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Haikiki


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zorro
Buch
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Anmeldedatum: 16.01.2008
Beiträge: 743
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BeitragVerfasst am: 04.03.2008, 17:42    Titel: Haikiki Antworten mit Zitat

Haikiki (V. 3.3)



No future in the future






An der Rezeption nahm Carlos den Schlüssel entgegen und machte sich auf in Richtung siebter Stock, Zimmer 797. Er ging den Gang entlang, zwischen Zimmern, die sich unpersönlich nummeriert in regelmäßigen Abständen links und rechts befanden. Ein makelloser Spannteppich mit exotischen Motiven dämpfte seinen Schritt. Wohin Carlos auch sah, alles war sauber, fast schon steril. Kein Mensch war zu sehen, aus keiner Türe drang ein Laut. Spärliche Möbel standen blitzblank geputzt und sorgsam aufgeräumt in einer Ecke. Zwischendurch gelangte er an eine Glastüre, hinter der sich wieder gleich aussehende Gänge im rechten Winkel verzweigten.
Carlos glaubte wohl zu wissen, wo sein Zimmer lag, und so wähnte er sich auf dem rechten Weg, doch es fiel ihm zunehmend schwerer, sich zurechtzufinden. Irgendwann fiel Carlos auf, dass der Gang kein Ende nehmen wollte ... Als er sich umdrehte war die Rezeption verschwunden, hinter all den Ecken, die er inzwischen passiert hatte. Beim besten Willen hätte er nicht mehr sagen können, wo die junge, sympathische Frau zu finden war, die ihm vorhin den Schlüssel ausgehändigt hatte. Es gab kein Zurück mehr ...
Nach dem Gang kam ein Lift, mit dem er fast geräuschlos einige Stockwerke fuhr. In einer der wenigen Sitzecken saß ein Mann, der gelangweilt in einer Monatszeitschrift blätterte. Danach ging es weiter durch eine der Glastüren, die alle gleich wirkten. Deshalb fiel es Carlos nach einiger Zeit schwer, zu beurteilen, ob er hier nicht schon einmal ge­wesen war. Gang reihte sich an Gang, gelegentlich unterbrochen von einer der stets gleich aussehenden Glastüren, und selbst der Lift schien Carlos seinem Zimmer nicht näher zu bringen ...
Ohne es zu bemerken verlor sich Carlos in diesem unpersönlichen, künstlichen Labyrinth aus Gängen, Glastüren, Liften und Zimmertüren, die alle nicht die seine waren. Mal bog er links um die Ecke, mal rechts, benützte den Lift, zwischendurch eine der Treppen ... Be­wegte er sich Richtung Westen, Norden ...? Oder doch Osten ...? Er wusste es nicht mehr, denn er hatte schon lange die Orientierung verloren; er ging einfach. Mit der Zeit fühlte Carlos nur mehr das Pochen des Blutes in seinen Adern, die Wände schienen im Rhythmus seines Herzschlages bedrohlich näher zu rücken. Bumbum-Bumbum-Bumbum ... Noch immer reihte sich ein Gang an den anderen, ohne Aussicht auf ein Ende ... Bum­bum-Bum ... Und wieder ein Lift ... Bumbum ... Und eine Glastüre ... Bum-bum ... Bum-bum ...
Endlich war es so weit. Wie aus tiefer Trance erwachend, fand sich Carlos schlagartig vor einer Tür mit der Nummer 797. Carlos öffnete – und fiel. Hinter der Tür war das Haus eingebrochen. Während des Fluges verwandelte er sich in eine Feder, die ohne Eile und leicht schaukelnd an einer alten, verfallenen Innenmauer aus Tonziegeln zu Boden fiel. Gelegentlich schien es, als würde sich die Feder auf einem der zahllosen Mauer­vorsprünge verfangen oder in einem der kleinen, vertrockneten Grasbüschel, die so idyllisch zwischen den Ziegeln nisteten.
Doch letzten Endes langte sie samtweich unten an. Dort verweilte sie geraume Zeit. Aus Sekunden wurden Minuten, aus Minuten wurden Stunden, aus Stunden Tage ... Nach Wochen begann es zu regnen, nach Monaten zu schneien. Noch immer lag die Feder da, kein Wind hatte sie, geschützt hinter der Mauer, verweht ...
Jahre zogen ins Land, lange Jahre, die Feder verwitterte ... Sie löste sich gleichsam in ihre Bestandteile auf. Dann versickerten ihre Moleküle im Boden, wurden eins mit ihm ...


Als sich der Nebel der Jahrhunderte langsam lichtete, vertrieb Carlos mit einigen tiefen Atemzügen das erdenschwere Gefühl in seiner Lunge. Ein paar kreisende Bewegungen mit den Armen und Beinen brachten den Kreislauf wieder in Schwung. Carlos ging zum Fenster und öffnete es weit. Ruhig sog er tief die kühle Nachtluft ein. Die typischen Geräusche einer Großstadt unter dem psychedelischen Teppich verschiedener Lichter drangen gleichmäßig auf ihn ein ...
Dann setzte sich Carlos auf die Bettkante und wartete den Morgen ab. Zähflüssig wie eingedickter Honig machte sich das Morgengrauen über der Skyline breit. In der Zwischenzeit tropfte ein Wasserhahn im Hintergrund: klack ... klack ... klack ... klack ... klack ... klack ... klack ... klack ... klack ... klack ... klack ... klack ... klack ... klack ... klack ... klack ... klack ... klack ... klack ... klack ... klack ... klack ... klack ... klack ... klack ... klack ...
Wenig später fand sich Carlos im Bus der Linie 9 wieder. Dicht gedrängt fuhren ihm unbekannte Leute wie jeden Morgen zu ihrer Arbeit. Darunter ein paar Schulkinder, die den sitzenden Fahrgästen den Geruch ihrer ungeputzten Zähne ungeniert ins Gesicht atmeten. Zwischen dem Regierungsviertel und dem Hafen sahen plötzlich alle Carlos an. Dieser wusste nicht, warum. Der Fahrer lenkte den Bus sogar mitten zwischen zwei Haltestellen an den Straßenrand, um sich umdrehen zu können.
Dem Herrn links neben Carlos liefen dicke Schweißperlen über sein krankhaft blasses Gesicht. Wo doch der Morgen frisch war, wie meist um diese Jahreszeit! Täuschte es oder sah er tatsächlich Carlos mit einer Mischung aus Vorwurf und Angst an? Carlos stieg aus.
Gegen Mittag betrat er wieder sein spärlich eingerichtetes Dachappartement. Wie lange hatte er doch damals nach einer Mansarde gesucht, bis er eine gefunden hatte! Doch heute wollte Carlos sich von ihr trennen; noch zu dieser Stunde wollte er ausziehen und ... Wenn auch sonst ihn alles davon abhalten wollte, heute sollte es keine Macht mehr über ihn haben.
Unverzüglich packte er seine wenigen Habseligkeiten in einen Koffer und begab sich nach unten.
Um dem Hausmeister Bescheid zu sagen, stellte er den Koffer vor dessen Wohnungstüre ab und klingelte. Die Frau des Hausmeisters öffnete ihm in Pantoffeln und Morgenrock, so wie üblich. Mit einer Miene, die sie für ein freundliches Lächeln hielt, sagte sie: „Guten Tag, Carlos, kommen Sie doch herein!”
Als Carlos die Hausmeisterwohnung verließ, war sein Koffer verschwunden. Er suchte zwar im ganzen Flur und im Lift – der Koffer tauchte nicht mehr auf. Da hegte er einen Verdacht. Der Koffer wird doch nicht ...?! Eilends kehrte er in sein Appartement zurück. Tatsächlich, da fand er seine Kleider wieder in den Kasten eingeräumt, so als sei nie etwas geschehen! Die Zahnbürste im Glas, daneben sein26Bernsteinkamm mit den zwei fehlenden Zacken. Der Koffer lag verstaut unter dem Bett, wo er immer gewesen war.
Es war nicht gelungen ...


Sich wieder einmal mit seiner Situation abfindend, beschloss Carlos, an den Strand zu gehen, schließlich war es ein schöner, heißer Sommertag. Auf dem Weg dahin musste er durch die Altstadt. Als er eine Abkürzung durch die extrem schmale, wie gewöhnlich menschenleere Herrengasse nahm, näherte sich ihm eine merkwürdige Gestalt. Scharf zeichnete sich die dunkle Silhouette eines Mannes am anderen Eingang der Gasse vom helleren Hintergrund ab. Während die Gestalt herankam, bemerkte Carlos, dass sie am rechten Fuß hinkte. Dadurch bewegte sich der Oberkörper in geradezu grotesker Weise hin und her, sodass die Gestalt fast die ganze Breite der Gasse für sich beanspruchte. Carlos drückte sich in einen Hauseingang.
Während des Vorübergehens erkannte er eine Schandmaske auf dem Kopf des Mannes, die das Gesicht vollständig verdeckte. Nachdem der Mann stöhnend vorbeigewankt war, entdeckte Carlos die Spuren einer dunklen Flüssigkeit, die aus dem schmutzigen Verband am rechten Fuß gesickert war.
Eine halbe Stunde später kam das Meer in Sicht. Am Strand befand sich eine einzige Frau – sehr ungewöhnlich für diese Tageszeit. Sie lag mit dem Gesicht in Richtung offene See und ließ sich bräunen. Ihr Körper war wundervoll geformt, so viel konnte Carlos bereits von Weitem erkennen. Während des Näherkommens studierte er das Bild dieser Frau mit dem ruhigen Ozean im Hintergrund und einem Schiff weit draußen am Horizont. Ein leichter Wind bewegte ihr Haar spielerisch (flüssiges Gold in der Sonne). Ob er wollte oder nicht, diese Frau weckte ein männliches Begehren in ihm.
Kaum war Carlos herangekommen, drehte sich die Frau um. Kameras, geschickt als menschliche Augen getarnt, blickten ihn emotionslos an. Da öffnete die Frau den Mund und eine unpersönliche, leicht metallische Computerstimme mit femininer Einfärbung fragte Carlos: „Guten Tag. Wollen Sie Kontakt mit mir aufnehmen?”
Nein, Carlos wollte nicht mehr. Er war nicht in der Stimmung, mit einer Cyborgfrau zu flirten. Er drehte sich um und suchte sich einen lauschigen Platz am Ufer, während die Cyborgfrau ihre neueste Meldung in das allgemeine Spinnennetz der Information einspeiste.


Eine Schäferhündin fand ihre Käfigtüre offen. Vorsichtig äugte sie umher, doch da niemand anwesend war, wagte sie sich hinaus. Im Gang lag eine Puppe mit verrenkten Gliedern, über die sie hinwegstieg. Auch die Haustüre war offen. In misstrauisch geduckter Haltung schlich die Hündin langsam in den Hinterhof. Dieser war auf der rückwärtigen Seite durch einen windschiefen, kaum mannshohen Bretterzaun mehr symbolisch als wirklich abgeschlossen. Auf der anderen Seite befanden sich zwei Männer, die, so rasch sie konnten, zum Bretterzaun liefen. Der eine bezwang den Zaun mühelos, der andere blieb mit seinem Jutesack einen Augenblick hängen. Das genügte bereits, um den morschen Zaun einfallen zu lassen. Die Hündin lief ihnen hinterher. An den Zaun schloss sich eine kleine Seitengasse an, flankiert von den typischen, heruntergekommenen Häuserzeilen der Mutantenviertel. Die Gasse mündete in eine breite Hauptstraße, die wie in einem endzeitlichen Szenario verlassen wirkte. Außer den zwei Männern, hinter denen die Hündin lief, ließ sich keine Menschenseele blicken. Ein böiger Wind schlug da und dort einen morschen Fensterladen mit einem knarrenden Geräusch auf und zu. Er wehte alte Zeitungen sowie sonstigen Unrat gleichmäßig über die Risse des Asphalts ...
Noch während die beiden Männer offensichtlich ratlos auf dem Gehsteig standen und sich orientierten, kam die Hündin heran. Doch was war das ...? Plötzlich sah sie, wie rund siebzig Meter vorne links ein Polizeiwagen vorsichtig pirschend aus einer Nebenstraße fuhr. Winselnd zog sie sich zurück. In wenigen Stunden würde es Nacht sein ...


Seit vor über hundert Jahren die ersten groß angelegten Gen-Eingriffe an Menschen durchgeführt worden waren, gab es jede Menge gentechnologisch manipulierte, mehr oder weniger menschliche Individuen, so genannte „Mutanten”. Die allermeisten der frühen Eingriffe stellten sich jedoch auf längere Sicht als Misserfolge heraus. Unabsehbar waren die Folgen: Kinder mit nur einem Ohr, das dafür übergroß, wurden geboren oder mit drei Augen, zwei davon blind. Missgebildete Extremitäten waren gang und gäbe. Weil sich die Mutanten frisch-fröhlich untereinander vermehrten, stellte sich bald ein Schneeballeffekt ein, der sich bereits nach einer Generation jeder obrigkeitlicher Kontrolle entzog.
Aber nicht nur körperliche Monstrositäten griffen mit der Gier eines Krebsgeschwulstes um sich, sondern auch jede Menge charakterliche bzw. seelische Defekte. Zum Beispiel Mütter mit extrem gestörten Beziehungen zu ihren Kindern, bindungsunfähige Männer ohne das geringste Interesse an Sex und Ähnliches. Im Eiltempo füllten sich die psychiatrischen Anstalten mit Charakterkrüppeln aller Art. Die geschlossenen Anstalten schossen aus dem Boden wie die Pilze nach einem erquickenden Sommerregen.
Dazu kamen die Strahlengeschädigten, die mitunter ebenfalls ein Leben fristeten, das nur mehr am Rande mit einer menschlichen Existenz zu tun hatte. Aus dieser Misere kam in der Regel nur der heraus, der über das Geld verfügte, einen beschädigten oder missgebildeten Körperteil durch einen künstlichen, dafür funktionsfähigen ersetzen zu lassen. Das Ergebnis dieser Entwicklung war die große Masse der zumindest leicht gentechnologisch Geschädigten mit im Extremfall sogar mehr als weniger künstlichen Körperteilen. Menschliche Wesen mit biosynthetischen Komponenten stellten so binnen weniger Jahrzehnte die deutliche Überzahl in der Bevölkerung.
Schon bald hatten sich Gettos gebildet, in denen Mutanten und Strahlengeschädigte ihr oft mehr als nur merkwürdiges Dasein fristeten. Ihnen standen die reinen Cyborgs gegenüber, die sich aus den Reihen der Privilegierten rekrutierten. Sie hatten die finanziellen Mittel, sich Gesundheit, Schönheit und einen zum Teil perfekten Körper zu erkaufen. Sie waren nicht auf die billigen Imitate angewiesen, auf die die übrige Bevölkerung zurückgreifen musste. Wirbelsäulen aus langlebigem Kunststoff, synthetisches Bindegewebe oder künstlichen Augen in einer Farbe nach Wunsch und dergleichen waren der untere Standard in Cyborgkreisen. Mehr noch, die Anzahl an biosynthetischen Körperteilen hatte Prestigewert.
Neuerdings war es bei den Cyborgdamen sogar in Mode gekommen, sich eine künstliche Vagina einpflanzen zu lassen, die sich beim Geschlechtsakt vollautomatisch an Größe und Form des eindringenden männlichen Gliedes anpasste. Die Hersteller garantierten erstklassige Orgasmen oder Geld zurück. Empfängnisverhütung bei Bedarf diskret per Knopfdruck ...
Jene Menschen hingegen, die so waren wie früher, hatten bereits Seltenheitswert und wurden daher sogar manchmal als „Oldies“ bezeichnet. Mehr noch, gelegentlich wurden sie von den Cyborgs oder den Mutanten angefeindet. Die Cyborgs waren es gewöhnt, sich selbst als die Krone der Schöpfung zu sehen. Sie betrachteten einen Oldie nicht wertneutral als Außenseiter, sondern abwertend als exotisches Fossil. Ohne wirkliche Überlebenschance war er eigentlich bereits auf dem Weg ins Museum. Waren doch sie, die Cyborgs, die vorderste Front der Evolution und alles andere ein Blick in die schauderlichen Irrwege und Abgründe der Evolution! Aber durchaus berechtigt sprach man in Cyborgkreise offen darüber, dass die Oldies ohnehin in wenigen Generationen endgültig Geschichte sein würden ...
Für Mutanten hingegen war ein Oldie einer, der „es noch vor sich hat“. Da man nie wissen konnte, ob sich der Betreffende nicht über kurz oder lang unter die Cyborgs mischen würde, begegnete man diesen Außenseitern grundsätzlich mit Misstrauen. Carlos zählte zu den Oldies.


Carlos saß weitab von der Cyborgfrau am Strand und öffnete die „Oldie-Times“, das Insiderblatt für alle, die es noch vor sich hatten. Aufmerksam las er die Schlagzeilen: „Strahlenregen über Ikatau”, „Frau erschießt endlich Ehemann”, „Hungersnot in Hongotau“, „Das Aussterben der Oldies”, „Kriegsgefahr in Australien zwischen Cyborgs und Mutanten” und so weiter. Im Lokalteil war ein Bericht über das „Pueblo“, ein traditionsreiches Café. Es war kurz nach dem Madagaskarkrieg, der dem Staat so viele Helden beschert hatte, eröffnet worden. Damals war das „Pueblo“ schnell zu einem Treffpunkt der Kriegsveteranen und damit langfristig zum Insidertipp geworden. Seither erfreute es sich gleich bleibender Beliebtheit, nicht zuletzt dank seines Seetangschnitzels, das wegen seines Preis-Leistungsverhältnisses stadtbekannt war. Auf plumpe Weise vertraulich grinsend schob der Kellner Carlos ein undefinierbar riechendes Gebräu, das der Speisekarte zufolge echter indischer Tee sein sollte, kommentarlos auf das runde Tischchen. Was es wirklich war, konnte außer Smutje, dem Koch zwischen seinen Töpfen nebenan, keiner wissen. Carlos schenkte dem Kellner keine Beachtung und las weiter in seiner „Oldie-Times“.
Als der Kellner das dritte Mal auf dem Weg zur Schank vorbeigehen musste, legte er achtlos eine Stoffserviette zerknüllt vor Carlos neben die inzwischen leer getrunkene Teetasse. Während der Gast sich in das Weiß der Serviette vertiefte, blähte sich das Tuch auf und entpuppte sich als Segel auf dem Fockmast der „Beowulf”, die gerade durch den Pazifik segelte. Vermutlich war die Besatzung wieder auf der Suche nach Abenteuern.
Die Beowulf war ein dreimastiger Schoner, der von einer skurrilen Mannschaft für den Waffenschmuggel und vergleichbare Geschäfte verwendet wurde. Da war zum Beispiel Smutje, der Koch. Nicht nur, dass er es verstand, aus allem, was sich fand, sei es morsches Segeltuch oder alte Haifischflosse, etwas Schmackhaftes zuzubereiten, nein, Smutje war auch leidenschaftlicher Astrologe. Dadurch avancierte er darüber hinaus zum Lebensberater der Crew.
Dann gab es den Steuermann namens Ben, ein hünenhafter Schwarzer aus Ghana. Ben war nicht nur mit einer geradezu beispiellosen Körperkraft ausgestattet, sondern war auch der Heilkraft der Kräuter kundig. Andere alternative Heilverfahren waren ihm ebenfalls geläufig. Daher war er außerdem so etwas wie Schiffsarzt. Mit Freuden war er zur Stelle, galt es, einen Kranken zu heilen. Wie Ben das zuwege brachte, wussten oft nur die Götter, und selbst die waren sich oft nicht sicher.
Alfons, von allen liebevoll „Obermaat“ genannt, war eigentlich Söldner. Aber da er im Laufe der Jahre für diesen Beruf zu alt geworden war, ging er ins „Ausgedinge“, wie er selbst es immer wieder ironisch ausdrückte. Alfons war Spezialist in Sachen Waffen aller Art, ein hervorragender Schütze und Sprengstoffexperte. Liebevoll sorgte er für einen Papagei, der seinen Käfig in einer windgeschützten Stelle des Mannschaftsraumes hatte. Schon bald war ihm das Ausgedinge zu langweilig geworden. Getreu dem Spruch „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ zog es ihn zum Computer und zum allgemeinen Spinnennetz der Information, wo er binnen Kurzem als Hacker eine steile Karriere machte. Seine Hauptaufgabe auf der Beowulf war demzufolge die Überwachung der Elektronik. Dieser Tätigkeit widmete er sich stets mit Liebe und Hingabe, wie es vermutlich in seinem Nachruf stehen würde.
Nicht zu vergessen Willi, der siebzehnjährige Kajütenjunge, bewaffnet mit einem Stilett und einem listigen Verstand, der sich oft genug schon als die stärkere Waffe erwiesen hatte. Naturgemäß war er für die Unmenge an leichteren Arbeiten auf dem Schiff zuständig. Das hatte ihm auch den Spitznamen „Hausmeister“ eingetragen. Da er sich seine Arbeit mit viel taktischem Geschick einteilte, fehlte es ihm selten an Freizeit. Zumeist den neuesten Gassenhauer vor sich hinpfeifend, schrubbte er das Deck oder erweckte wenigstens den Eindruck, er täte dies. War im Lagerraum eine Glühbirne auszuwechseln oder eine Türklinke abgebrochen, schon hieß es: „Hausmeister!“ und Willi war dienstbeflissen zur Stelle. In der Tat erwies er sich mit seinen Fertigkeiten und seinem fröhlichen Naturell als große Erleichterung für die übrige Mannschaft, sodass ihn niemand hätte missen mögen.
Last, but not least lebte Oscar, der Kapitän, auf dem Schiff. Oscar war durch und durch leidenschaftlicher Abenteurer. Ihn faszinierte die Gefahr, die er als Herausforderung empfand. In einer Hafenkneipe hatte er einmal zu vorgerückter Stunde in seinem Grogdusel verkündet, ein Abenteuer sei für ihn wie ein Mädchen, das er zu entjungfern gedenke. Seit über zwanzig Jahren fuhr er bereits auf den verschiedensten Meeren. Es gab kaum einen Hafen, in dem ein zwielichtiges Element der See seine Ware loswerden konnte, der ihm nicht bestens bekannt gewesen wäre.
Wenn die Männer der Beowulf guter Laune waren (und vor allem, wenn keine Küstenwachboote mehr zu befürchten waren), hissten sie nostalgisch die klassische Piratenflagge. Und auf dieser Fahrt war die Crew sogar sehr guter Laune. Sollte ihr neuester Auftrag doch einer ihrer einträglichsten werden ... Träge wehte die schwarze Fahne mit dem weißen Totenkopf und den gekreuzten Knochen in der nicht viel mehr als mäßigen Brise. So fuhr die Beowulf hochschwanger mit einer tödlichen Last ohne besondere Eile Richtung Australien ...


Hände griffen zu Telefonen, wählten Nummern. Stimmen murmelten über den Äther von einem Funkgerät zum anderen, Botschaften wurden übermittelt, teilweise dabei verstümmelt. Gerüchte und Vermutungen entstanden, verdichteten sich oder wurden wieder aufgelöst. Die Balance zwischen Heil und Unheil verschob sich auf der Oberfläche des schwingenden Spinnennetzes der Information.


Nach gut einer Woche Fahrt auf ruhiger See geriet die Beowulf aus buchstäblich heiterem Himmel in einen Sturm. Das Schiff kenterte und alle Matrosen ertranken in einem ekstatischen Taumel aus heulendem Wind, haushohen Wellen und einem unheimlichen Sog, der im Gefolge des sinkenden Schiffes die Matrosen ohne Erbarmen in ihr nasses Grab hinunterriss. Nur Kapitän Oscar gelang es zu entkommen. Auf dem berühmten Brett, das alle Helden der Weltliteratur aus derartigen Lagen rettet, konnte er sich mühsam, aber doch über Wasser halten.
Nach zwei Tagen schwankender Reise wurde Oscar gegen Abend am Ende seiner Kräfte an die heimatliche Küste Haikikis geschwemmt. Wie froh war er, als er endlich den Sandstrand unter sich spürte! Minutenlang lag er einfach auf dem Rücken, atmete tief durch und genoss es, überlebt zu haben. Einfach nur leben; in diesen Augenblicken war es genug ...
Oscar war fast erleichtert darüber, dass sich weit und breit niemand sehen ließ, denn so fühlte er sich ungestört. Das Letzte, was er jetzt brauchen konnte, waren unnötige Fragen. Auf einmal war ihm der Ozean keine tödliche Bedrohung mehr, bereit ihn jederzeit ohne Gnade und Barmherzigkeit zu verschlingen, was er ganz bestimmt mit seinen Kameraden von der Beowulf gemacht hatte. Statt dessen gefiel es Oscar, die auslaufenden Wellen des Salzwassers seinen Körper entlang zu spüren. Er fühlte sich gestreichelt.
Als er so in den Himmel starrte, wurde plötzlich ein Objekt in seine rechte Hand gespült. Es stellte sich als altmodische Zeichnung heraus, die durch verschweißtes, durchsich-tiges Plastik vor dem Wasser geschützt wurde. Oscar sah ihm unverständliche Zeichen auf einem vergilbten, an den Rändern eingerissenen, Papier. Am ehesten erinnerte ihn die Zeichnung an einen Schatzplan, den er in einem historischen Film einmal gesehen hatte. Auch die Herkunft der Zeichnung war Oscar völlig rätselhaft. Es fehlten alle Hinweise. Aber egal, zurzeit hatte er Wichtigeres zu tun, als sich über angespülten Müll Gedanken zu machen. Achtlos steckte er den Gegenstand ein.
Auf dem warmen Strand erholte sich der Matrose bald einigermaßen, schließlich war er hart im Nehmen. Als er sich wieder bei Kräften fühlte und die Kleidung annähernd getrocknet war, machte er sich auf in Richtung Stadt. Unweit waren deren bunte Lichter zu erblicken und dienten ihm als Orientierung. Mit einem Büschel grünen Seegrases über dem rechten Ohr ging Oscar eine knappe Stunde später im Hafenstrich an Jenny Raffzahn vorbei.


Jenny Raffzahn, die eigentlich anders hieß, war Prostituierte. Ihren wirklichen Namen erwähnte sie nie und er interessierte auch niemand. Vor Jahren war sie zu einer der erfolgreichsten Bordellchefinnen des Hafenviertels aufgestiegen. Um genau zu sein, bis zu den Fundamentalistenkrawallen kurz nach dem Ende des Madagaskarkrieges. Bei den damaligen Unruhen waren Horden religiös fanatisierter Mutanten durch das verbotene Stadtviertel gezogen. In ihrer Hysterie zündeten sie im Namen der Gottgefälligkeit die Bordelle an, prügelten die Liebesdienerinnen krankenhausreif, usw. Kurzum, sie „mischten die ganze Szene kräftig auf”, wie sie nachher mit Stolz verbreiteten. Jenny stand damals versteckt in einer Seitengasse zwischen zwei überquellenden Müllcontainern. Hilflos musste sie zusehen, wie der Mob ihr Haus zuerst ausplünderte und dann auch noch anzündete. Sie glaubte ihren Augen nicht zu trauen, als man endlich Ordnung machte in ihrem Leben.
Von Stunde an hatte sie es erheblich schwerer. Zum einen war sie auch schon etwas in die Jahre gekommen, zum anderen musste sie trotz angegriffener Gesundheit wieder selbst die Kunden zufrieden stellen. Ihre Mädchen hatten nämlich beim großen Reinemachen (wie sich ein Fundamentalist im Fernsehen ausgedrückt hatte) durch die Hintertüre das Weite gesucht und waren nicht mehr aufgetaucht. Wollte Jenny Raffzahn überleben, musste sie sich wieder selbst auf der Straße stellen.
Wie in der Anfangszeit ihrer Karriere ergossen sich Ströme von Samen in ihren Unterleib, die Männer keuchten Jenny ihre Brunft ins Gesicht. Sie kannte wahrlich viele Männer, auch so genannte ehrbare, durchaus honorige Bürger, aber manche leider nur noch von früher, aus besseren Zeiten. Damals hatten die Kunden ihren knackigen Hintern weit und breit gelobt und noch wichtiger, finanziell honoriert. Nunmehr musste Jenny immer ausgefallenere Raffinessen in ihr ohnehin stolzes Angebot aufnehmen, um im beinharten Konkurrenzkampf mit den Kolleginnen neben ihr bestehen zu können. Schließlich war deren Angebot auch nicht ohne Reize. So wurde Jenny bald zum Geheimtipp aller verklemmten Neurotiker und Perverslinge.
Des Öfteren sah sie einen großen, hageren Mann in der Szene, über den ein unglaubliches Gerücht in Umlauf war. Aber, so munkelte man auch, er schaffe es ja sowieso nie ... Dieser Mann hatte etwas Asketisches an sich. Jenny Raffzahn hatte weiß Gott keine Hemmungen, alles anzumachen, was wenigstens entfernt an einen Mann erinnerte. Selbst dem saturiertesten Spießer machte sie ungeniert ein Angebot: „Wie wär‘s mit uns?”, oder: „Na, geil, alter Junge?”, oder so ähnlich, aber bei Carlos war es, als würde ihr die Stimme versagen. Und auch Carlos gab seinerseits nie Interesse zu erkennen ...


Wie ein bleierner Schwamm legte sich der Smog in der Dämmerung über Haikiki. Der Zufall hatte Carlos in ein ihm unbekanntes Stadtviertel, angrenzend an den Westfriedhof, verschlagen. An den Hauswänden befanden sich in etwa zweieinhalb Meter Höhe die Straßenschilder: Halbstockgasse, Dämmlichtstraße, Sumpfweg, Harald-Küster-Straße, total unbekannt ... Eine ungemütliche Gegend, zumindest um diese Zeit ... Egal, Carlos würde schon nach Hause finden ...
Es wurde angenehm kühl und er beschloss, sich mit dem Heimweg Zeit zu lassen. Die Nacht schritt voran, und gegen Mitternacht gewahrte er durch Zufall, dass ihm offenbar mehrere Leute folgten. Irgendwann im Laufe der Zeit wurden es mehr und sie kamen immer näher ...
Carlos wollte sie abschütteln und beschleunigte sein Tempo. Noch immer bewegte er sich in finstersten Gassen, von deren Namen er noch nicht einmal gehört hatte: Seideneckstraße, Laternenpfahlstraße, Fliesweg, ...
Als er in die Mauerfelsgasse einbog, bemerkte er, dass es sich um eine Sackgasse handelte. Allerdings war er schon zu weit vorgedrungen, als dass er hätte umkehren können. Auch seine Verfolger, deren Anzahl inzwischen leicht ein Dutzend betrug, hatten den Eingang der Gasse bereits erreicht. Sie beanspruchten mittlerweile die gesamte Breite der Fahrbahn. In ihren Händen hielten manche Gegenstände, die wegen der schlechten Beleuchtungsverhältnisse kaum zu erkennen waren. Sie näherten sich unaufhaltsam mit drohend anschwellendem Gemurmel ...
Carlos stand vor einer Mauer aus massivem Granit, die die Gasse bis zu einer Höhe von mindestens fünf Metern unvermittelt unterbrach. Aha, deswegen hieß es also „Mauerfelsgasse“; nomen est omen. Aber das half ihm jetzt auch nicht weiter. Fieberhaft suchte er nach einer Lösung. Als er die Mauer näher betrachtete, bemerkte er ein seltsames Phänomen. Wie von Zauberhand erschien eine geheimnisvolle Tür mit einer vorerst unleserlichen Handschrift. Erst als Carlos näher trat, gelang es ihm, das Wort „EXITUS” zu erkennen.
In seinem Rücken begannen die Feinde zu laufen. Nur noch wenige Meter, pfeifend schwangen die Knüppel, Waffen wurden geräuschvoll entsichert, schon streckte der Mob die Hände aus ... Bevor die Verfolger Carlos endgültig erreichten, begriff er blitzartig. Mit einem Hechtsprung warf er sich durch die Türe, die im gleichen Augenblick hinter ihm verschwand. Die Verfolger liefen mit voller Wucht auf den kalten Stein auf. Fluchend und schimpfend holten sie sich Beulen, zahlreiche Schrammen, einen verstauchten Fuß und eine mittelschwere Platzwunde.


