Computer, leg eine neue Datei an: Die Liste der Erkenntnisse der Prinzessin Agnes im Nordviertel ...“
Nachdem sie damit fertig war, hatte Agnes Zerstreuung dringend nötig. Also warf sie die Enko an. Auf einem der Sender wurde gerade ein Bericht über die sieben Brücken Siddi Lohans gezeigt. Als die Kamera über eine Gruppe von Bettlern schwenk­te, drängte sich Agnes der Gedanke auf, helfen zu wollen. Da fror das Bild ein. Es zeig­te in der Mitte eine junge Frau mit kurzem, schwarzem Haar, eine wei­ße Porzellanscha­le in der Hand. Die Frau kam Agnes so bekannt vor, die Schale auch. Wie hypnotisiert betrachtete Agnes diese Bettlerin. Wenn sie dieser armen Per­son nur helfen könnte! Ein freundlicher Blick, ein Lächeln vielleicht? Egal, wer die Be­treffende war und auch Agnes wollte nicht erkannt werden. Mit jeder Faser ihres Kör­pers ver­spürte Agnes den Wunsch, dieser Frau zu helfen. Wie in Zeitlupe beugte sie sich zu der Bedauernswer­ten hinunter, ergriff ihre Hand und brachte sie zu Bett. Dabei legte sie ihre Rechte auf die Augen der jungen Frau und schloss diese damit. Sie fühlte, wie Trä­nen ihre Hand­flächen benetzten. Dann war sie eingeschlafen.


Im Königsschloss hatte der König zu einer strategischen Besprechung geladen. Immerhin war nach langer Zeit die Familie wieder vollzählig. Wie immer durfte Sabine nicht teilnehmen, da sie lediglich in die Familie eingeheiratet hatte. Irgendwie kam die Rede auf die neuesten volkswirtschaftlichen Zahlen.
Nachdem diese durch den Zeremonienmeister verlesen worden waren, seufzte Georg III. sorgenvoll: „Die Außenhandelsbilanz ist leider wieder einmal negativ. Wir haben ein Minus von 0,9 %. Das ist schon das vierte Jahr hintereinander, in dem die Bilanz rückläufig ist. Als Folge davon schrumpft das Wirtschaftswachstum. Ein oder zwei Jahre können wir locker verkraften, aber das scheint sich zum Dauerzustand auszuwachsen. Was sollen wir nur tun?“
„Ist denn das schlecht, wenn das Dingsda schrumpft?“, wollte die Großmutter wissen. Infolge einer Tasse Kaffe zum Frühstück mehr als üblich war sie hellwach. Echte Besorgnis zeichnete so etwas Ähnliches wie einen Schmollmund in ihr Gesicht.
Agnes meldete sich zu Wort: „Ja, Großmutter. Dazu hätte ich einige Vorschläge. Erstens: Unsere Wirtschaft muss sich mehr spezia­lisieren. Das dient der prägnanten, unverwechselbaren Positionierung unserer Volks­wirtschaft auf dem Ein­heitsbrei des Welthandelsmarktes. Zweitens: Das Geheimnis des kaufmännischen Er­folges liegt im Einkauf. Wir müssen danach trachten, in Ländern einzukaufen, in denen billiger produ­ziert wird. Und drittens: Branchenübergreifende Ge­schäftsaktivitäten er­schließen neue Märkte und damit neue Umsatzquellen.“
Da wurde die erlauchte Runde hellhörig. Sofort wurde in das Protokoll aufgenommen, man solle die Vorschläge einer Arbeitsgruppe zur weiteren Überprüfung weiterleiten. Und weiter ging es mit den revolutionären Ideen der Königstochter: „Wenn ihr schon dabei seid, dann setzt auch eine Arbeitsgruppe ein, die unerschlossene Ressourcen ausfindig machen soll, damit sie volkswirtschaftlich genutzt werden können. Abgase, Müll, Schrott, irgendetwas halt.“
„Wozu?“ wollte Otto von Löwenstein wissen.
„Stroh zu Gold, mein Lieber, Stroh zu Gold.“
Das verstand der General zwar nicht, aber auch diese Anregung wurde formvollendet zu Protokoll gegeben. Georg von Löwenstein fühlte, wie stolz er auf seine Tochter war.
Anschließend behandelte der König den nächsten Punkt, der ihm am meisten am Herzen lag: „Die Linkslibe­ralen wachsen sich langsam zu einer Plage aus. Immer mehr wird der Ruf nach „so­zialer Gerechtigkeit“ laut, was im­mer das heißen mag. Fest steht, dass sich die Bewegung eines Zulaufes erfreut, die uns nachdenk­lich stimmen muss. Eine richtige Massenbewegung ist daraus geworden.
Wie in der Zwischenzeit offen­kundig geworden ist, hat mein Verbot der Bewegung leider rein gar nichts genützt. Und von wegen „Linksdemokraten“. Auch für mich sind das immer noch dieselben Leute. An diesen lausigen Etikettenschwindel habe ich mich nie gewöhnt. Daher werde ich künftig aus alter, lieber Gewohnheit wieder von den Linksliberalen reden.
Wir alle kennen das Pro­gramm dieser Fanatiker, ich brauche es nicht zu wiederho­len. Seine Ver­wirklichung würde das Ende un­serer Gesellschaft in der bisheri­gen Form bedeuten. Die Frage ist, wie wir auf Dauer dieser Gefahr begegnen können, denn ir­gendwann müssen wir das. Hat jemand Vorschläge?“
Betroffene Gesichter allenthalben. Heinrich sagte: „Ja, diese Mistkerle gehen mir auch schon lange auf den Geist. Immer wieder taucht Propagandamaterial auf, in denen die Leute aufgehetzt werden. Es müsste doch möglich sein ausfindig zu machen, wo diese Machwerke gedruckt worden sind. Dann sprengen wir die Druckerei in die Luft. Wäre doch schon einmal ein Anfang, nicht? Ich meine, alles ist besser, als nichts zu tun.“
Andreas entgegnete Heinrich im Namen des Geheimdienstes: „Die Druckerei kennen wir schon lange. Sie zu vernichten wäre möglicherweise lustig oder publikumswirksam, sicher aber nicht effizient. Davon abgesehen ist es eines unserer eigenen Tochterunternehmen. Im Nu würde sich eine andere Werkstätte finden, in der ein paar Angestellte zu nächtlicher Zeit im Rücken der Firmenleitung Propagandamaterial herstellen. Und bis wir diese wieder ausfindig gemacht haben und – vor allem – die Belegschaft mit unseren Leuten infiltriert oder bestochen ist, vergeht wertvolle Zeit. Ihr wisst es vielleicht nicht, aber wir haben unsere Spitzel überall, bis hin zur Angestellten der Pfarrbibliothek Kaiserkirche. Es war nicht einfach, dieses Netz aufzubauen. Vor allem hat es viel Geld gekostet.
Nein, nein, so haben wir die Lage wesentlich besser unter Kontrolle. Schließlich kennen wir jeden Prospekt der Linksliberalen, bevor dieser auch nur ein einziges Mal verteilt wurde.“
Da meinte der General, Bruder des Königs: „Da­bei ist das nur der zivile Flügel der Bewegung. Wir wissen aus zuverlässigen Berichten des militärischen Ermittlungsdiens­tes, dass es auch einen militanten gibt. Das ist ein Haufen gewalt­bereiter Fanatiker, die der Meinung sind, der Konflikt ließe sich über kurz oder lang oh­nehin nur militärisch lö­sen. Im Untergrund werden ungeniert Leute rekrutiert, ausgebil­det und bewaffnet, alles so halbstarke Typen. Wir wissen nur noch nicht, wie viele es schon sind. Es sind jedenfalls zehntausende Sympathisanten. Ich warne euch ausdrücklich, den Fanatismus dieser Leute zu unterschätzen.“
Die Betroffenheit in den Gesichtern wuchs sich zur Bestürzung aus. Otto von Löwenstein weidete sich an den Reaktionen, war er doch der Meinung, dass nur sein Plan wirksam aus der Misere helfen konnte. Das würde seinen Einfluss stärken.
Eilends rief die Königin: „Ich habe eine Idee. Wir durchforsten unsere Kleiderschränke und Gemächer nach Dingen, die wir nicht mehr brauchen und verschenken sie oder versteigern sie zugunsten irgendwelcher Armen. Damit jeder sieht, wie großzügig wir sind. Hat da nicht vorhin jemand etwas von Stroh zu Gold gesagt? Das wird die Leute beruhigen.“
Agnes erwiderte ihrer Mutter: „Geschenke machen ist keine Lösung. Das macht die Welt um keinen Deut besser. Es verschleiert nur die Ursachen und das eigentliche Wesen des Problems.“
Du meine Güte, war das Töchterchen aber innerhalb eines Jahres neunmalklug geworden! Imagehalber probierte es die Königin weiterhin mit Argumenten: „Na gut, dann sollten wir sofort verhandeln. Vielleicht, wenn wir da oder dort einen unbedeutenden Kompromiss machen, lässt es sich möglicherweise vermei­den, dass der Kon­flikt eskaliert. Das Volk freut sich ja über alles, was man ihm zuge­steht.“
„Gib ihnen den kleinen Finger und sie wollen die ganze Hand“, warf Heinrich, der Königs­sohn, Agnes' Bruder ein. Er hatte für die Linksliberalen nur unverhohlene Ver­achtung übrig.
Der General war da ganz Heinrichs Meinung: „Oh ja, das meine ich auch. Um das Übel im Keim zu ersticken, ist es bereits zu spät. Es tut mir wirklich Leid, wenn ich das in dieser Deutlichkeit sagen muss. Ich wünschte auch, wir hätten noch die Chance, die Leute mit ein paar Ver­handlungen zur Vernunft zu bringen. Aber ich habe einen Plan“, ergänzte Otto von Löwenstein und ergötzte sich an der gespannten Aufmerksamkeit, die ihm umgehend zu­teil wurde.
„Da es leider zu spät ist, die Bewegung mit friedlichen Mit­teln zu unterbin­den, müssen wir es mit mehr oder weniger militärischen tun. Ich schlage vor, wir spie­len den Linksliberalen veraltetes Kriegsmaterial zu und wenn sie sich stark ge­nug füh­len, provozieren wir eine militäri­sche Auseinandersetzung. Natürlich in der Wüs­te drau­ßen, damit die Stadt und die Bevölkerung verschont bleiben. Ich versichere euch, das wird das Problem mit unseren widerspenstigen Untertanen ein für alle Mal lösen.“
„Huch, ein Bürgerkrieg?“ fragte da die Großmutter entsetzt, während ihr die Lese­brille ins Dekolleté hinunterfiel, wo sie auf Nimmerwiedersehen in der bodenlosen Schlucht zwischen ihren Brüsten verschwand.
Da fragte der General zurück: „Hat vielleicht jemand einen anderen Plan?“
Mit großen Augen hatte Agnes bisher zu diesem Besprechungspunkt ausschließlich zugehört. Jetzt aber meldete sie sich zu Wort: „Haben wir wenigstens einmal überlegt, ob diese Leute wirklich so Un­recht haben?“
„Nein, wozu?“, „Die sollen doch Ruhe geben“, „Neid, nichts wie neidisch sind sie“, so und ähnlich tönte es von allen Seiten.
Doch Agnes ließ nicht locker: „Also wenn uns einer vorurteilsfrei zuhört, muss er glauben, wir seien an nichts ande­rem interessiert, als unsere althergebrachten Privilegien zu verteidigen.“
„Sicher“, warf Heinrich ein. „Aber das Schlechte ist nicht, dass wir unsere wohl erwor­benen Rechte verteidigen wollen, sondern, dass wir dies tun müssen, Agnes, mein teu­res Schwesterchen.“
Und ihre Mutter ergänzte noch: „Die Pflichten nimmt uns ja auch keiner ab!“
Mit Argumenten war da nicht mehr viel zu machen. Als Agnes das eingesehen hatte, enthielt sie sich der weiteren Diskussion. Da wurde sie sehr nachdenklich ...
Kaum hatten sich die Gemüter wieder beruhigt, war General von Löwenstein erneut an der Reihe: „Nach diesem wirklich unnötigen Zwischenspiel sind wir wieder da, wo ich vorhin aufgehört habe. Und ich frage euch noch einmal: Hat jemand wenigstens an­satzweise so etwas wie eine Alternative?“
Getuschel allenthalben, aber es meldete sich keiner zu Wort. War ja nicht anders zu erwarten. Meckern kann bald jemand, aber einen konstruktiven Vorschlag machen, so wie er, der General, ...? Na also!
Der General merkte, dass sich die allgemeine Stimmung zugunsten seines Planes wandelte und legte ein Argument nach: „Es heißt nicht umsonst: Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Das soll heißen, wenn es nicht anders geht, darf man sich vor einer bewaffneten Auseinan­dersetzung nicht drücken. Das wäre fahrlässig.“
Wieder meldete sich der König: „Ein Bürgerkrieg kommt nicht in Frage. Ein Krieg ist allemal ein riskantes Unternehmen, verschlingt Unmengen an Geld und gefährdet die internationale Reputation. Für derart bedrohlich halte ich die Lage nicht, dass wir die Armee ins Spiel bringen müssen.
Wir machen Schluss für heute. Mit dir Otto, muss ich mich noch unter vier Augen unterhalten.“
Als die anderen gegangen waren, sagte Georg III. zum General: „Bereite alles für eine militärische Auseinandersetzung vor. Aber so unauffällig wie möglich. Ich möchte einen Joker in der Hinterhand haben und das Überraschungsmoment auf meiner Seite, sollten die Ereignisse unkontrollierbar werden. Zu niemandem ein Wort, hast du verstanden!? Auch nicht gegenüber unserer Familie. Wenn das die Großmutter erfährt, können wir es gleich über die Enko verlautbaren lassen.“
Außerdem wollte er sich eine derart weit reichende Entscheidung unbedingt persönlich vorbehalten, damit seine Autorität nicht über Gebühr in Frage gestellt würde. Otto lächelte verständnisvoll. Des Königs Anordnungen waren ganz nach seinem Geschmack ...
Zehn Minuten später. Otto von Löwenstein machte es sich in seinem Büro gemütlich, schlürf­te in alter Gewohnheit eine Porzellantasse magen­schonenden, entkoffeinierten Kaffee und telefonierte dabei: „Hallo! ... Ja, ich bin es. Mit Mühe und Not konnte ich wenigstens den Kö­nig davon überzeugen, einen Militärschlag zu überlegen ... Sicher, das meine ich auch. Vor allem konnte ja keiner einen ver­nünftigen Ge­genvorschlag bringen. Du weißt schon, das übliche seichte Ge­wäsch vom Ver­handeln und so, na, das hatte ich bald vom Tisch ...“
So nebenbei zündete er sich eine Zigarette an. Tief sog er den Rauch ein. Als er an­schließend ausatmete, stach eine dreißig Zentimeter lange, fingerdicke Lanze aus Rauch über den Schreibtisch in Richtung Zimmermitte.
„Wie gut, dass wir den Linksliberalen vor fast einem Jahr die ausgemusterten Waf­fen in die Hände gespielt haben. In der Zwischenzeit fühlen sie sich hoffentlich sicher ge­nug an den Gewehren, um mit uns ein Tänzchen zu wagen ... Ich habe meinen Verwandten heute den Vorschlag gemacht, den Linksliberalen Waffen zuzuspielen, und die ahnen nicht einmal, dass das schon lange geschehen ist. Die haben unsere seinerzeitige Fehlinformation, du weißt schon, von wegen Computerfehler, die Dinger wären ordnungsgemäß verschrottet worden, tatsächlich geglaubt. Hahaha ...
Äh, wie? ... Nein, von unserem Schachzug hatte nicht einmal der König gewusst. Was er nicht weiß, macht ihn nicht heiß. Ich denke nicht, dass es ihm recht gewesen wäre. Zumindest damals noch nicht. Also wollte ich sein stolzes Tagesprogramm nicht mit langweiligen Details belasten, die letzten Endes sowieso wieder ich persönlich durchführen hätte müssen ...
Stell dir vor, eigenhändig habe ich diesen linksliberalen Arschlöchern die Ersatz­schlüssel und die Codes für die Türanlagen zugespielt. Ich habe mir sogar überlegt, die Türen offen zu lassen, aber das wäre auch wieder unsportlich gewesen. Außerdem hätten sie möglicherweise eine Falle gewittert, wo wir doch nur behilflich sein wollten, haha ...
Also gut, der langen Rede kurzer Sinn, du gibst morgen unserem Agenten bei den Linksli­beralen die nötigen Instruktionen. Bis zum nächsten Mal.“
Damit beendete der General sein Gespräch. Zufrieden lehnte er sich zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf ... Jaja, seine lieben Verwandten, die Königsfamilie ... Alles Trottel, ein Haufen manipulierbarer Idioten, nur er allein wusste, was wirklich gespielt wurde. Und eventuell Andre­as, aber mit dem war der General sowieso die meiste Zeit einer Meinung. Er liebte es ungemein, wenn ein Plan funktionierte ...
Ein Stockwerk ober ihm ging Agnes sorgenvoll in ihrer Suite auf und ab. Aus ihrem Vorhaben, auf reformerischem Weg die Not der Untertanen zu lindern, ohne deswegen gleich die ganze Gesellschaftsordnung umzuwerfen, würde wohl so geschwind nichts werden. Agnes fühlte, der Tag ihrer Grundsatzentscheidung war nahe, aber sie fürchtete sich davor ...


An diesem Abend besuchte König Georg seine Tochter in ihren Räumen. Agnes war gera­de mit ihren Tai-Chi-Übungen fertig geworden. Heute war sie noch weniger mit dem Tao im Einklang wie sonst. Etwas zutiefst Fundamentales stimmte mit ihrem Leben nicht mehr. Mit einem Handtuch keck über die Schulter geworfen saß sie da in ihrem Trainingsdress von früher und sah ihrem Vater gespannt entgegen. Was würde er ihr zu sagen haben?
Ohne Umschweife kam Papa zum Kern der Sache: „Töchterchen, du ergehst dich neuerdings in absolut subversiven Äußerungen. Wie darf ich denn all das ver­stehen?“
„Ganz einfach. Ich habe eben in vielen Dingen eine andere Meinung als der Rest der Familie. Das will ich nicht verheimlichen. Aber es ist schon merkwürdig. Zwar bist du mir ein liebevoller Vater, aber kaum handelt es sich um deine Untertanen, schert es dich offenbar wenig, wie es den Leuten wirklich geht.
Ich habe grünen Tee aufgestellt. Möchtest du eine Tasse?“
„Ja, gern. Und wegen der Untertanen ... Naja, du musst das Amt des Königs vom Menschen, der es innehat, völlig getrennt sehen. Glaube mir, als Mensch weiß ich, dass die Linksliberalen gar nicht so unrecht haben.
Ich war auch einmal in deinem Alter und habe damals eine Menge Ideale gehabt. Du, Agnes, erinnerst mich sehr an meine Jugend. Weißt du eigentlich, was ich in meinen jungen Jahren alles gelesen habe? Damals gab es noch den Index der verbotenen Bücher. Der ist inzwischen ja überflüssig, weil die marktwirtschaftlichen Gesetze von sich aus alles eliminiert haben, was nicht dem Mainstream entspricht.
Ich weiß nicht, ob du nachempfinden kannst, welche Faszination für mich von Werken ausging, alleine schon, weil sie verboten waren. Kurzum, ich versuchte alles, um an solche Bücher wie Max Stirner „Der Einzige und sein Eigentum“, Henry David Thoreau „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“ und ähnliche zu gelangen. Ja, auch Jack Londons „Die eiserne Ferse“ ist mir noch bestens gegenwärtig und "Haikiki" von irgendeinem Spinner, dessen Name mir entfallen ist.
Auf der Unmenge an offiziellen Datenkristallen, die zu meiner Pflichtlektüre gehörten, gab es nichts annähernd Vergleichbares. Du wirst es nicht glauben, aber ich verschlang diese Bücher mit der Taschenlampe in der Hand unter der Bettdecke. Nicht auszudenken, hätte man mich erwischt.
Alleine diese Druckwerke in der Hand zu halten, war schon eine sehr merkwürdige Erfahrung für mich. Wie fühlten sich die manchmal schon ramponierten Umschläge an, wie die ver­gilbten Seiten? Mir unbekannte Verlage, Autoren, von denen ich bislang nichts ge­hört hatte, veraltete, teils verschnörkelte Schrifttypen, die Seiten überladen mit geheim­nisvollen Darstellungen, Informationen aller Art ... Zum ersten Mal in meinem Leben hat­te ich Derartiges in Händen gehalten ...!
Was nicht auf Datenkristallen erhältlich ist, sondern nur mehr in Form der veralteten Bücher existiert, ist Teil der Subkultur, eine Art Gegenkultur zur offiziellen. Welche Faszination übte das auf mich als Jugendlichen aus! Ich wünschte, du könntest es nachvollziehen.“
„Kann ich, Papa, kann ich.“
„Leider hatte mich die Wirklichkeit bald eingeholt. Durch den frühen Tod meines Vaters wurde ich bald in die Regierungsgeschäfte gedrängt. Da gab es so viel zu tun und aus war es mit den Träumereien. War ich bis dahin der Meinung gewesen, mit meiner Regentschaft die Chance zur Veränderung zu haben, sah ich mich bald eines Besseren belehrt. Immer galt es, die verschiedenen Interessen auszugleichen, meist konnte ich es mir nicht leisten, meine eigenen Leute vor den Kopf zu stoßen, denn das hätte ich getan, hätte ich wirkliche Veränderung betrieben. Zu guter Letzt war ich froh, wenn ich ab und zu verhindern konnte, dass es noch schlimmer wurde. Den Rest ergab das Alter.“
Der König nippte an seiner Schale Tee. Dann nahm er die Tasse zwischen seine Handflächen und sah über ihren Rand hinaus, so als ob er eine weite Ebene überblicke. Agnes sagte nichts. Sie hatte auch so verstanden, dass es ihrem Vater gut tat, einen langen Blick zurück in seine Vergangenheit zu werfen und beschloss, ihm einfach zuzuhören.
Der König fuhr weiter fort: „Aus heutiger Sicht verstehe ich, wenn jemand zum Tyrannen wird. Weil er dann nämlich diese verdammten Kompromisse nicht mehr machen muss. Aber für mich war das nie ein Weg, der ernsthaft in Frage gekommen wäre. Also schritt ich von Kompromiss zu Kompromiss, von einem flauen Gesetz zum anderen. Ich erlernte die Kunst der rhetorischen Seifenblasen, Schönwetterpolitik bei allen möglichen Anlässen ...
Und stell dir vor, jedermann rühmte meine Konsensfähigkeit. Ha, dass ich nicht lache ...
Agnes, ich erzähle dir all das, um dir zu erklären, wie nah für mich Macht und Ohnmacht beieinanderliegen. Ich leide ungemein unter dieser Erfahrung.
Als ihr beide, Heinrich und du, noch kleine Kinder wart, da wart ihr die Freude meiner Seele. Wenn es mir nicht gut gegangen ist, habe ich oft das Fenster meines Arbeitszimmers geöffnet und eurem Lachen zugehört, das vom Spielplatz in der westlichen Ecke des Schlossparkes heraufgedrungen war. Dann glaubte ich wieder zu wissen, für wen ich das alles tat.
Im Laufe der Jahrzehnte habe ich mir sogar selbst abgewöhnt zu fragen, was Georg von Löwenstein denkt, einzig und allein, was König Georg III. von Siddi Lohan zu einer Sache meint, das zählt.“
Der König schwieg eine Weile. Agnes sah ihn freundlich an. Ihr Papa befand sich an außerordentlich exponierter Position in der Gesellschaft. Sie wollte es ihm nachsehen, wenn er menschlich seine Probleme damit hatte.
Georg III. erzählte weiter: „Mir ist vollkommen klar, dass die Geschichtsschreibung mich als Herrscher und meine Politik ohne jede Euphorie beurteilen wird. Etwas anderes verdient sie auch nicht. Als König bin ich zu wenig charismatisch und meine Politik, soweit ich sie überhaupt selbst betreibe, ist zu sehr auf Konsens, Stabilität und nur nicht auffallen gerichtet. Keine großen Taten, weder im Guten noch im Bösen. Aber ich habe mich damit abgefunden. Nur wenn mir ein persönlicher Traum in Erfüllung gehen sollte, dann der, dass es eines Tages heißen wird: Georg III. war ein guter Vater, er hat Frau und Kinder geliebt.
Aber als König stehe ich für eine bestimmte Gesellschafts­ordnung und mit ihr würde ich auch fallen. Niemand würde das freiwillig tun. Und mein Sturz wäre auch der meiner Fa­milie. Vielleicht ist es dir jetzt etwas mehr begreiflich, wenn ich das zu verhindern su­che.“
Die neuerliche Pause nützte Agnes, selbst etwas zu sagen: „Ich bemühe mich, dein Verhalten nachzuvollziehen, obwohl es nicht einfach ist. Jedenfalls will ich dir versichern: Als deine Tochter liebe ich dich sehr, aber deine Untertanen fragen sich: Was ist mit deinem Gewissen?“
Papa nahm einen tiefen Schluck Tee und antwortete dann: „Ich würde um einiges besser schlafen, könnte ich alle meine Un­tertanen glück­lich machen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie froh ich bin, dass ich wenigstens mit dir darüber reden kann. Mit meiner Frau klappt das nicht ... Agnes, dein Vater ist sehr einsam. Das soll kei­ne Entschuldigung sein. Der Position nach bin ich der mächtigste Mensch in ganz Siddi Lohan und in Wahrheit bin ich der erste Gefangene unserer Gesellschaftsord­nung. Vom König kannst du halten, was du willst, Agnes, aber es täte mir weh, dächtest du über deinen Papa schlecht. Nicht umsonst heißt es: Allen Leuten recht getan ist ein Ding, das niemand kann.“


Als Agnes das Café Hermes betrat, waren die meisten ihrer alten Freunde versam­melt: Claudia, die Kellnerin, Erika, Eddie und an der Bar saßen Paul und Hermann. Natürlich wurde sie von nie­mandem er­kannt. Es tat Agnes gut, diese Leute wieder zu sehen. Inmitten ihrer Freunde fühlte sie sich spontan pudelwohl.
Bei ihrem Erscheinen ver­schluckte sich Eddie und Agnes sagte zu ihm: „Pass auf dein Gebiss auf, Eddie.“
Eddie bekam große Augen. Wie peinlich! Sein schlecht sitzendes Gebiss hatte sich bis zur Prinzessin herumge­sprochen. Schluck ...! Hermann, der unverschämte Kerl, kicherte auch noch ...
Agnes setzte sich mit einer wenig damenhaften Bewegung auf den Barhocker neben Paul und bestellte einen Cappuccino. Kaum, dass Paul von seinem Glas Lagerbier aufsah. Achtlos schob er der Prin­zessin die lederne Tasche hin: „Ihre Aktien, Gnädigste. Wollen Sie nicht nachzählen?“
Nein, die Gnädigste wollte nicht. Die Aktien waren ihr egal, die Tasche erst recht, Paul keineswegs. Sie fühlte sich nicht nur gut neben ihrem ehemaligen Arbeitgeber, sie genoss seine Gegenwart in vollen Zügen.
„Wird schon stimmen. Ich lade Sie auf Ihr Bier ein.“
Da sah Paul doch auf. So hatte er die Prinzessin nicht in Erinnerung! Und überhaupt, wie gelöst, wie einladend sie aussah. Weder arrogant, noch aufgedonnert. Sie lächelte ihn sogar an. Offenbar fühlte sie sich wohl hier, fast so, als sei sie in ihrer Stammknei­pe. Und immer noch lächelnd sah die Prinzessin Paul in die Augen. Oh, oh, sie war nicht als Prinzessin hier, sondern als Frau ... Mit Freude stellte Agnes fest, dass sie Paul nervös machte, nervös als Mann nämlich.
„Wo ist denn heute Kurt?“
„Er hatte keine Zeit. Woher kennen Sie Kurt?“
Die Prinzessin ging nicht darauf ein sondern sagte: „Sie hatten um eine Audienz bei mir gebeten als Lohn für die Wiederbeschaffung der Aktien. Sie wollten doch an meinem Tisch sitzen, von meinem Teller essen und aus meinem Becher trinken. Dann möchten Sie einen Kuss von mir kriegen und anschließend in meinem Bett schlafen.“
Hatte er tatsächlich so einen Schwachsinn verlangt? Wie unangenehm! Und warum grinste die Prinzes­sin so ungeniert? Indes, Prinzessin Agnes war, wenn man es recht betrachtete, in erster Linie einmal eine ungemein hübsche, junge Frau ...
„Ach, wissen Sie ... So streng wörtlich hatte ich das eigentlich gar nicht gemeint.“
„Aber ich“, entgegnete die Prinzessin mit einem Unterton, der keinen Widerspruch duldete.
Nach einem kräftigen Schluck aus ihrer Kaffeetasse fuhr sie fort: „Ich bestehe auf allen diesen Punkten. Und zwar lücken-los.“
Wollte er sich etwa drücken, dieser alte Beziehungsflüchtling? So wie damals zu Weihnachten? Nie und nimmer sollte ihm das gelingen! Jetzt nicht mehr ...
Paul hatte andere Überlegungen. Eine Audienz bei der Königsfamilie war eine bedeutende Chance, die man im Leben, wenn es gut geht, einmal erhält. Chance wofür eigentlich ...? Was würde er dem König sagen, stünde er ihm gegenüber? Das brachte ihn auf eine Idee ...
„Sie haben sicher schon gehört, Prinzessin, dass das Edikt aus der Legende vom Hund wieder aufge­taucht ist. Der Zufall will es, dass es in meinem Besitz ist. Drei Freunde und ich möch­ten es Ihnen und Ihrer Familie anlässlich meiner Audienz zur Kenntnis bringen. Auch eine Liveübertragung auf dem Sender „Die Welt zu deinen Füßen“ steht auf der Wunschliste.“
Ein kleines bisschen stutzte die Prinzessin, dann meinte sie: „Sie können mir alles vorlesen, was Sie wollen, einen altarabischen Roman oder eine Abhandlung zum Thema „Stroh zu Gold“, einen Werbeprospekt für Babynahrung oder den Zugfahrplan, Haupt­sache, Sie vergessen nicht darauf, die restlose Erfüllung ihrer Forderung zu verlan­gen. Und die Liveübertragung wird auch kein Problem sein. Ist Ihnen kommender Samstag, 17.00 Uhr recht?“
Natürlich war es das. Kaum war die Prinzessin im Windschatten ihrer Leibwächter gegangen, hörte Paul Erika: „Sie mag dich, Paul. Die führt sich ja auf, als würde sie dich bes­tens kennen. Eines verstehe ich nicht. Aus­gerechnet „Die Welt zu deinen Füßen“, dieser durch und durch bestochene Sen­der. Hast du schon ver­gessen, wie unfair diese Rundstetter über unse­re Demonstration berichtet hat?“
„Ich weiß“, erwiderte Paul, „aber korrumpiert sind die Sender alle. Es gibt schon zwei gute Gründe, die für ausgerechnet den sprechen. Erstens ist „Die Welt zu deinen Füßen“ der am weitesten verbreitete Sender, daher ist uns größtmögliches Publikum garan­tiert und zweitens wird der König eher zustimmen, wenn wir uns einen Sender aus­suchen, auf den er seiner Meinung nach besonders viel Einfluss hat.“


Samstag, 16.45 Uhr. Die Delegation, bestehend aus Claudia, Erika, Hermann und Paul näherte sich dem Eingangsportal des Schlosses, sicht- und greifbares Symbol für die eine halbe Ewigkeit dauernde Herrschaft der Obertanen. Das also war der Augenblick! Nach Tausen­den von Jahren ... Dabei hatte Paul gar keine Ahnung, was an der alten Legende wirk­lich dran war. Aber das spielte jetzt auch gar keine Rolle mehr. Irgendwie war sie für ihn wirklich und unwirklich zur gleichen Zeit.
Als er so vor dem Eingang stand, war es Paul irgend­wann, als täte er einen Blick Tausende Jahre in die Geschichte der Menschheit zurück ... Gleich, wie die Legen­de zu Ende ge­hen würde, er, Paul, würde sie beenden ...
Bevor sein Geist endgültig abdriftete, fühlte Paul, wie er am rechten Ellbogen gerüt­telt wurde.
„He, Paul“, vernahm er Claudia, die strategische Beraterin der Delegation, neben ihm, „lass uns gehen.“
In der Vorhalle wurden sie vom Zeremonienmeister empfangen, der würdevoll eine Schrift vorlas: „In der Nacht von heute auf morgen erhält der Bürger Paul Wayden das Privileg, mit der Königsfamilie an einem Tisch zu speisen und anschließend in den Ge­mächern der Prinzessin Agnes zu nächtigen, so wie es diese versprochen hat. Die übri­ge De­legation übernachtet in separaten Räumlichkeiten.
Am morgigen Nachmittag um 15.00 Uhr hat die Delegation das Recht auf eine Audienz beim König und dabei gege­benenfalls Fragen und Bitten vorzutragen.“
Hermann, Erika und Claudia wurden daraufhin fortgebracht. Paul aß mit der Königs­familie, neben Agnes, die ausgesprochen guter Laune war. Paul war es, als ken­ne er Agnes bestens, und konnte sich doch dieses Gefühl nicht erklären. Hatte er die Prin­zessin doch vorher erst zweimal gesehen. Das erste Mal kurz vor ihrem berühmten Ver­schwinden, das zweite Mal vor wenigen Tagen. Doch vor einem Jahr schien sie ein anderer Mensch gewesen zu sein, jedenfalls hatte Paul sie als verwöhnt, arrogant und obertä­nig in Erinnerung. Nichts davon war sie heute. Auf an­genehm unkomplizierte Weise un­terhielt sich Agnes mit ihm. Die anderen an der Tafel übergingen seine Anwesenheit, die ihnen im Grunde zuwider war. Auch half ihm Agnes unauffällig über die zahlreichen Schwierigkeiten der höfischen Etikette hinweg, mit denen Paul nicht vertraut war. Etwa, wie all das zahlreiche Besteck zu handhaben war, das der Gast zum ersten Mal in sei­nem Leben sah oder die fachgerechte Handhabung der Stoffserviette mit den japani­schen Stickereien.
Nach dem Abendessen geleitete Agnes Paul in ihre Gemächer. In der Tat hatte Paul noch nie solchen Luxus gesehen. Er ging über sündteure Teppiche, auf die er kaum aufzutreten wagte, vorbei an Einrichtungsgegenständen, denen man ansah, wie teuer sie den Steuerzahler gekommen waren. Wo immer er auch hinblickte, alles war so kost­spielig, so luxu­riös, so ... Es fehlten Paul direkt die Worte. Auf Schritt und Tritt hatte er Angst, er könne unabsichtlich etwas hinunterwerfen oder irgendwo anstoßen, worauf es klirren und scheppern könnte ...
Agnes hingegen bewegte sich mit einer Selbstverständlich­keit und Unbekümmertheit durch diese Welt wie ein Schulmädchen durch den Gemüsegar­ten der Oma. Paul war es direkt unangenehm jetzt Nutznießer sol­cher Luxusgüter zu sein, selbst wenn es nur für eine Nacht war und er die Rolle des Gastes hatte. Er kam sich fast schon wie ein Verräter an all den zahlreichen Mitbürgern vor, die in diesen Momenten in ihren schä­bigen Zimmer­chen überlegen mussten, wie sie nächstes Monat die überhöhte Miete zahlen würden. Alleine, dass der Zeremonienmeister von einem Privileg geredet hatte, war ihm zuwider. Zugleich fühlte sich Paul gewarnt.
„Prinzessin, ich ...“
„Agnes“, unterbrach ihn die Prinzessin. Sie waren in der Zwischenzeit im Vorzimmer von Agnes' Gemächern angelangt. „Ich möchte ausdrücklich, dass wir per du miteinander sind.“
Einmal mehr war Paul überrascht. Diese Frau hatte offensichtlich einen Narren an ihm gefressen. Er sagte: „Oh, danke schön, ... Agnes. Ich möchte mich nur kurz mit meinen Freunden bespre­chen. Ich will sehen, wie sie untergebracht sind und ob es ihnen gut geht. Ist es recht, wenn ich in einer Stunde wieder da bin? Ich beabsichtige alleine zu gehen, den Weg habe ich mir gemerkt.“
„Also gut, Paul, eine Stunde Galgenfrist. Aber dass du mir ja nicht abhaust“, entgeg­nete seine Gastgeberin lachend. Dieses unbekümmerte Lachen kannte Paul, aber woher bloß? „Aller­höchstens eine Stunde, ja?“
Im Zimmer seiner Gefährten erzählte er ihnen vom Essen und vom Luxus, den er so hautnah in seinem Leben noch nie erlebt hatte, sodass er schon fast peinlich berührt war. Seine Gefährten hatten ihr Essen, das erheblich bescheidener ausgefallen war, in ihren Zimmern erhalten. Dennoch fühlten sie im Prinzip gleich.
„Da fällt mir ein“, sagte Erika, die strategische Beraterin der Runde, „wir haben uns noch nicht darüber unterhalten, wie wir morgen vorgehen werden.“
„Ganz einfach“, antwortete Hermann achselzuckend. „Paul liest das Edikt vor. Apro­pos, weiß eigentlich jemand, was drinsteht? Die Legende sagt bekanntlich nichts über den Inhalt des Ediktes. Ich gestehe, ich weiss nichts darüber.“
„Ich auch nicht“, sagte Erika. „Was ist mit dir, Paul?“
„Keine blasse Ahnung. Es hat geheißen, die Rolle dürfe vor der Audienz beim König nicht geöff­net werden. Sicherheitshalber verwahrte ich das Objekt bis vor wenigen Stunden im Gefrierfach meines Kühlschrankes. Einen Ort, an dem sich noch weniger abspielt, gibt es in ganz Siddi Lohan nicht.
Aber ich finde es schon ein bisschen riskant, morgen etwas vor­zulesen, von dem wir nicht wissen, was es ist. So eine Chance, dem König Auge in Auge unser Anlie­gen vorzutragen, erhalten wir ganz sicher so schnell nicht mehr. Es steht zu viel auf dem Spiel. Wir müssen die Rolle öffnen.“
Und schon reichte Erika Paul die Schatulle, in der sich die berühmte Rolle aus der Legende vom Hund befand. Was für ein würdevoller Augenblick! Was Ilak-Gathu in grauer Vorzeit verfügt hatte, nun würde es vor ihren Augen enthüllt! Paul legte seine rechte Hand auf das Objekt. Er betastete die lederne Oberfläche, er genoss den Moment sicht­lich. Dann öff­nete er - ein paar alte Socken! Fassungslos hielt sie Paul zwischen seinen Finger­spitzen in die Luft. Täuschte es ihn, oder ging von diesen dubiosen Gegenständen tatsächlich ein merkwürdiger Geruch aus ...? Hermann wollte schon laut-hals loslachen, als ihn Erika streng ansah.
Paul ließ die Socken fallen, setzte sich und stierte vor sich auf den Boden. Er sagte nichts, man hör­te ihn nur tief ausatmen. Geraume Weile herrschte Schweigen ...
Zu guter Letzt seufzte Paul kopfschüttelnd: „Nein, nein, ich habe zwar keine Erklärung dafür, aber so geht das nicht. Mit dem Scheiß hätten wir uns mor­gen ordent­lich blamiert. Wir müssen uns selbst etwas ausdenken. Papier her!“
Aber es war keines zu finden. Hatte sich denn alles verschworen gegen sie? Da meinte Hermann: „Also ein bisschen Papier hätte ich schon dabei. Aber ich traue es mich kaum anzubieten ...“
Und damit holte er aus der linken Hosentasche sein Jausenpapier hervor, welches er gestern Nachmittag vergessen hatte, wegzuwerfen. Zerknittert und reichlich verziert mit Fettflecken kam bei seinem Anblick wenig Freude auf.
Paul grinste nur: „Ach was, gib her. Das Edikt wurde vor undenklichen Zeiten ge­schrieben. Es darf ruhig ein wenig in Mitleidenschaft gezogen sein. Wenn du so alt bist, siehst du auch nicht mehr taufrisch aus.“
Unsichtbar stand Ilak-Gatha unter ihnen und sog tief die Luft ein. Dann atmete sie über die kleine Gesellschaft aus. Es war wie der Wind am Ende einer Straße ... Die Strategin hatte sich zum Tisch gesetzt und schrieb fleißig nieder ...


