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Ans Ende der Welt und zurück
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mmxmmx
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BeitragVerfasst am: 13.02.2008, 23:18    Titel: Ans Ende der Welt und zurück Antworten mit Zitat

"Umschlagstext"

Seine Arbeit in einer Computerfirma ist nicht wirklich spannend, aber irgendwas muss man ja machen - muss man wirklich?

Mit einem alten Auto auf eine Reise aufbrechen, wenn es sich ergibt "bis ans Ende der Welt", oder doch lieber mit der Bahn? Und wie soll sich dann ein erwachsener Mann, der keine nennenswerten Erfahrungen mit Frauen hat, gegenüber einer verhalten? Und warum ist das dann insgesamt eher eine Abenteuer- als eine Liebesgeschichte?


Inhaltsverzeichnis

Österreich
Die Reise
Venedig
Irgendwo in Italien
Romeo ohne Julia
Genua
Frankreich
Barcelona
Ans Ende der Welt
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BeitragVerfasst am: 13.02.2008, 23:20    Titel: Antworten mit Zitat

Österreich

Am Horizont glaubte ich eine sich langsam nähernde Straßenbahn zu erahnen, die laut Fahrplan genau jetzt hier sein sollte. Es war tatsächlich eine, doch ein Müllwagen stand auf den Schienen. Geduldig wartete der Zug, bis sich der orangefarbene Lastwagen dann doch wieder in Bewegung setzte. Kaum jemand stieg aus der Straßenbahn aus, aber viele ein.

Alles voll mit herumblödelnden Schulkindern, was bei mir doch schon einige Zeit her war. Obwohl, geblödelt hatten meistens die anderen. Ein Mann, der bei der mittleren Tür saß, drehte sich alle fünf Sekunden um, eine Mutter, die mit ihrem Kind unterwegs war, wirkte sehr hektisch. Jemand aß etwas, das er wahrscheinlich kurz vorher in einer Bäckerei gekauft hatte, wenigstens war es kein Leberkäse.

Wir hielten an der nächsten Haltestelle, auf der beleuchteten Werbefläche eine Frau in Unterwäsche, auf der anderen Seite Zigarettenwerbung. Die Kinder kicherten, ein Handy piepste.

„Sehr geehrte Fahrgäste“, war auf dem Weg zum nächsten Halt zu hören, „wir bitten Sie, Ihren Sitzplatz anderen Personen zu überlassen, wenn diese ihn notwendiger brauchen.“ Schön, aber genauso könnten sie „wir ersuchen Sie, keine Geldbörsen zu stehlen und in Zukunft innerhalb von zehn Minuten vor dem Einsteigen nicht mehr zu rauchen“ durchsagen.

Der Straßenbahnzug stand in der Haltestelle und fuhr nicht weiter, obwohl es grün war. Es wurde rot und blieb es auch scheinbar endlos lang, und auch wie es wieder grün wurde, fuhren wir nicht weiter. Es war 7 Uhr 52. Erst, als die Ampel schon fast wieder umgesprungen wäre und noch ein paar Leute noch schnell zum noch offenen vorderen Einstieg liefen, setzte sich der Zug mit einem Ruck in Bewegung. Jetzt schien es zügig weiter zu gehen, und der Stau neben dem Gleiskörper war mir egal. Ich hatte mich schon immer gefragt, wo die ganzen in die Stadt fahrenden Autos eigentlich dann parkten. Wurden dann den ganzen Tag, obwohl eigentlich nicht erlaubt und auf Dauer ohnehin kostspielig, die Parkscheine ausgetauscht, oder konnten sich die alle die Innenstadt-Preise der Garagen leisten? Oder waren alle geschäftlich unterwegs und blieben höchstens ein, zwei Stunden wo stehen? Wir fuhren trotz eigenem Gleiskörper nur langsam weiter, weil es an der nächsten Kreuzung sowieso schon wieder rot war.

Wenn die Aufzugtür nicht noch im letzten Moment wieder aufgehen würde, und es höchstens einen Zwischenhalt gab, dann könnte es sich vielleicht ausgehen. Wie die Tür schon halb geschlossen war, stiegen aber doch noch zwei ein und drückten jeweils ein Stockwerk unterhalb von meinem. Wir sagten uns ein schnelles, halblautes „Guten Morgen“, bevor sich die Türen endlich schlossen.

Schnellen Schrittes ging ich durch den breiten Gang in das Büro. Ich grüßte allgemein, derjenige, der hier sowas wie mein Vorgesetzter war, reagierte darauf aber nur mit einem leicht böse wirkenden Blick. Es war 8 Uhr 3. Egal ob es 7 Uhr 55, 58 oder genau 8 Uhr war, er war immer da. Manchmal glaubte ich, dass er wohl hier übernachtete.

Ich stellte meinen Rucksack auf den Boden neben meinen Arbeitstisch, schaltete den Monitor und den Computer ein, und während dieser hochstartete, hängte ich meine Jacke auf den Kleiderständer. Nach dem Datenbank-Programm öffnete ich die Auftragsliste und ein paar Dokumente, die ich irgendwann gestern am Nachmittag noch schnell gespeichert hatte und bearbeiten sollte. Nachdem das aber nicht extrem dringend war und ich für diesen Tag genug hatte, war ich pünktlich gegangen. In meinem E-Mail-Posteingang fanden sich drei Rundschreiben und interne Massenmails, ein paar Büroscherz-Mails und eine Anfrage mit vier Rufzeichen im Betreff, wann denn jetzt endlich die Computer in der Filiale in Wiener Neustadt aufgestellt würden. Durch ein Gefühl in der Magengegend angetrieben, versuchte ich daraufhin gleich den Techniker, der das eigentlich vor zwei Tagen hätte manchen sollen, auf seiner Handy-Nummer zu erreichen, aber ich kam nur zur Mobilbox.

Während ich noch einmal versuchte, dort anzurufen, kramte ich in meinem Rucksack. Ich hatte zwei Scheiben einer abgepackten Mehlspeise als Frühstück mitgenommen, die ich, wie niemand direkt zu mir herüberschaute und es vielleicht so aussehen könnte, wie wenn ich nicht wirklich etwas arbeiten würde, schnell verspeiste. Gerne würde ich zuhause richtig gemütlich frühstücken, so wie am Samstag und Sonntag manchmal, aber da müsste ich noch früher aufstehen.

„Was ist mit dem Auftrag in Wiener Neustadt, wie schauen wir da aus?“, fragte plötzlich mein Chef, der an einem Tisch ein paar Meter von meinem entfernt saß. Ich bewunderte ja fast, wie viel Geduld er manchmal mit mir hatte – aber ich hatte mich immer noch nicht daran gewöhnt, dass ich mich oft mehrmals in der Woche, eher schon mehrmals pro Tag, für irgendwas rechtfertigen oder eine sehr schnelle Antwort auf eine unvorhergesehene Frage abliefern musste.
„Ja – da bin ich grade dabei“, sagte ich erst einmal.
„Sagen Sie es mir dann“, schien er für den Moment zufrieden zu sein. Dieser Auftrag war ja hauptsächlich meine Sache, und wahrscheinlich hatte er die E-Mail auch als Weiterleitung bekommen.

Für einen anderen Auftrag, den ich noch nicht bearbeitet hatte, vergab ich eine Auftragsnummer und verschickte eine Standard-Bestätigungsmail. Ich überlegte, ob wir die Hardware noch hier hatten, ob ich sie mit der Spedition oder als Paket mit der Post schicken sollte und welchen Techniker ich beauftragen könnte. Selber hätte ich es sicher auch locker installieren können, aber das war hier nicht meine Aufgabe.

Wie jemand mit einer Zigarette in der Hand aus einer anderen Abteilung kam, sich neben meinen Tisch stellte und mit meinem Tischnachbarn tratschte, war das eine gute Gelegenheit für mich, in das Hardware-Lager zu gehen. Die nötige Netzwerkkarte war nicht da, zumindest nicht dort, wo wir noch welche haben sollten. Ich hatte aber unlängst spät aber doch welche nachbestellt, weil wir schon fast alle verwendet hatten, und eigentlich sollten spätestens heute am Vormittag zehn Stück kommen, wenn nicht, dann würde ich nachtelefonieren. Ich hatte geglaubt, dass noch ein, zwei im Lager waren, aber jemand musste sie entweder genommen oder umgeräumt haben. Weil ich sonst momentan nichts machen konnte und der Typ immer noch draußen stand, räumte ich etwas auf.

Manchmal war viel zu tun, wenn auch meistens nur Routinetätigkeiten, und manchmal war der Tag um 9 Uhr eigentlich auch schon gelaufen – da musste ich dann nur noch die Zeit absitzen, für die ich bezahlt wurde, so wie an diesem Tag. Obwohl, vielleicht würde nächste Woche ja auch wieder einmal so ein Massenauftrag kommen – da konnte ich dann schauen, wie ich die 70 Installationen oder so in ganz Österreich bewältigen sollte, und blöd sah es auch aus, wenn ich dann trotzdem irgendwie zur üblichen Zeit gehen wollte.

Um knapp 10 kam dann die Lieferung, von der ich eine Karte kontrollieren, umpacken und adressieren und dann mit dem Botendienst an die Filiale schicken konnte, für die sich heute Nachmittag ein Außendienst-Techniker angekündigt hatte. Am Nachmittag erreichte ich dann doch den, der nach Wiener Neustadt fahren sollte – er sagte mir, dass es sich zeitlich leider nicht anders ausgegangen und er schon auf dem Weg wäre. Ich schrieb eine Standardantwort auf die Mail in zwei Sätzen, weil ich mir auf diese Weise ein Telefongespräch ersparte – die zwei Anrufe, die ich versäumt hatte, waren zumindest der Nummer nach jedenfalls von dort und wären wahrscheinlich in eine gereizte Diskussion ausgeartet. Eigentlich war es ja ein Irrsinn – es konnte ja nicht so schwierig sein, einen gelieferten Computer auszupacken, anzuschließen und ein paar Sachen einzustellen, und für das, was ich pro Technikerstunde verrechnen sollte, konnte man jedenfalls locker zwei Nächte in einem durchschnittlichen Hotel verbringen.

Die Rückfahrt mit der Straßenbahn schien auch heute wieder irgendwie viel flotter zu gehen. Obwohl es mir eigentlich schnuppe war, ob ich da ein paar Minuten schneller oder langsamer war, so hatten wir die Horrorkreuzung um 16 Uhr 52 schon passiert, und das war gut in der Zeit. Egal, ich war da, ignorierte nach dem letzten vorbeifahrenden Fahrzeug die rote Ampel bei der Haltestelleninsel und ging in eine Seitengasse zu meinem geparkten Auto. Dort konnte man meistens irgendwo parken, während das bei meinem Arbeitsplatz in der Stadt unmöglich war. Es gab zwar dort keine Kurzparkzone, aber einen freien Parkplatz hatte ich dort noch nie gesehen – außer vielleicht, wie ich irgendwann am späten Abend einmal dort vorbeigegangen war. Ein paar Kollegen im Büro redeten manchmal davon, eine halbe Stunde und manchmal noch länger im Kreis zu fahren.

Von hier aus waren es nur noch ein paar Minuten Fahrt durch großteils enge Straßen und ein Einbahn-Labyrinth zu mir nach Hause. Eigentlich könnte ich auch fast gleich zu Fuß gehen, aber da müsste ich noch früher aufstehen, genauso wie ich noch etwas früher aufstehen müsste, um richtig zu frühstücken. Vor 8 Uhr 30 oder frühestens irgendwann vor 8 stand ich eigentlich nicht auf, wenn es nicht sein musste, aber sogar wenn das ginge, müsste ich dann ewig lange in der Arbeit bleiben. Obwohl, bis 15 Uhr würde ich dann wahrscheinlich auch meistens fertig werden und das Gehalt würde auch immer noch locker reichen, aber 30-Stunden-Jobs gab es eben kaum. Entweder 38,5 oder gleich 40, oder zuhause bleiben. Dabei hatte ich ja noch Glück, nur selten zu Überstunden eingeteilt zu werden, obwohl ich mir schon öfters Anspielungen auf mein Gehen fast immer zur genau gleichen Zeit anhören habe können.

Mit dem Fahrrad hatte ich es auch schon probiert und das dauerte eigentlich genauso lang, aber es war mir einfach zu kalt, und dann noch die Steigung bei der Rückfahrt. Obwohl, jetzt ging es ja schön langsam wieder einigermaßen, aber am frühen Morgen war es eben immer noch etwas kühl.

***

„Wir müssen etwas besprechen“, hatte mein Chef an diesem Freitag gesagt, nachdem ich ins Büro gekommen war und gerade meine Auftragsliste bearbeitet hatte. Spätestens nach den ersten Sekunden im Besprechungsraum war mir klar, worum es ging. Auf dem Papier, welches er während seiner freundlichen, aber dennoch ernsten Erklärungen erst einmal in die Mitte des Tisches legte, waren ein paar Standard-Formulierungen zu lesen, nach einem Überfliegen des Textes und meiner Unterschrift darunter war der Schreckensmoment auch schon wieder vorbei.

Ich ging erst einmal an meinen Platz zurück, atmete tief durch und las mir mein Exemplar noch einmal genau durch. So wie er das kurz erwähnt hatte, es hier stand und die das gedreht hatten, begann also nach dem Wochenende mein noch zu konsumierender Resturlaub und eine Zeit, die sie mir praktisch geschenkt hatten, damit sie mich etwas früher als zur regulären Kündigungsfrist los wurden. Theoretisch hätte ich mich ja auch bei der Arbeiterkammer beschweren können, fühlte mich durch den zusätzlichen bezahlten Urlaub aber nicht wirklich übervorteilt, so plötzlich es auch gekommen war.

Der eine Kollege, der gerade mit einem Gesichtsausdruck wie ein Zombie mit seinem Kaffee zurückkam, wusste es wahrscheinlich ohnehin schon. Andere, mit denen ich eigentlich ganz gut ausgekommen war und noch kurz über ein paar mögliche Anfragen redete, die wegen eines gerade laufenden Auftrages noch kommen könnten, waren ziemlich erstaunt. Bevor mich mein Chef heute gerufen hatte, war ich gerade bei den letzten Eingaben beim Aktualisieren von Seriennummern in der Datenbank, was ich dann erst einmal fertig machte. Dann war erst einmal nichts mehr zu tun, wieder einmal.

Hatte ich alles zusammengepackt und die paar privaten Dinge von meinem Computer gelöscht? Die meisten um mich waren entweder recht lautstark in Telefonate verwickelt, oder gerade nicht da, dazwischen dudelte irgendwo das Hitradio. Es war jetzt ein paar Minuten, bevor ich offiziell gehen konnte, und nachdem ich zuvor noch ein paar Standard-Mails zu den laufenden Projekten verschickt hatte, drehte ich den Computer ab.

Das Telefon auf meinem Tisch läutete. Ich hatte keine Ahnung, wer jetzt noch anrufen könnte, und es war mir ehrlich gesagt auch schon völlig egal. Im Stehen hob ich den Hörer ab, sagte kurz „Gusch!“ und legte wieder auf, noch bevor jemand etwas sagen konnte.

Hatte ich das jetzt gerade wirklich gemacht? Es war aber sowieso nur halblaut, und es hatte wohl niemand im Raum gehört. Es war ungefähr eine Minute vor der Zeit, und ich verabschiedete mich noch einmal kurz bei meinem Chef und den anderen in der Nähe, ein Händeschütteln musste schon noch drin sein. „Auf Wiedersehen“ konnte ich sowieso nur leise sagen, weil sie alle immer noch telefonierten.

Das war es jetzt wohl, und bevor das Telefon auf meinem Tisch womöglich noch einmal läutete, nahm ich meinen Rucksack und ging zuerst relativ gemütlich, dann aber recht schnell in Richtung der Aufzugshalle. Als ich kurz wartete, spielte ich mich mit meinem Handy. Toll, ich sollte doch wieder die Tastensperre verwenden – aber trotzdem war es immer noch irgendwie befreiend.

Ich ging am Portier vorbei und grüßte ihn so wie jeden Tag und jedes Wochenende, um dann nach ein paar Schritten über die Stufen erst einmal kurz vor dem Glaspalast stehen zu bleiben. Mit einem Mal sah ich ihn mit ganz anderen Augen, aber vielleicht lag das auch nur daran, dass die dichte Wolkendecke mittlerweile aufgebrochen und alles in grelles Sonnenlicht getaucht war. Ein kräftiger, kühler Windstoß erinnerte mich aber daran, dass es erst April und nicht Mai oder Juni war. Trotzdem fühlte es sich, so wie schon seit ein paar Tagen, zumindest tagsüber recht angenehm warm an, auch wenn ich das eigentlich nur zu Mittag so ein bisschen mitbekommen hatte.

Bei der Haltestelle sah ich, wie gerade eine in die Gegenrichtung fahrende Straßenbahn kam. Anders als sonst wollte ich an diesem Tag irgendwie nicht sofort nach Hause. Ich ging zur anderen Haltestelleninsel hinüber und stieg in den Zug, der in Richtung Innenstadt fuhr. Ein paar Minuten zu Fuß von der Endstation entfernt ging ich in eine Buchhandlung, blätterte etwas in den auf den Tischen ausgestellten Büchern und ging dann etwas später in eine Bäckerei, weil ich gleich auch noch ein bisschen was fürs Frühstück kaufen wollte. Ich stellte mir schon vor, wie ich da irgendwann nach 9 Uhr richtiges Gebäck aufschneiden und mir überlegen würde, was ich drauf streiche. Nicht nur am Samstag und Sonntag, sondern auch am Montag. Beim Anblick der Warteschlange drehte ich aber spontan gleich wieder um und fuhr dann doch sofort und verärgert wieder zurück Richtung stadtauswärts. Das musste ich mir nicht bieten lassen, und irgendwas hatte ich schon noch zuhause.

An meiner Haltestelle angekommen, lief ich einen Meter neben der roten Ampel über die Fahrbahn. Ein einzelnes Auto, gerade vorhin noch in sicherer Entfernung, kam dabei ziemlich nah und hupte; ich zeigte ihm vom Gehsteigrand aus den Mittelfinger nach. Sofort nachher war es mir etwas unangenehm, aber der war auch sicher schneller als 50 gefahren.

Nach wenigen Wortfetzen irgendwelchen Werbegeplappers spielte das Autoradio „Lost my job, wrecked the car ... It don‘t matter, 'cause life ain‘t never been better ...“, genauso wie auch schon heute früh am Weg in die Arbeit. Ich habe diese Arbeit verloren, das Auto löste sich auch schön langsam auf, aber es war doch ohnehin alles egal.

Zuhause sah ich auf meinem Computer erst einmal Spam und per E-Mail verschickte Viren, aber keine richtigen Mails. Ich klickte mich auch nach einiger Zeit wieder durch die Stellenangebote, aber bis auf eines oder zwei fand ich nur lauter Scheißjobs, oder sie klangen zwar interessant, verlangten dann aber am Ende einige Jahre Praxis in einer Programmiersprache, deren Namen ich nur einmal beiläufig wo gehört hatte. EDV-Servicetechniker? MCSE-Zertifikat und 3 bis 5 Jahre Praxis setzen wir voraus. Technischer Sachbearbeiter? Mindestens 2 Jahre Erfahrung mit SAP Bedingung – vor ein paar Jahren hatte ich das Programm einmal bei einem Probetag gesehen. Im Grunde war es auch immer so ziemlich das Gleiche, das ich gerade eben noch gemacht hatte.

Ohne mir viele Gedanken über den Inhalt zu machen, verschickte ich dann schließlich ein paar Standardbewerbungen an halbwegs in Frage kommende Firmen, als Text nahm ich jenen, den ich schon vor zwei Jahren verwendet hatte, änderte ein paar Wörter und Satzstellungen und fügte dann noch drei gut klingende Zeilen über meine letzte Firma in den Lebenslauf ein. Wirklich um einen Job kümmern konnte ich mich später immer noch.

Als ich aus dem Fenster blickte, bemerkte ich, dass es sich doch wieder eingetrübt hatte und es leicht zu regnen begann, so dass ich dann den restlichen Tag irgendwie zu Hause herumlungerte. Der Wetterbericht im Fernsehen sagte dann auch auf unbestimmte Zeit deutliche Abkühlung und immer wieder Regenschauer voraus. „Nein“, sagte ich mit verzogenem Gesicht bei jeder Temperaturangabe, die der Sprecher für die nächsten Tage ansagte, dazu eine Wolke mit angedeuteten Regenstrichen.

***

Es war irgendwann vor 9 Uhr, als ich mich am nächsten Morgen aus dem Bett aufraffte. Mir war etwas kalt, ich erinnerte mich kurz an einen Traum, der irgendwas mit meiner Firma zu tun gehabt hatte, und bei einem Blick aus dem Fenster sah ich nur geschlossene Bewölkung. Weiterhin keine Einigung über das Budget, in Bagdad ist ein Sprengsatz explodiert, in Israel auch, und im Bezirk Mödling ist in der Nacht ein Achtzehnjähriger auf dem Weg nach Wien mit 1,9 Promille über zwei Fußgänger gefahren. Es würde weiter abkühlen und der Wind im Laufe des Tages zulegen, danach verkündete der Verkehrsfunk Stau wegen Überlastung auf den Zufahrten zur Shopping City und starkes innerstädtisches Verkehrsaufkommen.

Ich blätterte das Bezirksjournal durch, das gerade mit der Post gekommen war. Zu wenig Ausbildungsplätze, zu wenig Arbeitsplätze, zu wenig Parkplätze und zu viel Hundekot auf den Gehsteigen. In einer anderen Zeitschrift war Werbung für sensationelle Verdienstmöglichkeiten ohne jegliche Vorkenntnisse und ganz natürliche Möglichkeiten, innerhalb von 2 Wochen spürbar abzunehmen. Als ich dann die bebilderten Angebote eines Reisebüros sah, hatte ich auf einmal nur noch eines im Sinn.
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BeitragVerfasst am: 13.02.2008, 23:21    Titel: Antworten mit Zitat

Die Reise

An diesem späten Vormittag im April hatte ich, und der alte Kadett, schließlich ganz Europa vor mir. Es sollen ja auch schon Leute bis nach Indien, Marokko oder so gefahren sein, aber ich hatte zumindest an etwas wie Italien oder Spanien gedacht. Die schienen auf jeden Fall vom Tiefdruckwirbel verschont zu sein, der auf der Wetterkarte über Mitteleuropa zu sehen war.

Ich musste ja auch niemand etwas lange erklären. Nur meine Eltern rief ich kurz an, aber die hatten auch nicht viel mehr zu sagen als mir eine schöne Reise zu wünschen. Sie verreisten ja selber recht oft und hatten auch alle Zeit der Welt dazu. Ich hatte glaube ich ohnehin auch vor ein paar Wochen mit ihnen über Reisen geredet und angedeutet, dass ich mir in nächster Zeit wahrscheinlich Urlaub nehmen würde. Es hätte da vielleicht auch ein, zwei mehr oder weniger gute Freunde gegeben, mit denen ich auch schon irgendwann einmal über einen möglichen gemeinsamen Urlaub geredet hatte – aber die hatten ja sowieso immer so viel zu tun und nie Zeit.

Alles Nötige, jedenfalls eine Zahnbürste und einen Rasierer, ein paar Sachen zum Anziehen, einige Getränke, Müsli- und Schoko-Riegel und dergleichen hatte ich auf der Rückbank und in meinem Rucksack verstaut, dann drei Mal nachgeschaut ob ich auch alles abgeschaltet und abgesperrt hatte und mich dann auf den Weg gemacht.

An der Kreuzung fuhr ich auf die Abbiegespur. Ich hatte mir schon öfters überlegt, was wohl wäre, wenn ich in der Früh dann nicht weiter in die Arbeit fahren, sondern einfach auf diesem stadtauswärts führenden Fahrstreifen bleiben würde.

In einiger Entfernung sah ich jetzt ein paar Leute am Straßenrand stehen. Hier waren zwar ein paar Bushaltestellen nacheinander, aber sie sahen eher so aus, als ob sie auf eine günstige Mitfahrgelegenheit in ferne Länder und weniger auf den nächsten Linienbus warteten. Als die Ampel weiter vorn auf rot schaltete und sich deshalb ein kleiner Stau bildete, hatte ich noch etwas Gelegenheit darüber nachzudenken, ob ich vielleicht doch einmal Autostopper mitnehmen sollte. Das könnte ja ganz interessant werden, und eigentlich hatte ich ja sowieso etwas in der Richtung geplant, weil allein zu fahren doch recht langweilig werden könnte. Ein paar Meter von mir stand ein junger Mann mit einem Rucksacktouristen-Rucksack, und das daneben war anscheinend seine Freundin. Wäre schön, wenn ich auch einmal eine hätte – überhaupt einmal. Sie sahen eigentlich nicht so aus, als ob sie jemand ausrauben würden. Die Ampel wurde gerade grün und die Kolonne setzte sich in Bewegung.

Nach zwei Sekunden Geradeausfahrt schlug ich doch das Lenkrad nach rechts ein und hielt an. Sekunden später kamen die zwei auch schon zu meinem Auto, und ich kurbelte das Fenster hinunter.

„Wir wollen Richtung Italien, können wir, ähm, irgendwie nach Süden mitfahren?“
„Ja – bitte!“, antwortete ich kurz und sprach es leicht lächelnd aus, öffnete mit einer Handverrenkung die hintere Tür, räumte den Kram auf der Rückbank schnell ein bisschen zur Seite und bat die beiden herein. Gerade noch rechtzeitig, bevor ein Bus in die Haltestelle fahren wollte, gab ich dann Gas und fuhr gerade noch bei Grün über die Kreuzung.

Sie waren tatsächlich recht nett und auch gesprächig, und so redeten sie darüber, dass sie auch gerade ein paar Wochen Zeit hatten und Urlaub machen wollten. Ich war ja froh, dass sie die Initiative ergriffen hatten, selber war ich ja fast eher der Typ, der erst eine gewisse Auftauphase brauche und eher zurückhaltend war. Sie hatte auch einen mp3-Player und einen Adapter für mein vorsintflutliches Kassettendeck, und er bediente ihn. Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich einmal mit Wildfremden im Auto zu etwas mitsingen würde. „Wir fahr‘n ein bi-sserl zu schnell“ – statt „I‘m on the highway to hell“, und noch ein paar halblustige Einfälle von denen.

Wir hatten gerade Wiener Neustadt passiert, als wir darüber diskutierten, ob wir lieber die Semmering-Strecke oder über den Wechsel fahren sollten. Eigentlich müsste ich ja sowieso die ganze Zeit auf der B 17 oder 54 fahren, oder doch noch wo stehenbleiben und mir eine von diesen 10-Tages-Autobahnficknetten kaufen. Einmal musste ich wohl eine halbe Stunde gebraucht haben, um das Ding wieder herunter zu kratzen, bei der letzten hatte ich es schon vorher aufgegeben, so dass ich jetzt nur noch eine leicht angekratzte, schon vor Monaten abgelaufene 10-Tages-Vignette auf der Scheibe kleben hatte. Seitdem hatte ich genug davon, und ich fuhr ja sonst sowieso kaum auf der Autobahn.

Jetzt könnt ihr euch eure Scheißcomputer selber aufstellen, dachte ich noch, als ich einen letzten Blick auf ein paar Ausläufer von Wiener Neustadt werfen konnte. Wir bogen auf die Schnellstraße Richtung Semmering ab. Das war immer noch besser als die stressige Wechsel- und dann die Pack-Strecke, an die ich mich mit Schrecken von früher erinnerte. Als wir nach dem Semmeringpass irgendwann bei Mürzzuschlag vorbeifuhren, kam dann von meinen Mitreisenden ein „Könnten wir einmal stehen bleiben?“. Naja, wir waren ja noch nicht wirklich lange unterwegs, aber schön langsam musste ich auch einmal.

Es war ein Parkplatz mit einer mittelgroßen Raststätte. Zwar war es schon fast Mittag, aber essen wollte ich noch nicht wirklich was, und man würde sich hier sowieso ewig aufhalten und wahrscheinlich schon für einen kleinen Salat an die 5 Euro hinlegen. Immerhin konnte man hier aber gepflegt schiffen gehen, und ich ging mit den beiden mit. Sie schien etwas länger zu brauchen, und so warteten wir erst einmal wieder draußen beim Auto.

Manuel, so hieß der andere, deutete plötzlich wortlos auf zwei uniformierte Gestalten, die in einiger Entfernung scheinbar sehr an den Scheiben der geparkten Autos interessiert waren. Ich erkannte erst nach einigen Momenten was er meinte, wurde dann aber schlagartig nervös. Mir kam nach den ersten Schrecksekunden in den Sinn, schnell die Flucht zu dieser in Sichtweite liegenden Ausfahrt zur Landstraße anzutreten, während ich Manuel erst einmal hier stehen und auf seine Freundin warten lasse.

In diesem Moment kam sie aus dem Gebäude der Raststätte. Er deutete ihr, schnell hier herüber zu kommen. Zwar ahnte sie nicht so wirklich warum, lief dann aber zu uns herüber. „Schnell, steig ein“, sagte er. Als die zwei Polizisten gerade zwei Fahrzeuge von uns entfernt waren, gab ich Gas und fuhr mit quietschenden Reifen weg.

Bei der Ausfahrt war ein Stoppzeichen, und es war doch recht viel Querverkehr. Ich sah in den Rückspiegel und mir war für einen Moment, als ob ich Blaulicht gesehen hätte. Scheiße, als es gerade ging und ich nach rechts einbog, war tatsächlich die Polizei nicht weit hinter uns.

„Sie sind nach links eingebogen“, sagte Manuels Freundin. Ja, jetzt sah ich tatsächlich im Rückspiegel, dass sie in die andere Richtung fuhren, und irgendwann im dichten Verkehr verschwanden. Ich war noch die nächsten Minuten nervös und die Stimmung war eher angespannt, aber dann war es klar dass sie wohl wirklich wo anders hin unterwegs waren und ich mir gerade mindestens 120 Euro und einigen Ärger erspart hatte. Sie hatten wohl auch keine Zeit, sich das Kennzeichen zu merken, weswegen sollten sie auch?