Später Nachmittag am Bahnhof, Bahnsteig 7a. Während eine unpersönliche Stimme kaum verständlich durch den Lautsprecher tönte, wartete Carlos unbewegt, eine brennende Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand. Geistesabwesend blickte er auf den Fahrplan. Dieser informierte in einem altmodischen Schriftzug auf gelblichem Hintergrund: Abfahrt 17.12 Uhr – Ankunft Ikatau: 18.45 Uhr – Ankunft Krakatau: 19.37 Uhr – Ankunft Hongotau: 21.04 Uhr. Dort lebte eine seiner Tanten.
Mit fast zehn Minuten Verspätung kam der Zug mit der Nummer TS 412 an. Carlos stieg ein. Mühsam kämpfte er sich durch die Reisenden am Gang hindurch, bis er in einem Raucherabteil einen freien Sitzplatz fand. Gepäck hatte er keines, ein Umstand, der die anderen Fahrgäste, zwei ununterbrochen plappernde ältere Cyborgfrauen, ein wenig stutzig werden ließ.
Carlos hatte keine Ahnung, wohin der Zug fahren würde, aber es kümmerte ihn auch nicht. Unverwandt blickte er aus dem verdreckten Fenster hinaus: Nebelfetzen, gelegentlich ein paar verschüchterte Tropfen sauren Regens, keine Spur von der Sonne, eine ungewöhnliche Stimmung um diese Jahreszeit. Nach wenigen Minuten setzte sich der Zug mit einem kleinen Ruck in Bewegung und rollte schneller werdend aus dem Bahnhofsgelände. Die längste Zeit fuhr er durch verschiedene Viertel Haikikis, dem Stadtrand entgegen. Carlos zündete sich eine Zigarette an.
Langsam näherte sich die Bahn dem Horizont, wurde immer kleiner und verschwand letzten Endes an der Linie, an der sich Himmel und Erde trafen. Der Zug hinterließ ein Plakat an einer der Mauern in der Haupthalle des Bahnhofs, das die Strecke zeigte, die er soeben gefahren war. Mit gesenktem Kopf stand Carlos davor und dämpfte seine Zigarette im nächstbesten Aschenbecher aus.
Wieder war es nicht gelungen ...


Als Jenny Raffzahn Oscar, den geretteten Seemann, sah, wunderte sie sich über die seltsame Erscheinung, die ein nasses Brett in der Hand hielt wie andere einen Tennisschläger. Der – immer noch geschwächte – Matrose hätte sie beinahe angerempelt, als er wie ein Betrunkener an ihr vorüberwankte. Jenny rief ihm nach: „Du stinkst, alter Seebär!”
Ohne Erwiderung ging Oscar in die nächste Kneipe, das Pueblo. Sich nach einem freien Tisch umsehend, bemerkte er einen hageren, großen Mann, der in eine zerknüllte Stoffserviette auf seinem Tisch starrte. Als Carlos aufsah, sah er einen durchweichten Matrosen mit einem frischen Büschel Seegras im rechten Ohr sich gegenübersitzen. Doch er hatte gegen Gesellschaft nichts einzuwenden, wenngleich er sie auch nicht suchte.
„Guten Tag, ich heiße Oscar und gebe Ihnen eine wertvolle Schatzkarte, wenn Sie mich auf einen Imbiss einladen”, eröffnete Oscar mühsam grinsend die Konversation. „Mit Barmitteln bin ich gerade leider nicht gesegnet.“
„Gut”, erwiderte Carlos amüsiert, „bestellen Sie einfach.”
Er musterte seinen auffälligen Tischgenossen. Oscars Kleidung war durch sein Abenteuer ziemlich in Mitleidenschaft gezogen worden, wie man sich unschwer vorstellen kann. Die feuchten, schwarzen Haare hingen ihm wirr in die Stirn. Zum Glück hatte er sie kurz geschnitten, er hätte sonst wahrscheinlich Furcht erregend ausgesehen.
„Ein Sturm hat meine Seereise unterbrochen”, erzählte Oscar unaufgefordert, da er sich bemüßigt fühlte, seine ausgefallene Erscheinung zu erklären. „Soviel ich mitbekommen habe, bin ich der Einzige, der davongekommen ist. So weit fehlt mir nichts, aber ich fürchte, meine künstlichen Bandscheiben müssen so schnell als möglich repariert werden.”
Aha, ein Cyborg. Inzwischen hatte der Kellner Oscars Essen gebracht. Hungrig wie ein Wolf verschlang dieser sein Seetangschnitzel mit Lianensalat. Schmunzelnd sah ihm Carlos zu. Auf die Situation Rücksicht nehmend, verzichtete er darauf, sein Gegenüber in ein Gespräch zu verwickeln. Kaum war Oscar fertig, zog er zur Überraschung Carlos‘ ein in durchsichtigen Kunststoff eingehülltes Stück Papier aus der Hosentasche.
„Die Schatzkarte ... Ich halte meine Versprechen immer”, erklärte Oscar. „Aber zeigen Sie es niemandem, es ist streng geheim.”
Carlos sah ihm unverständliche Zeichen auf einem vergilbten, an den Rändern eingerissenen Papier. Am ehesten erinnerte ihn die Zeichnung an einen Schatzplan, den er in einem historischen Film einmal gesehen hatte. Aber egal, zurzeit hatte er Wichtigeres zu tun, als sich über derlei Müll Gedanken zu machen. Achtlos steckte er den Plan ein.
„In Ordnung. Und jetzt gehen wir ins Krankenhaus”, sagte er abschließend. Carlos hielt zwar die angebliche Schatzkarte für einen Jux, aber es war ihm einfach zum Mitspielen zumute. Außerdem war ihm Oscar sympathisch. Er hätte Oscar auch ohne Gegenleistung eingeladen.
Es war inzwischen später Abend geworden, wie Carlos feststellte, als er mit seinem Gefährten auf die Straße trat. Am darauf folgenden Vormittag kamen sie in der Klinik an. Hier umfing sie eine desinfizierte, sterile Welt, die durch ihre ganze Hektik etwas Hypnotisches an sich hatte. Weiße Mäntel rauschten vorbei, spitze Gegenstände allenthalben ... Skalpelle und Scheren glänzten im harten Licht der künstlichen Beleuchtung ... Spritzen in den unterschiedlichsten Größen zwischen keimfreiem Verbandsmaterial. Kaum unterdrücktes Gestöhne der kranken Menschen unter der Last schmerzhafter Therapien waberte gleichmäßig durch die Gänge und wurde nur lauter, wenn eine der Türen zu den Therapieräumen geöffnet wurde. Überall roch es betäubend nach Desinfektionsmittel. Auch die unpersönliche Funktionalität der hin und her eilenden Krankenschwestern drückte allem seinen Stempel auf.
Einer der Dienst habenden Ärzte hielt in seinem Büro eine Fotografie in der Hand. Auf ihr waren ein großer, hagerer Mann und ein offenbar durch allerlei Unbill in Mitleidenschaft gezogener Seemann zu sehen. Sie schritten auf den Gängen der Klinik. Wo wollten sie hin? Und was beabsichtigten die beiden dort? Egal ... Kurz entschlossen nahm Dr. Wakonig eine Schere und schnitt den Seemann aus dem Foto. In diesem Augenblick drehte sich Carlos um und wunderte sich, wo Oscar geblieben war. Trotz eifrigen Suchens war er nicht mehr zu finden ...
Schließlich und endlich ging Carlos nach Hause. Tagelang verließ er nicht mehr das Appartement. Gekleidet, als wollte er abreisen, verbrachte er Stunden, die ihm wie eine Ewigkeit erschienen. Er schlief sogar im Gewand auf seinem Bett.
Die Hände in den Manteltaschen vergraben, ging er ruhelos auf und ab ... auf und ab ... Eine Katze in dunkelgrauem Sommerfell schlich aus dem Appartement. Lautlos verschmolz sie mit der Mauer auf dem Flur. Noch immer ging Carlos auf und ab ... auf und ab ... Ein Glas Milch fiel vom Fensterbrett und verströmte seinen Inhalt auf dem Holzboden wie ejakulierter Samen im Unterleib einer Frau. Unentwegt ging Carlos auf und ab ... auf und ab ...
Vor dem Fenster draußen startete ein Sperling vom Ast einer Ulme und flog in Richtung Australien. Während des Fluges wuchs er zu ungeheurer Größe und kam als riesiger Adler, der den Großteil des Himmels bedeckte, Tage später in Australien an. Dort ließ er viele Dinge fallen, die auf den ersten Blick nicht zu erkennen waren. Wer staunend nach oben sah, musste zu seinem Entsetzen erkennen, dass es sich um Bomben handelte. Mit einem Pfeifen, das durch Mark und Bein ging, durchschnitten sie die Luft und rasten mit wachsender Geschwindigkeit auf die Erde zu. In diesem Moment gab es schon kein Entrinnen mehr ...
Und Carlos ging immer noch auf und ab ... auf und ab ... Gelegentlich hielt er seinen Hut in der Hand und sah auf die Straße hinunter. Oft genug bemerkte er verdächtige Gestalten auf der anderen Straßenseite, die zu seinem Fenster hinaufsahen. Er nahm einen Pinsel und malte an die Wand: Keine Zukunft, Sackgasse, Hilfe!!!
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BeitragVerfasst am: 04.03.2008, 17:43    Titel: Antworten mit Zitat

Carlos drehte das Radio auf. Nach ein paar belangloser Takte edelkitschiger Cyborgmusik unterbrach eine Sprecherin das Programm: „Achtung! Dringende Warnung vor einem Strahlenregen! Zum Glück wird der Niederschlag mit einer Substanz verunreinigt sein, deren Halbwertszeit bei zwei Stunden liegt.“
Ihre Bezeichnung und was die Ursache für den Niederschlag war, hatte Carlos überhört, weil er sich auf der Toilette befunden hatte. Aber die Substanz würde extrem konzentriert sein und deshalb in kürzester Zeit tödlich wirken. Nicht, dass ein Strahlenregen an und für sich etwas Außergewöhnliches gewesen wäre, aber in der Gegend um Haikiki war ein solches Ereignis doch eher selten. Davon abgesehen war verstrahlter Niederschlag immer ein bedrohliches Ereignis.
Die Sprecherin fuhr fort: „Schließen Sie die Fenster und bleiben Sie die nächsten paar Tage unbedingt zu Hause. Überprüfen Sie Ihren Vorrat an Dekontaminierungstabletten. Weitere Anweisungen erhalten Sie in unserer Spezialsendung in zehn Minuten“, hörte Carlos die Radiosprecherin ihren Bericht beenden. „Und in der Zwischenzeit erfreuen wir uns der neuesten Geschmacklosigkeit der Hongotauer No-Future-Band aus den Top Ten mit dem Titel: „Du bist wie ein strahlend schöner Morgen“ Viel Vergnügen.“
Schrille, rhythmusbetonte Musik ertönte, die junge Mutanten so sehr schätzten, die Oldies hingegen abstieß. Durch die ungeschickte Instrumentierung ging der Gesang und damit der Text beinahe unter. Carlos gelang es nur mit Mühe, den Refrain zu verstehen: „Du bist wie ein strahlend schöner Morgen, vertreibst mir allen Kummer, alle Sorgen ...“
Carlos reichte es und drehte ab. Nach dem Lied wäre das Ergebnis der gestrigen Ziehung der Lotterie „93 aus 27.000“ gekommen, aber Carlos interessierte das nicht.
Wenig später fielen auch schon die ersten Tropfen. Wer sich nicht gleich in Sicherheit bringen konnte, hatte nur eine Überlebenschance, wenn er sofort eine Dekontaminierungstablette zu sich nehmen konnte. Doch selbst da hing es noch davon ab, wie viel er vom Regen abbekam. Unwirkliche, schwefelgelbe Wolken ergossen ihre giftige, unappetitliche Brühe aus dem Himmel. Carlos sah es mit unbewegter Miene durch das Fenster. Sein Gesicht war halb im Schatten durch den Hut, der ihm deutlich tiefer als üblich in die Stirn gezogen war. Im Spiegelbild der Scheibe wirkten seine Gesichtszüge noch kantiger als sonst. Glücklicherweise reichten die Regentropfen nicht bis an die Fensterscheibe. Das war kein erfrischendes Wasser, das die Hitze eines Sommertages kühlt, oder das Gras im Frühling zum Sprießen bringt. Nein, das war eine Naturkatastrophe, die sich da unheilvoll breitmachte und die Gegend mit Leid und Elend überzog. Zum Glück dauerte der Niederschlag keine Stunde ...
Nach dem Regen blickte Carlos hinaus. Draußen, völlig durchnässt, stand Jenny Raffzahn auf dem Gehsteig und krümmte sich. Blut sickerte tröpfchenweise aus ihrem Mund. Dann stürzte sie und wand sich auf dem Boden. Sie hatte keine Unterkunft, die sie geschützt hätte und so hatte es sie voll erwischt. Weit und breit war niemand, der ihr hätte helfen können. Noch Stunden würde sich keiner auf die Straße wagen. Carlos beobachtete sie. Warum hatte sich Jenny nicht einen Hauseingang gesucht? Irgendein Dach über dem Kopf, sei es auch noch so klein, damit sie wenigstens nicht platschnass würde ... Aber nein ... Nicht mehr lange und Jenny würde sterben, den einsamen, sinnlosen Tod eines streunenden Straßenköters, den niemand bedauern würde. Wenige Minuten später tat sie das auch.
Der seit Tagen unrasierte Carlos hatte fiebrig glänzende Augen bekommen. Tief lagen sie in den Höhlen. Da kam er wie so oft an seinem Spiegel in der Waschecke vorbei. In diesem Augenblick nahm er zum ersten Mal seit Tagen wieder sich selbst bewusst wahr. Traurig fragte er sich, wer diese gestrandete Figur sein könnte, die ihn da ansah. Wozu war er hier, warum führte er dieses Leben? Er hatte nicht darum gebeten! Was sollte ihn veranlassen, den täglichen Gang der Dinge weiter auszuhalten, funktionierte dieser doch nach Gesetzen, die er nicht verstand?
Vom Gang her tönten die Schritte zweier Personen. Diese kamen gerade das Stiegenhaus herauf, die Hände in den Taschen ihrer Staubmäntel, die Krägen aufgestellt. Carlos versenkte sich in sein Spiegelbild. Da tauchte er plötzlich in dieses ein und fand sich hinter dem Spiegel wieder. Dort drehte er sich um, orientierte sich kurz und stellte fest, dass er sich an einer wenig anheimelnden Örtlichkeit befand. Es roch beißend nach Urinstein und menschlichen Fäkalien, sowie scharfen Putzmitteln, die mit ihrem Zitronenaroma das Ambiente zusätzlich kontrapunktierten. Carlos ging zu der Tür, die offenbar hinaus führte und öffnete ...
Er befand sich am Bahnhof. Links und rechts wallte die Geschäftigkeit der Reisenden an ihm vorbei. Das indifferente Gewirr der Stimmen in unterschiedlichen Höhen und Lautstärken sowie Worte in verschiedenen Sprachen lagen über der Szene wie das beruhigende Rauschen eines Wasserfalles in einem Naturschutzgebiet. Touristen aus fremden Ländern tummelten sich zwischen Einheimischen, gelegentlich war ein Uniformträger darunter. Da schleckte ein japanisches Mädchen an einer Süßigkeit, dort schimpfte ein Mexikaner mit seinem Hund. Daneben eine mehr oder weniger rührende Abschieds- oder auch Wiedersehensszene. Es ließ sich nicht genau beurteilen ...
Geistesabwesend blickte Carlos auf den Fahrplan. Dieser informierte in einem altmodischen Schriftzug auf gelblichem Hintergrund: Abfahrt 17.12 Uhr – Ankunft Ikatau: 18.45 Uhr – Ankunft Krakatau: 19.37 Uhr – Ankunft Hongotau: 21.04 Uhr. Dort lebte eine seiner Tanten.
Von einem Augenblick zum anderen hielt der Trubel an; die Zeit war stehen geblieben. Keiner bewegte sich mehr, nicht der geringste Laut war mehr zu hören. Da kam eine Hand aus dem Nichts, nahm Carlos und setzte ihn in einen Zug. Als der gestreckte Zeigefinger den Zug beim letzten Waggon anschubste, ging die Zeit wieder weiter. Der Zug fuhr an und verließ mit zunehmender Geschwindigkeit das Bahnhofsgelände ...
Kaum gaben die Waggons den Blick auf die andere Seite des Bahnsteiges wieder frei, sah man Carlos dort stehen. Ohnmächtig vor Zorn, mit Wut im Bauch.
Wieder war es nicht gelungen ...
Der Bahnhofsvorsteher, der für die OFMIF (Organisation zur Förderung menschlicher Infrastruktur) spionierte, hatte Carlos beobachtet. Nun speiste er diese Begebenheit unauffällig über sein Handy in das allgemeine Spinnennetz der Information ein.


Zur selben Zeit rief der Empfangschef des Hotels „Majestic” seine Lieblingsrezeptionistin zu sich. Dora wusste genau, was ihr wieder einmal bevorstand, als sie am Telefon die barsche Stimme hörte, die sie zum Privatdiktat kommen hieß. Und beeilen solle sie sich ...
Widerwillig ließ Dora das Privatdiktat über sich ergehen. Dank Verhütung auf Knopfdruck würde es ohnehin ohne Folgen bleiben. Auf die Ausschüttung der zusätzlichen Hormone, um den der in der Werbung angepriesenen Superorgasmus zu bewirken, verzichtete Dora. Sehr zum Glück war das wenigstens bezahlte Arbeitszeit ...
Zurück an ihrem Schreibtisch musste Dora an den unrasierten, aber dennoch sympathischen Mann von neulich denken. Er hatte sich im Zimmer 797 einquartiert. Ganz bleich war der Mann gewesen, der sich als „Carlos” in das Gästebuch eingetragen hatte. Drei Stunden, nachdem er sich bei ihr seinen Zimmerschlüssel geholt hatte, war er von einem Beseitigungstrupp unauffällig entfernt worden. Warum, wagte Dora nicht zu spekulieren. Die Bediensteten murmelten etwas von „Drogen oder so”, aber Genaues wusste – wie üblich – niemand.
Wie in allen solchen Fällen hatte man auch hier kein Aufhebens gemacht. Tote und Menschen, die nicht mehr funktionierten, also „tot“ waren auf ihre Weise, wurden eben beiseitegeschafft. Manchmal diskret, manchmal ungeniert, aber es geschah stets schnell, hocheffizient und ein für alle Mal; keiner erfuhr etwas. Auch die engsten Familienangehörigen nicht, sofern es solche gab, was selten genug war.
Und das Gerücht, dem zufolge oft genug politisch in Ungnade Gefallene dergestalt aus dem Verkehr gezogen wurden, war immer noch in keiner Weise bestätigt. Aber es hielt sich hartnäckig.
Zwei Stunden später war Doras Dienst zu Ende. Entgegen ihrer sonstigen Gepflogenheit, nach der Arbeit im Restaurant gegenüber zu essen, wandte sie sich diesmal Richtung Stadtmitte. Sie ging durch die berühmte Siegesallee, die zu den Wahrzeichen der Stadt gehörte. Dementsprechend hoch waren die Preise in den zahlreichen Geschäften. Andererseits fanden sich die besten Baumattrappen weit und breit. Seit Bäume – zumindest in den Ballungszentren – zu Mangelerscheinungen geworden waren, behalf man sich vielerorts mit Imitaten. Diese fanden die Cyborgs ohnehin viel sehenswerter als die Originale. Aus speziell eingesetzten, schwer zu erkennenden Duftkanonen versprühten sie Fichten-, Tannen-, Kiefer- oder Sonstwasduft. Kleine, von außen nicht sichtbare Lautsprecher gaben verschiedenes Vogelgezwitscher von sich. In Luxusmodellen waren bis zu 25 unterschiedliche Vogelarten zu hören, auch exotische oder bereits ausgestorbene, deren es Dutzende gab. Wahlweise konnte man die Stimmen in der Reihenfolge, Lautstärke und Länge einstellen oder all das einem Zufallsgenerator überlassen. Sah man genauer hin, war auf diesen Bäumen irgendwo in Augenhöhe ein unauffälliger Firmenaufdruck zu erkennen.
Dora lustwandelte durch diese Allee und freute sich über den Gesang von Meisen, das Gurren von Tauben und den Duft nordischer Fichten. Am Ende der Allee lag das Regierungsviertel. Das erste Gebäude war noch vergleichsweise unspektakulär und hatte auch nur fünf Stockwerke, im Gegensatz zu den weit höheren Nachbargebäuden mit ihrer supermodernen Architektur aus Aluminium, Stahl und Glas in fast schon abweisenden, bizarren Formen. Diese beherbergten auch die wichtigeren Ämter. Dort wimmelte es nur so von Politikern, Polizisten, sonstigen Uniformträgern und angeblich honorigen Bürgern.
Dora betrat das erste Haus auf der rechten Straßenseite und stieg in den Lift. Auf der Anzeigetafel direkt unter den Knöpfen für die Stockwerke befand sich ein Schloss. Sie zog einen Schlüssel aus ihrer Tasche, steckte ihn in das Schloss, drehte um und drückte auf den obersten Knopf. Zügig beförderte sie der Lift einen Stock über das letzte Stockwerk (laut Anzeigetafel) hinaus. Dora betrat die Dachveranda. Inzwischen war es spät geworden. Der letzte Strahl der Abendsonne beleuchtete den oberen Teil des Stadtturmes, bestens sichtbar von hier aus. Merkwürdig klar, geradezu überdeutlich, traten die spätgotischen Merkmale der Architektur hervor. Über die restliche Stadt hatte sich bereits die abendliche Dämmerung gelegt.
Vor Dora befand sich ein Penthouse, aus dessen einem Fenster auf der linken Seite Licht strahlte. Ein rundlicher Mann Ende 50 öffnete und deutete ihr mit einer ungeduldigen Handbewegung, sie solle rasch eintreten. An den dicklichen Wurstfingern protzten Ringe, die wahrscheinlich sehr teuer gewesen waren.
„Ich hoffe, es ist dir niemand gefolgt, Agentin Dora 3”, begann der Mann.
„Keine Angst, Marcos, ich habe aufgepasst.”
„Du solltest doch erst morgen deinen Bericht abliefern. Was willst du heute schon?”, wollte Marcos wissen.
„Ich will eine höhere Gage. Mein Vorgesetzter im Hotel erwartet immer öfter, dass ich ihm sexuell zur Verfügung stehe. Ich will das nicht. Wenn ich diesen ekeligen, vor Geilheit sabbernden Kerl noch länger aushalten soll, möchte ich wenigstens mehr Geld. Dann kann ich dabei die Augen zumachen und mir vorstellen, was ich mir Schönes davon kaufen werde. Es ginge mir gleich viel besser.”
Marcos sah ihr zynisch grinsend ins Gesicht und sagte: „Ach was, nimm es locker. Gib dir einfach eine doppelte Portion Hormone und mach die Augen zu. Abgesehen davon: Was soll da Jenny Raffzahn sagen? Die haben wir überhaupt auf die Straße gestellt, weil manch einer im Bett plappert, was er in der Öffentlichkeit niemals sagen würde. Was meinst, wer da aller kommt und sein Klingelingeling schwingt?
Wir brauchen dich im Majestic dringend, dort steigt die gesamte Prominenz ab und wir benötigen deine Beobachtungen. Am besten, du genießt es.”
Frustriert verließ ihn Dora. Im Grunde hatte sie gar nicht erwartet, Marcos würde sich für sie einsetzen. Aber sie sollte nicht sagen müssen, sie hätte es nicht einmal versucht. Dora konnte sich noch gut daran erinnern, dass Marcos selbst einmal seine Position ausnützen wollte ... Es war in der Anfangszeit ihrer Arbeit bei der Organisation gewesen. Marcos ließ sie damals zu einer „finalen Besprechung”, wie er sich ausdrückte, kommen. Mit einem gewinnenden Lächeln lud er sie ein, sich zu setzen, und bot ihr einen Pina Colada an. Wegen dieses – für Marcos – auffallend umgänglichen Auftretens war Dora schon misstrauisch geworden.
Nach ein bisschen Smalltalk ließ er die Katze aus dem Sack: „Agentin Dora 3, Sie haben Glück. Ich schätze Sie als Person und wäre durchaus bereit, mich für Ihre Karriere einzusetzen, wenn ... äh, wie soll ich sagen ...? wenn Sie sich mir gegenüber ein wenig entgegenkommend zeigen würden. Sie wissen, was ich meine?”
Und ob Dora das wusste. Sie brauchte ihm nur in das Gesicht zu sehen. Kühl gab sie zurück: „Natürlich. Aber ich denke, für ein weiteres gedeihliches Zusammenarbeiten ist es besser, wenn wir privat auf der nötigen Distanz bleiben. Betrachten Sie das bitte als mein letztes Wort in dieser Angelegenheit.”
Darauf nahm ihr Marcos den Drink wieder weg. Wie finster sein Gesicht plötzlich geworden war! Was hatte dieser Marcos eigentlich? Außer einem ausgeprägten Fettansatz um den Bauch (Speckniere, wie Dora es nannte), ungepflegtem Haar sowie einem sexuellen Notstand, der sein Problem war und es auch weiterhin bleiben sollte? Und einem Verhalten, bei dem man nie wusste, wie man dran war? Ach was, kam Dora zum Schluss, er war einfach eine undurchsichtige, fiese Nummer ...
... Ja, so war das seinerzeit gewesen. Aus diesem Grunde war sich Agentin Dora 3 im Klaren, dass sie heute den Teufel bei seiner Großmutter verklagt hatte. Aber sie musste einfach ihrem Ärger Luft machen. Zumindest das hatte sie, wenn auch mehr schlecht als recht, erreicht.
In solche Gedanken vertieft, fuhr sie in ihrem knallroten Auto nach Hause. Als sie die Triumphbrücke überquerte, hielt das Geschehen an ... Von einem Augenblick zum anderen war die Zeit war stehen geblieben. Urplötzlich stoppte der Straßenverkehr; kein Passant bewegte sich mehr, absolute Stille ...