Nach einer Stunde war Paul wie versprochen in den Gemächern der Prinzes­sin zu­rück. Sie war bereits zu Bette gegangen. Fürstlich thronte sie auf der einen Seite des Doppelbettes, eingehüllt in Samt und Seide oder wie diese teuren Stoffe hie­ßen. Agnes lächelte ihm entgegen. Sie klopfte leicht auf die Bettdecke neben sich und sagte bis über beide Ohren grinsend: „Komm schon, Paul, komm schon. Du hast dir ei­nen Kuss von mir gewünscht. Und nun hol ihn ab!“
Wie sehr er diese Frau begehrte, wurde Paul plötzlich bewusst. Mit aller Macht dräng­te es ihn zu ihr. Wie vertraut, wie lie­benswert sie ihm doch vor­kam. Über­dies hat­te sie schwarze, sündige Seidenunterwäsche an. Ein gutes Argument für den Mann in ihm. Doch Paul fühlte sich innerlich einer anderen ver­pflichtet, einer, die auch Agnes hieß.
„Agnes, es könnte sein, dass ich morgen bei der Audienz Dinge sagen werde, die dich befremden oder die du noch nie gehört hast. Bitte verstehe das nicht falsch, es ist nichts Persönliches.“
„Ich weiß, mach dir keine Sorgen. Tu und sag, was du musst. Bleib dir selbst treu, sonst musst du dir vor die Füße kotzen.“
Da stutzte Paul einen kurzen Moment. In Wirklichkeit war die Prinzessin sehr aufgeregt, immerhin schickte sie sich an, zum ersten Male mit Paul ins Bett zu gehen. Das Herz klopfte ihr bis zum Halse. Sie ka­schierte ihre Aufregung lediglich hervorragend. Agnes wusste, dass das völlig unge­wohnte Ambiente Paul verunsicherte. Hatte doch sie selbst nach dem einen Jahr im Nordviertel ihre Probleme mit dem üppigen Luxus, der sie nun wieder umgab. Im­merhin kostete eine ihrer Puderdosen mehr als eine ganze Familie im Nordviertel für ei­nen Monat zu leben hatte. Agnes beschloss, Paul zu helfen.
„Aber jetzt lass dir etwas zeigen“, sagte sie, nahm Paul bei der Hand und führte ihn zum Gangspiegel. Wie immer zeigte er Agnes' altes Gesicht. Ungläubig staunend sah Paul einmal in den Spiegel, dann wieder in das richtige Gesicht seiner Gastgeberin.
„Was geht hier vor?“
„Oh ja, es ist wahr; ich bin es wirklich. Die Agnes, die du aus dem Nordviertel kennst und ich sind dieselbe. Ich gäbe was drum, wenn ich wüsste, wie das zuge­gangen ist. Ich habe mich damit abfinden müssen, dass es eben so ist. Aber erzähl es bloß niemandem, es muss unser Geheimnis bleiben. Fest versprochen?“
Paul saß minutenlang auf dem nächstbesten Stuhl, hielt die Hände vor das Gesicht geschlagen und sagte nichts. Agnes fuhr fort: „Mach einfach die Augen zu und höre auf die Stimme. Hat so die Agnes geklungen, die dem Magistratsbeamten damals die Miete ausgehändigt hat? Manus manum lavat, du erinnerst dich? Ist es dieselbe Stimme?“
Ja, das war sie ohne Zweifel. Und es tat Paul ungemein gut, das feststellen zu können. Endlich etwas, an das er sich halten konnte.
Dann fuhr Agnes fort: „Solltest du noch einen Beweis brauchen: Dein Anzug ge­hört Kurt von der Schrottpresse und er ist dir immer noch eine Nummer zu groß. Aber wie sage ich immer? Besser eine Nummer zu groß als zu klein ...“
Agnes beugte sich zu ihm hinunter, fasst ihn zärtlich bei den Wangen und sah ihm fest in die Augen. Zwischendurch warf Paul einen verstoh­lenen Blick in den Spiegel, um zu überprüfen, ob er nicht einer Halluzination aufgeses­sen war ...
„Und in der Bahnhofshalle konntest du mir das nicht erzählen? Statt dessen lese ich, du willst deine Aktien wieder haben.“
„Du hättest es nicht geglaubt und ich musste selbst erst damit klarkommen. Es erschien mir klüger, den Kontakt zwischen uns aufrecht zu erhalten.“
Paul wagte es kaum zu glauben. Wenn das stimmte, dann wäre es natürlich das Beste, was ihm hatte pas­sieren können! Und ehe er es sich versah, lag er ausge­zogen im Bett neben der Prin­zessin. Agnes nahm seinen Kopf, zog ihn an ihre Schulter und flüsterte ihm ins Ohr: „Paul, ich verstehe, dass die Situation für dich nicht leicht ist. Aber höre ganz tief in dich hi­nein. Höre, was dein Herz dir sagt, es belügt dich nicht, vertraue ihm ...“
Tief im Grunde seiner Seele sagte Paul etwas, dass alles in Ordnung ist, so wie es ist. Manchmal ist akzeptieren wichtger als verstehen ... Und er freute sich, dass er der Natur freien Lauf lassen durfte. Doch da fand sich Paul schon in Agnes' Umarmungen und ihrem Körper wieder ...
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Ich schreibe, also bin ich.
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BeitragVerfasst am: 12.02.2008, 09:15    Titel: Ein Hund tritt in den Saal 2. Kapitel / 9. Teil Antworten mit Zitat

Sonntagnachmittag. Kurz vor der Audienz beim König. Esther Rundstetter be­grüßte die Zuseher ihrer Livesendung an den Enkos: „Schönen guten Tag, mei­ne Damen und Herren, ich bin Esther Rundstetter für den Sender „Die Welt zu deinen Füßen“, Ihr Garant für Spannung und gute Unterhaltung. Objektiv, unabhängig.
Sie alle kennen die Legende vom Edikt, welches angeblich Ilak-Gathu in grauer Vorzeit den Hunden ausgestellt hat. Wer sich nicht ganz im Bilde fühlt, braucht nur in der Suchmaschine seiner Entertainmentkonsole den Code „Ilak-Gathu, Legende“, einzugeben. Ich darf jetzt die Regie um eine kurze Zuschaltung bitten.“
Im nächsten Augenblick wurde das Bild pechschwarz. Man hörte eine großväterliche Stimme: „Am Anfang war Ilak-Gathi, und nur Ilak-Gathi. Er war schon, ehe es noch Raum und Zeit gab. Ilak-Gathi war die Weite, er war die Leere, das Nichts. Ohne Anfang, ohne Ende, stets bei sich und nur bei sich, ja, so war Ilak-Gat­hi in seiner unfassbaren Größe. Doch irgend­wann fühlte er sich einsam, denn er ge­wahrte nichts au­ßer sich selbst. Dann folg­te die Langeweile. Da begann Ilak-Gathi Selbstgespräche zu führen.“
Aus dem Dunkel erschienen Sterne ... „Und aus dem Nichts tauchten Raum und Zeit auf, als Büh­ne für die Geschich­ten, die er sich selbst erzählte. Darin wurden alle seine Gedanken und seine Träume Wirk­lichkeit. Als es ihm genügend schien, ging er in Ge­stalt ei­nes al­ten Mannes durch die Welt ...“
Als die Legende zu Ende war, wurde die Einschaltung weich ausgeblendet. Esther Rundstetters edles Kon­terfei erschien erneut. Mit ihrem unwiderstehlichen Zahnpastalächeln meldete sie sich zu Wort: „Ein historischer Rückblick mag angebracht sein, damit wir alle die Tragweite dessen, was hier geschieht, besser verstehen.
Bis zum letzten Jahr­hundert gab es eine Reihe vieler, völlig unterschiedlicher Religionen, wie man damals die heutigen Kulte nannte. Gegen Ende des Jahrhunderts fusionierten diese im Rahmen einer weltweiten Konferenz, die fast zwei Jahre gedauert hat, zum Glauben an die drei Götter: Ilak-Gathi, Ilak-Gathu und Ilak-Gatha. Im Kern entstammen diese Ideen einer alten afrikanischen Religion. Es gibt jedoch mehrere unterschiedliche Varianten dieses Kultes, die verschiedene Überreste der alten Religionen beinhalten. Ih­nen allen ist die Legende vom Edikt, das Ilak-Gathu den Hunden ausgestellt haben soll, zu eigen. Manche glauben noch wortwörtlich daran, viele vertreten die Meinung, der Bericht sei symbolischer Natur.
Dieser Tage soll es sich zugetragen haben, dass das umstrittene Edikt aus einer unbekannten Quelle wieder aufgetaucht ist. Es soll sich in der Hand einiger weniger, die die Legende immer noch wörtlich auslegen, befinden. Ein gewisser Paul Wayden, Geschäftsmann auf dem Trödelmarkt, hat aufgrund einer persönlichen Abmachung mit Prinzessin Agnes einen Termin bei König Georg III. erhalten und sich erbeten, die Verfügung Ilak-Gathus bei dieser Gelegenheit zur Kenntnis bringen zu dürfen.“
Die Kamera schwenkte gefühlvoll zur Königsfamilie. Georg III., Herrscher über Siddi Lohan, saß im Thronsaal an ei­ner prunkvollen Tafel der kleinen Delegation gegenüber. Rechts neben ihm seine Frau, Sohn und Tochter, links der General, der Geheimdienst­chef und die Großmutter.
„Und hier ist er auch schon, Paul Wayden, der Herausforderer, inmitten seiner Sekundanten“, hörte man Esther wieder. Der leicht spöttische Unterton in ihrer Stimme war unverkennbar.
Paul, Erika, Hermann und Claudia saßen im Abstand von etwa fünf Metern von der Tafel entfernt mitten im Raum, der Königsfamilie gegenüber. Sie hatten auf Holzschemel Platz nehmen dürfen.
Als Georg III. seine Gesprächspartner betrachtete, sah er unwillkürlich wieder die sich öffnende Eingangstür aus seinem unheimlichen Traum mit dem Hund von damals. Das Bild stand mit einem Male derart klar und deutlich vor ihm, dass ihm der Atem stockte ...
„Ist etwas mit dir?“, fragte die Königin.
„Nein, nein, es geht schon.“ Tief ausatmen, nur nicht die Nerven verlieren ...
Das Reporterteam von „Die Welt zu deinen Füßen“ war­tete im Rücken der Delegation, dezent an einem Tisch an der Wand sitzend. Nur der Kameramann bewegte sich ungeniert im Raum, einmal diese, das andere Mal jene Ein­stellung ausprobierend. Alles war bereit, alles war ge­spannt ...
Paul betrachtete den König, den sichtbaren Repräsentanten der herrschenden Ge­sellschaftsideologie, der Oligarchie, der Herrschaft einiger Weniger auf Kosten der anderen. Das also war der Augenblick! Nach Tausenden von Jahren ... Gleich, wie die alte Legende zu Ende gehen würde, er, Paul, würde sie beenden. Ein für alle Mal. Zugleich war ihm klar, er würde in König Georg III. einen erbitterten Feind haben. Der König konnte gar nicht anders. Das System hatte ihn zu dem gemacht, was er heute war, er hätte es niemals verraten können, unabhän­gig, wie er als Person, als Mensch, darüber dachte. Und das war auch zugleich die Schwäche des Königs. Gefangen in den Konventionen der herr­schenden Ideologie wa­ren seine Reaktionen berechenbar. Aber Paul würde ihm nichts ersparen, er würde ihm nichts schuldig bleiben, das nahm er sich ganz fest vor.
Der Zeremonienmeister deutete auf Paul und sagte: „Sie dürfen jetzt sprechen.“ Da­raufhin zog er sich dezent zurück.
Paul räusperte sich und sagte: „Wir bedanken uns bei Ihnen, König Georg III., für die Audienz. Sie ha­ben vielleicht gehört, dass das Edikt aus der alten Legende, welches Ilak-Gathu den Hunden seinerzeit verliehen hatte, wieder aufgetaucht ist. Es hat sich ergeben, dass wir im Besit­ze des Schriftstückes sind. Wir möchten gerne die Gelegen­heit nüt­zen, es vorzulesen und über seine Durchführung zu verhandeln.“
Und wieder war es dem König, als hörte er das Knurren aus der rauen, tiefen Hundekehle von damals. Er stellte fest, dass aufkommende Angst seinen Hals würgend emporkroch, entschied jedoch, sich nicht davon beeindrucken zu lassen ...
Der König musste sich zusammennehmen, damit man ihm nicht anmerkte, wie beunruhigt er war. Er hatte Wayden mit unbewegter Miene zugehört. Seine Tochter hatte sich nun einmal zu diesem törichten Versprechen hinreißen lassen, also versuchte Georg III. es mit Würde hinter sich zu bringen. Außerdem saßen nach Schätzung der Experten zwei Drit­tel seiner Untertanen vor der Enko und verfolgten die Audienz. Souveräne, staatsmän­nische Haltung war also absolut angebracht.
Was für ein eigenartiger Mann doch da vor ihm saß, drei halb verunsicherte Gefährten neben ihm! Dennoch strahlte die kleine Gesellschaft Entschlossenheit und Tapferkeit aus. Seine Tochter Agnes hatte offenbar am Anführer der Delegation einigen Ge­fallen gefunden. Obwohl, was war an ihm schon dran, außer einem drei Tage alten Bart und einem schlecht sitzenden Anzug, der wahrscheinlich sein bester war? Vielleicht war es gar nicht einmal sein eigener? Und diese kleine schäbige Rolle, aus tiefbraunem, stellenweise fleckigem Leder, die aussah, als käme sie vom nächsten Trödelmarkt. Na, da wird wohl dieses angebliche Edikt aufbewahrt sein. Andererseits, so klar, so fest, hatte ihm noch niemand in die Augen gesehen.
Eine Stimme in ihm sagte: Sei ge­warnt! Un­terschätze den Mann dir gegenüber nicht, sieh die Situation nicht falsch. Vielleicht ist an der alten Legende von den Hunden, ihrem Abgesandten und Ilak-Gathus Edikt doch etwas dran, wer weiß ...? Nun gut, in dem Falle wäre das also der Augenblick! Nach Tausenden von Jahren ... Gleich, wie die alte Legende zu Ende gehen würde, er, Georg III., würde sie beenden. Ein für alle Mal.
Zugleich war ihm klar, er würde in Paul Wayden einen erbit­terten Feind haben. Ein Feind, der stark war, weil Millionen hinter ihm standen. Millio­nen, die keine Chance hat­ten, außer diesem Manne hier. Ein ganzes Heer von Leuten, die ihm die Daumen drückten, die ihm alles Gute wünschten. Und wer stand auf seiner, Georgs III., Seite? Die Großmutter döste wie üblich vor sich hin, mehr eingeschlafen als wach, der General und der Geheimdienstchef fanden das alles bestenfalls mäßig spannend, Heinrich war sichtlich an­gewidert ... Georg III. ertappte sich bei dem Gedanken, dass er die Gefährten, die die­ser ... äh, wie hieß er doch gleich? ach ja, Paul Wayden, neben sich hatte, lieber auf seiner Seite gehabt hätte. Die standen mit ganz anderem ideellen Engagement hinter der Sa­che.
Endlich sagte der König: „Bitte schön, ich höre.“
Paul löste den Deckel von der Rolle, griff hinein und holte ein Blatt Papier heraus. Der Kameramann von „Die Welt zu deinen Füßen“ hatte inzwischen auf Porträtmodus geschaltet. Minuziös wurde selbst die kleinste Bewegung Pauls über die Enkos der All­gemeinheit zugänglich gemacht. So würdevoll wie er es nur zusammenbrachte, glättete Paul Hermanns Jausenpapier und las vor:

„Mit heutigem Tage verfüge ich, Ilak-Gathu, Folgendes:

1. Gleiches Recht für alle.

2. Du sollst dich nicht auf Kosten anderer bereichern.

3. Alle Lebewesen sind in derselben Freiheit und Würde geboren.

4. Jedes Lebewesen, das zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden kann, hat ein Recht auf Wahrheit.

5. Keiner darf vom anderen mehr verlangen als von sich selbst.

Das ist mein Wille. Ilak-Gathu.“

Stille ... Mit einem Ruck war die Großmutter aus ihrem Halbschlaf emporge­schreckt. Sogar Prinz Heinrich hatte das Gefühl: Es war geschehen, die Bombe war ge­platzt! Was über Jahrzehnte, Jahrhunderte, Jahrtausende keiner auszusprechen, geschweige denn zu fordern gewagt hat­te, mit einem Male stand es im Raum! Irgendwie hatten diese wenigen Sekunden das Leben aller verän­dert.
Mit nach wie vor unbewegter Miene entgegnete der König: „Gehört ihr etwa zur linksliberalen Be­wegung?“
„Aber nein, keine Spur. Die ist doch verboten.“
„Wir ziehen uns zu einer Beratung zu­rück. Ihr wartet inzwi-schen.“
Nachdem er dem Zeremonienmeister den Auftrag erteilt hatte, Gebäck für die Gäste aufzutragen, verschwand König Georg III. mit seiner Familie in einem der angrenzenden Arbeitsräume. Nach einer knappen Viertelstunde kam die Königsfamilie wieder zurück und nahm Platz. Prinz Heinrich grinste triumphierend, Agnes schien bedrückt.
Publikumsgerecht stützte der König sein Kinn auf den Daumen seiner rechten Hand, die übrigen Finger zur Faust geschlossen, eine Geste, von der ihm seine PR-Abteilung ge­sagt hatte, sie wirke intellektuell. Dann ließ er sich herab, das Wort zu ergreifen: „Meine Familie hat einige Einwände gegen eure ... Forderungen. Doch zu allererst möchte ich von euch wissen: Was werft ihr uns eigentlich vor?“
Paul erwiderte: „Dass ihr euch auf unsere Kosten bereichert. Unser Land verfügt über genug Res­sourcen aller Art, damit auch der letzte Bürger in angemessenem Wohlstand leben könnte. Einige Wenige raffen einen guten Teil dieser Ressourcen auf ihre Seite, wodurch den anderen einfach zu wenig bleibt. Der ganze Luxus, in dem ihr lebt, steht euch gar nicht zu, weil er vom Volk erwirtschaftet worden ist.“
Da meldete sich die Königin: „Ich verstehe das nicht. Wir tun doch alles, um das Volk glücklich zu machen. Zum Beispiel haben wir die flächendeckende Versorgung mit Enkos durchgeführt. Da kann jeder praktisch ohne Kosten Filme se­hen. Überhaupt: Die Leute können sich amü­sieren, wie sie wollen. Filme, Konzerte, Shows, Musik, Spiele, Veranstaltungen aller Art und was weiß ich noch alles ... Keiner muss derlei trübseligen Gedanken nachhängen, wie ihr es offensichtlich macht.“
„Kein Zweifel, für Unterhaltung und Zerstreuung des Volkes ist allenthalben bestens gesorgt. Damit sind die Untertanen beschäftigt und keiner hat Zeit, über seine Lage nachzudenken und wie man diese verbessern könnte. Statt dessen träumt sich jeder in eine Ersatzwelt hinein, die mit seinem eigenen Leben nicht das Geringste zu tun hat. Panem et circenses, Brot und Spiele, haben die alten Römer dazu gesagt. Heute müssten wir sagen: Hotdog und Multimedia, aber das Prinzip ist haargenau das gleiche. Aber es regt sich Widerstand. Wir sind dieser Widerstand.“
Jetzt warf die Großmutter erbost ein: „Das hört sich ja an, als hätten wir für die Nöte des Volkes keinen Sinn! Dabei spenden wir bei allen möglichen Gelegenheiten für krebskranke Kinder, zu Weihnachten für die Obdachlosen, an allen Ecken und Enden gibt es eine Benefiz-Gala, usw. Kaum ein Waisenhaus, das nicht von uns in irgendeiner Form unterstützt wird.“
„Natürlich“, entgegnete Paul, „aber eure Spenden sind nicht einmal der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein. Auf diese Weise könnt ihr immer behaupten, etwas zu tun, ohne die Ursachen selbst anpacken zu müssen. Vielmehr wird damit die Armut erhalten und ihr könnt euch darüber hinaus im Wohlwollen der Öffentlichkeit wiegen, weil ihr ja dieses und jenes tut. Ihr lasst euch danke sagen von den Leuten, die wegen euch arm sind. Das ist der Gipfel des Zynismus.
Wenn ihr etwas spendet, ist das Öffentlichkeitsarbeit. Wirklich helfen wollt ihr nicht, denn ihr seid die Einzigen, die die Ursachen der Armut abschaffen könntet, und macht es nicht. Eure Wohltätigkeit ist herablassend und selbstgerecht. Sie verschleiert die wahre Natur der Dinge.“
Der Großmutter verschlug es die Sprache. Sie schnappte beleidigt nach Luft wie ein Goldfisch, der aus dem Glas gefallen war. Bevor sie etwas erwidern konnte, meldete sich Prinz Heinrich: „Ich halte auch nichts von der Wohltätigkeit. Alles nur Perlen vor die Säue. Aber wie ist das mit der weltanschaulichen Freiheit? Trotz der globalen Lehre von den Göttern Ilak-Gathi, Ilak-Gathu und Ilak-Gatha gibt es eine Menge unterschiedlicher Kulte. Wir unterstützen doch diese und damit auch die geistig-kulturelle Vielfalt. Und abgesehen davon findet sich jeder bei ein bisschen gutem Willen eine Glaubensform, die ihm hilft, sein Leben besser zu bewältigen. Offenbar ist euch das noch nicht gelungen.“
„Freilich fördert ihr die unterschiedlichen Kulte. Zumindest solange diese in irgendeiner Form lehren, dass es eine aus­gleichende Gerechtigkeit im Jenseits gibt. Hauptsache, das Volk fordert diese nicht schon im Diesseits ein. Damit ist die Lö­sung der Probleme, die das kleine Volk zu Lebzeiten hat, auf die Zeit nach dem Tod verlagert und eure Privilegien und euer Reichtum bleiben wieder unangetastet. Ihr selbst huldigt in keiner Weise den Göttern Ilak-Gathi, Ilak-Gathu und Ilak-Gatha, eure Götter heißen Macht, Reichtum und Erfolg.
Und was Ihre Anspielung anbelangt: Es fällt uns nicht ein, uns mithilfe eines Kultes über die sozialen Tatsachen hinwegzuschwindeln. Etwa, dass alle paar Sekunden ein Mensch an Hunger stirbt. Es geht uns nicht darum, dass wir auch ein bisschen etwas vom goldenen Besteck und dem sonstigen Unsinn kriegen, für viele von uns geht es vielmehr um das nackte Überleben. Daher sagen wir: Schluss mit der Ungerechtigkeit! Gebt uns, was in Wahrheit uns gehört!“
Da schnaubte Prinz Heinrich zornig: „Alles, was wir erworben haben, haben wir voll­kommen legal erlangt. Es ist rechtmäßig geschehen. Oder wollt ihr etwa behaupten, wir hätten gegen die Gesetze verstoßen?“
„Nein, ihr habt sicher nicht gegen die Gesetze verstoßen, die ihr selbst erlassen habt, um euren Lebensstil zu legalisieren. Die Obertanen machen eben Gesetze für die Oberta­nen und können damit immer behaupten, alles sei mit rechten Dingen zugegangen. Und wieder ein Gipfel des Zynismus.“
Erneut versuchte es die Königin: „Wenn ich euch so zuhöre, erhalte ich den Eindruck, wir müssten uns dafür entschuldigen, dass es uns gut geht.“
„Frau Königin, das ist ein wenig untertrieben. Es geht euch nicht nur gut, ihr lebt in unglaublichem Luxus. Aber das wirkliche Problem ist das nicht. Vielmehr, dass der weitaus überwiegende Teil der Bevölkerung erheblich schlechter dran ist. Da nur Ihr die Macht habt das zu ändern, habt Ihr es zu erklären, wenn jahraus, jahrein alles beim Alten bleibt.“
Nun meldete sich auch General von Löwenstein zu Wort: „Paul Wayden, ich habe mir Ihre Akte aus der alten Königsarmee kommen lassen. Sie waren ein hoch dekorierter Soldat und wurden in allen Ehren entlassen. Als solcher müssten Sie doch wissen, dass es in je­der Gesellschaft eine gewisse Rangord­nung geben muss. Geht ja gar nicht anders.
Es kann nicht nur Obertanen geben, es muss auch Untertanen geben und die leben natürlich nicht ganz so gut. Das war schon immer so und wird sich niemals ändern. Das kleine bisschen Einsicht möchte ich schon erwarten dürfen.
Vielleicht seid ihr einfach nur auf der falschen Seite des Dessino geboren. Das ist zwar bedauerlich, aber wir können auch nichts dafür. Vor allem dürft ihr uns deswegen keinen Vorwurf machen. So ist das Leben.“
Paul hatte das Argument bereits erwartet und erwiderte: „Sicher muss es eine gesellschaftliche Hierarchie geben. Und wieder ist das nicht das Problem. Aber wenn diese Hierarchie derartig extreme Unterschiede zwischen Arm und Reich, Oberta­nen und Untertanen zur Folge hat, wenn sie es ermöglicht, dass einige Wenige auf Kosten al­ler anderen leben, dann haben wir ein Problem. Und das wollen wir heute lösen.“
„Ich will Ihnen mit meinen Argumenten verdeutlichen“, entgegnete der General, „dass soziale Unterschiede naturgegeben sind und damit sehr wohl ihre Berechtigung haben. Insofern stehen euch eure Forderungen gar nicht zu. Vielmehr sind diese sowohl wider­natürlich als auch unverschämt. Und damit ist ja wohl die Situation, so wie sie ist, hin­reichend erklärt. Ob euch das nun genehm ist oder nicht, ist eine Frage, die ihr mit euch selber klären müsst.“
„Dürfen wir uns zu einer Beratung zurückziehen?“ fragte Paul den König.
Sie durften. In einem der Nebenzimmer besprachen sie die Lage. Wie zu erwarten gewe­sen war, war die gegnerische Front uneinsichtig. Aber nicht ein einziger Kompromissvorschlag, das war schon enttäuschend! Sollten sie sich mit den Gegenargumen­ten zu­frieden geben und wieder nach Hause gehen? In den Saal zurückkehren und ei­nem König, dem sie offensichtlich nur lästig waren wie die Gelsen im Sommer, sagen, sie hätten sich geirrt? Die Macht oder die Scharfsinnigkeit der Argumente seiner Höflinge hätte sie überzeugt? Lächerlich, nie und nimmer ...
Plötzlich ging die Tür auf. Der Zeremonienmeister wollte in das Zimmer. Als er die Delegation bemerkte, entschuldigte er sich und entfernte sich wieder.
Die Delegation war bald übereingekommen, sich bisher wenigstens im Großen und Ganzen korrekt verhalten zu haben. Auch mit der eigenen Argumentation war man im Grunde zufrieden. Aber, ohne auch nur einem einzigen Zugeständnis nachzugeben würde bedeuten, aus einer großen historischen Chance eine Farce gemacht zu haben. Und nicht nur das! Man würde die Delegation sozusagen mit lang gezogenen Ohren nach Hause schicken. Jeder Widerstand der Untertanen wäre auf lange Zeit gebrochen und wer weiß, wie viele Jahre wieder vergehen müssten, bis sich erneut Aufbegehren in die­ser Form artikulieren konnte.
Zurück im Saal erwiderte Paul dem General: „Natürlich gibt es für die Situation Er­klärungen. Aber eine Erklärung ist keine Rechtfer­tigung. Und nur weil etwas immer falsch gemacht worden ist, heißt das nicht, dass es irgendwann einmal in Ordnung ist. Sie können zehn Jahre lang bei Rot über die Kreu­zung gehen und es wird deswegen nicht im elften Jahr auf einmal richtig.
Wir können auf unsere Forderungen nicht ver­zichten. Nicht aus den Gründen, die Sie uns geschildert haben.“
Plötzlich reichte es General von Löwenstein: „Ach was, schert euch zum Teufel!“
Damit war für ihn die Diskussion abgeschlossen. Schon bereute er seine Anwesenheit bei diesem unwürdigen Schauspiel. Er sah Paul an mit einem Blick, so warmherzig wie der eines grauen Riffhaies vor dem Zubeißen ...
Durch die Offenheit des Generals aufgemuntert hakte Prinz Heinrich nach: „Ihr solltet es nicht übertreiben. Nur wegen einer törichten Zusage meiner Schwester dürft ihr überhaupt die Luft in diesen Räumlichkeiten schnuppern. Wir müssen uns wirklich nicht eure unqualifizierten Provokationen gefallen lassen. Wenn ihr Schwierigkeiten habt, euch konstruktiv in die Gesellschaft einzugliedern, geht zum nächstbesten Therapeuten. Mir reicht es langsam.“
Paul entgegnete ihm: „Mir sind eure gelegentlichen Anspielungen von wegen selber schuld nicht entgangen. Im Klartext soll das heißen: Nicht mit den Reichen stimmt etwas nicht, sondern mit den Armen. Diese haben es selbst zu verantworten, wenn es ihnen nicht besser geht. Ein Blick in die Geschichte der Menschheit belegt jedoch, dass die unteren sozialen Schichten bis auf wenige Ausnahmen nie die Möglichkeit hatten, ihre Armut abzulegen. Armut ist eine kollektive Erscheinung, die in den seltensten Fällen vom Einzelnen verursacht worden ist.
Nein, es ist schon so, wie wir Nordviertler sagen: Entweder man ist auf der richtigen oder der falschen Seite des Dessino geboren. Einzig ihr habt die Macht und die Möglichkeiten, Armut abzustellen. Es ist euer Versagen, wenn es diese weiter gibt.“
Da fiel der Großmutter noch etwas ein. Mit einer wegwerfenden Handbewegung teilte sie mit: „Ach was, Geld macht auch nicht glücklich.“
„Fein. Was hindert euch also, davon abzugeben?“
Stille. Irgendwie schien sich die Verhandlung im Sande verlaufen zu haben, zumindest soweit es die Argumente betraf. Der König hatte bisher seine Familienmitglieder reden lassen. Mag sein, dass es gar nicht nötig war, selbst einzugreifen. Dann wäre er staatsmännisch-souverän über allem gestanden, was ihm als König sehr entgegengekommen wäre. Zum Schluss noch ein paar nette, diplomatisch klug gewählte Worte, so, wie ihm die PR-Abteilung angeraten hatte, und das wäre es gewesen. Ohne Bewegung, ohne das geringste Anzeichen einer Gemütsregung hatte er bisher zugehört. Gelegentlich meinte er entfernten Schlachtenlärm und das Knurren eines ganzen Hunderudels zu vernehmen, aber er war fest entschlossen, sich nicht davon beeindrucken zu lassen.
Da seine Sekundanten nun scheinbar in Argumentationsnot­stand geraten waren und immer mehr jede Etikette vermissen ließen, musste er sich wohl persönlich engagieren: „Also aus meiner Sicht ist das, was ihr verlangt, gar nicht so neu. Insofern erscheint mir die ganze Aufregung schlicht und einfach überflüssig. Rebellische Ideen hat es in der Geschichte der Menschheit zuhauf gegeben. Sie haben im Grunde nie zu etwas geführt, außer zu blutigen und sinnlosen Revolutionen, nach denen es ohnehin wieder gleich wie vorher weiterging. Das muss einen Grund haben.“
„Da ist etwas dran, Herr König. Allerdings ist es polemisch, wenn Sie unterstellen, Leute mit sozialen Ideen hätten immer nur Blutvergießen verschuldet, darüber hinaus aber nichts erreicht.
Da fällt mir der Sioux-Häuptling Sitting Bull ein. Er hielt 1866 eine Rede, in der er über die Weißen Männer gesagt hat: Habgier ist ihre Krankheit. Sie haben Gesetze gemacht und die Reichen dürfen sie brechen, die Armen aber nicht. Sie nehmen das Geld der Armen und Schwachen, um die Reichen und Starken damit zu stützen.
So recht Sitting Bull damit hat, genützt hat es nichts. Oder ein anderes Beispiel. Vor ein paar hundert Jahren hat der Philosoph Immanuel Kant seinen berühmten kategorischen Imperativ formuliert. Demzufolge soll man nur nach der Maxime handeln, durch die man zugleich wollen kann, dass sie ein allgemeines Gesetz werde. Daraus schlussfolgert: Wenn sich einer das Recht auf Luxus nimmt, dann muss er das jedem anderen auch zugestehen. Das geht aber nicht, weil der Kuchen zu klein ist.
Und wenn jemand so viel nimmt wie Ihr, Herr König, muss es viele geben, denen vorenthalten wird. Das ist ein präziser, mathematischer Zusammenhang. Ich nenne das die Geometrie der Finsternis.
Wo immer es Leute gibt, die zu kurz kommen, wird es Klagen geben und Forderungen, die Missstände abzustellen. Wir geben Ihnen schon recht, Herr König, neu sind unsere Forderungen wahrlich nicht. Neu wäre es vielmehr, würde man sie in die Tat umsetzen. Genau das ist es, worüber wir mit Ihnen verhandeln.“
Schon wieder hatte Georg III. ein bedrohliches Knurren in den Ohren. Aber nun war er selbst kurz davor, die Geduld zu verlieren. Dieser Paul Wayden war ja echt anstrengend! Aber noch wollte er die Fassung wahren und konterte: „Was ihr verlangt, wäre eine äußerst weit reichende Änderung unserer Gesellschaft, deren Repräsentant ich bin. Sagt mir eines: Warum sollten wir das tun? Was würden wir davon profitieren?“
Wie immer antwortete Paul: „Niemand wird von Ihnen verlangen, dass Sie ein Le­ben wie alle anderen, mit den­selben Rechten, Pflichten und vor allem Unbequemlichkei­ten als Fortschritt oder Profit empfinden. Doch zum ersten Mal in der Geschichte geht es nicht um den Vorteil der Reichen.
Unabhängig davon, was Sie persönlich davon halten, kann ich Ihnen nur versichern: Es kann, darf und wird nicht auf Dauer sein, dass einige Wenige auf Kosten aller anderen leben.“
„Ich sehe schon“, nickte der König anerkennend, „Sie haben sich tiefe Gedanken um die Materie gemacht. Aber ich frage mich: Warum sind Sie denn so destruktiv? Kommen Sie und Ihre Gefährten doch in meine Dienste und arbeiten Sie konstruktiv mit! Sie alle erhalten Essen und Logis im Schloss, eine fixe Anstellung im Sozialbereich mit einem Traumgehalt und vollen Pensionsansprüchen. Meckern kann bald einmal je­mand, aber besser machen ...“
„Keiner von uns ist käuflich. Der Krug geht nur so lange zum Brunnen, bis er bricht. Irgendwann kommt einer und sagt: Jetzt ist Schluss. Und heute ist irgendwann und ich bin der eine, der sagt: Jetzt ist Schluss!“
Mucksmäuschenstill war es auf einmal geworden. Allen Anwesenden, Pauls Mitstrei­ter eingeschlossen, blieb der Mund offen. Kaum, dass einer zu atmen wagte. Selbst die Kameraeinstellung, die Pauls Gesicht in voller Größe zeigte, schien einzufrieren. Ganz ru­hig, mehr noch, total gelassen hatte Paul das Unerhörte ausgesprochen. Und dennoch lag eine Monumentalität, eine Wucht in diesen Sätzen, die unglaublich war. War es die subtile Betonung gewesen, die Schlichtheit des Satzbaues, irgendetwas in seiner Stim­me oder alles zusammen? Keine Spur von Unsicherheit, nicht das geringste Anzeichen einer belegten Zunge ... Nicht einmal laut war Paul geworden! Ein anderer hätte in die­ser Lautstärke die Uhrzeit verkündet ... Jedenfalls war es so unmissverständlich gewe­sen, dass es keinen Zweifel geben konnte: Paul meinte es absolut ernst. Da wurde der König sehr nachdenklich ...
In diesem Au­genblick wusste Claudia neben ihm, warum sie Paul zum Delegationssprecher gewählt hatten. Kein anderer hätte das auszusprechen gewagt, nicht in derartiger Deutlichkeit. In der Tat war das einer der Gründe, warum Claudia Paul so sehr achtete, schätzte, ja, vielleicht sogar ... liebte ...
Des Königs Miene hatte sich merklich verfinstert. So emotionslos dieser Paul Wayden nach außen hin wirkte, so diszipliniert seine Rhetorik auch war, der König war sich im Klaren, auf seine Weise war dieser Wayden wild und zu allem entschlossen. Er würde sich nicht von ihm, dem König, bändigen lassen. Für seine Ideen würde er ohne mit der Wimper zu zucken Blut und Tod über Siddi Lohan bringen. Aus unbarmherzigen, kalt gewordenen Augen blickte der König Paul sekundenlang an. Dieser hielt ungerührt dem Blick stand.
Was für ein Glück, dass er, der König, noch über einen letzten Joker verfügte, nämlich die faktische Macht. Nun war es Zeit, das Blatt zu spielen. Das, was Wayden in den vergangenen Minuten an Verbalattacken vorgebracht hatte, konnte er sich nicht bieten lassen, beim besten Willen nicht! Das war ja die pure Provokation.
Am Ende seines Nachdenkens sagte Georg III., absoluter Herrscher über Siddi Lohan: „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Ich kann euch nicht weiter das Volk aufwie­geln lassen und die öffentliche Ruhe in Gefahr bringen. Beim besten Willen, aber das geht einfach nicht. Außerdem habt ihr euch schwer im Ton vergriffen und rationale Ar­gumente erkennt ihr auch keine an. Ihr seid verhaftet. Führt sie ab!“
Der Zeremonienmeister winkte drei Roboter der Palastwache heran. Diese kamen mit gezückten Handfeuerwaffen und nahmen die Delegation in die Mitte. Eineinhalb Millionen Einwoh­ner Siddi Lohans verfolgten über die Enko, wie Paul mit seinen Gefährten abgeführt wurde. Während sich die Gruppe entfernte, klang dem König ferner Schlachtenlärm im Ohr, der sich erst legte, als die Gefangenen außer Sichtweite waren ...
Der König fühlte sich miserabel. Mit blassem Gesicht saß er einfach da und schwieg. Ein deutliches Gefühl sagte ihm: Nein, das war nicht gut gegangen!
Da klopfte Heinrich seinem Vater auf den Unterarm und flüsterte ihm zu: „Papa, die Show ist vorbei. Wir haben doch ausgemacht, dass du jetzt ein paar nette Worte an unsere Zuschauer richtest.“
Als der König weiter bewegungslos vor sich hinstarrte, setzte Heinrich nach: „Papa, das Lumpenpack ist weg.“
„Ja“, erwiderte der König müde, „aber die Probleme sind noch da.“
„Was denn, was denn!? Dieser Haufen Abschaum hat doch rein gar nichts erreicht, außer dass man ihn verhaftet hat!“
„Oh doch, Heinrich. In Wirklichkeit war das heute eine Niederlage für uns.“
„Was redest du für einen Unsinn, Papa! Ich verstehe das nicht.“
„Das ist der Grund, warum nicht du König bist, sondern ich.“
Noch während Paul und die übrige Delegation abgeführt worden waren, hatte Esther Rundstetter ihre weiblichen Formen gekonnt von rechts in das Bild geschoben und kommentierte nunmehr: „Sehr geehrte Damen und Herren! Sie haben in diesen Minuten selbst miterlebt, wie irrationale Vor­würfe und eine ungeschickte Gesprächsführung durch Paul Wayden jeden konstruk­tiven Dialog mit dem Herrscherhaus unterbunden haben. Dabei wurde das Gespräch sei­tens der Königsfamilie offen wie noch nie geführt.
Meine Damen und Herren, Sie werden sich gewiss gemeinsam mit mir fragen, wie viele Zugeständnisse der König noch hätte machen müssen, dass die Selbstherrlichkeit und die herausfordernde Arroganz dieser sogenannten Abgeordneten zufrieden gestellt gewesen wären. Damit wurde für lange Zeit eine wichtige Gelegenheit vertan, mit dem König und seiner Familie soziale Fragen zu besprechen.
Zum Abschluss unserer Live-Übertragung noch ein kleiner Hinweis auf unser Programm. Um 23.45 Uhr bringen wir einen Spitzenfilm der Erotik mit dem Titel: „Rose unter Pal­men“. Verfolgen auch Sie mit uns die atemberaubend schönen Bilder aus der Karibik und die prickelnden Geschehnisse an Märchenstränden. Seien Sie live dabei, versäu­men Sie nichts!
Das war Esther Rundstetter für den Sender „Die Welt zu deinen Füßen“, Ihr Garant für Spannung und gute Unterhaltung. Schönen Tag noch.“
Wortlos ging der Zeremonienmeister voran. Er lotste die Roboter und die Gefange­nen entlang der Schlossmauer, anschließend durch die zahlreichen Gänge des Gebäudes, vorbei an den Diensträumen des Geheimdienstes, bis sie vor ei­nem Lift zu stehen kamen. Als sich die Türen öffneten, sagte er: „Drückt die unterste Etage.“
„Warum helfen Sie uns?“, wollte Paul wissen.
„Weil ich mich eines Besseren besonnen habe“, war die Antwort. „Es ist noch nicht zu Ende. Nicht heute und nicht auf diese Weise.“
Die Roboter und der Zeremonienmeister blieben zurück. Einigermaßen erstaunt blickten sich Paul und seine Gefährten an. Irgendwie fürchteten sie, in einer Falle zu sitzen. Vielleicht würde der Lift immer schneller und sie am unteren Ende zu Tode quet­schen? Oder es würde eine Ladung Sprengstoff über ihren Köpfen explodieren oder wer weiß, was passieren ...
Paul indessen war mehr nachdenklich als überrascht. Ihm kamen die Worte des Zeremonienmeisters so merkwürdig bekannt vor ...
Da Claudia ihn gerade lächelnd ansah, fragte Paul sie: „Sag mir, Claudia, unsere strategische Beraterin, habe ich etwas falsch gemacht? Immerhin bin ich schuld, dass wir verhaftet worden sind. Gelang es mir, überzeugend zu argumentieren? Oder habe ich etwas Wichti­ges ausgelassen?“
„Sicher, es war nicht immer diplomatisch, wie du dich ausgedrückt hast, Paul, aber es war auch nicht die Stunde der Diplomatie, es war die Stunde der Wahrheit.“
Und Hermann sagte: „Glaube mir, wer immer dich gehört hat, weiß genau, um was es uns gegangen ist. Endlich einmal hat es jemand in der Öffentlichkeit ausgesprochen. Nach Tausenden von Jahren hat es endlich einmal einer gesagt. Was für ein Glück, dass ich dabei sein durfte. Im Gegenteil, Paul, hättest du es nicht getan, wäre es falsch gelaufen.“
„Und deshalb sind wir stolz auf dich, Paul“, ergänzte Erika. „Du hast von heute an sicher jede Menge Freunde mehr.“
„Werden die auch zu mir halten, wenn es hart auf hart geht?“
Der Lift hielt, die Delegation betrat das Gelände von Kurts Schrottpres­se ...