Wir fuhren aber erst einmal immer auf dieser Landstraße weiter und hätten uns an einigen Abzweigungen natürlich fast verfahren. Nach einer Weile blieben wir irgendwo in der Weststeiermark vor einem kleinen Supermarkt stehen und kauften ein paar Sachen ein. Sie bestanden darauf, alles zu bezahlen wenn sie schon mit mir mitfuhren, und spendierten mir so ein Salzstangerl und einen Salat im Becher, in den man es eintauchen konnte. Während der Fahrt trank ich noch lauwarmes Cola light darauf.

Später wurde die Straße zur B 317, die alles zwischen einsamer Landstraße, zwei Fahrstreifen pro Richtung mit Sperrlinie in der Mitte und getrennten Fahrbahnen zu bieten hatte. Schön langsam war es später Nachmittag geworden, und ich war mir immer noch nicht ganz sicher, wohin es gehen sollte und dachte an die ganzen Ferienorte an der Adria, in denen ich vor Jahren bis Jahrzehnten manchmal mit meinen Eltern war. Vielleicht würden wir auch Richtung Mailand und San Remo, nach Rimini oder gar weiter nach Süden fahren – wenn man schon ins Blaue fährt, dann richtig.

„Und alles was ist dauert drei Sekunden – eine Sekunde für vorher, eine für nachher ... wo die Sekunden ins blaue Meer fliegen ...“

FM4 hatte sich gerade verabschiedet, es wurde immer mehr von Störgeräuschen und italienischen Stimmen überlagert. Nachdem wir vor einiger Zeit am Wörthersee vorbeigefahren waren und auch schon Villach passiert hatten, konnte es ja jetzt nicht mehr sehr weit bis zur Grenze sein. Wir hätten hier auch einmal kurz anhalten können, aber irgendwie hatten wir einstimmig keine Lust auf den Schiki-Micki-Strand. So weit ich mich erinnern konnte, war es sowieso unmöglich, in Velden irgendwo zu parken. Gut, ich konnte mich dunkel an die eine oder andere sehr schöne Ecke erinnern, die es hier gab, aber diesmal wollte ich eben weit, sehr weit hinaus. Ein Gefühl aus leichter Nervosität und großer Aufbruchsstimmung machte sich in mir breit.

Wir passierten die Hinweise auf die wenige Kilometer entfernte Staatsgrenze und den Ort Arnoldstein. Nach kurzem Überlegen wurde ich etwas langsamer und blinkte rechts, um die Ausfahrt zu nehmen. Schließlich war ich mir momentan nicht sicher, ab wann die in Italien Maut kassieren würden, zumindest sagte ich das Manuel, der in diesem Moment etwas verwundert nachfragte, wo ich denn hinfahre. Den Hinweisschildern folgend, fuhren wir schließlich recht flott an den halb verrottet wirkenden Aufbauten am ehemaligen Grenzübergang vorbei, der mit einem noch sehr neu aussehenden EU-Sternenkranz versehen war. Wir waren am Anfang des Kanaltals, um uns herum hohe Berge, eine recht atemberaubende Landschaft – und der Kadett wurde gerade langsamer, ohne dass ich vom Gas gegangen wäre.

Der Motor schien noch zu laufen, aber das Gaspedal ging irgendwie nur ins Leere. Manuel und seine Begleiterin sagten nur ein beunruhigtes „Ähm ...“, und ich bremste erst einmal vorsichtig, hielt an einer günstigen Stelle am Fahrbahnrand an und schaltete die Warnblinkanlage ein. Ich drehte den Zündschlüssel einmal auf aus und versuchte den Motor noch einmal zu starten – nichts, absolut nicht, nur der Starter lief leise ins Leere. Nach etwas Herumprobieren war mir klar, dass ich wohl aussteigen musste. Auf den ersten Blick sah es unter der Motorhaube nicht ungewöhnlich aus, aber wirklich kannte ich mich sowieso nichts aus. Es war auch kein Rauch zu sehen, oder irgendwelche offensichtlichen Defekte – garnichts. Ich stieg, leicht angespannt, erst einmal wieder ein. Im Radio begann gerade „I want to break free“ von Queen zu laufen.

„Mei Auto is hi“, begann ich spontan über den nach etwa einer halben Minute einsetzenden Text zu singen. Die beiden bekamen einen plötzlichen kurzen Lachanfall und sangen dann recht falsch aber doch mit. Als uns schon bald kein alternativer Text mehr einfiel, wurden wir alle wieder auf den Boden der Realität zurückgeholt. „Dreiviertellustig“, antwortete Manuel auf meinen „Halblustig“-Kommentar über meinen eigenen Text.

Hier stand ich also nun vor einer geöffneten Motorhaube irgendwo in Italien, eigentlich erst ganz am Anfang davon. Es war stark bewölkt, sah fast nach Regen aus, und es wehte ein kühler Wind. Die beiden waren auch ausgestiegen, murmelten etwas zueinander und schienen sich etwas unschlüssig zu sein, was sie jetzt tun sollten. Zumindest ich hatte aber sogar das Gesetz von Murphy überlistet – es hätte schon genügend weitaus ungünstigere Gelegenheiten gegeben, dass das passiert, aber mein Mindest-Ziel hatte ich sehr wohl erreicht.

„Du, von hier aus sollte es kaum noch ein Kilometer nach Tarvis sein“, sagte Manuel zu mir, „das ist nicht so weit und wir könnten ja erst einmal dort übernachten und dann morgen weitersehen. Jedenfalls Danke, dass du uns überhaupt bis hier her gebracht hast!“

Während ich mich nach einigem Überlegen, was ich jetzt nur machen sollte und was das kosten würde, um einen Pannendienst kümmerte, machten sich die beiden, nachdem sie noch nachgesehen hatten, ob sie nichts vergessen hatten und wir uns Hände schüttelnd verabschiedet hatten, entlang des Fahrbahnrandes in Richtung Tarvis auf, dem letzten größeren Ort in diesem Teil Italiens vor der Grenze zu Österreich. Wir hatten noch ein paar Worte drüber gewechselt, in welche Richtung sie dann nach dem Kanaltal weiterfahren würden. Als nur noch ich ganz allein dort stand und ein paar Autos vorbei fuhren, sah ich mich im Gedanken noch heute in Venedig, und wenn es spät in der Nacht werden würde, oder zumindest irgendwo in der Nähe der Adria.

***

Kurz zuvor noch in einer kleinen Pizzeria neben so einer Art Einkaufszentrum, wo die Bedienung recht flott war und ich mir auch ein Glas Rotwein genehmigt hatte, stand ich nun wieder leicht vor Kälte zitternd an diesem italienischen Frühlingsabend am Bahnhof von Tarvis. Wenn der Fahrplan stimmte, dann würde in weniger als einer Viertelstunde ein Zug nach Venedig einfahren und noch vor Mitternacht dort ankommen. Ich überlegte mir, wann ich eigentlich das letzte Mal mit einem richtigen Zug gefahren war, außer vielleicht mit der Schnellbahn in Wien. Umwelt schützen – Bahn benützen, oder wie war der Spruch? Meine gerade erstandene Fahrkarte in der Hand haltend, folgte ich der Beschilderung zum angegebenen Bahnsteig, vertraute auch darauf, dass die paar Leute vor mir schon richtig gingen und ging dort ziemlich einsam etwas auf und ab. Nach einer Weile ertönte eine kurze Durchsage auf italienisch und ein Licht tauchte langsam auf dem aus dem Dunkelgrau der langsam beginnenden Nacht führenden Schienenstrang auf.

Ich setzte mich auf einen freien Platz in diesem leicht abgenutzt, aber bequem aussehenden Großraumwaggon. Es fuhren immerhin mehr Leute mit als ich mir erwartet hätte, aber dennoch war der Zug weit davon entfernt, überfüllt zu sein. Am Ende des Wagens saß eine laut tratschende italienische Familie, eine österreichische hätte sich aber wohl auch so laut unterhalten. Jemand las eine großformatige Zeitung, dazwischen waren noch ein paar etwas verschlafen aussehende Leute.

Wie ich heute das laute „Mamamia!“ des Automechanikers gehört hatte, ahnte ich schon nichts Gutes. Nach kurzer Begutachtung machte er mir dann in fast perfektem Deutsch das Angebot, mir die Kiste für 40 Euro abzukaufen und dann auch nichts für die Anfahrt zu verrechnen. Er war jemand, der ganz gern an alten Auto herum bastelte oder sonst irgendwas damit vor hatte, und meines kam ihm gerade recht. Nach etwas Zögern und einem kurzen Gespräch hielt ich es dann für ein gutes Angebot, es war wohl ungefähr das, was man sich als Verkaufspreis erwarten konnte, wenn ich überhaupt noch etwas bekommen hätte. So packte ich dann eilig das Nötigste in meinen Rucksack – viel war es aber ohnehin nicht – und fuhr dann ein Stück mit dem Abschleppwagen mit.

Hin und wieder waren durch den dunklen Wald ein paar Lichter zu sehen. Ein Schaffner betrat den Waggon und markierte mit seiner Zange die Fahrkarten. Irgendwie musste ich durch das gleichmäßige leichte Rattern des Zuges und das Schnattern der Familie im Hintergrund kurz eingeschlafen sein, denn die schemenhaft zu erkennende Landschaft schien jetzt schon in eine Ebene übergegangen zu sein. Vielleicht hätte ich mich noch schlau machen sollen, wo die beiden in Tarvis genau wohnten, aber die wollten wohl ohnehin lieber erst einmal ihre Ruhe und ihren Spaß haben.

***

Diesmal musste ich etwas länger eingeschlafen sein, denn einigen beleuchteten Aufschriften nach erkannte ich, dass wir schon kurz vor Mestre sein mussten, dem Vorort von Venedig auf dem Festland. Als der Zug nach einigen Minuten langsamer Fahrt eine Weile in einem Bahnhof hielt und mehrere Leute ausstiegen, war ich mir nicht ganz sicher ob er hier schon enden würde, aber nach einer Minute oder etwas mehr setzte er sich wieder in Bewegung.

Wir fuhren über die einige Kilometer lange Verbindung zwischen Festland und den Inseln der Lagunenstadt. Auf meiner Karte und im Fahrplan stand ja schließlich auch „Venezia S.Lucia“, der große Bahnhof in Venedig am Endpunkt der Bahngleise.

Als der Zug hielt und ich mich in der Bahnhofshalle wiederfand, war ich zuerst etwas ratlos. Doch als ich die beleuchtete Tourismusinformation mit Zimmervermittlung sah, die offenbar gerade noch geöffnet hatte, kannte ich mich schon wieder aus. Ich war ja vor ein paar Jahren schon einmal hier gewesen, nachdem ich erfolglos auf eigene Faust ein Hotelzimmer gesucht hatte. Um diese Zeit war es aber wohl einfacher als im Juni oder gar Juli. Ja, es war noch geöffnet. Warum standen die eigentlich wegen der paar Leute mitten in der Nacht noch hier herum?

***

Das Zimmer hätte etwas günstiger sein können, dafür war es direkt in Venedig und ich musste nicht wieder mit dem Bus nach Mestre oder womöglich ans andere Ende der Lagune fahren. Ich wollte ja schon immer einmal in einem Hotel direkt in den Gassen von Venedig wohnen, aber ohne Reservierung zumindest ein paar Wochen im Voraus schien das immer ein aussichtsloses Unterfangen zu sein, ganz zu schweigen von den hier üblichen Zimmerpreisen.

Ich begutachtete den Lageplan mit der eingezeichneten Adresse und ging dann vom Piazzale Roma auf eine kleine Brücke zu. Das Venedig der tausenden Brücken, Gässchen und Kanäle lag nun zum Greifen nah. Der Plan führte mich um einige Ecken und über zwei weitere Brücken schließlich zu meinem Hotel.

Ich betrat das kleine Foyer, eigentlich war es mehr ein etwas breiterer Gang mit einem roten Teppich und einem leicht schäbig wirkenden Luster, und gab der eher zierlichen Frau an der Rezeption den Reservierungsschein. Sie kramte kurz in einem Fach, gab mir dann nach dem üblichen Papierkram meinen Zimmerschlüssel und erklärte mir in gebrochenem Deutsch, wo das Zimmer sei. Einfach gerade weiter, den Aufgang hinauf und dann Nummer 7 im ersten Stock. Sette.

Es war ein eher kleines Zimmer, dessen recht modern wirkende Einrichtung nicht so ganz zu der alten Bausubstanz zu passen schien. Hinter einer Tür, die ich zuerst eher für einen Wandschrank gehalten hatte, verbarg sich auch ein Mini-Badezimmer, jedenfalls mit einer brauchbar aussehenden Dusche. Mehr als duschen und ins Bett fallen wollte ich heute wirklich nicht mehr. Das Erkunden meiner Umgebung, wenn all die Touristen längst schon wieder gefahren waren, stellte ich mir zwar um diese Zeit sehr interessant vor, aber das wollte ich dann doch lieber morgen bei Tageslicht machen.
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BeitragVerfasst am: 13.02.2008, 23:22    Titel: Antworten mit Zitat

Venedig

Ich war irgendwo zwischen dem Bahnhof und der Rialto-Brücke, und die Sonne schien angenehm warm auf die Stadt herab. Letzte Nacht hatte ich erstaunlich gut geschlafen, abgesehen von den üblichen Albträumen, in denen ich meine Fahrkarte nicht finden konnte, oder nur ein paar alte Streifenkarten aus Wien. Bei einer typischen Touristenfalle erstand ich dann im Vorübergehen einen Orangensaft und ein Stück italienisches Gebäck. Toll, nachdem mir der etwas schmierige Verkäufer den Preis nannte, hätte ich eigentlich gleich das Frühstück im Hotel dazunehmen können. Was solls, ich habe schon einmal weit mehr als sieben Euro völlig unnötig ausgegeben.

Als ich mich dann erst einmal auf der klassischen Strecke Richtung Rialto und dann weiter zum Markusplatz aufmachen wollte, fiel mir plötzlich jemand auf. Hatte sie nicht gestern erwähnt, heute wahrscheinlich doch nach Venedig weiterfahren zu wollen?

„Hallo“, sagte sie, als sie mich auch sah, „ich glaube, wir kennen uns.“
„Ja – wie war schnell noch einmal dein Name?“
„Julia“, sagte sie, „und du bist der ...“
„Romeo“, sagte ich spontan, um dann nach kurzem Nachdenken, ob das nicht gerade ein zu blöder Scherz gewesen war, aber einem kurzen Lachen ihrerseits auf „Markus“ zu korrigieren.

Wir gingen erst einmal in Richtung Rialto-Brücke weiter, wobei wir uns bald eine Gasse mit weniger Gedränge suchten. Die Restaurants hier schienen dafür auch etwas einladender zu sein, die Stimmung war angenehm, aber irgendwie angespannt, wir schwiegen uns eher nur an. Ich konnte selbst kaum glauben, was ich vorhin gesagt hatte.

„Wo ist eigentlich dein Freund?“, fragte ich sie, als sich die Stadt auf einmal öffnete und den Blick auf die große weiße Steinbrücke frei gab.
„Der Manuel“, kicherte sie leise, „also nein, der ist gar nicht mein Freund. Wir wir sind nur ...“
„Sondern?“, unterbrach ich sie.
„Er steht eigentlich mehr auf Männer“, sagte Julia, „aber wir kennen uns schon seit der Schule und er ist ein echt angenehmer Reisebegleiter, der mich nicht blöd anmacht.“
„Das kann ich verstehen“, sagte ich nur kurz.

Richtig, ich hatte die beiden ja nie auch nur ein bisschen herumknutschen gesehen. Wir gingen über die Brücke und warfen kurze Blicke auf die Schaufenster in den Brückenbögen, auf die geschäftstüchtigen Verkäufer und Hütchenspieler und auf die aufgeklebten Zettel an der Wand, die vor ihnen warnten.

„Und hast du ... bist du mit jemand zusammen?“, fragte Julia.
„Nein, nicht wirklich.“
„Also eine Freundin hast du nicht – oder vielleicht einen Freund?“
„Nein“, sagte ich eine Spur lauter.
„Egal“, erwiderte sie kurz mit leichtem Lächeln.

Ich schaute mir gemeinsam mit ihr, zuerst eher nur aus Verlegenheit, noch etwas die Schaufenster an, aber dann gingen wir einfach mit den Menschenmassen weiter. In diesem Moment fühlte ich mich nun endgültig weit weg von Dingen wie meiner triesten Arbeit. Was hätte ich ihr dazu viel erzählen sollen? Ich hatte keine Arbeit, keine Freundin oder sonst jemand, und mir war im Moment nicht ganz klar, was ich in nächster Zukunft machen wollte.

Wir folgten den kleinen Hinweisschildern an den oft etwas schiefen Hauswänden, zumindest hatte ich den Eindruck, wie wenn sie so aussahen, und erreichten dann auf etwas abenteuerliche Weise schließlich den Markusplatz, der sich wie eine Lichtung in einem Wald darbot. Ein Schwarm Tauben begrüßte uns, als wir über das Straßenpflaster gingen und erst einmal das Mauerwerk um uns herum bestaunten.

„Willst du in den Dogenpalast gehen?“, fragte sie mich, als wir davor standen.

Ich überlegte etwas – was das wieder Eintritt kosten würde, und ob ich gerade halbwegs angemessen dafür angezogen war? Es waren aber momentan, wohl weil es eben noch nicht wirklich Hauptsaison war und soweit ich das sehen konnte, nicht sehr viele Leute angestellt, und wenn wir schon da waren, konnten wir ja einmal hineinschauen. Drinnen würde es wohl angenehm ruhig sein, dachte ich mir, und letztes Mal hatte ich ihn ohnehin nicht gesehen.

***

Zu Mittag setzten wir uns nicht in die erstbeste Touristenfalle von San Marco, sondern gingen ein Stück nach links weiter, dort hin wo der weite, offene Platz seine Fortsetzung entlang des Wassers fand und alle möglichen Schiffe anlegten. Schräg gegenüber diese Salut-Spitze, noch weiter drüben die Inseln La Giudecca und San Giorgio, soweit ich das auf dem Plan sehen konnte. Noch bis ungefähr zur zweiten Brücke über die einmündenden Kanäle waren recht viele Leute unterwegs, aber je weiter wir uns vom Markusplatz entfernten, desto ruhiger schien die Gegend um uns zu wirken. Schließlich bogen wir in eine unscheinbare Nebengasse ein. Das heißt, sie ging voraus, ihr Begleiter hatte offenbar ein gutes Restaurant entdeckt und ihr vorhin eine SMS-Nachricht geschickt.

Ein schlichtes Schild mit grüner und roter Schrift auf weißem Grund, eine mit Kreide geschriebene Speisekarte und ein Gastgarten mit ein paar eher einfach wirkenden Tischen deuteten auf eine kleine Pizzeria hin. Ich erkannte Manuel, der an einem der eher kleinen Tische saß und sich offenbar nett mit einem Italiener unterhielt, auch wenn sie gegenseitig, wie ich kurz mithören konnte, nur wenig von ihrer Sprache verstanden. Offenbar bemerkte er mich gar nicht wirklich, auch wenn ihm Julia winkte und kurz wortlos zuzwinkerte. Wir setzten uns erst einmal ein paar Tische weiter an einen freien Platz hin, das heißt, sie suchte ihn aus.

Schon kurz nach unserer Bestellung brachte uns der Kellner eine große Flasche Aqua Minerale. Julias Italienisch war eigentlich ziemlich gut, obwohl ich selber auch zumindest etwas Touristen-Italienisch beherrschte, musste ich kaum etwas sagen. Sprachen die hier nicht auch diese venezianische Sprache, was zumindest einmal in irgendeiner Dokumentation erwähnt wurde? War dann wohl etwas für Profis. Jedenfalls konnte sich die Pizza des Tages wirklich sehen lassen, und alles zusammen kostete dann mit Trinkgeld nicht wirklich schlimme 15 Euro, die wir uns teilten. Ich hatte mir wirklich ernsthaft überlegt, vielleicht auch ein Glas Wein für sie und mich zu bestellen, aber das wäre mir echt zu aufdringlich erschienen. Die Uhrzeit war auch nicht unbedingt dafür angebracht, und wer weiß, ob sie überhaupt Wein oder sonst was trinkt – ich ja eigentlich auch nur selten.

Durch die ziemlich flotte Bedienung kam ich erst gar nicht in die Verlegenheit, irgendwelche längeren Pausen überbrücken oder mir lange überlegen zu müssen, was ich mit ihr reden sollte. „Ist gut, nicht?“, sagte sie dann, und ich konnte ihr ja nur Recht geben.

„Hast du dir eigentlich schon einmal überlegt, dass wir in diesem Moment vielleicht nur Figuren in einer Geschichte sind?“, sagte ich dann aber doch nach einer gewissen Verlegenheitspause, kurz bevor wir gingen. Diesen Gedanken konnte man ja entweder als höchst philosophische, faszinierende Überlegung sehen – oder als viel zu abgedroschen und schon tausende Male gesagt.
„Naja“, sagte sie in scheinbar interessiertem Tonfall nach einigen Momenten, „wer weiß schon, was wirklich wirklich ist?“
„Stell dir vor“, setzte ich fort, während ich meinen Blick über die Häuser an diesem kleinen Platz schweifen lies, „wir sitzen gerade hier, und wer auch immer unsere Geschichte weiterschreibt, weiß momentan nicht weiter, schreibt dann vielleicht erst in ein paar Monaten oder sogar Jahren die Fortsetzung, und für uns ist es, als ob nichts gewesen wäre. Na egal ...“

Wir standen auf, und sie ging kurz zu Manuel hinüber, der anscheinend ein bisschen mit dem Italiener herumflirtete und sich mit ihm offenbar doch halbwegs fließend unterhalten konnte.

„Möchtest du noch mit mir mitgehen?“, fragte mich Julia. „Ich treffe mich erst am Abend wieder mit ihm.“

Ob ich möchte, fragte sie mich? Natürlich wollte ich, aber andererseits hatte ich keine Ahnung, was ich im Moment überhaupt wollte. Bis jetzt war es jedenfalls recht – interessant, mit ihr allein herumzulaufen. Ich hatte ja schon ein paar Frauen getroffen, mit denen ich nett geplaudert habe, aber jenseits davon tat sich für mich das große Unbekannte auf. Was sollte ich überhaupt von ihr halten, und was hielt sie wohl von mir?

„Äh, ja – gern“, sagte ich, sie sagte noch etwas zu Manuel, und ich gab ihm einen kurzen Händedruck, bevor wir weitergingen.

Nachdem wir zurück zu den Schiffsanlegestellen gegangen waren und eine Brücke überquert hatten, tat sich nun ein kleiner Wald vor uns auf, nach einigen dazwischen liegenden Häuserblocks ein noch größerer Baumbestand. Soweit ich den Plan im Kopf hatte – ich hatte jetzt keine Lust, meinen Stadtplan für Touristen hervor zu kramen – mussten wir dann irgendwann bald am Ende sein, wenn wir so weitergingen. Irgendwie wirkte es etwas unwirklich, so untypisch für die Stadt aus Stein, Brücken und kleinen Kanälen.

„Möchtest du dich hinsetzten?“, fragte ich sie bei einer einsamen Sitzbank. Ich war immer noch ein bisschen müde vom Gehen, und es war sogar schon fast, aber nur fast, eine Spur zu heiß.

Wortlos setzte sie sich neben mich hin.

„Wegen dem Schreiben und der Geschichte“, sagte Julia, „hast du selber eigentlich schon einmal was geschrieben, also außer in der Schule und so?“
„Nicht so ganz“, sagte ich, „ein paar Kurzgeschichten so zum Spaß halt. Aber ich habe mir da in letzter Zeit was überlegt ...“
„Ja was denn?“
„Stell dir vor“, setzte ich fort, obwohl ich leichte Angst hatte, dass sie das ohnehin nicht interessierte und sie sich nur über mich lustig machen wollte, „du fährst in einer Straßenbahn, und auf einmal ...“
„Was, entgleist sie?“, unterbrach sie mich.
„Nein, es passieren – merkwürdige, seltsame Dinge.“
„Zum Beispiel?“
„Wenn es dich interessiert, ich glaube, ich habe den Anfang davon auf meinem Notebook – ach so nein, den Computer habe ich ja nicht mitgenommen, da müssten wir in ein Internet-Cafe gehen – egal.“

„Du kannst mirs ja erzählen – wenn du es selber geschrieben hast, dann hast du die Handlung ja wahrscheinlich ungefähr im Kopf“, sagte Julia nach einer kurzen Pause.
„Ja, also ...“
„Wir können uns ruhig in dein Hotelzimmer setzen, wenn du da sowieso hin wolltest“, unterbrach sie mich.

Ohne mir völlig bewusst zu sein, was mir jetzt möglicherweise bevorstand, und angesichts der Anlegestelle und des sich nähernden Linienschiffs kaufte ich dann für sie und mich eine Karte. Due biglietti, per – äh – ferrovia per favore. Auf dem ausgehängten Plan stand etwas von Murano und vom Lido, aber die Richtung müsste stimmen. „Ok, ich kaufe dir dann das nächste Mal eine“, sagte sie und stieg mit mir ein. Aber andererseits, was stellte ich mir vor? Das übliche nette Reden würde es eben werden, und da hatte ich schon Erfahrung darin.

Nach der Anlegestelle am Markusplatz mit einem ziemlichen Fahrgastwechsel ging es dann weiter durch den Canal Grade. Der war eigentlich gar nicht so breit, wie ich ihn in Erinnerung zu haben glaubte. Ich überlegte, ob es nicht auch eine außen herum fahrende Linie gegeben hätte, mit der wir schneller gewesen wären. Egal, nette Rundfahrt auf dem Wasser inklusive. In der Nähe des Bahnhofs war mir die Gegend dann geläufig, wir stiegen, nachdem die Seile festgezurrt waren, an der Anlegestelle aus. Durch die Gassen, die mir teilweise von gestern noch geläufig waren, fanden wir zu meinem Hotel.

Die Dame an der Rezeption gab mir meinen Schlüssel, Zimmer Nummer 7, und sagte nichts, als sie bemerkte, dass ich jemand mitgebracht hatte.

Julia setzte sich, nachdem sie sich kurz umgesehen hatte, auf das Bett. Aus leichter Verlegenheit heraus noch etwas in meinen Sachen kramend, setzte ich mich neben sie, wobei wir kurz unabsichtlich zusammenstießen.

„Ja, also es fängt damit an, dass jemand in der Früh vom Alarm geweckt wird, den er eingestellt hat ... willst du vielleicht was trinken oder so?“
„Nein“, sagte sie und schien sich wirklich dafür zu interessieren, „erzähl weiter.“
„Er hat einen Termin, muss in einen Kurs, und steigt bei der nächsten Haltestelle in die Straßenbahn ein. Irgendwann kommt er drauf, dass er wahrscheinlich eine Durchsage versäumt hat, und die Straßenbahn über eine andere Strecke abgelenkt wird. Da sind schon fast alle ausgestiegen, aber er hats versäumt. Dann fahren sie durch eine Gegend, die er noch nie gesehen hat, obwohl sie nicht sehr weit von ihm weg sein kann, und wie dann schon alle ausgestiegen sind, ist er auf einmal auf einer Überland-Bahnstrecke. Mitten in einem Wald ist dann die Endstation, und er steigt erst einmal aus.

„Bis jetzt ist ja nicht viel passiert, aber seltsam hört sichs schon an“, kommentierte sie mich, nachdem ich eine Pause gemacht hatte und überlegte, wie es weiterging.
„Wie er dann doch wieder einsteigen und zurückfahren wollte, er hat ja keine Ahnung gehabt, wo er da war, war die Straßenbahn auch schon weg, in einer Umkehrschleife im dichten Wald verschwunden. Also er steht da mitten im Wald, hat keine Ahnung wie es weitergehen soll, und muss um 9 Uhr in seinem Kurs sein ...“

Wie ich bemerkte, dass sie sich auf dem Bett leicht zurückgelehnt hatte und vielleicht auch gerade so geistig abgeschweift war wie der Protagonist der Geschichte, hörte ich für einen Moment auf. Sie sagte garnichts, schien die Augen geschlossen zu haben und sich irgendwas vorzustellen.

„Und weiter?“, sagte Julia nach fast einer Minute Stille.
„Interessiert es dich eh noch?“
„Ja sicher!“
„Gut, also er geht ein Stück weiter, alles ist total verwachsen, nur ein paar verlassene Häuser – und dann steht da auf einmal so eine kleiner Zug auf Schienen, die plötzlich auftauchen. Ungefähr so wie die Liliputbahn in Wien im Prater, so mit seitlich offenen Waggons – aber mit einer Liniennummer der Straßenbahn auf dem Dach. Er fragt, ob er da weiterfahren kann, und der Lokomotivführer redet nicht viel, sagt nur ja und dass der Zug gleich abfährt.“

Ich machte wieder eine dramaturgische Pause, obwohl sie aufmerksam zuhörend neben mir saß.

„Was würde jetzt eigentlich passieren“, sagte ich und drehte ich mich etwas zu ihr, „wenn ich – äh – wenn ich – meinen Arm um dich – legen würde?“

Außer den leisen Geräuschen, die durch das leicht geöffnete Fenster herein drangen, passierte für einen Moment nichts in diesem Raum. Ich drehte mich noch mehr in ihre Richtung, sah ihr direkt in die Augen und näherte mich ganz langsam noch ein bisschen.

„Ich glaube, ich gehe dann besser“, durchbrach sie mit kühler Stimme das Schweigen und stand von meinem Bett auf.
„Ja, gut ...“, war das Erste, das mir nach ein paar Momenten einfiel. „Musst du schon weg, dich mit ihm treffen?“, sagte ich noch, aber sie antwortete nicht.
„Soll ich noch mit dir hinuntergehen?“
„Nein, geht schon“, sagte sie, vergewisserte sich noch kurz, dass sie nicht vergessen hatte, und ging zur Tür.

Ich sprang auf, öffnete die Tür und sagte noch „Also dann ...“, woraufhin sie mir noch kurz die Hand gab und verschwand.