Ein Kalender mit einem knallroten Auto, das gerade über die Triumphbrücke fuhr, hing im Zimmer 797 des Majestic, direkt über dem Computer. Nachdem das Geschehen wieder weiter ging, traf sich hier wenig später eine illustre Gesellschaft. Drei Frauen und ebenso viele Männer traten zusammen und legten eine graue Uniform an. Es musste sich offenbar um einen erhabenen Anlass handeln, denn keiner redete, jeder bewegte sich leise und würdevoll.
Immer noch schweigend setzten sie sich an einen länglichen Tisch aus kanadischem Ahornholz. Rechts saßen drei Männer: Marcos, der Agent, Hagen, den alle wegen seiner rigorosen Pflichtauffassung den „Deutschen” nannten und Wilfried. Da Wilfrieds Großmutter seinerzeit aus der Mongolei eingewandert war, wurde er gemeinhin „Attila“ genannt.
Den Männern gegenüber hatten die Frauen Platz genommen: Katharina, Alfreda und Waltraud.
Katharina, die gerade turnusmäßig mit dem Vorsitz betraut war, klopfte mit den Knöcheln der rechten Hand rhythmisch auf den Tisch: Bamm-bababamm-babamm. Umgehend wandten sich ihr alle Gesichter zu.
Gemäß den ehrwürdigen Statuten begann Katharina: „Geschätztes Collegium. Ich eröffne hiermit unsere heutige Sitzung. Die Tagesordnung ist Ihnen zugegangen. Gibt es dazu Einwände? - Da das nicht der Fall ist, kommen wir zu Punkt eins, der Besprechung des Protokolls unserer letzten Sitzung.”
... Allgemeines Gemurmel, kaum verständlich ...
„Danke, liebe Collegiumsmitglieder. Kommen wir damit zu Punkt zwei, den Berichten der einzelnen Mitglieder.”
Daraufhin begannen die Teilnehmer der Versammlung mit ihren Berichten. Zur Freude aller stellte sich dabei heraus, dass die Hungersnot in Hongotau ein großer Erfolg geworden war. Tausende Tote! Genauso die Kampagne zur Hilfe, denn unter allgemeinem Applaus wurde ein Spendenrekord zur Kenntnis gebracht.
Selbstredend hatte man als Honorar für die beschwerliche, aufwendige Organisation der Aktion ein erhebliches Sümmchen der Gelder abgezweigt. Gerecht, so wie es sich gehört, wurde diese kleine Aufmerksamkeit gleichmäßig und vor allem steuerschonend auf die Privatkonten der Collegiumsmitglieder im Ausland verteilt.
Die Fundamentalistenbewegung, eines der willigsten Instrumente in der Hand des Collegiums, erfreute sich großen Zulaufes, steuerte eine alte Frau namens Waltraud an Informationen bei.
Anschließend ging sie zum Fenster und öffnete es. Ein aufziehendes Gewitter zeichnete schwarzgraue Wolkenbänke turmhoch in den Himmel. In Erwartung der dadurch bedingten Abkühlung griff sich Waltraud unwillkürlich an ihren selbst gestrickten Pullover. Waltraud strickte für ihr Leben gerne, besonders Pullover aber auch sonstige Bekleidung aus Wolle.
Indessen fuhr ein anderes Collegiumsmitglied mit den Berichten fort. Auch der Krieg in Australien zwischen den Mutanten und den Cyborgs versprach spannend zu werden. Immerhin marschierten die Cyborgs schon auf Sydney zu. Dort aber war der Kern der Mutantenarmee zusammengezogen ...
Nur Marcos, das Mitglied, das die Agenten zu beaufsichtigen hatte, musste leider eine unangenehme Vermutung äußern: „Liebe Collegiumsmitglieder, ich habe den Verdacht, Agentin Dora 3 wird .... ich scheue mich wirklich, es auszusprechen, aber ich fürchte, ich muss es tun – ich glaube, sie wird ---- unwillig.”
Ein aggressives Raunen ging durch das Collegium. Dann sagte die Vorsitzende mit eisiger Miene: „Sie wissen, liebe Collegiumsmitglieder, in unseren Statuten ist vorgesehen, dass wir in einem solchen Falle würfeln. Stellen Sie sich nur vor, das würde Schule machen! Wir sorgen für das Wohl des Volkes also dürfen wir als Gegenleistung auch etwas Dankbarkeit erwarten.
Ich darf damit den Meister der Würfel offiziell um das Ritual bitten.”
„Ja, ja, das Würfelritual“, wisperte man allenthalben. Hagen Franz, das Collegiumsmitglied, das turnusmäßig mit der Meisterschaft der Würfel betraut war, holte diese aus einem Schrank, der sich im Hintergrund des Zimmers befand. Mit einer würdevollen Verbeugung überreichte er der Vorsitzenden die beiden Würfel und das dazugehörende Brett aus einem kostbar verarbeiteten Pinienholz zur Begutachtung. Das war in der diesbezüglichen Spielregel als erster Schritt im Ritual so vorgeschrieben.
Katharinas Augen betrachteten die Würfel. Wie ungewöhnlich waren sie doch, und das in zweierlei Hinsicht! Erstens bestanden sie aus lackiertem Stahl, der kühl und schwer in der Hand lag und zweitens hatten sie je drei schwarze und drei weiße Flächen. Fielen zwei weiße Flächen, ließ man die Person gewähren, fiel eine schwarze und eine weiße Fläche, bedeutete dies eine peinliche Befragung (wie das Collegium die Folter nannte). Bei zwei schwarzen Flächen musste der oder die Betreffende sterben. Und in wenigen Augenblicken sollte über das Schicksal der Katharina verhassten Agentin Dora 3 entschieden werden ...
Das Ritual wurde fortgesetzt. Das Collegium stand auf und murmelte andächtig ein gemeinsames Gebet zu Ehren der Statuten und der Spielregeln. Das nahm vielleicht drei Minuten in Anspruch. Als nächsten Schritt in der Spielregel reichte Katharina die zwei Würfel Franz Hagen zurück. Dieser stellte die Beleuchtung so ein, dass nur mehr das Brett in der Mitte des Tisches beleuchtet war. Dann konnte die Handlung fortschreiten.
Nach einem würdevollen Augenblick allgemeiner meditativer Versenkung warf der Deutsche mit theatralischer Geste die Würfel. Geräuschvoll klapperten diese über das Pinienholz. Man konzentrierte sich auf das Würfelbrett, sodass niemand mitverfolgte, wie Katharina mit einem Magneten unter dem Tisch dem Schicksal geschickt nachhalf. Zwei schwarze Flächen! Die Agentin Dora 3 würde sterben müssen! Nur mühsam unterdrückte Katharina ein schadenfrohes Grinsen hinter vorgehaltener Hand. Das geschah Dora recht für ihren Hochmut. Bisher hatte noch jede Agentin in der Organisation vor allem dadurch Karriere gemacht, dass sie sich im rechten Augenblick nicht dem Richtigen verweigerte. Nur Agentin Dora 3 glaubte das nicht nötig zu haben. Dabei fehlte es bei ihrem Aussehen wahrlich nicht an Anträgen, aber es prasselte Abfuhren zurück. Bei ihr, Katharina, kam schon lange keiner mehr auf eine zweideutige Idee, aber Dora 3 mussten diese Idioten ja nachlaufen.
Sterben, ja das ist gut, so überlegte die Vorsitzende. Aber wie, das war jetzt die Frage. Einen Beseitigungstrupp konnte man nicht schicken, denn immerhin: Dora 3 funktionierte noch. Das hätte der Programmierung der Roboter widersprochen. Eine kurzfristige Umgehung der offiziellen Programmierung war wohl möglich und wurde gelegentlich auch durchgeführt, hätte aber möglicherweise der Gerüchteküche betreffend Beseitigung politisch Unbequemer Nahrung geben können. Also wollte das Collegium mit diesem Mittel sparsam umgehen. Und so schlimm war das Vergehen der Agentin Dora 3 nun auch wieder nicht; offiziell wenigstens.
Dann sagte die Vorsitzende: „Wenn ich mich richtig erinnere, sind wir ohnehin bei unserer letzten Sitzung übereingekommen, einen kleinen, überschaubaren Bürgerkrieg zu inszenieren. Ich schlage vor, im Zuge dessen Dora 3 zu liquidieren.”
Ihr Antrag wurde sogleich einstimmig angenommen und der diesbezügliche Auftrag umgehend offiziell an Marcos delegiert.
In den schwer berechenbaren Wirren eines Bürgerkrieges würde sich gewiss eine elegante Gelegenheit finden, Agentin Dora 3 stilgerecht zu erledigen. Ihr, Katharina, würde sicher zu dieser Frage etwas ganz Besonderes einfallen. Weh musste es Dora 3 tun, jawohl, sehr weh ...
Indes wurde sie von Hagen aus ihren Meditationen gerissen, der zu Bedenken gab: „Wir haben uns ja noch nicht einmal entschieden, wie wir den Bürgerkrieg anzetteln.“
Richtig, richtig, diesbezüglich hatte man sich das letzte Mal nämlich vertagt. Wollten die Mitglieder doch bis heute möglichst originelle und effektive Ideen dazu sammeln! Wer den letztendlichen Vorschlag machen würde, sollte mit einem zusätzlichen Urlaub belohnt werden.
Die Vorsitzende übernahm wieder die Gesprächsführung: „Danke für den Einwand. Und damit komme ich zum nächsten Besprechungspunkt, Initiation unseres Bürgerkrieges. Hat jemand Vorschläge einzubringen?“
Nun wurde ein ganzer Schwall Ideen vorgebracht, von Attentaten über Seuchen und Ausbruch aus dem Hochsicherheitsgefängnis bis zu bewaffneten, randalierenden Banden halbwüchsiger Mutanten im Alkoholrausch. Aber keiner der Vorschläge konnte wirklich überzeugen. Dessen ungeachtet versuchte jedes Mitglied, seine Idee durchzusetzen. Als die Collegiumsmitglieder immer mehr durcheinander redeten und die Angelegenheit auszuufern begann, wurde es der Vorsitzenden zu bunt.
„Ach was“, unterbrach Katharina barsch die allgemeine Diskussion, „wir bringen eine neue Religion in Umlauf. Das ist bombensicher, denn Recht haben kann bekanntlich nur einer. Irgendein Prophet muss her, der soll uns die Leute mit seinen Predigten vom Leibe halten. Bücher soll er schreiben, das erhält Arbeitsplätze und beschäftigt das Volk. Sollte uns die Sache langweilig werden, schießen wir den Propheten über den Haufen und seine Bücher kommen ins Feuer.”
Diesem Vorschlag wurde allgemeine Zustimmung erteilt. Also wurde Katharina formvollendet der Gutschein über vier Wochen Malediven auf Kosten der Lotterie ausgehändigt.
Nachdem der begeisterte Applaus abgeklungen war, wollte Attila in seiner kleinkarierten Bürgerlichkeit wissen: „Und wie finanzieren wir das?“
Marcos sah ihn nachsichtig lächelnd an: „Die Finanzierung sollte auf Kosten der Erträge der staatlichen Lotterie „93 aus 27000“ geregelt werden. Wozu gibt es schließlich derlei Einrichtungen? Wenn sich die Bevölkerung durch die Lotterie prächtig unterhalten darf, warum sollten wir, das Collegium, uns nicht ebenfalls damit amüsie-ren?“
„Naja“, warf Alfreda ein. „Die Bevölkerung gibt in diesen Topf, wir nehmen. Macht das keinen Unterschied?“
Katharina entgegnete ihr scharf: „Na und? Schließlich sind wir das Collegium. Das darf ja wohl auch einen Unterschied ausmachen, findest du nicht?“
Beifälliges Nicken der anderen bestätigte Katharina unmissverständlich in ihrer Argumentation. Also wurde auch über diesen Vorschlag abgestimmt. Er wurde mit einer Stimmenthaltung durch das Mitglied Alfreda amtlich und formvollendet angenommen. Anschließend kam die Vorsitzende zum obligatorisch letzten Punkt der offiziellen Tagesordnung, nämlich zu „Allfälliges”.
Sie sagte: „Unter Allfälliges muss ich Ihnen zur Kenntnis bringen, dass etwas von uns nicht Vorhergesehenes geschehen ist. Wie Ihnen bekannt ist, gibt es nur eine Gelegenheit, dem Großen Spiel zu entkommen. Unser Vorgänger und Begründer des Collegiums Emmalel hat die Spielregeln seinerzeit so festgelegt. Und damit das Collegium den Spaß am Spiel nicht verliert, wurde die einzige schriftliche Unterlage in Form eines Schatzplanes aus der Zeit vor dem Großen Spiel codiert. Den Gerüchten im allgemeinen Spinnennetz de Information zufolge ist genau dieser Plan in die Hände eines Waffenschmugglers geraten, dessen Schiff untergegangen ist. Wir müssen vorläufig davon ausgehen, dass der Plan mit dem Schiff versunken ist. Wenn es uns nicht gelingt, die Unterlage zu rekonstruieren, gibt es für ausnahmslos niemand mehr eine Möglichkeit, aus dem Großen Spiel auszusteigen.
Ich bitte Sie zu bedenken, wie viel Spannung und wie viel Spaß wir dabei verlieren, wenn sich kein Mensch mehr bemüht, unseren Spielregeln zu entkommen. Überdies erscheint mir das Dokument wichtig genug, dass es unbedingt in unseren Händen sein sollte.
Ist jemand unter uns, der die diesbezügliche Spielregel noch im Kopf hat? - Nein?! - Dann wird uns auch eine Rekonstruktion nicht gelingen. Sollte der Plan nicht wider Erwarten zufällig auftauchen, werden wir uns wohl mit der Lage abfinden müssen.”
„Schade, oh je ...” tönte es von allen Seiten.
Nach dieser betrüblichen Mitteilung sowie einer kurzen anschließenden Erörterung wurde mit Einstimmigkeit beschlossen, alles zu unternehmen, damit das Collegium wieder in den Besitz des Schatzplanes käme. Der Beschluss wurde durch ein kurzes Gebet zu Ehren der Statuten und der Spielregeln bekräftigt.
Abschließend entließ Katharina das Collegium: „Ich erkläre damit die heutige Sitzung für geschlossen und wünsche Ihnen, liebe Collegiumsmitglieder, frohes Schaffen und gute Unterhaltung.”


Zwei Hände hielten ein Buch, in kostbares Leder eingebunden. Es trug den Titel „Carlos”, der in metallenen Lettern auf der Vorderseite prangte. Eine geraume Weile blätterten die Hände darin. Liebevoll glitten die Fingerkuppen über die Oberfläche des vergilbten Papieres. Dann klappten sie das Buch zu und stellten es in ein Regal zu Tausenden anderer Bücher in der Stadtbibliothek. Dort stand es, bis der Kuss der Ewigkeit die Seiten vermodern ließ ...
In der Zwischenzeit lief vor der Bibliothek eine Hündin durch die nächtlichen Gassen Haikikis. Die Straßenschilder in etwa zweieinhalb Meter Höhe an den Hauswänden zeigten: Halbstockgasse, Sumpfweg, Tarngasse ...
Außer schlafenden, strahlengeschädigten Obdachlosen sowie zwei schlecht gelaunten Cyborgpolizisten auf Streife (schon wieder Nachtdienst!) begegnete die Hündin keiner lebenden Seele. Sekunden später wurde sie von der Nacht verschluckt, die nur von blinkender Neonreklame in der Ferne psychedelisch beleuchtet in einer Nebengasse lauerte ...


Carlos näherte sich den Dünen, die schon drei Kilometer im Westen Haikikis die Landschaft prägten. Da kam eine riesige Hand aus heiterem Himmel, die einen Pinsel schwang. Damit malte sie um Carlos eine üppige mediterrane Vegetation. Schon nach wenigen Augenblicken stand Carlos inmitten von blühenden Orangen- und Olivenbäumen, auf saftigem Gras mit den verschiedensten bunten Blumen, eine exotischer als die andere. Verschiedene Vögel tummelten sich lautstark und unbekümmert in den Ginster- und Wacholdergebüschen, Schmetterlinge schwebten von einer Blüte zur anderen.
Nachdem das Bild zu Ende gemalt war, begann es an der rechten unteren Ecke zu brennen. Das Feuer breitete sich aus und vernichtete das Bild zur Gänze. Übrig blieb ein Häufchen Asche, das im Wind der Zeiten auf den kahlen Dünen verwehte, auf denen vordem Carlos gestanden hatte.


Inzwischen war Dora 3 zu Hause angekommen. Nach dem Sichten der elektronischen Post auf ihrem Computer stellte sie sich einen Tee auf. Angeblich war er garantiert strahlungsfrei, zumindest stand es so auf der Packung. Als dieser dann gelblich-grün die Tasse füllte, sog sie sein exotisches Aroma durch die Nase tief in ihre Lunge ... Wie entspannend ...! Wie angenehm wärmte das Getränk doch ihre Handflächen, die das Porzellan umschlossen ...!
Ob alle Männer so waren wie ihre beiden Chefs? Da fiel ihr der seltsame Mann von neulich ein, den der Beseitigungstrupp weggeschafft hatte. Wer war er wohl, und was mochte mit ihm passiert sein? Wie alt mochte er sein? Sie schätzte ihn auf Anfang dreißig, vermutlich Oldie, obwohl man das nie so genau sagen konnte.
Langsam wurde es Abend. Bald würde sie der Schlaf von ihren bohrenden Grübeleien erlösen ...
Die Agentin Dora 3 starrte auf die gemusterte Tapete, auf der sich im Halbdunkel seltsame Muster bildeten. Bald nahmen sie die Umrisse von Blumen an, bald von Tieren, zuletzt sogar menschliche Konturen. Binnen Kurzem hatten diese Konturen die Züge von Carlos. Da wurde die Tapete plastisch, Carlos trat heraus. Carlos! Ja, das war ein Mann, mit dem sie am liebsten am Rande eines Sees sitzen würde, den Picknickkorb daneben. Einfach nur dasitzen und die Seele baumeln lassen. Die Anwesenheit eines Menschen genießen, vor dem man sich ausnahmsweise nicht in Acht zu nehmen brauchte. Seinen Rücken angelehnt an den eigenen spüren, dem Klang seiner Stimme lauschen, wenn er einen unschuldigen Witz erzählt, oder auch einen zweideutigen, egal ...
Der leichte Wind über dem See lockerte Dora 3 die Haare auf, die sich in typischer Jungmädchenmanier lachend eine Strähne aus dem Gesicht schob. Niemand war weit und breit zu sehen. Carlos berührte ihre linke Wange, spielte mit dem Ohrläppchen dahinter. Wie fein weich und warm doch ihre Haut war! Wie fundamental doch die Erfahrung sein kann, wenn einen Augen anstrahlen ... Carlos fühlte sich um ein wichtiges Erlebnis reicher ...
Ohne viele Worte genossen Dora und Carlos ihr gegenseitiges Vertrauen und gaben sich der Stimmung hin. Auf diese Weise zelebrierten sie unvergessliche Augenblicke, Tropfen in der Ewigkeit ... Wenn nicht jetzt, wann dann ...? Ein Echo bis zum Rand des Universums ... Wenn nicht hier, wo dann ...?
Fritz Candidy beobachtete Carlos und Dora aus einer Entfernung von rund zweihundert Metern bestens getarnt hinter einem blühenden Wacholderstrauch. Angestrengt sah durch sein Fernglas, welches er unlängst bei Waltraud, der Händlerin für alles, erstanden hatte. Dazwischen notierte er eifrig in seinem Notizbuch, dass die verdächtigen Subjekte nichts Besonderes taten. Ein flauer Job war das! Gelangweilt gähnte der Agent. Er hätte eben doch Metzger lernen sollen, sagte er sich, wie so oft in letzter Zeit. Das wäre seinem bodenständigen Gemüt ohnehin um einiges mehr entgegengekommen.


Waltraud wechselte in der Galerie das Bild. Sie setzte sich auf das für Ausstellungen so typische, schwarze Ledersofa in der Mitte des Raumes und wandte sich dem nächsten Gemälde zu. Leider verstellte ein genervter Papa mit zwei Knaben in der Pubertät die Sicht. Um das Gespräch der drei Besucher (“Papa, das hier ist Scheiße!” - „Euch kann man aber auch gar nichts recht machen.” usw.) kümmerte sich Waltraud nicht. Als die Truppe endlich vorbeigezogen war, war der Blick frei und sie konnte sich in das Bild vertiefen.
Das Gemälde zeigte Carlos auf dem Weg in einen Tanzpalast. Vor dem grell neonbeleuchteten Eingang boten Drogenhändler, Prostituierte und Strichjungen ihre einschlägigen Dienste an. Eine Mutantin öffnete ihre Bluse und bot ihre drei Brüste feil, die ein Ausgleich für ihr Gesicht sein sollten, das strahlengeschädigt im fortgeschrittenen Stadium war. Carlos kümmerte es nicht. Er ging weiter Richtung Bar. Aufdringliche Scheinwerfer warfen ihr unregelmäßiges, vielfarbiges Licht in die tanzende Menge. In der Mitte befand sich eine kleine Plattform, etwa zwei Meter über dem Boden, auf der eine Cyborgfrau im Takte der Musik ihren makellosen Körper entblößte. Carlos kümmerte es nicht.
Die Melodien und Rhythmen, die aus den Lautsprechern dröhnten, formten sich zu einem Strauß exotischer Blumen, der Carlos entgegenfiel. Dieser wartete wenig später vor dem Haus, in dem Dora wohnte, die Orchideen in der Hand. Es war dunkel und Carlos stand am Rande eines Lichtkegels, den die nächststehende Straßenlampe warf. Als Dora kam, bedankte sie sich mit einem Kuss für die Blumen. Sie nahm den Strauß und warf ihn in die Höhe. Kilometerweit flogen die Pflanzen über die Wolken in den Weltraum hinaus, wo sie zu einem grandiosen Feuerwerk zerplatzten. Grüne, rote, gelbe, blaue Leuchtfontänen in den verschiedensten Mustern zogen in das schweigende Dunkel des Alls. Minutenlang war das Firmament majestätisch überschwemmt. Die Sternschnuppen des Feuerwerkes aber verglühten nicht, sondern landeten als bunte Edelsteine auf dem Tisch, hinter dem Marcos saß.
Aufmunternd sagte Marcos zu Oscar: „Und das alles, Oscar, soll dir gehören, wenn du die Laserminen in meinem Keller nach Australien schmuggelst. Wie du weißt, gibt es dort Krieg und wir können mit diesem Zeug das beste Geschäft machen. Komm und schlag ein.”
Der besah sich staunend den Schatz kostbarer Steine, der soeben vom Himmel gefallen war. Mehr Argumente brauchte ein Profi wie Oscar nicht. Er stimmte zu und begleitete anschließend Marcos in die Kellerräume, in denen über 3600 Laserminen, die es zu schmuggeln galt, sorgfältig bis fast zur Decke aufgestapelt waren. Die Zünder lagen in separaten Kisten an der gegenüberliegenden Wand.
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Ich schreibe, also bin ich.
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BeitragVerfasst am: 04.03.2008, 17:44    Titel: Antworten mit Zitat

Hände griffen zu Telefonen, wählten Nummern. Stimmen murmelten über den Äther von einem Funkgerät zum anderen, Botschaften wurden übermittelt, teilweise dabei verstümmelt. Gerüchte und Vermutungen entstanden, verdichteten sich oder wurden wieder aufgelöst. Die Balance zwischen Heil und Unheil verschob sich auf der Oberfläche des schwingenden Spinnennetzes der Information ...


Carlos fuhr mit seinem Auto durch die Triumphallee Richtung Stadtausgang. Am Ende der etwa zwei Kilometer langen Allee befand sich ein Kreisverkehr, der von einem Straßenüberwachungsroboter kontrolliert wurde. Als er diesen Roboter passierte, schien es ihm, als sei er schon einmal da gewesen. Auch die nachfolgenden Straßen erweckten in ihm den Eindruck, als sei er gerade vor vielleicht zwanzig oder dreißig Minuten hier vorbeigekommen.
Langsam wurde es dunkel und der Stadtrand näherte sich wider Erwarten doch noch. Carlos war bereits in einem der Elendsviertel (einer Hochburg der Mutanten) am östlichen Stadtrand, als er nach links lenken wollte. Doch das Auto fuhr geradeaus weiter! Zum Teufel, was war das?! Wieder probierte es Carlos – das Auto reagierte nicht! Versuchsweise bremste Carlos. Keine Reaktion seines Gefährtes. Gab er Gas, steuerte er links oder rechts – das Auto gehorchte nicht mehr. Carlos hatte die Herrschaft über seinen Wagen verloren! Das verdammte Vehikel kontrollierte sich selbst!
Sein Wagen fuhr Carlos aus Haikiki hinaus in die angrenzenden Pinienwälder und bog dort nach einer Viertelstunde von der Straße in einen Feldweg ein. Auf einer Lichtung blieb das Auto stehen. Inzwischen war es gänzlich dunkel geworden und Carlos hätte nicht mehr sagen können, wo er sich befand. Er war gespannt, was der Wagen weiter tun würde. Dann wurde der Motor abgestellt.
Mitten durch die dunklen Bäume bemerkte Carlos plötzlich ein kugelförmiges Ding von der Größe eines fünfstöckigen Hauses. Das Objekt leuchtete rötlich und bewegte sich knapp über den Bäumen langsamer werdend auf ihn zu. Als es sich über Carlos‘ Wagen befand, sandte es einen Lichtstrahl aus, der Carlos wegmaterialisierte. Geblendet vom Licht schloss er die Augen ...
Dann raste das Objekt mit zunehmender Geschwindigkeit kerzengerade in den Weltraum hinaus, in die Tiefen des Alls, in die eisigen, unergründlichen Weiten des Universums, jenseits jeder Vorstellungskraft ...
Carlos fand sich in einer Kirche der Christen wieder, als er nach einem unbestimmten Zeitraum die Augen öffnete. Wieder war es nicht gelungen ...


Die Mittagssonne schien zu den Fenstern herein. Draußen war es so heiß, dass der Schatten in der Kirche höchst willkommen war. Carlos‘ Blick fiel auf ein übermannsgroßes Gemälde im barocken Stil. Es zeigte eine junge Frau mit einem Baby im Arm, daneben kniete ein unscheinbarer, alter Mann. Davor standen drei exotisch angezogene Männer in gebeugter Haltung. Sie hielten dem Baby verschiedene, schwer zu erkennende Objekte unter die Nase. Bestimmt waren es Dinge, die ein Säugling gut gebrauchen kann: Windeln, eine Decke oder eine Salbe, damit der Popsch beim Säubern nicht gereizt wird, eventuell ein Fläschchen und dergleichen. Nur ein Volltrottel würde hier Gewürze, Räucherungen, Edelmetall und derlei Plunder schenken. Ein Ochse und ein Esel im Hintergrund rundeten das offensichtlich bäuerliche Ambiente ab.
Über der Szene thronte ein aufdringlicher Stern, ein rötliches Objekt aus den Tiefen des Alls, aus den eisigen, unergründlichen Weiten des Universums, jenseits jeder Vorstel-lungskraft, aus den ...
„Sie suchen Frieden, mein Sohn?”, fragte der Gemeindepriester Carlos und unterbrach damit jäh dessen Meditationen.
„Nein, Abkühlung”, antwortete dieser.
„Meinen Sie nicht, dass das ein bisschen respektlos ist?”
„Nein. Ich flüchte vor seiner Hitze in seinen Schatten. Wo ist das Problem?”
„Sie können sagen, was Sie wollen, aber ich glaube, Ihre Seele sucht höheren Frieden. Da hat sie sich eben einen Anlass gesucht, hierher, an die Quelle allen Friedens, zu kommen. Das ist wahre Magie, mein Sohn.”
„Pater, ich bin nicht einmal Anhänger Ihres Glaubens”, seufzte Carlos. „Und dass jemand wie Sie, der in meinem Alter ist, zu mir Sohn sagen, ist lächerlich.“
„Das sollte man spirituell verstehen. Es geht doch um höhere Dinge. Ich meine um das, was unser Heiland alles für uns getan hat. Das ist immerhin eine ganze Menge.“
Carlos erwiderte kopfschüttelnd: „Anzunehmen, ein Wanderprediger eines untergegangenen Volkes hätte vor über zweitausend Jahren die ganze Welt erlöst, wäre einfach nur albern, hätte nicht diese Annahme 60 Millionen Menschen das Leben gekostet. Ich bin mir zwar bewusst, dass viele Menschen gerade das für bare Münze nehmen, aber das macht es nur noch schlimmer.“
Doch so schnell gab sich der Geistliche nicht geschlagen: „Das tut nichts zur Sache. Gott hat auch die erschaffen, die nichts von ihm halten.”
„Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass ausgerechnet Ihr Glaube der richtige ist?”, wollte Carlos nach einem Moment des Überlegens wissen.
Der Priester antwortete: „Im Glauben wohnt ein großes Geheimnis, das selbst nicht mehr hinterfragt werden kann. Man glaubt einfach. Dafür nach rationalen Begründungen zu suchen ist sinnlos.”
„Das erklärt aber nicht die Flut der religiösen Anschauungen und schon gar nicht, warum ich zum Beispiel keiner Religion angehöre.”
„Gott spricht in vielen Sprachen. Gott ist der Schöpfer eines jeden Lebensplanes, so auch des Ihrigen. Was Ihnen beschieden ist, hat Gott für Sie bestimmt. Auch die Form des Glaubens oder auch Unglaubens, auf die es letztlich gar nicht so ankommt.”
Carlos gab sich unbeirrt: „Ich bin nicht überzeugt. Sehen Sie sich doch einmal unsere Welt vorurteilslos an. Ist sie denn nicht schwer krank? Leidet sie denn nicht an der Unmenschlichkeit der Information an sich? Also ich fühle mich eher als das Produkt eines krankhaften Gehirns oder als Teil einer absurden Fiktion. Ich erlebe mich fremd- und nicht eigengesteuert.”
„Sie sind Teil einer ungeheuren kosmischen Vision. Und es ist die Vision Gottes. Daher gibt es nur durch Gott Erlösung. Eines jeden Menschen Weg führt ihn zu Gott. Aber welchen er geht, kann er sich aussuchen.”
Da drehte sich Carlos um – der Priester war verschwunden. Hurtig war dieser in einem der drei Beichtstühle an der linken Seitenmauer des Kirchenschiffes untergetaucht. Leise speiste der Geistliche dort über ein Funkgerät eine Botschaft in das allgemeine Spinnennetz der Information ein. Carlos grübelte indes weiter. Er kam auf die absurdesten Ideen, aber auf nichts, was er selbst als den sprichwörtlichen „grünen Zweig“ angesehen hätte.
Er verließ die Kirche und fuhr mit dem Auto weiter. Carlos machte auf dem Rastplatz Halt, der sich etwa 20 Km westlich von Haikiki befand. Der Platz wurde seit Jahren nicht mehr benützt, aber gerade das war es, was Carlos so sehr reizte. Carlos parkte, stellte den Motor ab und aß sein Jausenbrot, Semmel mit Pikantwurst und Essiggurke. Noch kauend verließ er den Wagen, um sich ein wenig die Beine zu vertreten. Die frische Luft würde gut tun. Ein ausrangierter, rostiger Roboter lag am nördlichen Rand des Platzes. Was immer noch brauchbar gewesen war, hatten vermutlich Mutanten beseitigt. Carlos bemerkte da und dort Grasbüschel und Blumen, die die Asphaltdecke durchbrochen hatten und dadurch dem Rastplatz ein wenig Idylle verliehen. Plötzlich erstarrte er zu einem unförmigen Stein, der sicher eineinhalb oder zwei Tonnen wog ...
Da kletterte Katharina in ihrer Rolle als Zombie über den Rand der Schlucht, die an den Rastplatz anschloss. Ein beinahe faustgroßes Loch klaffte unter ihrer linken Brust. Sie trat an den Stein und formte mit Hammer und Meißel die Statue eines Mannes Anfang dreißig. In den Sockel meißelte sie mit viel Mühe die Worte ein: „Carlos – Held und Flüchtling von Haikiki”.