Als der Zeremonienmeister heute Abend nach Dienstschluss nach Hause gegan­gen war, überkam ihn das unstillbare Verlangen, etwas niederzuschreiben:
„Computer, starte die automatische Spracherkennung. Öffne eine neue Datei.“
Dann begann der Zeremonienmeister zu diktieren, allerdings mit fremder Stimme: „Die Magie des Alhazrael.
Einleitung: Ich bin viel herumgereist und habe in zahllosen Bibliotheken studiert. Bei den bekanntesten Meistern vieler Zeitalter war ich als unermüdlicher Schüler, stets mein Leben der höheren Erkenntnis geweiht. Bedauerlicherweise war es mir in meinem Le­ben bisher nicht beschieden gewesen, selbst Schüler zu finden oder mein Wissen auf die traditionelle Art weiter zu geben. Um so mehr erfüllt es mich mit Freude, dass ich nunmehr, in diesen schicksalsschwe­ren Tagen, durch die Elektronik die Möglichkeit erhalten habe, mich zu artikulieren.
Dem Novizen der geheimen Künste eröffne ich in diesem Buch, wie man Höllenfürs­ten und andere dämonische Wesen beschwört. Doch muss ich eine dringliche War­nung vorausschicken. Diese Wesen lieben es nicht, wenn man sie aus reiner Neugier­de, Jux oder Tollerei zitiert. Zudem sind viele aggressiv und mächtig zugleich, sodass sich ein Magier anlässlich einer Evokation in große Gefahr begibt.
Wenn kein wirkliches Anliegen vorhanden ist, so soll man diese Wesen dort lassen, wo sie sind. So fühle dich denn eindrücklich ein letztes Mal gewarnt, Schüler der dunklen Künste! Nicht jeder, der in die finsteren Universen jenseits unseres Verstandes eingedrungen war, kehrte zurück. Manch einer verblieb dort für den Rest seines Lebens als Sklave schrecklicher, finsterer Wesen, die so mächtig, so unheilvoll und zugleich über alle Maßen unergründlich sind, dass sogar ich lieber schweige, als berichte ...“


Außer sich rief der König: „Er hat es gewagt!“ Man befand sich in der nächsten strategischen Besprechung. Irgendwie war die Rede auf die Audienz Waydens und seiner Gefährten gekommen. „Tatsächlich, er hat es gewagt ...!“
Der Geheimdienstmann, Cousin Andreas von Löwenstein, ergänzte: „Ja, das kann man wohl sagen. Er hat dir und uns allen kräftig ans Bein gepinkelt. Aber das ist längst nicht alles.“
Mit diesen Worten legte er einen Datenkristall in die Enko ein und spielte der Königsfamilie vor, wie sich der Zeremonienmeister verhalten hatte. Nachdem die Aufzeichnung abgespielt war, ergänzte Andreas noch: „Um es vorwegzunehmen, wir können uns das nicht erklären, meine Leute arbeiten noch an dem Fall.“
Fassungslos sagte der König: „Andreas, wir haben doch angeblich alles fest im Griff. Wie kann dann so etwas vorkommen?“
„Ich fürchte, selbst unsere Macht hat Grenzen.“
„Ich verstehe das alles nicht“, so meldete sich die Königin händeringend zu Wort. „Ich meine das leidige Theater um die Hunde und ihren Abgesandten. Wieso hat man bloß seinerzeit den Glauben an die drei Götter zum offiziellen Kult erklärt?! Das Christentum wäre mir lieber gewesen, dann hätten wir immer auf das Jenseits verweisen können. Oder irgendein Kult mit der Inkarnationslehre und schon hätten wir sagen können: Eure eigene Schuld, tragt gefälligst euer Karma ab. Aber nein, ausgerechnet dieser Glaube mit der Legende vom Edikt musste es ja sein! War ohnedies nur eine Frage der Zeit, bis da einer kommt und diese Lehre schändlich missbraucht.“
Und die Großmutter fügte hinzu: „Irgendwie hat er nicht ganz unrecht gehabt, dieser Wayden, wie die Rede auf die Kulte gekommen ist. Aber dass er das als schlecht hinstellt, wo man doch den Leuten nur ein bisschen Hoffnung mit auf den Weg geben will, das ist schon ausgesprochen unverschämt.“
Der Zeremonienmeister hatte sich unbemerkt im Hintergrund beim Arrangement der Blumen zu schaffen gemacht. Nun verdrückte er sich durch den Ausgang. Auf dem Flur draußen ging er zurück durch die Tiefen der Geschichte, bis er an eine Tür kam. Als er diese öffnete, war gerade eine Konferenz im Gange. Achtzehn Vertreter aller wichtigen Religionen waren zusammengekom­men und beratschlagten.
Gerade war die turnusmäßig Vorsitzende, eine Yogini namens Swami Divina Arunda, am Wort: „Jetzt konferieren wir schon fast zwei Jahre, mehr oder weniger ohne Ergebnis. Das stört mich ungemein. Vielleicht mag eine kleine Rückbesinnung auf den Auftrag, der uns alle hier versammelt hat, zum Antrieb verhelfen, doch noch zu einem konstruktiven Ergebnis zu gelangen.“
Demonstrativ entnahm sie ein unscheinbares Blatt im Format DIN A4 ihren Unterlagen und begann zu lesen: „Blablabla, die Einleitungsfloskeln spare ich mir ... Wir Monarchen haben die Welt brüderlich aufgeteilt und damit die Basis für dauerhaften Frieden nach der neuen Gesellschaftsordnung geschaffen. Das ist die einzig logische Konsequenz aus der historischen Entwicklung der letzten Jahrhunderte, die aus der großen, unübersichtlichen Welt, die die Erde einst gewesen war, ein globales Dorf gemacht hat. Dieser Verbrüderung ist es sogar zu danken, dass ausnahmslos alle Menschen seit über achtzig Jahren eine gemeinsame Sprache sprechen, nämlich Esperanto.
Indes ist zu befürchten, dass die unterschiedlichen Religionen und Weltanschauungen die Menschen weiterhin verunsichern, bzw. entzweien. Damit erkennen wir in der Unvereinbarkeit der religiösen Anschauungen ein großes Krisenpotenzial. Unrecht haben eben immer die anderen. Auch zeigt ein Blick in die Geschichte der Menschheit unmissverständlich, dass religiös motivierte Kriege in unregelmäßigen Abständen auf der ganzen Welt gang und gäbe sind. Das gefährdet die Stabilität der gesellschaftlichen Ordnung.
Wir fordern die meist verbreiteten Religionsgemeinschaften daher auf, im Rahmen einer großen Konferenz so etwas wie eine Grundsatzeinigung zu finden, damit religiöse Differenzen nie mehr die Ebene des ausschließlich intellektuellen Disputes verlassen. Wie diese Einigung aussieht, überlassen wir Ihnen. Wir verlangen nicht, dass es nur mehr eine einzige, globale Religion geben soll, obwohl dies wünschenswert wäre. Es genügt vielmehr eine Fundamentalvereinbarung, innerhalb derer jede Religion durchaus eine gewisse Eigenständigkeit bewahren darf. Wir erklären ausdrücklich unsere liberale Haltung gegenüber ausnahmslos allen religiösen Gemeinschaften.
Im Falle, dass die Konferenz ohne gewünschtes Ergebnis abgebrochen wird, wird jede staatliche Unterstützung ersatzlos gestrichen sowie jede obrigkeitliche Rücksichtnahme auf die Gepflogenheiten der religiösen Gemeinschaften unwiderruflich eingestellt. Religionskonflikte, die sich außerhalb der Gelehrtenstube abspielen, werden wir nicht mehr dulden. Mit freundlichen Grüßen blablabla ...“
Swami Divina Arunda machte eine kleine Pause. Es war mucksmäuschenstill geworden. Nachdem sie das Schreiben wieder verstaut hatte, fuhr sie fort: „Soweit unser Auftrag. Das Einzige, was wir bisher zuwege gebracht haben, ist die ersatzlose Streichung des Wortes „Sekte“ wegen tendenzieller Diskriminierung der anderen Gemeinschaften und die Einführung des Wortes „Kult“ für alle Religionen. Dass das im Grunde erbärmlich wenig ist, brauche ich nicht zu betonen. Mit aller Eindringlichkeit muss ich darauf hinweisen, die Einstellung der staatlichen Unterstützung wäre für uns alle eine echte Katastrophe. Niemandem in diesem Raum brauche ich zu schildern, wie sehr unsere Interessen mit der irdischen Macht verknüpft sind und dass folgerichtig ein Grundkonsens mit der weltlichen Obrigkeit überlebenswichtig und damit unerlässlich ist.
In diesem Sinne möchte ich uns alle dringend ersuchen, dass wir uns rasch in irgendeiner Form einigen. Ich erinnere mich, dass wir am Anfang oft darüber diskutiert haben, ob die Absender dieses Schreibens wirklich die Legitimation haben, uns einen derartigen Auftrag zu erteilen, aber sie verfügen über die faktische Macht. Und das ist es, was letzten Endes zählt.
Wenn ihr mich fragt, ist die einzige Religi­on, der die Monarchen anhängen, Reichtum, Macht und Erfolg. Aber das wollen sie nicht hö­ren und es steht auch hier nicht zur Debatte; leider, wie ich ausdrücklich ergänzen möchte.
Wir machen jetzt fünfzehn Minuten Nachdenkpause. Frischen Sauerstoff in unsere Köpfe und dann diskutieren wir weiter.“
Da ohnehin allgemeine Ratlosigkeit an der Tagesordnung war, hatte gegen Divina Arundas Vorschlag niemand etwas einzuwenden. Die buddhistischen und taoistischen Vertreter machten Auflockerungsübun­gen im Garten, der christlich-orthodoxe Patriarch entleerte seine Blase. Infolge eines fortgeschrittenen Prostataleidens war er für die gesamte Pause beschäftigt. Die Tantranonne telefonierte mit ihrem Sexladen, ob ihre Bestellung schon eingelangt war. Die Voodoo-Priesterin qualmte ein merkwürdig riechendes Kraut aus dem Amazonasgebiet und der katholische Kardinal sowie der Rabbi stürzten sich am Buffet über die belegten Brötchen.
Scherzhaft meinte der Kardinal zu seinem jüdischen Kollegen: „Rabbi, wenn werden Sie wohl gemeinsam mit mir diesen herrlichen, duftenden Schweinebraten genießen?“
„An Ihrem Hochzeitstag, Hochwürden“, war die Antwort des Kollegen.
Der Zeremonienmeister, wie immer dezent im Hintergrund, gab sich den Anschein, als wolle er hinter dem Buffet die Plastikblumen abstauben. Auf dem Weg dahin schwindelte er ein Buch unter den Tisch des Rabbis, offizieller Vertreter des Judentums.
Als dieser wenig später den Raum betrat und sich hinsetzte, stieß er mit dem rechten Fuß daran. Neugierig geworden hob der jüdische Priester den Band auf und begann eine geheimnisvolle Handschrift zu lesen: „Am Anfang war Ilak-Gathi, und nur Ilak-Gathi. Er war schon, ehe es noch Raum und Zeit gab. Ilak-Gathi war die Weite, er war die Leere, das Nichts. Ohne Anfang, ohne Ende, stets bei sich und nur bei sich, ja, so war Ilak-Gat­hi in seiner unfassbaren Größe.
Doch irgend­wann fühlte er sich einsam, denn er ge­wahrte nichts au­ßer sich selbst. Dann folg­te die Langeweile. Da begann Ilak-Gathi Selbstgespräche zu führen. Und aus dem Nichts tauchten Raum und Zeit auf, als Büh­ne für die Geschich­ten, die er sich selbst erzählte. Darin wurden alle seine Gedanken und seine Träume Wirk­lichkeit. Als es ihm genügend schien, ging er in Gestalt ei­nes al­ten Mannes durch die Welt.“
Der Rabbi war dermaßen vertieft in den Text, dass er nur am Rande bemerkte, wie sich die Delegierten langsam wieder einfanden.
Kaum war die Nachdenkpause zu Ende und die Delegierten wieder vollzählig, melde­te sich der Rabbi zu Wort: „Die Lage ist die, dass jeder von uns seine Lehre zur einzig wahren er­heben möchte. Davon wol­len aber die anderen wieder nichts wissen. Ehrlich gesagt, ich verstehe das. Der einzig gangbare Weg ist der, einer im Grunde fremden Lehre den Vorzug vor allen zu geben.
Man hat uns sowieso versprochen, dass wir im Rahmen dieser übergeordneten Glau­benslehre weit reichende Selbstständigkeit bewahren können. Solange wir einen Großteil der Feiertage und rituellen Gebräuche beibehalten dürfen, sollte das eigentlich nicht der Punkt sein, an dem unsere Aufgabe hier scheitert.
Also hört mir zu, ich möchte euch etwas vorlesen ...“
Und der Rabbi las aus dem Buch, das er gefunden hatte, vor. Wie hypnotisiert vom Text schenkten die anderen dem jüdischen Delegierten ihre Aufmerksamkeit. Anschließend stellte der Rabbi den Antrag, diesen Text zur allgemein gültigen religiösen Wahrheit zu erklären, bzw. zum gesuchten Grundkonsens. Und da keiner dagegen Einwände hatte, sowie auch niemand ernstlich wollte, dass die Konferenz ohne Ergebnis abgebrochen würde, war der Antrag umgehend angenommen.
Als einer der Vertreter des Schamanismus anschließend wissen wollte, welche Aus­kunft man auf die Frage, woher die Lehre stamme, erteilen solle, sagte die Hohepries­terin des Voodoo: „Wir sagen ein­fach, das sei ursprünglich der Kult eines ausgestorbenen Stam­mes im afrikanischen Dschun­gel. Lässt sich schwer nachprüfen und sollte keinen wirk­lich stören.“
Der Zeremonienmeister war inzwischen fertig mit dem Polieren der Gläser. Sorgfältig füllte er den Orangensaft nach, dann zog er geräuschlos die Tür hinter sich zu. Unbemerkt begab er sich vorwärts durch die Geschichte bis zu dem Zim­mer, in dem die Königsfamilie ihre strategische Besprechung abhielt.
In der Zwischenzeit war der General langsam ungeduldig geworden: „Aber Schwägerin, das ist doch egal, welcher Kult. Mir ist jeder recht, der mir hilft, die öffentliche Ordnung zu stabilisieren und mich nächtens gut schlafen lässt. Wäre dieser Wayden ein Christ, dann hätte er eben gesagt: Nicht den Frieden zu bringen bin ich gekommen, sondern das Schwert. Oder so etwas Ähnliches. Als Moslem hätte er unter keinen Umständen nachgegeben, denn bekanntlich war Allah mit den Standhaften.
Überall gibt es Anknüpfungspunkte für subver­sive Geister. Wo ein Wille, da ein Weg. Das löst unser Problem nicht.“
„Ach was, spart euch dieses Geschwätz. Wen interessieren schon Traditionen oder Kulte? Das ist doch was für die alten Weiber. Für mich steht fest: Wir dürfen uns das nicht gefallen lassen“, beeilte sich der Königssohn hinzuzufügen. Es hatte ihm die Zornesröte in das Gesicht getrieben, als er daran denken musste, wie dreist sich Paul Wayden verhalten hatte. Das durfte nicht ungesühnt bleiben!
„Mit der übrigen Delegation sollten wir uns gar nicht befassen, das wäre Zeitverschwendung und könnte ihnen nur Sympathien einbringen. Aber an diesem Wayden müssen wir unbedingt ein Exempel statuieren! Ich meine, wir setzen am besten einen Beseiti­gungstrupp auf ihn an. Der sollte ihm zuerst seine Geschlechtsteile ...“
„Nana“, unterbrach ihn da der König, „nicht in Gegenwart von Damen.“
Nun warf Agnes ein: „Wozu die ganze Aufregung? Wir könnten die Begebenheit einfach stillschweigend übergehen. Was sollen diese Leute denn tun? Einen Bürgerkrieg anfan­gen? Dass ich nicht lache! Wir lassen die Aufzeichnung löschen und verbieten jede Erwähnung in den Medien. Ir­gendwann in Jahren ist Gras darüber gewachsen und das war's dann!“
Und außerdem blieben Leib und Leben ihres geliebten Paul und ihrer Freunde verschont. Aber das behielt Prinzessin Agnes lieber für sich. Dennoch stand der Gedanke unausgesprochen im Raume.
„Jaja, Schwesterchen, wir könnten auch ein Fest feiern und dabei Pralinen an die armen Kinderlein verteilen, das lenkt die Leute ab“, höhnte Heinrich. „Also mir ist wirklich klar, warum Frauen bei so einer Besprechung gar nichts zu sa­gen haben sollten. Ich jedenfalls fordere den Beseitigungstrupp. Und zwar umgehend.“
Wie zufällig trafen sich für einen kurzen Moment der Blick des Königs mit dem seiner Tochter. Wie würde Georg III. entscheiden?
„Natürlich, wir könnten einen Be­seitigungstrupp ansetzen und es hätte sogar einen ge­wissen Unter­haltungswert, aber lösen wir damit auch das Problem?“ hakte der König nach. „Ich verspreche mir nichts davon, wenn wir Paul Wayden liquidieren. Dann ist eben jemand anderer da. Ihr habt den Mitglie­dern dieser ... Delegation oder was das gewesen sein soll, vielleicht in die Augen ge­sehen, ich habe in ihre Herzen geblickt. Keiner von ihnen würde zögern, Wayden zu ersetzen, ohne Rücksicht auf Verluste und wenn es das eigene Leben kos­tet. Es ist wie bei einer Hydra. Du schlägst ihr einen Kopf ab, drei wachsen nach.
Nein, nein, es stimmt zwar, dass wir handeln müssen, denn alles ist besser, als dass wir uns so etwas gefallen lassen. Das wäre entschieden die falsche Botschaft. Wer weiß, was man uns morgen zumutet? Aber Wayden und seine Sekundanten lassen wir vorläufig ungeschoren. Ich sage ausdrücklich vorläufig!
Wir kommen so auf keinen grünen Zweig. Entschuldigt mich bitte, aber ich werde die Sitzung jetzt unterbrechen. Ich brauche einen kühlen Kopf und muss nachdenken. In einer Viertelstunde treffen wir uns wieder. Dann gebe ich euch meine Entscheidung bekannt.“
Damit war die Besprechung unterbrochen. Am Gang draußen ging Agnes hinter ihrer Mutter und der Großmutter, die sich immer noch lautstark über die Unverschämtheiten Waydens aufregten, in Richtung Kantine. Als Georg III. für einen kurzen Moment zu Agnes aufschloss, flüsterte sie ihm zu: „Danke, Papa!“ - „Gern geschehen, Agnes.“
Dann begab sich der König auf eine dem Gang angrenzende Veranda. Agnes blieb bei der nächstbesten Enko stehen, die hier in einer neckisch dekorierten Mauernische zwecks allgemeiner Zerstreuung aufgebaut war. Unauffällig beobachtete sie ihren Vater. Ein Spalt, den die elektrische Schiebetüre infolge eines Defektes offen gelassen hatte, ermöglichte ihr den Blick ins Freie, dorthin, wo sich der König gerade befand. Die übrige Familie hatte sich unterdessen weiter zur Kantine begeben.
Tief in Gedanken ging Georg III. auf und ab. Agnes konnte förmlich sehen, wie es in seinem Kopf arbeitete. Instinktiv wollte sie sich zu ihm begeben, aber zugleich wurde ihr klar, das war die Stunde des Königs! Das war die Stunde, in der ihr Vater als König seine wahrscheinlich schwierigste Entscheidung in seiner Amtszeit treffen musste: Was sollte mit Siddi Lohan geschehen? Die Tochter respektierte das und ließ ihn allein.
Zwischendurch atmete König Georg tief ein, oder verweilte für einen Augenblick und sah auf das Häusermeer hinunter. Das weitere Schicksal dieses Landes mit seinen Millionen Einwohnern, seiner Geschichte, seiner Kultur, lag in diesen Minuten in seinen Händen, viel mehr noch als ohnehin. Agnes wusste, ihr Vater war sich seiner Verantwortung bewusst und er würde keine voreilige, unüberlegte Entscheidung treffen.
Träge verging die Zeit. Geistesabwesend bediente Agnes die Enko. Was diese zeigte, interessierte die Prinzessin nicht. Nur am Rande registrierte sie, dass es sich um eine Frau zwischen zwei Männern, also um große Gefühle, handelte ... Wieder einmal mehr blieb König Georg stehen und ließ seinen Blick über Siddi Lohan schweifen. Wie in Zeitlupe wanderte sein Blick von links nach rechts. Agnes sah von hinten, wie er die Hände vor das Gesicht schlug. Für kurze Momente ließen mächtige Gefühle seinen Körper erzittern ...
Agnes hätte viel darum gegeben, jetzt an der Seite ihres Vaters sein zu können. Doch es war seine Stunde, seine Entscheidung, seine alleinige Bürde, diese fällen zu müssen! Es gab niemanden auf der Welt, der ihm diese Last hätte abnehmen können. Nun verstand sie mehr von diesem Menschen, vor allem, warum er als König die ganzen Jahre über so gehandelt hatte. Plötzlich urteilte sie mit mehr Wohlwollen über ihren Vater.
Also stand des Königs Tochter auf dem Gang neben einer Enko, ihrem Alibi, sich hier aufzuhalten und versuchte wenigstens geistig zu helfen. Wäre sie religiös gewesen, sie hätte gebetet für den König, ihren Vater und ganz Siddi Lohan ...
Endlich war die längste Viertelstunde zu Ende, die Agnes je erlebt hatte. Man fand sich wieder im Sitzungszimmer ein. Beunruhigt stellte die Prinzessin fest, wie hart die Gesichtszüge ihres Vaters geworden waren. Entschlossenheit leuchtete aus seinen Augen.
Kaum waren alle wieder versammelt, verkündete Georg III.: „Ich habe mich entschieden ...“


Bei den Verschwörern in ihrer Höhle in Kurts Betrieb herrschte diesen Abend gedrückte Stim­mung. Das Bier schmeckte fade, keiner hatte Appetit auf die übli­chen Würstchen mit Senf.
„Ja, wir haben ihm ans Bein gepinkelt. Aber was nun?“ fragte Paul die anderen.
„Schwer zu sagen“, meinte Claudia. „So weit wie wir hat sich noch niemand gegenüber der Obrigkeit vorgewagt. Ich bin der Auffassung, der König wird das Gesetz des Han­delns an sich reißen. Er kann es sich gar nicht leisten, stillschweigend über unsere Au­dienz hinweg zu gehen, obwohl das wahrscheinlich das Klügste wäre.“
„Wieso denn?“ fragte Kurt, dem die Vorstellung, alles könnte sich im Sande verlau­fen, gar nicht gefiel.
„Wäre ich seine Beraterin, würde ich ihm empfehlen, das Ganze einfach stillschweigend zu übergehen. Was sollen die Linksliberalen denn tun? Einen Bürgerkrieg anfangen? Dass ich nicht lache! Der König könnte die Aufzeichnung löschen lassen und jede Erwähnung in den Medien verbieten. Ir­gendwann in Jahren wäre Gras darüber gewachsen und das war's dann!
Aber erstens wird das nicht nach seinem Geschmack sein. Zweitens würde er damit signalisieren, dass er sich gegen derlei Angriffe nicht verteidigen kann. Das darf er schon aus Prestigegründen nicht durchgehen lassen. Drittens wird ihn das, was ihm Paul gesagt hat, auch persönlich getroffen haben. Wir haben die Ob­rigkeit provoziert und wären die Ersten, die das ungestraft tun hätten dürfen. Nein, der König wird etwas unternehmen. Was und wann, das sind die Fragen ...“
Nach einer kleinen Nachdenkpause sagte Paul: „Ich glaube, wir müssen auf alles gefasst sein. Versetzt unsere Leute in Alarmbereitschaft. In sämtlichen Camps soll man sich bereit machen. Wir haben nicht umsonst Pläne geschmiedet für diesen Fall. Mein Gefühl sagt mir, es kann nicht mehr lange dauern.
Im Übrigen ist mir klar geworden, warum wir die Rebellenarmee sind. Wir berufen uns doch auf die Legende vom Hund. Und Hunde bellen doch, nicht wahr? Steckt nicht schon im Wort Rebell das Bellen?“
„Genau, das ist mir ja noch gar nicht aufgefallen“, bestätigte Kurt grinsend. „Stellt euch vor, was mir heute Vormittag passiert ist. Ich weiß, es interessiert im Augenblick vielleicht nicht besonders, weil wir Wichtige­res zu überlegen haben. Ich möchte es aber trotzdem los werden.
Gegen halb elf Uhr begegne ich einem Beseitigungstrupp. In der Standardformation schleppen die Schweine eine alte Frau ab, wie immer blutig geschlagen. In aller Eile konnte ich mich in einen Kellereingang verdrücken, bevor mir der Blechkübel, der die Vorhut bildete, über die Zehen gerollt wäre. Da überkommt mich doch der Zorn. Die blanke Wut drückt mir Tränen aus den Augen. Mit geballten Fäusten sage ich laut vor mich hin: „Wenn ich nur könnte ...“ Plötzlich steht eine unscheinbare Frau neben mir und fragt mich freundlich: „Ach ja, was würden Sie dann tun?“
„Ich würde mein Leben geben, wenn ich helfen könnte“, antworte ich.
Da reicht mir die Frau eine Pille mit den Worten: „Und wenn Sie wieder einmal bereit wären, ihr Leben zu opfern, dafür, dass Sie helfen könnten, nehmen Sie das. Keine Sorge, Sie wer­den wissen, wenn es so weit ist.“ Damit war sie verschwunden.“
Kurt griff in seine Hemdtasche und holte eine unscheinbare Pille hervor. Niemand in der Runde kannte das Präparat.
Paul kam wieder zum Hauptthema des Abends: „Vielleicht ist die Zeit der Beseitigungsroboter irgendwann einmal abgelaufen. Und was die allgemeine Lage angeht, bin ich Claudias Meinung. Mit großer Sicherheit können wir nur abwarten und uns auf das Äußerste gefasst machen. Der König wird eine Entscheidung treffen. Aber welche?“
In Erwartung drohenden Unheils gingen in dieser Nacht die Verschwörer auseinander ...
Drei Tage später. Punkt 19.00 Uhr wurden alle Enkos in Siddi Lohan ohne Ankündigung unterbrochen. Paul saß ge­rade zu Hause und verzehrte lustlos seine Spaghetti mit Kräutersugo. Das Gesicht des Königs war zu sehen. Hart, zu allem entschlossen blickte er aus den Monitoren, als er sagte: „Paul Wayden. Meine Roboter erwarten eure Truppen am kom­menden Freitag nach Ta­gesanbruch in der Wüste. Dieser Tag wird das Ende der Legende und eurer Träume bringen ...“
Krieg ...!!! Das also war des Königs Entscheidung! Und schon war die Einblendung zu Ende ... Paul rutschten die Aktionsnudeln von Doppelplus die Ga­bel hinunter. Eine Woche also, um eine ganze Armee zu mobilisieren! Hastig führte er eini­ge Telefonate und veranlasste alles Nötige. Wenigstens hatte das War­ten ein Ende ...

Mit gemäßigter Freude nahm Agnes den Stapel sorgfältig verpackter Datenkristalle entgegen, die ihr Judith in die Hände drückte. Das alles galt es nachzuholen, immerhin hatte sie zwei Semester ihres Studiums versäumt! Agnes wollte sich nicht sang- und klanglos damit abfinden, ein Studienjahr verloren zu haben, vielmehr hatte sie den Ehrgeiz, die Zeit zügig wieder aufzuholen. Erfreulicherweise hatte sich Judith spontan bereit erklärt, Agnes heute Abend auf den aktuellen Stand der Dinge an der Uni zu bringen.
„Ich nehme an, man wird dir beim Nacharbeiten und bei den Prüfungen sicher entgegen kommen“, meinte Judith augenzwinkernd.
„Mag schon sein, aber das will ich nicht. Ich bin eine Studentin wie die Übrigen auch und ich will nichts geschenkt. Alles andere ist unter meiner Würde.“
„Es stimmt also, was man mir erzählt hat.“
„Aha, was hat man denn erzählt?“ Neugierig runzelte Agnes die Stirn.
„Dass du deutlich anders, um nicht gerade seltsam zu sagen, geworden bist. ... Sag' mir, bin ich noch deine Freundin?“
„Natürlich. Glaube mir, ich brauche dich jetzt mehr denn je.“
„Willst du mir dann nicht verraten, wo du wirklich gewesen bist und was du erlebt hast? Die Geschichte mit dem Gedächtnisschwund nehmen dir nicht annähernd so viele Leute ab, wie du denkst.“
„Judith, das Geheimnis zu lüften ist keine gute Idee. Es hat mit Arbeit zu tun, mit Furcht, mehr noch, mit Verzweiflung, mit Armut, mit dem, was echt ist im Leben, mit Freundschaft ... und mit Liebe. Diese Zeit war die größte Erfahrung und Herausforderung meines Lebens.“
Judith lachte fast erleichtert auf: „Ach so ist das, ein Mann! Das hätte ich mir denken können. Und ich befürchtete schon, es sei etwas Ernsthaftes. Jetzt hast du mich aber neugierig gemacht. Sieht er gut aus? Was hat er denn?“
„Mächtige Visionen.“
„Agnes, möchtest du nicht ein wenig genauer werden?“
„Nein, ich kann gar nicht.“
„Fehlen dir die Worte?“
„Das nicht, aber dir die Ohren, Judith. Sei mir nicht böse.“
„Wie bitte? Ich verstehe kein Wort.“
„Genau das meine ich.“
Seufzend nahm Judith zur Kenntnis, dass sie nicht weiter in Agnes dringen durfte und stellte ihrem Gast ein Glas Sekt auf den Tisch.
Nachdem Agnes geistesabwesend daran genippt hatte, sagte sie: „Darf ich bei deinem Gästezimmer aus dem Fenster sehen? Ich meine, so wie damals?“
„Sicher, aber ich kann dir das zurzeit noch weniger empfehlen als sonst. Du wirst gleich merken, warum.“
Tief sog Agnes die kühle, feuchte Abendluft ein, die durch das geöffnete Fenster wehte. Es war ein seltsames Gefühl, wieder hier zu stehen, nach über einem Jahr. Auf der anderen Seite des Dessino lag das Nordviertel, wie immer leicht unwirklich in schwefliges Licht getaucht. Der Anblick erinnerte Agnes an die Oberfläche eines fremden Planeten. Wie schon vor einem Jahr fesselte sie der Ausblick auf rätselhafte Weise. Es ging davon eine hypnotische Faszination aus wie von ei­ner schönen, aber Unheil bringenden Blume aus einem Hexenmärchen.
An dieser Blume hatte sie ein Jahr lang tief gerochen, ihr Duft hatte sie und ihr Leben verändert, gründlich, unumkehrbar ...
Kaum waren die Fensterflügel geöffnet, sagte Judith: „Hör doch, Trommeln ...“
In der Tat! Von der anderen Seite des Dessino war ein dumpfes, hypnotisches Trommeln zu hören, begleitet von dröhnenden Männerstimmen, das die üblichen schwer zu definierenden Geräusche überlagerte. Was gesungen wurde, war wörtlich nicht zu verstehen, dennoch offenkundig. Es tönte wie ein Chor aus der Hölle ...
Judith fuhr fort: „Nacht für Nacht geht das so dahin. Pünktlich eine Stunde vor Mitternacht fängt es an. Auf dem Campus wird erzählt, die Rebellen machen sich Mut damit. Bis in den frühen Morgen ist das zu hören. Erst wenn die Sonne aufgeht, verebben diese schauerlichen Klänge. Ich verstehe nicht, dass man diese Belästigung nicht abstellt.“
Agnes erwiderte: „Das ist keineswegs so einfach, wie du dir das vielleicht vorstellst. Der Geheimdienst hat es bereits versucht. Sie haben vorgestern fünf Agenten heimlich während der Nacht in den Piratensender eingeschleust, der als Ausgangspunkt vermutet wird. Ihre Leichen hat man frühmorgens aus dem Dessino gefischt.“
„Was erzählst du da? Und wieso hört die Öffentlichkeit nichts davon?“
„Weil mein Onkel, der General, gesagt hat, es sei bedeutungslos, in wenigen Tagen sei es ohnehin ganz, ganz ruhig. Das Grinsen hättest du sehen sollen. Die Öffentlichkeit vernimmt prinzipiell nur das, was einige wenige wollen.“
„Ich habe die Unterredung dieses Paul Wayden mit deinem Vater mitverfolgt. Höchst interessant, was dieser Wayden vorgebracht hat. Er hatte zwar eine prägnante Rhetorik, aber ehrlich gesagt tat ich mir trotzdem schwer, ihm zu folgen.“
„Jeder Hund beißt einmal zu, wenn du ihn lange genug schlägst.“
„Und du meinst, demnächst wird gebissen?“
„Gebissen ist nicht annähernd das richtige Wort, so fürchte ich. Was da so bedrohlich herüberklingt, Judith, läutet unwiderruflich das Ende Siddi Lohans, so wie wir es kennen, ein. Es gibt kein Zurück, es gibt kein Entrinnen, daran habe ich nicht den leisesten Zweifel. Die Frage ist nur, wie blutig das Ende ist und wer aller sterben wird.“
Kreidebleich starrte Judith in die Nacht hinaus. Mit einem Schlag war ihr der Ernst der Lage bewusst geworden. Stetig dröhnten die Kriegstrommeln über den Dessino herüber ... Unwillkürlich griff sie nach der Hand ihrer Freundin. Nach einem Moment des Schweigens flüsterte sie: „Zum ersten Male in meinem Leben fürchte ich mich so richtig. Ja, ich habe Angst um uns beide, Agnes.“
„Ich fürchte um uns alle“, erwiderte die Prinzessin. Tränen liefen den beiden Frauen die Wangen hinunter.
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Ich schreibe, also bin ich.
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BeitragVerfasst am: 12.02.2008, 09:18    Titel: Ein Hund tritt in den Saal 2. Kapitel / 10. Teil Antworten mit Zitat

Paul wandte sich an Leutnant Hölzl, der für die Registrierung der Soldaten zustän­dig war: „Wie viele unserer Leute sind es?“
Hölzl saß neben Claudia, der Strategin, die in eine Geländekarte ver­tieft war. Daneben der Kommunikationsoffizier hinter seinen Funkge­räten, Telefo­nen und sonstigen Geräten aller Art.
Der Leutnant rief die Datenbank seines Computers ab und antwortete dann: „Schwer zu sagen. Es ist ein bisschen ein Kommen und Gehen, aber offiziell sind bisher 40536 Soldaten registriert. Zirka acht Prozent davon sind Frauen. Es ist schon halb drei Uhr morgens und ich glaube nicht, dass noch wirklich mehr kommen. Ich glaube, wir können zufrieden sein, wenn wir den Stand halten.“
Das Geräusch eines Traktors drang von draußen herein. Leutnant Hermann Ruhdorf, im Zivilberuf Bau­er, war angekommen. Kaum war das Gefährt eingeparkt und der Motor abgestellt, trat Hermann in das Zelt.
„Entschuldigt, ich komme spät. Meine Frau hat es sich nicht nehmen lassen, mir ei­nen kräftigen Imbiss zu servieren. Ohne den hätte sie mich nicht gehen lassen. Ihr wisst ja, die Weiber ...“
Claudia Hehn sah ihn böse an.
„Oh, Entschuldigung, die Damen wollte ich sagen ... Habe ich etwas versäumt?“
„Nein, nein“, antwortete ihm Paul Wayden. „Lass dich von Claudia einweisen. Ich muss ein wenig an die frische Luft.“
Hermann griff in seine Hosentasche und holte eine Tablette heraus. Auf den fragenden Blick Claudias hin kommentierte er achselzuckend: „Der Hausarzt hat mir gesagt, es kündige sich eine Gicht an.“
„Und da ziehst du in die Schlacht?“
„Man tut, was man kann.“
Paul hatte inzwischen das Zelt verlassen, das in einer Bo­densenke am Rande der Wüste aufge­stellt worden war. Seine drei Leibwachen folgten ihm auf den Fersen. Man hatte es für nötig gefunden, Paul Wayden gegen seinen eigenen Willen Personenschutz beizustel­len, weil zu befürchten war, dass die Gegenseite einen Attentäter auf den Kommandanten angesetzt hatte.
Im ganzen Lager liefen die Vor­bereitungen für die kommende Schlacht auf vollen Touren. Allenthalben wurden Waffen und jede Menge Munition ausgegeben. Die Leute eilten hin und her, wobei sie versuch­ten, sich in der Dunkelheit nicht gegen­seitig im Weg zu stehen. Licht war nur in den Zelten erlaubt. Da und dort reinigte je­mand seine Ausrüstung. Zwischen­durch versuch­ten einige der Rekruten, zu schlafen. Verschiedene Fahrzeuge kamen an, wurden in Windeseile ent­laden und verließen wieder das Lager.
Paul hatte ein ausgesprochen flaues Gefühl im Magen. Aber er ließ sich gegenüber den Soldaten nichts anmerken, sondern verstreute in gelegentlichen Gesprächen mit dem einen oder anderen so viel Zweckoptimismus, wie es ihm möglich war. Verwundert stellte er fest, wie er sich selbst dadurch besser fühlte.
Allmählich führte ihn sein Weg durch das Lager zu einem der Wachposten, der am südlichen La­gerrand seinen Dienst versah. Nachdem dieser ge­meldet hatte, dass die Lage ruhig und von der Roboterarmee noch nichts zu be­merken sei, fragte er Paul: „Glauben Sie, Kommandant, dass ich morgen um die gleiche Zeit noch leben werde?“
Paul klopfte dem Soldaten auf die Schulter und antwortete: „Wer weiß? Sie könnten genauso bei Grün über die Kreuzung gehen und irgendein Arschloch fährt Sie über den Haufen. Das ganze Leben ist lebensgefährlich ... Auf jeden Fall glaube ich fest daran, dass wir eine echte Chance haben.“
Zurück im Kommandozelt meinte er an die Strategin gewandt: „Alles ruhig da drau­ßen, wenn es nach den Wachen geht.“
„Geht es aber nicht“, erwiderte Claudia spöttisch. „Erstens gibt es da die Spionage­satelliten. Sie finden unser Lager schon anhand der Infrarotaufnahmen. Wir könnten unser Lager genauso gut beleuchten wie ein Fußballfeld. Zweitens haben wir jede Menge Spitzel in unseren Reihen und drittens wird unser Funkverkehr abgehört. Da nützt keine Scannertarnung oder die Kodierung der Funk­sprüche, das ist alles mehr zu unserer eigenen Beruhigung.“
„Das heißt also, keiner von uns kann laut pupsen, ohne dass die es wissen?“
„Ja, etwas salopp gesagt. Wäre es nicht im Sinne des Königs, könnten wir niemals so unbe­helligt eine Armee aufmarschieren lassen. Für die Königsfamilie ist das hier eine einma­lige Chance, den harten Kern des Widerstandes für immer auszuradieren. Deswegen sage ich dir: Es ist nicht halb so wichtig, wie es vielleicht erscheinen mag, dass wir uns vor den Gegnern nicht besser abschotten können.
Und was die strategische Lage angeht, lass mich dir mitteilen: Die wissen nicht nur genau, was wir tun und wo wir sind, die sind selbst schon da draußen in der Wüste, kei­ne fünf Kilometer südlich von uns in voller Bereitschaft.“
„Woher möchtest du das wissen?“
„Sieh dir diese Geländeformation auf der Karte an. Das ist eine Hügelkette, die sich viereinhalb Kilometer lang von Osten nach Westen zieht. Was dahinter ist, können wir wegen des abschüssigen Geländes mit unseren Ferngläsern nicht beobachten. Lei­der konnten wir bisher noch immer nicht die Spionagesatelliten anzapfen. Deswegen sind wir zum Teil auf Vermutungen angewiesen.
Ich sage dir, Paul, kaum wird die Sonne scheinen, werden sie über diese Hügelkette auf uns zukommen.“
„Gut“, sagte Paul, „oder besser gesagt schlecht. Aber wir werden damit leben.“
„Oder damit sterben“, warf einer der umstehenden Offiziere grinsend ein.
Sogleich rief ihn Paul zur Ordnung: „Das war jetzt nicht witzig. Wem der Arsch auf Grundeis geht, der kann ja gehen.“
„So war das nicht gemeint“, verteidigte sich der Offizier.
Beschwichtigend legte Claudia Paul die Hand auf die Schulter und riet ihm: „Unsere Nerven liegen alle blank. Nur nichts überbewerten. Leg dich noch ein bisschen schla­fen, bis zum Morgengrauen haben wir auf alle Fälle unsere Ruhe.“
In seinem Zelt fiel Paul wieder der Wachsoldat ein, der ihn vorhin gefragt hatte, ob er überleben werde. Im Dienste der Sache hatte er diplomatisch formulierten Optimismus verbreitet. In Wahrheit hätte Paul ihm sagen wollen: „Nein Soldat, ich rechne nicht damit, dass Sie morgen um dieselbe Zeit noch leben werden. Viel eher werden Sie schon bald tot in der Wüste liegen, Ihre Knochen zertrümmert, das Fleisch zerfetzt, Ihr Blut wird den Sand tränken und Ihre Schreie werden im Chaos des Kampfes untergegangen sein. Am wahrscheinlichsten ist es, dass morgen um dieselbe Zeit Ihre Familie und Ihre Freunde um Sie weinen werden ...“
Was gäbe er darum, das im letzten Moment noch verhindern zu können ...! Paul setzte sich im Schneidersitz nieder und versenkte sich ... Zunehmend wurde die Welt um ihn dunkel ... Bald schweifte sein Blick weit über eine menschenleere Gegend in spätabendlicher Dämmerung ...
In dieser bedrückenden Düsternis hörte Paul seine eigene Stimme: „Oh Göttin Ilak-Gatha, man sagt, unsere Tage seien dein Zeitalter. Ich habe noch nie zu dir gebetet, denn ich bin gar nicht überzeugt, dass es dich überhaupt gibt. Doch in dieser bitteren Stunde drängt es mich, das zu tun. Nun verstehe ich, wenn viele Feldherrn am Vorabend der Schlacht zu ihren Göttern gebetet haben. Das Wort Schlacht kommt von schlachten und meine Mitkämpfer und ich werden es sein, die geschlachtet werden ...“
Wetterleuchten zog auf ... In unregelmäßigen Abständen leuchtete der Horizont in unwirklichem Lichte auf und erhellte derart die Landschaft. Für Bruchteile von Sekunden schälten sich beunruhigende Objekte, Formen und Schatten aus dem diffusen Dunkel ... Paul hatte das Gefühl, als stünde des Böse selbst auf gegen ihn und die Sache, für die er morgen zu Felde ziehen musste ...
Mit einem Mal tauchten die Umrisse des Schlossberges sowie des Königsschlosses auf dessen Spitze auf ... Als verkündeten sie Verderben und Tod stachen die Türme in die Höhe. Die Erde begann zu beben, so als näherte sich eine Herde wilder Bestien in Raserei ...
Paul hörte weiter seine Stimme: „Ich bitte dich nicht um Ruhm und Ehre für mich, nicht einmal, dass ich den morgigen Tag überlebe, aber lass unsere Sache nicht untergehen. Was immer du verlangst, Ilak-Gatha, ich bin bereit, dafür geradezustehen, aber hilf uns! Du bist meine letzte Hoffnung.“
Unsichtbar stand Ilak-Gatha vor ihm und hörte geduldig lächelnd zu ...
In Pauls visionärer Schau verschwand der Königsberg und gab den Blick auf einen Kampfroboter frei. Unaufhaltsam bewegte dieser sich wie ein krabbelndes Insekt vom Horizont auf Paul zu. Es erweckte den Eindruck, als würde ein böse Wille ihm ein unheiliges Leben verleihen. Die abgeblendeten Scheinwerfer auf der Vorderseite schienen vor Hass zu erglühen wie die Augen in der Fratze eines Dämons. Drohend kam der Roboter durch das Wetterleuchten immer näher ...
Paul fuhr fort: „Ich bin ein einfacher Mensch, ein Händler auf dem Trödelmarkt und froh, wenn ihm niemand das Fell über die Ohren zieht. Dir, Ilak-Gatha, kann ich es ja sagen, denn du existierst möglicherweise gar nicht einmal, obwohl ich mir im Augenblick kaum etwas sehnlicher wünsche als das ...
Ich habe keine Ahnung, wie ich das morgen alles hinkriegen soll. Ich fühle mich heillos überfordert.“
Das Beben wurde noch stärker, ein dämonisches Dröhnen, das die Luft mit Bosheit und Unheil schwängerte, kam auf ... Lange würde es nicht mehr dauern ... Verzweiflung schien Paul zu übermannen: „Und wenn du uns nicht helfen willst, dann sage ich: Zum Teufel ...“
Von einem Augenblick zum anderen versagte ihm die Stimme. Ilak-Gatha fiel ihm ins Wort: „Rede keinen Unsinn, Paul. Ich weiß auch so, wie viel auf dem Spiel steht. Was einen Mann groß macht ist die spirituelle Kraft seiner Visionen.“
Paul verstand die Göttin nicht. Er vernahm nur eine singende weibliche Stimme, die sich aus den Tiefen seiner Vision näherte. Verzückt hielt er inne ...
Es waren die schönsten Klänge, die Paul je gehört hatte und außerdem vertrieben sie die düsteren, bedrohlichen Bilder seiner Schau. Das Beben verschwand, ebenso das Dröhnen in der Luft ... Obwohl er den Inhalt des Gesanges nicht verstand, vermittelte Paul das Lied Mut, Zuversicht und den unerschütterlichen Glauben, für das Gute in der Welt zu stehen ...
Paul fand wieder langsam zu sich. Er fühlte sich wie ein Baum, der im Frühling die Kraft des nährenden Regens aus dem Boden bis in seine Spitzen saugt. Tief ergriffen lauschte er, bis diese überirdischen Klänge sachte verebbten ...
Behutsam hielt Ilak-Gatha Pauls Wangen in ihren Handflächen und küsste ihm zärtlich die Tränen aus den Augenwinkeln ... Paul sank schlafend zu Boden.