Am Fenster lehnend und die Gasse vor dem Hotel beobachtend, ich glaubte noch, sie dort vorbeigehen zu sehen, dachte ich nach. Was hatte ich falsch gemacht, war ich zu voreilig? Ganz nett war sie ja, aber wollte ich überhaupt etwas von ihr? Wollte sie etwas von mir? Es kommt halt darauf an, zur richtigen Zeit am richtigen Ort die richtigen Worte zu sagen, bildete ich mir zumindest immer ein. Jetzt hätte ich aber wahrscheinlich auch „Und, willst du ficken?“ sagen können, und der Effekt wäre ungefähr gleich gewesen.

„Schöne Scheiße“, sagte ich halblaut und lachend vor mich hin, bevor ich mich auf das Bett fallen ließ.

***

Das Geräusch, das mich gerade aus meinem Halbschlaf geweckt hatte, war wirklich mein Telefon. Ich richtete meinen Blick von der Decke hin zum Fenster mit seinen leicht flatternden Vorhängen, wo ich es irgendwo hingelegt haben musste, und sprang dann mit einem Mal auf. Wer zum Geier ...

„Ja?“
„Hallo – Markus? Da ist der Manuel, ist die Julia vielleicht bei dir?“

Als ich mich fragte, wie er eigentlich auf meine Nummer gekommen war, fiel mir wieder ein, dass wir die auf der Fahrt ja irgendwann ausgetauscht hatten.

„Nein, wieso denn? Ach ja, sie ist vorhin gegangen ... wie spät ist es eigentlich?“

Ich bemerkte erst jetzt, dass es schon fast Abend war. Als ich einen Teil des Vorhangs zur Seite schob, sah ich die Gasse, an der das Hotel lag, im fahlen Licht des späten Nachmittags daliegen.

„18 ... 30. Sie hat glaube ich gesagt, dass sie heute noch wo hinfährt und war dann recht plötzlich weg. Du bist ja dann mit ihr zusammen gegangen.“
„Ja, aber sie – wir haben uns verabschiedet und sie ist allein irgendwo hingegangen. Gut, also ich glaube, das ist schweineteuer, wenn wir hier noch länger reden ...“
„Stimmt – willst du dich vielleicht noch mit mir treffen, noch was trinken oder so?“

Für einen Moment überlegte ich, wie ich reagieren sollte, aber sagen musste ich rasch etwas.

„Ja – gut.“
„Kennst du diese Ecke beim Piazzale Roma, wo die ganzen Bushaltestellen sind, und am Ende so eine Brücke hinübergeht?“
„Ja, ich glaube, ich weiß schon wo.“
„So in einer halben Stunde?“
„Sollte sich ausgehen – dann bis später!“, verabschiedete ich mich und legte auf.

Ich öffnete das Fenster, rührte mit der Hand etwas in der kühlen, aber immer noch recht angenehmen Luft herum und überlegte, ob ich noch was anziehen sollte. Etwas Geld aus der Geldbörse in meinem Rucksack steckte ich noch ein, um dann, nachdem ich auch den Zimmerschlüssel gefunden hatte, die Tür hinter mir zuzusperren. Bei der Rezeption saß mittlerweile jemand anders.

Draußen war es fast etwas kühler, als ich geglaubt hatte, trotzdem war ich gerade noch richtig angezogen. Dass ich früh dran war, traf sich ohnehin gut, weil ich mir nicht ganz sicher war, welche Stelle er jetzt genau gemeint hatte. Notfalls konnte ich ihn ja immer noch anrufen.

Nach der Brücke beim Bahnhof nahm ich noch einmal meinen Stadtplan aus der Hose, faltete ihn auf und war erst einmal sicher, nach rechts und noch eine ganze Weile in die Richtung gehen zu müssen. Ich konnte mich ab der Stelle eigentlich kaum noch irren, hielt den Plan aber noch in der Hand und vergewisserte mich ab und zu. Ob sich das in der Zeit ausgehen würde?

Auf der anderen Seite des kleinen Kanals tat sich schließlich der Piazzale Roma vor mir auf. Ja, genau die Stelle musste er gemeint haben. Nachdem ich fast zehn Minuten zu früh dran war, ging ich noch etwas auf und ab, schaute mir die Fahrpläne bei den Busstationen an und versuchte herauszufinden, was eigentlich eine Karte kostete.

Wie ich wieder bei dieser Ecke war, stand er auch schon dort. Wir erkannten uns gleich wieder und begrüßten uns.

„Hat sie gesagt, dass sie wegfährt, oder wie?“, fragte ich Manuel.
„Ja“, beruhigte dieser gleich, „sie hat mir so ein Prospekt gezeigt, wo sie noch hin wollte. Ins wirkliche Italien halt, nicht nur dort hin, wo alle Touristen hinfahren. Da, auf der zweiten Seite“, sagte er und zeigte mir ein Tourismusprospekt, wo in einer Spalte am Rand ein Dorf in einer traumhaften Landschaft wohl mitten im Landesinneren abgebildet war. „Kannst du haben, ich habe noch eines“, setzte er fort, und ich faltete es zusammen und stopfte es in meine Hosentasche.
„Und du bleibst noch hier, oder was?“
„Wir haben uns sowieso ausgemacht, dass wir so eine Rundreise machen – haben wir ungefähr geplant, aber nicht genau. Nicht unbedingt die ganze Zeit miteinander, ich meine, wir sind ja nicht wirklich zusammen.“
„Das würde auch nicht so gut klappen.“
„Ach, das hat sie dir auch schon erzählt?“, tat er leicht erstaunt.
„Ja und? Ich meine, ich habe ja keine Angst vor dir oder so.“
„Du bist sowieso nicht so ganz mein Typ, glaube ich“, sagte er etwas lachend und klopfte mir leicht auf die Schulter.

Wir schauten uns etwas in der Gegend um. Ein leichter Windhauch war zu spüren, und es war schon merklich dunkler geworden.

„Vielleicht komme ich morgen nach, sie hat gemeint, sie ruft dann an. Wahrscheinlich wollte sie heute schon voraus fahren, weil sie geglaubt hat, dass ich jetzt ohnehin mit dem Italiener was habe.“
„Und?“
„Ach das war nur – wir haben eigentlich nur so geredet. Na egal“, sagte er, drehte sich in Richtung Stadtzentrum, und wir gingen über die Brücke.

Als wir bei einem größeren Platz herauskamen, dem Campo Santa Margherita, schaute ich mich einmal um, ob es hier vielleicht ein nettes Lokal gab, um noch ein bisschen was zu essen. Eigentlich wollte ich ja fast lieber was zum Mitnehmen haben. Er steuerte auf ein nett aussehendes zu, wo draußen ein paar eher spärlich besetzte Tische standen, und das Licht von drinnen auf das Pflaster fiel.

„Trinkst du ein Bier?“, fragte ich ihn spontan, nachdem wir uns einen Platz ausgesucht und einen Blick auf die Karte geworfen hatten. Wein konnte ich später immer noch trinken, obwohl ich ja Italien eher als klassisches Weinland sah, Deutschland dagegen eher als ein Bierland und es in Österreich auf die Gegend ankam, sogar innerhalb von Wien.
„Am Abend kann man schon einmal eines trinken, oder zwei oder drei oder ...“, sagte er.
„Jetzt hör aber auf!“, unterbrach ich ihn.

So nach einer Minute kam dann ein Kellner, dem ich ohne Stottern „Due birra grande per favore“ sagte und ein kurzes „Si signor!“ zu hören bekam. Ähnlich schnell kam er auch damit zurück, aber wir hatten auch nicht lange gebraucht, uns etwas aus der Speisekarte auszusuchen und gleich was zu bestellen.

„Oh, du sprichst auch etwas Italienisch“, merkte er an.
„Bitte, das lernt man aber bald. Also Bier – auf Ungarisch heißt es Sör, sch gesprochen aber mit S geschrieben; in Dänemark Öl, und in ...“
„Öl!“, lachte er.
„So wie Ginger Ale – Öl – wahrscheinlich – diese ganzen germanischen Sprachen halt. Schreibt sich wahrscheinlich auch anders.“
„Hast du eigentlich studiert?“
„Nein, aber man lernt halt was mit der Zeit.“
„Ich meine, arbeitest du was, hast du einen Job?“
„Gehabt, bis vor ein paar Tagen.“
„Was hast du da gemacht?“
„Technischer Sachbearbeiter.“
„Hört sich ja nicht so spannend an.“
„Ja, war eh ein Scheiß eigentlich. Schon nach ein paar Wochen habe ich mir gedacht, dass ich das vielleicht ein halbes Jahr lange mache und es dann hinschmeiße.“
„Und wie lange warst du dort?“
„Fast zwei Jahre, da haben die dann wohl auch bemerkt, dass ich nicht wirklich motiviert bin.“
„Und was willst du jetzt machen?“
„Keine Ahnung, aber irgendwas muss man ja machen.“
„Müssen tut man gar nichts“, entgegnete mir Manuel, und wir stießen erst einmal mit unseren Biergläsern an, nachdem wir gegenseitig gewartet hatten, bis der andere es in die Hand nehmen würde.

Ein paar Tische weiter stritten sich einige Tauben um ein paar Pommes Frittes, die auf den Boden gefallen waren. Eine kleine Gruppe, mit Kameras und Reiseführern bewaffnet, schien imaginäre T-Shirts mit dem Spruch „Ja, wird sind Touristen, na und?“ zu tragen. Schon interessant, bis jetzt kannte ich Italien eigentlich nur von Reisen mit meinen Eltern, und jetzt, wo ich praktisch als Rucksack-Tourist unterwegs war, war es trotz der von früher vertrauten Gegend so völlig anders.

„Studierst du?“, fragte ich Manuel nach einer Weile.
„Eigentlich ja – so halb, sogar schon praktisch fertig.“
„Was heißt so halb?“
„Also ich habe Architektur studiert, weil sichs damals gerade ergeben hat, aber dann war ich mir nicht mehr sicher, ob ichs fertig machen wollte. Dann so Gelegenheitsjobs, du weißt schon, und die sind sogar ganz gut gelaufen.“
„Äh, wie alt bist du jetzt?“, fragte ich ihn.
„27, und du?“
„Was glaubst du?
„25?“
„26.“
„Oh – fast.“
„Na jedenfalls, sollte man mit 27 nicht schön langsam fertig sein?“, fragte ich zurück und fand das im gleichen Moment viel zu vorwurfsvoll.
„Ja, sollte“, sagte er leicht amüsiert.
„Wie gesagt, ich habe keine Ahnung, was ich als Nächstes machen will – aber die wollen dich doch sowieso überall nur ausnutzen.“
„Und glaubst du, der Kellner hier freut sich wirklich über seine Arbeit, die in der Küche ...?“
„Schaut mir zumindest fröhlicher aus als bei uns, wo alle frustriert sind.“

Wie der Kellner von vorhin die Gnocci mit Tomatensauce brachte, die sich Manuel bestellt hatte, meine Tortellini mit Spinat und auch noch einen Teller Salat, wohl als Draufgabe des Hauses, ließen wir das Thema erst einmal sein.

„Hast du Lust, nachher noch wohin zu gehen?“, fragte er dann später, als wir auf die Rechnung warteten.
„Ich weiß nicht, bin schon ziemlich müde.“
„Na komm schon“, sagte er und packte mich kurz leicht an der Hand.
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BeitragVerfasst am: 13.02.2008, 23:23    Titel: Antworten mit Zitat

Irgendwo in Italien

Grelle Sonnenstrahlen drangen in das Zimmer, als ich mich noch einmal streckte und dann endgültig aus dem Bett ins Badezimmer ging. Was habe ich da gestern noch gehabt? Hat er dann dort, das muss irgendwo bei dieser Akademie-Brücke gewesen sein, nicht noch zwei Bier bestellt? Dann bin ich doch noch zu einem Glas Rotwein gekommen, dann noch der ganze Amaretto, und sein Italiener von zu Mittag war auch doch noch dort. Ich beschloss, zumindest die nächsten zwei Tage nur noch Mineralwasser zu trinken, jedenfalls keinen Alkohol. Der Tag fühlte sich so anders als noch 24 Stunden davor an, fast als ob ich schon ein paar Monate hier wohnen würde. Der Traum letzte Nacht war auch seltsam, direkt nach dem Aufwachen erinnerte ich mich jedenfalls an ein paar Szenen, die ich geistig festhalten konnte. Es war irgendwann in den 1980ern, und ich war mit meinen Eltern am Meer in Italien, so mit endlos scheinendem Sandstrand, Ferienwohnungen, ein paar größeren Hotels, Lokalen am Strand, anderen herumspielenden Kindern und diesem Sommergefühl, das wohl nie wieder kommt. Auf einmal habe ich die Julia gesehen, und mir ist aufgefallen, dass wir nun beide erwachsen waren. Wie ich etwas mit ihr reden wollte, habe ich auf einmal keinen Ton mehr herausgebracht, und alles ist immer mehr verblasst.

Ein Blick auf das Blatt mit den Zimmerpreisen, das auf dem Tisch neben dem Eingang zum Badezimmer lag, erinnerte mich daran, dass ich spätestens heute an sich meine Abreise geplant hatte. Zurück wollte ich noch nicht, und der Gedanke daran, was eine Karte für die Bahn wohl kostete, wenn es nicht gerade eine Sonderaktion gab, ließ mich auch erschaudern.

Erst jetzt fiel mir der Bildschirm mit einer Tastatur davor so wirklich auf, der ein paar Meter von der Rezeption entfernt auf dem Gang stand. Schien wohl für die Gäste allgemein zur Verfügung zu stehen. Nachdem ich 50 Cent in den Einwurf geworfen hatte, wurde die Anzeige tatsächlich hell, und der Mauszeiger ließ sich bewegen. Die Tastatur reagierte aber nicht. Ich verfolgte das Kabel, das zu einem Anschluss an der Rückseite führte, etwas von der Wand entfernt. Dass es locker war, hatte wohl lange Zeit niemand bemerkt, dem ganzen Staub nach zu schließen.

„Wir danken für das Interesse an unserem Unternehmen, müssen aber leider mitteilen, dass wir Ihnen leider keine Ihren Qualifikationen entsprechende Stelle anbieten können“, stand in einer E-Mail, in einer anderen die gleiche Aussage „nein, wir wollen Sie nicht, aber wir wollen ja trotzdem höflich bleiben“ in einer anderen Variation. Was sollten die auch viel schreiben, wenn ich ja auch immer nur Standardsätze leicht veränderte?

Mein Gepäck in der Hand haltend, es war ja nur mein Rucksack und ein paar Sachen in meinen Taschen, bezahlte ich dann meine Rechnung. Das T-Shirt und eine Hose hatte ich gestern noch notdürftig ausgewaschen und zum Trocknen aufgehängt. Zum Glück war es noch etwas vor 11, sonst hätten die noch einen Tag verrechnet.

Die Speisekarten waren schon frisch mit weißer Kreide geschrieben und die Sonne strahlte grell, fast schon zu grell, als ich mit dem Prospekt in der Hand zu dieser Informationsstelle beim Bahnhof ging. Ich tat mir schwer, den Namen auszusprechen, aber es war jedenfalls ein Nest irgendwo im Landesinneren, westwärts von hier. Nachdem ich mit dem Finger draufgezeigt hatte, schickten sie mich zu den Autobussen.

Der Bus hätte zumindest dem Fahrplan nach um 11 Uhr 40 da sein sollen, aber auch sieben Minuten später war immer noch keine Spur davon. Ein paar andere Leute schauten auch schon öfters nach der Zeit und aufmerksam den Platz entlang – nichts. Es war 11:52, als dann ein Bus in die Haltestelle fuhr. Die Tür ging langsam seitwärts auf, der Fahrer sagte irgendwas, und ich stellte mich an, bis ich einsteigen konnte. Eilig schien es hier niemand wirklich zu haben. Irgendwo in der Mitte war ein Platz frei, wo ich mich auf einer Doppelbank zum Fenster setzte. Noch ein paar Minuten später setzten wir uns langsam in Bewegung, kurvten über den Platz und über die große Brücke dem Festland zu. Nach zwei Haltestellen in Mestre schien die Fahrt auf der Landstraße endlos weiter zu gehen, und ich kramte erst einmal mein Headset für das Handy hervor und probierte, welche Radiosender man hier empfangen konnte. Rauschen, italienischer Dancefloor, etwas von George Michael, schnell gesprochene Werbung, italienische Volksmusik, und bei einem anderen Dance-Sender blieb ich erst einmal hängen.

***

Dank dem Plan und dem Beobachten der Ortstafeln hatte ich meine Haltestelle gefunden und rechtzeitig den Knopf drücken können. Das war so wie bei uns auf einer Postbus-Linie, auf der man sonst nie fährt – keine Durchsagen und keine Anzeigen, also jemand fragen oder aufmerksam eine Landkarte und die schon passierten Haltestellen beobachten. Jemand neben mir hatte mich aber auch schon rechtzeitig darauf aufmerksam gemacht, nachdem ich ihm auf die Frage, wo ich denn hin wollte, kurz mein Prospekt gezeigt hatte.

Es war so ziemlich das erste Mal im Jahr, dass die Sonne so richtig herunterbrannte, durch den leichten Wind war es aber immer noch angenehm. Gut, dass meine Sonnenbrille im vorderen Fach des Rucksacks und nicht irgendwo unter dem ganzen Kram war. Kam irgendwie nie aus der Mode.

Ein breiter, unbefestigter Streifen neben der Fahrbahn diente als Gehweg, Parkplatz und hier auch als Bushaltestelle. Hinter den Häusern war in einiger Entfernung ein Wasserturm zu sehen, auf der anderen Seite und noch weiter weg endlose Felder und Baumreihen. Hier gab es nur ein paar Wohnhäuser mit roten Ziegeldächern und einige Bäume, die Schatten spendeten. Auf einem Werbeplakat neben der Straße stand so etwas wie „Schlussverkauf, alles muss raus“ - es war etwas vergilbt, die Hälfte davon heruntergerissen und darunter noch ein Preis in Lire. Weiter vorne konnte ich den Schriftzug „Hotel“ erahnen, und es schien auch etwas mehr los zu sein.

In einem kleinen Supermarkt erstand ich erst einmal Mineralwasser, eine Dose Lemon Soda und ein paar Sachen zu essen – das Mittagessen war somit auch schon geklärt. Ich setzte mich auf eine Bank aus grobem Beton und Holzbrettern, die draußen in sowas wie einem kleinen Park zwischen zwei Häusern stand, spielte mich mit dem Handy und blätterte die Liste der verfügbaren Mobilfunknetze durch. Hatte er nicht gesagt, mich heute noch irgendwann anzurufen, oder doch nur vielleicht? Oder sie vielleicht? Wie hat das eigentlich früher geklappt, und das habe ich ja lange genug noch miterlebt, nur mit Telefonzellen?

Ich verstaute die noch halbvolle Packung dieser Kekse mit Olivenstücken in meinem Rucksack, warf die leere Dose in den Sammelcontainer vor dem Supermarkt und ging weiter. Bald war mir bei einem Blick auf die Preise der paar Hotels und Restaurants hier klar, dass ich zum Preis von einem Tag Venedig anscheinend fast eine Woche hier bleiben könnte.

„Hallo!“, sprach mich auf einmal jemand an. Es war Julia.
„Oh, hallo, wie gehts denn so? Bist du schon länger hier?“

Wir standen da und redeten, als ob gestern nichts gewesen wäre.

„Wo wohnst du denn?“, fragte ich sie.
„Also hier privat.“
„In einer Privatpension?“
„So in der Art, ich kenne da jemand aus dem Internet, der hat gemeint, dass ich zumindest ein, zwei Tage bei ihm übernachten könnte.“
„Was, umsonst?“
„Ja.“
„Äh, hast du nicht Angst, dass ...?“
„Bitte nein, der ist eh nett“, unterbrach sie mich. „Ich war da zuerst auf dieser Seite Couchsurfing, wo man nach Leuten suchen kann, die einem in ihrer Wohnung wohnen lassen. Da habe ich zuerst niemand gefunden, aber den dann woanders.“
„Na wenn du meinst – aber sicher besser als wie manche im Auto oder so schlafen, wenn man sich das Hotel ersparen will.“
„Und du bist auf der Durchreise?“, fragte sie, um dann ein künstlich vorwurfsvolles „und das sicher wieder ganz zufällig“ anzuhängen.
„Jaaaa“, sagte ich langgezogen und nicht ernst gemeint.

„Wenn du willst“, sagte sie nach einer Pause, „kann ich ihn fragen, ob noch jemand bei ihm wohnen kann. Er hat gemeint, dass das eigentlich kein Problem ist.“

Obwohl ich mich fast schon auf ein Hotelzimmer für mich allein gefreut hatte, änderte ich beim Gedanken daran, mir das Geld dafür sparen zu können, rasch meine Meinung. Wenn ich schon dort in Italien war, wo nicht alle hin fuhren, dann konnte ich mich da auch hineinstürzen und schauen, was passieren würde.

„Gut, sagte Julia, „ich wollte eigentlich grade was einkaufen gehen. Ich frage ihn dann und schicke dir eine SMS!“

Wir verabschiedeten uns, nachdem wir unsere Nummern ausgetauscht hatten, mit einem kräftigen Händedruck. Meine Telefonnummer hatte sie doch schon gehabt, ich ihre aber nicht. Als sie in den Laden ging und ich noch einmal, den leichten Luftzug genießend, meinen Blick über die Landschaft streifen ließ, die mich etwas an das Marchfeld oder Weinviertel erinnerte, hielt ich im Gedanken die Lage fest. Ich war also irgendwo mitten in Italien, das Wetter war ziemlich gut, ich würde heute möglicherweise zusammen mit Julia in einer wildfremden Wohnung übernachten, und sie war offensichtlich nicht sauer, dass mir Manuel gesagt hatte, wo sie hingefahren war. Der Abenteuerurlaub, so es denn einer war, würde jetzt erst so richtig beginnen, das war mir klar.

***

Die Beschreibung in der SMS-Nachricht, die mich eine Stunde zuvor aus einem Tagtraum gerissen hatte, reichte aus, um den Weg zu finden. Von der kleinen Fußgängerzone aus, wo ich vorher schon gewesen war, folgte ich der kleinen Straße, die durch ein Wohngebiet führte, so mit ein- oder zweistöckigen Häusern, manche mit Garten, manche als Reihenhaus aneinander gebaut. Eine Katze mit dreifarbigem, etwas ungepflegtem Fell huschte quer über den Weg und verschwand im Gebüsch eines Gartens. Nach dem Überqueren einer Straße, über die gerade ein Motorroller knatterte, war ich nach ein paar Minuten bei der Hausnummer, die sie mir geschickt hatte. Glocke konnte ich keine finden, aber das Gartentor war nicht versperrt. Obwohl der Garten fast eher einen etwas ärmlichen Eindruck machte, wirkte das Haus dann fast wie eine Villa in Hietzing bei uns, mit einer etwas kitschigen Steinfigur vor der Tür. Mit leichtem Herzklopfen drückte ich den kleinen Knopf, der wohl die Türglocke war. Ein Geräusch war zu hören, Schritte näherten sich.

„Hallo, guten Tag!“, begrüßte er mich mit einem starken Akzent. Es war ein italienischer Mann, wohl an die 30, der fast wie aus einem Werbespot entsprungen schien. Das Haus war doch nicht so groß, wie es von außen wirkte, aber er hatte dennoch viel Platz. Julia war auch da, als er mir im ersten Stock zeigte, wo ich meine Sachen hinstellen konnte.

Er hatte sich mir als Ottavio vorgestellt und war gerade dabei gewesen, Spaghetti zu kochen, wie ich angeläutet hatte. Ich fragte mich, ob die in Italien wirklich fast immer italienische Sachen aßen. Überhaupt hatte ich ja auch einmal gehört, dass in Italien eher selten jemand allein wohnte, aber wahrscheinlich waren das ja auch nur alles Klischees, die sich jetzt im 21. Jahrhundert auch schön langsam auflösten. Oder vielleicht war das das Haus seiner Eltern, die momentan nicht da waren. Wie wir dann zu dritt an einem Tisch saßen, hatte ich dann so den Eindruck, wie wenn er eher so der Lebenskünstler-Typ war, oder fast so wie ein Animateur in einem Ferienclub, aber eben nicht so peinlich und aufdringlich. Wir redeten über die ganze Geschichte von Wien bis hierher, zumindest wo und womit wir gefahren waren und wo wir gewohnt hatten, tranken dazu Cola, lachten öfters über irgendwas.

Als er in einem Raum saß und etwas an seinem Computer machte, und Julia in diesem Raum in ersten Stock, der entweder ein Wohnzimmer oder ein Gästezimmer war, war das für mich eine gute Gelegenheit, um ins Badezimmer zu gehen. Grade vorhin hatte er mit einem Kommentar, den ich nicht ganz verstanden hatte, ein Badetuch und eine Flasche Duschgel hingelegt. Mit den Sachen, die ich dann am Abend anziehen wollte, ging ich ins Bad und machte die Tür zu, die man aber ohnehin nicht versperren konnte. Das Warmwasser funktionierte.

Draußen traf ich dann Julia, die gerade die Treppen heruntergekommen war und sich mit etwas kaltem Wasser im Gesicht frisch machte. Sie hatte sich inzwischen auch andere Sachen angezogen, eine halblange Jeanshose statt der anderen von vorhin. Ich trug wieder mein strahlend weißes T-Shirt statt dem grauen, auch wenn es manche vielleicht für etwas einfallslos oder zu konservativ halten würden. Durch das Wasser, mit dem sie ihre Haare gerichtet hatte, wirkte sie auf einmal ganz anders, fast etwas wild.

„Äh, Cafe, Bar, Discotheka?“, fragte sie Ottavio, der auf seinem Computer wohl gerade einen Chat offen hatte.
„Siiiii“, sagte er langgezogen und aufblickend, um ihr dann ein paar Wegbeschreibungen zu geben. Ich stellte mich dazu, die beiden bemerkten mich, und ganz beiläufig ergab sich, dass ich mit ihr weggehen würde, er aber keine Lust oder auch nicht wirklich Zeit dafür hatte. Zu zweit war es mir sowieso fast lieber.

Dieser leicht kühle, aber angenehme Wind war wieder da, wie wir vor die Tür gingen, am Himmel ein paar Ansätze von Abendrot. Kalt war es nicht. War nicht morgen der 1. Mai, dachte ich mir? Den hatte ich immer als Bilderbuchwetter-Tag in Erinnerung, und das Klima hier war wahrscheinlich um einiges milder als zuhause. Draußen auf der Straße lag leicht der Duft aus irgendeiner Küche in der Luft, und aus einem Fenster war ein Fernseher zu hören. Die Grillen zirpten schon.

„Wie geht deine Geschichte eigentlich weiter?“, fragte sie mich plötzlich.
„Welche Geschichte?“, fragte ich zurück, bis Momente später das Bild dieses Hotelzimmers in Venedig wieder vor meinen Augen entstand. „Ach so, das! Wo war ich da schnell noch einmal?“
„Also du fährst, der fährt – mit dieser komischen Straßenbahn bis zur Endstation mitten im Wald, wo dann so eine Liliputbahn steht.“
„Genau“, sagte ich, setzte mich auf eine Bank, an der wir vorbeikamen und deutete ihr, dass sie sich neben mich setzen konnte.

„Ja, das ist also quasi noch eine Straßenbahn, im Verkehrsverbund halt, und er fährt damit weiter. Er hat keine Ahnung, wo er eigentlich ist, fährt über eine lange, hohe Brücke, durch eine endlose Landschaft, wo nichts ist. Dann kommt aber doch eine Haltestelle, wie er dann aussteigt, geht es noch ein paar Schritte weiter, bis er bei einem Abgrund steht, eine hohe Steilküste am Meer. Es ist immer noch so ein Morgenrot da, und die Morgensonne – und irgendwie scheint sich alles nicht zu bewegen, wie am Ende der Welt, und noch etwas weiter draußen beginnt dann beim Horizont das Nichts.“
„Sowas Ähnliches habe ich glaube ich einmal geträumt, also dass ich am Ende der Welt bin, was immer das ist“, unterbrach sie mich.
„Der ganze Text soll ja auch sowas wie surrealistisch sein. Na jedenfalls, in dem ganzen Nichts ist auf einmal der Eingang zu einer U-Bahn-Station.“
„Haha, das gibt’s wirklich, die Aderklaaer Straße“, kicherte sie.
„Das kennst du auch? Ja, das hat wohl jemand nur auf dem Papier geplant, egal ob da in der Wildnis auch wirklich jemand damit fährt“, sagte ich drauf. „Also da drin ist eine Beschilderung, ein Fahrkartenautomat und so, und wie er schon die Stufen hinuntergehen wollte, weil er die Auskunft bekommen hat, dass es da weitergeht, sieht er einen Wegweiser zu einem abzweigenden Gang, vielleicht in dieses Kursinstitut, wo er eigentlich hin wollte. Auf einmal ist er in der Halle von genau dem Institut, fragt sich durch, lernt auch noch das komische Raum-Nummerierungssystem kennen, das die dort haben, und kommt noch rechtzeitig in seinen Kurs. Wie der dann aus ist, geht er hinunter und wieder zur U-Bahn, wie wenn nichts gewesen wäre. Ja – und das ist dann fast die beste Stelle.“
„Ja erzähl“, sagte sie nur.

Erst jetzt bemerkte ich, dass sie mir etwas näher gekommen war, oder glaubte ich das nur?

„Ein paar Meter nach dem Zugang will auf einmal ein Kontrolleur seinen Fahrschein sehen.“
„Und, hat er einen gehabt?“
„Ja, aber er muss noch drei Stichworte sagen, damit er weiter kann.“
„Was für Stichworte?“, frage Julia verwundert.

Ich machte eine Pause, weil ich glaubte, dass jetzt der richtige Zeitpunkt war. Die paar Leute, die gerade den Weg entlang gegangen waren, waren jetzt auch schon weit entfernt.