Schon halb eingeschlafen nahm Alfreda ihre Fernbedienung zur Hand. Nein, ihr war bei Gott nicht nach religiösen Erörterungen zumute, also wollte sie den Sender wechseln. Über eine Stunde langweilig aussehenden Leuten zu folgen, die sich über Fragen, ob es Gott gibt und was die Welt im Innersten zusammenhält in die Haare kriegen, war nicht ihre Sache. Ob es wirklich nur durch Gott Erlösung gab, das bliebe abzuwarten. Und vor allem, durch welchen, Götter gab es schließlich zuhauf. Eines jeden Menschen Weg führe ihn angeblich zu Gott. Aber welchen er geht, kann er sich aussuchen, das hatte der Pater gesagt. „Wer‘s glaubt, wird selig“, dachte Alfreda. Bei derlei Unsinn sollte man nicht Kopfweh kriegen! Nicht umsonst schien ihr Martin Luther gesagt zu haben: „Die Arznei macht kranke, die Mathematik traurige und die Theologie sündhafte Leute“ ...
Also schaltete sie auf einen anderen Sender. Hier zeigte man einen Bericht über Roboterfabriken, in denen unter anderem Roboter für die Müllbeseitigung hergestellt wurden. An einer solchen Fabrik fuhr soeben Dora 3 vorbei, in der Absicht, sich mit Marcos zu treffen.
Das Werk war seit Jahren nicht mehr in Betrieb. Seine Anlagen waren von der Vegetation überwuchert und verbreiteten eine endzeitliche Stimmung. Niemand kümmerte sich um die Gebäuderuinen, der Verfall war nicht aufzuhalten. Rost, Wind und Wetter würden über kurz oder lang alles dem Erdboden gleichmachen. Die verlassenen, halb eingestürzten Hallen und überwachsenen Maschinen hatten eine ganz eigentümliche Ausstrahlung, deren Magie man sich kaum entziehen konnte. Wer einen solchen Ort besuchte, scheuchte oft Tiere auf, die davonhuschten, ehe der Besucher sie erkannt hatte.
Seit die meiste Arbeit, die früher noch von Menschen gemacht worden war, von Robotern übernommen wurde, gab es viele solcher Fabriken in den verlassenen Arbeitervierteln. Roboter waren schon lange fester Teil des Lebens in Haikiki. Auf den Straßen sah man sie zwar vergleichsweise selten, da man bald die Erfahrung gemacht hatte, dass sie für den öffentlichen Verkehr trotz aller Anstrengungen seitens der Konstrukteure nicht wirklich geeignet waren. Im Haushalt begüterter Familien hingegen waren sie bereits gang und gäbe. Speziell unter Cyborgs gehörte es zum guten Ton, wenigstens einen Roboter zu besitzen. Ansonsten konzentrierten sich die Maschinen auf die zahllosen Fabrikhallen, die man wegen der besseren Aussicht vor rund zwei Jahrzehnten unter die Erdoberfläche verlegt hatte. Oberirdisch hatte die Stadtverwaltung Parkanlagen mit selbstverständlich künstlichen Bäumen und billigen Plastikmatten anlegen lassen. Einrichtungen, die offiziell dem öffentlichen Wohle dienen sollten, säumten diese Oasen allgemeiner Erholung: Jugendhorte, Polizeistationen, Sportanlagen etc.
Jetzt durchquerte Dora ein Viertel, das beinahe ausgestorben war. Die Straßenzüge wurden nur durch wildernde Hunde und einige wenige, verwahrloste Kinder belebt. Wer sich unvorsichtigerweise nach Tagesende hier aufhielt, war seines Lebens nicht sicher. Obdachlose Mutanten, missglückte Cyborgs und Roboter, die nur der Zufall vor dem Schrotthaufen bewahrt hatte, Geschöpfe, die ein ungerechtes Schicksal ein Leben lang in eine Geisterbahn geworfen hatte, trieben hier ihr Unwesen. Sicher – die Organisation hatte auch hier zuverlässige Agenten, aber es waren nicht genug. Das meiste, was hier lebte oder sich zumindest durch die Gegend bewegte, blieb mehr als unberechenbar. Nicht einmal die Polizei betrat das Viertel gerne. Nur, wenn es unbedingt sein musste, entsandte man waffenstarrende Trupps von mindestens sechs bis acht Mann aus der Cyborgpolizisten-Elite.
Da kamen Dora wieder die Worte des Deutschen in den Sinn, der Taxifahrer war und oft Gäste aus dem Majestic abholen musste. Kaum drei Wochen war es her, dass er wieder einmal eine bekannte, hoch dekorierte Künstlerin abholen durfte. Diese ließ sich mehr als eine halbe Stunde Zeit, die sich Hagen durch Konversation mit Dora, der Rezeptionistin, versüßte.
Hagen hatte ihr in seiner leutselig-plaudernden Art einen kleinen Vortrag gehalten, wobei er sich offenbar für sehr philosophisch gehalten hatte: „Wissen Sie, Dora, ich stelle mir die ganze Welt als großes Spiel vor. Wie es in jedem Spiel verschiedenfarbige Steine gibt, so gibt es eben Weibchen und Männchen, arme Menschen und reiche, dicke und dünne, gesunde und kranke. Die Klugen und die Volltrottel gehen auf demselben Bürgersteig, keiner wundert sich. Bezaubernde und widerliche Wesen bevölkern gleichermaßen Haikiki, niemanden stört es. Warum auch?
Das Große Spiel schöpft seine Kraft aus der Vielfalt der Erscheinungsformen.
Daher ist es eigentlich Unsinn, darüber nachzudenken, was man tun kann, um den Armen und Kranken zu helfen. Freuen Sie sich einfach daran, Dora, dass Sie auf die Butterseite des Lebens gefallen sind. Sie sind eine bestens aussehende junge Frau, die jede Nacht einen anderen Liebhaber ins Bett schleppen könnte, wenn sie das wollte. An Ihrer Stelle wüsste ich Besseres, als ausgerechnet mit metaphysischen Erwägungen die Zeit zu vertrödeln.”
Mit solchen Gedanken im Kopf erreichte Dora 3 schließlich Marcos‘ Büro. Ihr Chef war noch nicht da. Durch einen handgeschriebenen Zettel auf dem Tisch wurde sie von Marcos aufgefordert, sich inzwischen hinzusetzen und es sich gemütlich zu machen. Er würde sich eine Viertelstunde verspäten. Noch während Dora 3 nach einem Platz suchte, auf den sie ihren Mantel legen könnte, bemerkte sie zwischen anderen ungeordneten Schriftstücken vor dem Fenster einen Personalakt mit der Aufschrift „Das Experiment Dora”.
Aha, das klang interessant! Da sich die Agentin unbeobachtet wähnte, begann sie, in dem Akt zu blättern. Zuerst fiel ihr eine Konstruktionsskizze eines menschenähnlichen Roboters in die Hände mit dem Vermerk darunter: „... daher musste Dora 1 eliminiert werden.”
Dann folgte die Abbildung eines nackten weiblichen Cyborgs, der ihr sehr ähnlich sah. Der kommentierende Aktenvermerk gipfelte in der Aussage: „Wegen mangelnder Kontrollier-barkeit musste auch Dora 2 eliminiert werden. Doch ist der Auftrag zu erteilen, die beiden Prototypen zu einer androiden Dora 3 weiterzuentwickeln.”
Es folgten Fotos aus Doras eigener Kindheit und Anweisungen, betreffend eines Lebenslaufes, der dieser Maschine einprogrammiert werden sollte. Dieser, rein fiktive Werdegang deckte sich auffällig mit ihrem eigenen ...
Das alles gab Dora sehr zu denken ... Ein furchtbarer Verdacht keimte in ihr auf ... Aber nein, bisher verfügte sie nicht im geringsten über Hinweise, sie könnte ein Roboter sein. Allerdings, wenn ja, wäre sie sicher so programmiert, dass sie es nicht bemerken würde. Und die Erinnerungen an Mama und Papa? Was war mit den drei Teddybären aus der Kindergartenzeit, mit dem Schwindeln bei den Prüfungen in der Schule? Und mit ihren ersten Küssen in der Jugend? Alles nur einprogrammiert, kein Problem heutzutage ...!
Dora war klar, es gab bereits Roboter, sog. Androiden, die von echten Menschen kaum zu unterscheiden waren. Sie standen alle im Dienst des Geheimdienstes. So wie sie ... Gerüchteweise hörte man, diese würden sich selbst als Menschen, nicht als Maschinen wahrnehmen ... So ganz von der Hand zu weisen, war ihr Verdacht nicht ...
Zum ersten Male war die Rezeptionistin Dora damit konfrontiert, sie selbst könnte ein Androide, das Experiment Dora 3, sein. Wenn ja, was hatte man mit ihr vor ...?? Andererseits, so sagte sich Dora, viel wahrscheinlicher war es, dass das alles Zufall war. Und doch würde sie der Frage irgendwann einmal auf den Grund gehen müssen. Äußerst nachdenklich geworden legte sie den Akt wieder so hin, wie sie ihn vorgefunden hatte.
Zufrieden wurde sie heimlich von Katharina über einen Bildschirm beobachtet. Sie hat angebissen, registrierte die Vorsitzende mit hämischer Genugtuung. Mit Dora 3 hatte sie einen eigenen Plan, der mit dem heutigen Tag beginnen und mit ihrem baldigen Tod enden sollte ...


Dessen ungeachtet ging Dora professionell und souverän wie immer ihrem Dienst nach. Das Schicksal hatte sie mit Carlos zusammengeführt. Wie und wann? Keiner der beiden konnte sich mehr daran erinnern, keinen kümmerte es, galt es doch den Augenblick zu zelebrieren. Wer wusste schon, ob es ein Morgen gab?
Von nun an verbrachte Carlos viel Zeit in Doras Appartement, da dieses um einiges komfortabler war als seine Bude.
Eines Tages fragte Carlos beim Frühstück: „Mit dir stimmt doch etwas nicht. Was ist denn los?“
Dora antwortete ihm: „Ich weiß ich nicht mehr, wer ich bin. Jahrelang habe ich keinen Zweifel über meine Identität gehabt, aber jetzt muss ich vermuten, dass mir meine Erinnerungen an die Kindheit einprogrammiert worden sind. Vielleicht bin ich ein Androide. Wenn ich an einer Roboterfabrik vorbeifahre, weiß ich nicht, wie viel von den Dingen, die man dort produziert, in mir stecken.
Ich habe das Gefühl, als habe man mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Hinter alledem vermute ich Marcos, diesen Schuft. Ich kann mir nicht helfen, aber ich beginne ihn zu hassen.”
Während Carlos die Kaffeetasse abräumte, erwiderte er: „Nimm es nicht tragisch. Ich weiß auch nicht, wer ich bin. Ich kenne kein Lebewesen, das das weiß. Aber es spielt auch keine Rolle. Hast du etwa vorher gewusst, wer du wirklich bist und wohin du gehst? - Also hat sich im Grunde gar nichts geändert.”
Zärtlich nahm er ihren Kopf in die Hände und flüsterte ihr ins rechte Ohr: „Ich kann dir nachfühlen, wie dir zumute ist, aber viel wichtiger ist, dass zwischen uns alles in Ordnung ist. Solange wir fähig sind, uns gegenseitig zu schenken, ist die Welt in Ordnung. Ich schenke dir meine Lebenskraft und du mir deine Hingabe.”
Wie die Tropfen eines warmen Sommerregens in einen Teich fallen, so drangen seine Worte in ihr Ohr und senkten sich in ihr Herz. Tief sog Dora seine Worte ein, den Klang seiner Stimme, wohlgefällig nahm sie die zarte Berührung seiner Hände entgegen. Sie berauschte sich an seinem Atem, der warm an ihrem Ohr vorüberzog. Unmissverständlich zog sie ihn auf das Sofa. Und sie schenkte ihm ihre Hingabe. Großzügig, freigebig wie eine Göttin ...


Dora schrieb noch schnell den letzten Satz in ihr Tagebuch: „Von nun an weiß ich, ich werde diesen Mann immer lieben.”
So, für heute genug! Damit klappte sie die Seiten zu und stellte es in ein Regal zu den anderen Bänden ihrer Bibliothek. Zu Tausenden standen sie sorgfältig eingeschlichtet vom Boden bis zur Decke, manche in Leder gebunden, die meisten mehr oder weniger gebraucht. Vielleicht stand auch eine brennende Kerze irgendwo im Raum und warf ihr warmes Licht auf eine Erdkugel aus dem 19. Jahrhundert, während das Wachs lautlos über den bronzenen Kerzenständer floss. Man hätte bei ihrem Schein nicht lange lesen können, ohne die Augen vorzeitig zu ermüden. Der Globus mit seiner vergilbten Darstellung der Erdoberfläche summte wahrscheinlich leise, wurde er gedreht.
Ein kultivierter Mensch würde diesen Raum mit Achtung betreten haben. Respekt hätte ihn erfüllt vor der kulturellen Leistung so vieler Menschen, im Wissen, mit jedem Schritt einen kleinen Gang durch die Geschichte der Menschheit zu tun. Staunend und mit klopfendem Herzen hätte er sich in den Anblick all dieser Bücher versenkt. Sachte, geradezu liebevoll, wären seine Fingerkuppen da und dort über einen der altersschweren Buchrücken oder einen der ledernen Buchdeckel geglitten. Wer immer durch den Raum geschritten wäre, hätte gelegentlich ein Knarren des Parkettbodens verursacht und auf diese Weise die Stille des Raumes gewürzt.
Mag sein, dass sich draußen vor dem Fenster eine verschneite Winterlandschaft dem Auge offenbarte. Möglicherweise fröstelte man unwillkürlich beim Anblick der Gegend. Im Raum hingegen war es behaglich, dank brennender Buchenscheite im offenen Kamin und des Knisterns, das diese von sich gaben. Draußen war weit und breit kein Mensch, kein Haus, keine Straße, nur freie Natur, die sich in all ihrer Pracht verschwenderisch entfaltete. Kristallen glitzerten die Schneeflocken in den Strahlen einer tief stehenden Sonne, kurz vor dem Versinken in einem Meer aus flammend roter Abendglut. Offene Weite, nichts von heilig ...
In dieser Bibliothek stand Doras Tagebuch, Woche um Woche, Jahr um Jahr, bis der Kuss der Ewigkeit die Seiten unweigerlich vermodern ließ ... Gähnend macht Dora das Licht aus und schlief ein. Sie träumte von einem dreimastigen Schoner, der in gemäßigter Reisegeschwindigkeit Richtung Australien fuhr. In seinem Bauch allerdings, da führte er Tod und Verderben mit.


In diesen Minuten waren auf dem Mond drei außerirdische Intelligenzen mit Konversation beschäftigt. Am Rande des Mare Humorum ragten ihre riesigen Gesichter, steinernen Monumenten zum Verwechseln ähnlich, aus dem Boden. Es handelte sich um Wesen von einem Sirius-Planeten, die vor etwa 250.000 Jahren hier gestrandet waren. Da ihnen die Umgebung des Mondes besser behagte als die der Erde, die ihnen gar zu rau gewesen war, materialisierten sie sich der Landschaft entsprechend und widmeten sich fortan der Stille und der Meditation.
Sie ernährten sich von herunterfallenden Kometen. Diese beförderten sie mithilfe ihrer telekinetischen Kräfte aus einem Umkreis von zehn Kilometern in den Mund. Auf der dunklen Seite des Mondes lag unterdessen der Notfallgenerator, der in regelmäßigen Abständen ein codiertes Notsignal zum Himmel sandte. Eines Tages würde man sie dadurch entdecken, so hofften sie wenigstens.
Eines Tages registrierten sie das Wirken einer ihnen bislang fremden Intelligenz auf der Erde. Sie beschlossen, den Werdegang der Wesen, die sich selbst „Menschen“ nannten, mit wissenschaftlicher Akribie zu verfolgen. Und gegen ein gelegentliches Experiment mit ihnen wäre auch nichts einzuwenden. Schließlich betrieben sie Diplomatie auf akademischem Niveau. Außerdem hatte ohnehin keiner der drei eine Idee, wie man sich sonst die Zeit bis zu ihrer Entdeckung durch die Späherschiffe vertreiben könnte.
Im Augenblick hatten die Außerirdischen gerade ein besonderes Experiment in Arbeit. Die Intelligenzen auf dem Monde unterhielten sich gerade darüber, was im Durchschnitt in vier bis fünf Monaten einmal geschah. Sie schätzten es nicht, ihre Beobachtungen des irdischen Treibens bzw. ihre Experimente durch Geplapper zu stören. Was hätte es auch schon groß zu bereden gegeben?
Die Intelligenz, deren Name noch am ehesten mit G3D übersetzt werden konnte, meinte soeben fröhlich: „Wenn die wüssten, wer wirklich hinter so manchen Ereignissen steckt, würden sie staunen, hohohoho...”
In diesem Augenblick stellte die Sternwarte Haikiki ein Mondbeben fest.
„Und selbst unser Tun ist nur ein Spiel im Spiel”, erwiderte A7K. Und ergänzend meinte S9E: „Ein Spiel in einem Spiel, das sich selbst genügt.”
G3D sagte: „Sollten wir uns nicht langsam an die wissenschaftliche Auswertung der bisherigen Ereignisse machen?“
Als die anderen zustimmen, machte G3D noch den Vorschlag, sich den Beginn ihres laufenden Experimentes zu vergegenwärtigen. Zur atmosphärischen Einstimmung sozusagen. Auch dagegen hatten die anderen nichts einzuwenden. Also sammelten sie ihre geistigen Kräfte, es erglühten die dritten Augen der Wesen. Diese sandten je einen Stahl aus, der sich bündelte und in Form einer holografischen Darstellung die Erinnerung der drei Intelligenzen wie in einem dreidimensionalen Film ablaufen ließ.
A7K war seinerzeit nach allen Regeln diplomatischen Zeremoniells ausgewählt worden, die Mission zu übernehmen. Diese lautete: Stelle eine Gruppe von sechs möglichst durchschnittlichen Menschen nach dem Lass-dir-halt-was-einfallen-Prinzip zusammen und verleihe ihnen die höchste Macht in Haikiki.
In Form eines offiziellen Reportes an den Gildenmeister wollten die Intelligenzen verschiedene Fragen klären: Wie verhalten sich mächtige Menschen?, Wie rechtfertigen sie ihre Macht?, Was tun sie, diese zu erhalten oder auch zu vermehren? Sind moralische Skrupel oder Machtgier stärker? Und Ähnliches.
A7K materialisierte sich gegen vier Uhr morgens in einer menschenleeren Nebenstraße im Zentrum Haikikis. Binnen Sekunden war sein männlicher Menschenkörper vollendet. Als erstes vergewisserte der Außerirdische sich, ob die Materialisation hinreichend erfolgreich war. Diese war nicht ideal gelungen, aber für einen zeitlich begrenzten Aufenthalt würde es genügen. Und wenn A7K bedachte, dass es immerhin das erste Mal war, dass sich einer von ihnen auf dem Planeten materialisierte, war er umso mehr versöhnt. Es schien ihm zweckdienlicher, wenn er die Protokollierungsdatei so schnell wie möglich auswerten ließ, damit eine künftige Materialisation noch besser vonstattengehen würde, als seine Zeit damit zu verschwenden, die Verkörperung zu korrigieren.
A7K machte sich auf den Weg. Es kam ihm sehr gelegen, dass es auf den nächtlichen Straßen Haikikis ruhig war. So konnte er sich in der Beherrschung dieses ungewohnten Körpers üben, ohne Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. An einer Straßenecke sah er in das Fenster eines Nachtcafés. Drei Gäste lümmelten an der Theke, jeder stierte vor sich hin, keiner sagte etwas. Dem einen fiel die Asche seiner Zigarette in den Drink, ohne dass er es bemerkt hätte. Der Barkeeper lehnte unbeschäftigt im Halbschlaf hinter der Kaffeemaschine ...
Außer schlafenden, strahlengeschädigten Obdachlosen sowie zwei schlecht gelaunten Cyborgpolizisten auf Streife (schon wieder Nachtdienst!) begegnete A7K auf der Straße die längste Zeit niemandem ...
Kurz nach Morgengrauen trieb er sich auf dem Bahnhof herum. Auf dem Taxistandplatz in der Nähe des Haupteinganges wurde er Zeuge eines Vorfalles. Ein Fahrgast, der offenkundig eine durchzechte Nacht hinter sich hatte, verließ schwankend sein Taxi. Der Fahrer öffnete das Fenster und rief ihm hinterher: „Verzieh dich, du alter Saufkumpan und teile dir dein Geld das nächste Mal besser ein! Ich muss auch von etwas leben.“
Unwirsch brummend entfernte sich der Angetrunkene in Richtung Stadtpark, indem er zwischen den parkenden Autos hin- und hertorkelte. Hinter der nächstbesten Plastikeiche entleerte er ungeniert seine Blase.
Mit Verachtung sah ihm der Taxilenker nach. Dieser sagte kopfschüttelnd vor sich hin: „Dass ich mir mit solchem Gesindel mein Geld verdienen muss! Dabei kann ich von Glück reden, dass er mir nicht das Auto vollgekotzt hat.
Manchmal wünsche ich mir, ich könnte nur einen Tag lang so tun, wie ich wollte ...“
„Ja, was würden Sie dann tun?“ fragte ihn A7K, der von hinten herangetreten war.
Der Taxifahrer sah den Fremden von oben bis unten an: Das zerfurchte Gesicht eines alten Mannes, übersäht mit unregelmäßigen Bartstoppeln. Schlecht sitzende Hose, zwei verschieden große Schuhe, altmodisches Hemd und einen Sprachfehler hatte der Kerl auch noch. Er nuschelte dermaßen, dass er kaum verständlich war. Nur die Augen! Wenn es stimmte, was man sagte, nämlich dass die Augen das Tor zur Seele sind, dann ... Ach, was ...
„Geh nach Hause, Alter, in zehn Minuten ist mein Dienst zu Ende und mir reicht es sowieso schon.“
Der Angesprochene zeigte sich ungerührt: „Kommen Sie ins Majestic, Zimmer 797.“
Ehe der Fahrer etwas darauf entgegnen konnte, war der seltsame Mann verschwunden. Er war schon auf der anderen Straßenseite, wo die Tabak Trafik gerade geöffnet wurde.
A7K war der erste Kunde des neuen Tages. Kaum hatte er den winzigen Laden betreten, sprach er die Verkäuferin ohne Umschweife an: „Guten Morgen. Möchten Sie Macht?“
Aber diese verstand ihn nicht annähernd so gut, wie der Taxifahrer vorhin, der an allerlei Dialekte und Fremdsprachen gewöhnt war, sondern fragte nach: „Was, wer macht wohin?“
„Nein, ich möchte Ihnen Macht verleihen. Haben Sie Interesse?“
„Wir verleihen nicht, wir verkaufen nur: Zigaretten, Tageszeitungen, Ansichtskarten. Was soll‘s denn sein?“
„Nein, Sie verstehen falsch. Ich könnte Ihnen zu Macht verhelfen, wenn Sie es möchten.“
„Was sagen Sie da? Ihnen helfen, indem ich möchte ...? Einen Moment bitte.“
Und damit öffnete die Angestellte eine Türe, die zu einem winzigen Büroraum führte und flüsterte durch den Spalt: „Chef, da ist einer, der faselt die ganze Zeit etwas von Macht, und leihen und ob ich möchte. Der Kerl ist mir unheimlich.“
Ihr Chef war gerade dabei, die Magazine und Zeitschriften zu sichten, die die Nacht über angeliefert worden waren. Just in diesem Moment hielt er die neueste Ausgabe eines einschlägigen Kontaktmagazines in der Hand. Das Titelblatt zeigte eine ausgesprochen dürftig bekleidete junge Person, unverkennbar weiblichen Geschlechts.
Das inspirierte den Chef. Er sagte: „Was soll‘s, Katharina, geben Sie dem Spinner dieses Magazin hier. Kassieren Sie nichts, aber werfen Sie ihn raus!“
Das tat seine Verkäuferin auch. Kaum war der ungeliebte Kunde gegangen, entdeckte Katharina einen Zettel neben der Kassa: „Majestic, Zimmer 797.“
In seinem Kämmerchen dachte der Chef soeben darüber nach, ob er den Vorfall nicht in das allgemeine Spinnennetz der Information einspeisen sollte. Aber so wichtig schien ihm die Sache nun auch wieder nicht. Wo käme er da hin, wollte er jede merkwürdige Begebenheit melden? Müsste er dann nicht auch wenigstens gelegentlich Informationen über sich selbst einspeisen ...?
Den Kunden von vorhin kümmerte das alles nicht. Er war bereits ein gutes Stück weiter, in Richtung Stadtpark. Auf eine der ersten Parkbänke lag eine Jugendliche in verdreckten Jeans, die ehemals weiße Bluse halb zerrissen und rührte sich nicht. Eine Frau mittleren Alters und deutlich indianischem Einschlag saß neben ihr. Mit der einen Hand fühlte sie dem Mädchen den Puls, mit der anderen tätschelte sie ihr das Gesicht. Keine Reaktion. Dann kramte sie in einem Erste-Hilfe-Kasten.
„Verfluchte Scheiße“, schimpfte die Frau soeben. „Sie ist hinüber.“
Und an A7K gewandt ergänzte sie noch: „Manchmal möchte ich den Job als Sozialarbeiterin an den Nagel hängen. Tagein, tagaus, bin ich auf der Straße, stapfe zwischen Hundedreck und besoffenen Mutanten und versuche, das Ärgste zu verhindern. Zum Beispiel so etwas, wie das hier. Aber es ist ein Kampf gegen Windmühlen.“
Damit zeigte sie auf die Leiche. A7K sah sie seltsam an. Dann sagte er: „Kommen Sie ins Majestic, Zimmer 797.“
Ehe die Sozialarbeiterin antworten konnte, kam ein Beseitigungstrupp um die Ecke.
„Schnell verschwinden wir“, flüsterte sie. Ganz offenbar hatte sie Angst. „Es geht verdammt schnell, dass diese Blechkübel zur Stelle sind. Die sind mir unheimlich. Mit denen habe ich besser nichts zu tun und wenn ich zehnmal zu den Guten gehöre. Oder vielleicht sogar deswegen.“
Und schon war sie von den nächstbesten Gebüschen verschluckt. Auch A7K begab sich tiefer in den Park hinein. Da kam ihm die Idee, dass er die körperliche Manifestation ein wenig nachjustieren sollte, denn offenbar waren ihm die Mängel doch mehr hinderlich, als ihm lieb sein konnte. Aber dazu musste er sich in einen stillen Winkel zurückziehen und ein paar Minuten wenigstens im Großen und Ganzen Ruhe haben. Das würde gar nicht so leicht sein, immerhin war der Morgen schon fortgeschritten und das normale Tagesleben hatte Einzug in Haikiki gehalten. Dementsprechend begegneten A7K jede Menge Passanten, die Autos verstopften infolge Rushhour die wichtigsten Straßen.
Als er am Rande des Parks nach einer Gelegenheit suchte, die Nachjustierung durchzuführen, kam A7K in einer der wenigen ruhigeren Ecken des Geländes am Hinterausgang der Filmgesellschaft „Infinity Pictures“ vorbei. Fünf wenig Vertrauen erweckende, verbeulte Stufen aus Leichtmetall führten vom Hochparterre auf den angrenzenden Schotterweg hinunter. Rechts daneben standen vier Müllcontainer, umschwärmt von Fliegen aller Art, mehr als reif für die Entleerung.
Auf den Stufen saß ein junger Mann, der mit glänzenden Augen in den Boden starrte, den Kopf in die Handflächen gestützt. Zu ihm setzte sich A7K und initialisierte die Nachjustierung. Ein unregelmäßiges Zucken und Beben begann seinen Körper zu erschüttern, das minutenlang andauern sollte.
Reichlich befremdet sah ihn der junge Mann an. Er sagte: „Also dir geht auch nicht wirklich gut, was Alter? Aber andererseits, warum sollte es dir besser gehen als mir? Sieh mich an. Ich würde so gerne von der Schauspielerei leben. Mein Liebling ist Shakespeare und ich schwärme für tragische Rollen. Bin ich mit meiner asiatischen Abstammung nicht der ideale Typ für einen sibirischen Eroberer? So einen suchen sie nämlich im Augenblick in diesem dämlichen Laden hinter uns. Aber meinst du, sie hätten mich genommen?! Zu wenig Charisma, wurde mir gesagt. Und zack! Schon war der große Traum zu Ende, geplatzt wie ein Luftballon. Jetzt sitze ich hier und weiß nicht, was ich machen soll.
Dabei wäre das meine große Chance! Raus aus der Wohngemeinschaft, dauernd muss ich das Klo putzen, sonst tut es nämlich keiner ... Ich kann dir gar nicht sagen, wie mir dieser Mief auf die Nerven geht. Aber es ist immer das gleiche, wenn man sich nicht wehren kann.“
Dann richtete er sich auf, nahm eine Haltung an, als stünde er auf einer Bühne vor großem Publikum und spiele Shakespeare: „Und so findet uns das Schicksal, durchgebeutelt und gerüttelt von unseligen Kräften, deren Herr wir nicht sind.“
Dabei sah er auf A7K nieder, den es gerade am heftigsten hin- und herschüttelte. Es war ein Zucken und Beben, dass sogar die Stufen wackelten. Es erweckte den Anschein, als litte A7K an einem üblen Nervenleiden im Endstadium. Ungerührt deklamierte der junge Mann inzwischen weiter:
„Es ist den Göttern nur ein eitles Spiel.
Ein einziger Gedanke stimmt uns heiter
So sieh auf unser Leben stets herab
und denkst und fragst du noch so viel
hinterm Horizont, da geht es weiter
doch am End‘ liegst einsam du im Grab.
Was ist die Zeit, wenn nicht Schleier fürs Vergessen
und so dein Herz durch Ewigkeiten schweift
denn wahrlich, dunkel bleibt des Lebens Sinn
und den nennen wir besessen
der frevelnd nach den Sternen greift
ihn rafft früh der Götter Rache hin.“
Soeben ging eine Mutter mit einem kleinen Mädchen vorbei. Wahrscheinlich waren sie auf dem Weg zum Kindergarten. Mit großen Augen beobachteten sie einen Alten, der irgendeinen schlimmen Anfall hatte und daneben einen Schauspieler. Dieser schmetterte mit dröhnender Stimme Verse in altertümlicher Sprache in den Park als stünde er auf den Brettern, die die Welt bedeuten.
Hastig zog die Frau ihre Tochter fort: „Schnell, hoffentlich ist das nicht ansteckend.“
Der Alte auf den Stufen war inzwischen wieder ruhig geworden. Er schien rundum verjüngt, die Haut ohne Falten, selbst die Kleidung war nicht mehr so zerknittert. Auch seine Stimme klang fest und deutlich, als er sagte: „Macbeth, Hamlet, Richard III. oder was war das?“
Einigermaßen erstaunt über die Verwandlung seines Gesprächspartners gab der junge Schauspieler zur Antwort: „Weder noch, das war Stegreif. Die besten Stücke schreibt das Leben selbst.“
A7K stand auf und sagte zum Abschied: “Kommen Sie ins Majestic, Zimmer 797.“
Eine Stunde später setzte sich A7K auf eine der Bänke am Rande des Parkes. Neben ihm saß ein Agent, eine aufgeschlagene Tageszeitung in der Hand. Durch ein kreisrundes, fingerdickes Loch in den Blättern beobachtete er eine Händlerin auf der anderen Straßenseite, die soeben ihren Pritschenwagen entlud.
„Reichlich einfallslos, finden Sie nicht?“, fragte A7K.
Marcos gab zur Antwort: „Das ist ja der Trick. Es ist dermaßen abgedroschen, jemanden durch ein Loch in der Zeitung hindurch zu beobachten, dass keiner glaubt, dass es gemacht wird. Und deswegen funktioniert es ... Aber was geht das eigentlich Sie an?“
Marcos merkte, wie Ärger in ihm hochstieg. Fieberhaft überlegte er, wie er den alten Mann neben sich unauffällig los werden könnte. Der Agent fühlte sich gestört, seinen Auftrag zu erfüllen. Dieser lautete, die Gemischtwarenhändlerin auf der anderen Straßenseite zu überwachen, keine Ahnung warum. Marcos war das auch egal, Auftrag ist Auftrag. Ein Profi stellt keine überflüssigen Fragen. Aber viel schlimmer: Er kam sich provoziert vor.
Als Waltraud gerade einen seltsamen, von hier aus schwer zu erkennenden Gegenstand von der Ladefläche hievte, schickte sich Marcos an, ein Foto zu schießen. Irgendwie machte das Objekt den Eindruck einer steifen Leiche. Wenigstens hoffte Marcos, es würde sich um eine solche handeln. Heißt es denn nicht unter Agenten: Tote am Morgen vertreiben Kummer und Sorgen?
Da hörte er seinen ungeliebten Banknachbarn: „Darf ich behilflich sein?“
Damit hielt der Alte Marcos die Zeitung, sodass dieser durch das Loch mit beiden Händen ein Foto schießen konnte. Als Marcos bewusst wurde, wie lächerlich die Situation im Grunde war, stieg ihm Gift und Galle hoch. Rechtzeitig vor seinem Wutausbruch bemerkte er im Anzeigenteil auf der linken Seite der Zeitung eine Schrift in grellem Neonrot aufleuchten: Majestic, Zimmer 797.
In diesem Moment war A7K auch schon enteilt. Marcos‘ Adrenalinspiegel konnte sich damit wieder einpendeln. Auf der gegenüberliegenden Seite der Straße betrat A7K zwei Minuten später das Geschäft, dessen Inhaberin vorhin von Marcos beobachtet worden war. Er merkte, dass in Kürze die Energiespeicher leer sein würden, also galt es, sich zu beeilen.
Waltraud sah mit Wohlgefallen ihren ersten Kunden dieses Tages eintreten. Heißt es doch unter Kaufleuten: Kunden am Morgen vertreiben Kummer und Sorgen.
„Guten Tag, wie geht es?“, vernahm die Geschäftsinhaberin A7K.
Sie war schon gespannt, was dieser suchte. Fest nahm sie sich vor, ihn möglichst viel seines Bargeldes zu erleichtern. Also verstaute sie die Schaufensterpuppe, die sie gerade aufstellen wollte, in aller Eile unter dem Ladentresen. Das Schaufenster zu dekorieren konnte warten, Kunden über den Tisch zu ziehen, nicht.
Waltraud setzte ihr professionelles Verkäuferinnenlächeln auf und antwortete: „Guten Tag auch. Naja, es könnte immer ein wenig besser sein. Aber lassen Sie sich nicht beeindrucken, schließlich heißt es: Jammern ist der Gruß der Kaufleute. Was darf ich denn für Sie tun?“
Für einen kurzen Moment gewahrte Waltraud, wie mit ihrem Kunden eine äußerst befremdliche Veränderung vor sich ging. Er schien durchsichtig zu werden und zugleich seine Konturen zu verlieren. Neulich hatte sie eine solche Szene in einem Mystery-Thriller gesehen. Da hatte sich ein Außerirdischer dematerialisiert, weil ihm sozusagen der Saft ausgegangen war. In Science-Fiction-Filmen und vergleichbaren Machwerken der Unterhaltungsindustrie wurde solcher Unsinn geboten, aber doch nicht im wahren Leben!
Glücklicherweise war es schon im nächsten Moment vorbei. Bestimmt war sie einer Sinnestäuschung aufgesessen. Mit trockener Kehle sagte Waltraud: „Ich fürchte, das was Sie brauchen, führe ich nicht im Sortiment.“
A7K ging nicht darauf ein und meinte: „Und damit es Ihnen wirklich besser geht, kommen Sie ins Majestic, Zimmer 797.“
Grußlos verließ der Mann das Geschäft. Offenbar hatte er es eilig. Noch während er sich umdrehte trat der Effekt von vorhin erneut auf, nur dieses Mal stärker. Waltraud fiel ein Stein vom Herzen, als sich die Tür hinter A7K schloss.
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BeitragVerfasst am: 04.03.2008, 17:45    Titel: Antworten mit Zitat