Kurz vor dem Sonnenaufgang hatte sich die Königsfamilie im Waffenturm, der nordwest­seitig an der Schlossanlage fast schon grimmig aus dem Felsmassiv in den Him­mel ragte, versammelt. Ein Stockwerk unter der offiziellen Kommandozentrale im vier­ten Stock hatte man für die Königs­familie einen Simulationstisch und einen Panorama­monitor bereitgestellt, damit diese das Ge­schehen auf dem Schlachtfeld mitverfolgen konnte. Der Simulationstisch war kreisförmig mit einem Durchmesser von etwa drei Me­tern und zeigte die Wüste im Westen Siddi Lo­hans in holografischer Abbildung. Um den Tisch waren Stühle aufgestellt, livrierte Die­ner erlaubten sich gerade den Morgen­kaffee zu servieren. Später am Vormittag hatte der Zeremonienmeister Chips, Popcorn und dergleichen, je nach Wunsch der Herr­schaften, geplant. Er, der Zeremonienmeister selbst, war jedoch nicht persönlich anwe­send. Niemandem fiel es auf.
Ein Blick in die Runde informierte den General von Löwenstein, dass alle anwesend waren. Hatte er doch erwartet, dass wenigstens der eine oder andere verschlafen wird, aber nein, die Neugier schien alle rechtzeitig aus den hellblauen, rosaroten, champagnerfarbenen und sonst was Himmelbet­ten gejagt zu haben.
Mit einem Stab, der die Wichtigkeit seiner Position unterstreichen sollte, klopfte er auf den mahagonihölzernen Rand des Simulationstisches und konzentrierte damit die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich.
„Guten Morgen“, sagte er gönnerhaft und ergänzte in Gedanken: ihr meine Beklopf­ten. „Ihr seht hier eine holografische Abbildung der Wüste, in der in Kürze die Schlacht stattfin­den wird. Die Einheiten unserer Roboterarmee sind blau dargestellt, die der Rebellen rot, blutrot, denn bluten werden sie heute, die Schweine.“
Heinrich war ganz begeistert: „Recht so!“
Aber Onkel Otto schätzte keine Unterbrechungen und bedachte daher Heinrich mit ei­nem missbilligenden Blick. Dann fuhr er fort: „Wir haben diese unwirtliche, verlassene Gegend als Schauplatz des Kampfes ausgewählt, damit in Siddi Lohan möglichst we­nig Schaden angerichtet wird. Wiederaufbau kostet Geld und das ist auf unseren Bank­konten erheblich besser angelegt. Man sollte auch vernünftig denken.“
„Warum muss das eigentlich so früh am Morgen sein?“, warf die Großmutter unwillig ein, indem sie ihr soundsovieltes Gähnen unterdrückte. Sie war in der Tat nur mit Mühe und Not so früh aus dem Bett gekommen. „Hätte es nicht vier Uhr am Nachmittag ge­nauso gut sein können?“
Kurz vor 16 Uhr war nämlich ihre Lieblingsserie im Fernsehen zu Ende. Die Folge gestern hatte damit geendet, dass sich ganz Siddi Lohan fragte, ob das unschuldige, junge Mädchen vom Lande, dem die Sympathien der Zuschauer gehörten, noch einmal von ihrem Liebhaber betrogen wird. Wie würde sich dieser entscheiden, war er doch zusätzlich mit einer anderen, einer intriganten, bösartigen Schlange liiert, die außer ei­nem Heißhunger im Bett und angestrichenen Fingernägeln nichts vorzuweisen hatte? Ein Mann zwischen zwei Frauen! Würde er die richtige Entscheidung treffen? Würde sich sein Herz durchsetzen, sein wahres Herz ...? Oh ja, große Gefühle waren angesagt ...
Doch schon rissen die Erklärungen des Generals die Großmutter aus ihren tief schür­fenden Erwägungen: „Sicher, für unsere Roboter wäre es völlig egal, wann sie kämp­fen, aber nicht für die Rebellen. Ihr müsst euch vorstellen, sie haben schlecht geschla­fen, die meisten überhaupt nicht, sie haben während der Nacht ihre Einheiten aufstel­len müssen, da klappt so manches nicht, das bringt ihnen Nachteile und uns damit Vor­teile. Der Rest ist psychologische Kriegsführung.“
In Gedanken ergänzte er: „Und davon versteht ihr Blindgänger sowieso nichts.“
„In meiner Kopfhöhe seht ihr auf dieser Seite einen Panoramamonitor mit einigen wichtigen Anzeigen: In der Mitte die Wahrscheinlichkeitsberechnung, wie der Kampf ausgehen wird, rechts eine Liste der eigenen Verluste, links die der Gegner. Die Anzei­gen werden alle drei Mi­nuten aktualisiert. Dazwischen werden Originalaufnahmen vom Schauplatz übertragen, die uns unsere Beobachtungsroboter übermitteln, damit auch für Unterhaltung gesorgt ist.
Für strategisch-taktische Erklärungen steht euch mein Adjutant, Oberst Herzog von Grächt, hier zur Verfügung.“
Kumpelhaft klopfte er einem seiner Offiziere, der hoch dekoriert neben ihm stand, auf die Schulter.
„Ich werde jetzt in die Kommandozentrale hinaufgehen und von dort aus den Kampf leiten. Seid guter Dinge, es ist so gut wie ausgeschlossen, dass wir verlieren. Ich ver­spreche euch, der heutige Tag bringt ein für alle Mal die Lösung unserer Probleme. Und das vor dem Mittagessen! Wir wollen ja alle pünktlich zu Tische sein, hähähä. Also lasst es euch gut gehen und genießt.“
Und schon war der General verschwunden. Jede Minute mehr mit diesen Trotteln war Zeitverschwendung. Oberst, Herzog von Grächt, glänzte vor Freude wie ein Schuljun­ge, der am ersten Tag des neuen Schuljahres seine Tüte erhalten hat. Immerhin hatte er damit endlich die Gelegenheit bekommen, der Königsfamilie seine strategischen Fä­higkeiten zu demonstrieren. Das konnte im Hinblick auf eine spätere Beförderung nur von Nutzen sein. Dementsprechend legte er sich ins Zeug.
Mit einer weit ausholenden Geste wies von Grächt auf den Simulationstisch und sag­te: „Wie schon General von Löwenstein erklärte, sehen Sie hier das Wüstengelände. Hier im Süden sind unsere Einheiten, ihnen gegenüber im Norden die der Rebellen. Es wird Ihnen vielleicht auffallen, dass sämtliche Einheiten durch stumpfe Lichter symboli­siert sind, das soll heißen, sie sind inaktiv. Während des Kampfes hingegen leuchten sie hell auf. Auf der linken Seite zieht sich der Wadi von Norden nach Süden kommend hin. Er ver­einigt sich unmittelbar südlich von Siddi Lohan mit dem Dessino, sofern er gerade Was­ser führt. Das ist zurzeit der Fall. Aber das ist strategisch nur von unterge­ordneter Be­deutung.
Aus Geheimdienstberichten wissen wir, dass die Rebellenarmee wenigstens grund­sätzlich so organisiert ist, wie unsere eigene vor der Umstrukturierung auf Roboter. Ihre Einheiten wurden am nördlichen Rand der Wüste zusammengezogen, fast 5 Kilometer entfernt von unseren Robotern. Hier befinden sich der Lauf des vertrockneten Flusses, einige seiner Nebenarme und etliche Höhlen, die den Rebellen zusätzlich Schutz ge­währen.
Unsere Roboter sind hier stationiert, hinter dieser Hügelkette, einer felsigen Gelände­formation von durchschnittlich zwanzig bis dreißig Metern Höhe. Etwa ein Kilometer dahinter befinden sich unsere Bereitstellungsräume.“
Die Großmutter unterbrach ihn gähnend: „Was sind diese, äh ... Dings da, diese Breitstellungsräume?“
„Bereitstellungsräume“, korrigierte von Grächt nachsichtig lächelnd, „ist der Fachausdruck für den Ort, an dem die Roboter wieder Munition erhalten, wenn diese verschossen ist. Im Bedarfsfall werden sie auch repariert oder sogar zur Gänze ersetzt. Kurzum, ein taktisches Refugium. Ich möchte Sie zwar nicht mit Details langweilen, dennoch sollten Sie wissen: Bereitstellungsräume dienen der Logistik der kämpfenden Truppenteile und sind damit von ganz immenser Bedeutung.“
Überrascht runzelte die Königin ihre Augenbrauen: „Was hat das alles mit Logik zu tun?“
„Entschuldigung bitte, aber das heißt Logistik, nicht Logik. Alles, was der Unterstützung der kämpfenden Truppen dient, nennen wir Militärs Logistik. In den Bereitstellungsräumen kommen wir leider auch ohne Menschen nicht aus. Also haben wir kurzfristig fast tausend Arbeitslose aus dem Nordviertel verpflichtet gegen freie Verpflegung und ein ansehnliches Taschengeld.“
„Und da soll noch einer sagen, wir täten nichts gegen die Arbeitslosigkeit“, meldete sich Heinrich. „Abgesehen davon finde ich es einen witzigen Einfall, die Arschlöcher gegen sich selbst kämpfen zu lassen.“
Da sagte von Grächt aufgeregt: „Halt! Sie sehen, wie eini­ge unserer Einheiten aufleuchten!“
Der Offizier studierte einen Augenblick die Anzeigen auf dem Monitor, dann fuhr er fort: „Aha, das ist nur Abwehrfeuer unserer Luftraumverteidigung. Wahr­scheinlich ein gegnerisches Spionageflugzeug oder etwas Ähnliches. Nichts von Bedeu­tung. Der Um­stand, dass sich die Einheiten nicht bewegen, heißt, das ist nicht unser Angriff. Richtig begonnen hat es jedenfalls noch nicht.“
„Wann beginnt denn nun unser Angriff?“, wollte die Königin ungeduldig wissen.
„Jeden Augenblick müssen die Lichter aufblinken, dann geht es los, meine Herr­schaften.“
Kaum hatte von Grächt das gesagt, wurden die blauen Lichter hell und bewegten sich lang­sam auf die Hügelkette zu und über diese hinüber. Endlich ging die Show los, fand Prinz Heinrich, dem schon langsam langweilig geworden war. Der Großmutter entfuhr es begeistert: „Jaaaaa, gebt es den Schweinen ordentlich!“,
„Nana, Schwiegermutter!“, rief sie der König zur Ordnung.
„Ja, was denn, wenn's halt so spannend ist.“


Blutrot schickte die Sonne zögerlich ihre allerersten Strahlen über den Horizont im Osten. Am nördlichen Rande der Wüste hatte sich die Rebellenarmee bereit ge­macht, die Waffen geladen, alles wartete nur mehr auf die Befehle. Die Männer und Frauen in den Tarnan­zügen der al­ten Königsarmee, bevor diese auf ausschließlich Ro­boter um­gestellt wor­den war, tum­melten sich nervös im Gebüsch und an den Ufern des alten, vertrockneten Flusses. In einiger Entfernung vom Hauptlager hatte man die dort vor­handenen Höhlen genützt, um das Sanitätszentrum einzurichten. Noch weiter ent­fernt lagen die Nachschubdepots und der Fahrzeugpark.
Paul, Führer der Rebellenarmee, stand im Kommandozelt im Kreise seiner Offiziere. Neben ihm befand sich der Computer, der extra für die Kampfbeobachtung und als strategische Ent­scheidungshilfe in Betrieb ge­nommen worden war. Es wurde ge­rade eine Lagebespre­chung abgehalten. Da meldete sich Oberleutnant Clau­dia Hehn zu Wort: „Für eine korrek­te Einschätzung der strategischen Situation verfüge ich über zu wenig In­formationen. Lass doch die Info-Biene starten.“
„Ein Spionageflug?“, überlegte Paul. Eine gute Idee. Wozu hatten sie denn ein entsprechendes Fluggerät, wenn auch nur ein einziges? Gewiss, es war nicht das neueste Modell, sondern eine Stoa 402b, die vor acht Jahren aus der Königsarmee ausgemustert wor­den war. Reparieren hatte man sie neulich auch müssen, und angeb­lich hatte der Motor immer noch Aussetzer, aber einen Versuch war es allemal wert. Wer aber sollte der Pi­lot sein? Verlegen sahen alle Soldaten in seiner Umgebung weg. Wer immer sich mit die­sem zweifelhaften Gerät in die Luft erheben würde, wäre sofort Ziel der geg­nerischen Luft­raumverteidigung. Gewiss, die Stoa 402b war außerordentlich klein und unter normalen Gefechtsbedingungen schwer zu treffen, aber bei dieser war man ja nicht einmal sicher, ob der Pi­lot mit heiler Haut zurückkommen würde, selbst wenn die Gegenseite keinen einzigen Schuss ab­feuerte.
Nach Minuten betretenen Schweigens opferte sich Leutnant Hermann Ruhdorf, weil es ja schließlich einer tun musste. Außerdem hatte er seinerzeit, in der alten Königsar­mee, die Dinger wenigstens gewartet. Daher fühlte sich Hermann irgendwie zuständig.
Als er sich die Ledergurte anschnallte und bemerkte, wie speckig sie waren und wie vie­le Risse diese infolge ihres ehrwürdigen Alters hatten, bereute er be­reits seinen Schritt. Ja, er war mutig, aber so mutig??? Doch für einen Rückzieher war es schon zu spät. Also meinte er scherzhaft: „Wenn ich zurückkomme, werde ich Museumswärter.“ Nie­mand lachte.
Kaum hatte sich Hermann mit seiner Stoa 402b annähernd dreihundert Meter in die Luft erhoben, begann das feindliche Feuer. Im Grunde befand er sich außerhalb der meisten der gegnerischen Waffen, einzig die Luftabwehrraketen hatten eine kleine Chance, ihn zu treffen. Für die Roboterarmee war es aber wichtig ihn abzuschießen, denn zu diesem Zeitpunkt brachte es erhebliche taktische Nachteile ein, wenn die Re­bellen zu viele Informationen über ihre Stärke, Bewaffnung, Aufmarschformation usw. er­halten würden.
Links und rechts pfiffen die Sprenggeschos­se an Hermann vorbei. Die Ab­schüsse hörten die Rebellen unter ihm am Boden wie ein ent­ferntes Grollen. Ge­nauso gefährlich, wenn auch unhörbar, war der Laserbeschuss. Dank starker Höhen­winde wurde die Info-Biene jedoch schwer hin- und hergeschüt­telt, wodurch Hermann und sein Gerät nicht getroffen wurden. Je höher der Soldat stieg, desto seltener wur­de der Laserbeschuss, denn Schmutzpartikel und Nebeltropfen in der Luft beein­trächtigten die Trefferwahrscheinlichkeit zunehmend.
Hermann wurde langsam schlecht. Mit einer zunehmend unge­sunden Färbung sei­nes Gesichtes ging er daran, in Windeseile die Datenbeschaffungs­programme zu initia­lisieren und die Scanner zu kalibrieren. In gleichmäßigem Tempo schraubte sich die Info-Biene in unre­gelmäßigen, konzentrischen Kreisen immer mehr in die Höhe und zu­gleich in Richtung Süden, wo die Königsarmee vermutet wurde. In eineinhalb Kilometern Höhe stoppte er den Aufstieg. Schaukelnd blieb er sozusagen in der Luft stehen, wodurch er ein leichteres Ziel wurde.
Als Hermann so weit war, startete er die eigentliche Arbeit. Dank des unaufhörlichen Hin und Hers dauerte es jedoch länger als gewöhnlich, bis alle Daten gesammelt wa­ren. Zu guter Letzt musste er sich noch in die Tiefe übergeben, so schlecht war ihm in­zwischen geworden. Gerade als er die Datenübertragung starten wollte, gingen die Luftverteidigungsroboter, mehr als sechs Kilometer schräg unter ihm auf Sperrfeuer über. Tau­sende Geschosse aller Art und Kaliber rasten dicht gedrängt zu ihm hinauf. Es war wie ein Re­gen, der sich in Richtung Himmel er­goss.
Mit einem dumpfen Knall wurde das Spionageflugzeug getroffen. Es riss die Biene förmlich auseinander. Auch Hermann wurde verletzt. Er wurde aus den Gurten ge­schleudert und konnte nur noch mit Genugtuung feststellen, dass in diesem Augenblick die Daten be­reits übertragen waren. Hoffentlich waren es auch alle gewesen.
In steigender Geschwindigkeit fiel er mitten durch die Geschossgarben auf die Erde zu ... Wie durch ein Wunder wurde er nicht wieder getroffen. Blut ergoss sich aus sei­nem Mund und verlor sich in der Luft. Der pfeifende Wind, das ferne Grollen der Ab­schüsse und seine Schreie vereinigten sich zu einer gemeinsamen Geräuschkulisse. Ei­nige hundert Meter später riss der Wind Hermann das blutige, von zwei Splittern sei­nes Fluggerätes zerfetzte Hemd vom Leib. Mit nacktem, blutverschmiertem Oberkörper driftete er weiter durch die Luft nach unten und trieb dabei infolge der starken Luftströ­mung im­mer weiter nach Nordosten ab. Noch ein Stück weiter stellten die Roboter ihr Feuer ein. Es war unökonomisch, einen, ohne Fallschirm mitten durch den Himmel fal­lenden Re­bellen weiter zu beschießen.
Unaufhaltsam kam indessen die Landschaft unter Hermann nä­her ... Dann wurde der Soldat ohnmächtig. Er landete in einer kleinen, aber dichten Baumgruppe, in einer ansonsten gänzlich verkarsteten Landschaft, im Nordosten der Re­bellenarmee. Hermanns blutiger Körper streifte eine Tanne entlang, die mit ihren kräftigen Ästen den Sturz geringfügig bremste. Zu gu­ter Letzt krachte Her­mann durch dichtes Ge­büsch auf moosigen Boden. Mit einer Un­zahl gebrochener Kno­chen blieb er bewusstlos liegen, ungleich mehr tot als lebendig. Sein Ende war nur mehr eine Frage von Se­kunden.
Als Ilak-Gatha auf den Unglücklichen niedersah, sagte sie sich: „Nein, das ist nicht recht. Ein braver, tapferer Mann, zu Hause eine Frau und vier Kinder! Sie brauchen ei­nen Ehemann und einen Vater.“
Da holte sie tief Luft und hauchte ganz fest und lange über Hermanns malträtierten Kör­per aus ... Geradeso, als ob sie mit ihrem Atem ein verlöschendes Feuer wieder zum Aufflackern brächte, so erstarkten die Lebensgeister in Hermann.
Dieser stand bereits vor dem wuchtigen Tor zur Unter­welt, die Handflächen auf den metallbeschlagenen Flü­geln. Schon hatte es den An­schein, als würde sich das Tor öffnen, als Hermann eine Stimme hinter sich hörte. Sich umdrehend gewahrte der Soldat so etwas wie eine Frau aus Licht, die ihm winkte. Je mehr er sich ihr zuwandte, desto mehr rückte der Eingang zur Unterwelt hinter ihm in die Ferne. Hermann folgte einfach der Frau und diese führte ihn wieder zu den Lebenden. Als er die Au­gen aufschlug, wunderte er sich, wie wenig ihm passiert war ...
Zufrieden sah in der Zwischenzeit Oberleutnant Claudia Hehn, die strategische Beraterin, in ihren Laptop. Die al­lermeisten Daten der Info-Biene hatte sie korrekt empfangen können. Das war die erfreuliche Nachricht. Nach fünf Minuten systemati­scher Analyse kam die unerfreuliche. Claudias Gesicht verfinsterte sich, denn die Stärke der Königsarmee war größer als erwartet. Die Ausrüstung der rund 2180 Roboter ver­schiedenster Baureihen war das Modernste, was die Technik zu bieten hatte.
Etwa tau­sendzweihundert Roboter gehörten der Kadettenklasse an. Sie waren rund drei Meter hoch und mit zwei Waffenarmen ausgestattet. Jeder der Arme trug ein leichtes Maschi­nengewehr mit fünftausend Schuss verschiedenartiger Munition. Dazu kamen achthun­dert Schlachtroboter aus der Dragonerserie. Das waren bereits zwölf Meter hohe Blech­riesen mit je dreißig Raketen unter den Waffenarmen und einem schweren Maschinen­gewehr. Um den toten Winkel nach unten möglichst klein zu halten, hatte man das Ma­schinenge-wehr in einer Höhe von zweieinhalb Metern an der vorderen Außenseite des Rumpfes montiert. Das hatte der Waffe im Volksmund den Spitznamen „kleiner Maxi“ eingetragen. Eine Laserkanone, vier Nebel- und vier Feuertöpfe an der Spitze des Riesen vervollstän­digten das Waffenarsenal.
Der Rest waren Beobachtungsroboter, so genannte „Spinnen“. Sie dienten der Ge­fechtsfeldbeobachtung und der Störung der gegnerischen Kommunikation. Sie waren mit einem leichten Maschinengewehr und zwei Nebeltöpfen zwar kaum bewaffnet, aber mit ihren acht spinnenförmigen Beinen schnell und wendig. Die schwarze Bemalung mit ihren grauen Strichen und grünen Flecken erinnerte an eine exotische Spinnenart. So­gar Augen waren der Maschine auf der Vorderseite aufgemalt. Die Roboter dieses Typs waren bewusst Spinnen nachgebaut worden, weil man auf die psychologische Wirkung setzte. Vor allem lieferten die Spinnen der Armeeführung einen guten Teil der Daten, die diese benötig­te, um taktische Entscheidungen zu treffen.
Alle Roboter verfügten als Defensivwaffen über Schutzschilde, die im Bedarfsfall den Roboter kugelförmig vor dem Beschuss der Gegner schützte.
Offen­sichtlich war man auf die Be­kämpfung des Feindes auf mittelgroße Distanz eingestellt, denn die Waffen waren auf den Bereich 200 bis 500 Meter kali­briert. Mit echten Nah­kampfwaffen waren die Robo­ter gar nicht bestückt. Hier hatte man zugunsten ihrer Beweglichkeit auf eine Bewaff­nung ver­zichtet. Was die Strategin stutzig mach­te, war der Umstand, dass sich anderer­seits auch keine Anzeichen wirklich schwerer Ar­tillerie fan­den und auch keine Flugzeu­ge. Aber das konnte sich jederzeit ändern. Of­fenbar wollte man die Re­bellen relativ nahe an sich heran­lassen, ein Zeichen, dass das Kampfpro­gramm nicht mit voller Wucht zum Einsatz kam. Das wiederum warf ein Licht auf die Frage, wie General von Löwenstein die Gefahr durch die Rebellen strate­gisch ein­schätzte.
Auf der Seite der Rebellen stellte die Strategin veraltete Infanteriewaffen in Händen großteils ungeübter Soldaten fest, unterstützt von ein bisschen leichter Artillerie, Elek­trominen, Raketenwerfer. Und was sonst noch vorhanden war, war - im Grunde genom­men - Schnickschnack. Der bescheidene Fahrzeugpark von rund zweihundert Gelände­wägen und vierzig Transportern machte das Kraut auch nicht fett.
Glücklicherweise waren alle Infanteriewaffen mit Elektromunition bestückt, die einzige, die den Robo­tern gefährlich werden konnte. Bei jedem Treffer erhielt die Maschine einen Stromstoß, der an einigen ausgewählten Stellen, vor allem an der zentralen Energieversorgung, den Roboter lähmen oder gar explodieren lassen konnte. Je kleiner und spitzer das Ge­schoss war, desto leichter durchdrang es den Schutzschild der Roboter. Aber kleine Projektile konnten auch keine starken Strom­stöße verursachen. Das wiederum be­deutete, es mussten viele Geschosse sein, die den Roboter innerhalb kurzer Zeit an ei­ner der wenigen empfindlichen Stellen trafen, um ihm wirklich schaden zu können.
Überdies waren die Rebellen hochgradig motiviert. Es waren keine bezahlten Söld­ner, denen es egal war, wofür sie kämpften. Alle Anwesenden wussten vielmehr, um was es ging, sie taten, was immer sie tun mussten, aus zutiefst persönlicher Überzeu­gung. Und weiters handelten sie im festen Glauben derer, die ihr Tun und Lassen im Einklang mit moralischen Prinzipien sehen. Das verlieh der Rebellenarmee durchaus spirituelle Stärke, über die Maschinen gar nicht verfügen konnten. Ohne Zweifel war das ein erheblicher Faktor, wenn­gleich dieser im Rahmen strategischer Beurteilungen und Hypothesen schwer rational zu gewichten war.
Aller­dings, kannte man das Kampfprogramm der Roboterarmee, war ihr Verhalten berechen­bar, was man von den Rebellen beim besten Willen nicht be­haupten konnte. Diese gli­chen nicht nur nach außen hin ei­nem eher notdürftig strukturierten Haufen, der kaum zu kon­trollieren war, sondern sie waren es auch. Doch diese Schwäche war zu­gleich auch ihre Stärke. Wie zielführend war es, die Effizienz des gegne­rischen Programms durch die Unberechenbarkeit des eige­nen Verhaltens zu un­terlaufen? War das ihre ein­zige Chance oder gab es noch eine andere ...?
Hastig fütterte Claudia den Computer mit allen bisher bekannten Daten, damit die­ser eine Wahrscheinlichkeitsberechnung über den Ausgang des Kampfes erstellen konnte. Ungeduldig stand Paul daneben.
Als der Computer fertig war, zeigte er eine codierte Meldung auf dem Monitor, die Paul unverständlich war. Claudia Hehn erläuterte: „Nach eingehender Analyse der Lage muss ich dir die dringende Empfehlung ge­ben, die Schlacht abzublasen, Kommandant.“
„Warum, was haben wir für ein Problem?“
„Berechenbarkeit gegen Irrationalität.“
„Beeindruckend, aber ich verstehe das nicht. Auf welcher Seite stehen wir?“
„Auf der irrationalen.“
„Klingt nicht gut.“
„Ist es auch nicht.“
Kommandant Paul Wayden zögerte einen kurzen Moment, dann entschied er: „Wir gehen es trotzdem an. Heute heißt es Sein oder Nichtsein.“
„Sie greifen an!!“ hörte er plötzlich aufgeregte Stimmen von draußen. Sofort eilte Paul aus dem Kommandozelt und sah durch das Fernglas nach Süden. Tatsächlich! In Gefechtsformation laut Lehrbuch schoben sich die Roboter in einer Länge von über drei Kilometern über die Hügelkette, zuerst die Spinnen in ihren Tarnfarben, dann die Kadetten und ganz dahinter die Dragoner. Die Dragoner waren wegen der psychologi­schen Wirkung mit dämonischen Fratzen, Haifischmäulern und derlei Abbildungen ver­sehen worden. Es war ein Dröhnen und Grollen, das die Luft erfüllte. Langsam begann auch die Erde zu zittern ...
Da kam eine dermaßen geballte Ladung an Stahl, Feindseligkeit und Zerstörung auf die Rebellenarmee zu, dass Paul direkt sehen konnte, wie den meisten seiner Mit­kämpfer das Herz in die Hose rutschte. Da begriff er! Jetzt war er gefragt, er, Paul Way­den, der Kommandant! Unverzüglich griff er zum Mikrofon seines Helmes und aktivierte es. Was er nun sagte, wür­de jeder seiner Soldaten über die Kopfhörer des Helmes hö­ren können. Und dazu in sehr guter Klangqualität, denn die Helme waren so ge­baut, dass dank eines unter den Ohren eng anliegenden Futterals der Pegel der Umwelt­geräusche auf die Hälfte gesenkt wurde. Das sollte geplatz­ten Trommelfellen durch Kampfeslärm vorbeu­gen.
„Frauen, Männer“, so meldete sich Paul bei seinen Soldaten über Funk. Sofort wur­de es mucksmäuschenstill im Lager und in allen Stellungen. „Lasst euch nicht beein­drucken! Das Erste, was unsere Feinde wollen, ist, dass wir Angst kriegen. Tut ihnen nicht den Gefallen. Ja, da kommt sie, die Phalanx des Bösen. Seht sie euch gut an. Aber Jahrtausende Unterdrü­ckung können heute zu Ende gehen, wenn wir es wollen! Ich meine, wenn wir es wirklich wollen. Also werden wir ihre Maschi­nen in die Hölle ja­gen! Seid ihr bereit?“
„Jaaaaa“, erklang es aus über vierzigtausend Kehlen.
Paul Wayden hatte sich aus der Deckung in die offene Wüste gewagt. Er wollte die feindliche Front mit bloßem Auge sehen. Aug in Auge, sozusagen ... Etliche Sekunden ließ er den Anblick der auf seine Stellungen zu rollenden Roboter auf sich wirken, die Phalanx des Bösen, wie er sie vorhin genannt hatte ...
„Dann möge es sein“, knurrte Paul und es klang wie das Grollen aus Jahrtausenden. In diesem Augenblick dröhnten die Raketenwerfer im Rücken der Rebellen. Ohrenbetäubend pfeifend zogen über zweihundert Raketen dicke, weiße Rauchschwa­den fast schon ma­jestätisch hinter sich her, über Paul Wayden hinweg, dem Feind entgegen. Unheilvoll zerfurchten sie dabei den klaren, tiefblauen Morgenhimmel ...
Man hatte die Linksliberalen seinerzeit manipulierte Raketen stehlen lassen. Aber Major Kalchner war es gelungen, das versteckte Programm unschädlich zu machen, das dazu ge­führt hätte, dass die Flugkörper nach spätestens hundert Metern bereits de­toniert wä­ren. Knapp über den Köpfen der Rebellen rasten sie nun planmäßig der feindli­chen Phalanx entgegen ...
Während Paul die Flugbahn der Raketen mit dem Fernglas mitverfolgte, kam der Siddi-Lohan-Berg im Südosten in seine Sicht. Er wusste aus den Berichten seines Agenten in der königlichen Armeeführung, dass dort im vierten Stock des Schlosses sein Gegenspieler, der General, seine Kommandozentrale eingerichtet hatte. Du oder ich, sagte sich Paul, bald werden wir es wissen, bald ...
Überraschenderweise war die Reparatur der Raketensoftware anscheinend nicht bis zu der Königsarmee durchgedrungen, denn die Roboter feuerten nicht. Offenbar erwar­tete die gegnerische Kriegsführung jeden Augenblick die verfrühte Explosion der Rake­ten. Im nächsten Moment explodierten die Geschosse auch schon mitten in der ersten An­griffswelle der Roboter. In einer unbeschreiblichen Geräuschkulisse flogen zerrisse­ne und eingebeulte Metallteile wie Spielzeug zwanzig, dreißig Me­ter hoch in den morgendlichen Himmel. Sekundenlang bebte die Erde, die vorderste Front der Maschinen wurde buch­stäblich hinweggefegt ...
Die Sicht auf die nachfolgenden Roboter wurde durch tiefschwar­ze Rauchwolken ver­deckt. Angefeuert durch diesen anfänglichen Erfolg stürm­ten die Rebellen zu Tausenden aus ih­ren Deckungen. Die Rebel­len griffen an ... Es galt, Gelände zu gewinnen und den Kampf möglichst nahe an die gegnerischen Ausgangsstellungen heranzutragen.
Doch schon wälzte sich die zweite Angriffswelle der Roboter über die Hügelkette im Süden. Undeutlich zuerst überwanden sie mühsam die zer­fetzten Tei­le ihrer Vorgänger oder wichen aus, so gut es ging. Unaufhaltsam kletterten sie über den Trümmerhaufen vor ihnen und schälten sich dabei zusehends aus den Rauchschwaden. Es war, als speie sie die Hölle selbst aus ... Gelegentlich blieben Roboter sogar stecken. Ohne entscheidende Wirkung schickte die spärliche Artillerie der Rebellen ihre pfeifenden Geschosse dieser zweiten Angriffs­welle entge­gen.
In der Kommandozentrale der Roboterarmee im Waffenturm des Königsschlosses machte sich schlechte Laune breit. General von Löwenstein starrte mit sauertöpfischer Miene in die holografische Darstellung des Kampfgeschehens auf dem Simulationstisch, der das Zentrum des Raumes bildete. Er war kurz vor einem Tobsuchtsanfall. Das fing ja schon gut an! Sicher, es waren nur – ein Blick auf den Monitor seines Computers – 190, nein, 193 Maschinen, die er auf diese Weise verloren hatte, es blieben also immer noch fast 2000 übrig; ohne Reserve natürlich. Doch al­leine der Umstand, dass die Raketen nicht plangemäß, nämlich über den Reihen der Rebellen explodiert waren, war schon sehr ärgerlich. Außerdem zeigte es, dass die Re­bellen möglicherweise über Ressourcen verfügten, die ihm nicht bekannt waren. Überdies befanden sich in der ersten Angriffswelle eine Menge Beobachtungsspinnen, die im Laufe der Kampfhandlungen wertvolle Informationen sammeln und übermitteln hätten sollen. Die Anzeige auf dem Monitor wies aus, dass noch ganze achtzehn Spin­nen aktiv waren, manche jedoch bewegungsunfähig. Insofern war der Verlust schmerz­lich.
Weil die Raketen in der Hauptsache Spinnen und Kadetten in den ersten beiden An­griffsreihen getroffen hatten, waren die nachfolgenden Roboter am Vormarsch gehin­dert. Sie konnten nicht mehr in der optimalen Schlachtformation und vor allem nicht im vollen Tempo vorrücken. Taktische Nachteile, wohin der General sah.
Wie war das möglich, verdammt noch mal, verfügte er doch über einen Stab hoch ausgebildeter Offiziere? Und diese wiederum über jede Menge Spitzel und Laufbur­schen in den gegnerischen Reihen! Er sah sich um. Sechs seiner besten Leute befan­den sich mit ihm im Raum, zum Teil vor den Computern, teils vor Funk- und anderen Kommunikati­onsgeräten. Da reichte es ihm plötzlich.
„Raus!!“, brüllte von Löwenstein, „ich mache das alleine! Ich will keinen von euch mehr sehen!“
Wenn man nicht alles selber machte! Betreten ließen ihn die anderen Offiziere zurück. Immerhin, jetzt konnte er wenigstens schimpfen und fluchen ohne seine Reputation im Offiziersklub zu gefährden.
„Computer, lege alle Funktionen auf meinen Rechner, die anderen in den Stand-by-Modus schalten.“
Als er wieder zum Simulationstisch schritt, um den Verlauf des Kampfes weiter zu verfolgen, warf er zufällig einen Blick nach draußen. Dort im Nordwesten, nur einige Ki­lometer entfernt, hatte Paul Wayden seine Kommandozentrale, dort war sein Gegner, sein Feind. Nein, dem General ging es nicht nur um die Sache, es war auch etwas zutiefst Per­sönliches. Er fühlte sich provoziert von einem, dem das in keiner Weise zustand.
„Du oder ich, in wenigen Stunden werden wir es wissen“, dachte er grimmig. „Für uns beide gibt es keinen Platz unter einer gemeinsamen Son­ne, sie scheint entweder für dich oder für mich ...“


Zeit für Claudia sich zurückzuziehen, um aus sicherer Distanz das Geschehen zu verfolgen und Paul über Funk beraten zu können. Mit ihrem winzigen Einmann­geländewagen fuhr sie den Wadi fast zwei Kilometer flussabwärts Richtung Süden ent­lang und schlug im Schutze einiger Sträucher ihr Basislager, ein gut getarntes wenn auch winziges Zelt, auf. Von hier aus wollte sie mit ihren weit reichenden Scannern den Verlauf der Schlacht beobachten und laufend analysieren. Außerdem wollte sie erneut versu­chen, die Spionagesatelliten anzuzapfen.
Kaum hatte sie ihre „Unterkunft“ eingerichtet und den Lap­top in Betrieb gesetzt, sah sie auf der anderen Uferseite einen Offizier der Königsar­mee, sorglos in einem of­fenen Kommandowagen sitzen. Ein Blick durch den Feldste­cher belehrte sie, dass es sich um einen Inspektor vor Ort handelte, der im Grunde die gleichen Aufgaben wie sie hatte. Der Kerl war wichtig. Er lieferte der Königsarmee durch seine Beobachtungen die wich­tigsten Informationen, die sie für ihre taktischen und strategischen Entscheidungen aller Art be­nötigte. Nachdem davon auszugehen war, dass die meisten Beobachtungsspinnen durch den Raketenwerferbeschuss inaktiv geworden waren, kam dem Inspektor eine noch wesentlich höhere Bedeutung zu. Da musste sich Claudia etwas einfallen lassen ...
Wenig später begab sich der Inspektor vor Ort zum Ufer. Seine volle Blase ließ ihn eilen und in dieser Gegend wähnte er sich ohnedies allein. Noch war das Geschäft nicht zur Gänze erledigt, da tauchte plötzlich eine nackte Frau mittleren Alters aus dem Wasser auf. Der Inspektor traute seinen Augen nicht. Das Sonnenlicht glitzerte über ihren nas­sen Brüs­ten. Diese Frau erinnerte ihn an die erste Frau, mit der er je zusammen gewe­sen war. Sie war zwar eine Gewerbliche namens Mercedes gewesen, aber was soll's? Automa­tisch richtete er seine Aufmerksamkeit auf den Schambereich der Unbekann­ten vor ihm. Ein Blick an seinem Körper hi­nunter informierte ihn, dass er inzwischen eine Erektion hatte. Schon verspürte der Inspektor den Impuls, sich dieser Frau sexuell zu nähern, als ihn etwas stutzen ließ. Wer badete schon zu so früher Stunde in dieser ungemütlichen Umge­bung? In unmittelbarer Nähe einer Schlacht? Und warum hielt die Frau ihre Hände hinter dem Rücken ver­schränkt? Verbarg sie dort et­was? Da stimmte doch was nicht!
Ehe der Inspektor vor Ort diese Gedanken zu Ende verfolgen konnte, glänzte ihm auch schon der Lauf ei­ner Maschinenpistole entgegen. Im nächsten Augenblick hatten ihm die ersten zwei Projektile die Leber zerfetzt. Die Strategin ließ es sich nicht nehmen und entleerte das ganze Magazin in seinen Körper. Das Blut aus den zahlreichen Wunden des Inspektors verteilte sich im Wasser des Flusses. Strategie hin, Strategie her, bei der Geil­heit kriegt man diese Typen immer. Aber auch das ist Strategie.
In der Wüste drüben waren inzwischen die Rebellen und die Roboter aufeinander zugestürmt. Kaum waren die Rebellen auf Einsatzschussweite heran, begannen die Roboter aus allen Rohren zu feuern. Geschossgarben aller Kaliber und Rake­ten fuhren mit Macht und Getöse in die Reihen ihrer heranstürmenden menschli­chen Gegner und mähten alles nieder, so gut es ging. Und wieder erdröhnte die Erde unter dem Auf­schlag tausender Geschosse, der Sand färbte sich rot vom Blut der Men­schen. Zum Teil wurden die Körper meterhoch in die Luft geschleudert. Es entwickelte sich eine schauerliche Geräuschkulisse aus Detonationen, Schüssen, Schreien, gebrüllten Befehlen, dem Pfeifen der Querschläger. Der Himmel be­gann sich zu verfinstern, weil so viel Sand in die Höhe geschleudert wurde. Immer mehr Verwundete schrien und der Ansturm der Rebellen drohte zusammenzubrechen. Doch da hatten die Solda­ten bereits die unmittelbare Nähe zu den Robotern erreicht.
Innerhalb von zwanzig Minuten hatten die Rebellen fast vierzig Prozent ihrer Solda­ten verloren. Mit zusammengepressten Lippen verfolgte Paul Wayden die Anzeigen auf dem Mo­nitor.
Im Kampf auf kürzeste Distanz, im so genannten „Körperkontakt“, hatten die Re­bellen wieder echte Chancen, denn die Roboter konnten auf kur­ze Entfernung nicht so oft feu­ern, weil sie sich sonst selbst gefährdet hätten. Also gab es immer wieder tote Win­kel, die von den Rebellen ausgenutzt werden konnten. Hier wa­ren sie in Sicherheit, we­nigstens in relativer, von hier aus konnten sie gezielt feuern. So ergab sich binnen kur­zer Zeit ein Gewühl aus Robotern und Rebellen, die jede kleinste Geländeunebenheit oder Senke, jede noch so kleine Felsformation als Deckung ausnützten, um die Robo­ter an ihren empfindlichen Punkten zu treffen. War eine Maschine nennenswert getrof­fen, zuckten blaue Blitze über die Außenhülle. Oft explodierten sie und wirbelten dabei Staub hoch in die Luft. War eine Maschine nicht schwer genug getroffen, so war sie we­nigstens außer Gefecht gesetzt und verharrte reglos, manchmal qualmend, in der Gegend.
Das war nunmehr die Phase des Kampfes, die sich in die Länge zog. Wer jetzt mehr taktisches Geschick an den Tag legte und wer länger durchhielt, würde über kurz oder lang gewinnen.
Kommandant Paul Wayden bemühte sich in seinem Zelt, den Überblick zu bewah­ren. Zwischendurch befahl er wieder einige Einheiten zurück in die Bereitstel­lungsräume und ließ sie von dort durch die Reserve ersetzen. Dadurch sorgte er dafür, dass zwei Drittel seiner Soldaten aktiv im Kampf waren, während sich das letzte Drittel erhol­te, so gut es eben ging. Da die Masse der Roboter im Nahkampf verwickelt war, war es für die Rebellen nicht mehr annähernd so gefährlich wie beim ersten Mal, die Einsatzschussweite der Roboter zu passieren. Ohne Unterbrechung liefen zahlreiche Sanitäter auf das offene Schlacht­feld, um die Verwundeten zu bergen. Obwohl nur wenige in den La­zaretthöhlen eintra­fen, füllten sich diese rasch bis an die Belastungsgrenze, sodass Wayden bald den Aufbau zusätzlicher Zelte selbst ohne Deckung anordnete.
Allerdings mussten auch die Roboter gelegentlich in die Bereitstellungsräume im Süden zurück. Sie waren so programmiert, dass sie in ihr Basislager zurückkehrten, wenn 90 Prozent der Munition verschossen waren. Wegen der sich häufenden Krater aller Art und zu Schrott geschossener Maschinen kamen sie dabei nur langsam vorwärts. Ihre Waffen benützten sie nur mehr im Notfall zu ihrer unmittelbaren Verteidigung.
Hinter der südlichen Hügelkette wurden die Roboter wieder mit Munition ausgestattet, soferne die Analyse ergeben hatte, dass der Roboter weiterhin grundsätzlich kampftauglich war. Nach einer umfassenden Wartung, die bis zu einer halben Stunde dauern konnte, wurde die Maschine wieder an die Front geschickt. All das hatte zur Folge, dass sich schon nach kurzer Zeit nur etwa die Hälfte der Roboter im unmittelbaren Kampf befand.
Bis in den späten Vormittag bewährte sich Waydens Rotationssystem, danach waren es so viele Verwundete, dass er seine Streitkräfte halbieren musste.
Gegen zehn Uhr vormittags, Kommandant Wayden sah gerade auf den Computer­bildschirm, bemerkte er ein paar kurz aufblinkende, blaue Punkte im Wadi. Sofort wa­ren sie wieder verschwunden. Eine Bildschirmstörung oder eine getarnte Aktion des Feindes? Das war jetzt die Frage. Schnell nahm er zu Oberleutnant Hehn Kontakt auf: „Claudia, kann es sein, dass vom unteren Teil des Wadis etwas auf uns zukommt?“
Sekunden später kam die Antwort: „Ja, Paul, vier getarnte Dragoner nähern sich da. Ich fürchte, sie sollen die Senke erreichen und von dort aus unseren Nach­schub be­schießen. Wenn sie diesen Ort erreichen, wäre das eine Katastrophe. Du musst unbe­dingt etwas dagegen unternehmen, Paul. Unser Nachschub steht ohnehin auf schwa­chen Füßen, weil wir alle Leute zum Kämpfen brauchen. Ohne Nachschub halten wir viel­leicht noch eine Stunde durch, dann geht die Munition aus. Und was das heißt, brau­che ich dir nicht zu schildern. Ich sende dir nun die Koordinaten ihres voraussichtli­chen Zielortes.“
Hauptmann Kurt Bach, im Zivilberuf Betreiber einer Schrottpresse, war neben Wayden gestanden und hatte mitgehört. Gemeinsam mit dem Kommandanten vollzog er an den Karten Claudias Angaben nach. Tatsächlich! Mit satellitengesteuerten Boden-Bo­den-Raketen könnte ein Dragoner von der angegebenen Senke aus den gesamten Nachschub unter­binden.
„Kurt, schnapp dir ein paar der besten Leute und unternimm einen Stoßtrupp. Wie du genau vorgehen sollst, entscheidest du am besten vor Ort. Aber es dürfen nur ganz wenige sein, sonst wird dem General auffallen, dass wir eine Gegenmaßnahme einge­leitet haben. Solange er nicht weiß, dass wir ihm hinter die Schliche gekommen sind, sind wir taktisch im Vorteil.“
Schon war Kurt verschwunden. Mit drei weiteren Männern und zwei Frauen setzte er sich vom allgemeinen Kampfgetümmel ab und begab sich in den Wadi. Dieser verlief etwa 300 Meter südlich von Claudia Hehns Stellung bis zur Sen­ke noch weiter im Süden in einer flachen Schlucht von vielleicht zehn Meter Höhe. Im Schutze der Re­genmäntel, die mit einer speziellen Beschichtung präpariert waren, die der Scannertar­nung diente, hoffte er an die Roboter herankommen zu kön­nen, ohne entdeckt zu werden. Das Gelän­de neben dem Fluss war so unwegsam, dass sich Roboter nur schwer vorwärtsbewe­gen konnten. Mit ein bisschen Glück wäre Bach mit seinem Trupp vor den Gegnern da.
Kurt und seine Mannschaft liefen, so schnell es nur ging, durch die bizarren Gesteins­formationen. Er kam sich vor wie auf einem fremden Planeten. Die Rebellen sprangen über Steine, gelegentlich wateten sie auch in kniehohem Wasser. Die Ge­räuschkulisse aus Schüs­sen, Schreien, Explosionen, die vom Schlachtfeld herüberdrang, wurde langsam leiser ... Nach einer kurzen Rechtskrümmung des Flusslaufes waren sie da. Die Senke! Hier war das Gelände tiefer und breiter. Der Fluss weitete sich zu einem seichten See mit etwa hundert Meter Durchmesser. Immerhin traten die Wände der Schlucht so­weit zurück, dass ein Dragoner von hier aus gezielt Raketen abfeuern konnte und dabei selbst relativ geschützt war.
Die Roboter waren zwar noch nicht da, mussten aber jeden Augenblick ebenfalls ein­treffen.
Unverzüglich gab Kurt Bach seine Befehle: „Schnell, verteilt euch am südlichen Ende der Senke, sucht euch Deckung. Wenn die Roboter kommen, überfallen wir sie von hinten. Wir er­öffnen das Feuer ausschließlich auf mein Kommando. Dann geht jeder vor, wie er es für nötig hält. Keiner der Blechkübel darf durchkommen, klar?“
Am südlichen Ausgang der Senke war extrem unwegsames Gelände. Es befanden sich eine Menge teils mannshoher Basaltsteine dort, zwischen denen sich das Wasser müh­sam seinen Weg suchte. Geländespalten in den Wänden der Schlucht und dorni­ges Ge­strüpp als Sichtschutz machten diesen Abschnitt der Schlucht ideal für einen Hinter­halt.
Noch während Kurts Leute in Stellung gingen, ihre Munition und etlichen Sprengstoff vorbereiteten, waren die Roboter zu hören. Mühsam rollten die Dragoner über die Stei­ne und durch das Wasser. Es war klar, sie würden den Durchgang zur Senke nur hin­tereinander bewältigen können. Das war die Chance!
Verdeckt durch mannshohe Steine ließ der Stoßtrupp den ersten Roboter passieren. Wuchtig hingen die fünfzehn Spezialraketen mit blutrot angemalten Spitzen unter den Waffenarmen. Kämen diese zum Einsatz – nicht auszudenken! Kurt gab seinen Leuten Zeichen, wer welchen Roboter bekämpfen sollte. Als er sich si­cher war, dass alle sei­nen Plan verstanden hatten, hieß es nur noch abwarten, bis alle in optimaler Schussposition waren.
Der erste der Dragoner war noch nicht ganz vorbei, als sich ein faustgroßer Stein un­ter Kurts rechtem Schuh löste und in das Wasser hinunterkollerte. Ruckartig blieb der Ro­boter in einer Entfernung von zehn bis zwölf Metern stehen. Der Dragoner fuhr he­rum, sein kleiner Maxi zeigte auf die Stelle, an der sich Kurt befand. Diesem war klar, dass er nun eingehend gescannt wurde. Klappte alles, gaukelte seine Scannertarnung den Senso­ren des Roboters einen Gesteinsbrocken, eine Felsformation oder Vergleichbares vor. Vo­raussetzung war allerdings, dass er sich jetzt keinen Millimeter rührte ... Kurt wagte kaum zu atmen ... Schnell ging er in Gedanken seine Lage durch. Nein, der Ro­boter war in keiner günstigen Position, noch nicht, die Energieversorgung wäre von hier aus schwer zu treffen. Noch dazu zeigte die Nahkampfkanone des Blechkübels genau auf Kurts Position, während er seine Waffe erst herumschwenken hätte müssen. Es wäre absolut vorteilhaft, würde sich der Blechkoloss weiterbewegen ... Kurt stand der kalte Schweiß auf der Stirn ... Angst wütete in seinen Eingeweiden ... Kaum zu glauben, dass Sekunden so lang sein können ... Da! Der Roboter hatte sich wieder in Bewegung ge­setzt. Kurt fiel ein tonnenschwerer Stein vom Herzen ...!
Nach vier oder fünf Sekunden gab er das Kommando: „Feuer!“
Im gleichen Moment begannen die Rebellen zu schießen. Allerdings blieben die Ma­schinen sofort stehen, wandten sich blitzschnell zur Seite und eröffneten ebenfalls das Gefecht. Kurt hatte sich den vordersten der Blechkübel als Ziel genommen.
„Stirb, du Schwein!“, rief er, als er der Maschine aus kaum zwanzig Metern Entfer­nung eine Salve aus seiner Maschinenpistole mit elektrischer Spezialmunition in die Energieversorgung schoss. Mit Ge­nugtuung verfolgte Kurt, wie sich die Projektile einen Weg durch die Panzerung in den sensibelsten Teil der Maschine fraßen. Da umzuckten schon kleine bläuliche Blitze immer stärker werdend die Maschine ... Schnell auf die Seite, das Schwein explodierte! Mit ohrenbe­täubendem Getöse ging der Roboter in die Luft und verstopfte mit seinen Überresten den Eingang zur Senke.
Hinter ihm hörte Kurt den Lärm des Kampfes, den seine Mitstreiter noch durchzuste­hen hatten. Wenige Sekunden später explodierte der Sprengstoff etwa dreißig Meter den Fluss entlang und stach in Form einer Feuer­lanze Dutzende Meter hoch in den Himmel. Nachdem Kurt den Regen aus Steinen, Wasser und Dreck in seiner Deckung abgewartet hatte, orientierte er sich vorsichtig. Al­les war plötzlich ruhig ...
Zwei seiner Männer, einer an der linken Schulter leicht verletzt, und eine hinkende Soldatin kamen hinter den Steinen hervor. Im Wasser lagen zwei weitere Roboter. Bei­de qualmten vor sich hin, mehr oder weniger beschä­digt, auf alle Fälle kampfuntaug­lich. Die letzte der Maschinen war unter einem Haufen Steine begraben, der die Schlucht für die nächste Zeit unpassierbar machen würde. Für Blechkübel wenigstens und darum war es ja gegangen. Glücklicherweise waren die Spezialraketen noch nicht scharf geschaltet gewesen, sonst wären sie möglicherweise detoniert und hätte Kurts Truppe vernichtet. So lagen die Raketen verstreut in der Senke herum.
Die zweite Soldatin war von den Robotern erwischt worden. Ihre Leiche lag blutüberströmt zur Hälfte im Flüsschen, das Gesicht nach un­ten. Das Wasser schwemmte ihr Blut fort ... Der Soldat, der die Sprengung durchge­führt hatte, hatte es ebenfalls nicht geschafft. Auch ihn hatte das Geröll meterhoch be­graben ... Keiner der Überlebenden sagte ein Wort, als sie die Senke verließen ...
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BeitragVerfasst am: 12.02.2008, 09:20    Titel: Ein Hund tritt in den Saal 2. Kapitel / 11. Teil Antworten mit Zitat

Je mehr die Zeit voranschritt, desto weniger entwickelte sich die Schlacht nach den Vorstellungen des Generals. Die Rebellen hatten sich als zäher herausge­stellt, als er es erwartet hatte. Sofort nach dem ersten, so erfolgreichen Raketenbe­schuss waren sie zu Tausenden vorwärtsgestürmt bzw. mit den Geländewagen losgefahren.
Auf einen militärisch nicht vorgebildeten Beobachter hätte das übereilt wirken können, doch dem General war klar, dass dieses Vorgehen keineswegs unüberlegt war. Die Kerle wollten die Zeit, in der seine Roboter durch die im Wege liegenden Trümmer gehandikapt waren, ausnützen. Hätten sie die Gelegenheit verpasst, wären ihre Verluste wesentlich höher gewesen, wenn sie dann doch in die Einsatzschussweite seiner Roboter gekommen wären.
Sicher, die Computeraufzeichnungen wiesen in kurzer Zeit einen Verlust von ca. 38 % der Rebellenarmee auf, aber dennoch waren die Rebel­len zu früh in Körperkon­takt mit den Robotern gelangt. Das widersprach seiner Planung. Auf kurze Distanz wendete sich nämlich das Blatt dramatisch. Die Verluste der Roboterarmee waren von nun an schon nach kurzer Zeit erheb­lich, zumin­dest der subjekti­ven Einschätzung des Generals nach. Die externen Informa­tionen durch seinen Strategen vor Ort wa­ren frü­her als es ihm gleichgültig sein konnte, ausgeblieben. Das veranlasste Otto von Löwenstein nicht nur zu trübseligen Vermu­tungen über den Verbleib des Offiziers, sondern erschwerte die Sache ganz allge­mein. Und an allen Ecken und Enden schienen sich die Geschehnisse dem General unerquicklich zu entwickeln.
Einzig die Wahrscheinlichkeitsberechnungen des Com­puters über den Ausgang des Kampfes gaben Anlass zu Hoffnung. Zeigten die Berech­nungen doch eine langsam steigende Wahrscheinlichkeit, den Kampf zu gewinnen. Im Augenblick stand es 59,8 zu 40,2 % zugunsten seiner Roboterarmee.
Eine innere Stimme sagte dem General, dass es angebracht wäre, nur so zur Vor­sicht die Luftwaffe einzuschalten. Ja, das war eine gute Idee, Luftwaffe ist immer lustig. Und schließlich – wozu hat man die Dinger denn? Und schon gab er über seine Tasta­tur den Befehl ein. Sogleich änderte sich die Wahrscheinlichkeitsberechnung auf 79,3 zu 20,7 % zugunsten des Königshauses.
Am Militärflughafen neben dem Kraftwerk schrillten die Alarmglocken. Plötzlich wurde es hektisch. Die Piloten, die ohnehin schon seit geraumer Zeit auf ihren Einsatz gewar­tet hatten, schnappten sich ihren Helm und liefen zu den bereitgestellten Flugzeugen. Innerhalb von vier Minuten hoben dreißig Maschinen verschiedenster Bauart der Reihe nach von der Startbahn ab. Kaum waren sie in der Luft, gab der General den Befehl zur Aktivierung der Waffensysteme. Im gleichen Augenblick erhielt er über den Monitor eine Warnung: „Achtung! Ein unbekanntes Programm startet sich!“
Verdammt, Sabotage! Sofort abbrechen! Zu spät ... Da hörte er durch das geöffnete Fenster schon das Donnern von dreißig gleichzeitigen Detonationen, in denen seine Flugzeuge in Flammen aufgingen. Der General schnellte auf und lief zum Fens­ter. Dort beobachtete er, wie dreißig Feuerbälle über dem Industrieviertel und im an­grenzenden Wüstengebiet zu Boden gingen, wo sie Chaos und Verderben brachten ...
Die Wahrscheinlichkeitsberechnung änderte sich auf 51,9 zu 48,1 % zugunsten des Generales. Das war ein schlechterer Wert wie noch vor wenigen Minuten, aber immerhin war die Luftwaffe als taktische Reserve fast zur Gänze ausgefallen. Fast ...