„Warum bist du gestern eigentlich auf einmal gegangen?“, fragte ich Julia, die mit einem Mal noch angespannter wirkte.
„Du“, sagte sie dann, „das ist einfach nicht gegangen, das war einfach nicht der richtige Moment, keine Stimmung. Und außerdem“, setzte sie dann wieder lockerer fort, „ist mein Bus dann schon gefahren.“
„Und mit Autostoppen war nichts mehr?“
„Man hat ja nicht immer so viel Glück wie mit dir, und die Fahrkarte war auch nicht sehr teuer.“

„Was würde wohl passieren“, sagte sie dann nach einer Pause, „wenn ich jetzt meinen Arm um dich legen würde?“
„Probier es doch einmal“, war die erstbeste Antwort die mir einfiel, und die mir gleich nachher gar nicht wirklich dumm vorkam.

Sie legte wirklich ihren Arm um mich, und ich wortlos meinen auf ihren Oberschenkel. Nur unsere Fingerspitzen berührten gegenseitig ein bisschen von unserer nackten Haut. Das war jetzt ungefähr das Weiteste, das ich jemals bei einer Frau erreicht hatte. Nur dumpfe, etwas entfernte Musikfetzen durchdrangen den Moment.

Die Antwort „Könnte sein, dass ich dich küssen möchte“ brauchte ich nicht auszusprechen, denn sie sah es in meinen Augen. Sie kam etwas näher, drehte sich ein Stück zur Seite, ich umklammerte sie leicht, dann ganz fest, unsere Lippen berührten sich. Acht Sekunden später fühlte ich mich, als ob ich gerade auf einen anderen Planeten gebeamt worden wäre.

Händchen haltend saßen wir noch etwas auf der Bank. „Das war mein erster Kuss“, sagte ich frei heraus.
„Ach wirklich?“, sagte Julia, und ich war mir sicher, dass sie es schon viel früher geahnt hatte. Sekunden später mein zweiter Kuss.

Wortlos standen wir auf und gingen noch ein Stück Hand in Hand weiter. Nach einer Biegung erkannte ich den Hauptplatz wieder, und sie ging ein Stück vor mir, Ottavios Beschreibung nach.

„Was war jetzt mit den Stichworten?“, fragte sie.
„Na überlege einmal. Stich-Worte.“

Sie blieb kurz stehen und betrachtete den Himmel, wo schon ein paar Sterne zu sehen waren.

„Messer ... Nadel ...“
„Gewonnen!“, unterbrach ich sie.
„So ein Blödsinn“, sagte sie etwas ironisch.

Das war also wohl die Dorfdisco hier. Der Laden wirkte von außen fast eher wie ein zweitklassiger Eissalon, aber die Leuchtschrift sah recht vielversprechend aus. Türsteher schien es keinen zu geben, und obwohl hier anscheinend hauptsächlich Einheimische herkamen, parkten entlang der Straße auch ein paar Autos deutscher und österreichischer Herkunft und noch ein paar andere, ein ganz gut gefüllter Bus bremste sich auch gerade bei der Haltestelle gegenüber ein.

Obwohl die Musik bis hinaus zu hören war, dröhnte es drinnen nicht wirklich unangenehm laut. Links neben dem Eingang erstreckte sich eine Bar, an der Wand ein Schild „Vietato fumare“ und darunter eine Getränkekarte.

„Birra, vino rosso, vino bianco ...“, zählte die Dame hinter der Bar gleich ein paar Sachen auf, als wir uns ihr zuwendeten, aber ich bestand auf ein Mineralwasser, mit Kohlensäure. Julia nahm auch eines. Wir bekamen noch eine Zitronenscheibe dazu, ich fragte mich, ob sie die selber im Garten gepflückt hatten, und das war hier scheinbar kaum teurer als im Supermarkt. Als ich noch im Halbdunkel nach meinem Kleingeld kramte, hatte sie schon für uns beide bezahlt.

„Ich habe ja gesagt“, sagte sie mir wegen der Musik direkt ins Ohr, „ich kaufe dir auch einmal eine Fahrkarte, jetzt halt das.“

Rechts führte eine breite, geöffnete Doppeltür auf eine Terrasse, die von außen wegen der dicht wachsenden, schon voll aufgeblühten Bäume vorhin kaum zu sehen war. Sie war mindestens noch einmal so groß wie der Raum mit der Bar und den länglichen Bänken am Rand.

Die Tanzflächen drinnen und soweit ich das sehen konnte auch draußen waren leer, am Ende der Terrasse unterhielten sich ein paar Leute, oder saßen sonst so herum. Irgendwie waren wir für eine Disco viel zu früh dran, es war noch nicht einmal 10. Wir blieben erst einmal bei der Bar. Erst jetzt bemerkte ich, dass sie die Musik offenbar live aus dem Radio spielten – genug Sender mit passender Musik gab es hier ja. Als ein Werbespot losging, drehte die Frau hinter der Bar auf einen anderen Sender, der so lange rauschte, bis sie das Bier für jemand fertig eingeschenkt hatte.

Wir stießen wortlos mit unseren Gläsern an, ein Prost hätte man sowieso kaum gehört. Fast kam es mir so vor, als ob das vorhin nur ein Tagtraum gewesen war, aber als Julia eine Hand auf den Schanktisch klatschte, ich meine drauf, sie noch ihre andere und ich auch wieder, so wie im Kindergarten, war ich mir sicher, dass es keiner war. Schnell, bevor es jemand bemerkte, bauten wir den Turm wieder ab. Es war fast so, wie wenn ich getrunken hätte – aber das war wirklich nur Wasser.

Auf einmal wurden das Licht und die Musik heruntergedreht, und über eine leicht krachende Mikrofondurchsage ein DJ angekündigt. Der Name sagte mir nichts, aber alle schauten dann zu der Kanzel in der Ecke, die jetzt beleuchtet wurde. Die Musik ging wieder los, laut, hämmernd, pumpend. „Baby make your move, step across the line ...“ Das Stück ging irgendwann in ein anderes mit auch ungefähr dem Rhythmus über, das aber durchaus auch bei uns bei einer dieser etwas anspruchsvolleren DJ-Nights im Radio durchgegangen wäre.

Langsam trauten sich doch ein paar auf den Dancefloor, und ganz von selber hatte ich schon die ganze Zeit mitgewippt. „Komm mit“, deutete ich ihr an, aber Julia hatte keine Lust. Hunderte Kilometer von zuhause, gedämpftes Licht und die richtige Musik reichten dann, dass ich meine Hemmungen schon nach ein paar Sekunden überwunden hatte und mich an die Tanzeinlagen erinnerte, die mir zuhause in den Discos eingefallen waren, die paar Mal, die ich dort in welchen gewesen war. Julia hatte gerade ihr Glas ausgetrunken und kam, mit einem kurzen Lächeln im Gesicht, doch noch zu mir. Ihre halblangen Haare flatterten durch die Gegend, als sie gegenüber von mir tanzte.

Draußen in diesem Open-Air-Bereich brauchten wir drei Lieder später erst einmal eine Pause, und ich nutzte die Situation, um mich einmal kurz zu entschuldigen. Im Vorraum vor dem Klo bemerkte ich einen Kondom-Automaten, auf dem ein fast nacktes Liebespaar drauf war, das auf einer Wolke schwebte. Im Gegensatz zu den Toiletten sah er eher sauber und gepflegt aus, und auf der Seite klebte so eine Prüfplakette vom März diesen Jahres. Nachdem jemand durch den Raum gegangen war, drückte ich mir nervös ein Päckchen heraus und steckte es schnell ein.

Ganz beiläufig gaben wir uns einen Kuss, als ich zurückkam. Diesmal schleppte sie mich auf die Tanzfläche, auf der es aber mit der Zeit immer gedrängter wurde. Wir waren bestimmt ein paar Stunden dort gewesen, hatten zwischendurch noch was getrunken und uns draußen über europäische Landschaften, Städte und weitere Reisepläne unterhalten. Erst jetzt erfuhr ich, dass sie mit ihm auf der gleichen Uni war und auch noch mindestens ein oder zwei Wochen Zeit hatte.

Es traf sich gut, dass Julia die SMS von Ottavio bemerkt hatte – er würde so um 1 nach Hause kommen. Wir waren sowieso schon müde und durchgeschwitzt, draußen war es schon etwas kühl und drinnen zu gedrängt, und die Musik hatte auch nachgelassen – also ein guter Zeitpunkt, um schön langsam zu gehen.

Auf der Straße war es eher ruhig, und ein Teil der geparkten Autos auch schon weggefahren. Schlafen würde er also wohl noch nicht, oder die Tür war überhaupt noch offen. Wir kamen wieder an der Bank vorbei, wo wir vorhin gesessen hatten, obwohl es keine Straßenbeleuchtung gab, war es durch den Mond und von irgendwo her einfallenden Lichtschein gerade hell genug.

Sie wurde langsamer und blieb stehen. Über uns breitete sich ein klarer Sternenhimmel aus. Einige der helleren Punkte waren wohl Planeten aus unserem System, die Venus und so.

„Hast du das gesehen, dort?“, zeigte sie etwas aufgeregt an eine bestimmte Stelle.
„Was?“
„Dort, schau einmal genau, das bewegt sich“, sagte sie, und zeigte noch einmal und diesmal länger dort hin.

Tatsächlich, es war ein winziger Punkt, wie ein Stern, aber er bewegte sich deutlich. Ein Flugzeug war es wahrscheinlich nicht, weil es nicht blinkte und viel zu weit weg schien, auch wenn sich der Punkt gleichmäßig so wie eines bewegte.

„Ist wahrscheinlich ein Satellit“, war die beste Erklärung, die mir dafür einfiel. Soweit ich wusste, bewegten sich die schließlich schneller als die Erde, wenn sie in einer niedrigen Umlaufbahn waren.

„Naja, wer weiß ...“, schien sie erst einmal dafür offen zu bleiben, dass das alles Mögliche sein konnte.

Sekunden später umarmten wir uns, drückten uns fest aneinander, küssten uns. Unsere Zungen berührten sich, zuerst zufällig und kurz, dann wieder. Sie drückte mich fester an sich, und ließ mich erst nach einem langen Kuss wieder los.

Wortlos gingen wir gemeinsam weiter, durch die Gasse, den Garten, und sie probierte erst einmal, ob die Haustür offen war. Offen. Ottavio kam uns entgegen, wir begrüßten uns mit „Buena sierra, buena notte“. Er hatte eine kurze Hose an, mit der er dann wohl schlafen würde, in diesem Bett im Erdgeschoß.

Während ich mich noch kurz abduschte, nachdem ich nach meiner Zahnbürste gesucht hatte, kam Julia mit einem Badetuch herunter. Ich überließ ihr nach ihrem Klopfen an der Tür das Badezimmer und ging ins das Gästezimmer hinauf, in das Badetuch gehüllt.

Es gab ein Bett, das für ein Doppelbett fast etwas schmal, für ein Einzelbett aber ziemlich breit war. Auf der anderen Seite lud eine eher große Couch auch zum Schlafen ein. Eine Decke lag auf dem Bett, aber die Polster für uns hatte er alle drüben gestapelt. Ich nahm mir erst einmal einen, legte das Badetuch zu meinen anderen Sachen auf den Boden neben das Bett, zog eine Unterhose an und kroch unter die Decke. Von unten waren Geräusche und Stimmen zu hören. Als ich jemand die Treppen hinaufsteigen hörte, raste mein Puls in die Höhe.

Sie trug so eine Art Badeanzug, und ließ sich auf die Couch fallen.

„Also ich bin wirklich müde heute“, sagte sie, als sie sich den Polster zurecht richtete. „Und, wie hats dir heute hier so gefallen?“, fragte sie noch nach.
„Ja, ganz gut“, meinte ich, „einmal was Anderes.“
„Gut, schauen wir dann morgen weiter“, sagte sie, um daraufhin, als sie den Lichtschalter gefunden hatte, ein „gute Nacht!“ anzuhängen.
„Gute Nacht!“, sagte ich emotionslos.

Gute Nacht? Das wars? Hatte sie jetzt vielleicht doch mit ihm was? Hatten sich die nicht gerade unten noch bestens unterhalten? Zumindest war ich irgendwie erleichtert, wie ich nach ein paar Minuten im Halbdunkel bemerkte, dass sie wahrscheinlich schon schlief, so machte ich mir dann keine Gedanken mehr darüber, was ich schon wieder falsch gemacht haben könnte. Ob es wirklich so toll geworden wäre, wir zwei total müde und er unten?
_________________
Schöne Grüße - Markus
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BeitragVerfasst am: 13.02.2008, 23:23    Titel: Antworten mit Zitat

Romeo ohne Julia

Wie spät war es? Jedenfalls schon hell, und draußen alles in vollem Betrieb. Erst ein paar Sekunden nach dem Aufwachen und Betrachten der Umgebung realisierte ich, dass ich ja bei diesem Italiener wohnte, und nicht in einem Hotel. Julia war nicht da, wohl schon aufgestanden.

Letzte Nacht hatte ich geträumt, in irgendeiner bunten, aufregenden Urlaubs-Umgebung zu sein. Am Abend auf so einer Art Strandpromenade bin ich durch sowas wie eine Disco mit bunten Lichtern, lauter Musik und vielen Leuten rundherum angelockt worden. Drinnen habe ich Julia getroffen, ich habe sie an der Hand gepackt, wieder losgelassen, und wir haben beide so einen wilden Tanz auf die Tanzfläche gelegt, dass ein paar Leute „Mamamia!“ geschrien haben und alle zur Seite getreten sind. Manuel und dieser Ottavio waren auch im Publikum. Auf einmal war ich berühmt, und sie wollte mit mir auf ihr Hotelzimmer gehen. In der nächsten Szene hat sie dann die Tür geöffnet, aber ich habe auf einmal keinen Ton mehr herausgebracht, und alles ist immer mehr verblasst.

„Kaffee?“, fragte Ottavio, den ich unten in der Küche traf. Ich deutete ihm, mir einen einzuschenken, während ich ins Badezimmer ging. Während des Frühstücks erzählte er mir dann, dass er heute nach Verona fahren müsse und ich ja mitfahren könnte, wenn ich wollte. Das war ja so ungefähr die nächstgrößere Stadt, nach Padua vielleicht. Ich fragte mich, wo Julia eigentlich war, aber wohl wieder in der Stadt, und eigentlich wollte ich es momentan gar nicht wissen. Er wusste es auch nicht genau, auch wenn es mir fast so vorkam, wie wenn er das eher nur vorgab. Anrufen? Lieber nicht. Was hätte ich sagen sollen? Lieber garnichts, als irgendwelchen Blödsinn. Sie würde sich schon wieder melden, und wir würden uns wieder irgendwo treffen, auch wenn es erst in Spanien wäre – oder auch nicht.

***

Mit meinen zusammengepackten Sachen in der Hand, er mit einer Sonnenbrille, stiegen wir in ein Auto, das zwar nicht gerade ein Maserati war, aber trotzdem recht teuer und schnell aussah. Mir kamen Gedanken in den Sinn, dass ich hier womöglich in die Mafia hineingeraten war, aber wir waren ja nicht in Neapel oder Palermo.

Nach ein paar unbekannten Straßen waren wir bald am Ortsende, und er beschleunigte weiter. Weite Felder und eine langgestreckte Landstraße lagen vor uns, dazwischen einzelne, hohe Bäume und da und dort ein Wasserturm, Wind durch das Fenster und laute Musik. Vor einer Stunde noch etwas angespannt und nervös, fühlte ich direkt, wie wenn ich wieder etwas hinter mir ließ und nach vorne blickte, auf das was da kommen würde.

Das mit den Ortstafeln hatte ich noch nicht ganz durchschaut. War das jetzt schon eine richtige Ortstafel, wo wir gerade vorbei gefahren waren, oder nur so eine Vorankündigung? Es stand ohnehin „70“ daneben, aber mit jeder Geschwindigkeit unter 90 wären wir wohl von der Kolonne hinter uns, die jetzt schon gefährlich nah schien, weggeschoben worden. Ein paar Häuser waren dann doch zu sehen, auch wenn sie etwas verlassen und verrottet wirkten und in einiger Entfernung von der Straße standen.

Er wurde zwar sicherheitshalber etwas langsamer und kannte sich ja wohl hier aus, aber dort, wo dann wirklich nichts mehr war und man offenbar auf ein Ende der Geschwindigkeitsbeschränkung vergessen hatte, stieg er wieder aufs Gas.

Wie ein Teil der Fahrzeuge hinter uns bei einer spitzwinkeling abzweigenden Straße mit einem riesigen Wegweiser an der Kreuzung abgebogen war, kam es mir vor, wie wenn ich hinter uns durch den Rückspiegel Blaulicht bemerkt hätte. Ein Auto mit Polizei-Beschriftung überholte tatsächlich das Fahrzeug hinter uns – und dann uns.

Der Polizist in Uniform stieg langsam aus, als er vor uns auf dem Straßenbankett stehengeblieben war. Gelegentlich zischte jemand vorbei, aber sonst war es ruhig, verdächtig ruhig. Ottavio zitterte leicht mit der rechten Hand, aber wahrscheinlich weniger, weil er nervös war, sondern wohl eher deshalb, weil er überlegte wie er mit der Situation umgehen sollte. Vielleicht war das ja auch nur eine Fahrzeugkontrolle, ob man halt ein Pannendreieck, einen Verbandskasten und so hat, aber deswegen würde man ja wohl eher nicht auf diese Weise aufgehalten werden. Wahrscheinlich waren wir wirklich zu schnell gewesen, aber da hätten die alle hinter uns auch aufhalten müssen.

Ottavio stieg aus, und der Polizist sagte irgendwas auf Italienisch. Ein paar Worte hörte ich heraus, irgendwas mit Geschwindigkeit und 40. Konnte es sein, dass da wirklich auch noch eine halb verblasste 40er-Beschränkung gestanden war? Für die Polizei reichte es wohl.

Ich öffnete die Tür und ging vorsichtig den erdigen Streifen zwischen der Straße und einem Getreidefeld entlang, als sich der Polizist auf einmal für etwas anderes zu interessieren schien und sein Dings mit der Aufschrift „Alt – Polizia“ in der Luft schwenkte. Ein Fiat bremste sich daraufhin ein Stück vor uns mit einer kleinen Staubwolke ein, und der Polizeibeamte ging nach ein paar Blicken schnellen Schrittes nach vorne.

Ottavio und ich sahen uns direkt an, und er machte wieder diese Handbewegung – bis er mir Momente später plötzlich deutete, schnell wieder einzusteigen und halblaut „Avanti, avanti!“ rief. Ich war im Moment wie angewurzelt, hetzte aber dann zur Tür, kratzte mir an irgendwas das Bein auf und stieg schnell ein. Gerade wie mein Sicherheitsgurt eingerastet war, spürte ich nur noch das Starten und Aufheulen des Motors, das Quietschen der Reifen, die Beschleunigung, ein lautes Dröhnen. Hinter uns hupte jemand einige Sekunden lang, der etwas bremsen und ausweichen musste, um uns nicht hinein zu fahren, doch als sich die Staubwolke gelegt und wir noch zügig einen Lastwagen überholt hatten, legte sich mein Adrenalin-Schock erst einmal wieder. Hatte er die Polizei abgehängt, war sie uns überhaupt sofort nachgefahren?

So ungefähr musste sich jemand fühlen, der gerade eine Bank überfallen hatte, aber er war ja gefahren und es war seine Idee. Wenn ich nicht eingestiegen wäre, wäre er wohl ohne mich davongefahren. Ich hatte ja geahnt, dass es mit dem Typen noch irgendwelchen Ärger geben würde, aber es war ja nichts passiert und getrunken hatte er anscheinend auch nichts. Oder war die Kiste vielleicht gestohlen, oder die Nummerntafel gefälscht? Seine Papiere hatte er dem Polizisten ja noch gar nicht gezeigt. Wirklich wissen wollte ich es nicht, ich war momentan nur froh, hier herauszukommen und hatte die Landkarte von Norditalien vor meinem geistigen Auge. Blaulicht war keines hinter uns, hatten wir die Polizei wirklich abgehängt oder die es gar nicht erst der Mühe wert gefunden oder es sowieso für aussichtslos gehalten, uns zu verfolgen?

Nach dem nächsten Ort, wo er ein paar verschiedene Abzweigungen nahm, vor einer roten Ampeln schnell in irgendeine Nebengasse einbog und wir dann auf einer Landstraße mit einer anderen Straßennummer herauskamen, fühlte ich mich sicherer. Erst auf der Autobahn nach Verona fiel mir auf, dass dieser Kratzer an meinem linken Bein doch recht stark blutete und sich ein leicht pochender, stechender Schmerz entwickelte, aber so schlimm war es auch nicht.

Ich hatte das Erlebnis fast schon verdrängt, wie er auf einmal etwas langsamer wurde, weil sich eine riesige Mautstation vor uns auftat. Der Adrenalinschub kam wieder, dort vorne könnte es aus sein. Oder wollten die einfach nur die Maut kassieren und hatten mit der Polizei gar nichts zu tun? Das war ja schließlich nicht der Zoll hier, auch wenn es so aussah.

Wir fuhren zu einem freien Schalter, er bezahlte die Gebühr und nahm die Ausfahrt. Am Ende der Ausfahrtsrampe würden sie stehen, da war ich mir ganz sicher – nichts.

„Verona“, verkündete eine Ortstafel, und die Häuser verdichteten sich. Wofür war die Stadt schnell noch einmal berühmt? Ein paar Werbeplakate weiter fiel es mir ein. Romeo e Giulietta. Ja klar, wäre das hier ein Film, dann würde sie sicher genau bei diesem Balkon wieder auftauchen, dachte ich mir. Vielleicht hätte ich auch ihn fragen sollen, ob er mit ihr was hat, oder mir überlegen, wie ich das gut beiläufig andeuten hätte können. Ich sollte die Sache wirklich schön langsam vergessen. Das war ja schon der absolute Wahnsinn für mich gewesen, überhaupt einmal sowas wie einen Urlaubsflirt zu erleben, was konnte ich denn noch verlangen?

Ottavio parkte an einer günstigen Stelle am rechten Straßenrand, nachdem er in eine Nebenstraße abgebogen war, irgendwo, wo wir noch nicht so ganz im Zentrum waren, aber doch schon ein ganz schönes Stück nach der Stadteinfahrt. Hier war es wohl noch gratis. Bevor wir uns verabschiedeten, gab er mir beiläufig noch ein paar Tipps, was es hier so zu sehen und zu unternehmen gab. Ich verdrängte die blöde Fantasie, dass der Hauseingang, in den er gerade gegangen war, zu einer Mafia-Zentrale führte, dachte wieder an den Zwischenfall mit der Polizei und ging auf dem breiten Gehsteig in Richtung Stadtzentrum. Die Welt stand mir offen, ganz für mich allein.

Ich hatte keine Ahnung, wo ich genau war und konnte mich nur an die Beschilderungen bei der Autobahnausfahrt erinnern, aber durch den Fluss, dessen Ufer auf einmal auftauchte, die Etsch, und die Eisenbahnbrücke hatte ich irgendwelche Anhaltspunkte. Noch eine Viertelstunde später, in der ich schon fast verzweifelt war und fast schon die immer geradeaus gehen-Methode probieren wollte, als einfach meinem Gefühl nach, kam ich dann doch an eine Straße, wo richtig etwas los war, den Corso Porta Nuova. Alles klar, neues Stadttor oder so – ich musste dabei an solche Namen wie das Schottentor in Wien denken und an die ehemalige Fläche vor der Stadtmauer, wo dann später die Ringstraße und der Stadtpark und so eröffnet wurden. Mit dem Stadtplan, den es in einer Informationsstelle zur freien Entnahme gab und auf dem der Stadtrand abgeschnitten war, fand ich mich dann zurecht. In so einer Art Selbstbedienungs-Restaurant gleich daneben beschloss ich dann, am Nachmittag nach dieser römischen Arena zu suchen, die er auch erwähnt hatte. Am meisten war ich aber doch auf diesen Romeo und Julia-Balkon neugierig, von dem ich auf einmal ein Bild aus einer Fernseh-Dokumentation im Kopf hatte.

Im billigsten Hotel, das ich in diesem Informationssystem der Tourismus-Information finden konnte, verlangten sie 80 Euro für eine Nacht. Dabei war das noch ein Schnäppchen, sogar viele Hotels mit einem Stern weniger wollten an die 100 Euro und mehr. Ich konnte also entweder dort wohnen, wenn sie noch ein Zimmer hatten – schließlich war ich ja im Urlaub und hatte mir dafür in der letzten Nacht etwas erspart, weitersuchen, oder mir gleich am Bahnhof eine Karte für den nächsten Zug kaufen, aber da musste ich mir eine Landkarte anschauen und wieder etwas planen. Natürlich, ich hätte mir auch einfach auf der Ankündigungstafel eine Stadt aussuchen können oder mich auf einer der Ausfahrtsstraßen als Autostopper versuchen, aber genauso wie ich mir sicher war, nicht schon wieder nach Hause fahren zu wollen, wusste ich auch, einfach nicht der Typ für sowas zu sein.

Erst jetzt fiel mir so richtig ein, dass ich bis jetzt ja kaum Fotos gemacht hatte, nur ein paar wie ich allein war, und die zum Teil nur mit der Handy-Kamera. Die Qualität war zwar auch ganz passabel, aber eben doch nicht so gut wie mit meiner richtigen Kamera. Spontan versuchte ich doch noch, Julia anzurufen. Lange nichts, dann technische Geräusche und eine Ansage des Telefonsystems. Sie war nicht erreichbar, wahrscheinlich hatte sie es abgeschaltet oder gerade keinen Empfang.

Nach etwas frischem, kalten Wasser im Gesicht fühlte ich mich für eine Weile so, als ob ich wieder stundenlang durch die Stadt laufen könnte. Ein, zwei Straßenecken vor dem Balkon bemerkte ich das SMS-Signal.

„Tut mir leid we“ - und der Rest war abgeschnitten. Wohl vertippt, oder nicht zu Ende geschrieben und zu früh abgeschickt, aber es war von ihr.

***

Ich klatschte meine Kreditkarte lässig auf den Tisch der Rezeption und tat so, als ob ich Geld hätte. Um mich herum sah alles durchaus nobel aus, zumindest etwas gehoben, und ich hatte fast Angst, hier mit meiner wohl leicht abgerissen wirkenden Kleidung unangenehm aufzufallen. Während der Formalitäten, die ein paar Minuten dauerten, freute ich mich echt schon auf ein schönes, anonymes Hotelzimmer mit meinem eigenen Bad. Vielleicht hatten die ja auch so gewisse interne Fernsehkanäle. Wer weiß, welche Dienste die einem noch so vermittelten, wenn man bei der Rezeption fragte? „Und welche Vorlieben haben Sie so?“ – „Ach, ich bin mir nicht so sicher, ich habe eigentlich noch nicht so viele Erfahrungen, eigentlich gar keine ... was empfehlen Sie denn so?“ – klar. Bis jetzt hatte ich mir zwar ab und zu Gedanken darüber gemacht, aber mich jedenfalls strikt dagegen entschieden. Das wäre wie eine Kapitulation für mich gewesen, dafür zahlen zu müssen. Jetzt schien mir der Gedanke gar nicht mehr so abwegig – wo war schon groß der Unterschied zu anderen Dienstleistungen, die man sich sonst so bestellen konnte?

Die Rezeptionistin gab mir den Schlüssel in die Hand und zeigte mir mit einer dezenten Handbewegung den Weg. Sogar ein Kofferträger war in der Hotelhalle, der aber angesichts meines auf einer Seite umgeschnallten Rucksacks nur leicht das Gesicht verzog. Das Zimmer war überraschend groß, und das Badezimmer, von einem leichten Geruch zwischen Putzmittel und Duschgel erfüllt, war fast besser als meines daheim. Doch schon etwas müde, ließ ich mich auf das Bett fallen.

Das bunte Prospekt auf dem kleinen Tisch daneben warb für Pizzerien, Taxidienste, Theaterkarten, Nachtclubs, Escort-Services und Fremdenführer – was das Herz begehrte. Bei einer Nummer, mit dem Vermerk „wir sprechen deutsch“, überlegte ich mir tatsächlich schon, einmal dort anzurufen. Eine SMS, von Julia.

„Fahre morgen weiter, schreibe dir dann – Julia“

Eine leichter Schauer überkam mich, irgendein Gefühl, ich wusste nicht genau, was es war. Sauer war sie also nicht, das war klar, oder würde sie dann „schreibe dir dann“ sagen? Vielleicht würde sie, allein oder mit Manuel, wieder per Autostopp weiterfahren und sehen, wie weit sie kamen? Anrufen wollte ich sie lieber nicht, allein schon was das kosten würde, wenn wir mehre Minuten redeten, wegen dieser Passivgebühren war womöglich auch ihre Karte schon fast leer, und ihre Ruhe wollte sie wohl sowieso haben.

Ich breitete die Landkarte von Norditalien aus, die ich dabei hatte, und vertiefte mich sicher eine Viertelstunde darin. Auf der Europa-Übersichtskarte ließ ich meinen Blick über diese ganzen bekannten Orte in Südfrankreich schweifen, über Barcelona, die ganze spanische Küste, bis nach Gibraltar. Bildlich stellte ich mir vor, wie ich dort stand, am Ende dieses Kontinents, wo es dann wirklich nicht mehr weiter gehen würde.

Mein Handy läutete, eine österreichische Nummer. Julia war es nicht.

„Guten Tag, Firma“ – ich verstand den langen, schnell gesagten Namen kaum – „Sie haben sich bei uns als Techniker beworben, da wollten wir Sie zu einem Vorstellungsgespräch einladen“, sagte eine unbekannte Frauenstimme.
„Ja, und wann hätten Sie da Zeit?“, sagte ich automatisch, nachdem mir eingefallen war, was das vielleicht gewesen sein konnte.
„Nächste Woche Dienstag um 11 Uhr?“
„Ja, das müsste gehen“, sagte ich, obwohl ich mir nicht einmal ganz sicher war, welchen Tag wir gerade hatten. Hektisch kritzelte ich mit einem Kugelschreiber des Hotels diesen Zeitpunkt auf einen Papierrand.