Im Zimmer 797 des Hotels Majestic bereitete sich A7K auf die Ankunft der sechs Menschen vor. Dank eines angemessenen Nachschubs an Lebensenergie würde er noch etwa zwei Stunden auf der Erde zubringen können.
Aus Langeweile durchstöberte er den Wandschrank, hinter dessen gläserner Fassade sorgsam rund zwei Dutzend Bücher eingeschlichtet waren. Aha, mit solchen unterentwickelten Artefakten beschäftigten sich also diese eigenartigen Wesen, die sich selbst „Menschen“ nannten! Manchmal wenigstens und unter anderem. A7K‘s Blick schweifte über die Buchrücken ...
Plötzlich stach ihm ein Band ins Auge: Robert Louis Stevensons „Die Schatzinsel“. Versonnen blätterte er darin. Beim Anblick der Abbildung der vielleicht berühmtesten Schatzkarte der Weltliteratur im Anhang kam ihm eine Idee ... Er riss das Blatt aus dem Buch, setzte sich zum Tisch und kritzelte darauf ...
Im Erdgeschoss unterdessen machten sich sechs Menschen, drei Männer und drei Frauen, auf in Richtung siebter Stock, Zimmer 797. Sie gingen den Gängen entlang, zwischen Zimmern, die sich unpersönlich nummeriert in regelmäßigen Abständen links und rechts befanden. Ein makelloser Spannteppich mit exotischen Motiven dämpfte ihren Schritt. Wohin sie auch sahen, alles war sauber, fast schon steril. Kein Mensch war zu sehen, aus keiner Türe drang ein Laut. Spärliche Möbel standen blitzblank geputzt und sorgsam aufgeräumt in einer Ecke. Zwischendurch gelangten sie an eine Glastüre, hinter der sich wieder gleich aussehende Gänge im rechten Winkel verzweigten.
Es fiel ihnen zunehmend schwerer, sich zurechtzufinden. Irgendwann fiel ihnen auf, dass der Gang kein Ende nehmen wollte ... Als sie sich umdrehten war die Rezeption verschwunden. Es gab kein Zurück mehr ... Nach dem Gang kam ein Lift, mit dem sie fast geräuschlos einige Stockwerke fuhren. Gang reihte sich an Gang, gelegentlich unterbrochen von einer der stets gleich aussehenden Glastüren. Selbst der Lift schien sie dem Zimmer 797 nicht näher zu bringen.
Als seien sie hypnotisiert bewegten sich die sechs Menschen durch das bizarre, künstliche Labyrinth aus Gängen, Glastüren, Liften und Zimmertüren, die alle nicht die ihren waren. Mal bogen sie links um die Ecke, mal rechts, benützten den Lift, zwischendurch eine der Treppen ... Be­wegten sie sich Richtung Westen, Norden ...? Oder doch Osten ...?
Mit der Zeit fühlten sie nur mehr das Pochen des Blutes in ihren Adern, die Wände schienen im Rhythmus ihres Herzschlages bedrohlich näher zu rücken. Bumbum. Bumbum. Bummmbumm ... Noch immer reihte sich ein Gang an den anderen, ohne Aussicht auf ein Ende ... Bum­bum. Bumbum. Und wieder ein Lift ... Bumbum. Und eine Glastüre ... Bum-bum ... Bum-bum ...
Endlich war es so weit. Wie aus einer Trance erwachend, fanden sie sich schlagartig vor einer Tür mit der Nummer 797. A7K erwartete sie bereits.


Ja, so war das gewesen, damals ... Die Visualisation verblasste und hinterließ die drei Intelligenzen auf dem Mond bei ihrer Beratung ...
A7K ergriff als erstes das Wort: „Wie schnell folgten diese Wesen dem Sirenengesang der Macht! Wie sehr sind sie doch spirituell überfordert! Innerhalb kürzester Zeit hatten sich die dunklen Seiten ihres Charakters manifestiert. Erschütternd ...! Keiner verschwendet einen Gedanken daran, dass Macht über andere auch Verantwortung diesen Wesen gegenüber bedeutet. Jeder richtet sich sein Leben ausschließlich zu seinem persönlichen Vorteil ein. Alle spielen mit ihren Möglichkeiten, wie die kleinen Kinder mit ihren Murmeln, statt diese zum Wohle aller einzusetzen.“
S9E ergänzte: „Das ist eine unwissenschaftliche Betrachtungsweise. Wie witzig war doch deine Idee, dem Collegium eine Schatzkarte mit deinen Kritzeleien in die Hand zu geben, als codierten Ausgang aus dem Großen Spiel.“
Es meldete sich G3D: „Ich bin gar nicht sicher, ob da nicht mehr dran ist. Jedenfalls kann ich alles, was die Wesen, die sich Menschen nennen, mit ihrer Macht anfangen, nachvollziehen, wenngleich ich das meiste nicht billige. Und dennoch gibt es im Leben dieser Geschöpfe einen Punkt, den ich noch nicht verstanden habe: Anders als wir sind die Menschen getrennt in Mann und Frau. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass sie auf diese Weise gemeinsam eine Erfahrung machen können, in deren Besitze ich noch nicht bin. Ich hätte gute Lust, diese nachzuholen.”
A7K widersprach: „Sei nicht albern. Diese Wesen sind uns spirituell hoffnungslos unterlegen.”
„Trotzdem. Ich möchte einfach einmal.”
A7K sagte: „Warum bist du so eigensinnig? Mehr oder weniger haben wir es auch dir zu verdanken, dass wir uns hierher verirrt haben. Wir hätten achthundert Lichtjahre nach Alpha Centauri eben doch nach links abbiegen sollen. Aber du musstest dich ja auf Biegen und Brechen durchsetzen.
Und dann sind wir hier gelandet, im garantiert uninteressantesten Teil der Milchstraße, fernab vom Ziel unserer Mission ...! Der Treibstoff ist ausgegangen, der Navigator ist defekt und eine taktische Fehlentscheidung hatten wir auch getroffen.
Sicherlich – eine Verkettung unglücklicher Umstände, wirst du entgegnen. Und dennoch, ein Ruhmesblatt ist das nicht gerade. Nicht für drei hoch dekorierte Abgesandte der Diplomatengilde, wie wir es sind.
Meine Güte, das wird wieder Witzeleien und spöttische Bemerkungen zu Hause geben, von der Peinlichkeit bei der routinemäßigen Missionsanalyse durch den Gildenmeister ganz zu schweigen ...! Nicht umsonst sind wir nach unserer Manifestation hier übereingekommen, diese Episode der Mission möglichst herunterzuspielen.
Und heute drängt höchstwahrscheinlich die Langeweile einen von uns, sich als Mensch zu materialisieren, um Erfahrungen zu sammeln. Unglaublich ... Sag‘, wie tief kann man sinken?“
S9E machte sich für seinen Kollegen stark, indem er begütigend meinte: „Ich sehe das Ganze nicht so tragisch. Also, wenn du unbedingt willst, dann sollten wir dich nicht zurückhalten. Vielleicht kehrst du tatsächlich mit bemerkenswerten Erkenntnissen wieder. Vielleicht ist zur Abwechslung was Erfreuliches dabei.
Und abgesehen davon, wenn wir mit einer Aufsehen erregenden Studie nach Hause kommen, hält sich wenigstens unsere Blamage in Grenzen.”
Bedächtig wägte A7K alle Fürs und Widers ab, doch letzten Endes nickte auch er zustimmend.
Sogleich sammelten die Intelligenzen ihre geistigen Kräfte. Die dritten Augen auf ihren Stirnen begannen zu glühen und sandten je einen Energiestrahl aus. Diese Strahlen bündelten sich auf der Erde und verdichteten sich in einer unbelebten Seitenstraße des abendlichen Haikikis zu einem männlichen Körper. Dann kam teure, perfekt sitzende Kleidung dazu. Dergestalt ging G3D an drei Straßenausbesserungsrobotern und zwei Cyborg-Polizisten auf Streife (schon wieder Nachtdienst!) vorbei.
Im Rotlichtviertel bewegte er sich auf Jenny Raffzahn zu. Sie war das erste weibliche Wesen in geschlechtsreifem Alter, das seine Scanner im unmittelbaren Umfeld meldeten. Jenny stand auf der anderen Straßenseite. Gerade wurde sie von zwei Predigern des Ogluglaubens verlassen, die sich in Richtung Reichsplatz wandten. Auch dort gab es Dirnen und damit jede Menge Arbeit für Prediger, die sich einen kleinen Bonus für das Himmelreich verdienen wollten ...
Jenny öffnete bereits den Mund um „Hallo, süßer Junge” oder so etwas Ähnliches zu sagen, schließlich war es ein durchaus stattlicher Mann und vor allem Mann, der ihr da entgegenkam. Sehr zu ihrer eigenen Überraschung brachte sie kein Wort heraus. Der Unbekannte blieb einfach vor ihr stehen und blickte sie an. Jenny sah in seine schwarzen, glänzenden Augen, die sie ungemein faszinierten und dachte sich: „Wie ein tiefer, tiefer See aus Sternen ... Wenn ich jemals in einen Abgrund falle, wünsche ich mir, dass es diese Augen sind ...“
Sekundenlang sagte keiner der beiden etwas. Bevor die Situation peinlich wurde, murmelte Jenny wenigstens: „Hallo”. Schluck. G3D, der merkte, dass offenbar etwas nicht so war wie sonst, bemühte sich, die Situation zu entkrampfen. Im Bruchteil einer Sekunde prüfte er innerlich, ob die Materialisation lückenlos gelungen war. Als er feststellte, dass dies dank A7Ks Erkenntnisse der Fall war, strengte er sich an zu lächeln. Zu diesem Zweck entblößte er die Zähne, wobei er daran denken musste, dass die Menschen die einzigen Lebewesen dieses Planeten sind, bei denen Zähnefletschen eine freundliche Stimmung ausdrückt. Zum ersten Mal in ihrer kosmischen Existenz lächelte die außerirdische Intelligenz G3D. Und siehe da, es kam eine positive emotionale Rückmeldung. - Man fühlt sich gut, wenn man lächelt. Wie erfreulich ...
G3D in seiner Rolle als männliche Materialisation würde also mit dieser Frau ihm gegenüber die grundlegende Erfahrung zweigeschlechtlicher Wesen machen. Er wusste nicht, ob sie alt oder jung, schön oder hässlich war und es war ihm auch egal. Er wollte die Erfahrung und offenbar war diese Frau bereit, sie mit ihm zu teilen. Das genügte.
„Hallo”, erwiderte er Jenny und lächelte ein zweites Mal, jetzt schon mit ein bisschen mehr Übung.
„Na?”
Etwas linkisch meinte der Mann: „Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber ich habe so ein unbestimmtes Verlangen.”
In der Tat machte sich ein ihm bisher unbekanntes Energiephänomen im Bauchraum bemerkbar. Jenny begann zu grinsen.
„Aha, so ist das. Dann wollen wir doch versuchen, ob das Verlangen nicht ein bisschen bestimmter wird. Wie heißt du eigentlich?”
Blitzschnell ging G3D alle verfügbaren Optionen durch und startete seinen Zufallsgenerator. Dieser blieb bei „Rufus“ stehen.
„Rufus” gab er einen Augenblick später zur Antwort.
Jenny überlegte kühl, wie viel sie Rufus wohl abknöpfen könnte, schließlich war sie Geschäftsfrau. Der Mann sah nach jeder Menge Kohle aus, vielleicht ein durchgeknallter Cyborg auf Geschäftsreise.
Rufus empfing die Signale in ihrem Kopf und wusste, jetzt geht es um einen Preis. Aha, er würde für die Erfahrung also etwas zahlen müssen, und zwar etwas, das man „Kohle“ nannte. Sogleich meldete er telepathisch auf den Mond: Materialisiert mir Kohle. - Wie viel? - Ach ja, das musste er noch in Erfahrung bringen.
„Wie viel?”
„700”, antwortete Jenny. Der Preis war eindeutig überzogen, aber nachgeben konnte sie ja immer noch.
Umgehend meldete Rufus die Zahl auf den Mond. Da spürte er auch schon die Materialisation in seiner rechten Hosentasche, wohin man ihm 700 Gramm bester Steinkohle in die rechte Hand geschickt hatte. Jenny, die die im Eiltempo ansteigende Ausbeulung seiner Hose bemerkte, meinte anerkennend: „Ohlala, du bist mir aber ein Schlingel!”
Kohle ist ein salopper Ausdruck für Geld, meldete Rufus auf den Mond zurück. - Entschuldigung! Und sofort registrierte er Geldscheine in seiner Hand. Jenny, die mitverfolgte, wie die Ausbuchtung seiner Hose verschwand, nahm die Scheine entgegen und murmelte irgendetwas von „schade” und „oh je”.
Anschließend verschwanden sie im Hinterhof des angrenzenden Hauses. Dort war der Aufgang zu Jennys Dienstzimmer im ersten Stock. Die Beleuchtung war schlecht und Rufus hatte seine Mühe mit der Außentreppe, denn er war an diese winzigen Dimensionen nicht gewöhnt. Mehrmals musste er den Bewegungskoordinator kalibrieren, bis es einigermaßen funktionierte. Etwas unbeholfen, aber doch, langte er schließlich in Jennys Dienstzimmer an. Dort ließ es sich beim besten Willen nicht mehr verheimlichen: Rufus war totaler Anfänger.
Nachsichtig lächelnd fragte Jenny: „Ist es das erste Mal?”
Rufus machte jetzt die Erfahrung des verlegenen Errötens.
„Ja, entschuldige, aber ich dachte ...”
„Aber, aber“, unterbrach ihn Jenny, „da gibt es nichts zu entschuldigen. Du dachtest, du möchtest auch einmal und wendest dich am besten an die Fachfrau. Ein weiser Entschluss. Du sollst es nicht bereuen.”
In der Tat, Rufus bereute nicht. Mit seiner schüchternen, etwas linkischen Art hatte er es geschafft, mütterliche Instinkte in Jenny zu wecken, die sonst eher an abgebrühte Seemänner gewöhnt war. Daher griff sie ein bisschen tiefer in ihre überreiche Trickkiste, als es selbst dieser Preis gerechtfertigt hätte.
Wacker tauchte Rufus ein in die Tiefen weiblichen Fleisches in seiner unerschöpflichen Begehrlichkeit. Er schwindelte auf den Gipfelpunkten menschlicher Fleischlichkeit, um sich dort schwitzend und keuchend seinem Schicksal zu ergeben ... Schon lange waren ihm Hören und Sehen vergangen, als er wie von Ferne Jennys Stimme vernahm: „Hat es dir gefallen?”
Oh ja, es hatte ...
Das Letzte, was Jenny Raffzahn von ihrem außergewöhnlichen Freier sah, war sein überirdisch glückliches Lächeln, während er sich wieder anzog. Dann wurde der Mann unsichtbar, er verschwand buchstäblich vor ihren Augen ... Mehr als verblüfft blieb Jenny zurück. Als sie das Dienstzimmer verließ, schoss ihr der Gedanke durch den Kopf: Ein Mann war hier ... Sie ertappte sich beim Lächeln.


Eine Hündin lief zwischen überkippenden Müllcontainern und einem defekten Straßenreinigungsroboter älterer Bauart in Richtung Hafenviertel. Da es vor kurzem leicht geregnet hatte, glänzte das Kopfsteinpflaster der Altstadt feucht. Der Mond beleuchtete die nächtliche Szene. Durch ihren Lauf schreckte die Hündin gelegentlich eine Ratte auf ...


In ihrer Rolle als Prediger des Ogluglaubens kamen eines Tages Smutje und Alfons zu Jenny auf die Straße und wollten ihr von Oglu erzählen. Schließlich war des Propheten Botschaft wichtig. Je ungläubiger der Mensch, desto bedeutsamer war sie für ihn. Also hatten sich die zwei Abgesandten des Himmels in die absoluten Niederungen des Lebens begeben, allen voran das Hafenviertel und speziell das Rotlichtmilieu.
Provokant fragte Jenny: „Wer ist Oglu? Möchte er vielleicht Steuern kassieren oder mir eine Versicherung andrehen?”
„Oglu ist der Schöpfer aller Dinge”, erwiderte Smutje ganz entsetzt, „er ist ...“ (sichtlich verzweifelt rang er nach passenden Worten) „... Oglu ist die Barmherzigkeit, Oglu ist das Verzeihen, Oglu ist die Liebe ...”.
„Die Liebe?? - Fein, dann bin ich seine Hohepriesterin. Huldigt mir also.”
Da blieb den Predigern die Luft weg. Nach einem kurzen Moment tiefen Einatmens erläuterte Alfons entrüstet: „Aber doch nicht der niedrigen Liebe, so wie du sie praktizierst. Oglu ist die höchste Schwingung von allem. Er ist unserem Propheten Harvey Rosswald erschienen und hat ihn inspiriert. Durch ihn gibt Oglu seine überirdische Weisheit kund.”
„Und euren Propheten kenne ich auch nicht.”
„Er lebt zwar in der Gegend, aber er setzt seine reine Aura niemals den niederen Schwingungen aus. Kann ich übrigens gut nachvollziehen“, gab Smutje zurück, indem er sich mit demonstrativ schreckgeweiteten Augen in der Gegend umsah. Als er mit glänzenden Augen die Reihe von Jennys Kolleginnen am Straßenrand gewahrte, durchlief ein wahrer Schauder seinen Körper und ließ diesen erbeben. Unwillkürlich wanderte sein Blick zurück zu Jennys Brustansatz, der einladend über den BH quoll. Wohlgefällig und versonnen verweilte der Prediger bei diesem Bild.
Jenny indes zeigte sich uneinsichtig: „Papperlapapp. Alles nur eine Frage der Zeit, bis sie zu mir kommen. Und euer Harvey Rosswald kommt auch noch. Dann lerne ich seine Weisheiten ja aus erster Hand kennen. Berichtet ihm, wo ich stehe, dass es fünfhundert kostet und dass ich auf ihn warte. Guten Abend, Jungs.”
Damit wandte sie sich ab. Es näherte sich von der anderen Straßenseite ein gut gekleideter Mann. Hoffentlich ein Kunde! Der Geschäftsgang heute war dermaßen flau gewesen, dass nur ein echt liquider Freier die Dienstschicht retten konnte.
Missgelaunt sahen sich Smutje und Alfons an. Mehr zu ihrer eigenen Beruhigung drückten sie Jenny ein Freiexemplar der „Oglu-Times“ in die Hand. Die Schlagzeile der Ausgabe: „Cyborgs oder Mutanten – Oglu liebt euch alle“.
Dann entfernten sich die himmlischen Abgesandten in Richtung Reichsplatz. Auch dort gab es Dirnen und damit jede Menge zu tun für Prediger, die sich einen kleinen Bonus für das Himmelreich verdienen wollten ...


Inzwischen versuchte es Carlos über den Tilti, den Fluss, der sich quer durch Haikiki schlängelte und zwei Kilometer westlich vom Hafen in das Meer mündete. In seiner Rolle als Fisch betrat er den Tilti, um flussabwärts zu schwimmen. Allerdings kam er nicht weit. Kurz nach der Mündung des Tilti in das Meer waren die Kiemen wegen der Abwässer so verdreckt, dass Carlos keinen Sauerstoff bekam und das Wasser fluchtartig verlassen musste. Weiter draußen im Meer hätten sich die Kiemen wahrscheinlich wieder gereinigt, aber so weit schaffte er es nicht mehr.
Wieder war es nicht gelungen ...
Carlos verließ das Wasser. Am Strand sah er eine einzige Frau – sehr ungewöhnlich für diese Tageszeit. Sie lag auf einer kleinen Landzunge mit dem Gesicht in Richtung offene See und ließ sich bräunen. Ihr Körper war perfekt geformt, so viel konnte Carlos bereits von Weitem erkennen. Während des Näherkommens studierte er die weiblichen Kurven dieser Frau mit dem ruhigen Ozean im Hintergrund und einem Schiff weit draußen am Horizont. Ein leichter Wind bewegte ihr Haar spielerisch (flüssiges Gold in der Sonne). Ob er wollte oder nicht, diese Frau weckte ein männliches Begehren in ihm ...
Kaum war Carlos herangekommen, drehte sich die Frau um. Kameras, geschickt als menschliche Augen getarnt, blickten ihn emotionslos an. Da öffnete die Frau den Mund und eine unpersönliche, leicht metallische Computerstimme mit femininer Einfärbung herrschte Carlos an: „Lassen Sie mich in Ruhe. Ich wünsche keinen Kontakt mit Ihnen!”
Cyborgfrauen waren bekannt als spröde und unnahbar. Wenn einer nicht nach einem Haufen Geld aussah, ließ sich kaum eine herab, ihre künstliche Vagina zu kalibrieren. Carlos wandte sich ab und beschloss ins Pueblo zu gehen. Eine Tasse Tee würde jetzt gut tun.


Drei Monate später, kurz vor Geschäftsschluss, trat ein untersetzter Mann schwer bestimmbaren Alters auf Jenny Raffzahn zu. Die blanke Gier funkelte unsympathisch aus seinen Augen, als er sich nach dem Preis erkundigte. Jenny überlegte einen Moment ... So wie sie den Freier fachkundig einschätzte, war er ein perverses Schwein. Als Expertin auch für das gelegentlich Absonderliche war ihr das zwar egal, aber der Kunde sollte wenigstens ordentlich bezahlen.
„Kommt darauf an, was und wie lange du willst”, gab sie vorsichtig zurück.
„Ich zahle dir tausend Drachmen. Dafür schiebst du mir einen Gummischwanz in den Arsch, pisst mir auf den Kopf, und dann wird geblasen. Dazu horchen wir uns eine Aufzeichnung mit Brunftschreien von Tieren an und du beschimpfst mich. - Einverstanden?”
„Einverstanden”
Geschäft ist Geschäft. Ob es einer von rechts oben nach links unten haben wollte, oder lieber von hinten unten nach sonst wohin, mit oder ohne Brunftschreie, von wem auch immer – Jenny kümmerte es nicht. Neulich wollte es einer stehend vor einem tropfenden Wasserhahn – Jenny war es egal. Nur bei offenem Fenster schätzte sie es weniger – wegen der Zugluft ... Sie betrachtete ihren Freier näher ... Also das mit dem Beschimpfen würde ihr besonders leicht fallen. Sie freute sich geradezu darauf.
Auf dem Weg in ihr Dienstzimmer fragte sie ihren Kunden: „Wer bist du eigentlich?”
„Da würdest du nie darauf kommen”, antwortete der Mann, während er die Außentreppe hinaufstieg. Oben säuberte er sich die Schuhe an einem weggeworfenen Freiexemplar der „Oglu-Times“. Die Schlagzeile: „Sind die Androiden die Lösung oder die Außerirdischen?”
„Ich bin Harvey Rosswald, der Prophet und Meister der Oglujünger. Aber ich scheiße drauf. Manchmal will man die Sau rauslassen, wie es sich gehört. Und heute ist so eine Nacht.”
„Nun ja, mich geht es zwar nichts an, aber was sagt denn da deine Gemeinde dazu?”
„Die Gemeinde?? Diese Idioten wissen von nichts. Heute Abend zum Beispiel habe ich ihnen erzählt, ich wolle Einkehr halten mit Oglu. Und dein Honorar stammt aus der Spendenkassa dieser Trottel.”
Lachend klatschte Harvey Rosswald Jenny mit einer eingerollten „Oglu-Times“ auf den Hintern. Diesmal war es kein Freiexemplar. Laut klang es auf dem schwarzen Leder ihres Minirockes. Triefend vor Geilheit griff er ihr noch im Stiegenhaus auf den Busen. Mit der einen Hand legte er die rechte Brust frei, mit der anderen holte er sich die Genitalien aus der Hose. Widerwillig ließ Jenny es geschehen. Dann ging sie ihrem Geschäft nach ...
Anschließend griff sie zum Handy, denn sie spionierte für den VFTMV (Verein zur Förderung transparenter menschlicher Verhältnisse), und speiste ihre jüngste Beobachtung in das Spinnennetz der Information ein. Dann faxte sie an das IBOMB (Institut zur Beobachtung der Originalität menschlicher Beziehungen). Jenny war Doppelagentin. Anschließend führte sie ein Telefonat mit der OCMU (Organisation der Cyborgs in menschlicher Umgebung). Jenny war Dreifachagentin.
Doch diese Leitung wurde abgehört. Am anderen Ende dröhnte es urgewaltig: “Nein!!“ durch Raum und Zeit. Da teilten sich finstere Wolken über der Stadt und die Zeit blieb stehen. Aus dem Nichts kam eine Hand. Sie zerknüllte eine Fotografie, die den Propheten zusammen mit Jenny im Bett zeigte.


Drei Monate später, kurz vor Geschäftsschluss, trat ein untersetzter Mann auf Jenny Raffzahn zu. Sich verlegen umsehend sprach er Jenny an: „Liebe Schwester, tu mir einen Gefallen. Aber ich bitte dich, sei diskret!”
„Klar doch, Ehrensache”, beruhigte ihn Jenny, „um was geht‘s denn?”
„Weißt du, ich bin ein Mann Oglus; um genauer zu sein, sogar sein Prophet. Aber die Begierde des Fleisches überwältigt mich. Obwohl ich faste, meditiere und bete, ist mein Geist wohl stark, aber das Fleisch?? ... Das Fleisch ist schwach, entsetzlich schwach sogar.”
„Den Eindruck habe ich aber gar nicht”, erwiderte Jenny, die ihm gerade die männliche Anatomie befühlte. „Stark ist das Fleisch, und es wird immer stärker, nicht schwach!”
„Das ist ja mein Problem.”
„Nein, ein Problem hast du, wenn du nicht bezahlen kannst.”
Doch der Freier entgegnete: „Dafür ist gesorgt. Du verstehst mich nicht. Ich lebe für eine höhere Mission. Mein Leben ist Oglu geweiht, nicht irdischen Dingen, und schon gar nicht den Niederungen der Wollust.”
Jenny wurde klar, wollte sie um diese Uhrzeit noch ein Geschäft machen, würde sie Argumente liefern müssen. Augenzwinkernd sagte sie: „Ich verstehe dich schon, keine Angst. Du bist ein guter Mann und du hast Angst, dein Oglu würde böse, wenn du dich einmal außerhalb deiner Klosterzelle erleichterst. Mag schon sein, diese Sorge kann ich dir nicht abnehmen. Aber ich werde nicht böse – vorausgesetzt natürlich, du bezahlst.”
Unwillkürlich gingen sie mit diesen Worten in Richtung Dienstzimmer. Irgendwie war der verschüchterte Mann, den seine Körperchemie so schlimm unter Druck gesetzt hatte, Jenny sympathisch. Zuerst hatte sie vermutet, der Kunde wollte sie auf den Arm nehmen, aber er hatte augenscheinlich echte Gewissensbisse. Jenny beschloss, ihrem Kunden bei seiner Sünde wenigstens Spaß zu bereiten. Mehr zu bieten sah sie sich ohnehin außerstande.
„Du solltest unbedingt wissen”, sagte sie, als die beiden die Außentreppe hochstiegen, „bei euch heiligen Männern ist immer dieselbe Schwierigkeit.”
„Ach, ich bin nicht der Einzige in meiner Lage, der zu dir kommt?” unterbrach sie Harvey Rosswald.
„Auf keinen Fall. Früher oder später hat jeder von der einsamen Freude in seiner Klosterzelle genug und dann kommt er eben ins Hafenviertel. Dazu sind meine Kolleginnen und ich ja da. Noch hat es keiner von euch herausschwitzen können. Die Natur hat andere Wege vorgesehen. Euer Körper produziert einen Stoff, den er von Zeit zu Zeit loshaben will. Nur – den unheiligen Männern macht das Freude, wofür sich die heiligen schämen. Die Macht, an die ihr glaubt, hat euch mit eurer Begierde erschaffen, es gibt nichts zu entschuldigen ...
Ist es das erste Mal?“
„Nein, aber als ich das letzte Mal mit einer Frau zusammen war, ahnte ich nicht, dass ich jemals Prophet sein würde. Seither ist alles anders. Es kommt mir vor, als sei es in einem anderen Leben gewesen. Mein Problem ist weltanschaulicher Natur.“
Jenny und ihr Kunde hatten in der Zwischenzeit das Dienstzimmer erreicht. Jenny verzichtete darauf, das Licht einzuschalten und ließ statt dessen die Vorhänge offen. Die typischen Geräusche einer Großstadt unter dem psychedelischen Teppich verschiedener Lichter drangen gleichmäßig auf Jenny und den Propheten ein ...
Während sie sich ihrer spärlichen Kleidungsstücke entledigte, sagte sie: „Ich sehe das auch so. Aber in meinen Armen zu liegen ist keine Frage der Weltanschauung. Du solltest dich als Mann wiederentdecken.
Bist du immer noch der Meinung, ich wäre nicht imstande, dich zu verstehen?”
In der Tat, an Jennys Argumenten war etwas dran ... Gedämpftes Licht tanzte in wechselnden Farben auf ihrer Haut und ließ die Frau noch weiblicher scheinen, als sie ohnehin war ... Vielleicht war auch das ein Weg zu Oglu? Einer, den er bloß nie zu gehen gewagt hatte? ... Wie anziehend schienen ihm doch Jennys Brüste, die wohlgeformt seiner männlichen Erkundung harrten ... Wenn es nicht Oglus Wille war, der sich durch ihn, seinen Propheten, manifestierte, wessen Wille war es dann? Und dieser Schamhügel in seiner Griffweite, war er etwa eine Pforte zu den letzten Geheimnissen? Mag sein, dass man ihrer nur würdig wäre, wenn man das Tabu hinter sich lassen konnte ... Andererseits: Wer oder was würde ihn in Jennys Armen erwarten? Er würde es nie wissen, wenn er nicht ... Wo, wenn nicht hier, wann, wenn nicht jetzt ...?
Der ungewohnte Anblick einer nackten Frau und der hormonelle Aufruhr in seinem Körper hatten Harveys Bedenken letzten Endes hinweggefegt; vorläufig wenigstens. Hastig blätterte er 500 Haikiki-Drachmen auf den Tisch, damit er diese Brust, diese Hüften mit seinen ungeschickten, zittrigen Fingern berühren konnte. Immerhin hatte er über drei Monate auf dieses, wenn auch verbotene, Vergnügen gespart. Endlich war es soweit! Wie herrlich warm und weich fühlte sich doch eine Frau an ...
Als Jenny sein Glied in sich fühlte, sagte sie leise: „Jetzt bin ich dir näher, als es deine Anhänger je sein werden, denn in mir bist du Mensch.”
Sie streichelte ihm das Gesicht, denn sie wusste, er zählte zu den wenigen, die so etwas brauchten. Endlich kein abgebrühter Seemann aus der Fremde, der mangels Sprachkenntnissen mit Müh und Not die wichtigsten ordinären Wörter radebrechen konnte, die man braucht, um im Hafenviertel gesellschaftsfähig zu sein. Dankbar nahm Harvey die Zärtlichkeiten an und versuchte mehr schlecht als recht, sie zurückzugeben.
„Harvey, lass geschehen, was geschehen will. Oglu hat es so gewollt. Oglu vergibt dir und ich vergebe dir auch. Ich vergebe dir von ganzem Herzen”, flüsterte sie ihm in das rechte Ohr, als sein Begehren über ihn hinwegfegte.