Die Königsfamilie einen Stock unter dem General hatte es sich in der Zwischen­zeit gemütlich gemacht und verfolgte anhand der holografischen Darstel­lung den Ver­lauf der Schlacht. Die blauen Einheiten wurden angefeuert, die roten als „Schweine“ beschimpft oder mit verächtlichen Kommentaren bedacht. Das Ganze sei mindestens so spannend wie ein Fußballspiel, hatte Heinrich lauthals und siegesgewiss verkündet.
Da­zwischen nippte man am Champagnerglas, die Die­ner servierten Snacks und allerlei belegte Brötchen. Die Großmutter hatte ihre Beine in eine Decke einwickeln lassen. Kein Pick­nick hätte ge­mütlicher sein können.
Agnes, bleich im Gesicht, hielt sich zurück. Noble Zurückhaltung, sicher ... Allerdings war das auch Ausdruck ihres inneren Kampfes. Agnes stellte fest, dass ihr Herz in Wahrheit für die Rebellen schlug. Offiziell waren es ih­re Fein­de, dennoch wünschte sie ihnen alles Gute. Je mehr die Schlacht fortschritt und die Wahrscheinlichkeitsbe­rechnun-gen, die auf dem Display laufend aktualisiert wurden, immer mehr zugunsten der Roboterar­mee ihrer Familie aus­fiel, desto mehr verstärkte sich ein flaues Gefühl im Magen. Es schien Agnes, als wollte dieses ihr sagen: Was hier geschieht, ist nicht rechtens!
Agnes sah ihren Papa an. Auch er sagte kein Wort. Mit finsterer Miene und glasigen Augen starrte er wortlos auf den Simulationstisch. Ihm klang der Schlachtenlärm aus seiner Vision vor Monaten im Ohr. Das also hatte es zu bedeuten gehabt! Die anderen Personen im Raum hörten nichts vom Kampf, denn die Lautsprecher waren ausgeschaltet, die Fenster verschlossen.
Ja, es war sein eigener Wille, dass all das hier stattfand. Er, der König, hatte sich dafür entschieden, weil die ganze Situation unerträglich geworden war. Und trotzdem war es ihm zuwider, seine Interessen auf diese Weise vertreten zu müssen. Er war schließlich auch König der Menschen, die in diesen Augenblicken in der Wüste starben. Georg III. fragte sich, was er falsch gemacht hatte. In Zukunft würde er so etwas ver­hindern, koste es, was es wolle. Niedergeschlagen blickte er zu Boden ... Hatte das wirk­lich sein müssen? Wie ging es eigentlich Agnes, was mochte in ihr vorgehen? Der König blickte auf, aber seine Tochter war gegangen ...
Diese war bereits unterwegs in ihre Gemächer. Sollte sich Agnes heraushalten oder etwas unterneh­men? Wenn ja, was? Und für wen? Je mehr Agnes durch die Gänge des Schlosses in Rich­tung ihrer Suite ging, desto mehr rumorte ihr Gewissen. Die unsichtbare Hand, an der sie geführt wurde, be­merkte sie nicht. Als sie an der Außenmauer des Schlosses ankam, tat sie einen Blick über die Wüste. Die unbeschreibliche Anzahl an Abschüssen und Explosionen dort unten vermischte sich zu einem dumpfen Grollen, das bösar­tig und unheilschwanger zugleich zu ihr he­rauf drang. Rauchsäulen stiegen kilometerweit in den Himmel ... Immer wieder zuckten Blitze auf, unaufhörlich dröhnte es dort unten ...
Zunehmend verwandelte sich die Landschaft in die Oberfläche eines lebensfeindlichen Planeten, der dabei war, sich selbst zu zerstören. Fassungslos blieb die Prinzessin stehen, hypnotisiert von dem Grauen, das sich ihr of­fenbarte ... Mitten in die­sem Hexenkessel starben jetzt Menschen der Reihe nach.
Unsichtbar stand Ilak-Gatha neben ihr und bedeckte Agnes' Augen. Mit einem Male fühlte sich die Prinzessin mitten in den Kampf hinein versetzt. Überall blitzte und krachte es, die Erde bebte, Roboter explodierten und rissen Menschen mit sich in den Tod. Agnes sah, wie gan­ze Gruppen der Rebellen von den Robotern niedergemäht wurden. Sie er­schauerte un­ter den Blutfontänen, die meterhoch in den Himmel spritzten, in einen Himmel, der ehemals wolkenlos, nunmehr von beißendem Rauch und Schmutzpartikeln schwer verhangen war. Agnes wähnte sich in die Hölle versetzt.
In dreißig Metern Entfernung war einer der Dragoner in seiner Rückzugsphase. Auf seinem Weg Richtung Süden fuhr er einem der Soldaten, der verwundet auf dem Boden lag, über beide Unterschenkel. Blitzschnell bäumte der Mann seinen Oberkörper auf und stieß mit dem Kopf brutal auf die Panzerung des Roboters. Ein Schrei entfuhr dem blutig geschlagenen Gesicht, der Agnes durch Mark und Bein ging ... Im nächsten Augenblick explodierte die Maschine, von einer Garbe schweren Kalibers getroffen, mit einem dumpfen Knall. Der Dragoner riss den Rebellen mit sich in den Tod.
Plötzlich spürte Agnes etwas zu ihren Füßen. Einer der Rebellen lag vor ihr, fast wäre die Prinzessin über ihn gestolpert. Röchelnd lag der Mann mit dem Rücken auf dem Boden, seine Hände und Beine zuckten unregelmäßig. Jedes Mal, wenn er ausatmete, sprudelte hellrotes Blut in kleinen Fontänen aus dem Mund. Drei Einschüsse in der blutüberströmten Brust ließen keinen Zweifel offen: Es konnte nur noch Sekunden dauern ...
Agnes wich das Blut aus dem Gesicht. Namenloses Grauen überfiel sie und würgte sie am Hals. Sie meinte, keine Luft mehr zu bekommen. Tränen stürzten aus ihren Augen. Alles in ihr schrie auf: Nein ...!!! Das war der Augenblick der Entscheidung! Und keine faulen Kompromisse! Entweder, oder ... Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn nicht hier, wo dann? Mit einem Schlag wusste Agnes, was sie zu tun hatte. Im nächsten Augenblick fand sie sich auf dem Gang des Schlos­ses wieder. Sie drehte um ...
Mit höchster Aufmerksamkeit verfolgte General von Löwenstein inzwischen in seiner Kom­mandozentrale die Berechnungen des Computers und alle einlangenden Infor-ma­tionen. Sein Ge­fühl sagte ihm, dass es nach wie vor nicht wunschgemäß verlief, aber die Berechnun­gen sprachen dagegen. Nach dem Verlust des Großteils der Luftwaffe hatte sich die Wahrscheinlichkeitsberechnung langsam aber stetig wieder erholt. Ging es nach dem Computer, war alles in bester Ordnung. Ja, aber warum denn eigentlich? Da stimmte doch etwas nicht!
Misstrauisch geworden startete der General ein Überprü­fungsprogramm, welches zum Vor­schein brachte, dass die Berechnun­gen laufend mani­puliert wurden. Und zwar über den Rech­ner direkt aus dem nächstfolgenden Raum in Richtung WC.
Aha, da wollte ihn offenbar jemand an der Nase herumführen! Aber nicht mit ihm! Der General zückte seine Pistole, lud sie ge­nussvoll durch und öffnete vorsichtig die Tür. Siehe da, Major Kalchner saß am Computer und fin­gerte an der Tastatur he­rum! Die anderen Offiziere hatten sich ein Stockwerk tiefer bei der Königsfamilie einge­funden, nachdem der General sie so rüde aus der Zentrale geworfen hatte. Dort ver­folgten auch sie seither gespannt das Geschehen. Warum war Kalchner nicht bei ih­nen ...? Und so alleine war der Major, da musste ihm sein General doch Gesellschaft leisten! Kalchner war so vertieft, dass er nicht merkte, wie sich jemand von hinten an­schlich. Der General überlegte noch, ob nicht etwa das Pro­jektil durch den Schädel hin­durch in den Monitor einschlagen könnte. Das würde mögli­cherweise die Stromversor­gung lahmle­gen und überdies wäre es schade um den schönen neuen Bildschirm ...
Aber das Projektil blieb im vorderen Hirnlappen stecken. Was für ein Glück! Und die Tastatur war ohne­hin gefeit vor Flüssigkeiten wie Kaffee, Tee, Blut, Limonade und dergleichen. Da stellte sich doch gleich wieder gute Laune ein ...
Die berichtigte, nunmehr korrekte Wahrscheinlichkeitsberechnung zeigte als Ergebnis 54,9 zu 45,1 % zugunsten der Rebellen! So also stand es in Wirklichkeit! Sein Gefühl hatte ihn also nicht getäuscht. Konnte es sein, dass er die Arschlöcher und Schweine un­terschätzt hatte? Mit einem Mal war der Sieg gar nicht mehr so si­cher. Folgerichtig leg­te der Computer eine Umprogrammierung der Streitkräfte auf eine verschärfte Spielva­riante nahe. Der General würde wohl um ein bis zwei Stufen erhöhen müssen. Aber das würde seine Zeit dauern. Diese gedachte sich der General mit ein paar Erste-Hilfe-Maßnahmen zu verschaffen ...
Zuerst aktivierte er die Reserveeinheiten, die in einer unterirdischen Kaserne im Nordviertel einsatzbereit waren. Sie erhielten den Auftrag, die Rebellen im Rücken anzugreifen und deren Nachschub lahmzulegen. Dann befahl er den Start der königlichen Gardeflugzeuge. Fünf waffenstarrende Flug­geräte mit modernster Technologie, so richtige Monster, würden innerhalb dreier Minuten den Königsberg verlassen und einen Angriff aus der Luft starten. Die restliche Luftflotte auf den anderen Flughäfen stand ihm erst im Zuge einer noch einmal verschärften Spielvariante zur Verfü­gung.
Die Wahrscheinlichkeitsberechnung des Computers änderte sich auf 57,3 % zuguns­ten der Roboterarmee. Das war Balsam für die Seele, schließlich war diese Berechnung nicht mehr manipuliert.
Plötzlich fiel dem General ein aufdringliches Pfeifen auf, das durch das geöffnete Fenster drang und sogar den allgemeinen Kampflärm überlagerte. Schnell sprang er auf und sah in die Wüste hinunter. Verdammt! Schon wieder Raketen! Sicher, eine alte, extrem langsame Baureihe, aber immerhin ... Nach seinen Unterlagen hätten die Rebellen über keine Raketen mehr verfügen dürfen! Ach ja, Kalchner hatte damals die Aktion geleitet, in der man die Rebellen Waffen stehlen lassen hatte. Offensichtlich waren es doch mehr gewesen, als dem General damals gemeldet worden waren ... Kalchner, der Saukerl, hatte ganze Arbeit geleistet. Aber was war das Ziel der Raketen ...? Da kam ihm ein Verdacht ...
„Computer, die Bereitstellungsräume auf den Hauptbildschirm!“
Für den Bruchteil einer Sekunde war noch das übliche geschäftige Treiben in den Bereitstellungsräumen zu sehen: Hin- und hereilende Menschen, Roboter bei der Reparatur, Munition, die verladen wurde ... Da schlugen auch schon die Raketen ein ...
Sie verwandelten alles in ein unbeschreibliches Chaos aus Explosionen, zerberstende Roboter, die Dutzende Meter in die Luft geschleudert wurden. Im Bruchteil einer Sekunde wurden die Bereitstellungsräume metertief umgeackert. Ein abgerissener, qualmender Menschenkopf flog auf die Aufnahmekamera zu, die Haut verkohlt, die Augen quollen aus den Höhlen ... Dann fiel das Gerät aus. Auf dem Monitor war nur mehr Flimmern ...
Dem General blieb zuerst einmal der Atem weg. Die Wahrscheinlichkeitsberechnung des Computers änderte sich blitzschnell auf 69,3 % zuguns­ten der Rebellen. Dann schrie er: „Jetzt ist aber Schluss mit lustig! Ich reiße euch den verdammten Arsch auf!“
Hastig ging er an das Umprogrammieren ...
Die Großmutter hatte entsetzt aufgeschrien, als sie das Geschehen in den Bereitstellungsräumen mitverfolgen musste. Auch den anderen war im Nu das Blut aus dem Gesicht gewichen.
„Ich habe doch gesagt, keine Grauslichkeiten!“, warf sie von Grächt vor, als sei dieser schuld daran. Als Zeichen ihres Protestes warf sie ihm ein Lachssandwich mit Kaviar an die Mütze.
„Das sieht aber gar nicht gut aus. Zum Glück waren es ja nur Nordviertler. Aber wie soll denn das weitergehen?“, sagte Heinrich. Er war sichtlich unter Stress.
„Nur keine Panik, meine Herrschaften“, beeilte sich von Grächt die Königsfamilie zu beschwichtigen. „Es sieht dramatischer aus, als es ist. Der General wird jetzt sicher auf eine stärkere Stufe umprogrammieren. Dann wendet sich das Blatt rapide. Wir werden das gleich an der Wahrscheinlichkeitsberechnung sehen.“
Und siehe da! Die Anzeige des Computers änderte sich auf 62,7 % zugunsten der Roboterarmee.
„Das entspricht der zweitstärksten Spielstufe“, kommentierte der Oberst. „Jetzt muss nur noch das Programm initialisiert werden. Aber das sollte bald erledigt sein. In wenigen Minuten machen wir endgültig Schluss.“
Erleichtert atmete die Königsfamilie auf ...
Die Prinzessin war unterdessen auf dem Weg zurück zum Waffenturm. Die Treppen und Gänge führten sie auch an der Küche vorbei. Dort lieh sie sich vom Küchenjungen eine der schweren, sil­bernen Suppenkellen und begab sich unauffällig weiter in den Waffen­turm, in die Kommandozentrale der Königsarmee.
Der General, ihr Onkel, befanf sich nach wie vor al­leine im Raum und starrte wie hypnotisiert in den 26-Zoll-Bildschirm seines Zen­tralcomputers. Er schickte sich gerade an, seine Roboterarmee umzuprogrammieren. Da er in Gedanken vertieft war, bemerkte er die hereinkommende Agnes in seinem Rücken nicht. Leise trat diese heran und schlug ihm die Kelle auf den Hinterkopf. Er hätte die schicke Schildkappe mit den breiten Goldbändern seiner Ausgehuniform eben doch nicht ablegen sollen. Bewusstlos sank der Onkel zu Boden.
„Ich weiß, du magst keine Suppe“, murmelte die Prinzessin und nahm auf dem Stuhl Platz. Was hatte ihr Onkel gerade machen wollen? Aha, der Bildschirm wies ein Menü auf, welches offensichtlich dazu dienen sollte, die Spielstärke zu erhöhen. Schnell schließen und in der Menüleiste suchen ... Naja, nach was eigentlich?! Halt! Das war die Idee ...! Schnell machte sich die Prinzessin über die Tastatur her und gab einige Be­fehle ein. Anschließend bestätigte sie mit der Enter-Taste.
Und schon kam die Si­cherheitsabfrage: „Bitte eingegebene Änderung mit Codewort be­stätigen.“
Darunter eine Zeile, auf der der Cursor erwartungsvoll blinkte. Jetzt war die Frage, wie knacke ich ein Codewort? Da hörte sie Geräusche hinter sich. Schnell drehte sich Agnes um und schlug ihren Onkel noch einmal k. o.
„Ich kann jetzt nicht mit dir plaudern. Ich brauche Ruhe, du verstehst, Onkel?!“
Dann probierte sie es mit „Schlacht“, „Kampf“, „Sieg“ und vergleichbaren Wörtern. Der Computer akzeptierte nichts ...


Auf dem Schlachtfeld hatte sich gegen Mittag der Kampf trotz aller taktischen Er­folge immer mehr zu den Stellungen der Rebellen hin verschoben. Auch Ober­leutnant Hehn war in das Kommandozelt zurückgekehrt, da sie hier dem Geschehen näher war.
Wieder einmal versuchte sich Kommandant Wayden die strategische Lage zu ver­gegenwärtigen. Das Rotationssystem war mittlerweile hinfällig geworden, es ließ sich einfach nicht mehr organisieren. Zu Tausenden lagen die Rebellen inzwischen in der ganzen Wüste verstreut, zum Großteil tot. Dazwischen lagen die Verletzten im aufge­wühlten Sand, keiner wusste wie viele, schreiend, wimmernd, viele ohne jede Hilfe ei­nem grausamen Tod entgegensehend. Der Wüstensand hatte sich rot gefärbt vom Blu­t der Rebellen. Es war ein einziger Fleischwolf ... Freilich, auch die abgeschossenen Roboter türmten sich, rauchend, viele bereits explodiert oder zumindest nur mehr ein­geschränkt kampffähig, aber die hatten keine Schmerzen, die Rebellen schon. Trüm­mer, Rauch, Tote, Chaos, soweit das Auge reichte. Hölle, sagte sich Paul, ja so ein Ort muss damit gemeint sein ...
Die Lage war extrem unübersichtlich und schwer einzuschätzen. Paul Wayden war klar, dass der General früher oder später die Luftwaffe starten las­sen würde. Als kurz darauf die in Siddi Lohan stationierte Flugzeugflotte explodiert war, jubelten alle: „Bravo Kalchner!“
Major Kalchner hatte nämlich die Waffensysteme der Flugzeuge so manipuliert, dass diese explodierten, wenn sie aktiviert wurden. Die Rebellen hatten so gut wie keine Luft­waffe und waren daher aus der Luft außerordentlich verwundbar. Nur im Falle der Gardeflieger im Schlossberg war es leider nicht gelungen, Kalchners kleines, aber un­gemein effizientes Spezialprogramm in den zuständigen Zentralrechner einzuschleu­sen. Deswegen hatte man sich für diesen Teil der gegnerischen Streitkräfte etwas ande­res einfallen lassen.
Kaum waren die De­tonationen der herabgestürzten Flieger verklungen, griff der Kommandant zum Funkge­rät und setzte eine Warnung an seine Spezialeinheit ab. Die­se Einheit bestand aus vier Bergsteigern, die gerade mitten in der Nordwand hingen, ihr Anführer zwei Meter unter der Öffnung, die den Gardefliegern des Königs das Verlas­sen des Berges ermöglichte. Ihr Auftrag lautete, die Öffnung durch Sprengen so weit un­brauchbar zu machen, dass die Gardeflieger nicht zum Einsatz kämen.
Gerade wollte der Truppführer den Erhalt der Warnung bestätigen, als er über sich auch schon den Start des ersten Gardefliegers hörte. Ehe er noch eine Ladung Spreng­stoff über seinen Kopf auf die Landebahn werfen konnte, donnerte der Flieger über ihn hinweg aus dem Berg. Hätte der Truppführer keinen Helm aufgehabt, wäre es um seine Haare schlecht bestellt gewesen. Der zweite Flieger allerdings schaffte es nicht mehr. Er raste bereits in den explodierenden Sprengstoff am Ende der Bahn und ging da­durch ebenfalls in die Luft. Die drei übrigen Flieger konnten ihren Start nicht rechtzeitig abbremsen, sie stießen unter lautem Krachen auf das brennende Wrack des zweiten. Auch sie gerieten binnen Bruchteilen von Sekunden in Brand und schoben sich gegenseitig über die Landebahn aus dem Berg hinaus. Nur wenige Meter vom Trupp der Rebellen entfernt stürzten sie hinunter in die Tiefe. Brennend und rauchend kamen die Wracks im Klärwerk zu Boden und verwüsteten dieses vollständig.
Der Pilot des einzigen Gardefliegers, der es in die Luft geschafft hatte, hatte mit Ver­bitterung und Wut das Schicksal seiner Pilotenkollegen mitverfolgt. Zwar hatte er so­eben den Befehl erhalten, zur Wüste abzudrehen und die Rebellen anzugreifen, aber davor wollte er noch etwas ganz Persönliches erledigen ...
Er steuerte die Nordwand an und zielte auf die Bergsteiger. Das Maschinenpistolen­feuer, das ihm beim Anflug entgegenschlug, entlockte ihm ein müdes Lächeln. Sofern es überhaupt traf, prallte es wirkungslos von seiner Panzerung ab. Eine Salve aus der Bordkanone zerfetzte das Seil kurz unterhalb des Truppführers. Die Rebellen, die auf diese Weise gesichert waren, stürzten schreiend in die Tiefe. Dann erwischte es den Truppführer. Sein Blut spritzte in hohen Bögen über den Felsen ... Als der Pilot abdreh­te, um seinem Befehl über der Wüste nachzukommen, hatte sich der Truppführer tot im Seil verfangen, seine Eingeweide hingen aus dem Bauch in die Tiefe ...
In der Kommandozentrale der Rebellen war inzwischen die Meldung eingegangen, dass die Reserveeinheiten der Roboterarmee aus ihrer unterirdischen Kaserne durch das Nordviertel in Marsch gesetzt worden waren. Das konnte gefährlich werden. Die Roboter würden genau dort auf den Kampf treffen, wo man sie am wenigsten brauchen konnte: im Rücken. Aber immerhin, sie würden noch eine halbe Stunde brauchen, bis sie eingetroffen wären.
Schwerfällig wälzten sich unterdessen die Reserveeinheiten durch die Straßen des Nordviertels. Nun war es von Nachteil, dass die Straßen eng und in schlechtem Zu­stand waren. Zudem erschwerten manchmal Autos, die im Wege standen, das Vor­wärtskommen. Die meisten wurden mit Raketen aus dem Weg geschossen. Auf diese Weise mehrten sich von Minute zu Minute die Schäden im Stadtviertel. Von den Be­wohnern ließ sich tunlichst keiner auf der Straße blicken. Doch viele Augen voller Trä­nen verfolgten die Kolosse hinter den Vorhängen auf ihrem Marsch ...
Die Einheiten kamen auch am Hause Paul Waydens vorbei. Julius Imagospurius hatte sich auf der Stufe zur Eingangstüre aufgepflanzt. In voller Größe stand er da und versuchte zu verhindern, dass einer der Roboter auf falsche Gedanken käme. Selt­sam, diese reagierten in keiner Weise auf ihn! Er schien sie nicht im geringsten beeinflussen zu können ... Diese Ungeheuer bewegten sich zwar, aber sie dünkten Julius ohne Leben. Da war er machtlos. Nachdem vierzig oder fünfzig der Maschinen an ihm vorbeigerollt waren, kam er zum Schluss, dass offenkundig keine Gefahr drohe. Julius zog sich wieder in seinen Winkel zurück und verfolgte dort voller Sorge weiterhin die Vorgänge.
Indessen überdachte Paul Wayden im Kommandozelt gerade die Lage. Er musste wohl oder übel davon ausgehen, dass in einem derartigen zermürbenden Kampf auf Dauer die Maschinen im Vorteil waren, da sie das Problem der nervlichen Belastung nicht hatten. Er konnte sich an einer Hand abzählen, wann die ersten seiner Leute de­sertieren würden. Gerade wollte er mit seinen Offizieren darüber beraten, als ein junger Mann, vielleicht 17 Jahre alt, hereinstürmte. Total außer Atem, verschwitzt, körperlich so gut wie am Ende, blieb er stehen.
„Kommandant, ich kann nicht mehr. Ich gehe nach Hause. Was ich heute gesehen habe ...“
Weiter kam er nicht mehr. Vielleicht dreißig Meter hinter ihm detonierte eine Rakete. Es war, als zerrisse es den Hinterkopf des Jungen. Dunkelrotes Blut spritzte für den Bruchteil einer Sekunde nach allen Seiten. Den Soldaten warf es fast einen Meter nach vor auf den Bauch, Oberleutnant Hehn vor die Füße. In seinem Hinterkopf steckte ein glühender Metallsplitter, ein Über­rest der Rakete. Er war auf der Stelle tot. Wenigstens war es schnell gegangen.
Einer der Offiziere schleppte seinen Körper hinaus.
„Über das wollte ich gerade mit euch reden“, sagte Wayden. „Wir brauchen einen Plan, der uns aus dieser Lage herausführt. Das stehen auf län­gere Sicht nur die Ma­schinen durch. Irgendetwas, was eine überraschende Wendung oder so etwas Ähnli­ches bringt.“
Seine Offiziere nickten zustimmend. Da hatte Oberleutnant Hehn einen Vorschlag. Sie sagte: „Paul, der weitaus überwiegende Teil der Roboterarmee ist hier in der Wüste gebunden. Die Gelegenheit wäre günstig, unsere Elite zum Königsberg zu führen und die­sen anzugreifen. Erstens erwartet der General nicht, dass wir so tollkühn sein würden und damit haben wir das Überraschungs­moment für uns, zweitens würde das eine Ände­rung der gegnerischen Strategie notwendig ma­chen. Das kostet Zeit, die für uns arbei­tet. Und drittens haben wir mit un­seren Waffen in einem Kampf auf kurze Distanz mehr Chancen.“
Paul war sofort begeistert von dieser Idee und erließ die nötigen Befehle. Eine Schar von etwa 200 schwer bewaffneten Soldaten unter Hauptmann Kurt Bachs Führung setzte sich möglichst unauffäl­lig vom Hauptfeld des Kampfes ab. Und wieder tat die Scannertarnung ihre Wirkung. Die Soldaten begaben sich im Laufschritt am Rande der Wüste im Schutz der dortigen Büsche, Gräben und Felsen bis zum Südviertel. Zwischen den Häusern ging es auf dem kürzesten Weg zum unteren Portal des Schlosses.
An den gegenüberliegenden Häusern angelangt begegnete den Rebellen zum ersten Mal heftiger Widerstand. Vier Kadetten und eine Handvoll schwer bewaffneter, zu allem entschlossener Männer der Palastwache hinter Beton und jeder Menge Sandsäcke sicherten das Portal. Dahinter begann die Ser­pentinenstraße, die zum Schloss hinaufführte. Den Wachen war bewusst, wie strategisch wichtig ihre Stellung war. Dementsprechend feuerten sie aus allen Rohren. Nicht im Traum hät­te einer von ihnen geglaubt, hier jemals Rebellen zu begegnen, sonst hätte man eine größere Besatzung, sowie einige Dragoner postiert. Und die Sandsäcke hatte man eigentlich auch nur für alle Fälle hingelegt. Jetzt waren die Palastwachen froh um jeden Kilo Sand.
Der Angriff der Re­bellen kam ins Stocken. Sie mussten in Deckung gehen. Da dach­te Kurt an die Situati­on, über die er mit der seltsamen Frau kürzlich gesprochen hatte. Sie hatte da­mals ge­sagt, wenn es so weit wäre, würde er es wissen. Nun, jetzt war sie da! Kurt griff in sei­ne linke Jackentasche und entnahm ihr die Pille, die ihm die rät­selhafte Unbekannte damals gegeben hatte. Nach zwei oder drei Minuten wirkte sie. Kurt fühlte übermenschliche Kräfte in sich aufsteigen.
Unter dem Feuerschutz der anderen warf er sich blitzschnell nach vor. Drei, vier Sprünge beförderten ihn in Sekundenschnelle direkt zwischen die Roboter, die ihn nur zö­gerlich unter Beschuss nahmen. Sie hätten sich selbst treffen können. Kurt sprang durch die Luft, drehte sich dabei und schoss aus allen Rohren. Nach wenigen Augenbli­cken waren die Kadetten ausgeschaltet. Als die Palastwache merkte, dass die Roboter kampfun­tauglich waren, eröffnete sie das Feuer aus allen Waffen, über die sie verfügten. Aller­dings ka­men da auch schon zwei Brandgranaten aus Kurts Bewaffnung auf die Wa­chen zuge­flogen und landeten hin­ter ihrer Deckung. Nachdem diese explodiert waren, waren die Rebellen nicht mehr zu hal­ten. Sie stürmten nach vor und überwältigten die wenigen Wachen, deren Körper nicht zerfetzt und brennend am Boden lagen.
Mitten im Trubel war Kurt getroffen worden. Aus drei Schusswunden in Bauch und Brust blutend kniete er wankend inmitten abgeschossener, stinkender Patronenhülsen. Er griff sich an die Brust und besah staunend sein eigenes Blut an den Händen. Schlagartig wurde ihm klar, wie es um ihn bestellt war. Mit letzter Kraft stand er noch einmal auf, denn er wollte aufrecht sterben. Helles Blut sprudelte aus seinem Mund, als er nach wenigen Sekunden vornüber fiel. Das Schicksal hatte ihn gefällt mit wuchtigem Schlag, wie ein Holzfäller die Eiche ...
Umgehend wurde Kom­mandant Wayden über Funk verständigt, dass das untere Portal ein­genommen worden war. Kurt Bach, ihr Truppführer, lehnte an einem der Kadetten, den er selbst abgeschos­sen hatte, das Ge­sicht an das kalte Metall gelehnt. Tot, wie der Sani­täter feststellte.
Mühsam hatten sich die Re­bellen den Zugang zum Schlossberg erkämpft. Nun hieß es, die untere, dann die obere Bunkeranlage auszuschalten, damit die Rebellen zum oberen Portal gelangen konnten. Die untere zeigte mit den Schießscharten nach Südosten, die obere nach Südwesten. Schon wieder drohte der Angriff zu sto­cken, denn aus den beiden Bunkeranlagen wurde aus allen Rohren gefeuert.
In der Ebene auf dem Hauptschlachtfeld hatten sich inzwischen die ersten Roboter bis kurz vor den Stellungen der Rebellen durchgekämpft. Claudia Hehn sagte zu Paul Way­den: „Kommandant, es wäre strategisch besser, wenn wir jetzt das Hauptgewicht des Kampfes zum Schlossberg hin verlagern. Es kämpfen mittlerweile ohnehin schon fünfhundert Mann unserer Elitetruppen vor Ort. Wir sollten uns auch dahin begeben.“
„Auf geht's!“, rief Paul Wayden und griff sich sein Sturmgepäck. Zusammen mit Claudia, einigen anderen Offizieren und den drei Leibwächtern lief er vor das Zelt und setzte sich in seinen Wagen. Sie waren noch nicht einmal bei den Sanitätszelten, als eine Salve aus dem kleinen Maxi eines Dragoners den Motorraum traf. Qualmend blieb das Auto stehen, aber zum Glück explodierte es nicht.
Claudia rief: „Verdammt, was nun?“
„Da, Hermanns Traktor!“ Damit zeigte Paul auf den Traktor mit Anhänger, der kaum zwanzig Meter entfernt stand. Offenbar hatte das Fahrzeug noch nichts abgekriegt. Mitten unter dem Beschuss zweier Kadetten lief die kleine Mannschaft im Zickzack zum Gefährt. Plötzlich hörte Wayden einen dumpfen Schlag. Seinem Leibwächter rechts neben ihm fehlte der Kopf. Wie aus einem Springbrunnen spritzte hellrotes Blut aus den Halsarte­rien in den Himmel. Mit schreckgeweiteten Augen verfolgte Claudia, wie der Körper noch vier oder fünf Meter weiterrannte, bis er in die Knie ging und zum Schluss ganz zusammen­sackte ...
In diesem Moment wurden die Kadetten abgeschossen. Einer explodierte, der ande­re kippte qualmend um. So schnell es der Traktor vermochte, fuhren Kommandant Way­den und sein Trupp an der Sanitätsabteilung vorbei in Richtung Süden. Auf dem Weg wur­den sie von den eigenen Truppen geschützt, so weit es ging. Nach einem Kilometer nä­herten sich ein Dragoner und ein Kadett, um sie unter Feuer zu nehmen. Schon woll­ten sie absteigen und im Gelände Deckung suchen, als Wayden Hermanns Stimme hörte: „Keine Panik, ich bin schon da!“
Hermann stand auf einem Felsen, der etwa fünf Meter hoch war, je ein Maschinenge­wehr in den Händen. Sein Hemd war offen. Meterweit regnete es abgeschossene Pa­tronen, als er feuerte. Das Wunder geschah! Beide Blechkübel detonierten ...
Doch in diesem Mo­ment rasten auch schon vier Raketen auf Hermann zu. Der Soldat ließ seine Waffen fallen und sprang mit einem Salto vorwärts vom Felsen. Kaum war er unten gelandet, explodierten die Ge­schosse und pulverisierten geradezu die obere Hälfte des Gesteins. Hermann lag zu­sammengekauert im toten Winkel zu Füßen des Felsens und ließ die Brocken neben sich zu Boden fal­len. Paul hörte ihn rufen: „Meinen Traktor kriegt ihr nicht.“
Als Paul mit seinen Gefährten weiterfuhr, sagte Claudia bewundernd: „Was für ein Glück, dass Hermann auf unserer Seite kämpft.“
Während Paul und ein guter Teil der Truppen auf dem Weg zum Schlossberg wa­ren, attackierte der einzig übrig gebliebene Gardeflieger das Hauptlager der Rebellen. Er flog von Norden kommend an, nahm Teile des Lagers unter Beschuss, überflog die­ses in Richtung Süden und drehte am südlichen Ende der Wüste in einer weiträumigen Schleife nach Westen um. Anschließend näherte er sich den Rebellen wieder von Nor­den.
Hauptmann Erika Denkstein, zuständig für die Koordination der Sanitätsstation, hatte die Taktik des Fliegers eingehend beobachtet. Die eigene Flugabwehr hatte bis jetzt nichts ausrichten können. Hauptmann Denkstein vermutete, dass die Leute zu nervös waren, hatte man ihnen doch vor dem Einsatz oft genug gesagt, dass ein Angriff aus der Luft das Schlimmste war, was den Rebellen passieren konnte. Oder vielleicht waren die Leute bloß schlecht ausgebildet? Abgesehen davon lagen sie zum Teil unter Robo­terbeschuss. Nahe genug waren diese ja. Kurz, es wunderte Hauptmann Erika Denk­stein überhaupt nicht, dass die Abwehr nicht wunschgemäß funktionierte. Sie beschloss zu handeln, bevor der Pilot seine Taktik ändern würde, was er nach den Vorschriften in absehbarer Zeit tun musste.
Erika Denkstein lief zu den Versorgungsdepots, nahm sich eine lenkbare Schützenra­kete und sah sich um. Da war der Flieger auch schon zu sehen, wie er im Norden tief fliegend seine Kurve zog. Würde er in dieser Richtung weiterfliegen, galt sein Angriff dieses Mal der Sanitätsstation. Eilig ging Hauptmann Denkstein zwanzig Meter vor dem Eingang zur Station in Stellung. Eine der umstehenden Soldatinnen half ihr beim Laden der Rakete. Wie es im Lehrbuch stand, kniete Erika im Sand, die Ra­kete über der rechten Schulter eingeklemmt, die Linke stützte den Lauf, damit dieser nicht so wackeln konnte.
Keine zwei Meter rechts von ihr entfernt pfiffen drei Geschossgarben Kaliber 12 mm aus den automatischen Waffen des Fliegers an ihr vorbei und sägten in die Sani­tätsstation. Dort hinterließen sie ein Blutbad und ein Chaos aus zerstörter Einrichtung, zerfetzten Leibern und aufschreienden Verwundeten.
„Das war dein letzter Pupser“, flüsterte Hauptmann Denkstein, denn der Flieger war diesen Augenblick in ihr Visier gekommen. Kaltblütig verfolgte sie ihren Gegner einen kur­zen Moment in der Zieleinrichtung, dann drückte sie ab. Drei Sekunden später explo­dierte der Flieger über einem Wüstengebiet, in dem sich glücklicherweise wenig Rebel­len aufhielten. Die Soldatin, die Erika vorhin geholfen hatte, hatte den Abschuss mit ihrem Feldste­cher mitverfolgt. Sie schrie triumphierend: „Bravo! Ja, das hat gesessen! Und zwei Dragoner und eine Spinne hat dieser verdammte Scheißkerl beim Absturz auch noch mitgenommen.“
Nicht viel, aber schließlich sind es die kleinen Freuden, die das Leben versüßen ...
Unterdessen waren Paul Wayden und sein Kommandostab in der Nähe des unteren Endes des Portals angekommen. Rasch machte er sich ein Bild von der Lage. Her­mann hatte hier das Kommando nach Kurt Bachs Tod übernommen. Er war dank eines auffrisierten Ge­ländewagens vor ihnen ange­kommen. Ziemlich genau dem unteren Portal gegenüber, in einer Entfernung von zwei­hundert Metern, war auf dem Balkon einer Villa ein automa­tisches Geschütz Kaliber 2 cm in Stellung gebracht wor­den. Vorschriftsmäßig nahm die dreiköpfige Besatzung den unteren Bunker unter Feu­er.
Paul trat von hinten heran und sagte: „He, Jungs, das bringt nichts.“
Der Soldat am Abzugshebel drehte sich um – eine Frau.
„Oh, Entschuldigung! Spart die Munition. Justiert die Kanone auf die Strecke zwi­schen erstem und zweitem Bunker. Flächenbeschuss.“
Dann öffnete er sein Gepäck und entnahm eine lenkbare Schützenrakete. Schnell zusammen­gesteckt und mit einer Phosphorrakete gefüttert. Seine beiden übrig gebliebenen Leibwächter halfen ihm dabei. Paul nahm sich Zeit zum Zielen. Als er abdrückte, sauste die Rakete durch die Luft auf den oberen Bunker zu. Von Kommandant Wayden sorgfältig gelenkt traf sie in eine der Schießscharten und detonierte im Inneren des Bunkers. Mehrere, direkt aufeinanderfolgende Explosionen schlossen sich an, die die Anlage mit unglaubli­cher Wucht buchstäblich zerrissen. 50, 60 Meter hoch wurde der Beton in die Luft ge­schleudert. Selbst die unterirdischen Gänge und Lifte, die vom oberen Portal vorbei am oberen Bunker zum unteren geführt hatten, waren in diesem Teil zerstört. Danach brannte und qualmte alles ...
Bedingt durch den tiefschwarzen Rauch, der sich im Nu entwickelte, konnten die Pa­lastwachen, die im oberen Portal stationiert waren, diesen Teil des Hanges nicht mehr ausreichend einsehen. In diesem Sichtschutz stürmten die Rebellen auf der östlichen Seite aus dem unteren Portal den Hang hinauf. Dadurch wäre es in weiterer Folge so­gar möglich, die untere Bunkeranlage, die nach Südwesten schaute, von hinten anzu­greifen.
„Achtung!“ sagte Paul zum Kommandanten des Geschützes. „Wenn der Komman­dant des unteren Bunkers richtig reagiert, muss er den Rückzug anordnen. So ist er abgeschnitten vom Nachschub und offen für jeden Angriff von der Flanke oder im Rü­cken. Das kann er nicht riskieren.“
Schon wurde das Feuer aus dem unteren Bunker eingestellt. Sekunden später ver­ließ die Besatzung die Anlage und setzte sich nach oben in Richtung oberes Portal ab. Dutzende Rebellen rannten von unten auf die Anlage zu.
„Hermann, pfeif die Idioten zurück!“, gab Paul über Funk durch, aber dieser konnte ihn offenbar nicht empfangen. Schon hatten die ersten Rebellen die Befestigung er­reicht. In diesem Augenblick flog sie in die Luft und zerfetzte die Körper der Rebellen, die zu nahe herangekommen waren.
„Das war ja zu erwarten gewesen“, knurrte Paul und an die Geschützbedienung ge­wandt, befahl er: „Feuer!“
Mit dreihundert Schuss pro Minute fuhr das Geschütz durch die Reihen der hang­aufwärts fliehen­den Palastwachen. Zuerst trieb es die Flüchtenden vor sich her, dann, wenn diese lang­samer wurden, weil es doch recht ansehnlich bergauf ging, wurden sie niedergemäht. Die letzten zehn oder zwölf Palastwachen ließen die Waffen fallen, dreh­ten sich um und hoben die Hände demonstrativ hoch. Die Soldatin am Geschütz stopp­te daraufhin das Feuer. Sie sah Wayden fragend ins Gesicht.
„Sollen wir sie am Leben lassen, Kommandant?“, wollte sie wissen.
Da kam Paul der Ausdruck von Grauen in Claudias Gesicht in Erinnerung, als seinem Leibwächter vorhin der Kopf weggeschossen worden war, der junge Soldat am Eingang des Kommandozeltes mit dem zerschmetterten Hinterkopf und die vielen Schreie, die er heute schon gehört hatte ...
„Nein!“
Sekunden später waren die Palastwachen tot. Das Rohr des Geschützes glühte vor Hitze, die abgeschossenen Patronen hatten ein nahegelegenes Fenster der Villa einge­schlagen. Sie lagen rauchend und nach abgeschossenem Pulver stinkend in einem Wohnzimmer ...
Damit war der Weg ins Schloss hinauf im Großen und Gan­zen frei.