Bevor ich mich verabschiedete, fragte ich noch einmal nach der genauen Adresse und zu wem ich da genau gehen sollte. Sie wiederholte auch noch einmal den Firmennamen, nach dem noch einmal zu fragen mir zu peinlich gewesen wäre, und erklärte mir auch noch, in welchem Stockwerk und wo ich anläuten müsste. Es musste jedenfalls eine von den Bewerbungen gewesen sein, die ich am Tag meiner Kündigung abgeschickt hatte und ungefähr wusste ich sogar welche, war mir aber nicht ganz sicher. Sollte ich meine weitere Reise also so einrichten, dass ich spätestens an diesem Tag wieder zurück sein würde, für etwas, wo ich mir nicht sicher war worum es ging und mit fraglicher Chance?

Sicher nicht.

„Wir haben vorhin gesprochen, wegen dem Vorstellungstermin nächste Woche Dienstag um 11 Uhr – also das ist doch nicht so günstig.“
„Wann würde es denn gehen?“
„Es ist nämlich so, ich bin momentan im Ausland unterwegs, und da bin ich mir nicht sicher, ob sich das ausgeht.“
„Ja also ...“
„Wenn es geht“, unterbrach ich sie, „melde ich mich dann noch.“
„Also wir haben schon mehrere Bewerber ...“, änderte sich ihr Tonfall leicht.
„Gut, also wie gesagt – auf Wiederhören!“, sagte ich und legte auf.

Nach einem Blick auf die Anzeige fluchte ich kurz über die Roaminggebühren, und meine Anspannung löste sich langsam wieder. Was war das nur für eine Schnapsidee von mir gewesen. Ich war jetzt im Urlaub, theoretisch immer noch bei meiner Firma angestellt, wusste nicht genau, wann ich zurückkommen würde, und erst dann würde ich in Ruhe weitersehen.

***

An diesem Nachmittag wollte ich noch mehr von der Stadt sehen, steckte die nötigsten Dinge ein und verstaute den Rest im Wandschrank neben der Eingangstür. Als ich wieder bei der Arena von Verona vorbeikam, fiel mir auf einmal wieder ein, wie wir damals in der Schule immer von einem Amphibientheater geredet und herumgeblödelt hatten, nachdem der Begriff in Biologie und dann nachher das Theater in einem anderen Gegenstand durchgenommen wurde, wahrscheinlich dass da Frösche drinnen herumspringen würden. Dabei war das wohl gar nicht so falsch, denn die lebten eben an Land und im Wasser, und ein Amphitheater war dann wohl auch aus zwei Seiten zusammengesetzt.

Während ich in einer netten Pizzeria im Freien gesessen war, war es an diesem Abend doch schon wieder etwas kühl geworden, so dass ich mich auf dem Heimweg wirklich schon auf eine warme Dusche freute. Die Hotellobby wurde von einem Kristallluster in ein etwas gedämpftes, fast etwas schummriges Licht getaucht, das aber für die anwesenden Gäste immer noch absolut ausreichte, um die Zeitungen zu lesen und die Informations-Broschüren durchzublättern. Über die kurze, halbkreisförmige Treppe am Ende gelangte ich wieder in mein Zimmer.

In der gerade beginnenden Nachrichtensendung im Fernsehen, die ich für eine Weile verfolgte, während ich meine Sachen auszog und überlegte, was ich am nächsten Tag tragen würde, erwartete ich mir doch irgendwie, dass dieser Zwischenfall mit der Polizei erwähnt werden würde – es kam aber natürlich nichts darüber. Die Dusche funktionierte perfekt, gerade dass die Duschkabine nicht auch noch eine Dampfbad-Funktion hatte.

Im Fernsehen sah ich noch, wie sich das Unheil zusammenbraute, was sich ja am späten Nachmittag schon abgezeichnet hatte. Ich trank noch einen Schluck Apfelsaft, wenn auch nicht den aus der Minibar, und obwohl es noch gar nicht so spät war, ging ich schlafen.
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Schöne Grüße - Markus
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BeitragVerfasst am: 13.02.2008, 23:24    Titel: Antworten mit Zitat

Genua

Als sich meine Mischung aus Traum und Halbschlaf endgültig in die Realität übergeblendet hatte, war es draußen trüb, und es regnete, soweit ich das sehen konnte. Gerade noch war ich in Gibraltar gestanden, hatte nach Afrika hinübergesehen, und war in so einer komischen Hochbahn-Station, von der aus man die ganze spanische Küste sehen konnte, in einen Zug eingestiegen. Es war eine Wiener U-Bahn-Linie, die man bis hier her verlängert hatte, ich konnte auf dem Netzplan nicht viel erkennen. „Barcelona, umsteigen zur Lokalbahn nach Paris“, lautete eine Ansage. Bei der nächsten Station eine halbe Minute später, ich glaube es war Marseille, bin ich dann ausgestiegen und habe bemerkt, dass ganz Europa auf einmal eine einzige große Stadt war. Beim Ausgang war mir aufgefallen, dass ich vergessen hatte, einen Fahrschein zu kaufen. Ich wurde dann doch noch aufgehalten, konnte aber einfach weglaufen – aus. Musste das unbedingt etwas bedeuten? War das noch surrealistisch, oder einfach nur Blödsinn?

Der Nieselregen war nicht so stark, aber durch den Wind wirkte es noch etwas kälter. Dieser Geruch eines beginnenden Frühsommerregens fehlte völlig, es war mehr so, wie wenn es regnete, eiskalt war und man um 8 Uhr früh einen Termin hatte. Vor einer Dreiviertelstunde war ich noch im Speisesaal beim Frühstücksbuffet gewesen und hatte gehofft, dass es doch noch auflockern würde. Jemand hatte Orangen frisch ausgepresst, das Brot war noch warm und der Kaffee schmeckte nach Urlaub. Es hat aber nicht aufgelockert, was sollte ich also noch hier? Ich hätte doch auch wärmere Sachen zum Anziehen mitnehmen sollen.

Als ich den Bahnhof wieder gefunden und mich einmal etwas umgesehen hatte, wann denn so die nächsten Züge abfuhren, rief Julia an.

„Wie gehts?“, fragte ich sie.
„Ja ganz gut – wo bist du gerade?“, klang sie etwas müde.
„In Verona.“
„Oh – du, ich bin in Genua.“
„In Genua?“, war ich etwas erstaunt, nachdem ich es dann auch auf einer schematischen Karte von Italien an der Wand gesehen hatte.
„Ja, das war dann ein Horror mit dem Autostoppen, kauf dir lieber auch gleich so eine Inter Rail-Karte für die Bahn.“
„Ich werde einmal schauen. Willst du dich dann dort treffen?“, fragte ich ohne langes Überlegen.
„So am Abend um 6 auf dem Bahnhof dort, Principe irgendwas, geht das?“
„Ja, wenn nicht, dann rufe ich noch an“, antwortete ich nur knapp, und wir verabschiedeten uns damit, dass sie mir dann alles erzählen würde.

Ein Schnäppchen war das Ticket nicht so ganz, aber dafür konnte ich damit auch 5 Tage innerhalb von 10 nach Belieben durch die halbe Weltgeschichte fahren. Sollte erst einmal reichen. Der Zug nach Mailand, dort musste ich der Auskunft nach umsteigen, wurde auf der Anzeigetafel mit ein paar Minuten Verspätung angezeigt, aber ich ging schon einmal auf den richtigen Bahnsteig. Zur angegebenen Zeit war er dann aber wirklich da.

***

„Milano Centrale“, schallte es öfters über den Bahnsteig, als der Zug stehengeblieben war und sich die Leute zur Ausgangstür drängten. Ich stand erst etwas später auf, bis es sich gelegt hatte. Es regnete immer noch. Ein Flachbildschirm an der Wand bei der Bahnhofshalle zeigte die nächsten Abfahrtszeiten an, mein Anschlusszug nach Genua, Genova, würde bald kommen. Wie die Anzeige aber plötzlich auf 17 Minuten Verspätung umsprang, war ich nicht verärgert, sondern freute mich sogar, dass ich vielleicht auch ein bisschen von Mailand sehen konnte und ging weiter durch den Bahnhof. Beim Ausgang tat sich vor mir ein großer städtischer Platz auf, mit etwas verwahrlost wirkenden Grünflächen am Rand. Der Bahnhof wirkte von außen groß und irgendwie typisch italienisch, ein Baustil oder ein Jahrzehnt dazu fiel mir nicht wirklich ein.

Es schien doch schon fast zu regnen aufgehört zu haben. Einfach ignorieren, dachte ich mir, und ging durch den leichten Nieselregen über den Platz, vorbei an diesem Wolkenkratzer, der ihn auf der rechten Seite begrenzte. Als ich die breiten Fahrbahnen überquert hatte, glaube ich auf einmal die Sonne durch die Wolken zu sehen. Es regnete auch kaum noch. Ich steuerte auf die breite Straße zu, die wohl die geradlinie Fortsetzung des Schienenstranges bilden musste. Schnell machte ich ein paar Fotos und schaute dabei öfters, ob es sich von der Zeit her noch ausgehen würde.

Ich machte noch einen Blick in eine Seitenstraße und ging etwas hinein. Jemand aus einer kleinen Gruppe sprach mich an, als ich gerade ein Foto machte.

„Scusi, ferrovia? Railway station?“

Obwohl ich noch nie vorher in dieser Gegend gewesen war, war es für mich nicht schwierig, mit Gesten und ein paar italienischen und englischen Worten den Weg zum Bahnhof zu beschreiben. Eigentlich nur die Straße entlang und dann links. Fast schon wollte ich fragen, wo sie denn hinfahren wollten, aber mir war sowieso nicht ganz klar, welche Sprache sie jetzt eigentlich sprachen, und ich hatte Angst, meinen Zug zu versäumen.

Der Intercity war wohl ausgefallen, dafür schien der nächste Zug nach Genua planmäßig zu fahren. Das war zwar ein Regionalzug, der wohl in jedem Kuhdorf stehenbleiben würde, aber sogar wenn der 3 Stunden brauchte, und so lange würde es sicher auch wieder nicht dauern, würde ich noch locker hinkommen. Das war also Mailand – vielleicht ein anderes Mal dann ausführlicher.

Es waren etwas über 2 Stunden, als sich nach längerer Tunnelfahrt auf einmal die Stadt am Meer vor mir auftat. Genua, Genova, das Knie am italienischen Stiefel, zwischen Apennin und Mittelmeer eingequetscht. Die Reisegruppe aus Mailand hatte ich bei einem Spaziergang durch den ganzen Zug auch wieder getroffen, die waren dann aber schon dazwischen in Pavia wieder ausgestiegen und hatten recht begeistert die Orte kommentiert, an denen ich in den letzten Tagen in Österreich und Italien gewesen war. Ganz nette Leute.

Genova Piazza Principe. Der Bahnhof sah fast eher wie ein Theater aus dem 19. Jahrhundert aus, davor parkten etliche Autos kreuz und quer, auf der anderen Seite eine Bushaltestelle. 18 Uhr hatte Julia gesagt, und es war noch genug Zeit bis dahin. Das schlechte Wetter war wohl hinter dem Gebirge zurückgeblieben, denn es war jetzt wieder so sonnig und angenehm warm, dass ich einen richtigen Endorphinschub gespürt hatte, wie ich aus dem Gebäude ins Freie getreten war. Ich war neugierig, wohin der andere Ausgang führte und ging wieder zurück und durch den Bahnhof. Ganz im Gegensatz zu Mailand schien es keine wirklich großen, geometrischen Plätze und Stadtstraßen zu geben, sondern eher verwinkelte Gassen. Irgendwann musste ich hier einmal mit meinen Eltern durchgefahren sein und den Hafen gesehen haben, sonst aber nicht viel. In einer Seitengasse streiften zwei Katzen durch die Gegend, von denen sich die schwarz-weiße leise miauend an meine Beine schmiegte. Ich entdeckte eine Bäckerei, wo sie so eine Art Früchtebrot hatten, Pandolce, auch in einzelnen Scheiben zum Mitnehmen. Vielleicht sollte ich auch gleich noch welches fürs Frühstück morgen mitnehmen.

Ungefähr um 17 Uhr 40 hatte ich damit begonnen, den Bahnhof abzusuchen und in alle Richtungen zu schauen. Um Punkt 6 ging ich noch einmal zum Ausgang und sah mich um. Hatte sie vielleicht doch einen anderen Ausgang gemeint? Es war 18 Uhr und 2 Minuten, zumindest nach der Anzeige auf meinem Handy, als ich Julia leicht laufend auf mich zukommen sah.

„Oh, hallo Markus! Tut mir leid, ich war zuerst auf der anderen Seite“, sagte sie.
„Hallo Julia!“, ignorierte ich das irgendwie und begrüßte sie.

Es war so, als ob wir uns gerade bei einer U-Bahn-Station oder bei einem Einkaufszentrum in Wien getroffen hätten. Sie trug eine eine schwarze Hose, die eine Spur kürzer als meine abgeschnittene Jean war.

„Seit wann bist du denn hier?“, fragte ich sie.
„Seit irgendwann in der Früh, wie der Zug angekommen ist. Uff, ich habe zwar ein bisschen geschlafen, aber das war ein Horror.“
„Erzähl!“
„Zuerst einmal habe ich warten müssen, bis der Ottavio zurückkommt. Ich wollte eigentlich am Vormittag weiterfahren und vorher noch was einkaufen, aber dann war er auf einmal weg und alles zugesperrt. Erzählt mir dann am Nachmittag, dass er jemand in Verona besuchen war. Das haben wir halt schlecht abgesprochen.“
„Ts, und weißt du, was der für einen Fahrstil hat?“
„Ja?“, fragte Julia etwas überrascht.
„Wir haben Ärger mit der Polizei gehabt, wahrscheinlich zu schnell gefahren, und er ist einfach abgehaut. Bis jetzt ist anscheinend nichts passiert, oder hat er dir was erzählt?“
„Nein – na voll arg bitte. Aber andererseits ...“, sagte sie nach kurzem Überlegen, „kommt das wahrscheinlich jeden Tag irgendwo vor. Die können ja nicht allen nachfahren.“

„Warst du schon dort?“, fügte sie noch hinzu und zeigte auf eine Seitengasse, in der ich vorher tatsächlich noch nicht gewesen war, und wir überquerten die Straße neben dem Bahnhofsplatz.

„Und bei dir, wie bist du dann weitergefahren?“, fragte ich sie in einer Gasse, die mir noch nicht bekannt vorkam.
„Also wir haben uns am Nachmittag verabschiedet. Etwas komisch war er schon, aber der ist wohl ein netter Typ, ein bisschen chaotisch vielleicht. Ja – und dann hats angefangen. Ich wollte es doch wieder mit Autostoppen probieren und habe ewig gewartet.“
„Da siehst du wie das mit diesen Klischees über allein reisende Frauen am Straßenrand ist.“
„Ja, da hast du recht“, sagte sie sehr zustimmend, „glaubst du, da bleibt gleich jemand stehen. Sicher nicht. Dann war ich erst einmal am Gardasee – tolle Aussicht, aber ich wollte ja weiter nach Genua, weil ich da jemand gefunden habe, der mich vielleicht bei sich wohnen lässt.“
„Bei Couchsurfing? Und, wohnst du jetzt dort?“
„Na pass auf. Also es war dann schon ziemlich später Nachmittag, ich habs wieder auf der Landstraße probiert, und wie sich dann die ersten – ähm – Damen dort hingestellt haben, habe ich gewusst, dass ich mir was Anderes überlegen sollte. Dann ist dort ein Bus gefahren, aber nur bis zum nächsten größeren Bahnhof. Gut, in den nächsten Zug, und in Mailand war ich dann mitten in der Nacht. Verbindungen nach Genua habe ich keine mehr gefunden, und auf dem Weg hat mir der dort noch erzählt, dass es bei ihm doch nicht geht, war sowieso nicht ganz sicher.“
„Ha, du warst in Mailand? Ich auch, heute zu Mittag.“
„Na super, da hätten wir uns dort treffen können.“

Sie setzte sich auf die Stufe einer breiten Treppe, die vorbei an alten Wohnhäusern steil nach oben in die höher gelegenen Teile der Stadt führte, ich ungefähr so nah daneben wie vor zwei Tagen auf der Sitzbank.

„Ich wollte im erstbesten Hotel übernachten, aber entweder alles ausgebucht, niemand bei der Rezeption oder zu teuer. Dann waren es sowieso nur noch ein paar Stunden bis zum ersten Zug nach Genua, und ich habe einmal geschaut, was noch so offen gehabt hat.“
„Irgendwo in Mailand, in irgendeiner Bar ...“, stimmte ich dieses 80er-Jahre-Liedchen an.
„Ja, so ungefähr“, musste sie leicht lachen, „und erst wie die dann schön langsam zugesperrt haben, war ich wirklich schon ziemlich müde. Ich bin dort auf dem Bahnhof kurz eingeschlafen, und in dem Zug dann länger. Der hat aber nur eineinhalb Stunden gebraucht – ich muss grade bei dieser Tunnelstrecke vor der Stadt aufgewacht sein.“
„Na voll die Nacht durchgemacht – und bist du jetzt nicht noch müde?“
„Es geht, ich war dann auf der Strandpromenade, da habe ich glaube ich ein paar Stunden geschlafen. Irgendwie ist mein ganzes Zeitgefühl jetzt verschoben.“
„Das kenne ich“, meinte ich, „ist schon vorgekommen, dass ich am Nachmittag total müde war und dann zwei, drei Stunden geschlafen habe, das ist dann wie ein neuer Tag.“

Nach einer Weile, und nachdem sie mit einem Blick nach oben ein „Uff“ angedeutet hatte, gingen wir doch unten die Straße weiter und kamen dann in eine Innenstadt-Straße mit überbautem Gehsteig. Der Schatten war momentan angenehm, weil die Sonne fast schon wieder zu grell war.

„Hast du dir schon einmal überlegt“, sagte Julia auf einmal, „einen Reisebericht zu schreiben? Ich meine, wie lange sind wir jetzt schon unterwegs?“
„Interessanter Ansatz.“
„Oder gleich einen Roman.“
„Naja“, überlegte ich kurz, „gute Idee, aber glaubst du, die Handlung würde jemand interessieren?“
„Dann musst du halt mehr Action hineinbringen!“, erwiderte Julia.
„Na du kennst dich aus“, wurde ich etwas lauter, „zuerst das mit der Disco, und dann gleich Gute Nacht!“
„Markus!“, rief sie.

Ich fühlte, wie sich alle meine Körperhaare regelrecht aufstellten, und bei mir ein plötzliches Gefühl von Angst aufkam, wie in diesen Situationen, wo mir eine Sekunde später bewusst wurde, welchen Blödsinn ich gerade gesagt hatte, oder dann Gelächter oder eine scharfe Reaktion als Antwort bekommen hatte. Mehrere Sekunden lang schauten wir uns nur so an, um uns herum nur der Straßenlärm.

„Egal was ich sage, es ist falsch – ja, tut mir leid“, sagte ich zu Julia.

Sie machte einen Schritt auf mich zu.

„Das passt schon“, wurde sie wieder ruhiger, „ich hätte mich wirklich ganz gern zu dir hinüber ins Bett gelegt. Wäre sicher auch bequemer gewesen.“
„Aber du hast dich halt schon drauf eingerichtet, wieder dort drüben zu schlafen, und wie hätte das ausgeschaut, wenn der Ottavio plötzlich hinauf gekommen wäre?“
„Bitte, so verklemmt ist der sicher nicht. Aber ja, so ungefähr. Und ich war wirklich so müde, dass ich praktisch direkt dort eingeschlafen bin.“

Ich wollte ihr die Hand geben, streckte sie aus, und nach etwas Zögern gaben wir uns ein paar Sekunden lang kräftig die Hand, und sie lächelte mich wieder an.

„Ich habe ja das Gefühl“, sagte sie, „dass man sich nur irgendein sozialkritisches oder um jeden Preis provozierendes Thema aussuchen muss, dann mindestens ein paar Mal Scheiße und Ficken schreiben, aber zu oft auch wieder nicht, jemand kennen der jemand kennt, und schon kauft dir das jemand ab.“
„Julia!“, sagte ich etwas lauter, aber nicht so laut wie sie vorher.
„Na so ist es ja, oder nicht?“
„So pauschal kann man das sicher nicht sagen, aber wahrscheinlich irgendwie schon – na egal“, sagte ich und lachte bei den letzten Worten leicht.

Wir gingen weiter, schauten uns Schaufenster und ausgehängte Speisekarten an und versuchten, die Aufschriften auf den Häusern und bei den Verkehrszeichen zu lesen. Es war jetzt schon ziemlich dunkel.

„Du, ich habe noch nicht viel gegessen, gehen wir da hinein? Was sagst du?“, sagte ich zu Julia und zeigte auf den Kasten mit der Speisekarte neben dem Eingang eines Lokals.
„Ich auch nicht. Ja, das geht“, sagte sie nach einem kritischen Blick auf die Preise.“

Wir gingen durch den Innenraum und wagten einen Blick durch die weit offen stehende Tür in den kleinen Hof, in dem so wie drinnen ungefähr die Hälfte der Tische besetzt war. Der zweite neben der Tür schien einladend, und obwohl es später in der Nacht draußen wohl wieder etwas kalt sein würde, so war es jetzt noch ziemlich angenehm.

„Magst du Fisch?“, fragte sie, als wir beide gerade die Speisekarten durchblätterten, die ein Kellner gebracht hatte.
„Na bitte nicht, ich bin Vegetarier.“
„Wirklich? Na wir wärs mit Pasta mit Pesto alla genovese?“
„Wo steht denn das? Hört sich gut an“, erwiderte ich und blätterte die Karte durch, die sich außer den Fischen recht interessant anhörte.

***

„Weißt du schon, wo wir heute wohnen? Ich meine, wo du wohnst, also ...“, sagte ich, als wir uns überlegten, ob wir uns doch noch eine Nachspeise bestellen sollten oder doch schön langsam auf unser Geld schauen mussten.
„Nein“, unterbrach mich Julia betont langsam, „eigentlich noch nicht.“

Ich bemerkte, wie ein dunkelhäutiger, eher jüngerer Mann, der seit einiger Zeit am Tisch neben unserem gesessen war, langsam aufstand. Er stellte sich, leicht zu uns herunter gebückt, an unseren Tisch, stellte sich in einer Mischung aus Deutsch, Englisch und Italienisch oder Französisch vor und fragte uns, woher wir denn kamen.

„So you‘re looking for a hotel? Heute? Tonight? La notte?“

Ja, wir suchten einen Platz zum Übernachten, und nachdem sie ihn auch nicht gleich wieder loswerden wollte und ich ja schon so meine Erfahrungen hatte, hatte ich so den Eindruck, wie wenn er uns was vermitteln konnte. Er setzte sich zu uns, wir plauderten noch etwas, und ich fragte dann nach der Rechnung. Er hatte schon einige Zeit vor uns bezahlt, soweit ich mich erinnern konnte. Julia gab mir unaufgefordert 10 Euro für ihren Teil, ich sagte nur kurz „Ok“.

Wir gingen durch die Via di San Lorenzo, die im Gegensatz zu den Nebengassen der Altstadt den Eindruck machte, wie wenn sie gerade erst renoviert worden wäre. Ein paar Gassen weiter, in denen sich schon ein paar Prostituierte aufgestellt hatten und daneben das volle Leben zu toben schien, eher das der Einheimischen, gingen wir eine Treppe nach oben. Wir hätten auch mit einem Aufzug fahren können, so wie mit diesem beim Bahnhof im Inneren des Gebirges, aber so gut in Form war ich schon noch.

Von hier aus, wo man einen kleinen Überblick über die Straßen darunter hatte, meinte er, dass es nicht mehr weit wäre. Herausreden konnten wir uns immer noch.

Diese Hotel-Pension, oder was immer es genau war, machte eher einen geschlossenen Eindruck, auch wenn im Eingangsbereich scheinbar kurz vorhin jemand gewesen war. War er der Besitzer hier, der Hotel-Manager? „Wieviel? How much?“, fragte Julia, und er machte darauf hin eine Andeutung, wieviel es uns denn wert wäre.

„20 Euro?“, sagte ich vorsichtig und deutete auf uns beide.
„Ok!“, sagte er lächelnd nach kurzem Überlegen, und bekam von uns beiden einen 10-Euro-Schein. Wahrscheinlich wurde das Hotel gerade renoviert, zumindest dem Baumaterial am Gang nach zu schließen, und er hatte momentan Schwierigkeiten, es voll zu bekommen. Er kramte hinter dem Tisch, der die Rezeption darstellte, und drückte mir einen Schlüssel mit großem Anhänger in die Hand.

„Was sagst du?“, fragte ich Julia, aber sie sagte nur „na schauen wir einmal.“

Ein paar Stufen führten uns zu einem dunklen Gang, wo es links und rechts um die Ecke zwei Türen auf jeder Seite gab, und auf einer Seite am Ende ein Fenster. Ein großes Bild mit einer alten Hafenansicht von Genua hing an der Wand in der Mitte, man konnte nicht genau sehen, ob es gemalt oder ein Kunstdruck war. Ein Geruch, irgendwo zwischen frischem Kalk oder Gips und leichtem Schimmel hing in der Luft, gleichzeitig schien aber auch durch das Fenster ein leichter Luftzug zu kommen.

„Was ist eigentlich mit deinem Manuel?“, fragte ich, als wir das Zimmer betraten. Es wirkte auf den ersten Blick düster und klein, aber es gab eine Duschkabine, und das Bett in der Mitte sah bequem und sauber aus. Julia sah sich etwas um.
„Der ist dann doch noch länger hängengeblieben. Wir wollten uns treffen, aber dann war doch wieder das reinste Chaos, und ich war mir nicht sicher, ob ich dich noch treffen wollte, oder warten bis er nachkommt. Er weiß, in welcher Stadt ich bin, aber er war sich auch nicht ganz sicher ...“
„Und jetzt bist du dir sicher?“
„Ja“, sagte sie leise.

Sie kam einen Schritt auf mich zu, wie heute auf der Straße, und wir umarmten uns, einen Moment lang drückte sie mich sehr fest an sich. Wir ließen etwas lockerer, blickten uns an, ich drehte mich etwas zu ihr hinunter, und nachdem sich unsere Lippen gefunden hatten, wanderten meine Hände ganz von selbst unter ihr T-Shirt. Sie sagte nichts, und wir drehten uns leicht um, fast wie wenn wir tanzen würden. Ein quietschendes Geräusch, das wir beide durch die Wand gehört hatten, ließ uns aufschrecken. Gedämpfte Stimmen waren zu hören.

„Glaubst du, das ist ein Stundenhotel?“, fragte sie vorsichtig.
„Ach, glaube ich nicht. Und wenns so wäre?“
„Nicht dass der dann 160 Euro für die ganze Nacht kassiert.“
„Da werden wir wahrscheinlich vorher rausgeschmissen.“

Sie ließ mich los, und wir setzten uns nebeneinander auf das Bett. Nachdem sie ihre Sachen zur Seite gelegt hatte, mehr als diesen Rucksack hatte sie wohl auch nicht mit, räumte ich einmal meine Hosentaschen aus. Ihr Blick fiel auf die kleine, ungefähr quadratische Schachtel neben meiner Geldbörse, die auf dem Nachtkästchen lag. Sie beute sich herüber und nahm sie ihn die Hand. Ein Schauer durchfuhr mich wieder.

„Ah, was haben wir denn da?“
„Ich habe mir gedacht, für alle Fälle.“
„Ts, für welche Fälle denn?“

Irgendein Geräusch war noch zu hören, aber ich war mir nicht ganz sicher, was es war. So angespannt muss ich zuletzt bei einem Vorstellungsgespräch gewesen sein, wo sich mich nach einer Dreiviertelstunde immer noch ausgefragt haben.

„Markus“, sagte sie ruhig, „ich finde dich wirklich nett, aber ich würde das gern alles schön langsam angehen. Wir kennen uns ja eigentlich kaum.“
„Naja ...“
„Ich hoffe das hört sich nicht blöd an, ich würde auch gern glaube ich – aber heute geht es einfach nicht.“

Jetzt war es auch oder fast mehr sie, die etwas nervös wurde. Langsam legte ich meinen Arm um sie, und meine Anspannung wandelte sich in ein leichtes, aber permanentes Kribbeln. Wir drückten die Hände ineinander.

„Lambrusco!“, sagte ich laut, weil sich das Wort so schön anhörte und um die Stille zu durchbrechen.
„Was?“
„Willst du vielleicht noch was trinken? Also zumindest ich habe die letzten zwei Tage wirklich praktisch nur Wasser getrunken, und da habe ich mir gedacht ...“
„Ja“, unterbrach sie mich, „glaubst du, die haben hier was? Da kannst du wohl auch über den Preis verhandeln.“
„Ich schaue raus, ob er noch da ist und frage ihn, ob er was hat – und wenn nicht, dann nicht, gut?“
„Hmm, ja.“

Ich stand auf, machte die Tür hinter mir nicht ganz zu – und kam nicht einmal eine Minute später mit einer Flasche Rotwein und zwei Gläsern zurück.

„Da, Geschenk des Hauses, hat er gesagt.“
„Oh, aber ein bisschen staubig“, sagte Julia, die sich inzwischen auf das Bett gelegt hatte, als sie die Flasche sah.

Ich stellte die Gläser auf das Nachtkästchen und hatte doch einiges zu tun, um die Flasche mit einem behelfsmäßigen Korkenzieher zu öffnen, wo ich dann noch mit dem Messer nachhelfen musste, bis ich uns einschenken konnte.

„Prost!“

Es war eine eher süße Sorte.

„Oh, der ist gut“, meinte sie.
„Wegen vorhin – ja, also wir müssen nicht unbedingt, kein Problem“, sagte ich und kam dabei fast etwas ins Stottern.
„Bist du dir sicher?“, fragte sie nach noch einem Schluck und blickte in Richtung meiner Hose.
„Verbergen kann ich ja nicht viel – ist aber nicht so schlimm.“

Julia setzte sich auf, massierte etwas meine Beine und arbeitete sich in die Mitte vor. Ich sagte nichts, ließ es geschehen und legte für einen Moment den Kopf zurück. Als wir uns wieder anblickten, umklammerte sie mich, und wir küssten uns.