Nach der Ekstase folgte die Reue wie die Ernüchterung dem Rausch, wie die Pfütze dem Regen, wie der Klecks dem umgeworfenen Tintenfass oder die Schelte dem Lausbubenstreich. Also hieß es wenige Tage später in der Öffentlichkeit, Harvey Rosswald fühle sich bemüßigt, in die Wüste zu gehen, so, wie es alle pflichtbewussten Propheten gelegentlich täten.
Persönlich plagten Harvey gänzlich andere Sorgen. Was noch vor kurzem als Auftrag begonnen hatte, nämlich eine neue Religion zu gründen, war zu seiner ureigensten Mission geworden. Harvey war die Situation damals noch sehr gut erinnerlich. Man hatte ihn mitten in der Nacht in das Zimmer 797 des Majestic zitiert. Nach einer Irrfahrt durch die Gänge, Treppen und Lifte des Hotels, vorbei an wartenden Agenten und einem hageren Mann, den ein Beseitigungstrupp fortschleppte, war er endlich angekommen. Im Zimmer hatte ein Unbekannter auf ihn gewartet, der im Halbdunkel des unbeleuchteten Raumes nicht zu erkennen war. Eine elektronisch verfremdete Stimme männlichen Timbres teilte ihm mit: „Du wirst eine Religion gründen. Alle Anweisungen, die du brauchst, findest du in diesem Dossier.“
Mit diesen Worten war ihm eine Aktenmappe über den Tisch geschoben worden. Harvey entgegnete: „Und wenn ich kein Interesse habe ...?“
„Wenn du nicht funktionierst, wartet der Beseitigungstrupp auf dich. Für uns bist du ersetzbar, bist du es auch für dich?“
Ja, so war das gewesen, damals ... Und nun drängte es ihn, die Nähe Oglus zu suchen. Außerdem wollte er Oglu um Verzeihung dafür bitten, dass er neulich schwach geworden war, wiewohl er sich in diesen wenigen Minuten mächtig stark gefühlt hatte. Merkwürdig ...
Nachdem er vierzig Tage und Nächte herumgeirrt war und sich zwischendurch für seine Sünde gegeißelt hatte, war es eines Abends endlich so weit. Harvey Rosswald hörte ei-ne Stimme, die zwar laut und deutlich sprach, aber es war nicht festzustellen, woher sie kam. Sie schien gewissermaßen der ganzen Gegend zu entströmen.
„Harvey Rosswald”, so begann die Stimme, „ich bin der, den du suchst. Aber ich frage mich: Wozu bist du deswegen ausgerechnet in die Wüste gegangen? Du selbst sagst deinen Anhängern doch immer wieder: Oglu hört euch überall, Oglu sieht euch überall, Oglu ist überall und so weiter. Du hast Recht. Und außerdem bin ich alles, alles, was du siehst, alles, was du hörst. Und auch das, was du nicht siehst oder hörst. Es gibt nichts außer mir, Oglu. Ich bin Anfang und Ende aller Dinge. Ich bin im überfüllten Müllcontainer genauso anwesend wie bei deinen Riten, die du zu meinen Ehren durchführst. Du weißt schon, wovon ich rede. Deine kindischen Verbeugungen, deine Handbewegungen und der ganze Humbug. Und bilde dir bloß nicht ein, deine Predigten seien auch nur ein ganz kleines bisschen bedeutender als das Quietschen der Außentreppe, wenn sie von Jenny und ihren Freiern benützt wird.
Als du heimlich und verstohlen zu Jenny Raffzahn gingest, hattest du die Befürchtung, ein Verbrechen an mir zu begehen. Das war ein Irrtum. Der Gang in ihr Dienstzimmer war ein Weg zu mir, den du bisher bloß nie zu gehen gewagt hattest.
Die Kraft, die sich durch deinen Körper gedrängt hatte, war Teil meines eigenen Willens. Und ihr Unterleib hätte dir ein Tor zu mir sein können, wenn du nur etwas mutiger gewesen wärest. So tatest du einen kurzen Blick auf die letzten Geheimnisse und ranntest umgehend wieder davon.
Ein vorurteilsloser Blick hätte dir geoffenbart: Jennys Arme waren die meinen. Aber den hattest du nicht. Du warst willkommen, kann ich dir nur sagen.
Ich bin so unermesslich, dass du armer Tropf besser von mir schweigen als reden solltest. Aber du, du redest ununterbrochen, wie ein Wasserfall. Naja, das war eben deine Rolle in meinem Plan. Jetzt gefällt es mir, dass du stirbst. Daher prophezeie ich dir dein nahes Ende.”
„Oglu, das verstehe ich nicht”, rief Harvey Rosswald zutiefst erschrocken. „Ich bin dein treuester Diener. Was habe ich denn Unrechtes getan? Sag selbst: Habe ich nicht unermüdlich deine Lehren verbreitet?”
„Eben. Ich kann schon gar nicht mehr hören, wie du meine Lehren durch die Gegend krakeelst.”
„Aber ich habe deine Kirche aufgebaut, wo werden deine Anhänger bleiben ohne mich?”
„Dazu lass dir sagen: Ich schenke dir diese Kirche, die Gemeinschaft deiner Anhänger, die rituellen Artefakte, die Feiertage, die du zu meinen Ehren erfunden hast, die Gebete, die Gesänge. Ich schenke dir alles, nichts davon möchte ich behalten. Mir gehören sämtliche Kirchen auf dieser Welt. Auf eine mehr oder weniger kommt es mir nicht an.”
„Aber ich kämpfe gegen das Böse.”
„Ach was, das Böse. Vergiss den Unsinn. Das Böse ist genauso meine Erfindung wie deine Anstrengungen, es zu bekämpfen.”
Harvey Rosswald fühlte sich zunehmend unwohl, als ihm dergestalt die Argumente ausgingen. Dennoch hatte er nicht vor, aufzugeben: „Ich will nicht sterben.”
„Was, du elender Wurm wagst, mir zu widersprechen? Du, mit deinem kleinen bisschen Verstand, der selbst kaum die Dinge versteht, die ich deiner Zunge eingebe, du willst dich Oglu, mir, dem Allmächtigen, deinem Herrn, widersetzen? Ich glaube, wir werden ein ernstes Wörtchen reden müssen.”
Dann verdichtete sich ein Nebel vor den Augen Harvey Rosswalds und nahm die Gestalt eines Engels an. Kaum hatte dieser sich vollständig materialisiert, richtete er sich auf und begann mit Harvey Rosswald zu ringen.
Das Wesen war zwar übermenschlich stark, doch die Angst verlieh Harvey ungeahnte Kräfte. Verbissen kämpften die beiden bis zum Morgengrauen. Da wandte Harveys Gegner einen gemeinen Griff an. Entmannt lag Harvey am Boden, krümmte sich vor Schmerzen, hielt sich den Unterleib und stöhnte. Sein überirdischer Widersacher löste sich inzwischen in Luft auf.
Da hörte der Prophet erneut die Stimme: „Weißt du, Harvey, was mich immer so traurig stimmt? Weil ich doch alles bin, habe ich jetzt eigentlich nur mit mir gekämpft. Du bist eine Variante meines eigenen Willens. Unser Kampf war mein Selbstgespräch. Ich bin stolz auf dich, weil du dich wacker gehalten hast. Und deshalb bitte ich dich als meinen Freund, meinen Wunsch anzunehmen.
Du wirst sehen, es ist viel beglückender, in meinem Plan die Rolle, die dir zugedacht ist, mitzuspielen, als dagegen zu rebellieren. Ich kann dich wohl besiegen, gewiss, ich könnte dir meinen Willen aufzwingen, aber deswegen habe ich die Dinge nicht erschaffen. Ich fühle mich einsam, weil ich alleine bin. Du kannst dir nicht vorstellen, was das heißt. Nur ein einziger fremder Wille, und ich wäre erlöst von meiner Einsamkeit ...
Ich mache dir einen Vorschlag, Harvey Rosswald. Ich überlasse dir die Entscheidung, ob du sterben willst.”
Sekunden, die auch eine Ewigkeit hätten dauern können, versenkte sich Harvey tief in die Abgründe seiner Seele, erforschte dort seine wahren Absichten und gab zur Antwort: „Dein Wille geschehe.”
„Dann sorge ich wenigstens dafür, dass du an deinem Tode keine Schuld trägst. Du sollst deine Seele nicht wegen meines Beschlusses belasten müssen. Frei von Schande, frei von Vorwürfen, geachtet von allen, so sollst du gehen dürfen.”
Damit verschwand die Stimme.
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Ich schreibe, also bin ich.
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BeitragVerfasst am: 04.03.2008, 17:46    Titel: Antworten mit Zitat

Von nun an war Harvey geläutert, wenigstens stand das in seinem Blatt, der „Oglu-Times”. Dermaßen spirituell beflügelt wurden seine Anhänger immer fanatischer. An allen Ecken und Enden hielten sie ihre umstrittenen Kundgebungen ab, bald unter dem Schutz einer paramilitärischen Truppe, die sie angeblich brauchten, um sich gegen die vielfältigen Anfeindungen zur Wehr setzen zu können. In jedem Ashram hingen im Vorhaus verschiedene Maschinenpistolen, Revolver und Pistolen unterschiedlichster Bauart und vor allem Herkunft an der Wand.
Die Handgranaten, Maschinengewehre und Granatwerfer hingegen hatte man meist irgendwo im Keller versperrt. Um die Kinder besser zu schützen, wie man verlauten ließ.
Alfons, in seiner Rolle als Koordinator der Oglubewegung in Sicherheitsfragen, sah sich sogar genötigt, Wachhunde zum Schutze des Propheten auszubilden. Gut versteckt in den Elendsvierteln der Mutanten unterhielt er einen Zwinger mit zwei Schäferhunden, mit denen er täglich zwei, manchmal sogar drei Stunden verbrachte. Eines Tages, als er nach dem Mittagessen wie üblich seine Hunde dressieren wollte, stellte er fest, dass diese entlaufen waren. Er hätte eben doch den morschen Bretterzaun des Hinterhofes reparieren sollen! Mürrisch speiste er den Vorfall in das allgemeine Spinnennetz der Information ein ...
Just in dieser bewegten Zeit wurde der Novize Smutje im Rahmen einer kleinen, aber würdevollen Feier zum obersten Küchenbruder befördert. Nachdem die Beowulf untergegangen war, hatte er bei den Oglujüngern Unterkunft gefunden. Anlässlich seiner Ernennung wurde ihm auch der Schlüssel zu den schweren Waffen anvertraut. Smutje verwahrte ihn hinter der großen Dose mit Gulaschgewürz. So sehr ihn seine persönliche Karriere auch freute, das allgemeine Geschehen hingegen verfolgte er mit zunehmender Besorgnis. Immer öfter befragte er in dieser Zeit die Sterne, eine astrologische Berechnung folgte der anderen, aber die Antworten waren immer gleich: Quadrate, Oppositionen, schlechte Aspekte, wohin er auch sah ...
Indes machte ihr kriegerisches Verhalten die Oglubrüder und -schwestern nicht beliebter. Die reichen Cyborgfamilien engagierten ganze Söldnertrupps, auch die Mutanten bewaffneten sich zusehends ihren Möglichkeiten gemäß. Unterschiedlichste Bürgerwehren formierten sich allenthalben und schon wenige Wochen später kam es zu ersten echten, gewalttätigen Ausschreitungen. Der Ohnmacht der staatlichen Behörden war es zu danken, dass die Unruhen bald in bürgerkriegsähnliche Zustände ausarteten.
Im Zuge dieser Wirren streiften Horden bewaffneter Og-lujünger durch die Straßen Haikiki und lieferten sich gelegentliche Scharmützel mit den Bürgerwehren. Schaufenster wurden eingeworfen, Autos brannten, Passanten flüchteten. Improvisierte Straßenbarrikaden wurden allenthalben errichtet, beschossen, angezündet, um wenige Tage später wieder abgerissen zu werden. Es mehrten sich die Einschüsse in den Hauswänden, Verletzte füllten zusehends die Krankenhäuser. Selbst die Reporter waren nicht sicher. Immer wieder musste ein Kamerateam eilends Deckung suchen.
Polizei und Militär konnten sich nicht entschließen, für wen sie Partei ergreifen sollten, also verhielten sie sich entweder passiv oder schossen wahlweise einmal auf die eine, dann wieder auf die andere Seite. Zaghaft formulierte Aufrufe, man möge die öffentliche Ruhe bewahren, verhallten ungehört. Tote waren bald an der Tagesordnung. Haikiki näherte sich so anarchistischen Gegebenheiten, in denen nur eines galt: Das Gesetz des Stärkeren.
Selbst die reichsten Viertel, in denen man normalerweise ziemlich ruhig und sicher leben konnte, blieben nicht verschont.
Es war an einem lauen Juniabend, dass sich ein Trupp einer der Bürgerwehren wild schießend dem Majestic näherte. Dora, die gerade Dienst hatte, erhielt einen Anruf ihres Chefs, sie solle gewisse Unterlagen einpacken und mit ihnen das Weite suchen. Hastig öffnete sie ihren kleinen Aktenkoffer aus Aluminium, warf die genannten Schriftstücke hinein und lief zum Lieferanteneingang, der sich an der Rückseite befand. Hier war es noch relativ sicher. Nur von Ferne hörte sie Schießerei.
Dora lief in Richtung ihres Autos, das sie unweit von hier am Anfang der Regenten-Allee geparkt hatte. In aller Eile wollte sie den Wagen aufsperren, als sie einen Mann erblickte, der soeben aus dem Schatten eines Baumimitates hervortrat – Marcos. Matt schimmerte das schwarze Metall einer großkalibrigen Pistole in seiner rechten Faust.
„Oho”, so begann er mit vor Hohn triefender Stimme, „wer will sich denn da so hurtig aus dem Staube machen? Agentin Dora 3 ...! Das ist aber nett von dir, dass du mir hier vor die Mündung läufst.”
„Woher hast du gewusst, dass ich jetzt hier sein würde?”
Marcos genoss die Situation ungeniert. Er eröffnete Dora mit dem zynischen Grinsen, das sie so sehr an ihm abstieß: „Aber, aber, ich persönlich habe dich doch herbestellen lassen! Die Spielregeln besagen, dass du heute hier sterben wirst. Und ich bin der, der die Regel ausführen darf.
Du wirst sicher verstehen, dass ich den Auftrag mit meinem persönlichen Vergnügen verbinde. Vielleicht hättest du mich damals besser nicht zurückgewiesen, als ich bereit war, dir meine Gunst zuteilwerden zu lassen. Jetzt ist es dafür zu spät.”
Dann schoss er. Plopp!! machte die Pistole wegen des aufgesetzten Schalldämpfers. Dora 3 wurde in den rechten Oberschenkel getroffen. Aufschreiend sank sie zu Boden und ließ den Koffer fallen. Mit einem metallischen Geräusch sprang dieser auf, der Inhalt rutschte auf den Boden. Der nächste Schuss ging in den Bauch. Dora krümmte sich. Einige fassungslose Augenblicke lang sah sie ihrem Mörder ins Gesicht. Sie wusste, Marcos war mies genug, bis zum Äußersten zu gehen.
In diesem Moment sah Agentin Dora 3 ein Schriftstück in den Unterlagen, die sich in ihrem Koffer befunden hatten: „Anweisung an Marcos betreffend Agentin Dora 3. Marcos wird Dora 3 zu einer Identitätskrise verhelfen. Es soll der Agentin einsuggeriert werden, sie sei ein Android. Marcos ist autorisiert, in Erfüllung seines Auftrages von allen Mitteln Gebrauch zu machen. Anschließend ist die Agentin zu exekutieren.
Der Vorgang ist gemäß den Spielregeln zu protokollieren und bei der nächstfolgenden Sitzung des Collegiums diesem in angemessener Form zur Kenntnis zu bringen. Näheres Hinweise dazu auf Seite 2 ...“
Aha, von wegen, vielleicht bin ich gar kein Mensch, sondern ein Android! Alles nur eine Intrige, ein Spiel im Dienste der Unterhaltung! Katharina wahrscheinlich, diese falsche Schlange!
Inzwischen war Marcos langsam näher gekommen. Er wollte sich am Gesichtsausdruck seines Opfers ergötzen. Dora hielt sich leise stöhnend den Bauch. In Bruchteilen einer Sekunde fühlte sich Agentin Dora 3 nur mehr als Dora, ganz privat und nicht mehr offiziell. Die Agentin würde als Sicherungsdatei gut verstaut und archiviert in den Computern des Collegiums niemals sterben, wohl aber der Mensch, die Frau.
Marcos wunderte sich, dass Dora nicht schrie, sie atmete nur hörbar aus. Und ... konnte das sein? ... Ja, allerdings, Dora lächelte! Das regte Marcos maßlos auf! Man kann doch nicht guter Laune sein, wenn man gerade erschossen wird! Das war ja geschmacklos ...
„Dir wird das Grinsen noch vergehen“, sagte er und drückte erneut ab.
Als das letzte Projektil Doras Lunge zerriss, verbreitete sich eine unheimliche Kälte in ihrem Körper. Und doch kam unaufhaltsam eine große Ruhe über sie. Sollte ich wieder auf diese Welt kommen, möchte ich ein Hund sein und diesen Menschen jagen, nahm sich ihre Seele vor. Ihr allerletzter Gedanke galt Carlos ... Dora starb in einer langsam größer werdenden Lache ihres Blutes ...
Marcos war enttäuscht über den wenig spektakulären Tod der Agentin. Nicht einmal das Grinsen war ihr wirklich vergangen. Er nahm sich vor, in Zukunft Dumdumgeschosse zu verwenden. Gerächt für die Schmach von damals stand Marcos neben der Leiche in der Blutlache und grinste zynisch hinab. Katharina würde ihre Freude haben. Er würde ihr nur erklären müssen, warum die Agentin nicht auf die Weise gestorben war, wie es sich Katharina gewünscht hatte.
Bevor sich Marcos bücken konnte, erhob sich ein Windstoß und fuhr in die Schriftstücke, die auf dem Boden verstreut lagen, wirbelte sie hoch in die Luft und verteilte sie in alle Richtungen ...


Kopfschüttelnd meinte Carlos: „Was die heutzutage für einen Unsinn schreiben, nur um mit einem Fortsetzungsroman die Seiten zu füllen”, und sah dabei Oscar zu, der mit großem Appetit sein Seetangschnitzel mit Pilzen aß. Obwohl dieses Gericht nicht unbedingt die Spezialität des Restaurants war, ist Hunger allemal der beste Koch.
Enttäuscht legte Carlos die „Oldie-Times“ auf die Ablage zu den übrigen Zeitschriften und Magazinen zurück. Die Schlagzeile der aktuellen Ausgabe: „Das Auseinanderdriften der Gesellschaft“.
„Da haben Sie schon Recht”, bestätigte Oscar zwischen zwei kräftigen Bissen. „Aus diesem Grund lese ich solchen Unsinn prinzipiell nicht.”
Da gerade der Kellner vorbeikam, machte Carlos ihn aufmerksam: „Ihre Serviette”, und deutete mit dem Kopf auf die Serviette neben ihm auf dem Tischchen. Der Kellner, sichtlich gestresst, murmelte „Entschuldigung” und entfernte die Serviette umgehend.
Zehn Minuten später befanden sich Carlos und Oscar auf dem Weg ins Krankenhaus, wo Carlos einen Besuch machen wollte.
Nach seinem Aufenthalt im Krankenhaus startete Carlos Doras Wagen in der Regenten-Allee. Mühsam bewegte er sich durch den dichten Verkehr in Haikikis Hauptstraßen Richtung Stadtrand. Glücklicherweise wurde heute ausnahmsweise wenig gekämpft. Carlos passierte einige Straßensperren, gelegentlich hörte er da und dort vereinzelte Schüsse, kurz, ein ruhiger Tag.
Es war in einer schattigen Talsenke kurz nach der Stadtgrenze. Carlos stieg aus, denn er wollte die Aussicht genießen. Da erstarrte er von einem Augenblick zum nächsten zu einer Zielscheibe am einen Ende eines Schießplatzes. Am anderen Ende lagen vier Zivilisten auf Holzpritschen, die man zwischen künstlichen Taschkent-Eichen aufgestellt hatte. Die Scheiben waren in Einsatzschussweite der Gewehre, nämlich 300 Meter, davor aufgebaut. Heute war Tag der offenen Tür, an dem jeder interessierte Bürger gratis zehn Schüsse abfeuern durfte. Dabei wurde er von einem Soldaten in den Gebrauch der Waffe eingewiesen, sofern es erforderlich war. Zudem befand sich neben jeder der Pritschen ein Soldat, der das Schießen fachmännisch beaufsichtigte.
Soeben trat Alfreda an den Soldaten Alfons, der gerade in der Nähe der nächsten freien Pritsche stand, heran. Reizvoll und neckisch zugleich hingen ein paar Strähnen schwarzen, glänzenden Haares in ihr perfekt geschminktes Gesicht. Ihr Drillich stand in reizvollem Kontrast zu den schwarzen Stöckelschuhen. Sie deutete auf ihr Scharfschützengewehr und fragte neckisch: „Macht es was, wenn ich damit schieße?“
Das hieß zwar einerseits, sich an der Vorschrift ein wenig vorbeizuschwindeln, aber andererseits, wer hätte bei dem Augenaufschlag schon nein sagen können? Ein echter Mann jedenfalls nicht ... Alfons freute sich über Alfreda, war doch der Zivilist vorhin ein alter, säuerlich riechender Stadtrat gewesen, den er nicht hatte ausstehen können.
Nach einer Serie von fünf Schüssen holten sie die Zielscheibe an der Schnur, an der diese hing, heran. Jede Scheibe zeigte nicht nur den üblichen Kreis mit den Ringen, sondern auch eine menschliche Silhouette, ganz in schwarz. Alfons fand, diese hier sah einem Menschen aber schon sehr ähnlich. Und siehe da – sie blutete! Vier Treffer stellten Alfreda und Alfons fest ... Immerhin ...
Wieder war es nicht gelungen ...


In aller Eile wurde Carlos von Dr. Wakonig mit einem Rettungswagen in das Spital gebracht. Dort quartierte man ihn zuerst zwei Tage in der Intensivstation ein. Er lag neben einem Propheten, der einen Tag, nachdem Carlos in eines der normalen Zimmer verlegt worden war, verstarb. Hier war es mächtig langweilig. Und obwohl sich mehrfach Besuch ankündigte, traf niemals jemand ein.
Glücklicherweise schritt die Heilung zügig voran, wie Dr. Wakonig bei seinen gelegentlichen Visiten versicherte. Im Zuge seiner Rekonvaleszenz sollte sich Carlos viel im Freien aufhalten. Also drehte Carlos regelmäßig nach dem Mittag-essen im Garten seine Runde von einer Parkbank zur nächsten. Nach zwei Wochen wurden seine Spaziergänge immer ausgedehnter und schon bald lustwandelte er sogar die nahe Küste entlang.
Eines Tages war es bereits später Nachmittag geworden. Der Weg ging leicht bergan und war mit Kopfsteinpflastern belegt, zwischen denen grün-braune Grasbüschel wucherten. Zur rechten Seite ging es steil zum Meer hinunter, links befand sich eine mannshohe Mauer aus rohen Ziegeln. In jedem Ziegel öffnete sich ein Auge, als Carlos vorbeiging. Die Augen folgten Carlos mit scharfem Blick und schlossen sich dann wieder. Carlos beachtete sie nicht. So ließ er das Krankenhaus hinter sich und ging mit aufgestelltem Mantelkragen in die untergehende Sonne hinein ...


Die Hündin lief weiter durch das nächtliche Haikiki. Innerhalb kürzester Zeit zog ein Unwetter auf und bald goss es in Strömen. Mitten im südlichen Mutantenviertel suchte die Hündin Schutz in einem Bretterverschlag. Hier lag bereits ein total heruntergekommener Mann mit einer Schandmaske auf. Er störte sie nicht. Geduldig wartete sie, bis sich Blitz und Donner in der Ferne verzogen hatten. Als auch der Regen aufgehört hatte, lief die Hündin weiter ...


Wieder zurück auf dem Mond wurde über die Erfahrung diskutiert.
„Und?“, wollte A7K wissen.
Bereitwillig antwortete G3D: „Es kitzelt. Das ist angenehm.“
„Ist das alles?“
In stroboskopartigen Bruchstücken zeigte die Erinnerung G3D Ausschnitte aus seiner jüngsten Geschichte: Jennys weiblicher Körper, umspielt von den Lichtern der nächtlichen Stadt, ihre tiefen Atemzüge, verwoben mit seinen eigenen, das Gefühl, ihre warme Haut zu spüren, das Verlangen, das sich ihm durch ihr Fleisch gierig entgegenwarf. Und wieder sah er das Gesicht einer schwitzenden Frau, die in ihrer Ekstase den Kopf in ein zerwühltes Kissen warf. Erneut fühlte er die Fingernägel, die ihm in ihrer Verzückung den Rücken kratzten ... Oh nein, das Kitzeln war nicht alles ... Und zugleich wusste G3D, auf dem Mond war er allein mit dieser Erfahrung, auch weil er diese nicht mitteilen konnte.
Er entschied, bei der Wahrheit zu bleiben und sagte resignierend: „Oh nein, aber für den Rest fehlen mir die Worte.“
Das war ausgesprochen ungewöhnlich für einen Diplomaten, fanden die anderen beiden.
„Na gut, doch du warst ein Mann. Du weißt nicht, wie es Frauen geht”, meinte S9E. „Mich würde interessieren, welche Erfahrung Frauen machen.”
G3D erwiderte: „Was sollte da schon grundlegend anders sein?”
„Trotzdem, ich werde den Verdacht nicht los, es könnte da einen wichtigen Unterschied geben.”
„Also gut, gleiches Recht für alle. Wir konzentrieren uns”, lenkten die beiden anderen ein. Und wieder erglühten die dritten Augen und auf der Erde materialisierte sich eine junge, schwarzhaarige Frau, deren Zufallsgenerator den Namen Theresa festlegte ...


Hände griffen zu Telefonen, wählten Nummern. Stimmen murmelten über den Äther von einem Funkgerät zum anderen, Botschaften wurden übermittelt, teilweise dabei verstümmelt. Gerüchte und Vermutungen entstanden, verdichteten sich oder wurden wieder aufgelöst. Die Balance zwischen Heil und Unheil verschob sich auf der Oberfläche des schwingenden Spinnennetzes der allgemeinen Information ...