Noch immer flitzten der Prinzessin perfekt geschminkte Fingernägel über die Tastatur auf der Suche nach dem Passwort oder alternativ, wie sie dieses umgehen könnte. Schon wieder hörte Agnes den Onkel hinter sich. Er schien mühsam auf die Bei­ne zu kommen. Agnes drehte sich um und sagte: „Wir müssen die Roboter um­programmieren, Onkel. Wie heißt das Codewort? Schnell.“
Der General, noch nicht richtig bei Sinnen, sagte nur: „Ja, tu das, das Code­wort heißt Leichentuch. Aber mach du, ich kann nicht, mir brummt der Schädel und kotzübel ist mir auch. Als hätte mich einer von hinten niedergeschlagen.
Mach schnell Agnes, es ist verdammt eilig. Versprich mir, dass du schnell Schluss machst.“
„Keine Angst, Onkel, es ist bald vorbei.“
Und schon gab Agnes das Wort „Leichentuch“ ein. Nichts! Der Computer akzeptierte nicht! Verflixt und zugenäht, was war denn jetzt schon wieder? Oh, ein Rechtschreibfehler! Darf nicht wahr sein ... Nachdem dieser korrigiert war, akzeptierte der Zentralrechner ...
„Hast du eine Ahnung, was mit mir passiert sein könnte?“ meldete sich wieder der General, während er sich den Hinterkopf rieb.
Agnes drehte sich um. Was sie sagte, konnte der Onkel allerdings nicht verste­hen, er sah nur, wie sie den Mund bewegte, denn ein Krachen, ein Tosen, das seinesglei­chen suchte, und sogar an diesem Tag noch nicht vernommen worden war, dröhnte von der Ebene und vom Nordviertel herauf. Sogar das Schloss erbebte ...


Mitten im Jubel über ihren jüngsten taktischen Erfolg am Schlossberg vernahmen die Rebellen das Krachen von über siebenhundert mehr oder weniger gleichzeitigen Explosionen. Das Dröhnen war so überwältigend und im ersten Augenblick für niemanden, egal auf welcher Seite, erklärbar, dass für einen kurzen Augenblick die Kämpfe beinahe zum Stillstand kamen.
„Kommandant“, so hörte Paul Hauptmann Denksteins aufgeregte Stimme über Funk aus dem Basislager. „Du wirst es kaum glauben! Die Roboter! Sie haben sich gegenseitig in die Luft gejagt!“
Paul stockte der Atem! Das war ja unglaublich ...!! Umgehend funkte er zurück: „Bitte sag das noch einmal. Wehe, Erika, du lügst mich an!“
„Du kannst es ruhig für bare Münze nehmen, Paul. Weit und breit gibt es nur mehr rauchende Schrotthaufen. Wir haben in der Wüste keine Gegner mehr ...“
Für einen Moment musste sich Paul setzen. Während er einige Male tief ein- und ausatmete, schlug er die Hände vor das Gesicht ... Das veränderte die Lage dramatisch! Kaum hatte er sich wieder gefasst, beorderte er umgehend alle einsatzfähigen Kräfte aus der Wüste zum Schlossberg. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich indessen die frohe Botschaft unter den Rebellen. Groß war die Freude, die Kampfmoral erlebte einen neuerlichen Höhepunkt. Ungestümer denn je stürmten die Truppen den Berg hinauf.
Warum sich die Roboter gegenseitig eliminiert hatten, konnte sich zwar im Augenblick weder Kommandant Wayden noch Claudia Hehn oder sonst jemand aus dem Kommandostab erklären, aber wie auch immer, das Ereignis kam wie gerufen. Die Statistik wies nämlich aus, dass für einen Kampf bergaufwärts die Angreifer un­ter den vorliegenden Bedingungen etwa siebenmal so viele Leute brauch­ten, um erfolgreich zu sein, als die Verteidiger auf dem Berg. Das hieß, die au­genblickliche Truppenstärke der Rebellen am Fuße des Königsberges hätte trotz aller Erfolge nicht ausgereicht, diesen zu erobern.
Mit dem Nachschub, der in Kürze aus der Wüste eintreffen würde, hatten die Re­bellen wieder eine faire Chance. Nur Sanitätspersonal und eine kleine Notbesatzung verblieben im Wüstenlager. Desgleichen auch die Artillerie, da man gewärtig sein musste, dass die Reserveeinheiten jeden Augenblick das Nordviertel verlassen würden, um von hinten das Basislager zu attackieren. Darüber, ob sich auch diese Einheiten selbst ausgeschaltet hatten, war nichts bekannt geworden. Also hieß es vorsichtig sein, nur nicht übermütig werden! Außerdem war Artillerie in der gegenwärtigen Phase des Kampfes am ehesten entbehrlich. Bevor diese ihre Stel­lungen verlassen, hier angekommen und neue Stellungen aufgeschlagen hatte und dann die Kanonen justiert waren, musste der Kampf vorbei sein. Des weiteren waren die Offiziere der Rebellen vor der Schlacht übereingekommen, das Schloss nach Möglichkeit nicht zu zerstören ...
In breiten Massen kamen nunmehr die Soldaten der Rebellen aus der Wüste an und verstärkten die schon anwesenden Truppenverbände. Waren die Rebellen auf freiem Ge­lände den Gegnern unterlegen ge­wesen, so hatte sich die Lage hier grundlegend gewandelt. Ihre Be­waffnung eigne­te sich bestens für die geänderten Gegebenheiten. Allerdings hatten sie hier vorwiegend menschliche Feinde: den Geheimdienst und die Palastwache unter Oberst Reinmann, durch die Bank linientreue Elitesoldaten der Monarchie. Das verlieh dem Kampf einen anderen Charakter.
Eine halbe Stunde später war dank der massiven Verstärkung aus der Wüste auch das obere Portal genommen. Die Angriffsspitze der Rebellen stand bereits im Schlosshof mitten in einem Berg schreiender Verwundeter und Leichen. Paul Wayden und Claudia Hehn waren dabei.
„Paul!“, so meldete sich Claudia neben ihrem Kommandanten, „gib den Befehl, zu­erst die Waffenkam­mer zu stürmen und dann die Sicherungssysteme abzuschalten. Erst dann in das Schloss eindringen.“
Sofort gab Paul die entsprechenden Befehle weiter. Ein Stoßtrupp drang in aller Eile in den Gang vor, an dessen Ende die Waffenkammer lag. Die Wachen vor der schwe­ren Metalltür waren bald niederge­macht, der Sicherheitscode war ohnehin bestens ausspioniert. Im Nu waren die Waffen an die Rebellen verteilt. Dann ging es an die Eroberung des übrigen Schlossgebäudes.
Zuerst kam das Büro des Sicherungsdienstes dran. Nachdem die Tür zum Hauptbü­ro aufgebrochen war, wurden die vier anwesenden Beamten niedergeschossen, dann rasch die automatischen Verteidigungssysteme per Computer deaktiviert. Von da an war es aus­schließlich ein Kampf Mann gegen Mann.
Wie oft kommt der Tod als Erlöser von jahrelangem Leid und jeder sagt: „Tragisch, aber eigentlich war es besser so“, oder: „Jaja, das ist halt der Lauf der Dinge.“ Heute aber war es anders, denn der Tod kam als wilde, reißende Bestie. Für die nächste halbe Stunde wütete er wie ein Ungeheuer im Blutrausch in den Räumen und Gängen des Palastes. Er kam mit Ge­schossgarben aus automatischen Waffen und Handgranaten, die die zerfetzten, blut­überströmten Körper durch die Fenster in die Tiefe schleuderten. Männer und Frauen wurden niedergemäht, egal ob sie kämpften oder sich ergeben wollten. In unbeschreiblichem Zorn wate­te der Sensenmann durch das Blut, überreich verspritzte er es auf die Wände. Die Leichen türmten sich wohin das Auge sah. Dazwi­schen die Schreie, das Wimmern der Sterbenden ...
Paul war inzwischen im Schlosshof geblieben. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Claudia Hehn aufschreiend umkippte, sich wie in Zeitlupe um die eigene Achse dre­hend. Sie hatte einen Treffer im Bauch und einen in die Lunge erhalten. Paul war sofort zur Stelle. Im Schutze einer kaum ein­sehbaren Ecke legte er Claudia nieder. Mit der einen Hand drückte er Verbandsmaterial auf die Brustwunde, mit der anderen hielt er sein Gewehr schussbereit, nach allen Seiten sichernd. Fieberhaft suchte er die Um­gebung ab, wo der Schütze stecken könnte.
„Ach was, Paul“, ächzte Claudia mühsam, „lass das, erste Hilfe war noch nie deine Spezialität. Und abgesehen davon weißt du genauso gut wie ich, dass es dafür zu spät ist. Lass so bald als möglich die strategisch wichtigen Punkte der Stadt besetzen. Dann sollte unserem Sieg nichts mehr im Wege stehen.“
Paul wollte etwas sagen, aber Claudia winkte mit dem Kopf ab. Es ging ihr von Se­kunde zu Sekunde deutlich schlechter. Paul musste sich bereits tief hinunterbeugen, um sie noch verstehen zu können.
„Und was ich dir noch sagen woll­te: Ich habe dich geliebt“, flüsterte sie ihm ins Ohr. Ihr Kopf sackte auf die lin­ke Seite. Ein dünner Faden hellroten Blutes rann aus dem Mundwinkel. Sie war tot ...
Paul war erschüttert. Es war ihm, als würde es ganz still rings­um, oder als hielte die Zeit an. Er konnte es nicht glauben, die Stra­tegin lebte nicht mehr! Eine Frau, die nicht nur an seiner Seite gekämpft hatte, was das Zeug hielt, sondern die ihn auch noch geliebt hatte. Und er hatte sie in dieser Hinsicht nie beachtet! Stets hatte er in ihr bloß den guten Kum­pel gesehen, mit dem man durch dick und dünn geht. Sozusagen in die Hölle und zurück. In der Tat, in die Hölle war sie mit ihm gegangen, aber zurück ...? Liebevoll schloss er Claudia die Augen. Einen kurzen Mo­ment ließ er seine Rechte auf dem blutverschmierten Gesicht der Frau verweilen. Es tat einfach gut. Ein Kuss auf die Stirn ...
Unterdessen meinte Paul den gegnerischen Schützen ausgemacht zu haben, der Claudia auf dem Gewissen hatte. Aus ei­nem der drei Fenster im ersten Stock, direkt über dem Dienstboteneingang, feuerte er in un­regelmäßigen Abständen. Hoffentlich würde er so lange leben, bis Paul bei ihm war. Ei­lends legte er ein volles Magazin in seine Maschinenpistole ein, lud durch, stellte auf Dauerfeuer und wandte sich an seine Leibwächter. Hoppla, da war ja nur noch einer, nämlich Fritz! Kein Wunder, bei dem Wirbel. Fritz wusste genau, worum es jetzt ging. Auch er war schon in voller Bereitschaft.
Zugleich sprangen sie auf! Im Zickzack rasten sie über den Hof. Angefeuert durch dieses Beispiel verließen einige andere Rebellen ebenfalls ihre Deckung und ver­wickelten die Palastwachen in ein heftiges Gefecht. Zu­gleich wurde die Aufmerk­samkeit von Paul und Fritz abgezogen.
Ehe sich die Verteidiger des Schlosses versahen, hatten die beiden den Dienstboten­eingang erreicht. Mit aller Macht warf sich Paul gegen die Tür, die einen Spalt breit of­fen war, damit man von innen herausfeuern konnte. Dabei warf er zwei Palastwachen um, drei weitere starben in seinem Kugelha­gel. Die anderen weiter hinten verdrückten sich eilends um eine Ecke in die dahin­ter liegenden Gänge.
Paul war durch seinen Besuch vor gar nicht so langer Zeit noch im Bilde, wohin er sich wenden musste. Der Dienstbotenlift links neben dem Tor stand offen. Schnell stie­gen Paul und Fritz in den Fahr­stuhl und drückten den ersten Stock. Als sich die Türen öffneten, sahen sie sich zwei Palastwachen gegenüber, die einen Moment lang völlig verblüfft waren, da sie hier kei­ne Rebellen erwartet hatten. Der Hauptkampf spielte sich weiter drüben am Zentraleingang ab. Die Schrecksekunde überlebten die beiden nicht. Paul und Fritz schossen sie nieder.
Als er über die Toten stieg, rutschte Paul in einer Blut­lache aus und kam auf dem Rücken zu liegen. Sehr zu sei­nem Glück, denn sonst hätte ihn der Geheimdienstmann erwischt, der soeben dreißig Meter weiter im Gang das Feuer auf ihn eröffnet hatte. So pfiffen die Geschosse um Haaresbreite über ihn hin­weg.
Paul, noch immer am Boden liegend, drehte sich blitzschnell in Schussposition und drückte ab. Der Geheimdienstler kippte aufschreiend hintenüber. Damit hatten Paul und sein Leib­wächter das Gelände wieder für sich. Wenigstens für die nächsten paar Se­kunden. Als sich Paul an Fritz wandte, zeigte dieser mit seiner Maschinenpistole auf ihn, den rech­ten Zeigefinger am Abzugshahn. Paul glaubte seinen Augen nicht zu trau­en.
„Fritz, was soll das?“
„Man hat mir Geld gegeben.“
„Aha, und was ist mit meinem dritten Leibwächter passiert?“
„Man hat mir sehr viel Geld gegeben.“
„Und jetzt schießt du mich über den Haufen. Ist es nicht so?“
„Ich sollte es, aber ... ich ... ich bringe es nicht fertig. Scheiß Geld!“
Und schon drückte er ab. Zwei Palastwachen in Pauls Rü-cken brachen getroffen zu­sammen. Aber Fritz hatte es auch erwischt. In einer Lache seines Blutes lag er am Bo­den. Mühsam versuchte er, sich aufzurichten.
Während sich sein Mund mit Blut füllte, flüsterte er: „Letzten Endes war ich doch dein Leibwächter, nicht dein Mörder. Es geht mir gut bei dem Gedanken. Mach das Beste aus dieser ganzen Scheiße, Kommandant ...“
Ein kurzes Zucken seines Körpers, dann war er tot ... Da fiel Paul eine Signal­pistole auf, die ei­ner der beiden Wachen umgeschnallt hatte. Paul nahm sie an sich, vergewis­serte sich, dass sie geladen war und lief zu einer Zim­mertür schräg links von ihm. Da­hinter muss­te das Zimmer sein, aus dem auf die Stra­tegin gefeuert worden war.
Ein kurzer Blick in die Runde, ob sich jemand näherte – niemand zu sehen ... Mit einem Ruck riss Paul die Tür auf. Der Geheimdienstmann im Raum warf sich herum. Er drückte zugleich mit Paul ab. Da er aber aus der Drehung heraus feuerte, verfehlte er Paul knapp. Der Kommandant hingegen hatte getroffen.
Das Geschoss war dazu bestimmt, während der Nacht als Ge­fechtsfeldbeleuchtung zu dienen. Es sollte gemütlich an einem kleinen Fallschirm baumelnd bis zu einer halben Minute brennend die Gegend ausleuchten. Nun sah Paul zu, wie sich die Phosphormunition in der Dicke eines Besenstiels, zischend durch den Körper des Feindes brannte. Der Mann lag brüllend am Boden, die Hände verzweifelt auf den Bauch gedrückt. Der Schmerz bäumte seinen Körper auf unnatürliche Weise auf ... Ein unan­genehm beißender Geruch nach verbrannten Gedärmen und kochendem Blut verbreitete sich rasch ... Nach fünfundzwanzig Sekunden war die Ladung abgebrannt ...
Paul stand immer noch mit abgeschossener Pistole über dem Körper des Mannes, als ihm auffiel, dass dieser zu zucken aufgehört hatte. Auch die Schreie und Schüsse ringsum waren langsam verebbt. Von ferne hörte er jemanden rufen: „Die Sprinkleran­lage! Löscht die Brände!“
Paul lauschte angestrengt. Noch immer Schreie und jede Menge Kommandos, aber keine Schüsse, keine Explosionen mehr! Er öffnete das Fenster und lugte vorsichtig in den Hof hinunter: Leichen zuhauf, Verwundete, die versorgt wurden, aber keine Kämpfe ... Sollte es endlich vorbei sein ...? Paul Wayden konnte es kaum glauben. Tatsächlich, es war vorüber! Endlich hatte das Grauen ein Ende ...!
Einer seiner Soldaten betrat das Zimmer. Er drückte Paul einen Datenkristall in die Hand.
„Kommandant, das Schloss ist in unserer Hand, die Königsfamilie gefangen genom­men. Wir verhindern gerade, dass die Bude abbrennt. Diesen Kristall haben wir im Kommandozentrum gefunden. Sehen Sie sich den un­bedingt so schnell wie mög­lich an. Da drüben steht eine En-ko. Vielleicht funktio­niert sie noch.“
Paul legte den Datenträger ein. Die, wie immer holografische, Darstellung zeigte, wie Agnes den General von hinten niederschlug und die Roboter umprogrammierte. Wie erleich­tert war Paul! Agnes war es also gewesen! Sie hatte eben doch für die richtige Seite ge­kämpft. Das wirkliche Geheimnis ihres Sieges! Paul hüpfte das Herz im Leib vor Freude. Wie stolz war er doch auf seine Geliebte!
In der Zwischenzeit hatte sich der Raum mit Rebellen gefüllt. Erschöpft vom Kampf, blutverschmiert, viele verletzt, mit zerrissenen Kampfanzügen, hatten sie alle fasziniert mitverfolgt, was Agnes getan hatte. Niemand sagte ein Wort.
Irgendeiner unterbrach das Schweigen: „Wir brauchen jemanden, der uns auch weiterhin anführt. Wir brauchen einen ... ja, einen Präsidenten.“
„Kommandant, ich finde, Sie sollten es sein!“, hörte Paul Wayden einen anderen. Umgehend erfolgte zustimmendes Kopfnicken von allen Seiten.
Da war der Kommandant sichtlich gerührt. Langsam ging er durch die Reihen seiner Mitkämpfer und sah in ihre Gesichter. Zunächst stand Leutnant Hermann Ruhdorf, der wie durch ein Wunder einen Sturz aus eineinhalb Kilometer Hö-he überlebt hatte. Mit zahlreichen Abschür­fungen, völlig außer Atem, blutend aus mancherlei Wunden stand er da. Er war kaum imstande, sich aus ei­genen Kräften auf den Beinen zu halten, aber seine Augen glühten!
„Du, Hermann, den ich in den so gut wie sicheren Tod geschickt habe, du möchtest, dass ich dich anführe?“
„So ist es.“
Daneben stand eine junge Frau. Schwarze Locken hingen ihr wirr in das blutver­schmierte, schweißglänzende Gesicht. Eine der wenigen Personen in seiner Armee, die er persönlich kannte. Mit ihr war Paul seinerzeit zur Schule gegangen.
„Und du Magda? In meiner Jugendzeit habe ich immer meine dummen Scherze mit dir getrieben. An den Haaren habe ich dich auch gezogen. Und jetzt kann ich dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass du es überlebt hast ... Möchtest du wirklich, dass ich dich anführe?“
„Ich kenne niemand, der mehr dazu berufen wäre.“
Weiter ging Paul durch seine Mannschaft. Da stand einer, dessen dreckiger Verband die Blutung an einer Wunde am linken Unterarm nur müh­sam hatte stoppen können. Auch er war kurz vor dem Ende seiner physischen Kräfte.
„Und Sie, was ist mit Ihnen? Möchten auch Sie, dass ich Ihr Präsident bin?“
„Keiner außer Ihnen hat mein Vertrauen!“, entgegnete der Mann unmissverständlich. Der Soldat neben ihm nickte einfach, der übernächste auch. In manche Gesichter sah der Kommandant noch, aber es war stets das Gleiche. Alle vertrauten ihm, alle wollten, dass er das Amt übernehme. Fast kam sich Paul Wayden schäbig vor, als er durch die Reihe seiner Mitkämpfer schritt. Er war einer der wenigen Soldaten, die ohne Verletzung geblieben waren. Das war ja direkt peinlich ...
Weiter hinten begann einer vor sich hinzusagen: „Wayden als Präsident!“
Und schon schlossen sich seine Nebenmänner an: „Wayden als Präsident!“ Immer mehr wurden es, die immer lauter werdend den Spruch wiederholten: „Wayden als Prä­sident! Wayden als Präsident!“
Bald waren es alle seine Soldaten gemeinsam: „Way­den als Präsident!“ So dröhnte es mit Macht minutenlang durch den Schlosshof, durch das ganze Gebäude.
Vom Trödelhändler zum Präsidenten? Mehr als nur ein Quantensprung! Aber andererseits: Wenn er sich jetzt über den Willen so vieler hin­wegsetzen würde, war er dann wirk­lich besser, als die, gegen die er heute zu Felde ge­zogen war? Paul Wayden ging tief in sich. Gab es dort irgendwo auch einen Präsidenten, den er hervorholen konnte? War das endlich seine, Paul Waydens, Stunde? Die Stunde, von der er immer geträumt hatte, die Stunde, an die zu glauben ihm Kraft, Mut und Hoffnung geschenkt hatte ...?
Schließlich gab sich Paul Wayden einen Ruck und rief: „Ruhe! ... Ruhe!“
Es wurde mucksmäuschenstill. Die berühmte Stecknadel hätte man fallen hören können ... Was würde er seinen Leuten zu sagen haben ...?
„Ich habe mich entschieden. Wenn es wirklich euer aller Wille ist, werde ich euch als Präsi­dent brüderlich zur Seite stehen, aber als Erster unter Gleichen. Primus, so soll mein Amt heißen und alle fünf Jahre sollt ihr darü­ber abstimmen, ob ich weiter im Amt bleiben soll oder ihr lieber jemand an­deren haben wollt. Und unsere Verfassung sollen die Forderungen des Ediktes bilden.“
Jubelnder, ja tosender Applaus ringsum, der schier kein Ende nehmen wollte ...
„Von heute an wollen wir alljährlich diesen Tag feiern als den Zeitpunkt, an dem die Wür­de in unser Leben einzog. Und nun besetzt schnell die strategisch wichtigen Punk­te in der Stadt.“
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Ich schreibe, also bin ich.
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BeitragVerfasst am: 12.02.2008, 09:22    Titel: Ein Hund tritt in den Saal 2. Kapitel / 12. Teil Antworten mit Zitat

Bald schon wurde die Königsfamilie vorgeführt. Auch Oberst, Herzog von Grächt und zwei andere Offiziere waren mit dabei. Nur Oberst Reinmann, Chef der Palastwachen, fehlte. Er lag tot in verkrümmter Haltung in seinem eigenen Blut fünfzig Meter den Gang weiter. Der General stand fassungslos, zit­ternd und mit bleichem Gesicht unter seinen Verwandten und sagte: „Das hätte ich nie für möglich gehalten.“
Paul entgegnete: „Das ist der Grund, warum es so gekommen ist.“
Einer der neben Paul stehenden Sol­daten fragte ihn: „Sollen wir sie gleich erledigen? Ich könnte sie in die Kellerräume treiben, wie man das mit unseren Leuten gemacht hat und ...“ damit klopfte er auf das Magazin sei­nes Sturmgewehres, „... ich würde das Pro­blem diskret, schnell und vor allem endgültig lösen. Ich ver­spreche Ihnen, Primus, Sie werden nichts mehr hören und sehen, von diesem ... ver­dammten Pack.“
Er und einige andere Rebellen hatten die Waffe auf die Königsfamilie gerichtet. Eine falsche Bewegung und er würde abdrücken. Plötzlich machte Oberst von Grächt, der am Ran­de der kleinen Gruppe stand, eine schnelle, überraschende Drehung mit dem Oberkör­per! Schon krachten die Schüsse. Aus drei automatischen Waffen entluden sich die Geschossgarben in seinen Körper. Durch die verschiedenen Einschusswinkel ergab sich der gro­teske Eindruck, der Oberst würde tanzen. Zugleich spritzte sein Blut durch die Luft und besudelte die Umstehenden. Die Wucht der Sprengprojektile, Munition aus dem schlosseigenen Depot, warf ihn an die Wand zurück. Als drei oder vier Sekunden später sein entstellter Körper vom blutverschmierten Mauer­werk abrutschte, war er schon tot, durchsiebt von zahllosen Geschossen. Wie durch ein Wunder war sonst niemand verletzt worden.
Die Großmutter war in Ohnmacht gefallen, die anderen Mitglieder der Königs­familie zitterten vor Angst, die Hände hoch erhoben. Die Königin hatte sich übergeben müs­sen. Diese Sekunden hatten ihnen allen gezeigt, in welcher Gefahr sie in Wirklich­keit schweb­ten und dass dies nicht die Stunde der Gnade war. Bleich im Gesicht sagte der König zu Paul Wayden: „Ich glaube nicht, dass er zu seiner Dienstwaffe greifen wollte.“
Schon zeigten die noch rauchenden Läufe der Sturmgewehre und Maschinenpistolen auf ihn. Paul entgegnete: „Mag sein, egal. Es ist ein anstrengender Tag und wir sind alle ein bisschen nervös. Und noch etwas, Herr König: Heute ist keineswegs das Ende der Legende, sehr wohl jedoch das unserer Träume, da hatten Sie ganz recht, denn von Stunde an sind diese Wirklichkeit.“
Auch Prinzessin Agnes war blass geworden. Sie zitterte am ganzen Körper. Schützend stellte sie sich vor ihren Va­ter. „Bitte, er mag ein schlechter König sein, aber er ist ein toller Vater. Ich lie­be ihn.“
Da wandte sich Paul auch schon an seine Soldaten: „Nein, nein, wir werden sie nicht liquidieren. Der Tod wäre eine Erlö­sung für sie und würde sie für manche zu Märtyrern machen. Es soll nicht eines Ta­ges in den Geschichtsbüchern stehen, wir hätten sie ohne Gnade und Barmherzigkeit über den Haufen geschossen. Oh nein, ich habe etwas vor mit ihnen, das diesen Leu­ten wesentlich mehr weh tut. Sie sollen arbeiten. Arbeiten, wie wir alle. Mit denselben Rechten und ganz besonders denselben Pflichten. Und glaubt mir, ihre Vergangenheit wird ihnen wie ein Fluch im Nacken sit­zen. Alle werden wir glücklich sein mit unserem neuen Leben, aber die Königsfamilie nicht.
Und dir, Agnes, möchte ich sagen: Dein Vater ist kein schlechter König. Er ist ein typi­scher, schlimm genug. Also gut, dann sei es. Ich gebe Ihnen, König Georg III., jetzt die Gelegenheit, freiwillig abzudanken. Ich hoffe, Sie wissen unser Entgegenkommen zu schätzen, wir können auch anders.“
Wie bleich war der König doch geworden! Nach ein paar Sekunden sagte Georg III. zähneknirschend: „Ich beuge mich den Gegebenheiten und lege hiermit offiziell die Krone ab.“
Paul fuhr weiter fort: „Als König entmachtet, als Papa geehrt und respektiert. Wir wer­den aus diesem Palast ein Museum machen und dein Papa, Agnes, soll der Gärtner sein. Auch die anderen Mitglieder der Familie sollen Posten in diesem Museum erhal­ten, wo sie arbeiten werden, wie alle anderen Bürger auch. Prin­zessin Agnes jedoch haben wir einen Großteil unseres Sieges zu verdanken. Sie ist selbstverständlich frei und kann tun und lassen, was sie will.“
Die Mitglieder der Königsfamilie staunten nicht schlecht. Alle sahen voll Misstrauen Agnes an. Der König fragte sie: „Wie darf ich das verstehen, meine Tochter?“
„Vater, in der Zeit, in der ich verschwunden war, war ich bei ihnen. Glaube mir, du müsstest nur einen Monat so leben wie sie, und du wärest ein ganz anderer Mensch. Und das wirst du auch in Kürze sein. Ja, ich habe den Rebellen geholfen. Ich habe die Roboter so umprogrammiert, dass sie sich selbst als Ziel genommen haben. Diese Leu­te hier haben für eine gerechte Sache gekämpft, zu Tausenden starben sie dafür. Ich bin von Herzen froh, dass sie gesiegt ha­ben. Nicht nur ihr, die ganze Welt soll es wissen.“
Damit stellte sie sich demonstrativ an Pauls Seite. Nicht allzu nahe, schließlich war seine Uniform voller Blut und Dreck, aber dennoch un­missverständlich. Paul wandte sich an die Nächst­stehenden: „Ich werde mich jetzt ein wenig zu­rückziehen. Lasst mich bitte alleine.“
Dann begab er sich in eines der angrenzenden Zimmer. Das Fenster gab den Blick nach Westen frei, dort, wo in wenigen Stunden die Sonne über der Wüste untergehen würde. Da unten hatte heute die Schlacht ihren Anfang genommen. Zu Tausenden hatten die Rebellen ihr Le­ben verloren. Zwischen ihren Leichen qualmten die Roboter, oder besser, was von ihnen übrig geblieben war. Kilometerhoch stieg der Rauch da und dort unvermindert in den Himmel. Mehr als zweitausend abgeschossene, explodierte Blechkübel lagen in teils bizarren Formationen in der Landschaft umher. Die Hitze der Explosionen hatte das Metall zum Schmelzen gebracht und daraus Gebilde geformt, die morschen Ästen gleich bedrohlich in die rauchgeschwärzte Luft ragten. Von Weitem gemahnten diese metallenen Überreste manchmal an versteinerte Ungeheuer in der Stunde ihres Todes ... Es war wie zum Zeichen: Das Böse war hier!
Wie der Wind, der über eine menschenleere Einöde oder zwischen verlassenen Häusern in der Tiefe der Nacht streicht, geisterte noch immer das Wimmern und Seufzen der Sterbenden über den blutgetränkten Sand ...
Mitten in dieser chaotischen Welt, getaucht in Düsternis und Schwermut, versuchten Hunderte Sanitäter, Freiwillige und Soldaten zu Fuß und mit Geländewagen die Verwundeten zu bergen. Es galt zu retten, was noch zu retten war. Viel war es nicht ...
Der Primus sah es und sah es nicht zugleich. Er hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen und war so erschöpft wie noch nie in seinem Leben ... Plötzlich fühlte er eine Hand auf seiner linken Schulter. Es war Agnes.
„Was ist mit dir?“, wollte sie wissen.
„Die Schüsse ... das Blut ... die Schreie ... das Wimmern ... das Sterben ... die Lei­chen ... Es war ein einziger Fleischwolf, eine Blutorgie ohnegleichen ... Vielleicht kriege ich diese Bilder nie mehr los. In Wirklichkeit war der Tod der einzige Gewinner dieses Tages.“
Agnes entgegnete ihm: „Das kommt dir nur so vor. Jahrtausende Herrschaft auf Lüge und Unterdrückung gebaut konnte nicht mit Worten und Argumenten alleine zerstört werden, das wäre zu schön gewesen, um wahr zu sein. Es erfor­derte eben den Einsatz aller Kräfte. Du bist nicht verantwortlich für das, was heute geschehen musste.“
„Haben wir eigentlich schon gezählt, wie viele übrig geblieben sind? Sind es zwei- oder dreitausend? Mir graut vor dem Augenblick, in dem ich die Zahl hören werde. Was sage ich den Witwen, was den Waisen?“
„Die Wucht des heutigen Tages hat auch das Tor zu einer hellen, freundlichen Zu­kunft aufgestoßen. Das darfst du nicht übersehen. Paul, als Primus solltest du nach vorne sehen und deinen Gefährten den Weg in diese Zukunft weisen. Sie erwarten das von dir. Und ich sehe weit und breit niemanden, der dazu so befähigt wäre wie du.“
Liebevoll umarmte sie ihn, sachte legte sie seinen Kopf auf ihre Schulter und strei­chelte sein Haar. Paul spürte, wie er innerlich heilte.
„Und wie fühlst du dich, Agnes? Immerhin hast du dich heute offen gegen deine Familie ge­stellt, du hast dich zu erkennen gegeben. Dir haben wir eigentlich unseren Sieg zu ver­danken. Wie geht es dir dabei?“
Paul sah, dass Agnes weinte. „Für mich war all das genauso schmerzlich wie notwendig. Und deshalb ist es richtig, wie es gelaufen ist. Ich werde schon eines Tages darüber hinwegkommen. Jedenfalls bin ich wieder im Einklang mit mir selbst. Du kannst dir nicht vorstellen, wie beinahe schizophren mein Leben geworden war, seit ich wieder bei meiner Familie lebe. Nach all dem! Ich konnte es fast nicht mehr aushalten. Lieber wäre ich die Agnes geblieben, die du kanntest, und die mit dir im Nordviertel gelebt hat. Selbst in die Hölle wäre ich dir gefolgt.“
„Das hast du getan, Agnes ... Tief durchatmen, das hilft immer. Ich liebe dich, Agnes!“
„Ich dich auch, Paul.“


Hinter Agnes und Paul wurde vorsichtig die Tür geöffnet. „Primus“, hörten die beiden eine Stimme. „Wir haben in den Gewölben ein interessantes Zimmer entdeckt. Das sollten Sie sich ansehen.“
Auf dem Weg stiegen sie über eine Menge Leichen, die gerade weggeräumt wurden. Zumeist waren es Höflinge des alten Regimes, aber auch Rebellen fanden sich darunter. Dunkelrotes, feuchtes Blut lief von den Wänden, die mit Einschusslöchern wahllos überzogen waren. Paul versuchte Agnes wenigstens von den schrecklichsten Anblicken abzuschirmen. Da und dort schwelte ein Brandherd, den die Sprinkleranlage nicht hatte löschen können. Aber im Großen und Ganzen hatte das Wasser der Anlage verhindert, dass das Gebäude abge­brannt war.
Der Soldat führte sie eine Weile durch die Gänge, bis sie in Sabines geheimes Zim­mer kamen. Paul war ein wenig verwundert über die Gegenstände, die sich in der Räumlichkeit fanden. Der Primus entdeckte unter anderem einen Spiegel, der in das weit aufgerissene Maul eines Löwen eingelassen war.
Da entfuhr es ihm, Paul wusste selbst nicht, wie: „Wenn ich nur wüsste, was es mit der Legende wirklich auf sich hat.“
„Das kann ich euch zeigen“, sagte der Löwe mit tiefer Stimme und im Spiegel formte sich Nebel. Als sich dieser gelichtet hatte, sahen sie einen Hund mit einer Schriftrolle im Maul durch eine Einöde laufen. Nach Tagen kam er zu den Menschen, die in einer antiken Stadt wohnten. Dort wollte er unbedingt den König sprechen. Nachdem er den Wachen ge­sagt hatte, um was es ging, erhielt er eine Audienz. Ganz bange ward dem armen Hund zumute. Er war ein Hirtenhund, er konnte seine Schafe beieinander halten, bestens sorgte er dafür, dass auch dem Jüngsten kein Leid zugefügt wurde, aber mit höfischen Gebräuchen? Oh nein, damit war er nicht vertraut ...
In der Vorhalle wurde er vom Zere­monienmeister empfangen, der ihn zum König geleitete. Eine goldene Krone tief in die Stirn gezogen, die Hände in schwarzen Lederhandschuhen auf sein quer über die Ober­schenkel gelegtes Schwert abgestützt, so blickte ihn der König wenig später aus unbarmherzigen, kalten Augen an.
„Nun“, sagte der König ganz gespannt und seine Stimme klang, als käme sie direkt aus einer Gruft, „ich habe gehört, Ilak-Gathu hat euch für eure Dienste an uns Men­schen ein Edikt ausgestellt.“
„Jaja“, antwortete da der Hund demütig hechelnd, „wenn du gestattest, dann ... äh, ja, dann ... würde ich es dir gerne zeigen, Herr König.“
Es war geschehen! Er hatte es tatsächlich herausgebracht! Da war der Hund stolz auf sich. Der König gab seinem ersten Diener, dem Zeremonienmeister, einen Wink mit seiner Linken. Dieser nahm die Schriftrolle aus dem Maul des Hundes, las und gab sie wieder zurück. Dann flüsterte er dem König etwas in das rechte Ohr. Ohne Bewegung, ohne das geringste Anzeichen einer Gemütsregung hatte dieser zugehört. Anschlie­ßend richtete der König sein Wort wieder an den Hund: „Kannst du lesen?“
„Nein, mein König. Ich habe es nie gelernt.“
„Was da drin steht, ist für euch Hunde nicht von sonderlicher Bedeutung und für uns Menschen eher ärgerlich. Ich mache dir daher den Vorschlag, händige uns die Rolle aus, wir vergessen das Ganze und du darfst von heute an bei uns im Palast wohnen. Es soll dir gut gehen, keine Arbeiten mehr, du kannst dir eine Hündin nehmen, Welpen mit ihr haben, Fleisch soviel du willst ... Und für die Öffentlichkeit verbreiten wir die Nach­richt, du seiest nie angekommen. Na, was hältst du davon?“
Der Hund ging tief in sich. Wenn es ohnehin nicht so großartig war, was Ilak-Gat­hu festgelegt hatte, dann könnte wenigstens er seine Vorteile aus der Angelegenheit ziehen. Und auf die Dalmatinerhündin würde ein derart fürstliches Leben sicher auch Eindruck machen. Anderer­seits, die gemeinsame Sache verraten? Und was ist, wenn es gar nicht so unbedeutend war, was Ilak-Gathu niedergeschrieben hatte und der König die Sache nur hinter­treiben wollte? So überlegte er hin und her, während er leise winselnd seinen Kopf einmal nach links, dann wieder nach rechts wiegte. Bedächtig wägte er das Für und Wider ab.
Das dauerte dem König entschieden zu lange, bis dieser begriffsstutzige Trottel imstande war, ein vernünftiges Wort herauszubringen.
„Wir können dir die Schriftrolle auch mit Gewalt nehmen. Dass das deinen Tod be­deuten würde, ist dir ohnedies klar, nicht?“
„Also gut, mein König. Machen wir es so, wie du es vorgeschlagen hast. Ich ver­traue deiner Weisheit und deiner wohlwollenden Fürsorge für alle Lebewesen in dei­nem Rei­che.“
Mit äußerst gemischten Gefühlen überreichte der Hund dem Zeremonienmeister die Rolle, der sie seinerseits wieder an den König weiter gab. Dieser las mit zunehmend finsterer Miene. Dann rollte er das Edikt wieder zusammen, öffnete die linke Handfläche und schlug die Rolle mit seiner Rechten tief in Gedanken einige Male auf das Leder seines linken Handschuhs. Tock ... tock ... tock ... Dabei sah er den Hund an, er blickte ihm tief in die Augen. Ja, mehr noch, er sah geradewegs durch ihn hindurch ...
Nach einigen Au­genblicken, in denen der Hund bereits ordentlich ins Schwitzen geraten war, flüsterte der König seinem Diener etwas in das Ohr. Laut sagte er anschließend: „Zeremonienmeister, führe den Hund auf dem schnellsten Weg in seine neuen Gemächer, dem entgegen, was er so reichlich verdient hat.“
„Vielen Dank, Herr König, Ihr seid zu ...“ zack!, und schon erhielt der Hund von hinten einen Tritt, dass er die nächsten Minuten nur noch hinken konnte. Auf einen unwirschen Wink des Dieners hin folgte ihm der Hund, zwei Wachen in Kettenhemden, die Hände am Knauf der Schwer­ter, dicht hinter ihnen. War der Weg in seine Zimmer so gefähr­lich, sodass es eines Schutzes bedurfte oder war er in Wirklichkeit gefangen genommen worden? Den Hirtenhund über­kam ein flaues Gefühl in der Magengegend. Auf der Schlossmauer ließ sich der Zere­monienmeister durch einen der Wachen ein Schwert geben. Er hielt an.
„Ich habe den Befehl erhalten, die Schriftrolle zu vernichten und dich zu töten. Nur keine Angst, die Schriftrolle wird den heutigen Tag überleben, du nicht!“
Blitzschnell stach er zu. Wie erbärmlich jaulte der Hund auf ...! Der Diener hielt den blutenden Körper des Hundes mit dem Schwert in die Luft, hob ihn über die Mauer und ließ ihn langsam von der Klinge gleiten. Als der Hund sterbend über die Burgmauer in die Tiefe fiel, hörte er den Zeremonienmeister sagen: „Das ist der schnellste Weg in deine neuen Gemächer.“
Weithin tönte der Todesschrei des Hundes, fast wie der eines Menschen ... Unten stand Ilak-Gat­hu inmitten einiger Büsche und fing den Körper auf. Da er schon sehr müde war, kostete es ihn viel Kraft noch hier unter den Geschöpfen seines Vaters zu bleiben. Lie­bevoll nahm er das sterbende Lebewesen in die Arme. Er sagte: „Du wirst wiederkomm­en. Lange wird es dauern, aber du wirst. Denn es ist noch nicht zu Ende. Nicht heute und nicht auf diese Weise.“ Damit erschlaffte der Körper des Hun­des, es war vorbei ...
Und wieder verhüllte Nebel den Spiegel ... Sekunden später wurde er unsichtbar, wie auch die anderen Gegenstände im Raum. Odrammiels Artefakte zogen sich zurück in die dämonischen Welten, aus denen sie gekommen waren ...