„Ok, lass es lieber, nicht dass du dann sagst, es war dir zu schnell, nur weil wir was getrunken haben“, sagte ich zu Julia, auch wenn sie noch recht klar im Kopf wirkte.

Sie sagte nichts und ließ ihre Hände in Richtung meiner Schultern wandern.

„Ich wollte dir nämlich was sagen, es ist nämlich so, ich habe ...“
„Du bist noch Jungfrau“, unterbrach sie mich plötzlich.
„Ja, so ungefähr.“
„Was heißt ungefähr?“
„Ja, es ist so!“, wurde ich etwas energischer.

Die Stille war wieder da, das Kribbeln doch etwas stärker geworden und mein Pulsschlag auch. Ich war mir bewusst, dass ich es vielleicht gerade verpfuscht hatte und sie weg sein würde, so wie die wenigen Frauen, mit denen es schon fast geklappt hätte – aber ich habe ja immer geglaubt, das erzählen zu müssen.

„Wie alt bist du schnell nocheinmal?“, fragte sie mich.
„26.“
„Oh, ich auch. Na jedenfalls, es war ja ziemlich klar. Dann sollte ich dir auch was erzählen.“
„Was denn?“
„Ja, also, ich habe bis jetzt auch noch nie – das heißt, einmal doch.“
„Und wie war das für dich?“
„Das war mit Manuel.“
„Hast du nicht gesagt, der ist schwul?“
„Früher war er sich halt noch nicht so sicher, was er will. Also du wärst dann der Erste, dem es Spaß macht – könnte zumindest sein.“

Ich musste leicht lachen. Julia schenke noch etwas nach und gab mir mein Glas.

„Machen wir‘s?“, sagte sie.
„Wie bitte?“
„Nein wirklich, also wenn du willst und schön zart bist“, sagte sie und strich sanft mit ihrer Hand über mich.
„Morgen.“
„Ist es bald, sagte sie nach einem Blick auf die Uhrzeit-Anzeige.“
„Ich weiß nicht ...“
„Gut. Ich glaube, ich bin doch schon – wir haben jetzt doch schon ein bisschen was getrunken.“
„Aber morgen möchte ich dich gern wieder so sehen“, sagte ich, sicher mit etwas Hilfe des Weins.

Julia sagte nichts, sondern drehte sich zu mir herüber, und wir kuschelten uns sehr lange aneinander, ohne dabei viel auszuziehen.
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BeitragVerfasst am: 13.02.2008, 23:25    Titel: Antworten mit Zitat

Frankreich

„Gut geschlafen?“, sagte Julia, die gerade, sich streckend, neben mir aufgewacht war. Gedämpftes Licht drang durch das kleine Fenster herein.
„Ganz gut. Früher habe ich einmal geglaubt, Miteinander schlafen bedeutet wirklich nur nebeneinander im Bett liegen.“
„Na siehst du, das war dann wirklich Safe Sex, also gar keiner.“

In der Nacht habe ich kaum schlafen können. Zwar habe ich auch länger durchschlafen können, aber ich bin öfters aufgewacht, immer mit verschiedenen Traum-Episoden über sie. Mitten in der Nacht muss ich auch über eine Stunde nur so dagelegen sein und die dunkelgraue Decke angestarrt haben. Ungefähre Konturen waren gerade noch zu sehen gewesen, aber es war viel zu dunkel, dass sich irgendwelche Farben gezeigt hätten, wie bei einem schwachen Fernsehsignal, wo nur die Helligkeit ankommt und der Farbträger zu schwach ist und untergeht. Jetzt, bei hellem Tageslicht, wirkte der Raum total anders, es war eigentlich nicht viel mehr als eine Abstellkammer mit einem Doppelbett.

Es war mir etwas unangenehm, dass ich immer noch eine Erektion hatte, die in der Unterhose spannte, und ich war mir nicht sicher, ob sie es bemerkt hatte. Wie sie langsam aufstand, auch noch mit fast ihrem ganzen Gewand vom Vortag, blieb ich noch etwas unter der Decke. An diesem Tag würde ich sie ja vielleicht noch nackt sehen, aber wie ich merkte, dass sie die Dusche benutzen wollte, gestern waren wir ja überhaupt nicht dazu gekommen, ging ich erst einmal etwas verlegen auf den Gang und dort auf und ab.

Ich betrachtete die Details des Bildes, das wohl Genua vor 150 Jahren oder noch viel früher darstellte. Der Hotel-Manager, oder wer immer an dieser Rezeption sein sollte, war nicht da, dafür begrüßte ich kurz jemand, der gerade aus einem Raum am anderen Teil des Ganges gekommen war. Als ich nach ein paar Minuten wieder in unser Zimmer schaute, war Julia momentan mit nicht viel mehr als einem Handtuch bekleidet und telefonierte gerade.

„Willst du heute nach Frankreich fahren?“, sagte sie, als sie fertig war.
„Wohin denn genau?“
„Der eine von Couchsurfing hat angerufen, tut ihm leid dass es hier bei ihm nicht geklappt hat, aber er kennt jemand in Marseille, bei dem wir wohnen können. Habe ich gesagt ja, ok.“
„Ja toll, also von mir aus können wir bis nach Gibraltar fahren.“
„Und dann?“
„Viel weiter gehts dann nicht mehr – zumindest nicht auf diesem Kontinent.“
„Also du hast ja dann jetzt quasi auf unbestimmte Zeit Urlaub. Weißt du eigentlich schon, was du dann nachher machst, also wieder in Wien?“
„Keine Ahnung“, sagte ich in leicht entnervtem Tonfall, „ich sollte dann aufs Arbeitsmarktservice gehen, und dann halt einmal überlegen, was ich weiter machen könnte.“
„Und weißt du schon ungefähr was?“
„Ja, aber ich glaube, ich scheiß dann wirklich drauf. Das habe ich ja schon einmal gehabt, Bewerbungen schicken, von manchen Firmen wird man sogar eingeladen, die fragen dich eh nur aus. Dann fragen sie dich, ob du schon Praxis in dem und dem hast, nein, habe ich leider nur ansatzweise, dann was meine guten und was meine schlechten Eigenschaften sind, wo ich mich in 5 Jahren sehe, was mein letzter großer Erfolg war, warum sie gerade mich nehmen sollen. Dann Danke, Sie hören von uns und 3 Wochen später eine höfliche Absage. Überall der gleiche, verlogene Scheiß. Tschuldigung!“
„Na komm, beruhig dich“, wurde sie auch für einen Moment etwas lauter. „Ja, stimmt ja irgendwie“, setzte sie fort, „aber willst du ewig vor allem davonlaufen? Vielleicht gleich hier bleiben, ist eh Niederlassungsfreiheit in der EU, und schauen ob es besser ist?“
„Das wäre halt toll, wenn man wirklich machen könnte, was man will – und nicht das, was grade zufällig da ist und von einem erwartet wird.“
„Und was würdest du dann am liebsten machen?“
„Etwas mit Schreiben, glaube ich, habe ich dir ja schon erzählt. Ich würde mir gern richtig Zeit nehmen, mich darin vertiefen ...“
„Die Schriftsteller – na bitte, die sind doch eh alle komische Kauze und nikotinsüchtig. Wenn du niemand kennst, kommst du da eh nie hinein, und wie viele können schon davon leben?“, sagte Julia.
„Oder man ist hartnäckig, schaut sich um, wer was nehmen könnte und stellt sich nicht total amateurmäßig an.“
„Ja dann probiers halt“, sagte sie wieder gelassener.
„Sollte ich machen.“

Sekunden später umarmten wir uns kurz und kräftig, so wie wir da standen. Ihr Badetuch rutschte hinunter, sie konnte es aber doch noch festhalten. „Nicht so schnell!“, kommentierte sie es.

Zum Frühstück aßen wir dieses Früchtebrot, das ich noch hatte, und tranken dazu Orangensaft und Wasser. Von einem Frühstücksbuffet war ja keine Rede gewesen, schon gar nicht für einen Sonderpreis. Als wir bereit waren, verabschiedeten wir uns vom Hotelmanager, der dann doch noch gekommen war, mit einem Händedruck, und ich war fast etwas erleichtert, als er nicht doch noch etwas nachverrechnen wollte. Es musste in der Gegend irgendwo einen Bus oder eine U-Bahn-Station geben, aber wir beschlossen, zu Fuß bis zum Bahnhof zu gehen und uns die Stadt noch etwas anzuschauen. Sie zeigte mir ein paar Straßen, in denen sie gestern noch vor mir gewesen war.

Der Zug, wir sollten damit zumindest erst einmal bis Nizza kommen, setzte sich diesmal recht pünktlich in Bewegung. Als er sich aus der nach Westen hin noch recht langgestreckten Stadt herausgeschlängelt hatte, vorbei an Flughafen, neuem Hafen und der Autobahn, tat sich ein freier Blick auf eine Mittelmeerlandschaft mit ein paar Palmen auf. Bis zum ersten Halt nach ungefähr einer halben Stunde redeten wir kaum etwas miteinander, sondern bestaunten eher den Ausblick, und ich machte ein paar Fotos durch das Fenster. Nach einer Weile war sie etwas eingeschlafen, weil sie wohl doch nicht genug Schlaf gehabt hat.

„Ha!“, sagte Julia nur kurz, nachdem sie durch das Piepsen ihres Handys aufgeschreckt wurde. „Manuel ist in Barcelona.“
„So weit? Wie hat er denn das geschafft?“, fragte ich.
„Keine Ahnung, wir können ihn ja treffen, wenn sichs ausgeht, aber heute kaum.“

Als wir dann in Imperia und wenig später in San Remo waren, wusste ich, dass es nicht mehr weit bis zur französischen Grenze sein konnte. Ein paar Aufschriften entlang der Strecke deuteten irgendwann darauf hin, dass wir schon in Frankreich waren, aber erst beim nächsten Halt in Menton, wo wir an einem langgestrecken Yachthafen vorbeikamen, war ich mir sicher. Vorbei an Monaco, erreichten wir dann etwas später den Bahnhof von Nizza, wo der Zug endete.

Nachdem wir jetzt etwas Zeit hatten, bis der Anschlusszug nach Marseille fahren würde, suchten wir erst einmal nach einem Supermarkt oder so etwas in der Art, um doch noch günstig zu einem Mittagessen zu kommen, und gingen dann die Strandpromenade mit ihrer Palmenallee, den ganzen Hotels und dem Blick auf den Strand weiter unten entlang. Wir fanden eine Sitzbank, die für uns beide gemütlich genug aussah.

„Warst du schon einmal in Frankreich?“, fragte ich sie.
„Bis jetzt glaube ich nicht, wenn dann muss es sehr lange her sein.“
„Ich war einmal mit meinen Eltern her. Muss auch schon länger her sein, und noch früher einmal in Paris.“
„Ah, Paris“, sagte sie schwärmerisch, „gehen wir zum Bahnhof zurück und suchen uns einen TGV, der dort hinfährt.“
„Kostet der nicht extra einen Zuschlag?“
„Egal, war nur so ein Idee – wir fahren nach Marseille zu dem einen Typen und aus.“

***

Cannes musste dann so ziemlich das Weiteste sein, wo ich bis jetzt in dieser Gegend früher einmal gewesen bin – mit jedem Meter, den der Zug weiterfuhr, betrat ich also Neuland. Außer St. Tropez sagten mir die Städte dem Namen nach nicht viel, und irgendwann waren wir dann am Bahnhof von Marseille, St. Charles. Nach den Anweisungen, die er uns auf der Fahrt noch gegeben hatte, sollten wir am besten mit der Metro bis nach La Rose fahren, er wohnte dann noch ein Stück weiter und es wäre wohl am einfachsten, wenn wir uns dort treffen würden.

Die Wegweiser zur U-Bahn-Station waren ganz gut, und ich überlegte, woran mich die Station erinnerte. Da mir durch die Beschilderung an der Decke wieder einfiel, dass Sortie ja Ausgang bedeutete – ein ganz anderes Wort als Uscita im Italienischen – redeten wir etwas darüber, wieviele französische Wörter und Ausdrücke wir verstanden. Mir fielen neben Trottoir und Pissoir erst einmal an die 20 andere ein, aber vielleicht konnte ich ja bald mehr als einen ganzen Satz bilden.

Bei der vorletzten Station wurde ich nervös und gespannt darauf, was uns am Ende, bei La Rose, erwarten würde. Jedenfalls dann erst einmal nichts, weil wir etwas zu früh dort waren. Die nördliche Endstation der Metro-Linie 1, neben der wir nun standen, war eine Hochstation irgendwo am Stadtrand. Dahinter setzte sie sich in einem großen Gebäude fort, das wohl eine Abstellhalle oder Werkstatt war, daneben war ein riesiger Parkplatz, an dem der Boulevard Du Metró entlang führte. Wir waren den ganzen Tag unterwegs gewesen und es war schon dämmrig. Vielleicht hätten wir uns doch lieber ein günstiges Hotel im Stadtzentrum suchen sollen, statt jetzt hier vielleicht vergeblich herum zu stehen. Doch gerade, als Julia überlegte, ihn noch einmal anzurufen, bemerkte ich jemand über den Parkplatz auf uns zukommen.

„Bon soir – Gérard!“, stellte er sich vor und gab zuerst ihr und dann mir die Hand.
„Wer, Depardieu?“, bemerkte ich und hatte Glück, dass er es witzig fand. „Autriche“ konnte ich auch noch richtig aussprechen, wie er noch einmal fragte, woher wir kamen. Er war ungefähr so groß wie ich, also jedenfalls über 1 Meter 80, eher schlank, wohl an die 30 oder 35 und hatte einen ziemlich kräftigen Händedruck.

Er ging mit uns über den Parkplatz, machte in gebrochenem Deutsch, aber wohl immer noch viel besser als mein Französisch, ein paar Bemerkungen zu der Gegend hier, und wir kamen in ein Wohngebiet mit eher verwinkelten Straßen. Nach noch einer Seitenstraße, in der es noch etwas bergauf ging, standen wir schließlich vor dem Haus. Im Garten, zur Straße hin von einer Hecke abgegrenzt, standen ein paar große Laubbäume.

Das Haus war ein Traum. Julia schien es auch zu gefallen. Rechts war eine Küche, die in der Mitte so eine Art Schanktisch hatte, links ging es in einen großen Wohnbereich. Es kam mir vor wie diese Häuser, die manchmal in den Immobilienbeilagen der Zeitungen mit bebilderten Artikeln über ein paar Seiten beschrieben wurden. Ich wollte ihn nicht fragen, ob er hier allein wohnte, aber zumindest momentan schien außer uns niemand hier zu sein. Gérard führte uns uns über die Treppe, die den Weg durch den Garten geradlinig in den ersten Stock fortsetzte. Auf dem breiten Gang, der neben dem Geländer verlief, gab es links ein Badezimmer und rechts einen Wohnbereich, der ungefähr so groß wie der im Erdgeschoß wirkte. Er sagte noch, Julia verstand es besser als ich, dass wir uns hier ausbreiten könnten und noch zu ihm herunter kommen, wenn wir noch was über die Stadt oder sonst was wissen wollten. Zum Essen konnte er uns noch ein paar mit Reis gefüllte Weinblätter und Weintrauben anbieten – auch nicht schlecht.

Wir setzten uns mit dem Essen an den Tisch bei einem Fenster, von dem aus sich eine gute Aussicht über Marseille bot. Der Abend brach über die Stadt herein. Unser Gastgeber hatte unten klassische Musik aufgedreht, die man, so lange die Tür offen war, auch noch oben bei uns hören konnte. Ich kannte das Stück nicht, aber es musste eine Art Walzer sein.

„Magst du Klassik?“, fragte sie nach einer Weile.
„Ja, manchmal. Ich meine, ich möchte was anderes auch noch hören, aber das ist irgendwie – vollkommene Schönheit.“
„Willst du tanzen?“, fragte sie, nachdem wir etwas der Musik zugehört hatten.

Ich nahm diese Haltung ein, die ich aus der Tanzschule kannte, sie wohl auch, und versuchte, den Takt zu finden. Eins zwei drei, eins zwei drei ... Vorher hatte sich Julia mit den Lichtschaltern gespielt und einen Teil der Beleuchtung abgeschaltet. Ich hatte nichts dazu gesagt. Sie hatte wohl auch nur den Grundkurs besucht, aber trotzdem schafften wir es, ohne zu stolpern. Wir gingen dann aber zu unserem eigenen, viel langsameren Stil über. Das hätte ich auch schon damals auf dieser Schulveranstaltung haben können, wie ich zum Tanzen aufgefordert worden bin – aber ich habe mich nicht getraut und nur gesagt, dass ich leider nicht tanzen kann.

„Damals in der Tanzschule“, sagte ich, „das war so schön, wie die dann auch noch diese Beleuchtung mit den Lichtpunkten aufgedreht haben. Da muss ich mich ungefähr so gefühlt haben wie jetzt.“
„Wirklich?“

Wir umklammerten uns eigentlich nur noch und standen fast still, aber wir tanzten weiter.

Langsam löste sich Julia, ohne mich direkt weg zu drücken, und wir setzten uns auf das Bett, das wohl gerade frisch überzogen worden war. Wir waren nicht wirklich müde, aber von der Reise doch etwas abgekämpft, und nachdem wir uns gegenseitig den Vortritt für das Bad lassen wollten, ging doch zuerst ich.

Nachdem ich die Tür des Badezimmers bis auf einen kleinen Spalt zugemacht hatte, legte ich meine Kleidung auf einem Kästchen ab und stieg in die Duschkabine. Ich drehte das Wasser von angenehm warm noch etwas wärmer, bis es gerade noch nicht zu heiß war. Ich stellte mir vor, durch ein Becken in einem Thermalbad mit 38 Grad warmem Wasser zu schwimmen, vielleicht zusammen mit ihr. Plötzlich sah ich durch die angelaufene Scheibe, wie die Tür langsam aufging. War er es vielleicht und wollte noch etwas bringen?

Es war Julia, die sich nur ein Handtuch um den Körper hielt und auf mich zukam. Ich drehte das Wasser ab und öffnete die Schiebetür der Duschkabine, nur einen Spalt weit.

„Was?“, fragte ich etwas hektisch.
„Darf ich hineinkommen?“

Meinen Gesichtsausdruck, der sich von plötzlicher Verkrampfung gerade vorhin nun zu einem Lächeln gewandelt hatte, interpretierte sie als „ja“. Ich drehte das Wasser wieder auf, und als die Temperatur gerade richtig war, hielt ich den Wasserstrahl zuerst auf sie und dann auf uns beide. Ich hängte den Duschkopf an der Halterung oben ein, als sie mich umklammern wollte. Ich breitete meine Hände über ihren Rücken aus und massierte sie. Diesmal konnte ich überhaupt nichts verbergen. Ich war lange genug ein echter Gentleman gewesen, meistens, sie die zurückhaltende Dame, und auch jetzt konnten wir uns ja wie reife Erwachsene verhalten.

Die ganze Welt bestand in diesem Moment nur aus uns und dem warmen Regen. Unsere Lippen berührten sich, unsere Zungen, ich spürte ihren ganzen Körper, wollte alles an ihr berühren.

Julia drehte den Strahl von uns weg und den Mischhebel ab. „Am besten, wir machen drüben weiter“, sagte sie, und ich folgte ihr aus der Dusche. Schnell trocknete ich mich mit einem großen, weißen Badetuch ab. Mein Herz raste wieder, der Pulsschlag war wohl mindestens auf 120. Ich führte ihre Hand an meine Brust, sie mache kurz erstaunt den Mund auf.

Wir schauten kurz, ob wir nicht doch beobachtet wurden, liefen auf die andere Seite, machten die Tür hinter uns zu, ließen die Badetücher fallen und kuschelten uns unter die Decke, nachdem ich noch schnell in den Taschen meiner vom Badezimmer wieder mitgenommenen Hose nach den Gummis gekramt hatte. Das war er jetzt, der Moment, von dem ich fast nicht mehr geglaubt habe, ihn irgendwann zu erleben. Obwohl ich es jetzt als ganz natürliche Anspannung und nicht als unnötige Nervosität erlebte, musste ich irgendwas sagen, um lockerer zu werden.

„Voulez vous coucher avec moi se soir?“
„We already did exactly that, remember?“
„Bitte, wir sind in Frankreich!“
„Heißt es nicht immer, dass die nur nicht zugeben wollen, dass sie eh gut Englisch sprechen?“
„Whatever.“
„Voulez vous baise avec moi?“, setzte sie fort.
„Das übersetze ich jetzt aber nicht. Si, Signorina, oui!“
„Now you‘re mixing up la linguas.“
„Ich glaube, wir brauchen Untertitel dazu.“

Wir brauchten überhaupt keine Worte mehr, denn irgendwann hatten wir den Punkt erreicht, wo wir uns einfach nur noch fallen und es einfach geschehen ließen. Es spielte keine Rolle, dass es bei mir nicht sofort klappte, denn wir hatten alle Zeit der Welt für uns. Alles war nur noch warm und feucht, und ich schwitzte am ganzen Körper, als wir beide vereint waren.

In dieser Nacht war ich nur ein einziges Mal aufgewacht. Wir wir gemerkt hatten, dass wir beide wach nebeneinander lagen, küssten wir uns zuerst langsam und bald viel schneller. Den Rest der Nacht schlief ich dann wirklich tief und fest.
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BeitragVerfasst am: 13.02.2008, 23:25    Titel: Antworten mit Zitat

Spanien

Als ich neben ihr aufwachte, kam ich mir fast vor wie in einem Hollywood-Film. Szenen wie diese hatte ich sicher hunderte gesehen, wenn nicht mehr, und jetzt war ich selber ein Darsteller geworden. Der ganze Raum wirkte sehr hell und von Sonnenlicht durchflutet. Ich blieb noch neben ihr liegen, strich sanft über sie und war mir nicht ganz sicher, ob sie noch schlief. Minuten später streckte sie sich, sah mich an, küsste mich.

Beim Frühstück, ein bisschen etwas hatte Gérard für uns aufbewahrt, hatte er sich angeboten, uns die Stadt zu zeigen. Er hatte erzählt, dass er Architekt sei und auch dieses Haus selbst geplant hat, ich war mir nicht ganz so sicher, ob ich es glauben sollte. Ich und Julia wollten heute weiter nach Barcelona und dort Manuel treffen, auch wenn es dann wohl wieder mitten in der Nacht sein würde. Wir fuhren die bekannte U-Bahn-Strecke in die Stadt zurück, und er zeigte uns die Hafengegend und die Innenstadt. Von diesem Berg mit der Kirche, Notre-Dame de la Garde, konnte man die ganze Stadt und auch die vorgelagerten Inseln überblicken. Nachdem wir recht abenteuerlich eine Straße mit endlosen Autokolonnen überquert hatten, zeigte er uns noch den Weg zum Bahnhof. In Barcelona kannte er leider niemand, obwohl er sich in Spanien etwas auskannte.

***

Die Bahnstrecke führte nicht entlang der Küste, sondern etwas im Landesinneren durch eine eine Landschaft mit Feldern, Autobahnen und ein paar entfernten Häusern, bis wir in der nächsten größeren Stadt waren, Montpellier.

„Ich weiß, die Frage ist wahrscheinlich blöd, aber wie glaubst du, war ich gestern so, war es überhaupt gestern so?“, fragte ich Julia.
„Ja, also wirklich toll, muss ich sagen. Ich meine, ich habe mir natürlich gedacht, na toll, ein erwachsener Jungmann, das kann ja nur ein Fiasko werden, so ähnlich wie mit ihm damals, aber naja ...“
„Aber schade, dass ich dann nur zehn Sekunden durchgehalten habe.“
„Schon ein bisschen kurz“, kicherte sie, „aber ist ja ganz natürlich.“

Wir betrachteten wieder wortlos die Landschaft, weil die Strecke jetzt wieder entlang der Küste verlief. Die Berge im Landesinneren mussten die Ausläufer der Pyrenäen sein. Waren wir schon in Spanien?

Es war ungefähr 6 Uhr am Abend, als der Zug langsamer wurde. Der Beschilderung nach, die nach dem Tunnel zu lesen war, mussten wir schon in Spanien sein, in einem kleinen Ort namens Portbou. Zwischen den Bergen tat sich ein großer, mit einer bogenförmigen Stahlkonstruktion überdachter Bahnhof auf. Ich hatte den Fahrplan nicht genau gelesen und war mir nicht sicher, ob der Zug hier an der Grenze enden würde und wir in einen anderen umsteigen mussten, oder ob wir gleich weiterfahren würden. Als etwas durchgesagt wurde und alle langsam ausstiegen, wusste ich es aber.

„Spanische Breitspur“, sagte ich zu Julia, als wir auf dem Bahnsteig standen und die altmodische Bahnhofsuhr betrachteten, vor uns ein grüner Hügel, der mit einzelnen Bäumen bewachsen war.

Der Anschlusszug war dann relativ voll, aber wir fanden einen Platz. Um ein Hotel mussten wir uns nicht Sorgen machen, denn wahrscheinlich konnten wir dort, wo Manuel wohnte, auch noch übernachten. Zumindest hatte Julia das mit ihm noch während der Fahrt geklärt. Wirklich Gutes ahnte ich nicht, nachdem wir dort dann insgesamt wohl mindestens 4 oder 5 Leute waren.

Mittlerweile war es fast dunkel, als der Zug auf einmal mitten auf der Strecke hielt. Hier war garantiert keine Station, und auch nach mehreren Minuten ging es nicht weiter. Vielleicht mussten wir ja einen Gegenzug abwarten. Sie wurde auch schon etwas unruhig, stand auf und versuchte durch das Fenster etwas zu erkennen. Zwanzig Minuten später standen wir immer noch.

Eine immer größere Unruhe machte sich breit, ein Gemurmel aus mehreren Sprachen. Manche standen auf, gingen durch den Zug, fragten andere, versuchten etwas herauszufinden. Auf einmal eine Durchsage.

„Kommt mir spanisch vor“, sagte ich.
„Bitte, Markus, da muss was passiert sein“, fand sie es nicht wirklich witzig.

Mit einem Mal wurde die Unruhe noch viel stärker, nicht nur, weil das Licht etwas flackerte und kurz ausgefallen war.
„Wahrscheinlich eine Bombendrohung“, klärte uns das wohl aus Deutschland stammende, ältere Ehepaar hinter uns auf.
„Können Sie Spanisch? Ich habe nur ein paar Worte von der Durchsage so ungefähr verstanden.“
„Die haben nur gesagt, dass es momentan ein Problem auf der Strecke gibt und wir deshalb nicht weiterfahren können. Aber nachdem was man sich so erzählt, müssen die das erst untersuchen, und das kann Stunden dauern.“
„Danke. Na toll.“

Julia und ich schauten unruhig auf und ab.

„Und was machen wir jetzt?“, frage sie.

Ich stand auf, nahm meinen Rucksack und fasste sie leicht an der Hand. „Komm!“

Wir gingen durch den Zug, weiter nach vorne, gaben es aber dann wegen des immer schlimmeren Gedränges auf, so dass wir auf einer Plattform zwischen zwei Waggons blieben. Der Schaffner kam vorbei und sagte etwas, versuchte zu beruhigen, war aber sichtlich schon ziemlich gestresst. Noch eine Durchsage tönte durch den Zug, mit einem anderen Text. Jemand neben uns riss auf einmal an dem Hebel neben der Ausstiegstür, und mit einem leichten Zischen öffnete sich diese dann tatsächlich. Wir wurden in den Strom der Aussteigenden gerissen und wären auf den Stufen nach unten fast gestolpert.

Neben den Bahngleisen war ein Feld, ein paar Bäume, aber sonst nicht viel.

„Schöne Scheiße!“, sagte ich, sie überhaupt nichts.

Weiter vorne schien es einen größeren Menschenauflauf um jemand mit einer auffälligen Warnweste zu geben. Wir gingen weiter, klammerten uns an der Hand, um uns nicht zu verlieren, und wichen immer mehr auf das umgepflügte, etwas schlammige Feld aus, um vorwärts zu kommen. Vor der Lokomotive überquerten alle die Gleise und drängen sich einen kleinen Feldweg entlang eines Grünstreifens entlang. Ich glaubte eine Straße zu erkennen.

***

Es gab keine Chance, in den Bus hineinzukommen, der nach fast einer Stunde gekommen war, auch nicht in den zweiten dahinter. Wortlos gingen wir am Rand dieser Landstraße entlang, leicht frierend, hungrig, Autos rasten an uns vorbei. Wie viele Anschläge waren irgendwo in der Welt verübt worden, seit ich mich auf diese Reise aufgemacht hatte? Ich hatte geglaubt, in Sicherheit zu sein, mitten in Europa – aber letztlich konnte man doch nicht davonlaufen. Wie die ersten Häuser des nächsten Ortes auftauchten, war ich wirklich erleichtert, und wir gratulierten uns gegenseitig mit einem Handschlag, dass wir das heute geschafft hatten.

Der Regionalzug, in den dann fast alle aus diesem Imbisslokal bei der Bahnstation gestürmt waren, wohl der letzte an diesem Tag, bot dann wieder genug Platz für alle. Erst spät am Abend erreichten wir die ersten Vororte von Barcelona. Am Ausgang des Bahnhofs erkannte ich Manuel, sie musste ihm während der Fahrt noch eine SMS geschickt haben, wann wir denn ungefähr ankommen würden. Julia begrüßte ihn mit einem kräftigen Handschlag.