Mit dem üblichen bamm-bababamm-babamm eröffnete Franz Hagen, der in der Zwischenzeit turnusmäßig an der Reihe war, den Vorsitz zu führen, die nächste Sitzung des Collegiums im Majestic, Zimmer 797.
Nach der offiziellen Besprechung des Protokolls über die letzte Sitzung kamen gemäß der Spielregel die routinemäßigen Berichte an die Reihe.
Als Marcos das Wort erteilt wurde, konnte er mit einer besonderen Informationsdelikatesse aufwarten. Er berichtete: „Der Waffenschmuggler Oscar ist wieder aufgetaucht. Er wurde von den Augen der Obrigkeit beobachtet.”
Das war eine Neuigkeit mit hohem Unterhaltungswert, schließlich war die Beowulf samt Besatzung als gesunken gemeldet worden! - „Ohhh“, „Ahhh“, „Wisper“ und interessiertes Nicken mit dem Kopf ringsum.
Katharina warf mit glänzenden Augen ein: „Die Würfel, die Würfel ...!”
Sie lechzte geradezu danach, wieder ihre geliebten Würfel fallen zu hören.
„Quatsch! Bringt mir diesen Kerl”, befahl der Vorsitzende. „Ich darf das Mitglied, das zurzeit turnusmäßig mit der Erstellung der Protokolle beauftragt ist, ersuchen, bis zur nächsten Sitzung ein Protokoll über die heutige Sitzung gemäß der Geschäftsordnung, § 5, Abs. 1, Ziffer 3 zu erstellen. Damit danke ich Ihnen für Ihr Kommen und wünsche Ihnen bei der Ausführung unserer Beschlüsse den besten Erfolg.”
Damit war die Sitzung zu Ende. Langsam ging das Licht aus. Niemand im Collegium bewegte sich mehr. Bevor es gänzlich dunkel wurde, sah man schwach fluoreszierende Fäden an den Gliedmaßen der Collegiumsmitglieder, wie bei Marionetten in einem Puppentheater. Wohin die Fäden führten, war nicht ersichtlich.
Zwei Stunden später wurde Oscar verhaftet. Man fand ihn in einem Krankenhaus, als er einem gewissen Carlos einen Besuch abstatten wollte. Unauffällig hatte man ihn zum Deutschen gebracht. Nun war er da und saß Franz Hagen, dem Vorsitzenden, gegenüber.
„... Und zu guter Letzt habe ich dieses Papier einem Fremden gegeben, den ich im Pueblo getroffen habe. Er hat mich nach meiner wunderbaren Errettung auf ein Essen eingeladen und ich habe mich damit revanchiert”, schloss Oscar soeben seinen Bericht.
Der Deutsche überlegte, welche Optionen ihm zur Verfügung standen und welche wohl die unterhaltsamste war. Dann sagte er: „Also gut. Da Sie jetzt arbeitslos sind – wollen Sie nicht in unserer Organisation mitarbeiten? Wir bieten einen Spitzenverdienst, diverse Sozialleistungen und ein gutes Betriebsklima.”
„Was soll ich tun?” fragte Oscar etwas misstrauisch. Seine Erfahrung lehrte ihn, wenn einer so schwärmt, liegt eine Leiche im Keller.
„Kümmern Sie sich um einen armen Gefolterten mit der Schandmaske. Pflegen Sie ihn, richten Sie ihn moralisch wieder auf, sorgen Sie für seine Gesundheit. Er wird es Ihnen danken und wir werden Sie dafür bezahlen.”
„Einverstanden.” Misstrauisch blieb Oscar trotzdem. Im Anlassfalle würde er ohne zu zögern seinen eigenen Weg gehen, unabhängig davon, wie sich dieser gestalten würde. Wie alle eben.
Von nun an suchten die Agenten landauf, landab nach Carlos. Nachdem sie ihn lokalisiert hatten, wurde er ununterbrochen beschattet. Bald schon stellte sich heraus, dass er nie das Haus verließ. Abwechselnd standen die Agenten auf der Straße und bewachten vom gegenüberliegenden Bürgersteig aus das Fenster, hinter dem sie gelegentlich die Silhouette von Carlos mit Hut sahen ...


Nach dem Strahlenregen blickte Carlos hinaus. Draußen stand eine unbekannte Frau, dem Outfit zufolge eine Prostituierte, auf dem Gehsteig. Völlig durchnässt krümmte sie sich, während Blut tröpfchenweise aus ihrem Mund sickerte. Nach minutenlangem Kampf stürzte sie und wand sich auf dem Boden. Sie hatte keine Unterkunft, die sie geschützt hätte und so hatte sie der Giftcocktail voll erwischt. Nicht mehr lange und sie würde sterben, den einsamen, sinnlosen Tod eines streunenden Straßenköters, den niemand bedauern würde.
Nein, nicht so, sagte sich Carlos, legte seinen Strahlenregenmantel an und holte die Frau in seine Wohnung. Dort zog er ihr die ohnehin dürftige Bekleidung aus und sprühte sie am ganzen Körper mit Dekontaminierungspulver ein. Drei bis vier Minuten einwirken lassen, gründlich abwaschen und dann mit einer Feuchtigkeitslotion den beschädigten Säuremantel der Haut wieder aufpäppeln, so stand es in der Gebrauchsanweisung.
Nach dieser Prozedur legte Carlos seine Patientin auf das Bett. Liebevoll tätschelte er ihr das Gesicht und versorgte sie mit den Medikamenten, die im allgemeinen Spinnennetz der Information zur Nachbehandlung empfohlen wurden. Die Frau war zu schwach, um sich zu bedanken; sie hatte die ganze Zeit über kein Wort herausgebracht. Nun lag sie mit glänzenden, halb geöffneten Augen auf einem fremden Bett und hatte keine Ahnung, ob sie überleben würde. Mag sein, dass sie trotz aller Medizin aussteigen würde. Doch Carlos fand, wenn sich der Gesellschaft entziehen, dann sollte es freiwillig sein, das Haupt stolz erhoben, im vollen Besitze der geistigen und körperlichen Kräfte! Mit Blut aus seinem Finger schrieb Carlos an die Wand: „Noch lebe ich, noch lebt sie.”
Dann wurde sein Körper durchsichtig. Das Letzte, was die kranke Frau auf dem Bett von Carlos sah, waren eine Träne, die über sein Gesicht lief und ein schier überirdisches Lächeln.
Carlos stand auf der Hagendorf-Straße, als plötzlich die Bewegungen der Menschen immer langsamer wurden. Dann erstarrten sie gänzlich. Carlos fand sich vor der Rückwand einer ehemaligen Roboterfabrik wieder, auf deren grauem Außenputz verschiedene Figuren und Begebenheiten als graffitiähnliches Bild aufgemalt waren: Marcos beim Polieren seiner Dumdumgeschosse, daneben Dora, die in der Rezeption gerade einem Gast, der von hinten gezeigt wurde, den Zimmerschlüssel aushändigte ...
Unüberhörbar klang Carlos das Thema der „Promenade“ aus dem Klavierzyklus „Bilder einer Ausstellung“ von Mussorgsky im Ohr ... Tata-tatüta-tatütata ...
Jenny Raffzahn stand in laszivem Outfit am Rande eines Lichtkegels und wartete gelangweilt auf Kunden. ... Tatüta-tatatütata ... Hypnotisiert zog es Carlos von Bild zu Bild. Es folgte Anand Lila in ihrer Rolle als Krankenschwester, die einem todgeweihten Propheten in seinem Krankenbett Medizin einflößte. Tütatü-tatata-tü ... Mit drei steinernen Gesichtern im altägyptischen Pharaostyling auf dem Mond ging es weiter, dann eine barbusige junge Frau, die mit Teufelshörnern schelmisch aus einem Monitor sah ... Tatütata-tatütata ...
Zum Teil sagten Carlos die Abbildungen etwas, wie vage Erinnerungen, manches war ihm unbekannt. Just als die Promenade gefühlvoll ausklang war er bei einem Lehrer angelangt, der ein paar harmlose Rechenaufgaben an die Tafel schrieb.
Weinend stand Carlos vor der mausgrauen Wand und wischte das Bild weg. Dann drehte er sich um. Carlos blickte rund zwanzig Kindern ins Gesicht. Er stand in einem Klassenzimmer vor der Tafel. Da schrillte die Schulglocke auch schon auf. Sorglos, wie Kinder sind, nahmen sie ihre Schultaschen, erhoben sich von den Bänken und verließen lautstark die Klasse. Ein Blick auf die Tafel zeigte Carlos einen hinkenden Mann, auf dem Weg durch eine schmale Gasse. Sein Gesicht war durch eine potthässliche Maske aus dunkelbraunem Holz verdeckt. Darunter stand in weißer Kreide das Wort: „Schandmaske”.
Um ehrlich zu sein – Carlos war froh, dass es Freitagmittag war. Für diese Woche war Schluss; fein, es war ohnehin sehr anstrengend gewesen.


Es erfolgte ein öffentlicher Aufruf, Carlos möge sich im Majestic, Zimmer 797, einstellen. Alle Zeitungen, sämtliche Radio- und Fernsehsender brachten drei Tage lang alle zwei Stunden den Aufruf: „Carlos, im Majestic, Zimmer 797, melden!“.
Unverzüglich begab sich Carlos ins Majestic und machte sich auf in Richtung siebter Stock, Zimmer 797. Er ging ei-nen langen Gang entlang, der kein Ende nehmen wollte. Zwischendurch gab es eine Glastüre, hinter der sich wieder Gänge verzweigten. Zimmer, unpersönlich nummeriert, befanden sich in regelmäßigen Abständen links und rechts. Das Zimmer mit der Nummer 797 war nicht darunter.
Spärliche Möbel standen blitzblank geputzt und sorgsam aufgeräumt in einer Ecke. Ein makelloser Spannteppich dämpfte seinen Schritt. Wohin Carlos auch sah, alles war sauber, fast schon steril. Kein Mensch war zu sehen, aus keiner Türe drang ein Laut.
Carlos hatte keine Ahnung, wo das Zimmer 797 genau lag, aber er wähnte sich auf dem rechten Weg. Doch es war nicht zu finden. Nach einem Gang kam ein Lift, mit dem er fast geräuschlos einige Stockwerke fuhr. In einer der wenigen Sitzecken saß ein Mann, der gelangweilt in einer Monatszeitschrift blätterte. Danach ging es wieder weiter durch eine der Glastüren, die alle gleich wirkten. Deshalb fiel es Carlos nach einiger Zeit schwer, zu beurteilen, ob er hier nicht schon einmal gewesen war. Gang reihte sich an Gang, gelegentlich unterbrochen von einer der stets gleich aussehenden Glastüren und selbst der Lift schien Carlos seinem Zimmer nicht näher zu bringen ...
Ohne es zu bemerken verlor er sich in dieser unpersönlichen, künstlichen Welt aus Gängen, Glastüren, Liften und Zimmertüren, die ihn alle nichts angingen. Mal bog er links um die Ecke, mal rechts, benützte den Lift, zwischendurch eine Treppe ... Bewegte er sich Richtung Westen, Norden ...? Oder Osten ...? Er wusste es nicht mehr, denn er hatte bereits die Orientierung verloren; er ging einfach. Mit der Zeit fühlte Carlos nur noch das Pochen des Blutes in seinen Adern, die Wände schienen im Rhythmus seines Herzschlages näher zu rücken. Bumbum. Bumbum. Bummmbumm... Noch immer reihte sich ein Gang an den anderen, ohne Aussicht auf ein Ende ... Bumbum. Bumbum. Und wieder ein Lift ... Bumbum. Und eine Glastüre ... Bum-bum ... Bum-bumm ...
Das alles dauerte Marcos viel zu lange. Weder war er es gewohnt, dass man ihn warten ließ, noch willens, derlei Unsitten einreißen zu lassen. Daher schickte er einen Beseitigungstrupp los, der Carlos im Nu fasste und bei Marcos ablieferte.
Der Agent ließ es sich nicht nehmen, das Interview, wie er ein Verhör nannte, persönlich zu leiten. Freilich – er hätte die Arbeit delegieren können, sagte er doch sonst immer: „Ich delegiere, also bin ich”, aber wenn es um den Kern einer Sache ging, musste man selbst zur Stelle sein. Da gab es nur eines: Seinen Mann stehen, unerschütterlich, wie ein Fels in der Brandung! Diesbezüglich fühlte sich Marcos von der alten Schule. Seltsam, dass es für die Interviewten dann immer äußerst unangenehm wurde ...
Ein Polizist band Carlos an einen Stuhl und setzte ihm „das Visier des Purgatoriums“, landläufig „Folterhelm“ genannt, auf. In diesem Helm war eine Vorrichtung, mit deren Hilfe die Augen geöffnet gehalten werden konnten. Zugleich wurden die Augäpfel mit einer Flüssigkeit beträufelt, die das Austrocknen verhinderte. Links und rechts waren Kopfhörer eingebaut und ein engmaschiges Netz aus Drähten, mit dessen Hilfe man Hitze und Kälte im Helm simulieren konnte. Über eine Düse in der Nähe der Nasenwurzel konnte man Gerüche zuführen.
Marcos setzte sich Carlos gegenüber, blickte mit stoischer Ruhe in dessen künstlich geweitete Augen und sagte lächelnd: „Schönen Tag, Sie sind also Carlos. Danke, dass Sie so spontan und frohen Mutes meiner Einladung zum Interview gefolgt sind. Genießen Sie meine Gastfreundschaft. Ich hoffe, Sie sehen es mir nach, wenn es keinen Kaffee mit Kuchen gibt.
Ach ja, was ich Sie bei dieser Gelegenheit fragen wollte: Sie haben irgendwann einmal von einem Mann namens Oscar im Pueblo eine merkwürdige, altertümliche Zeichnung erhalten. Die möchte ich haben. Wo ist sie hingekommen?”
Carlos hörte Marcos‘ Stimme durch die Kopfhörer, weil im Helm ein Funkgerät eingebaut war. Über diesen Apparat konnte er mit der Außenwelt kommunizieren.
Aha, wegen dieses dämlichen Planes, dieser Antiquität, dieses Schmierzettels oder was das sein sollte, hatte man ihn also hierher verschleppt? Was rechtfertigte wohl diesen Aufwand? Wo ihm doch selbst nicht geläufig war, wo das Objekt hingekommen sein mochte; hatte er ihm doch bisher nicht die geringste Bedeutung beigemessen!
Mit dem Plan des Seemannes musste es also seine spezielle Bewandtnis haben, sonst wäre die Obrigkeit nicht daran interessiert. Carlos ahnte, es würde extrem schmerzhaft für ihn werden, wenn er nicht umgehend mit allen Informationen herausrückte.
Er überlegte scharf, wie er sich verhalten sollte. Sicher wäre es vernünftig, freiwillig zu erzählen ... Aber was hatte er schon großartig auszuplaudern? So einer wie Marcos würde sich provoziert fühlen, wenn er ihm jetzt antwortete: Keine Ahnung! Und selbst wenn es zehnmal die Wahrheit wäre. Dazu kam, dass er Marcos als Sadisten einschätzte. Als solcher würde der Agent zweifellos Gründe finden, Carlos trotzdem zu foltern, egal, was er an Informationen preisgeben würde.
Schließlich antwortete Carlos: „Ich weiß nichts von einer derartigen Zeichnung.”
„Herr Doktor, bitte tun Sie Ihre Pflicht. Für das Nichtstun werden wir beide nicht bezahlt”, forderte Marcos Dr. Wakonig augenzwinkernd auf. Sichtlich in guter Stimmung lehnte er sich zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf.
Der Agent legte Wert darauf, dass der Amtsarzt anwesend war. Es sollte ihm niemand nachsagen können, seine Gäste wären ohne medizinische Betreuung gewesen, obwohl er diese im Grunde überflüssig fand. Aber so stand es eben in der Spielregel. Was soll's.
Dr. Wakonig gab Carlos eine Spritze mit einer dezenten Mischung aus Scopolamin, Bufotenin, Muskarin und Hyoscin. Und zum Drüberstreuen war ein ganz kleines bisschen Ibotensäure dabei. Aber es war umstritten, inwieweit dieser Zusatz überhaupt notwendig war.
Binnen weniger Minuten, während derer man ihn mit lauter, kreischender Musik durch die Kopfhörer versorgt hatte, begann sich der Giftcocktail zu entfalten. Zuerst spürte Carlos die Wirkung im Kreislauf. Sein Puls schlug wie rasend. Im Gefolge des Herzklopfens kamen zuerst Panik, dann Halluzinationen. Inzwischen versorgte man über die Videokamera sein Gehirn mit Monstern, die bedrohlich auf ihn zukamen, begleitet von schrillen oder unheimlichen Geräuschen über die Kopfhörer.
„Wenn Sie von Ihrem Kino genug haben, sagen Sie es ruhig, wir haben auch das Gegenmittel zur Hand”, meinte Marcos seelenruhig.
Dr. Wakonig sah überrascht auf. Seit wann war bei einem Verhör ein Gegenmittel griffbereit? War es nicht Marcos selbst gewesen, der ihm gesagt hatte, diesen Unsinn brauche er gar nicht erst mitzunehmen?
Als Carlos Marcos‘ Stimme hörte, stampfte gerade ein brüllender Tyrannosaurus Rex auf ihn zu und riss das Maul auf. Dumpf dröhnten seine Schritte durch Carlos‘ Gehirn, gefährlich näherten sich die rasiermesserscharfen Zähne. Sogar für Gestank aus dem Maul hatte man gesorgt ...
Marcos hatte sein Funkgerät vor sich auf dem Tisch aufgebaut, neben einer Art Fernseher, in dem er beobachten konnte, mit welchen Horrorbildern man das drogengeschüttelte Gehirn des Befragten gerade fütterte. Persönlich hatte Marcos gegen diese Art der modernen Folter etwas. Ihm war mehr nach den klassischen Methoden wie Peitschen, Elektroschocks (speziell in die Weichteile), Nadeln unter die Zehennägel, Herausreißen der Zunge und dergleichen zumute. Ganz besonders schätzte er das Knacken eines gebrochenen Fingerknochens beziehungsweise noch mehr die Wirkung, die das Geräusch im Gesicht des oder der Gefolterten hervorrief. Diese Vorliebe hatte ihm gelegentlich schon den Ruf altmodisch zu sein eingetragen. Aber war nicht ohnehin alles nur Geschmackssache?
Dabei war am Anfang das Visier des Purgatoriums auch nicht so ohne gewesen, erinnerte sich Marcos. Er hatte das Kinn auf die rechte Hand gestützt und träumte versonnen vor sich hin. Da kamen ihm all die wieder in den Sinn, die nach dem Interview verblödet unmenschliche Laute ausstoßend auf allen Vieren zwischen ihren eigenen Exkrementen und ihrem Urin davongekrochen waren.
Aber dann hatte das Collegium in der Spielregel betreffend die peinliche Befragung die Zeit für eine Folter mit fünf Stunden begrenzt und ein paar sonstige Auflagen beschlossen. „Dekadente Weicheier!“, schimpfte Marcos in Gedanken. Seither kamen solche Dinge nicht mehr vor. Schade. Nicht einmal nackt ausziehen durfte man die Befragten mehr. Die guten alten Zeiten eben ...
Carlos wand sich unterdessen vor Angst. Die Halluzinogene in seinem Gehirn wüteten mit voller Wucht. Carlos hatte nicht gewusst, dass man solche Angst haben konnte. Die verrücktesten Monster wechselten sich lückenlos ab mit Dämonen vor den schaurigsten Hintergründen. Gellende Schreie, das Knurren wilder Tiere und ähnliche Geräusche in „optimaler“ Abstimmung zu den Bildern. Aber je mehr er gefoltert wurde, desto mehr wuchs erstaunlicherweise sein innerer Widerstand. Nach fünf Stunden derartiger Qualen nahm man ihm endlich das Visier des Purgatoriums ab. Noch minutenlang war Carlos wie betäubt und hätte nicht sagen können, wo links und wo rechts war.
Inzwischen war es nach Dienstschluss geworden. Jetzt hatte Marcos aber genug. Wenn er hier schon Überstunden machte, sollte es ihm wenigstens echten Spaß bereiten. „Ich fordere Sie zum letzten Mal auf, mir zu verraten, wo der Plan ist”, brüllte Marcos Carlos an. In Wirklichkeit war das eine Alibihandlung, denn er wusste genau, Carlos würde für mindestens eine Viertelstunde nicht fähig sein, auch nur einen zusammenhängenden Satz über die Lippen zu bringen.
Wie zu erwarten war – Carlos brachte kein Wort heraus. Nur verschwommen nahm Carlos wahr, dass jetzt eine geballte Faust auf seinen Kopf zuraste. Mit einem dumpfen Knall landete sie auf dem Kinn und verursachte eine Explosion in seinem Gehirn. Marcos schlug auf den Gefesselten ein, bis er außer Atem war. Er hatte ohnedies ein bisschen Training nötig. Carlos‘ Oberkörper war übersät mit blauen Flecken. Die Augen waren bis auf zwei kleine Schlitze zugequollen; außerdem blutete er aus Mund und Nase. Zum Glück war er inzwischen einer Ohnmacht nahe. Ein Kübel kaltes Wasser holte ihn unbarmherzig wieder zurück.
„Das Feuer des Purgatoriums!”, befahl Marcos. Insgeheim kam er nicht umhin, die Standhaftigkeit seines Opfers zu bewundern, zumal er sich selbst diese Leistung nicht zugetraut hätte. Gerade das ärgerte ihn noch mehr. Der Cyborgpolizist zog Carlos den rechten Schuh und die Socke aus. Dann nahm er einen kleinen, mobilen Kerosinofen in Betrieb, der die gute Stube im Winter heizen sollte. Das Gerät war ein Geschenk des Museums für Alltagskultur und stammte aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Eine Zumutung war das, dass man gezwungen war, mit solcher Ausstattung zu arbeiten! War es doch ohne Ofen schon heiß genug im Raum! Zischend qualmte das Fleisch an Carlos‘ rechter Ferse und erfreute dadurch Marcos‘ Herz. Mit einem Schrei wurde Carlos ohnmächtig ...
Kaum war Carlos wieder bei Bewusstsein, was durch Dr. Wakonig fachmännisch festgestellt wurde, wies Marcos den Polizisten an, Carlos die Schandmaske aufzusetzen.
Eine Schandmaske bestand aus dunkelbraun bis schwarz angemaltem Holz. Sie war auf ihrer Innenseite aufgeraut und mit einer Salbe bestrichen, die ein schmerzhaftes Brennen verursachte. Die Außenseite „zierte“ eine zwanzig Zentimeter lange, spindeldürre Nase unter zwei dämonisch verzerrten, übergroßen Augen. Dennoch konnte der Bestrafte nur wenig sehen, denn die Schlitze, durch die er tatsächlich in die Welt sah, waren denkbar klein.
Das Gerät wurde am Kopf mit einer speziellen Vorrichtung festgebunden, welche sich nach einer beliebig einstellbaren Zeit von selbst löste. Wurde die Haltevorrichtung vor der Zeit aufgemacht, löste sie ein schrilles Alarmsignal im nächsten Polizeirevier aus. War man früher oder später auch der Maske ledig – die Hautreizung hielt sich noch Wochen, bis auch sie verschwand.
Marcos verdeckte sich die Augen mit der linken Hand, mit der rechten stellte er den Mechanismus ein. Er hielt es für unterhaltsamer, wenn er selbst nicht wusste, wie lange Carlos das Zeichen der Schande zu tragen hatte. Der Cyborgpolizist schleppte Carlos in den Erholungsraum, in dessen Mitte ein verschmutztes Stahlrohrbett als einzige Ein-richtung aufgebaut war. Mitfühlend wie er war, erlaubte der Polizist Dr. Wakonig, die Verletzung zu verbinden. Dieser schmierte den Fuß zusätzlich mit einem übel riechenden Gelee ein, das – oh Wunder! - etwas Kühlung brachte. Welche Wohltat!
Nach einer halben Stunde, in der sich der geschundene Körper wenigstens ansatzweise hatte erholen dürfen, betrat der Polizist den Raum. Er fasste Carlos, der immer noch nicht stehen konnte, am Gürtel und schleppte ihn wie einen Tierkadaver ohne ersichtliche Mühe durch die Hintertreppe auf die Straße hinunter. Das nächstbeste Taxi hielt er an und gab dem Fahrer die Anweisung: „Werfen Sie diesen Ballast vor der Altstadt ab.“
In der Zwischenzeit stellte Dr. Wakonig in aller Ruhe seinen Bericht fertig und speiste ihn wenig später in das Spinnennetz der Information ein ...
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BeitragVerfasst am: 04.03.2008, 17:47    Titel: Antworten mit Zitat

Die Intelligenz S9E in Gestalt von Theresa befand sich als einzige Frau am Strand. Sehr ungewöhnlich für diese Tageszeit. Theresa lag mit dem Gesicht in Richtung offene See und ließ sich bräunen. Ihr Körper entzückte das Auge jeden Mannes, so viel konnte Oscar bereits von Weitem erkennen. Während er sich näherte, studierte er das Bild dieser Frau mit dem ruhigen Ozean im Hintergrund und einem Schiff weit draußen am Horizont. Ein leichter Wind bewegte ihr Haar spielerisch (schwarzes Gold in der Sonne). Ob er wollte oder nicht, diese Frau weckte männliches Begehren in ihm ...
Kaum war Oscar herangetreten, drehte sich Theresa um. Sie öffnete den Mund und fragte ihn: „Guten Tag. Wollen Sie Kontakt mit mir aufnehmen?”
Gewiss doch, keine Frage. Oscar nahm Platz und übte sich die nächste halbe Stunde in Smalltalk. Er bot seine ganze Eloquenz auf, um mit Theresa eine gemeinsame Basis zu finden, die ihn in absehbarer Zeit in ihren Unterleib führen sollte.
Mitten in das belanglose Geplauder hinein fragte plötzlich Theresa: „Gefalle ich dir?”
Sie stellte überrascht fest, dass es ihr etwas bedeutete, ob Oscar sie hübsch finden würde. Ja, sie gefiel. Sie merkte es daran, dass er sie als Antwort berührte. Oscar, der Theresas Frage als Aufforderung verstand, griff ihr zärtlich in die Haare. Sachte zog er ihren Kopf an seine Schulter. Sie merkte, dass es sie nach der Berührung mit diesem Menschen drängte und es als beglückend empfand, seinen männlichen Körper zu spüren: deutlich breitere Schultern als Hüften, straffe Muskeln unter dünner, sommerlicher Baumwollbekleidung. All das verlieh ihr ein unbestimmtes, wohltuendes Gefühl der Sicherheit und mehr als das ...
Oscar war ein Mann der schnellen Truppe, wie er selbst mit Stolz von sich behauptete. Ohne Umschweife begann er Theresa genussvoll auszuziehen. Nach und nach entfernten sich ihre Kleidungsstücke und hinterließen Theresa ungeschützt in ihrer Unschuld. Als sie nackt war, empfand sie ihre Blöße als Geschenk, das sie Oscar machen wollte. Hoffentlich würde er es würdigen können. Womit sich Oscar zu revanchieren beabsichtigte, ließ nicht lange auf sich warten. Weich und fest zugleich strotzte sein Gegengeschenk nur so vor Lebenskraft. Zwar fühlte es sich durchaus gut an in Theresas Hand, aber es machte durch seine Form einen leicht aggressiven Eindruck.
Erstmals in ihrer kosmischen Existenz sah die Intelligenz S9E den angeblich kostbarsten Teil eines männlichen Exemplars der Gattung Homo sapiens. Auf undefinierbare Weise erschien ihr dieses Ding bedrohlich, als es herausfordernd auf ihren Unterleib zielte. Immerhin schickte es sich an, in sie einzudringen, d. h. ihre territoriale Integrität in Frage zu stellen, wie die Diplomatin erschrocken konstatierte. Und andererseits fieberte Theresa diesem Ereignis mit freudiger Spannung entgegen.
Doch – was war dann? Plötzlich wurde sie sich bewusst, dass ihr Zusammensein mit einem Mann auch bedeuten konnte, dass sie Leben empfangen und gebären würde. Ein neues Universum würde über neun Monate in ihr heranwachsen. Dieses wäre auf ihren Schutz und ihre Ressourcen angewiesen.
Darüber hatte sie noch gar nicht nachgedacht. Beim besten Willen, aber bei diesem Gedanken fühlte sich Theresa überfordert. Ohne Oscar verletzen zu wollen, wies sie ihn zurück.
„Was hast du, Mädchen?”, wollte Oscar wissen.
„Es ist nur ... ich weiß auch nicht, vielleicht, weil ich noch Jungfrau bin”, erklärte Theresa, mühsam nach Worten für einen Gemütszustand suchend, der ihr völlig neu war. Ihre glühenden Wangen informierten sie über den Umstand, dass sie soeben errötet war.
„Da gratuliere ich dir aber, da bist du bei mir richtig. In solchen Sachen bin ich Spezialist. Wir wollen uns Zeit lassen, es läuft nichts davon. Ich heiße übrigens Oscar.” Der Gentleman vergisst nicht, sich vorzustellen.
„Theresa”, gab die Intelligenz S9E zurück.
Also war wieder Smalltalk angesagt. Überrascht stellte Oscar fest, dass er die junge Frau tatsächlich näher kennenlernen wollte. Kaum ging es um ihre Herkunft, gab diese allerdings nicht viel mehr als mysteriöse Anspielungen von sich. Es stellte sich bald heraus, dass Theresa keine richtige Unterkunft hatte, weshalb Oscar ihr in der Mission eine Bleibe verschaffte.