Eine Stunde später lief General von Löwenstein, von einem Beseitigungstrupp gejagt, in To­desangst durch die Stadt. Man hatte ihn im Zentrum des Nordviertels ausgesetzt. Ein Fern­sehteam von „Die Welt zu deinen Füßen“ begleitete die Jagd und übertrug live über sämtliche En­tertainmentkon-solen. Agnes, die mit blassem Gesicht in ihren Gemächern saß und das Geschehen mit äußerst ge­mischten Gefühlen verfolgte, fragte Paul: „Sag doch, muss das wirklich geschehen? Findest du das nicht geschmack­los? Das ist doch ein entwürdigen­des Spektakel!“
„Ja, im Grunde ist es das“, gab Paul zurück. „und ich selbst bin fast nicht mehr imstande, hinzusehen. Wie wenn heute nicht schon genug Blut geflossen wäre! Es ist traurig und beschämend zugleich, doch ich fürchte, es muss sein.
Erinnere dich an 1792 und 1917, was damals mit den gestürzten Machthabern geschehen ist. Der Volkszorn braucht ein Ventil. Vom persönlichen Schicksal des Generals abgesehen ist das hier ohnehin nur eine mehr symbolische Geste. Wir können im Grunde froh sein, wenn nichts Schlimmeres geschieht.“
„Immerhin ist er mein Onkel. Ich war imstande, ihn niederzuschlagen, aber umbringen ...?“
„Ich weiß. Dennoch kannst du nicht erwarten, dass wir eine derart extreme Schlacht gewinnen, in der wir Zehntausende Opfer zu beklagen haben, dann setzen wir uns mit den alten Unterdrückern brüderlich an einen Tisch und wir sind wieder alle lieb und nett zueinander. Wer hat gesagt, wir seien Engel? Wir müssen uns nicht vor Edel­mut überschlagen.
Ich versichere dir, es ist das letzte Mal, dass diese verhassten Roboter zum Einsatz kommen. Sie werden anschließend auf meine ausdrückliche Anordnung hin verschrottet. Ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, wenn die Beseitigungstrupps Geschichte sind.
Keine Angst, Agnes, es ist nicht Rache, ich habe meine Gefühle unter Kontrolle. Andererseits ist es nur angemessen, wenn der Ge­neral am eigenen Leibe erfährt, was er sich höchstpersönlich für andere ausgedacht hatte. Was mit deinem Onkel in diesen Augenblicken geschieht, ist ein Symbol dafür, dass alles, was die Oligarchen unternommen haben, ihre Vorrechte abzusichern, ihnen letzten Endes zum Grab geworden ist.“
„Hoffentlich machst du damit keine gefährliche Tür auf, Paul“, flüsterte Agnes und wandte sich ab. Paul schaltete die Enko aus.
Draußen wurde General von Löwenstein vom Volk begleitet. Viele beschimpften ihn, manche war­fen ihm Steine, Tomaten oder Unrat nach, es war wie ein Spießrutenlauf ... Da und dort flüchtete der General wieder in einen Hauseingang oder über eine Feuerleiter in ei­nen Hinterhof und doch kamen die Roboter immer näher ... Man hatte ihm zehn Minu­ten Vorsprung gelassen. Aber das war natürlich lächerlich. Nach einer guten Stun­de war er gebrochen. Seine Bronchien pfiffen, er war schließlich nicht mehr der Jüngste, die Beine taten ihm weh, er schwitzte am ganzen Körper. Zwei Straßenzüge von Pauls Haus entfernt, stellten ihn die vier Roboter des Trupps. Unter dem Gegröle der Zuse­her hielten zwei den Offizier in ihrer Mitte unter den Achseln eingeklemmt, der dritte brach ihm beide Beine, der vierte schlug den Stahl der Faust mit voller Wucht in sein Gesicht und seinen Brustkorb. Die unmittelbar Umstehenden hörten seine Knochen krachen.
Die Großmutter zuckte vor der Enko zusammen, als eine Fontäne hel­len Blutes aus dem Mund des Generals spritzte, die Königin schlug weinend die zitternden Hände vor das Gesicht ...
Dann schleppten die Maschinen den General weg. Wie leblos schleifte er die Füße hinter sich her, der Kopf wackelte vornüber gesenkt. Das Haar hing wirr in das Ge­sicht, wodurch von den Gesichtszügen kaum etwas zu erkennen war. Sein zerrisse­nes Hemd war blutgetränkt. Er hinterließ eine Blutspur, die er mit seinen eigenen Füßen unab­sichtlich verwischte. Einer der Roboter ging voran und machte den Weg frei, ein ande­rer hintendrein sicherte den Trupp mit vorgehaltener Waffe nach rückwärts. Alle waren mit schussbereiten Handfeuerwaffen ausgerüstet. Als der Beseitigungstrupp im vorderen Hof des Schlosses ankam, war Otto von Löwenstein bereits tot ...
Hermann Ruhdorf eilte in das Zimmer, in dem sich Paul und Agnes aufhielten.
„Paul, im hinteren Burghof draußen haben einige von uns ein paar aus dem Südviertel zusammengetrieben. Sie fordern ihren Tod. Man wartet auf deinen Schießbefehl.“
Paul und Agnes sprangen auf, öffneten das Fenster und sahen in den Hof hinunter.
Tatsächlich, eine Gruppe von vierzig oder fünfzig Zivilisten stand verschreckt in einer Ecke des Burghofes, so als stünden sie für ihre Erschießung bereit. Mit angsterfüllten Augen starrten sie in die Mündungen zahlreicher Maschinengewehre und automatischer Pistolen ... Würden sie die nächsten Minuten überleben? Eine Gruppe Rebellen in zehn Metern Entfernung wartete nur auf das Kommando, eine unglückliche Bewegung oder auf eine Provokation ...
„Wie ich befürchtet hatte! Es fängt schon an“, sagte Agnes.
Paul erkannte sofort den Ernst der Lage. Wollte er das wirklich ...? Wenn er diese Hinrichtung befehlen würde, könnte es sein, dass er damit einen Sturm aus Hass und Rache entfesseln würde, den keiner mehr kontrollieren konnte. Plünderung, Mord und Totschlag im Blutrausch allenthalben, keiner würde abschätzen können, wie lange ... Das war sowohl menschlich verwerflich als auch strategisch unklug. Und abgesehen davon wurde hier nicht Macht ausgeübt gegenüber Leuten, die sich nicht wehren konnten? Wogegen hatte er eigentlich mit so viel Entschlossenheit gekämpft? Sollte das alles nie ein Ende haben? Paul ging tief in sich ... Warum war ausgerechnet er, Paul Wayden, Händler vom Trödelmarkt, aufgestiegen zum mächtigsten Mann in ganz Siddi Lohan, wenn nicht, um im entscheidenden Augenblick das Seine beizutragen, dass es endlich einmal anders wurde ...?
Noch während er auf den Gang lief, rief Paul Hermann zu: „Gib es an alle Kommandanten weiter: Keine Plünderungen, kein Brandschatzen, keine Übergriffe auf die Zivilbevölkerung! Äußerste Disziplin!“
Und schon rannte er in den Hof hinunter und stellte sich zwischen seine Soldaten und die Zivilisten: „Halt, bringt diese Leute nicht um! Bisher war es der Tag unserer Befreiung. Wenn ihr das tut, macht ihr den Tag der Schlächter daraus. Ist nicht schon genug Blut geflossen? Irgendwann muss es reichen. Außerdem erlangen wir keine militärischen Vorteile durch ihren Tod. Die Schlacht ist zu Ende, was wollen wir mehr? Es darf und soll vorbei sein, ein für alle Mal.
Ich kann nicht von euch verlangen, dass ihr diesen Leuten vergebt, aber wir nehmen ihnen wenigstens nicht ihr Leben. Ich verstehe ja, dass dies nicht die Stunde des Verzeihens ist, aber muss deswegen gleich solche Rache sein?“
Der Kommandant sah in die harten, finsteren Gesichter der Rebellen. Wild, zu allem entschlossen waren sie. Eine unheimliche Glut lag in ihren Augen ... Jahrtausendelange Unterdrückung, Armut, Ungerechtigkeiten aller Art waren heute binnen Stunden aufgeplatzt wie ein Pestgeschwür. Würde es die Seele seiner Leute vergiften? Pauls Soldaten hörten ihm zwar aufmerksam zu, doch würden sie seinem Befehl folgen? Oder war der Adrenalinspiegel so weit gestiegen, dass sie keinen Argumenten mehr zugänglich waren?
Nur nicht aufgeben! Paul argumentierte weiter: „Seht euch diese Menschen an!“
Damit wies er mit weit ausholender Geste auf das Häufchen Zivilisten. Schluchzende Frauen, da und dort drückte eine ihr weinendes Kind an sich, Männer mit blassem Gesicht, die Lippen zusammengepresst ...
„Natürlich, wir können sie jetzt über den Haufen schießen. Aber was profitieren wir davon? Danach ist uns möglicherweise leichter, aber eines Tages schämen wir uns dafür! Lassen wir sie ziehen. Der ganzen Welt sei es ein Zeichen, dass wir anders sind und unsere Zukunft nicht mit einem Haufen blutiger Leichen von Zivilisten beginnen.“
Noch immer regte sich keiner. Paul sah dem Nächststehenden der Rebellen fest in die Augen und sagte ihm: „Die letzten Stunden haben aus Ihnen einen Helden und Sieger gemacht, wollen Sie jetzt zum Ungeheuer werden?“
Sekundenlange Stille ... Niemand rührte sich, keiner flüsterte auch nur ein Wort ... Die Zivilisten wagten kaum, zu atmen. Manch einer ahnte nun, warum es Paul Wayden war, der gesiegt hatte ...
„Sie sind ein Krieger im wahrsten Sinne des Wortes, Soldat und kein Schlächter. Lassen Sie die Leute gehen! Nicht nur um deretwillen, sondern auch um Ihretwillen!“
Wie in Zeitlupe senkte der Rebell, den Paul Wayden angesprochen hatte, sein Maschinengewehr. Langsam taten es ihm die anderen nach. Mit metallenen Geräuschen wurden die Waffen gesichert. Die Mündungen senkten sich ... Die Reihen der Rebellen öffneten sich und gaben einen schmalen, blutverschmierten Weg zum Portal frei ...
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Ich schreibe, also bin ich.
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BeitragVerfasst am: 12.02.2008, 09:25    Titel: Ein Hund tritt in den Saal 2. Kapitel / 13. Teil Antworten mit Zitat

Die Mitglieder der Königsfamilie hatte man angewiesen, in ihren Gemächern auf neue Instruktionen zu warten. Es würden ihnen neue Räumlichkeiten zugeteilt werden, etc.
Heinrich und Sabine hielten sich ebenfalls in ihrer Suite auf. Obwohl der Kampf schwerpunktmäßig in anderen Teilen des Schlosses ausgetragen worden war, fanden sich auch hier unübersehbare Spuren der letzten Stunden: Risse in den Mauern, herabgefallene Bilder, umgestürzte Einrichtungsgegenstände, stellenweise hatte sich der Verputz von den Wänden gelöst usw.
Heinrich hatte glänzen­de Augen und sagte kein Wort. Geraume Zeit saß er einfach auf einem der Sessel, sein Gesicht in den Händen vergraben. Die Unordnung um ihn herum scherte ihn nicht. Er konnte es in Wahrheit immer noch nicht glauben, welche Wendung die Ereignisse am Ende genommen hatten. Seiner Ehefrau ging es nicht viel besser.
Dann zog sich Heinrich vor die Enko zurück, die glücklicherweise noch funktionierte. Ungläubig seinen Kopf schüttelnd verfolgte er die Reporta­gen. Es war klar, die Rebellen hatten alle militärisch bedeutenden Einrichtungen unter ihrer Kon­trolle. An allen strategisch wichtigen Punkten der Stadt patrouillierten pausenlos ihre Truppen. Zwi­schendurch riefen wieder Offiziere, hohe Verwaltungsbeamte und an­dere Persönlich­keiten des öffentlichen Lebens über die Fernsehstationen die Bevölker­ung auf, Ruhe zu bewahren und möglichst wie gewohnt allen Tätigkeiten des täg­lichen Lebens nachzu­gehen. Es werde in Kürze eine neue Regierung geben. Von Minute zu Minute verflogen sich Heinrichs Hoffnungen auf ein Wunder, das die Rebellion doch noch untergehen ließ.
Sabine indes hatte sich in ihr eigenes Zimmer zurückgezogen. Dort fiel ihr Alhazraels Buch auf, mit dem sie noch immer nicht fertig war. Das Nachwort war noch zu lesen. Da schlug sich plötzlich das Buch selbst auf. Doch außer der Über­schrift war das Blatt leer. Halt! Als sich Sabine etwas mehr konzentrierte, erschien eine Handschrift: „Da ich nun mehr oder weniger am Ende meiner Ausführungen angelangt bin, möchte ich die Gele­genheit zu einem persönlichen Rückblick nützen. Ich weiß, es klingt ausgespro­chen unglaubwürdig, aber es ist dennoch so: Ich habe schon vor Jahr­tausenden gelebt und hunderten von Königen gedient. Niemand sollte glauben, dass ein langes Leben wirk­lich erstrebenswert ist, ich kann es aus eigener Erfahrung versi­chern.“
Mit Erstaunen stellte Sabine fest, dass die Worte, kaum dass sie sie gelesen hatte, wieder verschwanden. Die Worte kamen aus dem Nichts und gingen wieder dorthin ...
Sie las weiter: „Ganz deutlich erinnere ich mich an jenen Tag, an dem ein Hirtenhund zu uns kam. Ich diente gerade meinem ersten Herrn, dem antiken König Demistrititos und seiner Frau als Zeremonienmeister. Nachdem er den Wachen ge­sagt hatte, um was es ging, wurde der Hund in die Vorhalle geführt. Dort empfing ich ihn und geleitete ihn zum König. De­mistrititos war gerade von einem erfolgreichen Krieg heimgekehrt und hatte keine Lust, sich die Wünsche so unbedeutender Untertanen, wie die der Hunde, anzuhören. Eine gol­dene Krone tief in die Stirn gezogen, die Hände in schwarzen, blutgetränkten Leder­handschuhen auf sein quer über die Ober­schenkel gelegtes Schwert abgestützt, so blickte Demistrititos den Hund aus Augen ohne Gnade an.
„Nun“, sagte Demistrititos ganz gespannt, und seine Stimme klang, als käme sie di­rekt aus einer Gruft, „ich habe gehört, Ilak-Gathu hat euch für eure Dienste an uns Men­schen ein Edikt ausgestellt.“
„Jaja“, antwortete da der Hund demütig hechelnd, „wenn du gestattest, dann ... äh, ja, dann ... würde ich es dir gerne zeigen, Herr König.“
Auf einen Wink des Königs hin nahm ich die Schriftrolle aus dem Maul des Hundes und öffnete sie. Das Pergament war mit fremdartigen Symbolen in violetter Farbe über­sät, die ich noch nie gesehen hatte. Aber was war das?! Je mehr ich auf die Schrift sah, desto mehr veränderte sie sich, bis sie zuletzt das Aussehen der mir vertrauten alt­griechischen Schriftzeichen besaßen. Ilak-Gathu hatte den Hunden ein Ritual aufge­schrieben, das das Leben verlängern sollte. Des Lesens unkundig waren die Hunde je­doch auf die Hilfe von uns Menschen angewiesen und deswegen sollten sie sich an uns wenden.
Ich verstand Ilak-Gathus Absichten sofort, zumindest bildete ich mir das ein. Zuerst sollten wir Menschen etwas mehr Respekt vor den Hunden erhalten, da sie etwas von so großer Wichtigkeit tun durften, noch dazu mit göttlicher Erlaubnis und zweitens wür­den die Hunde viel länger leben als die Menschen. Das hätte natürlich auf Dauer ihre Position uns gegenüber gestärkt. Ohne Zweifel durften wir das nicht zulassen!
Anderer­seits, dem König ein derart wertvolles Wissen zu übergeben kam auch wieder nicht in Frage. Es wäre wohl bei mir, der ich damals schon auf dem Pfade der Magie und der höheren Erkenntnis wandelte, am sichersten aufgehoben. Profanen Menschen musste derlei Wissen vorenthalten werden, sie hätten nur Unfug damit angestellt.
Jetzt kam es mir sehr gelegen, dass der König in Wirklichkeit weder lesen noch schreiben konnte und daher mich vorgeschickt hatte. Nachdem ich das Schriftstück ausgiebig studiert hatte, gab ich es dem Abgesandten zurück. Dann flüsterte ich dem König in das rechte Ohr: „Herr König, die Hunde begehren, künftig ihre Notdurft an der Innensei­te eurer Burgmauer verrichten zu dürfen.“
Das war bis dahin ausnahmslos keinem Hund gestattet gewesen. Alleine beim Ge­danken, die Königin könnte in ihren hauchdünnen, perlenbesetzten Sandalen im Hun­dekot ausrutschen, musste ich ein Grinsen unterdrücken. Ohne Bewegung, ohne das geringste Anzeichen einer Gemütsregung hatte Demistrititos zugehört.
Anschlie­ßend richtete der König sein Wort wieder an den Hund: „Was da drin steht, ist für euch Hunde nicht von sonderlicher Bedeutung und für uns Menschen eher ärgerlich. Ich mache dir daher den Vorschlag, händige uns die Rolle aus, wir vergessen das Ganze und du darfst von heute an bei uns im Palast wohnen. Es soll dir gut gehen, keine Arbeiten mehr, du kannst dir eine Hündin nehmen, Welpen mit ihr haben, Fleisch, soviel du willst ... Und für die Öffentlichkeit verbreiten wir die Nach­richt, du seiest nie angekommen. Na, was hältst du davon?“
Der arme Hund überlegte hin und her, bis es dem König zu lange dauerte.
„Wir können dir die Schriftrolle auch mit Gewalt nehmen. Dass das deinen Tod be­deuten würde, ist dir ohnedies klar, nicht?“
„Also gut, mein König. Machen wir es so, wie du es vorgeschlagen hast. Ich ver­traue deiner Weisheit und deiner wohlwollenden Fürsorge für alle Lebewesen in dei­nem Rei­che.“
Mit offensichtlich gemischten Gefühlen überreichte er mir, dem Zeremonienmeister, die Rolle, die ich meinerseits wieder an den König weitergab. Dieser gab vor, sich in das Schriftstück zu vertiefen. Auch seine zunehmend finstere Miene sollte verschleiern, dass er in Wirklichkeit ihm absolut unverständliche Zeichen vor Augen hatte. Nach ei­nem Zeitraum, von dem Demistrititos annahm, dass er ausreichen würde, das Schrift­stück zu lesen, winkte er mich heran und flüsterte mir in das Ohr: „Egal, was da darauf steht, die haben keine Forderungen zu stellen! Wo kommen wir denn da hin, wenn schon die Hunde meinen, sie dürften etwas verlangen? Bring den verdammten Köter um und ver­nichte dieses Stück papierne Scheiße da.“
Laut sagte er dann: „Zeremonienmeister, führe den Hund auf dem schnellsten Weg in seine neuen Gemächer, dem entgegen, was er so reichlich verdient hat.“
Auf meinen Wink hin folgte mir der Hund, zwei Wachen hinter uns. Auf der Schloss­mauer ließ ich mir von einem der Soldaten ein Schwert geben. Ich wies die Wachen an, zurückzubleiben, damit sie nicht hören würden, was ich mit dem Hund zu bereden hat­te, hielt an und sagte dem Abgesandten der Hunde: „Ich habe den Befehl erhalten, die Schriftrolle zu ver­nichten und dich zu töten. Nur keine Angst, die Schriftrolle wird den heutigen Tag über­leben, du nicht!“
Schnell wie der Blitz stach ich zu. Wie erbärmlich jaulte der Hund auf ...! In meinen zahllosen Albträumen seither höre ich stets diese Töne, wie anklagend berühren sie durch die Jahrtau­sende hindurch noch immer meine Seele ... Ich hob den Hund über die Mauer und ließ ihn langsam von der Klinge gleiten. Als der Hund sterbend die Burg­mauer in den Graben hinunterfiel, rief ich ihm nach: „Das ist der schnellste Weg in dei­ne neuen Gemächer.“
Weithin tönte der Todesschrei des Hundes, fast wie der eines Menschen ... Er ver­folgt mich bis zum heutigen Tag in die tiefsten Abgründe meiner Seele. Nirgendwo gibt es einen Ort, an dem ich mich davor verstecken kann. Es ist wie ein Fluch ... Erst viel später, als es halbe Unendlichkeiten zu spät war, wurde mir geoffenbart, wie sehr ich damals unrecht getan hatte.
Unter einem Vorwand schickte ich die beiden Palastwachen zurück. In Windeseile begab mich in meine ei­genen Gemächer, aber nicht um – wie vorgegeben – das Schriftstück zu vernichten, sondern vielmehr um mich unverzüglich seinem Studium hinzugeben.
Das Ritual bestand aus ein paar Anrufungen, die eingangs zu sprechen waren und als Kernstück aus einer geheimen Formel. Sie musste man aussprechen, während man ein paar Tropfen des eigenen Blutes auf ein darunter befindliches Siegel zu träu­feln hatte. Damit verschwand die Schrift auf geheimnisvolle Weise und ich wurde ohnmächtig ...
Nachdem ich das Ritual durchgeführt hatte, diente ich dem König weiter wie ehedem. Niemand wäre auf die Idee gekommen, es hätte sich das Geringste verändert. Und als Demistrititos starb, kam ein anderer nach. Ich arbeitete auch für ihn. Niemand nahm von mir richtig Notiz, ich war ein­fach da und kam meinen Pflichten nach. Irgendwann gehörte ich scheinbar so dazu, wie die Einrichtung. Stets war ich zur Stelle und diente, aber keinen kümmerte es. Im Lau­fe der Zeit starben meine Verwandten und Freunde und zu ihren Nachkommen fehlte mir die Beziehung. Also wurde ich einsam.
Oft begab ich mich in fremde Länder zu den Eingeweihten der verschiedensten Lehren, um bei ihnen meine Studien zu vervoll­kommnen. Kam ich zurück, verrichtete ich wieder meine Dienste wie ehedem. Niemand war je meine Abwesenheit aufgefallen. Manch­mal war ein anderer Regent oder sogar eine andere Regierungsform. Aber irgendwie benötig­ten ausnahmslos alle meine Dienste. Und hätte jemand gedroht, mir das Leben zu neh­men, ich hätte ihm sagen müssen: Du kommst zu spät, ich bin schon tot ...
Mein langes Dasein, denn von „Leben“ zu schreiben widerstrebt mir, hat mir einerseits die vielen geheimen Studien ermöglicht, deren Erkenntnisse ich hier niedergeschrieben habe, andererseits habe ich mein Wissen teu­er erkauft. In einem Schattenreich zwischen dem Diesseits und dem Jenseits gefangen, war ich untot auf meine Weise.
Unzählige Könige kamen und gingen. An der Lage der Hunde änderten sie alle nicht das Geringste. Eines Tages wurden es weniger Hunde und immer mehr Menschen. Da ging es eben diesen Menschen so, wie bislang den Hunden. In Wirklichkeit änderte sich nichts.
Trotz allem konnte ich, der Wanderer zwischen den Welten, der Grenzgänger zwischen den Sphären, hin und wieder auch etwas tun, von dem ich hoffe, dass ich stolz darauf sein kann. Es ist gar nicht lange her, als mir eine Hohepriesterin in einer der jenseitigen Welten die Geschichte mit Sabine, Odrammiel und Agnes erzählte. Daraufhin veranlasste ich die Teilnahme der Prinzessin Agnes am königlichen Silvesterball. Mehr konnte ich nicht tun.
Doch in unseren Tagen geschehen Dinge von großer Tragweite. Es begann damit, dass Sabine den Dämon Odrammiel beschwor. Aus einer zu nahen Verbindung von menschlichen Wesen mit dämonischer Energie konnte nur Unheil entstehen. Da schließlich ich das Buch geschrieben hatte, das es Sabine ermöglichte, in Kontakt mit Odrammiel zu gelangen, fühlte ich mich irgendwie verantwortlich, was die Folgen des Zusammentreffens betraf. Als Odrammiel hörte, dass Sabine schwanger von ihm war, belegte er das Kind mit einem Fluch. Ich sorgte dafür, dass das Lebewesen gleich nach seiner Geburt in meine Obhut kam.
Wie gut kann ich mich daran erinnern, als ich dieses Wesen zum ersten Mal in mei­nen Händen hielt! Im wahrsten Sinne des Wortes unbeschreiblich, wie es aussah. Unverkennbar war das Wesen nur zum Teil menschlich. Die­ses ... Etwas ... war glücklicherweise in eine Decke gehüllt, die ich zusam­menschlug, um nicht sehen zu müssen, was ich auf meinen Armen forttrug. Für einen kurzen Moment meinte ich so etwas wie ein Paar Augen zu sehen. Sicher konnte ich mich täuschen, fest steht jedenfalls, ich fühlte mich durch diesen Körperteil angeblickt. Es ging mir durch Mark und Bein.
Das Erste, was ein Lebewesen nach seiner Geburt erblickt, prägt es für den Rest sei­nes Lebens. Wenn es dabei in die Augen eines anderen Wesens sieht, ist es diesem für immer verbunden. Das musste ich verhindern, wenn es nicht ohnehin schon zu spät war. Also schlug ich schnell die Decke über das unglückliche, verfluchte Wesen und eil­te hinaus in das Dunkel der Nacht.
Inmitten der Tücher und Decken rührte sich das Neugeborene darin auf befremdliche Weise und gab Geräusche von sich, die mehr denen eines Tieres als denen eines menschlichen Säuglings ähnelten. Ich lief durch die Winkel und Gassen des Nordvier­tels, bis ich an die Grenze Siddi Lohans gelangte.
Da das Wesen noch keinen Namen hatte, gab ich ihm in meinem Geiste den Namen Etwas. Es war meine Aufgabe, das fluchbeladene Lebewesen aus Siddi Lohan zu ent­fernen und weit draußen in der Wildnis sich selbst zu überlassen.
Finster war die Nacht, als ich den Wald westlich der Stadt betrat. Ich kannte dort, weitab jeder menschlichen Sied­lung oder Wege eine Lichtung, einen alten, heiligen Platz keltischer Druiden mit ei­nem verwitterten Stein in seiner Mitte. Den alten Mythen nach hatte er schon vor Jahrtau­senden als Opfertisch und Altar gedient. Gänzlich mit Moos überzogen, verdeckt von Ge­büsch war er schwer zu entdecken. Dank Vollmondes, der inzwischen vom Himmel schien, gelang es mir trotzdem. Darauf legte ich Etwas, noch immer in seine Decke ge­hüllt. In ritueller Form wollte ich Etwas den Kräften der Natur übergeben, damit diese damit verfahren, wie es am besten sei und ich mich zurückziehen könne.
Während meiner Gebete fing es plötzlich zu blitzen und zu donnern an. Innerhalb we­niger Minuten hatte sich ein Unwetter zusammengezogen. Doch es ging nicht der ge­ringste Wind und auch kein Tropfen Regen fiel. Plötzlich merkte ich die unsichtbare An­wesenheit eines transzendenten Wesens beinahe körperlich. Unbeirrt brannte ich wei­terhin meine Räucherungen ab und sprach dazu die überlieferten Gebete. Als ich ein­mal, nur so aus Gründen der Vorsicht, meinen Schutzkreis nachzog, hörte ich neben dem undefinierbaren Wimmern des Kindes einige tiefe, gutturale Laute, wie sie von ei­nem großen Tier stammen könnten. Als ich aufsah, war er da – Odrammiel!
So Ähnli­ches, wie wabernder Nebel war um ihn. Die Luft war erfüllt von ätzenden, säureartigen Gerüchen aus einer nicht-menschlichen Welt. In gebeugter Haltung stand Odrammiel neben Etwas, eine Keule in der Hand, mit der er bereits zum Schlage ausgeholt hatte.
„Du wirst es nicht töten!“, rief ich.
Odrammiel drehte sich abrupt um und sah mir mit seinen übergroßen, phosphores­zierend grünen Augen entgegen.
„Es ist von mir und gehört mir. Daher kann ich mit ihm machen, was ich will.“
„Oh nein, das Leben gehört sich selbst.“
„Du kannst das Kind nicht schützen, denn es hat keinen Namen.“
„Doch, es heißt Etwas.“
Odrammiel hatte Etwas den Rücken gekehrt und kam in drohender Haltung näher. Er war über zwei Meter groß, zwei Widderhörner ragten furchterregend aus den Schläfen. Kein außergewöhnlicher Dämon, dachte ich mir, eher ein althergebrachter.
Ein gewaltiger Blitz, der mit lautem Kra­chen in unmittelbarer Nähe einschlug, riss die Konturen Odrammiels Gestalt für einen kurzen Augenblick deutlich aus dem nächtlichen Dunkel.
„Ich werde dich umbringen, ... Zauberer ...“, sagte er mit deutlicher Verachtung.
„Das kannst du nicht. Ich bin schon tot.“
Kurz vor meinem Schutzkreis hielt er inne.
„Du weißt nicht, dass ich Etwas in meinem Zorn mit einem Fluch beladen habe. Du hast keine Ahnung, was da drüben liegt. Für uns alle ist es besser, wenn Et­was stirbt.“
„Nichts gibt dir und mir schon gar nicht das Recht, Etwas zu töten.“
Odrammiel riss die Arme in Schulterhöhe und streckte mir die Hände entgegen, als wolle er mich würgen, doch den Schutzkreis überschritt er dabei nicht.
„Bei Abraxas, ich banne dich in die Welt, aus der du gekommen bist. Bei allen Schutzgeistern, du wirst diese Welt verlassen. Ich banne dich ...“, so dröhnten meine Worte durch den nächtlichen Wald.
Während ich mich anschickte, meine Bannformeln zu rezitieren, überschüttete ein neuerlicher Blitz die unmittelbare Umgebung mit seinem fahlen, bläulichen Licht. Der Schreck fuhr mir in die Glieder! Etwas war größer geworden und hatte sich aufgerichtet. Die Decke war verschwunden, genauso wie alles Moos und sämtliche Sträucher in unmittelbarer Nähe. Nackt lag der keltische Opferstein, meterweit umgeben von kahlem Boden, ohne jeglichen Bewuchs. Mit einem Schlag begriff ich! Etwas saugte aus seiner Umgebung die Lebensenergie.
Der Dämon war in seiner drohenden Stellung stehen geblieben. Er rührte sich nicht. Nur undefinierbare, unterdrückte Laute drangen aus seiner Kehle. Offenbar hatte ich ihn zumindest blockiert. Das musste ich nützen! Keine Ahnung, wie lange Odrammiel so verharren würde! Ei­lends löschte ich die Räucherungen, dann raffte ich meine Geräte, Kerzen und Sonsti­ges zusammen und verließ den Ort. Die Dunkelheit hinderte mich daran, zu laufen.
Als ich den Rand der Lichtung erreicht hatte, wandte ich mich noch einmal um. Der Dämon befand sich immer noch in derselben Stellung. Und wieder zerriss ein Blitz den Himmel. Er fuhr in den Körper Odrammiels, der mit dumpfem Knall förmlich in Stücke zersprang. Dazu hörte ich einen Schrei, wie ich ihn niemals vergessen werde: „Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa ...“
Drei Meter da­hinter hatte sich Etwas aufgerichtet und sah zu mir herüber. Oder bildete ich mir das nur ein?
Im Rückblick der Zeiten möchte ich sagen, dass ich Odrammiels Verhalten zu jener Stunde nicht bewerte, ge­schweige denn verurteile. Und ich bin froh, dass das gar nicht meine Aufgabe ist. Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, was in dieser Nacht wirklich geschehen ist. Hatte ich des Dämons Todesschrei gehört oder war es nur der Zorn gewesen, sich in seine Welt zurückziehen zu müssen? Da war so viel Schmerz und Angst in diesem Schrei gelegen ...
Im Laufe der folgenden Jahre wurde das Leben stark in Etwas. Das Wesen saugte die Le­bensenergie aus seiner Umgebung und wurde dadurch immer stärker. Alle Pflanzen verwelkten, selbst die mächtigsten Bäume starben auf diese Art. Nach Jahren war endlich der ganze Wald zur Wüste geworden.
Wo immer Etwas hinkam, hinterließ es eine abgestorbene oder kranke Vegetation, die zu wenig Sauerstoff produzieren konnte, sodass sich die Luftqualität deutlich verschlechterte. Die Folgen waren Smog und eine verkarstete Landschaft. Als Etwas in seiner Umgebung keine Nah­rung mehr fand, ging es eines Nachts nach Siddi Lohan, eine tödliche Gefahr für alles Leben ...
Odrammiel hatte seinerzeit eingesehen, dass er offensichtlich im Zorn einen Fehler begangen hatte, aber ich hatte ihn daran gehindert, diesen wieder gut zu machen. Eine grausame Ironie des Schicksals wollte es, dass es nun meine Aufgabe war, das zu vollenden, was dem Dämon dank mir seinerzeit nicht gelungen war. Wie gerne hätte ich es gesehen, dass ich das junge Leben mit Recht verteidigt hatte. Etwa wenn eine junge, begehrenswerte Frau, das Herz am rechten Fleck, aus ihr geworden wäre. Aber das ist wohl nur die Fantasie eines Mannes, der sich in seiner Einsamkeit nach ein wenig Wärme sehnt.
Es war anders gekommen. Und nun war es an mir, mich zu stellen. Indes war ich sehr im Zweifel, ob ich die unseligen Folgen einer Verbindung von dämonischer Energie und menschlicher Unvernunft tatsächlich auslöschen konnte. Aber versuchen musste ich es, selbst wenn es mein Leben fordern sollte.
Zu mitternächtlicher Stunde erwartete ich Etwas im Stadtpark. Ich hatte nicht die ge­ringste Vorstellung, wie es aussehen würde. Niemand war weit und breit. Geschützt durch meinen weißen, seidenen Umhang stand ich neben meinen magischen Utensi­lien und starrte in die Nacht hinaus. Kurz vor drei Uhr morgens war es dann so weit! Wie immer unverständliche, aber lauter und vor allem näher kommende Geräusche kündeten von Etwas' Auftauchen. Die Töne endeten hinter einer kargen Gebüschgruppe, hinter der einiges an Bauschutt angehäuft worden war, viel­leicht zehn Meter entfernt. Dann wurde es still, unnatürlich still ...
Zwar schien der Vollmond vom wolkenlosen Himmel, aber dennoch konnte ich nichts erblicken, so sehr ich mich auch anstrengte. Etwas stand hinter dem kargen Gestrüpp und dem Schutt, meinen Blicken entzo­gen. Plötzlich gewahrte ich eine fast schon telepathische Verbindung zwischen mir und Etwas. Irgendwie ging ich davon aus, mit Etwas reden zu können. Jedenfalls schien es mir einen Versuch wert. Mehr zu meiner eigenen Beruhigung be­schloss ich, mit lauter, deutlicher Stimme zu reden.
„Weißt du, wer ich bin?“
Wie aus weiter Ferne meinte ich eine weibliche Stimme flüstern zu hören: „Ja!“
Oh, Etwas verstand mich tatsächlich und es gab sogar eindeutige, allgemein ver­ständliche Antworten!
„Und ist dir klar, warum ich hier auf dich gewartet habe?“, fragte ich das für mich un­sichtbare Lebewesen im Dunkeln.
Schmerz, da kam eine Woge des Schmerzes! Schließlich hatte ich Etwas vor Jahren das Leben geret­tet, nun trachtete ich ihm selbst danach. Es fühlte sich an, wie der Ver­rat eines guten Freundes.
„Das Leben gehört sich selbst, du hast es gesagt.“
Der Klang dieses Satzes kam auf mich zu wie eine hohe Welle am Meeresufer und ent­fernte sich ebenso wieder.
„Ja, aber du bist eine Bedrohung. Du vernichtest Leben und gibst selber keines. Es muss sein.“
Ein furchtbarer Schwall Zorn kam auf mich zu. Es fühlte sich an wie eine Brandung aus heißem Wasser. Mit lautem Krachen teilten sich die Bü­sche vor mir, einige Bretter flogen davon, Etwas näherte sich und enthüllte dabei ihre Gestalt. Das Kind Sabines und eines Dämons war in Gestalt einer dreiköpfigen Frau gekommen!
Vor meinem Schutzkreis kam Etwas zu ste­hen. Lauernd schlich das Wesen um den Kreis herum, jederzeit bereit, zuzuschlagen. In der Zwischenzeit rezitierte ich bereits meine magischen Formeln, mit aller Macht, zu der ich fähig war. Ich legte meine gesamte Kon­zentration und meinen ganzen Willen in die uralten Worte. Dann zeichnete ich die überlieferten Siegel persischer Schutzgeister zu mei­nen Füßen. Darauf blieb Etwas vor mir stehen und sah mich mit allen drei Köpfen an. Mit viel Mühe hielt ich den hasserfüllten Blicken aus sechs Augen stand. Nur unter Aufbietung all meiner Kraft konnte ich das Wesen zurückhalten. Auf seine Weise war Etwas durchaus mächtig.
Irgendwann, ich hatte bereits das Zeitgefühl verloren, wollte ich es in meiner Verzweiflung schon mit altsumerischen Formeln versuchen, in der Hoffnung, diese wenigstens richtig auszusprechen. Da bemerkte ich, dass sich Etwas nicht mehr rührte ... Ich zwang mich, in die mittlere der drei Fratzen zu sehen, da mir diese am nächsten war. Als ich mich in die dämonischen Züge dieses Gesichtes vertiefte, schien es mir, als hörte ich von weither einen fremdartigen Laut. Er hörte sich an wie das Klagen eines wilden Tieres, das nächtens durch die Wälder streift. Und doch war etwas Weibliches darin. Langsam verebbte der Laut ...
Vorsichtig hob ich einen Kieselstein auf und warf ihn Etwas an die Brust. Er prallte ab, als wäre er auf Stein getroffen. Der Morgen graute, vor mir erhob sich eine dämonische Statue aus einem mir unbekannten Material ...
Die Natur, die sich Etwas auf seinem Weg durch Siddi Lohan einverleibt hat­te, ersetzte die Stadtverwaltung durch Baumimitate und synthetische Aromaöle, die, gesteuert von eigens entwickelten Modulen, in programmierbaren Abständen Düfte von sich gaben. Die Soundchips sollten die ver­schwundenen Vögel wettmachen. Abbildungen auf den Häusern ließen nicht vergessen, dass Bäume auch blühen können ...
Als ich vor ein paar Wochen das uralte Schriftstück Ilak-Gathus wieder einmal zur Hand nahm, wurde mir schmerzlich bewusst, dass mir sein Inhalt kein Glück gebracht hatte. Aber schließlich verhieß das Ritual auch nur ein langes, und nicht ein glückliches Leben. Oder war es vielmehr, weil das Edikt nicht für mich bestimmt war? Ich war nicht sein rechtmäßiger Besitzer und das hatte fatale Folgen gehabt. Dennoch, getreu den Anweisungen vollzogen, war Ilak-Gathus Magie auch bei mir wirksam geworden. Indes wünschte ich mir in Wahrheit schon lange, das Ritual niemals durchgeführt zu haben. Es war mir zum Fluch geworden.
Unendlich müde, allen Lebens längst überdrüssig, fragte ich mich: Wie kann ich dieses unglückselige Schicksal von mir nehmen? Wie gelingt es mir, all das zu beenden? Vielleicht musste ich zum Ursprung der Legende zurück und das Edikt dem Wesen übergeben, dem es wirklich gehörte. Aber wie ...?
Plötzlich er­schienen wieder die rätselhaften Schriftzeichen auf dem Pergament, so wie vor urdenklichen Zeiten. Sie formten sich neu und befahlen mir, das Edikt an einen gewissen Paul Wayden, Händler auf dem Trödelmarkt weiter zu geben. Leider ging das Schriftstück sofort danach in Flammen auf. Es hatte sich selbst vernichtet! Warum? Ich weiß es bis heute nicht.
Aber was hätte ich nunmehr weitergeben sollen? Verärgert griff ich in meinen Wäschekorb, stopfte ein paar Socken anstelle des Per­gaments in die Schriftrolle und ließ es Paul Wayden auf dem Trödelmarkt zukom­men. Damit die Geschichte mit den Socken nicht zu früh ruchbar würde, erfand ich das Märchen, die Rolle dürfe erst vor dem König geöffnet werden.
Es gelang tatsächlich einer Delegation der Bewohner des Nordviertels unter Waydens Führung, beim König vorzusprechen. Wie stets war ich dezent im Hintergrund zugegen. Sehr zu meinem Erstaunen zog Wayden ein Papier aus der Rolle und las etwas vor, das mir gänzlich neu war.
Aber ich behaupte schon lan­ge nicht mehr zu wissen, worin das ur­sprüngliche Edikt Ilak-Gathus bestanden hatte. Vielmehr vermute ich, dass je­der Mensch etwas anderes gelesen hätte. Aber das hat, nach all den Tausenden von Jahren, keine Bedeutung mehr.
Während ihrer Diskussion mit der Königsfamilie musste ich die Toilette aufsuchen. Als ich zurückging, hörte ich aus einem der Nebenräume des Saales seltsame Geräu­sche. Es hörte sich an, als seien ein paar Hunde versammelt. Als ich die Tür öffnete, erblick­te ich die Delegation, die sich offensichtlich zu einer Beratung zurückgezogen hatte.
In diesem Moment begriff ich: Diese Wesen waren für mich die Gelegenheit, mei­nen persönlichen Fluch, den ich in meiner Unwissenheit vor Jahrtausenden auf mich ge­laden hatte, los zu werden. Die Erkenntnis traf mich wie eine Erlösung. Aber das wuss­ten die Versammelten natürlich nicht. Als mir auffiel, dass man mich verständnislos an­starrte, begab ich mich wieder in den Königssaal.
Und ähnlich wie damals, als meine unselige Geschichte begann, erteilte mir dieses Mal der König den Befehl, die Delegation zu verhaften. Das konnte nur ihre spätere Exekution zu bedeuten haben. Doch diesmal entschied ich anders, denn ich verhalf der Delegation zur Flucht. Das ist vor wenigen Tagen geschehen. Letzten Endes war ich doch nicht der Mörder des Abgesandten sondern sein Beschützer. Es geht mir gut bei dem Gedanken.
Heute begab ich mich sofort nach Dienstschluss nach Hause und diktiere soeben dem Computer dieses Nachwort. Damit ist mein Lebenswerk vollendet.
Vom Fenster dringt Kampfeslärm herein, ein wüstes Durcheinander von Schüssen, Detonationen, Schreien, Befehlen ... Als einer der obersten Vasallen des Königshauses bewohne ich eine komfortable Dienstwohnung im Südviertel in der Nähe des unteren Portales. Nur wenige hundert Schritte von mir entfernt kämpfen sich die Rebellen zum Königsberg durch und diesen hinauf. Vielleicht wäre Ähnliches schon vor Tausenden von Jahren geschehen, hätte ich das Edikt damals nicht hintertrieben.
In dieser Stunde begreife ich: Ja, nichts hat mich aus dieser Welt hinausgedrängt, weshalb ich immer noch da bin. Doch andererseits gibt es auch nichts, was mich hält. Ich muss einfach nur loslassen. Wenn ich verfolge, wie die alte Legende vom Abgesandten der Hunde und seinem Edikt sich trotz aller Widerwärtigkeiten doch noch ihren Weg durch die Geschichte dieses Universums gebahnt hat, fällt es mir leicht, das zu tun. Mit eigenen Augen verfolge ich vor meiner Haustüre, mit welcher Wucht die Geschöpfe Ilak-Gathis unaufhaltsam ihren Weg gehen. Sie haben meine uneingeschränkte Achtung und meinen Respekt. Kein Zweifel, sie bedürfen meiner Hilfe nicht mehr.
Ich spüre, dass ich an diesem Abend endgültig sterben werde, obschon ich meine, dass vergehen wohl der treffendere Ausdruck wäre. Es war wie in einem Film, in dem der Moment, da jemand über die Klippe hinunterfällt, einfriert. Bei mir hat dieser Moment eine halbe Ewigkeit gedauert, aber heute falle ich endgültig, denn ich werde loslassen. Ich ahne, es wird ein langes, abgrundtiefes Fallen ... Und dennoch bin ich froh darüber, denn ich sehe meinen Fluch aufgehoben. Wie seltsam, ich fühle mich frei, zum ersten Mal seit Zeitaltern bin ich unbeschwert, obwohl der Tod deutlich spürbar nach meinem Herzen fasst ... Es fühlt sich an wie Frost in einer glasklaren Winternacht, der mit Kristallen um sich greift ...
Dabei weiß ich nicht, was nach dem Tod kommt und ob es danach überhaupt etwas gibt. Unermüdlich bin ich über lange Zeit auch dieser Frage nachgegangen. Sämtliche Bibliotheken, die mir zugänglich waren, habe ich auch zur Frage, „Was kommt nach dem Tod?“ durchstöbert. Sorgfältig, schließlich hatte ich alle Zeit der Welt, lauschte ich den Belehrungen der Adepten. Wie gerne hätte ich den Schatz an Erfahrungen und Erkenntnissen der Menschen in dieser Frage erweitert, und sei es auch nur um eine Kleinigkeit, aber ich sehe mich dazu außerstande. Ich könnte ein wahrlich umfassendes Kompendium von Spekulationen und Mutmaßungen aufstellen, aber es sind eben doch nur Vermutungen, Wünsche, Hoffnungen ... Wirkliches Wissen war mir nicht vergönnt, zu finden.
Stets tröstete ich mich mit dem Gedanken, dass es nicht wichtig ist, was nach dem körperlichen Ende auf uns wartet, solange man noch lebt, und wenn man tot ist, offenbart sich die Antwort von selbst. Persönlich habe ich nur den Wunsch, es möge vorbei sein. Einfach nur vorbei. Es verlangt mich nicht mehr nach Visionen über Anfang und Ende des Universums, Offenbarungen über den Ursprung aller Zeiten oder der überirdischen Schau über das, was die Dinge im Innersten zusammenhält. Alles eitler Ehrgeiz und mangelnde Demut! Ich wünsche mir nichts, nicht einmal ein Bewusstsein, welches feststellen könnte, dass da nichts ist ...
Computer: Wenn ich das Wort Ende erneut diktiere, mache nach drei Minuten eine Aufnahme von mir hinter meinem Schreibtisch und füge das Bild in den Anhang ein!
So sei denn meine Geschichte jedem Adepten der geheimen Künste Beispiel und Warnung zugleich. Wir Menschen sind nur Gäste auf dieser Welt, und der Tisch ist ausreichend gedeckt für jeden von uns. Es gibt keine Notwendigkeit einem anderen et­was vorzuenthalten oder vor der Nase wegzuschnappen. Indes, der gute Gast weiß, wann er geht ... Computer: ENDE!“
Damit löste sich die Schrift auf und hinterließ ein leeres Blatt. Nach drei Minuten er­schien ein Foto. Es zeigte ein Skelett über einem Schreibtisch zusammengesunken. Sabine gewann den Eindruck, als würde es lächeln. Aber das war freilich Unsinn, ein Haufen Knochen kann das nicht ...
Prinz Heinrich trat aus dem Nebenraum herein. Es war das Bedürfnis über ihn gekommen, mit seiner Frau zu reden. Sabine stand am Fenster zur Wüste hin, den Oberkörper zur Hälfte im Freien. Die Fensterflügel bewegten sich leicht im Wind, der in dieser Höhe meistens wehte. Eilends sprang Heinrich herbei, konnte aber Sabine nur mehr am Saum ihres Kleides erwischen. Krampfhaft hielt er seine Frau fest, die über dem Abgrund baumelte.
„Lass mich gehen, Heinrich!“, flüsterte Sabine. „Meine Zeit ist vorüber.“
Baronesse de Mercedes war Heinrich zwar nie die Königin seines Herzens geworden, doch dafür konnte sie nichts. Aber sie war ein guter Kamerad und kein schlechter Mensch. Der Prinz hatte sie immerhin als Gefährtin achten und respektieren gelernt. Er sah keinen Grund, dass seine Ehefrau jetzt und auf diese Weise sterben musste. Zum ersten Mal seit er denken konnte drängte sich Heinrich die Frage auf: Was ist wirklich wichtig im Leben?
Nein, Heinrich wollte nicht, dass Sabine da hinunterfiel, an den Rand der Wüste, durch die Rauchschwaden, den brennenden Kratern, den abgeschossenen Robotern und all den Leichen entgegen ...
„Nein“, sagte Heinrich und es klang felsenfest. Aber schon hörte er seine Frau wie ein Flüstern in der Ferne: „Was immer du tust, dem Schicksal zu trotzen, wird erst recht dazu führen, dass es sich erfüllt.“
„Das werden wir ja sehen“, erwiderte Heinrich und packte Sabines Kleid umso fester. Ratsch – der Stoff zerriss und Heinrich konnte nur noch zusehen, wie seine Frau der Schlossmauer entlang in die Tiefe stürzte. Beißende Rauchwolken weiter unten hatten ihren Körper bereits verschluckt, als er ihren Todesschrei vernahm ...
Da war sogar Heinrich tief erschüttert. Fassungslos starrte er zwischen seine zitternden Hände, die noch immer den Rest von Sabines Kleid hielten, in das Grauen hinunter, in das seine Frau gefallen war. Für einen kurzen Moment war es ihm, als täte sich die Hölle selbst vor ihm auf.