„Hallo, du bist auch da?“, fragte ich ihn.
„Ja, wo seid ihr bitte so lang gewesen? Was war da jetzt genau?“
„Es war eine Bombendrohung, oder auch schon ein Anschlag, keine Ahnung, die Bahnstrecke war jedenfalls komplett gesperrt“, erklärte ich es ihm.
„Da war heute was in den Nachrichten. Ihr seid da hineingekommen? Wahnsinn.“
„Passiert ist nichts“, sagte Julia, „aber das reinste Chaos. Da war dann so ein Schienenersatzverkehr, der nicht funktioniert hat, dann sind wir zu Fuß weitergegangen, eine dreiviertel Stunde auf einer Landstraße im Dunkeln, dann haben wir doch noch einen Zug erwischt.“
„Na toll“, sagte Manuel, „aber jetzt seid ihr da, freut euch.“
„Wo wohnst du denn hier?“, fragte sie ihn noch aus, als er mit uns weiterging.
„In so einem besetzten Haus, sind nett dort.“
„Bitte was?“, sagte ich, und Julia machte auch ein etwas erstauntes Gesicht.
„Naja, lassen wir uns überraschen“, sagte ich zu ihr.

Ein paar Straßen weiter, vorbei an schachbrettartig wirkenden Häuserblöcken, konnte ich anhand der bemalten Fassade schon erahnen, was er wohl meinte. Wenn ich einmal ein besetztes Haus gesehen habe, dann bis jetzt immer nur von außen. Er musste wie sie ein ziemliches Talent haben, Kontakte zu knüpfen und immer auch einmal kreative Alternativen zum nächstbesten Hotel zu finden.

Beim Eingang kannte man Manuel schon, er erklärte kurz, wer wir waren, und wir gingen in den ersten Stock. Nur bei manchen Durchgängen gab es Türen, aber es sah gemütlich aus. „Da müsste heute Platz sein“, zeigte er uns ein Zimmer, das ganz gemütlich aussah. Vielleicht hatte er ihnen ja hier bei etwas geholfen, zu tun gab es sicher immer was. Ich musste nicht alles wissen. Ich setzte mich mit ihm auf so eine Art Bettbank, Julia hatte sich auf das Bett gegenüber gesetzt und ihre Sachen ausgepackt.

„Wo ist eigentlich diese Kirche da, die man immer auf den Fotos von Barcelona sieht?“, fragte ich ihn.
„Sagrada Familia? Das ist gar nicht so weit von hier, aber da können wir morgen hingehen, gut?“, antwortete er schon etwas gähnend.

Fast hätte ich mich schon zu ihr hinübergelegt, als er in den Raum daneben gegangen war, aber sie wollte wohl auch einmal ihre Ruhe haben.

„Gute Nacht!“, sagte sie, nachdem sie es sich unter der Decke gemütlich gemacht hatte.
„Buenas noches!“, antwortete ich.
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BeitragVerfasst am: 13.02.2008, 23:26    Titel: Antworten mit Zitat

Barcelona

Ich wachte relativ früh auf, schaute mich im Raum um und ging im Gedanken noch einmal den letzten Tag durch. Gut ausgeschlafen wie ich war, stand ich auf, machte einen Schluck Wasser, suchte das Badezimmer, von dem ich mir nicht mehr ganz sicher war, wo es war, und setzte mich zu Julia an den Rand ihres Bettes. Sie schien noch etwas im Halbschlaf dazuliegen.

„Guten Morgen!“, sagte sie auf einmal hinter meinem Rücken.
„Guten Morgen! Hast du dich gut von gestern erholt?“
„Ja, ganz gut.“
„Stell dir vor, gestern auf der Straße wäre dann auch nach ein paar Kilometern kein Ort gekommen, und stehengeblieben sowieso niemand, aber wir hätten eine einsame Hütte entdeckt.“
„Wäre auch nett gewesen, wenn die wirklich verlassen gewesen wäre, aber hört sich das nicht etwas weit hergeholt an? Klar, vielleicht noch mit richtig gemütlichem Bett, Badezimmer und Pizza-Service.“
„Ja, war auch nur so eine Idee.“
„Klingt aber so schön wildromantisch – na egal.“

Am Vormittag machten wir eine Besichtigungstour durch die Stadt, Manuel kannte sich ja schon etwas aus. Diese Kirche, Sagrada Familia, war eigentlich eine Baustelle und immer noch nicht wie ursprünglich geplant fertig. Obwohl sie schon seit 1880 oder so daran bauten, würde sie erst in 20 Jahren komplett fertig sein.

In der U-Bahn-Station daneben war der Zug natürlich dann gerade weg, als wir auf dem Bahnsteig waren. Auf der Bank sitzend meinte Julia, dass sie dann noch etwas mit Manuel in das Haus zurückfahren wollte, wir könnten uns ja am Abend dort treffen. Es war ja schließlich ihr bester Freund, ich kannte sie eigentlich immer noch kaum, und zu dritt unterwegs sein war fast schon ein bisschen Gruppenzwang, obwohl ich ja gut mit dem beiden auskam. Die Aussicht, auch einmal allein etwas durch die Stadt fahren zu können, ich hatte ja sowieso eine Tageskarte, war jedenfalls nicht schlecht für mich. Bei ihrer Station gaben wir uns kurz die Hand, und ich schaute mir auf dem Stadtplan noch einmal die zumindest dort interessant aussehende Gegend ein paar Haltestellen weiter an.

***

„Wir haben uns das überlegt“, sagte Julia, „es ist so, wir haben unser Budget eh schon ziemlich strapaziert, und wollten sowieso schon langsam wieder zurück.“
„Aha“, sagte ich und spürte, wie sich auf einmal so ein seltsames Gefühl in der Magengegend aufbaute, eigentlich am ganzen Körper.
„In einem durch eher nicht, vielleicht fahren wir über Paris zurück.“
„Ich könnte euch ja was borgen. Ich habe ja nicht so schlecht verdient, was gespart ...“
„Nein, lass“, sagte Julia, „das muss glaube ich nicht sein.“
„War nur so eine Idee. Und wann wollt ihr fahren, morgen in der Früh?“
„Ja“, sagte Manuel kurz.

Wir standen alle etwas verlegen herum. Im Hintergrund schrie auf einmal irgendjemand, und ein Hund begann zu bellen. Schien aber nichts Besonderes passiert zu sein.

„Und du wolltest noch weiterfahren?“, fragte er noch.
„Eigentlich schon, weiter die Küste entlang. Meine Karte für die Bahn gilt noch einen Tag, oder zwei, muss ich schauen.“
„Die musst du aber nicht alle hintereinander verbrauchen, weißt du eh“, merkte Julia an.
„Ach ja, stimmt.“
„Weißt du was“, sagte Manuel, „wie wärs, wenn wir morgen noch zusammen an die Stadtausfahrt fahren, und ich eine Mitfahrgelegenheit für dich organisiere. Da habe ich ja schon Erfahrung darin, wenns bei mir schon bis hier her geklappt hat.“
„Dann könntet ihr ja gleich auch mitfahren.“
„Und wo wohnen wir dann? Das war hier halt reines Glück, und ich möchte es nicht überstrapazieren.“
„Wenn du meinst.“
„Aber wir können uns ja einmal in Wien treffen“, sagte er.
„Wäre nett. Na gut, dann machen wir das so.“

Mein seltsames Gefühl ging damit etwas zurück. Das würde ja dann so wie heute am Nachmittag sein, nur dass wir uns vielleicht ein paar Tage oder Wochen später wiedersehen würden. Auch Wien war ja recht groß, man konnte immer wieder was entdecken wenn man nur wollte, und Zeit würde ich wahrscheinlich auch noch ewig haben.

„Markus, ich glaube du bist wirklich nett und süß und liebenswert und so“, sagte Julia, als Manuel in das andere Zimmer hinübergegangen war, „aber das in den letzten Tagen sollten wir vielleicht einfach als nettes Erlebnis sehen, als Erfahrung. Ich weiß nicht, ob ich das so weitermachen will, da brauche ich einfach etwas Zeit.“
„Ja, kann ich schon verstehen.“

Ich verstand es nicht so wirklich, aber letztlich war sie ja auch nur eine Frau, und ungefähr so, wie ich das schon unzählige Male in der Theorie gehört hatte. Am besten wäre es für sie wohl, zumindest nach dem, was so erzählt wurde, wenn sie mit jemand ja so verliebt ist und ewig zusammenbleiben will, bevor sie sonst etwas macht. Ich konnte mir das sowieso nicht so recht vorstellen, ständig von jemand in Besitz genommen zu werden. Und wenn sie wirklich mit jemand zusammen wäre, was wäre dann 5 Jahre später?

„Ich möchte jetzt nicht mit diesem Lass uns Freunde bleiben anfangen“, sagte sie, „wir sind ja nicht mehr 15 oder wann immer man das so sagt, aber schauen wir dann halt einfach später weiter.“

Manuel wollte noch was trinken gehen, sie an diesem Abend aber lieber hier bleiben, so dass ich dann mit ihm mitging. Männerabend. Ich machte mir nach dieser Sache in Venedig schon etwas um seinen Alkoholkonsum Sorgen, aber wie ein Säufer sah er auch nicht gerade aus. Auch am Abend war es heute eigentlich noch ziemlich heiß, an die 25 Grad mindestens noch, und so trug ich noch die kurze Hose.

Schon das erstbeste Lokal ein paar Straßen weiter sah mit seinem fast ganz gefüllten Gastgarten recht vielversprechend aus. Wir hätten uns auch einfach in einem Laden ein Bier kaufen und uns wo hinsetzen können, und das machten wir dann auch, weil sowieso nicht wirklich ein Platz frei war. Wir setzten uns auf die Stufen am Rande eines größeren Platzes mit einer kleinen Baumgruppe in der Mitte, wo auf der anderen Seite einige Kinder spielten und neben uns immer noch etwas der Verkehrslärm tobte.

„Darf ich dir was sagen, so von Mann zu Mann?“, sagte ich zu Manuel.
„Was denn?“
„Du warst einmal mit ihr im Bett? Ja, also ich auch.“

Er überlegte kurz, und musste etwas lachen.

„Moment, was – ach das hat sie dir auch erzählt?“
„Äh, ja.“
„Und, wie wars? Also ich werde sie dir sicher nicht wegnehmen.“
„Wie ist sie denn so, wie gut kommst du denn mit ihr aus, also nur so?“
„Was willst du hören? Wir kennen uns schon seit über 10 Jahren, haben viel gelacht ...“
„Diese ganze Beziehungsscheiße möchte ich mir eigentlich sowieso nicht wirklich antun. Alle sagen oh, ich bin Single, ich bin so einsam, aber wie lange geht das dann gut? Gehen doch sowieso wieder alle auseinander nach ein paar Jahren.“
„Wahrscheinlich hast du recht. Und was hast du bis jetzt so Erfahrungen mit Frauen gehabt?“
„Ja, also sie war an sich die erste, hat sich vorher einfach nie ergeben“, sagte ich ohne langes Überlegen und rechnete nicht wirklich damit, dass er es verstehen würde.
„Wirklich?“

Er machte zwar kurz große Augen und sah mich komisch an, fand es aber auch nicht lächerlich.

„Naja, die, die sich länger Zeit lassen, sind meistens eh die Vernünftigeren. Du musst ja nichts erzwingen, nur weil es alle von dir erwarten.“
„Das finde ich auch“, sagte ich, „aber es fragen dich halt alle, was du arbeitest und ob du eine Freundin hast. Na was soll ich da jetzt drauf sagen?“
„Egal, scheiß drauf. Prost!“

In der Nacht wachte ich wieder öfters auf, träumte immer wieder kurze Szenen über unsere Reise in verschiedenen Variationen wo er vorkam, wo Julia vorkam, oder wie ich weiter durch Spanien reiste und aus dem Zug geschmissen wurde, weil ich meine Fahrkarte nicht finden konnte.
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BeitragVerfasst am: 13.02.2008, 23:27    Titel: Antworten mit Zitat

Ans Ende der Welt

Eigentlich hatte ich alles erreicht, was ich wollte, und noch viel mehr. Ich war noch viel weiter weg als in Wiener Neustadt gewesen, nicht nur in Venedig, sondern auch in anderen Städten, wo ich überhaupt noch nie war, hatte komische oder interessante Typen getroffen, wohl das gehabt, was man einen heftigen Urlaubsflirt nannte, und ich hatte mit jemand Sex gehabt. Was gab es dann hier noch für mich?

Trotzdem war ich besessen davon, quasi das Ende der Welt zu sehen, so weit nach Süden zu fahren, bis es nicht mehr weiter gehen würde. Es war zum Greifen nah, genau jetzt, und wann würde ich schon wieder hier her kommen? Sogar wenn ich jede Nacht in einem richtigen Hotel wohnen würde und dann noch eine Karte für die Bahn zum Normaltarif nachkaufen musste – ich konnte es mir locker leisten, noch.

Es war erst 7 Uhr oder so, als ich an diesem Tag zum ersten Mal aufwachte und dann doch noch etwas weiter schlief. Es war kein wirkliches Aufwachen, eher so ein Halbschlaf, zumindest war ich bald wieder weg und in einem von diesen Träumen in der letzten Phase vor dem Aufwachen, die eine tolle, längere surrealistische Geschichte abgeben würden, an die man sich aber oft nur bruchstückhaft oder garnicht erinnern kann. Irgendwann nach 9 blendete sich die Traumhandlung durch ein lautes Geräusch von der Straße schlagartig in die Wachwelt über, und mir war klar, dass ich nicht mehr weiterschlafen würde. Julias Bett war leer.

„Tossa de Mar“, sagte einer der Hausbewohner auf meine leichte Ratlosigkeit hin, wann und wohin die beiden wohl weggefahren waren. Hatte ich sie im Halbschlaf nicht doch aufstehen sehen, und sich sogar verabschieden? War wahrscheinlich ohnehin nur ein Witz von ihm gewesen. Wie naiv war ich nur gewesen, dass ich geglaubt habe, er würde für mich ein Auto aufhalten.

Als ich vom Badezimmer zurückkam, das Wasser war heute nur kalt, aber dafür irgendwie umso erfrischender im Gesicht, war mir doch die Lust vergangen, noch an die 1000 Kilometer die ganze spanische Küste hinunter zu fahren. Allein nach Valencia waren es schon an die 300 Kilometer, und zurück musste ich ja auch irgendwie. Zuhause versäumte ich ja nicht viel, aber ich sollte irgendwann noch den Papierkram mit der Auto-Abmeldung machen, und ich stellte mir in diesem Moment auch vor, wie der Briefkasten wohl aussehen würde, vollgestopft mit Werbung oder vielleicht wichtigen Briefen. Sollte ich ihnen doch nachfahren oder gleich nachtelefonieren? Vielleicht waren sie ja in Wirklichkeit doch zusammen, und hatten mir nur was vorgespielt?

Ich beschloss, meine Sachen zusammenzupacken, zum Glück war die Wäsche, die ich notdürftig ausgewaschen hatte, über Nacht einigermaßen getrocknet. Die Leute hier waren ja ganz nett, aber geheuer war es mir immer noch nicht ganz, und ich verabschiedete mich mit sowas wie „Adios Amigos“, auf katalanisch wusste ich es natürlich nicht.

Am Strand von Barcelona hatte ich nach einer halben Stunde herumgehen eine ruhige Ecke gefunden. Ich legte mich in den Sand, die Schuhe hatte ich sowieso schon vorher ausgezogen, ein T-Shirt ins Gesicht und genoss die Sonnenstrahlen. Ich musste an diesen Traum von der U-Bahn von Wien bis nach Spanien denken. Vielleicht kam der ja daher, weil ich vor einiger Zeit eine Dokumentation über einen möglichen, mit Seilen verankerten Schwimmtunnel im Atlantik im Fernsehen gesehen hatte, wo man in einer Stunde von London nach New York mit einem Zug fahren konnte. Was passieren würde, wenn da ein U-Boot oder ein Wal dagegenknallte, wurde zwar nicht wirklich überzeugend dargestellt, aber wenn man sich die technische Entwicklung der letzten 100 Jahre anschaute, war es nicht wirklich weit hergeholt, dass es um das Jahr 2100 wirklich etwas in der Art geben würde. Und wenn, dann müsste es ja noch viel einfacher sein, so etwas an Land zu bauen. Wenn die da zumindest annähernd auf die Geschwindigkeit eines heutigen Linienflugzeugs kommen würden, und der Zug alle paar 100 Kilometer bei jeder größeren Stadt stehenbleiben würde, müsste man dann wirklich so schnell und einfach quer durch Europa fahren können wie heute nur durch eine Stadt.

Ich stellte mir vor, wie ich hier am Bahnhof in ein Untergeschoß ging, nachdem ich mir über mein Handy-Display, oder noch besser über eine in meine Sonnenbrille eingeblendete Anzeige eine passende Fahrkarte kaufte und dann Minuten später in einem konstant beschleunigenden Zug in einem halboffenen, vielleicht mit einem transparenten Material verkleideten Tunnel saß, bis wir wohl weit über 500 km/h erreicht hatten. Nach ein paar Halten waren wir in Malaga, und von dort dann etwa 10 Minuten und 100 Kilometer später in Gibraltar. Was würde es dort geben? Wahrscheinlich auch nicht viel mehr als eine Küste so wie überall, und wie ich das einmal auf Bildern gesehen hatte einen Gebirgszug und am Ende einen Leuchtturm. Dem Plan nach war das aber immer noch nicht das Ende von Europa, das war noch so etwa dreißig Kilometer weiter in Spanien. Wahrscheinlich würde dort auch nur ein Leuchtturm, eine Hinweistafel und irgendeine Touristenfalle sein.

Das war erst einmal genug Science Fiction für mich, und nachdem mir die Sonne schon etwas zu sehr heruntergebrannt hatte, obwohl ich ein T-Shirt trug, ging ich ein Stück weiter, neben mir die Hochhäuser, bis ich bei einem netten Strandcafe vorbeikam.

***

Am Bahnhof war mein Zug natürlich weg, und ich fand an diesem frühen Nachmittag, es musste der 6. Mai gewesen sein, momentan auch keine anderen sinnvollen Verbindungen. Ich war mir aber sowieso nicht sicher, ob ich in Richtung Tossa de Mar, also auch wieder Richtung Österreich, oder doch noch in die andere Richtung die Küste hinunterfahren sollte.

***

„Lloret de Mar“, sagte einer der Touristen, mit denen ich irgendwo zwischen dem Bahnhof und der Strandpromenade ins Gespräch gekommen war auf meine Frage, wo sie noch überall hinfahren wollten. Das war doch dieser Sangria-Sauf-Ort, kam mir eine Reportage darüber auf einmal wieder in den Sinn, eigentlich schon bei der Fahrt nach Barcelona mit dem Zug. Ich war mir nicht sicher, ob es eine britische Reisegruppe war, vielleicht auch eine amerikanische oder aus Gibraltar bis hierher gefahren, sie sprachen aber jedenfalls ein Englisch, das ich einigermaßen verstand. „You drive the car and we drink – deal?“ hatte ich zuerst für einen Spaß gehalten, aber wie wir dann tatsächlich bei seinem entlang der Promenade geparkten Auto waren, er mir den Schlüssel in die Hand gab und eine Ladung Bier aus dem Kofferraum holte, wusste ich, dass es keiner war. Wer säuft bitte schon am frühen Nachmittag? Jedenfalls kam ich auf diese Weise vorwärts, hatte die Gelegenheit, ein Unglück zu verhindern und es waren ja nur 70 Kilometer oder so. Wäre das eine von diesen Kurzgeschichten, die ich schon zuhauf von anderen gelesen hatte, dann würde der Hauptdarsteller in so einer Situation wahrscheinlich eine halbe Seite lang im Gedanken über sein Leben philosophieren, dann ganz selbstverständlich mit allen ins Meer oder in eine Felswand fahren, und die meisten würden dann, je nachdem, von wem die Geschichte war, auch noch schreiben, dass sie insgesamt sehr gelungen sei.

Die Gegend entlang der Nationalstraße bei der Küste kam mir bekannt vor, weil gleich daneben die Bahngleise verliefen. Kurz vor dem Ziel, hinter mir wurde ständig gegrölt und ich war eigentlich schon ziemlich davon genervt, war ich etwas irritiert, weil sich die Straßennummer änderte, aber den Wegweisern nach war ich noch richtig. Nummer 682 klang auch etwas nach dem Ende der Welt. Nach einem größeren Kreisverkehr sagten sie mir, wenn sie ruhig waren eigentlich noch recht zurechnungsfähig wirkend, wo ich einbiegen und dann stehenbleiben sollte. Auf den ersten Blick gab es scheinbar wirklich nur Hotels, Discos und Sauflokale, aber bei näherer Betrachtung sah die Stadt ganz interessant aus, so wie manche Orte in Italien, wo es auch eine Altstadt und nicht nur Hotels gab.

„Thanks for driving“, bedankte sich der eine bei mir, unsere Hände klatschten bei einem „Give me five“ aufeinander, und er wollte mich dann auch später noch auf etwas zu trinken einladen. Ich hatte Bilder von Jugendlichen, jedenfalls höchstens Zwanzigjährigen oder so vor Augen, die literweise Bier und Wein soffen und dann krampfhaft, angeblich aber oft mit Erfolg auf Aufriss gingen, oder auch gleich im Koma wo liegenblieben, dazu Musik, wo kaum jemand zugeben würde dass sie ihm gefiel oder die man sowieso nur in diesem Zustand wirklich lustig fand. Ich bin so schön, ich bin so toll ... Die sahen mir zwar doch schon etwas erwachsener aus, aber trotzdem war ich mir nicht sicher, ob ich ihre Einladung für heute um 8 am Abend annehmen sollte. Ich war mir ja nicht einmal sicher, ob ich heute hierbleiben sollte.

***

Eine Gießkanne Sangria um 10 Euro – von was lebten die hier bitte? Er hatte mir ein Bild von der Werbung geschickt, und dazugeschrieben, ob ich mich nicht in einer halben Stunde dort treffen wollte? Wollte ich, denn ich habe mich auf einmal wieder wie 20 gefühlt und Angst gehabt, etwas zu versäumen.

Wir klatschten uns in die Hände, und alle nahmen erst einmal einen vorsichtigen Schluck. Das Lokal war im Erdgeschoß eines dieser typischen spanischen Betonplatten-Einkaufszentren, zwei, drei Häuserblocks vom Strand entfernt, und der Gastgarten war langsam dabei, sich zu füllen. Auch wenn um mich herum mehrere verschiedene Sprachen zu hören waren, so dürfte das hier fast eher ein Insidertipp sein. Ich war nicht nervös, fast eher etwas gelangweilt und musste an diese deutschsprachige Saufparty-Musik denken, die ich einmal auf einer CD gehört hatte. Kam aber nicht, und wir hatten zu fünft tatsächlich schon die halbe Gießkanne ausgetrunken. Einer aus unserer Gruppe redete mit einer Frau, die sich herübergedreht hatte, und die beiden begrapschten sich etwas und wohl eher zum Spaß, sonst blieb es mir eigentlich erspart, peinliche Anbagger-Szenen zu beobachten. Obwohl, wie der Sangria fast leer war, wäre mir mit Hilfe meiner Bekanntschaften fast danach gewesen.

Irgendwann fand ich mich im Sand liegend wieder. Ich schaute mich um, vor mir das dunkle Meer mit leichten Wellen, am Horizont Ansätze der Morgendämmerung. Soweit ich das sehen konnte, war niemand bei mir in der Nähe, wie wir dann nach Mitternacht noch auf den Strand gegangen sind, haben die noch etwas zu trinken mitgenommen, und wir haben noch eine Art Strandparty gemacht. Später habe ich mich dann einfach in den Sand gelegt, kalt war es nicht wirklich, und wo die anderen jetzt waren, wusste ich nicht. Noch einmal laut lachend, auch wenn das trockene Gefühl im Mund schrecklich war, musste ich dann bald wieder weitergeschlafen haben. Zahlte sich doch nicht aus, jetzt noch nach einem Hotel zu suchen.

Als der Strand längst von grellem Sonnenlicht durchflutet war und mich die ersten Badegäste etwas komisch anschauten, stand ich schnell auf, packte meinen Rucksack, war echt froh dass nichts fehlte, zumindest nicht mein Geld, mein Handy und meine Ausweise, und schaute mich erst einmal nach einer Flasche Mineralwasser um, die ich sofort zur Hälfte austrank. Obwohl ich das Gelage nicht wirklich bereute und es auch ganz gut vertragen oder mich zumindest schon einigermaßen erholt hatte, freute ich mich jetzt wirklich schon darauf, wieder nach Hause zu kommen.

***

Mit einem Regional- und einem Nachtzug kam ich dann nach Zürich, wie wir die ersten Ausläufer der Alpen erreicht hatten, war es längst dunkel. Schlafen konnte ich kaum, weil das in einem fahrenden Zug eben etwas schwierig war. Viel Geld ließ ich nicht in der Schweiz, aber ich nahm mir, wenn auch leicht verschlafen, einen Vormittag für die Stadt Zeit.

Irgendwann, nachdem der Zug am späten Abend die österreichische Grenze passiert hatte, zum Glück hatte ich vorher daran gedacht, dass ich noch eine Fahrkarte nachkaufen musste, fiel mir ein, dass ich ja noch das Auto abmelden und ein paar Sachen klären sollte. Könnte ich ja dann morgen machen. Julia hatte auch geschrieben, sie war wirklich gerade in Paris und würde in zwei, drei Tagen nach Wien zurückkommen. Ich hatte dieses schreckliche Gefühl, etwas versäumt zu haben, wenn auch recht gedämpft, gleichzeitig war ich schon gespannt darauf, sie vielleicht auch einmal in Wien zu treffen und über alles zu reden. Ich wusste immer noch nicht, wie ich mich fühlen sollte, es war gemischt, oder doch leicht positiv. Vielleicht spielten auch die leichten Kopfschmerzen eine Rolle, die während der Fahrt langsam aufgekommen waren, obwohl ich an diesem Tag genug an der frischen Luft gewesen war. Ich schaute mir die Fotos an, die ich gemacht hatte, die Bilder von diesem Raum in Marseille, von diesem Platz in Barcelona, von der Bank in Venedig, all das ging mir nicht aus dem Kopf. Ich stellte mir vor, wie es dort genau jetzt in diesem Moment aussah. Bald erreichten wir Linz, Amstetten, Sankt Pölten – Wien Westbahnhof. Kurz den Prellbock betrachtend, der das absolute Ende des Gleises markierte, ging ich durch die Halle in die kühle Nacht hinaus.
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BeitragVerfasst am: 13.02.2008, 23:28    Titel: Antworten mit Zitat

Sie hören von uns

Ich setzte mich auf eine Parkbank am Rande dieses Platzes und beobachtete die Balzrituale der Stadttauben. Nachdem es doch, obwohl der große Baum neben mir viel Schatten spendete, ziemlich heiß geworden war, zog ich das Hemd aus der Hose und krempelte diese dann etwas nach oben. Auf einer anderen Bank saßen zwei wahrscheinlich obdachlose Männer und soffen Bier, auf der ein paar Meter rechts neben mir ein Mann mit Anzug, der gerade telefonierte und eine Zeitung neben sich liegen hatte. Gut, dass ich doch eine Flasche Wasser mitgenommen hatte, auch wenn sie jetzt schon etwas warm geworden war.

Warum ich bei meiner letzten Firma weggegangen bin, hatte mich die perfekt gekleidete Dame mit dem Namensschild gefragt, nachdem ich in den Besprechungsraum gebeten worden war. Was hätte ich denn sagen sollen, dass sie wahrscheinlich bemerkt haben, dass ich den Job nicht ewig machen wollte, nur so lange es nötig war? Oder was ich machen würde, wenn ich mir die ideale Arbeit aussuchen könnte. Ja klar, dann wäre ich gern ein berühmter Schriftsteller, sagen wir nicht unbedingt so berühmt wie die auf den Bestsellerlisten, aber so sehr, dass bei einer Lesung 100 Leute meine Texte gut fanden, und ein paar was herumzunörgeln hatten – immer nur gelobt werden wäre ja auch langweilig. Natürlich wäre das die falsche Antwort gewesen, genauso wie wenn ich auf dem Arbeitsmarktservice gesagt hätte, dass mich das überhaupt nicht anspricht, was sie mir als verpflichtendes Stellenangebot mitgegeben hatten. Um was es bei der Stelle genau gegangen wäre, haben sie mir bei diesem Vorstellungsgespräch überhaupt nicht gesagt, zumindest habe ich nicht mehr erfahren, als ich ohnehin schon vorher aus der Stellenbeschreibung gewusst habe. Betreuung unserer Webseiten, etwas Berufspraxis im EDV-Bereich von Vorteil – hätte sich garnicht so schlecht angehört. Egal, dachte ich mir, wahrscheinlich würde sie heute sowieso noch mindestens 10 andere Bewerber einladen. Wer da bei einer Frage keine zufriedenstellende Antwort geben konnte, war sowieso schon weg vom Fenster. Wie hatte ich damals eigentlich nur diesen Job gefunden, nachdem ich da auch vorher bei etlichen solchen Gesprächen gewesen war?

Ich musste an das andere Vorstellungsgespräch vor ein paar Tagen denken. Da hat schon die Beschreibung schon überhaupt nicht gepasst, aber es war ein verbindliches Stellenangebot, sonst hätte es Ärger gegeben, wenn ich das gleich abgelehnt hätte. Laut der Fahrplanauskunft hätte ich mindestens 1 Stunde 15 hingebraucht, vorausgesetzt natürlich, der Bus würde nicht davonfahren und ich eine Viertelstunde auf den nächsten warten müssen. Mit dem Fahrrad war ich dann auch nicht viel schneller. In diesem kleinen Raum mit dem Ladentisch, auf dem ein Aschenbecher und eine etwas vernachlässigt wirkende Zimmerpflanze standen und auf der Wand gegenüber ein Kalender mit Nacktmodels und einem Firmenlogo hing, musste ich ein paar Minuten warten, bis jemand vorbeikam, und dann noch ungefähr 10 Minuten auf den Chef. Dieser, leicht übergewichtig und recht direkt, fragte mich dann nach ein paar oberflächlichen Höflichkeiten in einem kleinen Besprechungsraum, der etwas an einen Vorbau bei einem Kleingartenhaus erinnerte, ob ich denn gut hergefunden hätte. Schon nach seiner Frage nach Erfahrungen mit irgendwelchen Computer-Komponenten, die ich nur dem Namen nach kannte, wurde sein Nein deutlich, und ich wurde wenigstens nicht mehr weiter ausgefragt. Meine Nervosität hatte sich schon gelöst, als er noch etwas von in Evidenz halten erzählte und wir uns mit oberflächlichen Höflichkeiten rasch wieder verabschiedeten. Draußen stand ich in einer menschenleeren Welt, und wenn nicht in einiger Entfernung die Autobahn dröhnen und ab und zu ein Lastwagen vorbeifahren würde, würde man es hier wohl nicht so schnell bemerken, wenn alle verschwunden wären.

Vielleicht würde ich am Nachmittag noch irgendwo hin fahren wo es schattig war, aber vorher wollte ich lieber so schnell wie möglich nach Hause fahren, die Sachen hier ausziehen und noch was essen. Ich schnallte den Rucksack um, stieg auf mein Fahrrad und wartete an der Radweg-Kreuzung, bis die Kolonne zum Stillstand kam und es grün wurde. An der nächsten Kreuzung mit einer Seitenstraße war die Ampel gerade am Umspringen, aber es ging sich noch irgendwie aus. Genau in diesem Moment sah ich auf einmal auf der anderen Straßenseite die Polizei, und ich wurde kurz nervös, könnte doch schon eine halbe Sekunde rot gewesen sein. Als ich mich in diesem Moment umdrehte, beobachtete ich, wie hinter mir noch zwei Autos die Kreuzung passierten. Der Streifenwagen war schon lange weg.

Nachdem ich zuhause geduscht, mir andere Sachen angezogen und geschaut hatte, was noch zu Essen da war, meldete sich Julia. Sie hatte am Nachmittag Zeit und wollte sich mit mir treffen, vielleicht auf der Donauinsel.

***

„Hast du deinen Reisebericht schon fertig?“, fragte Julia leicht naiv.
„Ja, so ungefähr, ich habe eine Geschichte draus gemacht und das ins Internet gestellt.“
„Und wie war die Kritik?“
„Einer hat gesagt, er hat nach einer Seite zu lesen aufgehört, jemand sagt, dass der Ansatz gut ist, aber die Umsetzung nicht so gelungen, dann wieder wer dass da zu viel Gejammer drin ist oder überhaupt alles Mist und unglaubwürdig, und dann hat noch jemand alle gefundenen Schreibfehler aufgelistet und irgendwann in der Mitte aufgehört.“
„Oh, naja.“
„Ja egal, das war eigentlich nur die erste Version, das kommt halt heraus, wenn wenn man was zu voreilig veröffentlicht.“
„Weißt du schon, was du weiter machen willst?“

Wir setzten uns auf die niedrige, breite Betonmauer, hinter uns die Donau, während zwei Skater vorbeifuhren.

„Was sagen die beim Arbeitsmarktservice?“, fragte Julia.
„Ach, ich glaube, ich pfeif wirklich langsam drauf.“
„Von was willst du dann leben?“
„Mir fällt schon was ein, vielleicht etwas Selbstständiges. Außerdem habe ich jetzt vielleicht eh was, ist aber noch nicht sicher.“

***

Gleich beim Eingang des Einkaufszentrums wurde ich angequatscht, es war wahrscheinlich eine Studentin, ob ich nicht ein Gratis-Zeitungsabonnement wollte und bei einem Gewinnspiel mitmachen. Ihre Kollegin, mit einem Piercing auf der Nase, saß hinter einem kleinen Tisch und telefonierte laut, so wie es sich anhörte, schon länger mit ihrem Freund.

„Ich werde mir das überlegen und komme dann vielleicht wieder“, sagte ich ganz ruhig und ohne stehenzubleiben. Ihr Redeschwall brach plötzlich ab. Wortlos und sie nun einfach ignorierend, ging ich rasch durch den Gang weiter, der mit einer Mischung aus Kaffeeduft, Zigarettenrauch und Schokolade erfüllt war. Eine Zwischentür weiter war ich am Ziel. Ich überlegte, was ich heute am Nachmittag noch machen könnte, nachdem mich ein Kunde nach etwas gefragt hatte. Länger als zwei Wochen ging das hier jetzt schon gut. Heute würde wieder eine Lieferung Bücher, DVDs und dergleichen kommen, die ich dann bis zu Mittag einräumen musste.

Es könnte noch ein schöner Tag werden.
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BeitragVerfasst am: 13.02.2008, 23:30    Titel: Antworten mit Zitat

Anhang
Straßenbahn ans Ende der Welt

Als ich um die Ecke ging, war vor mir wieder ein Gang, der scheinbar einige hundert Meter lang war. Während auf der rechten Seite eine Reihe von Türen waren, neben denen Ziffern aus Kunststoff an der Wand befestigt waren, erstreckte sich links eine Reihe von Schiebefenstern, die wohl aus natureloxiertem Aluminium bestanden. Man sah auf eine Art Innenhof, der wohl ein mit Kies bedecktes Flachdach war - vor Allem aber auf Hauswände, die sich irgendwo im Nebel und zwischen den Wolken verloren. Nur wenige der Fenster waren beleuchtet.

Vielleicht hätte ich doch wieder ins Erdgeschoß gehen und noch einmal die Orientierungstafel studieren sollen. Dort waren doch auch ein paar Leute, und ein Portier - oder nicht? Vielleicht war ich ja auch viel zu früh dran, oder viel zu spät. Wie spät war es eigentlich?

Ich hatte erst einmal gar nicht probiert, eine der Türen zu öffnen, weil sie wahrscheinlich sowieso verschlossen waren. Auch bemerkte ich, dass die Ziffern anscheinend nicht auf das Stockwerk hindeuteten - in vielen Gebäuden sind ja die Räume im vierten Stockwerk mit 401, 402 und so weiter beschriftet, sondern fast immer irgendwelche langen Zahlenreihen waren.

Neben einem verschlossen Raum zweigte ein kurzer, nur wenige Meter langer Gang ab, an dessen Ende sich die metallisch glänzenden Türen eines Aufzugs befanden. Mir war ja immer noch nicht ganz klar, was ich hier machte. Ich war doch schon längst mit der Schule fertig geworden, vor über einem Jahrzehnt. Seither mussten auch einige Dinge umgebaut worden sein. Trotzdem war ich nervös, weil ich schon längst in meiner Klasse sein sollte. Vielleicht sollte ich erst einmal in die gehen, die ich zuletzt besucht hatte?

Während ich überlegte, was genau ich auf der Bedienungstafel eingeben sollte, war auf einmal ein Geräusch zu hören, das langsam immer lauter wurde. Rasch wurde mir klar, dass ich soeben aufgewacht war.

Ich gähnte und streckte mich, während ich durch das Fenster die morgendlichen Sonnenstrahlen sah.

"Aus!", schrie ich und drückte auf die Taste, welche den Ton beendete. "9 Uhr Kurs" stand in der Anzeige.

***

Ein Zug der Straßenbahnlinie 49 fuhr in die Station, wenige Leute stiegen aus und viele ein. Ich hatte etwas zu wenig Schlaf gehabt, aber ich würde wohl mehr als rechtzeitig dort sein. Ich entwertete meinen Fahrschein, hielt mich an der Griffstange fest und beobachtete etwas das Treiben auf der Straße. An der nächsten Haltestelle wiederholte sich dieser Fahrgastwechsel, so dass jetzt kaum noch Platz war.

Da ich für ein paar Momente geistig abwesend war, bemerkte ich erst jetzt so wirklich, dass die Straßenbahn nun fast leer war. Bei der Umsteigehaltestelle zur U-Bahn stiegen ja immer sehr viele aus, zumindest fast immer, wenn ich hier fahre. Für mich zahlte es sich kaum bis gar nicht aus, da es einfacher war, noch ein paar Haltestellen weiter bis zu meinem Kursinstitut zu fahren.

Plötzlich bog der Zug jedoch über ein Verbindungsgleis, dessen Weiche der Fahrer wohl gerade umgestellt haben musste, auf eine andere Strecke ab. Das musste die Linie 10 sein, über welche die Straßenbahn möglicherweise in die Remise eingezogen wurde. War da nicht auch gerade eben eine Durchsage? Als ich kurz nach hinten sah, sah ich auf den Sitzreihen bei der mittleren Tür noch ein paar Leute sitzen. Jemand las eine Zeitung, jemand telefonierte und jemand sah etwas gelangweilt aus dem Fenster. Es würde also schon seine Richtigkeit haben, und auf dieser Strecke würde ich auch irgendwie und gerade noch rechtzeitig ans Ziel kommen. So stand ich also dann doch nicht auf, um rasch den Druckknopf neben der Tür zu drücken.

Bei der nächsten Haltestelle wurde der Zug nur kurz langsamer, um dann gleich wieder zu beschleunigen und weiter zu fahren. Wahrscheinlich wollte niemand ein- oder aussteigen. Nach einer Fahrt durch fast menschenleere Straßen und dem Überqueren einer Kreuzung bog der Zug über ein abzweigendes Gleis noch einmal in eine Seitengasse ein. Sie wirkte fast eher wie eine Grundstückseinfahrt, die auf einer Seite von einem Holzzaun, auf der anderen von einem typisch vorstädtischen, wohl um 1960 gebauten Wohnhaus begrenzt war. Der Gehsteig verlor sich bald zwischen Sand und Schotter und ein paar Disteln und kleinen Bäumchen, die hier wild wuchsen.

Der Mann blätterte noch immer in seiner Zeitung, die Frau las wohl noch ein paar SMS-Nachrichten, während der dritte Fahrgast, den ich noch in diesem Waggon sehen konnte, mittlerweile aufgestanden war und abwechselnd auf beiden Seiten durch die Fenster schaute.

An der nächsten Haltestelle, wo es außer einigen parkenden Autos, etwas abgewohnten Häusern, einem unscheinbaren Geschäftseingang und diesem unbebauten Grundstück auf der anderen Seite nicht viel zu sehen gab, stiegen schließlich alle drei aus. Es gab keine Ansage, wahrscheinlich funktioniert die nicht, wenn ein Zug außerplanmäßig eingezogen wird. Ich wurde etwas nervös, weil ich mich in dieser Gegend momentan nicht auskannte - in der Nähe des Betriebsbahnhofes, von wo aus ich dann weiter wusste, waren wir jedenfalls noch nicht.

Es ging weiter durch diese Straße mit etwa fünfstöckigen Wohnhäusern. Bei manchen sah die Fassade modern aus, deshalb war wohl kein Straßenname zu lesen, weil das Schild nach der Renovierung nicht mehr montiert worden war, bei manchen schmutzig grau und hässlich. Zusammen mit dem heutigen grauen Himmel und dem leichten Nebel, der sich noch nicht ganz gelichtet hatte, bildete alles eine Einheit.

Die Straßenbahn fuhr weiter und hatte mittlerweile eine Kleingartenanlage und ein paar freistehende zweistöckige Häuser passiert, während sich auf der anderen Seite ein Feld auftat. Hinter einer kleinen Baumreihe an dessen anderem Ende konnte man eine Industrieanlage erahnen. Noch eine Haltestelle tauchte auf, die aus einer Art Bahnsteig aus rissigem Asphalt bestand, welcher von üppigem Hagebutten- und Brombeerstrauchgebüsch umgeben war. Ein schmaler Fußweg am vorderen Ende führte irgendwohin. Der Zug wurde langsamer und schien für eine Sekunde fast anzuhalten, beschleunigte aber gleich wieder mit einem leichten Ruck.

Ich beschloss, an der nächsten Haltestelle auszusteigen, wo auch immer ich jetzt genau war. Ich drückte den Druckknopf, drückte ihn fest und mehrmals, so wie bei diesen Fußgängerampeln, obwohl man ja weiß, dass es dadurch auch nicht schneller geht. Eine Station sah ich erst einmal nicht.

Die Schienen führten weiter, zuerst durch einen leichten Einschnitt im Gelände, dann über einen Bahndamm. Es ging auch ziemlich flott dahin, so dass mich das, obwohl es eben vereinzelt solche Strecken gibt, an eine Fahrt mit dem Regionalzug erinnerte. Wie schnell kann so eine Straßenbahn eigentlich fahren? 70 km/h, 80, 90?

Während durch die linke Fensterreihe noch das Industriegebäude und ein paar Häuser zu erkennen waren, näherten wir uns einem Waldstück. Bald kreuzte ein unbefestigter Waldweg die Strecke, der noch vom letzten Regen stellenweise etwas unter Wasser stand. Rechts neben der Strecke tat sich ein kleiner See auf. Längst war ich aufgestanden und hatte in alle Richtungen durch die Fenster geschaut. Ich hätte doch aussteigen sollen, spätestens, wo die drei anderen ausgestiegen sind. Oder ich hätte nach vorne in den Triebwagen gehen sollen und fragen.

Der Straßenbahnzug wurde wieder etwas langsamer. Der Wald lichtete sich etwas, während sich entlang einer kleinen Straße, über welche die Strecke jetzt führte, einige Häuser aufreihten, fast eher Hütten.

Noch langsamer.

Er hielt an.

Er fuhr nicht weiter. Die Tür, bei der ich den Knopf gedrückt hatte, faltete sich an ihren Gelenken zusammen und öffnete sich. Ich zögerte kurz, doch dann, ich war gerade in der Mitte zwischen einem anderen Ausgang und dieser Tür, stieg ich aus. Fast hätte sie sich wieder geschlossen, doch der Lichtschranken ließ sie wieder aufgehen.

Die Haltestelle war, so wie alle anderen, zwar mit "Straßenbahn Haltestelle" beschildert, aber es war kein Name der Station zu lesen und es gab auch keinen Fahrplan. Es sah so aus, als ob es das alles hier irgendwann einmal gegeben hätte, aber es war schwer zu sagen, ob es erst seit kurzer Zeit oder schon seit Jahren fehlte. Die Gleise führten noch ein kurzes Stück weiter geradeaus und machten dann einen Schwenk nach links, wo sie dann im Gebüsch verschwanden. Es könnte eine Umkehrschleife sein, aber welche? Es war etwas kalt, aber erträglich, und der Himmel war immer noch grau.

Außer mir war scheinbar niemand ausgestiegen. Die rot-weiß lackierte Straßenbahn stand einige Meter neben mir und schien mit der Abfahrt noch etwas zu warten. Ich zögerte noch etwas, ging dann schließlich doch auf den vorderen Waggon zu - doch als ich den Türtaster drücken wollte, erlosch gerade das Licht und der Zug fuhr los. Leicht quietschend bewältigte er die Linkskurve, bis nur noch das Rot zwischen den Ästen und Nadelbäumen hervor blitzte. Jetzt gab es niemand mehr, den ich hätte nach dem Weg fragen können.

Mit einer leichten Anspannung in der Magengegend ging ich schnellen Schrittes weiter geradeaus die Straße entlang, die sich nach einer Kreuzung mit einem anderen, vielleicht 3 Meter breiten, erdigen Weg nun ohne Straßenbahnschienen fortsetzte. Sollte ich vielleicht versuchen, jemand in einem der paar kleinen Häuser zu fragen, statt einfach hier weiter zu gehen? Sie sahen aber ohnehin eher verlassen aus. Die Straße wurde zu einer Sackgasse, die Fahrbahn hörte als rissiger, mit Moos und Löwenzahn bewachsener Asphalt auf und es blieb nur noch der schmalen Gehsteig. Doch zwischen dem niedrigen Bewuchs in der gedachten Fortsetzung der Fahrbahn, vielleicht war es auch einmal eine gewesen, schien ein Stück Metall zu liegen, und parallel dazu noch eines.

Zuvor nur durch einen Baum und dichtes Buschwerk zu erahnen, stand ein Zug auf den Schmalspurgleisen. Eine kleine Lokomotive war an zwei kleine Waggons angekoppelt, die zwar recht gemütlich wirkende Sitzgelegenheiten boten, aber durch die teilweise offene Seitenverkleidung wohl nur notdürftigen Schutz bieten würden, wenn es regnete oder kalt war. Der Zug hatte sich seiner Umgebung angepasst und war sehr leise, es war auch nicht zu erkennen womit er eigentlich fuhr, vielleicht ja mittels durch die Schienen geleiteten Strom, aber man konnte ihm ansehen, dass er jeden Moment abfahren würde.

Als ich vorne bei der Lokomotive jemand von einer Sitzbank aufstehen sah, die etwas zurück versetzt zwischen den Bäumen des Waldes stand, lief ich zu ihm nach vorn. Ich musste weiter, das wusste ich, und außer diesem Gefährt hier schien es keine Möglichkeit dazu zu geben. Auf dem Dach dieses Fahrzeuges glaubte ich eine schwarze Liniensignalscheibe wie vorhin bei der Straßenbahn zu sehen, aber ich hatte erst einmal keine Zeit, noch einmal nachzusehen.

"Kann ich mit dem Fahrschein hier weiterfahren?", fragte ich durch das geöffnete Fenster und zeigte dem Lokomotivführer meinen Fahrschein aus der Straßenbahn.
"Heute schon", sagte er sehr knapp, um dann gleich durch eine Art Trichter, was in den angehängten Waggons durch einen Lautsprecher zu hören war, "Einsteigen bitte, Zug fährt ab!" durchzusagen.

Ich lief ebenso schnell wie zuvor zum nächsten Waggon, öffnete die halbhohe Tür, um dann auf einer schmalen Bank Platz zu nehmen. Nach einem Pfeifton setzte sich der Zug in Bewegung. Hatte ich da im hinteren Waggon jemand gesehen? War das wirklich immer noch die Kernzone? Vielleicht ja nur heute, weil es eine Umleitungsfahrt war?

Nach einer leichten Biegung traf der Gehweg auf einen Damm, um dort abrupt an einer leicht von Moos bewachsenen Betonmauer zu enden. Man konnte nicht sehen, ob da oben eine Straße, eine Bahnstrecke, ein Lagerplatz oder was auch immer war. Nur das Bahngleis, es war eine eingleisige Strecke, setzte er sich in einer längeren Unterführung mit glatten Betonwänden fort. Beleuchtung gab es keine, aber es war nicht wirklich dunkel und man konnte am anderen Ende das Tageslicht sehen.

Am Ende des Tunnels führte die Strecke über eine leichte Biegung ein Stück über einen Bahndamm, um dann auf eine Brückenkonstruktion überzugehen. Man konnte nicht genau sehen, ob sie jetzt aus Holz, Metall oder doch aus Beton- oder Steinteilen war. Wir überquerten ein weites Tal, links und rechts der Strecke war weites Grasland mit ein paar vereinzelten Bäumen zu sehen, am Horizont lag auf den Gipfeln der Berge, die unten dicht mit Nadelbäumen bewachsen waren, etwas Schnee. Trotz des bewölkten Wetters und des Windes, der etwas in den halboffenen Waggon eindrang, war mir nicht wirklich kalt.

Als der Zug fast am Ende des Talübergangs war und nun durch eine felsige Landschaft mit ein paar Birken und Föhrenbäumen fuhr, schaute ich auf die Uhrzeitanzeige auf meinem Telefon. Ich hatte noch 12 Minuten Zeit und konnte es immer noch schaffen. Ob ich es mit der Fahrplanauskunft oder sonst was probieren sollte? Aber was sollte ich sagen, wenn ich mir nicht einmal sicher war, auf welcher Linie ich gerade war?

Nach einer Weile ohne Zwischenhaltestelle, es gab aber auch keine Häuser oder irgendwelche Punkte, wo eine sinnvoll gewesen wäre, schienen wir langsamer zu werden.

Noch langsamer.

Wie hielten an.

"Endstation, bitte alle aussteigen", sagte der Fahrer durch den leicht krächzenden Lautsprecher kurz und knapp durch.

Ich öffnete die Tür und trat auf einen Bahnsteig, der aus verwitterten Holzbrettern bestand. Aus dem hinteren Waggon war tatsächlich auch gerade jemand ausgestiegen und ging hastig an mir vorbei.

"Entschuldigen Sie...", wollte ich ihn sofort fragen, bekam aber nur ein "Leider keine Zeit, ich muss weiter" zu hören, ohne dass er stehen geblieben wäre. Zielstrebig ging er über einen erdigen Weg auf ein Gebäude zu, das vielleicht 50 Meter entfernt war.

Weiße Schriftzeichen auf einem roten Querbalken verkündeten offenbar einen Stationsnamen. Die Klebebuchstaben waren aber halb heruntergerissen und verwittert, nur so etwas wie "Ende" war zu lesen. Neben dem Eingang ging es noch ein paar Meter weiter, bis ich vor einem Abgrund stand. Eine Steilküste trennte mich vom Meer oder zumindest einer sehr großen Wasserfläche, die Morgensonne schien wie gemalt zusammen mit ein paar Wolken am Himmel fest zu hängen, und der Horizont kam mir vor, als ob er in ein paar Kilometern von hier da draußen tatsächlich mit der Wasserfläche zusammenstoßen würde.

Neben dem Eingang war ein Übersichtsplan über die U- und S-Bahn-Linien aufgehängt. Am Ende des Ganges, neben den Fahrkartenautomaten in der Wand, fragte ich einmal beim besetzten Vorverkaufsschalter nach.

"Sie wollen weiter? Da hätten Sie aber heute aussteigen und mit dem nächsten Zug geradeaus weiterfahren müssen, wie es durchgesagt worden ist. Aber wenn Sie dann mit der Linie 50 gefahren sind, können Sie mit der U-Bahn weiterfahren."

Ich bedankte mich kurz für die Auskunft und warf einen Blick zurück. "50" konnte ich auf der Signalscheibe des gerade abfahrenden Zuges lesen, die weiße Beschilderung darunter bewegte sich allerdings gerade um die Ecke.

Dem links im rechten Winkel anschließenden, mit Beton, weißen gelochten Metallpaneelen und Marmorplatten ausgestalteten Gang folgend, sah ich vor dem Abgang zum Bahnsteig einen auf zwei dünnen Ketten montierten Wegweiser von der Decke hängen. "Bildungsinstitut".

Nachdem ich noch ein paar wenige Minuten Zeit hatte, machte ich mit dem rechten Fuß eine Drehung und eilte den abzweigenden Gang weiter. Er mündete im Eingangsbereich eines Gebäudes, das etwas an eine Markthalle oder an ein Einkaufszentrum in Plattenbauweise erinnerte.

Ein paar Leute saßen auf den Bänken am Rand neben den Topfpflanzen, andere gingen kreuz und quer durch die Halle oder studierten die Aushänge.

"Entschuldigen Sie", fragte ich spontan den Herren in dem Bereich, der einer Hotel-Rezeption ähnelte, "wo..."
"Fahren Sie mit dem Aufzug in den 5. Stock, da sollte dann ein Aushang über die neuen Kurse sein."

Ich wollte schon "aber...?" sagen, sagte dann aber lieber doch nur kurz "danke", ging weg und sah mich kurz um. Gerade öffneten sich die Türen des Aufzugs, und ich stieg ein und drückte auf die Taste "5". Wir hielten noch kurz im 3. Stock an, bis ich schließlich im fünften ausstieg.

Ich warf einen Blick auf die Uhrzeit-Anzeige meines Handys, welche gerade auf 8 Uhr 59 gesprungen war, und suchte vergeblich nach einem Aushang, wo etwas über meinen Kurs stehen könnte. Eine Frau mit einer Mappe unter dem Arm schritt gerade den Gang entlang, ich fragte sie, weil ich mich weder mit den Raumnummern zurechtfand, noch irgendwo stand, in welchen Raum ich musste."

"Ach ja", kannte sie meinen Kurs sofort, "das ist auf Zimmer 23223."
"Und was bedeuten die Raumnummern überhaupt?"
"Das hat sich der Institutsleiter so ausgedacht, und außerdem soll es Einbrecher verwirren. Also ich helfe Ihnen, die ersten beiden Ziffern haben immer eine besondere Bedeutung, und die dritte auch. Ich muss dann weiter", sagte sie noch und verschwand.

Wieder mit diesem Gefühl in der Magengegend und einer gewissen Ahnung, ging ich über das Treppenhaus, welches mir gerade neben dem Aufzug aufgefallen war, in das Stockwerk darunter. Die erstbeste Raumnummer, die ich sehen konnte, war 31204.

Ich zappelte etwas mit den Fingern, verzerrte mein Gesicht, überlegte - bis es klar war. 3 plus 1 ist 4, vierter Stock - ich lief die Treppe wieder nach oben - genau, 2 plus 3 ist 5, fünfter Stock, und 200 war wahrscheinlich immer gleich. Vor mir 23211, daneben 23212, in der Mitte durch eine Fensterfront getrennt ein Innenhof, also in der Richtung weiter.

Die besagte Tür stand offen, und drinnen gab es drei ungefähr zur Hälfte gefüllte Sitzreihen. Die Kursleiterin bemerkte mich, ich erwiderte es mit "Guten Morgen!", und nachdem noch jemand bei der Tür hereingehuscht war, meinte sie dann, dass wir dann jetzt komplett wären und anfangen könnten.

***

Nach dem Kurs, es war am frühen Nachmittag, wollte ich mir noch ein bisschen dieses Gebäude anschauen. Etwas schwierig war es schon, sich hier zurecht zu finden. Was machten die hier nur bei einem Feueralarm? Um die Ecke gegangen, lag vor mir wieder ein Gang, der scheinbar einige hundert Meter lang war. Auf der rechten Seite gab es eine Reihe von Türen, während sich links eine Reihe von Schiebefenstern erstreckte. Draußen konnte man in einen Innenhof sehen, an deren gegenüberliegender Seite sich eine schier endlos hoch wirkende Häuserwand erstreckte.

Wo war eigentlich die Treppe, die in den vierten Stock und weiter hinunter führte? Ich ging erst einmal den Gang entlang und entdeckte einen weiteren Aufzug.

"E, EG, P, 0" und noch ein paar andere Zahlen und Beschriftungen standen auf der Bedientafel im Inneren, nachdem sich nach einem Druck auf die Taste mit "Ab" die Türen geöffnet hatten. Vielleicht war ja EG ein Zwischengeschoß, E das wirkliche Erdgeschoß und P ein Hochparterre? Und was ist dann Null, der Keller?

Hmm, also Experimentell, Erdgeschoß, Pince, was im Ungarischen Keller bedeutet, und Null ist nichts. Ich probierte es mit EG, woraufhin sich die Liftkabine Momente später in Bewegung setzte. Als sich die Türen leicht quietschend wieder öffneten, stand ich wieder in der Halle. Ich sah mich etwas um und ging dann wieder zu dem Gang, über den ich gekommen war. Ich würde am besten so wieder zurückfahren, zwar hatten die paar Straßenbahnstationen auf dem Plan recht einfach ausgesehen, aber hier war es wohl doch einfacher.

Es gab ein paar U-Bahn-Stationen, in denen nicht viel los war, aber in dieser war ich sicher noch nie gewesen. Der Beschriftung nach stimmte die Richtung jedenfalls, wenn ich über diesen Abgang weiterging. Ich schob den Fahrschein, den ich noch hatte, in den Entwerter und ging weiter.

"Die Fahrausweise bitte", sagte ein Mann, der zwei Meter nach dem Durchgang mit den Entwertern an einem Geländer am Rand lehnte. Ich zeigte ihm meinen gerade entwerteten Fahrschein, den ich eigentlich gerade in meiner Hosentasche verstauen wollte.

"Danke, aber der gilt hier nur, wenn Sie mindestens drei Stichwörter wissen."
"Was für Stichwörter?", fragte ich verwundert nach.
"Na Sie sollten ja jetzt gebildet sein, da werden Sie ja sicher die Stichwörter wissen."

Mich fragend, was das sein sollte, freundete ich mich schon mit dem Gedanken an, es doch wieder mit dieser Linie 50 zu versuchen, wenn sie noch fuhr, oder nach einem Ausgang zu der Straßenbahn-Haltestelle zu suchen, über die ich eigentlich hier her fahren wollte.

Ich klammerte mich an das Geländer mit dem Entwerter und überlegte etwas.

"Messer, Spitze, Nadel?", sagte ich etwas unsicher.
"Bitte, Ihr Fahrschein", sagte der Kontrolleur und gab mir diesen zurück.

"Danke!", antworte ich zufrieden und folgte der nach unten führenden Treppe.
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Schöne Grüße - Markus
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TheFab
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BeitragVerfasst am: 20.04.2008, 17:25    Titel: dein 1. Kapitel Antworten mit Zitat

Hallo!

Also bisher habe ich nur dein 1. Kapitel durchgelesen... mir ist aufgefallen, dass du an einigen Stellen übermäßig lange Sätze benutzt. Deine Schilderungen sind zwar ganz nett, aber zeitweise ziemlich eintönig und uninteressant. So richtig gefesselt an dem was ich da gelesen habe, war ich nun wirklich nicht. Sicher, ein paar Dinge im Text treffen womöglich durchaus auf den Alltag zu. Aber nach einigen Abschnitten habe ich mich dazu hinreißen lassen, ein paar der Zeilen zu überfliegen und nicht wirklich zu lesen.
Ich habe also nur ein paar der Textstellen wirklich gelesen. Die Handlung selbst war eher uninteressant und wirkte nur "dahergeschildert".
In weiweit die anderen Kapiteln mit diesem zusammen hängen, habe ich noch nicht erforscht.

Für mich persönlich war das 1. Kapitel unglaublich lang. Viel zu lang. Und nach einiger Zeit verging die Lust ans Weiterlesen... Ereignisreich war der Text wirklich nicht.

Naja, vielleicht kannst du mit dem Kommentar nichts anfangen. Aber ich als Leser des Textes habe es so empfunden. Mit den Augen rollen
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MfG,
TheFab
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BeitragVerfasst am: 20.04.2008, 19:42    Titel: Antworten mit Zitat

Danke für die Kritik, obwohl es den Text jetzt schon länger gibt, habe ich (auch anderswo) insgesamt noch nicht viele Kommentare bekommen. Vielleicht habe ich den Text womöglich hauptsächlich für mich selber geschrieben, es gibt jedenfalls autobiografische Elemente, aber dass das erste Kapitel eintönig sein soll und noch keine wirkliche Handlung hat, ist ziemliche Absicht.

Sicher, vielleicht ließen sich manche Stellen noch kürzen so dass die Aussage trotzdem noch erhalten bleibt, aber ich werde es wohl weitgehend so lassen.
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Schöne Grüße - Markus
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