Am späteren Nachmittag erwachte Eddie in der Verschwörerhöhle am Ende von Kurts Schrottpresse. Mit brummendem Schädel gewahrte er, dass er den Tag sehr viel mehr als weniger verschlafen hatte. Ohje, dabei hatte er voll dabei sein wollen. Schon zu Mitternacht war er in der Höhle eingetroffen, nachdem ihm der ehrenvolle Auftrag erteilt worden war, hier die Stellung zu halten.
Allerdings war er der Einzige hier gewesen. Und die Nacht war kühl, lange und vor allem ereignislos. Was für ein Glück, dass er rein zufällig eine Flasche mit Hochprozentigem dabei hatte! Gegen halb zwei Uhr nahm er einen tüchtigen Schluck auf das gesamte Unternehmen, den nächsten, damit seine Tochter Erika das alles heil überstehen möge. Als er das dritte Mal trank, tat er es zu Ehren seines Freundes Paul, dann, weil es von innen wärmt. Und so war das dahin gegangen, bis er fest und friedlich eingeschlummert war ...
Nun hatte er Kopfweh, glasige Augen und einen schlechten Geschmack im Mund, aber immerhin, er, Eddie, war voll auf seinem Posten! Nun ja, mehr oder weniger. Allerdings waren die Enko und die anderen Verbindungen zur Außenwelt bedauerlicherweise ausgefallen. Also schien es Eddie ratsam, einen Blick vor den Wohnwagen zu werfen.
In der Schrottpresse schleppten gerade ein paar Rebellen drei offensichtlich leblose Körper auf halb zerfetzten Bahren vorbei. Erika war unter ihnen. Sogleich sprach Eddie sie an: „Tag, Erika, was macht ihr denn hier?“
„Hallo! Wir bergen die Toten.“
Eddie lüpfte in gewohnter Weise seine Mütze, da er Erika nicht ganz verstanden hatte.
„Wie war das? Wen verbergt ihr?“
„Nicht verbergen, bergen, Eddie, nur bergen. Die Toten. Die sind da hinaufgekraxelt.“
Und damit zeigte sie mit dem linken Daumen hinter sich in die Höhe, wo sich die Nordwand befand.
„Wie, die Toten sind da hinaufgekraxelt?“
Erika rollte mit den Augen: „Wie sie noch gelebt haben, natürlich.“
„Ach so. Und wie sieht es mit dem Kampf aus?“
„Schon vorbei. Wir haben gewonnen. Du entschuldigst, wenn wir nicht gewartet haben, bis du wieder nüchtern bist.“
Und da sie Eddie so entgeistert ansah, ergänzte Erika: „Wenn du es nicht glaubst, dann wirf die Enko an. Demnächst hält Paul Wayden eine Ansprache.“
Flugs war Eddie wieder in der Höhle und versuchte herauszufinden, warum die Enko nicht funktionierte. Zum Glück erwies es sich, dass sie bloß ausgesteckt war. Schnell mit Strom versorgen und einschalten!
Es dauerte in der Tat nur wenige Sekunden, bis Eddie wieder mit der Außenwelt verbunden war. Aus der Enko tönte die "Fanfare for the common Man" von Aaron Copland aus dem 20. Jahrhundert. Monumental und leidenschaftlich zugleich tönte das Blasorchester unter Alexander von Keytel aus den Lautsprechern. Plötzlich fühlte Eddie: Das ist der Wendepunkt in der Geschichte der Menschen!
Kaum war die Musik verklungen erschien Paul Waydens Gesicht in der typischen dreidimensionalen Abbil­dung. Eddie erschrak. Wie fremdartig war Waydens Antlitz geworden! Deutliche Zeichen der Erschöpfung, gemischt mit grimmiger Entschlossenheit und einem unheimlichen Leuchten in den Augen zeichneten harte, kantige Gesichtszüge. Was immer diese Augen in den vergangenen Stunden gesehen hatten, es musste entsetzlich gewesen sein! War das noch Paul Wayden, Eddies Paul Wayden? Sein langjähriger Freund, mit dem er sich so vertraut wähnte ...?
Schon hörte Eddie seinen Befehlshaber und selbst dessen Stimme erschütterte ihn im Innersten: „Guten Abend, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger. Ich bin Paul Wayden, Kommandant der Rebellentruppen.
Heute ist ein großer Tag. Er hat das Ende unserer jahrtausendelangen Knecht­schaft gesehen, das Ende all der Lügen, er brach­te ei­nen Sieg über die Tyrannei der Obertanen. Was Sie sicher schon erfahren haben, möchte ich hiermit offiziell bestäti­gen: Wir, die Linksliberale Bewegung, haben stellvertretend für alle Menschen die Schlacht um Siddi Lohan gewonnen.
Ich bedanke mich für alle Hilfe, die wir erhalten haben, spe­ziell bei den zahlreichen Leuten, die ihr Leben auf das Spiel gesetzt haben und noch mehr bei de­nen, die es verlieren mussten. Da König Georg III. abgedankt hat, wurde auch bereits eine neue Regierung gebildet, deren Zusammensetzung morgen bekannt gegeben wird. Ab heute leben wir wieder in einer demokratischen Republik, wie wir sie aus der Geschichte ken­nen. Wir, das Volk, werden uns selbst regieren. Niemand wird sich künf­tig auf Kosten der Allgemeinheit bereichern, keiner wird in Saus und Braus leben und andere dafür bezahlen lassen, das verspre­che ich Ihnen. Die Ressourcen, die die Oberen Zehntausend bislang ungerechtfertigt für sich beansprucht haben, werden schon in Kürze uns allen zugutekommen.
Ich, Paul Wayden, habe vor wenigen Stunden das Amt des ehemaligen Präsidenten an­genommen und dieses auf „Primus“ umgetauft. Das leitet sich vom Lateinischen „pri­mus ante pares“ ab und soll bedeuten, dass der Präsident nur der Erste unter Glei­chen ist und nicht mehr. Ich werde dieses Amt fünf Jahre ausüben. Dann stelle ich mich der direkten Wiederwahl, durch Sie, das Volk.
Sie sehen, liebe Mitbürger und -innen, unser aller Leben wird in durchaus geordneten Bahnen weiter gehen. Also kein Grund zu Befürchtungen. Vor allem sind wir von Chaos und Anarchie meilen­weit entfernt, weiter, als Ihnen im Augenblick vielleicht bewusst ist, wenn Sie sich die Zerstörungen in unserer Stadt vor Augen halten. In diesem Sinne möchte ich Sie bitten, Ihrem gewohnten Leben wie bisher nachzugehen. Paradoxerwei­se ist es gerade jetzt wichtig, dass wir so tun, als sei nichts geschehen. Die wirklichen Änderungen kommen noch früh genug.
Unser aller Mut und der spirituellen Kraft unserer gemeinsamen Vision von der sozialen Gerechtigkeit ist es zu danken, dass die Gescheh­nisse der letzten Stunden möglich waren. Vielleicht werden in fernen Ta­gen, wenn wir alle schon längst in der Halle unserer Ahnen sitzen, un­sere Nachkommen sich die Geschichte erzählen, die wir heute mit so viel Blut und unseren Tränen schreiben mussten. Sie sollen es tun, damit sie nicht in finsteren Zeiten den Mut verlie­ren, den Glauben an sich und an das Gute in der Welt. Der gesamten Menschheit möge der heutige Tag bren­nen wie das Feuer eines Leuchtturmes, auf dass für immer der rechte Weg gewiesen sei. Nie mehr wieder Obertanen, nie mehr Oligarchen, alle Macht dem Volk!“
Eddie war nicht nur sprachlos, sondern zutiefst gerührt. Minutenlang saß er einfach da und konnte es kaum glauben. Tränen liefen über seine Wangen. Eddie schämte sich ihrer nicht ...
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Ich schreibe, also bin ich.
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BeitragVerfasst am: 12.02.2008, 09:27    Titel: Ein Hund tritt in den Saal 3. Kapitel Antworten mit Zitat

III. Kapitel


Ein Hund war in den Saal getreten





So kam es, dass Etwas vor dem Tor zur Unterwelt stand. Tief beeindruckt sah es die massiven, wuchtigen Eichenbohlen hinauf, deren oberes Ende sich in dichtem Nebel verlor. Die Handflächen ruhten auf den metallenen Beschlä­gen in Schulterhöhe. Plötzlich öffnete sich das Tor lautlos und gab den Blick auf eine karge, einer Wüste durchaus ähnlichen Landschaft im Dämmerlicht frei.
Auf der anderen Seite stand Ilak-Gatha und sagte freundlich: „Ich habe dich erwar­tet.“
Etwas erwiderte: „Ich wollte nicht hierher. Ich wollte zu ihm. Er war der Grund, warum ich mich aufge­macht habe, durch die Nacht und durch Siddi Lohan. Er war mein einziger Freund. Wo hätte ich hingehen sollen in dieser Welt? Und am Schluss spielte er mir so übel mit. Das hat sehr weh getan.“
Die Göttin fühlte Verständnis für Etwas und sagte: „Ja, du hasst ihn jetzt, weil er dich zurückgewiesen hat. Aber er konnte und durfte nicht anders. Eines Tages wirst du verstehen und ihm verzeihen. Sieh nur.“
Mit einer weit ausholenden Geste fuhr Ilak-Gatha mit ihrer Rechten durch die Luft. Ein kleiner Teich wurde vor ihr sichtbar. Etwas trat an den Rand und blickte in die spie­gelglatte Oberfläche ... Sie war sprachlos ...
„Immerhin ist das sein Werk“, so fuhr Ilak-Gatha fort. „Er hat dich von deinem Fluch erlöst. Dieser ist sozusagen in Siddi Lohan zurückgeblieben und hat dich frei gegeben. Du bist kein Ungeheuer, du hast dein Herz am rechten Fleck.
Und nun brauchen wir noch etwas, deine Blößen zu bedecken. Auch in der Unterwelt gibt es Männer. Einmal Mann, immer Mann ...“
Anschließend führte Ilak-Gatha Etwas in ein tempelähnliches Gebäude aus granite­nen Blöcken, welches auf einem Hügelrücken wuchtig bis in düstere Wolken ragte.
„Die Halle deiner Vorfahren“, erklärte Ilak-Gatha. „Dein Vater, Odrammiel, ist schon da. An den Feuern dieses Ortes wirst du dich wärmen. Hier sollst du künftig die Lieder deiner Ahnen singen und wenn jemand danach verlangt, werden alle deiner Geschichte lauschen.“
Und schon waren sie in der erwähnten Halle. Um lange Tische hatten sich hier die verschiedensten Wesen, Dämonen und Menschen gleichermaßen versammelt. Sie hör­ten die alten Lieder, vernahmen die Erzählungen aus grauer Vorzeit und plauderten von Heldentaten aus vergangener Zeit. Als Ilak-Gatha Etwas heranführte, verstummten die Gespräche. Die männlichen Wesen sahen Etwas mit unverhülltem Wohlgefallen. Miss­trauisch hingegen beäugten die weiblichen die Hinzugekommene. Nur knapp verhüllten ein schwarzer Büstenhalter und ein Lendenschurz aus Ziegenleder wohlgeformte, feminine Rundungen. Verflixt und zugenäht, das war harte Konkurrenz!
„Odrammiel“, so unterbrach Ilak-Gatha die aufgekommene Stille, „deine Tochter. Et­was, dein Vater!“
Odrammiel schreckte hinter seiner Tafel empor. Das war doch nicht möglich! Der Mund blieb ihm offen. Eine junge Frau, wie sie begehrenswerter nicht sein konnte, stand vor ihm. Gut, vielleicht sah sie ein bisschen zu sehr nach Mensch aus, einzig die anmutigen Hörner am Kopf und unverkennbar Papas glühende Augen doku­mentierten ihre dämonische Abstammung. Aber was soll's.
„Papa!“
„Tochter!“
Ehe es sich Odrammiel versah, hatte er seine Tochter schon umarmt. Wie seltsam war Etwas zumute. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich angenommen ... Sie spürte, wie sie heilte. Wie gerne erwiderte sie die Umarmung ihres Vaters! Odram­miel fühlte, wie ihm Liebe entgegen-strömte. Das war etwas ganz anderes als mit seinen Hohepriesterinnen, es war die Liebe einer Tochter zum Vater und eines Vaters zu sei­ner Tochter, zwei Wesen, die sozusagen am gleichen Leben teilhatten.
Da meinte Odrammiel etwas vom großen Geheimnis zu begreifen, selbst wenn er es nicht in Worte fassen konnte. Sicher, die Hohepriesterin hatte Recht gehabt, wenn sie gemeint hatte, das Geheimnis läge in der Umarmung einer liebenden Frau, aber es durfte offenbar keine sexuelle Umarmung sein. War es nicht vielmehr das gemeinsame Partizipieren am gleichen Leben? Und zugleich fühlte Odrammiel, das war noch nicht alles. Da gab es hinter dem Geheimnis noch ein Geheimnis! Waren denn die Geheim­nisse nie zu Ende? Doch den Ehrgeiz, auch das zu enträtseln, spürte er nicht. Vielmehr verbeugte sich Odrammiel innerlich davor. Mit Staunen bemerkte er, wie er heilte ...
Ilak-Gatha stand daneben und lächelte. Unbeobachtet von den anderen hatte sie das Ihre dazu beigetragen, damit Vater und Tochter schneller zueinander finden konnten. Bei Dämonen, die einander nicht gewöhnt waren, hätte das sonst entschieden länger gedauert. Für jahrzehntelanges Beschnüffeln und sonstiges Kennenlernen hatte Ilak-Gatha keine Zeit mehr. Die anderen in der Halle ver­standen nicht, was hier vor sich ging. Staunend und mit Kopfschütteln beobachteten sie die Tränen der Freude und Odrammiel, der sein Gesicht andächtig in den Handflächen seiner Tochter vergrub ...
Dann wandte sich Odrammiel an die übrige Gesellschaft in der Halle und rief voll Stolz: „Etwas, meine Tochter!“
Mit einer theatralischen Geste deutete er dabei auf Etwas, der die Situation langsam peinlich wurde.
„Was, wirklich?“, spöttelte da einer der anderen. „Bist du dir da schon sicher, dass sie von dir ist? Sie ist viel zu schön für dich!“
„Hihi, haha“, Gelächter dröhnte allenthalben.
„Schnauze!“, donnerte Odrammiel und führte Etwas an der Hand zur Tafel. Dort setzten sich Vater und Tochter Seite an Seite nieder.


Die Göttin Ilak-Gatha indes spürte große Müdigkeit auf sich zukommen und beschloss, noch ein wenig unter ihren Schützlingen auf der Oberwelt zu verweilen, ehe es so weit war. Ein Blick auf Odrammiel und seine Tochter sagte ihr: Hier gibt es nichts mehr zu tun, nicht für eine Göttin. Unverzüglich nahm Ilak-Gatha ihre traditionelle menschliche Gestalt an, begab sich nach Siddi Lohan und mischte sich unter die Be­wohner. Unerkannt ging sie unter den Geschöpfen ihres Großvaters.
Mit viel Stolz hatte die Göttin seinerzeit den Kampf der Rebellen beobachtet. Ohne Frage hatte sie da und dort ein wenig nachgehol­fen, aber trotzdem fand sie deren Leistung großartig. Mit Wohlwollen hatte Ilak-Gat­ha den Mut ihrer Lieblinge gewahrt und die Courage, mit der sie ihre Sache vertreten hat­ten. Stolz und Freude hatten die Göttin erfüllt, als sie bemerkte, wie sie sich Ilak-Gathas Ma­gie, der Worte, der Argumente, der trefflichen Formulierung bedient hatten. Wie bedauerlich, dass die andere Seite unbedingt hatte wissen wollen, mit wie viel Ernst und Opferbereitschaft die Rebellen hinter ihren Worten gestanden waren.
So ging die Göttin die Gassen und Straßen entlang. Im Park vor dem Regierungsgebäude wandelte sie ein wenig im Schatten der Baumimitate, zwischen manns­hohen Statuen aus Alabaster. Da war die Strategin, eine nackte Frau mit einer Maschi­nenpistole in ihren hinter dem Rücken verschränkten Händen. Claudia Hehn hatte mit ihren klu­gen Ratschlägen sehr geholfen. Außerdem hatte sie den gegnerischen Strategen be­seitigt, sodass General von Löwenstein nur mehr auf Computerdaten angewiesen ge­wesen war, und die waren manipuliert worden. Allerdings, ihr Körper erinnerte in seiner Makellosigkeit ein wenig an eine an­tike Statue. Also das hatte Ilak-Gatha denn doch ein bisschen anders in Er­innerung. Naja, auch egal ...
Vier künstliche Birken weiter war Kurt Bach, im Augenblick seines Todes. Wie friedlich wirkte er doch, wie er so da lag, an einen Baum angelehnt! Es machte beinahe den Eindruck als sei er ein Wanderer, der von ei­nem langen Fuß­marsch ermüdet, gerade eben ein wenig eingenickt war. Genau genommen war auch das historisch geflunkert, denn der Tod hatte Kurt zwischen den Robotern, die er eigenhändig abgeschossen hatte, abgeholt.
Kurt hatte einst von ihr eine Pille erhalten, die ihm kurzzeitig übermenschli­che Fähigkei­ten verliehen hatte. Dadurch war es ihm gelun­gen, die Verteidigungslinie der Königs­truppen am unteren Portal zu durchbrechen. Somit hatte der entscheidende Vor­stoß der Rebellen weitergehen können.
Hermann Ruhdorf, der Mann mit dem Traktor, stand in unmittelbarer Nähe. Ilak-Gatha hatte ihm vor der Schlacht das Leben gerettet, als er vom Himmel gefallen war. Wie bewundernswert hatte er doch gekämpft!
Ein Erlen- und ein Trauerweidenimitat weiter westlich saß Major Kalchner vor dem Computer. Er hatte den Rechner der Königsarmee manipuliert und dem General falsche Daten unter­gejubelt. Dadurch hatte dieser über lange Zeit hindurch falsche Befehle erteilt. Als er der Sache auf die Schliche kam, war es schon zu spät gewesen.
Und nicht zu vergessen: Paul Wayden. Seine Statue hatte man dreißig Meter weiter in Richtung Regierungsgebäude errichtet. Paul hatte dem König die Stirn geboten. Ilak-Gatha musste jetzt noch verschmitzt grinsen, wenn sie daran dachte. Paul hatte die Rebellen in der Schlacht befehligt, er hatte sie geeint, er hatte sie angefeuert, er hatte in den maßgebli­chen Augenblicken die richtigen Befehle erteilt.
Direkt daneben hatte Agnes von Löwenstein ihre Statue. Sie hielt eine Suppenkelle in der rechten Hand. Agnes hatte in der Geschichte der Rebellion sicher eine der schwierigsten Rollen gespielt. Das Leben hatte von ihr verlangt, sich gegen ihre eigene Familie zu stellen. Sie hatte freiwillig dem Luxus entsagt, weil sie diesen als unmoralisch erkannt hatte. Mehr noch hatte sie durch die Umprogrammierung der Roboter den vielleicht entschei­denden Teil zum Sieg der Rebellen beigetragen.
Schwer zu sagen, wem die Rebellen am meisten ihren Sieg verdankten. Alle diese Leute hatten maßgeblich zum Erfolg der Rebellenarmee beigetragen. Jeder hatte zur richtigen Zeit am passenden Ort das Nötige und deswegen einzig Wahre getan. Unerschütterlich und mutig hatten sie selbst ihr Leben der Sache untergeordnet. Ja, vielleicht war es gerade das, was die Rebellen letztlich erfolgreich hatte sein lassen. Mit einem Male begriff Ilak-Gat­ha, warum ihr Großvater die Hunde so und nicht anders erschaffen hatte. Und da wur­de die Göttin von unendlicher Dankbarkeit erfüllt. Sie hauchte ihr Gefühl weit hi­naus, weit hi­naus in das Nichts ...
Paul Waydens steinernes Abbild hielt die Schriftrolle mit dem Edikt in den Händen. Da fiel Ilak-Gatha auf, dass sie immer noch nicht wusste, worin das Edikt Ilak-Ga­thus, ihres Vaters, eigentlich bestanden hatte. Sie versenkte sich in die Akascha-Chro­nik und wurde Zeuge, wie Ilak-Gathu rätselhafte Zeichen auf ehrwürdiges Pergament schrieb. Zwar sah Ilak-Gatha die Zeichen, doch konnte sie diese nicht enträtseln. Ärgerlich!
Dann spazierte Ilak-Gatha weiter. Am Ende des Parks, direkt unter dem Vordach des Regierungsgebäudes hatte Juli­us Imagospurius einen wahrhaft ehrenvollen Platz be­kommen. Er kauerte auf der hüftho­hen Nachbildung einer antiken Säule im dorischen Stil. Ilak-Gatha trat heran und sagte zu ihm: „Nun, Julius, ich sehe, man hat dich würde­voll untergebracht. Aber du musst jetzt nicht nur über das reparaturbedürftige Haus ei­nes Junggesellen wachen, sondern über ganz Siddi Lohan. Wie geht es dir damit?“
„Göttin“, antwortete Julius seufzend, „meinst du nicht auch, dass diese Aufgabe für einen einfachen, bescheidenen Hausgeist wie mich ein bisschen heftig ist?“
„Gewiss. Und deswegen werde ich dir jetzt weitaus mehr Macht verleihen.“
Mit ihrem unergründlichen Lächeln sah sie Julius sekundenlang in seine Augen, bis auf den Grund seiner Seele, atmete tief ein und blies über sein Gesicht. Es fühlte sich an wie ein Wind, der über eine verlassene Hochebene streicht ... Da merkte Julius, wie große Macht in ihm hochstieg wie das Wasser eines Regens in einem Baum, wenn dieser im Frühling seiner Blüte entgegenstrebt. Darüber fühlte sich Julius sehr geehrt und schnurrte, was das Zeug hielt.
Anschließend sagte Ilak-Gatha: „Beschütze Siddi Lohan, wache über seine Menschen. Sie sind es würdig, dass du es bist, der das tut.“
Nachdem sie ganz sachte einen Kuss auf seine Stirn gedrückt hatte, ließ Ilak-Gatha Julius wie­der alleine und verließ die Gartenanlage.
Zwei Straßenkreuzungen weiter ging die Göttin an einer Hauptschule vorbei. Im ers­ten Stock unterrichtete gerade eine Lehrerin eine Schar Kinder, die im Kreis um eine Enko saßen. Frau Höhl, die Lehrerin für Geschichte, schilderte den Kindern soeben, was unmittelbar nach der Schlacht geschah: „Die siegreichen Rebel­lentruppen patrouil­lierten pausenlos in der Stadt, vor allem um zu verbergen, auf wel­ches, im Grunde ge­nommen unbedeutendes Häufchen sie geschmolzen waren. Dabei verteilten sie Flug­blätter, wie sich die Bevölkerung zu verhalten habe. Viele Aufrufe wichtiger Persönlich­keiten an die Bürger wurden über die Enkos ge­sendet. Bevor ruchbar wurde, dass die­se in den wenigsten Fällen von den Betreffen­den selbst stammten, sondern von Major Kalchner im Zentralrechner der Stadtverwal­tung vorprogrammiert worden waren, hatten sich der neuen Regierung schon alle Poli­zeistationen, alle Verwaltungsapparate unwi­derruflich angeschlossen.
Binnen Stunden wurde überall im Nordviertel ausgiebig gefeiert. Kinder, da war etwas los! So etwas hat es seither nicht mehr gegeben! Unsere heutigen Gedenkfeste sind ein harmloser Kaffeetratsch im Vergleich. Nicht der Rede wert.
Noch war nicht der letzte Rausch ausgeschlafen oder die Siegeslieder endgültig verklungen, als die Regierung Waydens die ersten Anerkennungsschreiben der ausländischen Herrscherhäuser erhielt.
Viele Menschen, vor allem arbeitslose, traten unverzüglich in die Armee ein. Durch den enormen Zulauf erlangten die Streitkräfte innerhalb weniger Tage wieder ihre volle Stärke. Es war Presti­gesache, mehr oder weniger von Stunde null an dabei gewesen zu sein.
Eine der ersten Taten der neuen Regierung war die Sanierung des Schlosses auf dem Königsberg und seine Umwandlung in ein Mu­seum. Der abgedankte König ar­beitete als Gärtner in den Anlagen rings um das Museum, die Königin kassierte an der Kassa das Eintrittsgeld von den Touris­ten. Heinrich, der Königssohn, war für die Reinigung zuständig. Auch die anderen Familienmitglieder erhielten vergleichbare Pos­ten. Jedenfalls durften sie weiter­hin auf dem Berge wohnen. Es wurden ihnen Dienstwohnungen in durchschnittlicher Größe und mit typischem Komfort in einem der Seitentrakte eingerichtet. Ihr Vorgesetzter wurde Hermann Ruhdorf. Dieser hatte seinen Bauernhof der Tochter übergeben, nachdem ihn das Zipperlein zu sehr geplagt hatte.
Aus der Höhlenkammer am Rande von Kurts Schrottpresse wurde hingegen ein ganz be­sonderer Ort, fast schon eine Wallfahrtsstätte. Es heißt, wenn es uns schlecht geht, soll­ten wir dorthin gehen und uns der Atmosphäre dieses Ortes überlassen. Man sagt, wer sich hier erinnert, dem geht es bald besser. Die Perspektive kehre wieder und der Glaube daran, dass das Gute letzten Endes siegt. Also, wann immer ihr euch miserabel fühlt, Kinder, besucht die Höhlenkam­mer ...
Ach ja, bevor ich es vergesse: Nächsten Mittwoch machen wir einen Besuch im Mu­seum auf dem Königsberg. Bitte tragt in der Pause in euer Elternheft ein, dass ihr da eine Stunde später nach Hause kommt und dass ich zwei Drachmen brauche als Unkostenbeitrag für Eintritt und Limo­nade. In Ordnung?
Wo sind wir stehen geblieben? ... Ja, natürlich ... Ein halbes Jahr nach dem Kampf, der als Die Große Schlacht in die Geschichte eingegangen ist, heirateten Paul Way­den, der erste Primus und Agnes. Sie bekamen vier Kinder. Paul Wayden musste jah­relang psychologisch begleitet werden, weil er den Tod von etwa 36.000 Menschen in­nerhalb weniger Stunden kaum verkraften konnte. Erst durch seine eigenen Kinder lernte er wieder Lachen und Fröhlichkeit.
Ruhe, da drüben, Kinder! ... Ruhe! ... Na also, es geht ja doch! ... Waydens Frau Agnes führte erfolgreich ein Modegeschäft mit dem Namen Hectriss. Dank der fach­kundigen Mitwirkung ihrer Freundinnen Birgit und Judith vermochte Agnes trotz allem ein anstrengendes Familienleben mit ihrem Unternehmertum zu ver­einen. Birgit betreute die Unter-, Judith die Oberwäscheabteilung. Auf längere Sicht zog sich Agnes aus dem Geschäftsleben zurück und hielt hinfort gut besuchte Tai-Chi-Kurse ab.
Bei einem Interview wurde sie einmal gefragt, ob sie sich besser oder schlechter fühle als in den Tagen der Monarchie. Sie antwortete, Agnes Wayden sei auf alle Fälle mehr im Einklang mit dem Tao als Agnes von Löwenstein.
Jeden Tag fuhr Paul Wayden mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in sein Amt und keiner, der ihn nicht persönlich kannte, wäre auf die Idee gekommen, dass dieser Mensch außergewöhnlich sei oder sonst wie von Bedeutung. Wayden lebte mit seiner Familie auch weiterhin in seinem bescheidenen Haus im Nordviertel. Allerdings wurde dieses bald schon renoviert und wegen der Kinder auch vergrößert. Auf Waydens ausdrückli­chen Wunsch hin wurde er nach zwei Amtsperioden, also zehn Jahren, nicht mehr zum Primus gewählt. Vielmehr zog er sich in das Privatleben zurück und führte bis zu seiner Pensionierung ein gut gehendes Antiquitätengeschäft als ehrbarer und unauffälliger Bürger dieser Republik.
Ach, Hannes, könntest du bitte aufhören, in der Nase zu bohren? Sonst fängst du wieder zu bluten an wie letzte Woche. Danke ...
Es dauerte allerdings noch Jahre, bis die hohen Ziele, die sich die Rebellen gesteckt hatten, tatsächlich verwirklicht worden waren. Die Kernpunkte Waydens Politik waren die Umverteilung des Staatsvermögens zugunsten der armen Leute, denen Waydens Meinung nach großes Unrecht widerfahren war und die Trennung von wirtschaftlicher und politischer Macht.
Viele Widerstände gab es zu überwin­den, hunderte Verträge zu schließen und noch viel mehr Gesetze zu verabschieden. Paul Wayden führte mit viel diplomatischem Geschick unseren Staat in seine Zukunft. Seiner Umsicht und Beharrlichkeit ist es zu danken, dass sich die neue Gesellschafts­ordnung erfolgreich etablieren konnte. Wissen alle, was „etablieren“ bedeutet? Wer nicht, soll die Hand heben ...“
Ein Blick in die Runde: Keine einzige Hand war oben. Hannes wollte aufzeigen, aber weiter als bis zur Nase, in der sie bohrend verweilten, schaffte er seine Finger nicht. Gelangweilte Gesichter allenthalben.
„Gut. Aber irgendwann war die Umstellung endgültig geschafft. Seither gibt es keine wirklich reichen Leute mehr in Siddi Lo­han, aber umgekehrt ist auch niemand arm. Als Paul Wayden während seiner zweiten Amtsperiode einmal von einem Journalisten ge­fragt wurde, ob er jetzt über Reichtum und Geld anders denke als vorher, soll er geant­wortet haben: „Jedes Mal, wenn ich meinen Bankreferenten treffe, sagt er mir, wie vor­teilhaft sich mein Konto entwickelt hat, aber es interessiert mich nicht. Nur wenn ich mit meiner Frau und den Kindern zusammen bin, fühle ich mich reich.“
In seiner Pension veröffentlichte Paul Wayden ein Buch mit dem Titel „Stroh zu Gold“. Hier könnt ihr nachlesen, Kinder, wie man aus Feinden Freunde macht. Er schreibt über ei­nen liebevollen Blick, die Verzweiflung eines Mitmenschen zu lindern, über ein offenes Ohr, dem anderen zuzuhören, wenn sich dieser einsam wähnt oder wie man selbst in bescheidenen Verhältnissen in Anstand und Würde leben kann, wie man alleine durch Fleiß aus Stroh Gold macht und derlei überaus wichtige und nützliche Dinge. Es steht in unserer Schulbibliothek.“
Da warf Lisa ein: „Ist das nicht der vergilbte Wälzer, aus dem sich Stotter-Hannes gestern zwei Blätter gerissen hat, um seine fettigen Finger abzuwischen?“
Prompt protestierte auch schon Hannes: „S-s-s stimmt g-g-g-gar nicht, es w-w-wa-wa-waren drei B-B-Blätter.“
Mühsam unterdrücktes Kichern ringsum. Frau Höhl zeigte sich wenig irritiert: „Zum Glück gibt es neben den wenigen ausgedruckten Exemplaren jede Menge Datenkristalle, die wir bemühen können. Jeden­falls empfehle ich euch das Buch sehr für den Fall, dass ihr jemals erwachsen werdet. Irgendwann, irgendwie ... Und jetzt wollen wir uns diesen Mann einmal anse­hen, der all das geschafft hat.“
Ein Druck auf die Fernbedienung der Enko und Paul Wayden er­schien in holografischer Abbildung in einer Höhe von ca. vierzig Zentimeter.
„Das ist Paul Wayden, liebe Kinder. Paul Wayden, einer von uns ...“, sagte Frau Höhl schwärmerisch. „Von den Allermeisten geliebt und einigen Wenigen gefürchtet, starb er im Alter von 72 Jahren gänzlich unspektakulär während er schlief an Herzversagen. Eines Morgens wurde er einfach tot im Bett aufgefunden. Wir wollen seinen Namen nur mit größter Hochachtung und allem Respekt aussprechen. Alles klar, Kinder?“
„Gewiss doch“, antwortete ein Mädchen, das hingebungsvoll an den Fingernägeln der linken Hand biss. Ihre rechte Nachbarin ließ ihre langen blonden Haare in das Ge­sicht hängen und blies zwischendurch kräftig mit vorgeschobener Unterlippe nach oben, sodass sich der Vorhang kurzfristig teilte. Wäre es leiser gewesen, hätte man das schmatzende Geräusch der linken Nachbarin gehört, die demonstrativ gelangweilt Blasen mit einem Kaugummi machte. Je größer, desto besser. Der nächste Schüler, Otto, konnte nur mit Mühe ein Gähnen unterdrücken. Jaja, so sah er halt aus, dieser Wayden, reichlich unauffällig, altmodisch angezogen, aber immerhin, wenn die Leh­rerin so glänzende Augen kriegte, musste wohl etwas dran sein an ihm ... Frau Höhl irritierte das alles nicht.
„Hat noch jemand eine Frage zur Person des ersten Primus?“
Lisa meldete sich: „Frau Höhl, hat Paul Wayden eigentlich den Schwachsinn mit der Legende vom Hund und seinem Edikt jemals geglaubt?“
„In seiner Biografie gibt es eine persönliche Stellungnahme dazu. Achtung, ich rufe jetzt diesen Teil ab. Er wurde kurz vor seinem Tod aufgenommen.“
Sie legte den Datenkristall ein. Nach einer kurzen Eingabe über die Tastatur erschien über die Enko Paul Waydens Kopf, dreidimensional dargestellt. Die Kinder hörten Pauls Stimme: „Mir persönlich ist die alte Legende vom Hund bis jetzt ein Rätsel geblieben. Ich hatte zwar einmal eine Vision zu dem Thema, aber es liegt in der Natur der Sache, dass solche Dinge im wissenschaftlichen Sinne nicht zu beweisen sind. Es wäre mir entschieden lieber, hätte ich in meinem weiteren Leben noch irgendeinen Hinweis auf die Echtheit der Legende erhalten, aber das war nicht der Fall. In der Welt der Geheimnisse werden wir nur von denen gefunden, die für uns bestimmt sind. Vielleicht ist das ein Aberglaube, aber es hat mir sehr geholfen. Auf diese Weise bleibt mir die Legende bis heute wirklich und unwirklich zugleich.
Ähnlich ergeht es mir mit dem Geheimnis, warum unsere Umwelt nicht intakt ist. Warum ist die Vegetation so verkrüppelt, kaum Bäume, nur verdorrtes Gras, schlechte Luft, praktisch keine Vögel? Es gibt die Legende vom Fluch, aber wieder weiß keiner, was davon zu halten ist. Und auch ich habe keine Ahnung, aber ich habe den Punkt überschritten, an dem es weh tut, keine Antworten zu finden.
Legende hin oder her, ich habe so gehandelt, wie ich es getan habe, weil ich meine, ich hätte gar nicht anders handeln können. Insofern ist die Frage für mich persönlich stets rein akademischer Na­tur gewesen.“
Waydens Konterfei verblasste, die Aufzeichnung war zu Ende. Frau Höhl ergänzte: „Was er zuletzt gesagt hat, ich meine die Redewendung mit der akademischen Natur, ist eine kultivierte Umschreibung für überflüssig, Kinder. Hat noch jemand eine Frage?“
Alle Hände blieben unten.
„Gut, und wie ist es weltpolitisch weiter gegangen? In vielen Königreichen hatte man es unseren Linksliberalen nachge­macht. In Perrubuti allerdings wurde die Revolution 2294 blutig niedergeschlagen. In Harare, Goyhan und Tilsihan gelang es auf friedlichem Weg, die neue Gesellschafts­ordnung zu errichten. Man entließ die Könige in Ehren, aber man entließ sie.
Und da gerade Ilak-Gatha unter den Geschöpfen ihres Großvaters weilte, hatte sie den Kampf unserer Vorfahren beobachtet. Sicher, da und dort hatte sie ein wenig nach­geholfen, aber trotzdem war deren Leistung großartig gewesen. Mit Wohlwollen hatte Ilak-Gat­ha den beispiellosen Mut der Rebellen gewahrt und die Entschlossenheit, mit der sie ihre Sache ver­treten hat­ten. Stolz und Freude hatten sie erfüllt, als sie bemerkte, wie sich Paul, der spätere Primus und seine Mitstreiter ihrer Ma­gie der Worte, der Argumente, der treffli­chen Formulierung bedient hatten.
Da spürte sie auch schon Müdigkeit über sich kommen und da sie noch ein wenig unter ihren Schützlingen verweilen wollte, ehe es so weit war, nahm sie schnell menschliche Gestalt an. Sie begab sich nach Siddi Lohan und mischte sich unter die Be­wohner. Unerkannt ging sie so geraume Weile die Gassen und Straßen entlang. Im Park vor dem Regierungsgebäude wandelte sie ein wenig im Schatten der Plastikbäume, zwischen den mannshohen Statuen der Helden aus dem Befreiungskampf: Die Strategin, Kurt und all die anderen. Wir kennen sie inzwischen bestens.
Dann kam Ilak-Gatha an der Statue des Fluches vorbei. Sicher, Etwas als Person, als Wesen war erlöst und befand sich nunmehr in transzendenten, jenseitigen Sphären, aber der Fluch war zurückgeblieben. In Form einer dämonischen, dreiköpfigen Gestalt, hielt er Siddi Lohan magisch in seinen Klauen. Odrammiels Spruch war zu stark gewe­sen und hatte überdauert. Da würde Ilak-Gatha wohl wieder ein we­nig nachhelfen. Und sie atmete tief ein ... Als sie die Statue anblies, löste sie sich in lau­ter verschiedene Vögel auf. Hunderte dieser Tiere flogen in alle Richtungen da­von, die Statue war verschwunden. ...
Und so endet auch die Geschichte von Odrammiels Fluch, weil eben jede Geschichte einmal zu Ende geht. Oh, seht doch nur Kinder, ein Vogel am mittleren Fenster!“
Die Kinder sahen alle zum Fenster. In der Tat, ein Vogel! Welch ein Ereignis!
„Wer kann mir sagen, welcher Vogel das ist?“
Großes Rätselraten.
„Ein südamerikanischer Haubentaucher?“
„Nein.“
„Ein Bartgeier?“
„Nein.“
„Ein nordarabischer Südhangfalke?“
„Blödsinn, den gibt’s ja gar nicht.“
„Stimmt, Frau Lehrerin. Ich wollte nur wissen ob Sie es mitkriegen. Hahaha ...“
„Frechdachs. Hat noch jemand einen Tipp?“
In der hintersten Reihe hatte inzwischen einer der Knaben eifrig in den Biologiedateien nachgeforscht. Jetzt streckte er die rechte Hand hoch. Er winkte ganz auffällig mit ihr, damit ihn die Lehrerin gewiss nicht übersähe.
„Ja?“
„Eine Tau - be, Frau Höhl.“
„Brav, Maxi, brav. Und jetzt wollen wir alle zu den Fenstern gehen, diese aufmachen und nachsehen, was da los ist.“
Welche Überraschung! Bäume, Sträucher, manche sogar in Blüte, soweit das Auge reichte in den unterschiedlichsten Grüntönen. Dazwischen tummelte sich eine Unmenge an echten, lebenden Vögeln! Wo ehedem graubraune Grasbüschel ein kümmerliches Leben fristeten, prangte nun ein dichter, grüner Rasen! Frische, sauerstoffreiche Luft strömte herein und vertrieb im Nu den Mief des Klassenzimmers. Alles staunte, wie hell und freundlich die Sonne von einem klaren, tiefblauen Himmel schien ...!
„Frau Lehrerin, das ist ja ganz so wie in den Geschichtsdateien“, hörte Frau Höhl eine ihrer Schülerinnen neben sich ergriffen sagen.
„Ja, Kinder, wie in den Geschichtsdateien“, flüsterte die Lehrerin mit feuchten Augen. Ohne es selbst zu bemerken, zog sie die zwei nächststehenden Kinder, Lisa und Stotter-Hannes an den Schultern an sich, als wären es ihre eigenen. Die Zwei wehrten sich nicht.
„Und jetzt wollen wir tief die frische Luft einatmen ... Seht nur, Kinder, da drüben! Die berüchtigte Statue ist weg! Oh, zum ersten Mal im Leben sehe ich satten, grünen Rasen ... Schaut nur, wie das Sonnenlicht durch die Blätter der Bäume scheint ...! Wir wollen es genießen, ja, dankbar wollen wir uns des Lebens erfreuen ...“
Tief berührt von der bewegenden Feierlichkeit des Momentes sah die ganze Klasse zum Fenster hinaus. In Wahrheit war es noch viel, viel schöner als in den Geschichtsdateien, denn es war echt ... Wie lange hatte der Fluch eigentlich gedauert? Jahrtausende, Jahrhunderte oder Jahrzehnte? Die Lehrerin wusste es nicht mehr. Egal, wen kümmerte es schon, es war vorbei ...
Selbst die Kinder waren still geworden. Überwältigt von so viel Schönheit starrten alle gebannt in den Park. Sie konnten sich nicht sattsehen. Plötzlich meinte die Lehrerin eine weibliche Stimme flüstern zu hören: „... Legenden gehen zu Ende ... Geheimnisse offenbaren sich ...“
Sie drehte sich um – niemand da! Und eine ihrer Schülerinnen konnte es nicht gewesen sein. Deren Stimmen kannte sie alle ...
Unten schlenderte eine attraktive Frau unbestimmten Alters auf dem Gehsteig vorbei. Sie lächelte zu den Kindern und ihrer Lehrerin hinauf. Aber das entging diesen, denn sie waren vollauf damit beschäftigt, all den Vögeln zuzusehen, die auf einmal in der Gegend sangen und munter von Ast zu Ast flogen.
Da spürte Ilak-Gatha auch schon große Müdigkeit mit aller Macht über sich kommen. Es war also so weit! Geschwächt setzte sie sich auf eine Parkbank und ließ die Statuen ihrer Lieblinge noch einmal auf sich wirken. Wie eindrucksvoll zeichneten sich Agnes und Paul vor dem blauen Himmel ab! Ihre Geschichte wäre nicht möglich gewesen, wenn ...
Auf einmal begriff sie, warum Ilak-Gathi, ihr Großvater, seine Geschöp­fe so und nicht an­ders erschaf­fen hatte und sie war einverstanden. Nein, er war nicht grausam gewesen, damals, vor undenklichen Zeiten, genauso wenig wie ihr Vater Ilak-Gathu hilflos ...
Paul und Agnes hatten in Wirklichkeit kein Edikt aus einer alten Legende gebraucht, sondern einen Anlass, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Vielleicht hatte sich Ilak-Gathus Schriftstück deswegen selbst vernichtet. Und was darauf geschrieben gewesen war, spielte keine Rolle mehr. Es wäre sogar unerheblich gewesen, wenn es gar kein Edikt gegeben hätte.
Unaufhaltsam driftete Ilak-Gatha dem Rande des Universums entge­gen. Dann verschwand auch sie gleich Ilak-Gathi und Ilak-Gathu vor ihr ... Doch war sie die einzige der Götter, die es mit einem Lächeln tat ...
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Ich schreibe, also bin ich.
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