Das Missionsgebäude lag in einer für Haikiki untypischen Gegend. Es schmiegte sich an die Berge, die die Stadt gegen Norden zu begrenzten. Von hier hatte man bei Schönwetter eine beeindruckende Aussicht über das Häusermeer. Weil sich das Gebäude in erhöhter Lage befand, lebten die Menschen darin über der Smogwolke, die Haikiki üblicherweise erfolgreich gegen gute Luft abschirmte. Die Räume waren nur mit dem Nötigsten eingerichtet, aber peinlich sauber, hell und klar. Das Zentrum bildete der Meditationsraum im Erdgeschoss, der gegenüber dem Eingang einen kleinen Altar zu Ehren der Großen Urmutter Nammak beherbergte. Die Unterkünfte der Brüder und Schwestern bildeten das Obergeschoss.
Dort quartierte man die junge Frau in eines der Gästezimmer ein, ohne sie mit weiteren Fragen zu behelligen. Von nun an hieß es für Theresa meditieren, in der Küche helfen und im Garten die Gewürzsträucher betreuen. Sie suchte jede Gelegenheit, in Oscars Gegenwart zu sein, so lange und so intensiv wie möglich ...
Mit Oscar verband sie ein zunehmend tieferes, unglaublich berauschendes Gefühl, wie es die Intelligenz S9E noch nie gekannt hatte. Manchmal erschreckte sie dieses sogar, war es doch so ungemein berückend. Sie fragte sich, wohin sie dieses Gefühl bringen würde, letzten Endes war sie ja hier, sich diesem zu überlassen ...
Seltsamerweise hatte Theresas Rückzug Oscars Begehren nicht gedämpft, sondern eher vergrößert. Dementsprechend suchte er ihre Nähe. Wer kam beim Mittagessen zufällig neben Theresa zu sitzen? Oscar. Wer hatte aus dem Garten Kräuter für den Tee zu holen, wenn Theresa die Wacholdersträucher und den Rosmarin pflegte? Oscar. Wen drängte es nach einer Meditationsrunde, während Theresa Nammaks Statue abstaubte? Oscar. In der Tat war ihm jede Ausrede recht, sich in unmittelbarer Umgebung Theresas aufhalten zu können.
Die anderen Schwestern und Brüder ließen die beiden hinter ihrem Rücken lächelnd gewähren, waren sie sich doch einig darüber, hier Nammaks Wille am Werk zu sehen. Zwar lebten einige von ihnen sexuell enthaltsam, doch taten sie es freiwillig; niemand wurde dazu angehalten oder gar gezwungen.
Eines Abends, als der Meditationsraum gerade geschlossen wurde, kamen Theresa und Oscar überein, sich in Theresas Unterkunft noch für die Länge eines Räucherstäbchens der spirituellen Versenkung hinzugeben.
Eigenartig, mit wie wenigen Worten man wirkungsvoll kommunizieren kann, notierte sich die diplomatische Intelligenz S9E geistig. Ach ja, streng genommen waren es nur zwei Blicke gewesen ...
Kaum hatte sich die Tür hinter ihnen geschlossen, umarmten sie sich leidenschaftlich. Das berückende Gefühl überschwemmte Theresa mit aller Macht, als sie sich auf dem Bett liegend wiederfand. Ihr Leib öffnete sich Oscar bereitwillig, wie ein Tempel den Hohepriester willkommen heißt. In der Tiefe ihrer spirituellen Versenkung erfuhr S9E die Ekstase einer menschlichen Frau ...
Aber Theresa hatte nicht das Bedürfnis, sich nachher wieder zurückzuziehen, wie es G3D getan hatte, sondern sie wollte (zumindest noch einige Zeit) bei Oscar bleiben. Als man nach einer Woche vom Mond telepathisch anfragte, was los sei und wo sie wohl bleibe, meldete Theresa zurück, dass sie einfachste Regungen neuen Lebens in sich verspüre.
„Na, und was jetzt?“
„Bitte schickt mir mehr Materialisationsenergie.“
„Schluss mit dem Quatsch, komm wieder zurück!“
„Nein!“
„Sei nicht bockig.“
„Ich will mein Kind auf die Welt bringen, ob es euch gefällt oder nicht!“
Über so viel Unvernunft stöhnten die Außerirdischen ...
„Bitte versteht das“, setzte S9E nach.“ Irgendwie gehört das zur Erfahrung einer Frau dazu.“
Seufzend gaben A7K und G3D auf dem Mond nach und sandten S9E Materialisationsenergie für gut neun Monate. Diese Zeit nützte Theresa, um ein Lehrbuch über Tantra zu schreiben. Im Meditationsraum nahm sie im Schneidersitz vor dem Abbild Nammaks Platz. Dann rückte sie sich ein paar Bogen dicken Papiers mit Pergamenttextur aus dem Abverkauf zurecht. Mit Pinsel und schwarzer Tusche begann sie: „Tantra, mein Weg durch das Universum. Vorwort: Es ist ein Irrtum, dass sich spirituelle Höhen und sexuelle Ekstase nicht miteinander vertragen. Ganze Religionen gründen auf diesem folgenschweren Missverständnis. Wie viel Leid, wie viel Lüge ist doch die Folge ...“
Nach Ablauf von neuen Monaten Jahres gebar Theresa unter mehr Schmerzen, als sie sich vorgestellt hatte, in ihrer Kammer ein Mädchen. Dank Schwester Anand Lilas Hilfe war die Geburt ohne Komplikationen verlaufen. Auch Oscar war anwesend. Er hatte Theresa von hinten gehalten und ihr damit ein Gefühl von Sicherheit gegeben. Theresa war ihm sehr dankbar dafür. Nach der ersten halben Stunde, in der Theresa nur froh sein konnte, dass alles vorbei war, nahm sie ihr Kind in die Arme und war überglücklich.
Stolz sah Oscar der frischgebackenen Mutter in die Augen und sagte sich: „Wie hypnotisch, wie abgründig ihre Augen doch sind! Wie ein tiefer, tiefer See aus Sternen ... Wenn ich jemals in einen Abgrund falle, wünsche ich mir, dass es diese Augen sind ...“
Schon nach wenigen Stunden fühlte sich Theresa wieder soweit bei Kräften, dass sie das Nachwort zu ihrem Buch schreiben konnte: „Auf diese Weise durfte ich entdecken, dass die visionäre Schau des Mystikers und die sexuelle Ekstase nur zwei verschiedene Wege zum selben Horizont sind. Geduldig wartet dahinter das Ende aller Fragen, aller Bedürfnisse und ganz besonders aller Lügen auf uns. Dort gibt es nur das Große Geheimnis selbst.“
Kaum war sie fertig wurde Theresa plötzlich unsichtbar und hinterließ einen völlig verblüfften Oscar, ihre Tochter im Arm. Anand Lila sagte nur kopfschüttelnd: „Ich fürchte, wir brauchen eine Amme.“


Bamm-bababamm-babamm. Der Deutsche eröffnete formvollendet die Sitzung des Collegiums. Nachdem sich alle Mitglieder wieder gesetzt hatten und die obligatorischen Besprechungspunkte erledigt waren, bat er Marcos um seinen Bericht in Sachen Schatzplan.
Marcos berichtete: „Ich danke für die Worterteilung und darf Folgendes berichten. Durch den Waffenschmuggler Oscar haben wir erfahren, dass der Schatzplan in die Hände eines gewissen Carlos gelangt ist. Ich haben daher diesen Carlos zu einem Interview gebeten. Da er aber von einem derartigen Papier nichts wissen wollte, gingen wir zu einer peinlichen Befragung gemäß den Spielregeln über. Ich darf Ihnen, liebe Collegiumsmitglieder, eine Aufzeichnung vorspielen.”
„Fein“, „Super“, “Spannend“, tönte es ringsum. Marcos, der eben noch wusste, wie man Eindruck schindet, ging zur Computeranlage, die in der rechten hinteren Ecke aufgebaut war, nahm sie in Betrieb und legte den Datenträger ein. Das Collegium sah nun aufmerksam zu, wie man noch vor kurzem Carlos gefoltert hatte.
Bei der Szene mit dem verbrannten Fuß erntete Marcos bewundernde „Aaahs“ und „Oooohhhs“, die er mit einem selbstgefälligen Nicken zur Kenntnis nahm. Erfreulich, wenn das Publikum die viele Mühe, die man sich zum Wohle des Collegiums gab, zu schätzen wusste. Es war schließlich harte Arbeit gewesen. Als sich am Ende der Aufzeichnung herausstellte, dass Carlos standhaft geblieben war, klatschte alles Beifall. Nicht zuletzt, weil man Carlos trotz alledem bewundern musste. Insgeheim natürlich.
Anschließend kommentierte Franz Hagen, der Deutsche, die Aufzeichnung: „Ich übernehme wieder das Wort und danke dem Agenten Marcos für seinen Bericht.
Sie sehen, liebe Collegiumsmitglieder, Carlos hat nicht verraten, wo sich das Papier befindet. Das war sehr sportlich von ihm. Trotzdem glaube ich, jedem hier ist klar, dass wir unter allen Umständen wieder in Besitz des Planes gelangen müssen. Er verleiht die Macht, sich den Spielregeln zu entziehen. Allerdings wäre die Lösung: Carlos verrät den Aufbewahrungsort, wir fahren hin, holen den Plan und versperren ihn wieder, ohne jeden Unterhaltungswert. Ich gehe davon aus, dass es für uns alle viel spannender ist, wenn wir Carlos versuchen lassen, den Ausgang zu finden. Es ist zu erwarten, dass er selbst auf Schatzsuche – lassen Sie es mich einmal so ausdrücken – gehen wird. Wir werden ihn also beobachten und ihm sogar helfen, ohne dass er das weiß. Meint er, es geschafft zu haben, schnappt die Falle zu.”
Attila wollte wissen: „Was passiert dann mit ihm?”
„Das entscheiden wie immer die Würfel”, antwortete der Deutsche.
Katharina vernahm das mit großem Behagen. Alfreda, die turnusmäßig die Meisterschaft der Würfel übernommen hatte, begann mit dem Ritual. Sie hatte Katharina schon lange beobachtet und wusste, dass sie dem Schicksal oft genug nachhalf, meist zu Ungunsten der Betreffenden. Außerdem missbrauchte Katharina laufend ihre Machtfülle als Mitglied des Collegiums um persönliche Angelegenheiten zu regeln, etwa ehemalige Rivalinnen aus dem Weg zu schaffen oder ihr unsympathischen Leuten das Leben schwer zu machen. Das war nicht im Sinne der Collegiumsphilosophie, der sie immerhin seinerzeit die Treue geschworen hatten und die da lautete: Das Spiel wird als Selbstzweck gespielt. Und je unterhaltsamer das Spiel ist, desto besser.
Für heute hatte sich Alfreda besonders vorbereitet. Sie hatte Katharinas Magneten gegen ein harmloses Stück Eisen in der gleichen Form und Größe ausgetauscht. Nun konnte Katharina wohl versuchen zu manipulieren! Den Magneten hatte Alfreda. In ihrer warmen Hand wartete er geduldig auf seinen Einsatz. Als die Würfel gefallen waren, rief Alfreda aus: „Katharina! Wo hast du deine Hände?”
Sofort ließ Katharina das Stück Eisen fallen. Nach der ersten Schrecksekunde, die Alfreda nützte, den Magneten unter der Tischplatte in Richtung Katharina zu werfen, kam Unruhe in das Collegium. Alles raunte und murmelte durcheinander.
Alfreda klärte die Mitglieder auf: „Liebe Collegiumsmitglieder! Ich habe Katharina erwischt, wie sie die Würfel beeinflussen wollte.” Lautstarkes Gemurmel ringsum.
„Beweise! Beweise, nicht nur Behauptungen!”, kreischte Katharina in gut gespielter Empörung. Aber Alfreda hatte vor der Sitzung eine Kamera unter dem Tisch installiert, die alles aufgezeichnet hatte. Nun war sie an der Reihe, den Film auf dem Computer vorzuspielen. Dass Alfreda ein wirkungsloses Stück Eisen gegen den Magneten ausgetauscht hatte, war im toten Winkel der Kamera vor sich gegangen. Katharina wurde kreidebleich. Nach der Aufzeichnung demonstrierte Alfreda dem Collegium, wie Katharina zu Werke gegangen war.
Wie ein Häufchen Elend saß die dergestalt Überführte am Tisch und erwartete ergeben das Urteil, das man in Kürze über sie verhängen würde. Mit kaltem Schweiß auf der Stirn sah sie sich in der Runde um. Attila hatte ein Gesicht aufgesetzt, welches er seit seiner Darbietung als Othello nicht mehr hatte bemühen müssen. Waltraud erinnerte sich ihres letzten Ladendiebes, wodurch es ihr leichter fiel, eine finstere Miene zu machen. Alfreda sah die blanke Schadenfreude aus den Augen. Marcos‘ Gesicht erinnerte an einen grauen Riffhai vor dem Zubeißen. Nur Hagen schien die Ruhe selbst.
Der Deutsche, den selbst eine solche Situation nicht aus der Fassung zu bringen vermochte, sagte schlicht und einfach: „Gemach, liebe Collegiumsmitglieder. Nach der Spielregel entscheiden ohne Frage die Würfel über das, was mit Katharina geschieht. Aus Gründen der Unparteilichkeit beauftrage ich ausnahmsweise Attila damit, das Ritual durchzuführen.“
Und wieder fielen die Würfel. Zweimal Schwarz – Katharina musste sterben. Niemand war Zeuge gewesen, als Alfreda mit dem Magneten unter dem Tisch nachgeholfen hatte. Wirklich niemand?? - Doch, Franz Hagen hatte das Geschehen mit einem kleinen Spiegel unbemerkt mitverfolgt. Er würde sein Wissen bei Gelegenheit gekonnt ausspielen. Alfreda war mit ihren 39 Jahren zwar schon auf dem absteigenden Ast, aber sie war immer noch begehrenswert und der Deutsche war seit vier Jahren Witwer. Außerdem stand er auf den dunklen Typ ...
Über dem ganzen Trubel hätte das Collegium doch beinahe auf Carlos vergessen. Aber Attila erinnerte die Collegiumsmitglieder daran, dass noch über Carlos‘ Gedeih und Verderb zu würfeln war. Kunstgerecht veranstaltete er erneut das Ritual – zweimal Schwarz ...
Den Deutschen drängte es nach frischer Luft. War das heute der Tag der Leichen ...? Er öffnete das Fenster und nahm einen tiefen Atemzug. Da sah er wie durch ein Loch in Raum und Zeit Carlos durch die Altstadt wanken. Die Leute, die ihm begegneten, hatten die Pflicht, ihn zu beschimpfen und zu bespucken oder an seiner Kleidung zu zerren. Wirklich schaden durfte ihm jedoch niemand. Da wurde Carlos gestoßen und geschlagen, wüste Beschimpfungen musste er sich gefallen lassen, sogar die Hunde gingen auf ihn los. Einer bellte ihn wütend an, ein anderer zerrte an seinem Hosenbein.
Zum Glück kam Carlos die rettende Idee. Durch die Herrengasse aus dem Zentrum hinaus und von da in die Armenviertel! Noch immer unter starkem Drogeneinfluss beeilte sich Carlos, vor der Bosheit der Menge zu flüchten.
Die Herrengasse war so eng und verdreckt, dass kaum jemand sie benutzte. Durch sein Humpeln benötigte er fast die gesamte Breite der Gasse, in der ihm nur ein einziger Mann begegnete. Dieser drückte sich in einen Hauseingang und ließ ihn unbehelligt vorüber.


Eine Schäferhündin lief an den Stadtrand. Es dämmerte bereits und sie musste da und dort Müllbeseitigungsrobotern bei der Frühschicht ausweichen. Wenig später verließ sie das bewohnte Gebiet und wandte sich in Richtung Süden ...


Als Träger der Schandmaske war Carlos automatisch arbeits- und obdachlos, ein Ausgestoßener eben. Nicht nur, dass er in Haikiki bleiben musste, er war auch dazu verurteilt, auf der Straße zu leben und auf die Barmherzigkeit der Zeitgenossen angewiesen zu sein. Das war freilich ein hartes Los. Die meisten Träger einer Schandmaske verdrückten sich in die Armenviertel. Hier war man an ihren Anblick gewöhnt und wusste zugleich, dass sich hinter einer Schandmaske oft genug mehr Unbotmäßigkeit als echte moralische Verworfenheit verbarg. Deswegen waren die Leute eher zur Hilfe geneigt. Der Nachteil in diesen Vierteln war, dass die Menschen selbst um das nackte Überleben kämpften und einem Maskenträger selten mehr als das Allernotwendigste zur Verfügung stellen konnten.
Die Nacht brach herein. Carlos suchte Unterschlupf in einem kleinen Bretterverschlag neben einer Mülltonne. Sollte wider Erwarten ein Unwetter niedergehen, wäre er wenigstens leidlich geschützt. Hier blieb er ungestört und hatte so etwas Ähnliches wie ein Dach über dem Kopf. War das schon ein Fortschritt ...
Noch nie in seinem Leben war Carlos geistig und körperlich so am Ende gewesen. Er zitterte am ganzen Körper. Zum Glück war er hundemüde, sonst hätte er seinen malträtierten Körper noch deutlicher gespürt. Die Nähe zum Schlaf dämpfte sein Empfinden ein bisschen. Carlos war sich klar, es würde lange Zeit brauchen, bis er auch nur einigermaßen wiederhergestellt sein würde. Wie gerne wäre er jetzt bei Dora, doch er hatte sie aus den Augen verloren. Eines Tages war sie einfach verschwunden, ohne auch nur das kleinste Zeichen zu hinterlassen. Was mochte mit ihr passiert sein? Wie sehr vermisste er ihre Nähe! Wäre sie jetzt bei ihm, es wäre bestimmt alles nur halb so schlimm. Viel zu kurz war ihre Beziehung gewesen ... Nur nicht nachdenken! Lieber schlafen ...
Gegen drei Uhr Morgen begann es zu blitzen und zu donnern. Grell tauchten Blitze die Gegend für Sekundenbruchteile in unheimliches Licht. Der erste kräftige Donner riss Carlos aus seinem ohnehin unruhigen Schlaf. Es folgte sintflutartiger Regen, der binnen weniger Minuten die ungepflasterte Straße in ein Meer aus Pfützen und Dreck verwandelte. Bald tropfte das Wasser unbarmherzig durch die Löcher im Dach auf Carlos nieder ...
Carlos kauerte in seinem Bretterverschlag, von aller Welt verlassen. Als er einmal kurz aufsah bemerkte er eine Hündin, die vor den geradezu apokalyptischen Wassermassen kurzzeitig neben ihm Schutz suchte. Sie war – außer den Ratten in der Mülltonne nebenan – das einzige Lebewesen, das er während der ganzen Nacht zu Gesicht bekam. Und selbst sie blieb nur, bis das ärgste Unwetter vorbei war. Sie störte ihn nicht.
Mit der Nässe und der Kälte kroch die Verzweiflung in Carlos‘ Knochen. Er hatte keine Ahnung, wie lange er die Maske tragen musste und vor allem, wann sein Leben wieder in normalen Bahnen vor sich gehen würde. Sein Körper war wie gerädert, nur die Wirkung des Giftcocktails hatte sich inzwischen verflüchtigt. Carlos machte sich auch Sorgen um seine geistige Gesundheit, hatte er doch schon von genug Fällen gehört, in denen die Misshandelten für den Rest des Lebens im Irrenhaus dahinvegetierten.
Also sagte er möglichst laut und deutlich zu sich selbst: „Ich heiße Carlos, bin 32 Jahre alt, ledig und lebe in Haikiki. Ich liege jetzt hier, weil man mich gefoltert hat und mache mir Sorgen um meinen geistigen und körperlichen Zustand. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10.”
Es hatte geklappt! Carlos hatte diese Sätze laut, mehr oder weniger verständlich (wenn auch unter Schmerzen) und vor allem richtig über die Lippen gebracht! Ein gutes Zeichen. Zu seiner Freude stellte er auch im Laufe der weiteren Stunden fest, dass ihm das Irrenhaus erspart bleiben würde. Carlos fühlte sich gedemütigt, ungerecht behandelt und noch verlassener, als er ohnedies war ...
... Wie lange die Zeit sein kann, wenn man mitten in der Nacht in einer Regenpfütze liegt und den Launen des Wetters ausgeliefert ist! Mit einem verbrannten Fuß, der nicht behandelt wird ...! Wäre jemand vorbeigekommen und hätte der sich die Mühe gemacht, den Mann mit der Schandmaske genauer anzusehen, so hätte er Tränen bemerkt, die unter der Maske hervorliefen ...
Gegen vier Uhr Morgen musste Carlos den Müllbeseitigungsrobotern ausweichen. Dann legte sich das Unwetter wieder. Carlos überstand die nächsten zwei Tage, er wusste selbst kaum wie. Er dämmerte mehr an die Mülltonne angelehnt dahin, als er lebte. Da sah er plötzlich auf, weil ein Mensch vor ihm stehen geblieben war. Dieser stellte sich als Oscar in seiner Rolle als Nammakjünger heraus.
Oscar sprach Carlos an: „Komm, Bruder mit der Schandmaske, ich bringe dich in meine Mission. Wir sorgen für dich.”
Welch seltsamen Klang doch diese Worte für Carlos hatten! Da war tatsächlich jemand, der für ihn sorgen wollte! Er hätte nicht zu glauben gewagt, dass es eine lebende Seele mit dieser Absicht geben würde. Jetzt war alles nur noch eine Frage der Zeit. Nun würde sicher alles wieder gut. Irgendwann ...
„Komm!”, forderte ihn Oscar ohne Umschweife auf, griff ihm unter die Achseln und half ihm aufzustehen. Nach wie vor bereitete es Carlos große Mühe, auf den Beinen zu bleiben.
Oscar, der eigentlich schon immer Agent der Nammakorganisation gewesen war, hatte den Auftrag zu helfen nur zu gerne entgegengenommen. Der Doppelagent Oscar schleppte Carlos eine gute halbe Stunde durch die Armenviertel an den Stadtrand, wo sich die Mission befand.
Als Erstes wurde Carlos gewaschen und mit frischer Kleidung versorgt. Was für ein Gefühl, saubere, duftende Wäsche aus reiner Baumwolle anzuhaben! Niemand fragte, was er angestellt hatte, weshalb er eine Schandmaske tragen musste. Vielmehr begegnete man ihm mit Freundlichkeit und Wohlwollen.
„Warum tut ihr das alles für mich?”, fragte Carlos Oscar misstrauisch, als dieser seine Ferse verband. Stimmte da vielleicht etwas nicht?
„Frag nicht“, sagte Oscar, „nimm einfach entgegen. Wir tun es ohne Absicht, du kannst mir vertrauen.”
In der Mission war der Tag genau geregelt. Das kam Carlos bestens entgegen, um sein inneres Gleichgewicht wieder zu finden. Um sechs Uhr begann der Tag mit einer ersten Meditationsrunde. Es folgte Frühstück, dann wieder meditieren. Mit Hausarbeit verging der restliche Vormittag. Der Nachmittag fing wieder mit einer Meditation an, anschließend ging jeder einer Arbeit nach. Dienst an der Gemeinschaft, das war meistens das Motto. Manche Brüder und Schwestern halfen in den Mutantenvierteln die Häuser sanieren. Andere hatten sich auf die Betreuung Drogenabhängiger auf der Straße spezialisiert oder arbeiteten in einem Krankenhaus. Gemeinsames Abendessen um 19.00 Uhr und eine Meditationsrunde danach beschlossen den Tag.


In der Mission gab es gleichermaßen Brüder und Schwestern aller Altersgruppen. An einer der Schwestern, einer jungen Inderin namens Anand Lila, fand Carlos im Laufe der Zeit besonderen Gefallen. Nicht, dass er sie körperlich begehrt hätte (oder gestand er sich das nur nicht ein?), aber er meinte, eine gewisse Seelenverwandtschaft zu spüren. Gewiss, Anand Lila war ungemein reizvoll, und zwar in jeder Hinsicht, aber er fühlte sich Dora noch immer verpflichtet. Allerdings hatte Carlos seit Monaten keinen Kontakt mehr mit Dora und bald schien es ihm, als wäre alles vor seiner Folterung sozusagen in einem anderen Leben passiert.
Eines Tages kam Anand Lila von ihrem Dienst als Krankenschwester nach Hause und wechselte die Blumen im Vorraum zur Meditationshalle aus. Sie ersetzte die verwelkten Blumen durch seltsame Gewächse mit violetten Blüten und schwarzem Rand. Fast sahen sie aus, als würden sie Trauer tragen. Die Pflanzen verströmten einen eigentümlichen Duft, der jeden, der zu lange daran roch, in Melancholie versetzte. Da glaubte Carlos die Gelegenheit günstig. Er verwickelte Anand Lila in ein Gespräch: „Liebe Schwester, ich möchte dich nicht verletzen, aber würdest du mir bitte erklären, warum du an eine weibliche Gottheit glaubst? Ist das nicht altmodisch?”
Überrascht sah Anand Lila auf und antwortete: „Wir nennen Nammak unsere Große Urmutter, weil es doch nahe liegend ist, dass die Welt, die du um dich siehst, von einem weiblichen Wesen geboren wurde.”
„Aber wo bleibt denn das männliche Prinzip?”
„Das vergessen wir keineswegs. Betrachte nur das alte Yin-Yang-Symbol über dem Eingang zu unserer Mission. Sieht es nicht aus wie zwei schwangere Bäuche oder auch zwei Samentropfen? Es kommt nur darauf an, welchen Standpunkt du als Betrachter einnimmst. Nammak ist genauso rein weiblich, wie die männlichen Gottheiten nur männlich sind. Sie vereinigen in Wahrheit beide Prinzipien in sich.
Gottheiten sind nur Metaphern, die es den Menschen ermöglichen sollen, sich dem Großen Geheimnis, das das Leben wirklich ist, in Ehrfurcht zu nähern. Aber wenn du eine Metapher suchst, ist es treffender, eine weibliche auszuwählen.”
Aufmerksam hatte Carlos zugehört. Dann sagte er: „Und noch etwas verstehe ich nicht. Du verehrst eine Muttergottheit, lebst selbst aber keusch. Findest du es richtig, wenn du deine Fähigkeit zu gebären dem Großen Geheimnis vorenthältst?”
„Ich habe freiwillig den niederen Formen des Gebärens entsagt. Ich bringe Gutes in die Welt, indem ich es tue. Wenn ich diese Blumen hier ordne, kommt ein kleines Stückchen Harmonie und Schönheit in die Welt. Versorge ich in der Klinik einen Kranken, bringe ich Hilfe und Linderung. In dem Moment, in dem ich dir meine Weltanschauung erkläre, sorge ich für mehr Verständnis auf dieser Welt. Das ist mein Weg.”
Carlos sah in ein strahlendes, abgeklärtes Lächeln, Anand Lila in die ganze Hässlichkeit einer Schandmaske. Hinter seiner Gesprächspartnerin bemerkte Carlos durch das Fenster die Sonne untergehen. Blutrot färbte sie den Himmel und warf ihre letzten Strahlen auf die Gipfel in der Umgebung Haikikis, wodurch sich diese überdeutlich vom Himmel abzeichneten. In weiter Ferne waren auch noch die obersten Stockwerke des Majestic zu erkennen. Wären Carlos und Anand Lila näher daran gewesen, hätten sie eine alte Frau erblickt, die aus dem Zimmer 797 sah und ihre Faust drohend zum Himmel streckte.
In dieser Nacht begab sich Anand Lila nach der offiziellen Bettruhe in den Meditationsraum. Andächtig zündete sie eine Kerze und ein Räucherstäbchen mit Sandelholzduft an. Dann nahm sie ihr Meditationskissen zur Hand, setzte sich im Schneidersitz darauf nieder und konzentrierte sich auf ihr drittes Auge. Nach geraumer Weile, inmitten tiefster Versenkung, vernahm sie eine weibliche Stimme: „Es geht um Carlos, nicht?“
Obwohl die Stimme Nammaks, der Großen Urmutter, dem ganzen Raum zu entströmen schien, war sie doch nur im Kopf Anand Lilas zu hören. Diese antwortete auf demselben Weg: „Ja. Ich glaube, ... ich fürchte, ich liebe ihn.“
„Natürlich tust du das. Aber über die Form bist du dir nicht im Klaren, meine Tochter.“
„So ist es.“
„Sieh dir eine blühende Frühlingswiese an. Wie viel Leben gibt es dort, wie viele verschiedene Arten von Blumen, Insekten und Vögeln. Wie verschwenderisch ist doch die Natur, wie verschwenderisch bin doch ich! Wäre all das möglich ohne schier unendliche Liebe zu meinen Geschöpfen? Und wenn du jetzt Liebe empfindest, wie kannst du dann die Befürchtung hegen, du würdest dich von mir entfernen?
Leute, die ihre Liebe zurückhalten, die bewegen sich weg von mir. Sie gleichen einem verdorrenden Ast auf einem Baum, der demnächst abfallen wird. Ich bitte dich, tu das nicht. Ganz im Gegenteil, mach es so wie ich, sei großzügig, gib dich ganz, ohne Wenn und Aber.“
„Heißt das“, hakte Anand Lila nach, „dass ich mich ihm auch körperlich nicht verweigern soll?“
„Was das betrifft, so habe ich andere Töchter, die du deshalb nicht gering schätzen darfst. Mir ist es egal, wie Carlos zu mir findet. Ob es der Schoß der einen oder der anderen meiner Töchter ist, spielt keine Rolle. Letzten Endes bringt er mir seinen Samen dar, dem Leben selbst. Wenn sein Fleisch zum Fleische ruft, zelebriert er immer wieder nur mich, durch welches Tor er auch gegangen ist.
Die meisten dieser Dienerinnen haben nicht deine spirituellen Fähigkeiten. Deswegen ist der Tempel des körperlichen Begehrens nicht dein Weg zu mir.
Anand Lila, geliebte Tochter, schenke Carlos Reinheit, Zuversicht, gib ihm Vertrauen, gib ihm Hoffnung. Er hat es nötig, er hat es verdient. Das ist ohnehin schwieriger als ein Schäferstündchen. Wie weit du mit ihm darüber hinaus gehst, überlasse ich dir. Es kann nicht mehr von Bedeutung sein.
Ach ja, ein Geheimnis will ich dir noch verraten, weil wir gerade so gemütlich plaudern. Ich werde demnächst ein Großes Gericht halten.“
Anand Lila wurde stutzig und fragte nach: „Großes Ge-richt? Was hat das zu bedeuten?“
„Du kennst mich eigentlich nur als Schöpferin“, fuhr Nammak fort, „aber in Wirklichkeit sieht die Sache ein bisschen anders aus. Um Leben geben zu können, muss ich auch gelegentlich Leben wieder zurücknehmen. Vergleiche es vielleicht mit Ebbe und Flut. Es ist eben nicht nur ein Geben, sondern auch ein Nehmen. Und demnächst werde ich wieder nehmen. Du wirst wissen, was ich damit meine, wenn es geschieht. Sieh zu, Tochter, dass du zu den Überlebenden gehörst! Es werden nur wenige sein.“
Damit verstummte die Stimme Nammaks. Als Anand Lila aus ihrer Versenkung auftauchte, beschloss sie, die Welt zu warnen. In eigentümlichen Lettern brachte sie zu Papier, was sie ihren Mitmenschen sagen wollte. Dann vertraute sie das Schriftstück dem aufkommenden Westwind an, der es weit auf das Meer hinauswehte, in Richtung Beowulf.
Fortan war Anand Lila großzügig. Sie brachte Carlos Zuversicht, Hoffnung, alles, was er zu seiner Gesundung bedurfte. Und Anand Lila war verschwenderisch, sie gab sich ganz, eine würdige Dienerin Nammaks, der Großen Urmutter.


Eines Tages läutete es an der Tür der Mission. Anand Lila öffnete. Smutje stand draußen mit einem kleinen Koffer in der Rechten und fragte verlegen: „Braucht ihr einen Koch?“
„Wenn du vegetarisch kochen kannst, ja“, gab Anand Lila zur Antwort. Grundsätzlich war jeder willkommen, der imstande war, sich nützlich zu machen.
„Deswegen möchte ich ja zu euch. Ich war bisher im Ashram der Oglujünger und habe dort gekocht. Ich fürchte, der Fanatismus und die Gewaltbereitschaft dieser Leute hat hauptsächlich damit zu tun, dass ich zu viel Fleisch gekocht habe. Ich selbst habe ja dem Fleisch abgeschworen, doch meine ehemaligen Mitbrüder und -schwestern verstehen das nicht.“
Anand Lila wies Smutje daraufhin seine Unterkunft an. Und was den Glauben betraf, hatte der neue Bruder keine Bedenken. Sagte er nicht selbst immer, es sei letzten Endes egal, zu wem er bete, zu Oglu, Allah, Gott, Nammak oder wie die hohen Herrschaften sonst alle hießen?
Kaum hatte Smutje seine Kammer bezogen, suchte er die Toilette auf. Dort begegnete er Oscar. Nach der ersten Wiedersehensfreude wurde er von Oscar gefragt: „Und ich dachte, ich sei der Einzige, der den Untergang der Beowulf überlebt hat. Wie hast du das geschafft?“
Smutje erzählte seinem ehemaligen Kapitän: „Ich weiss, es klingt unglaubwürdig, aber es war eine Hand aus dem Nichts, die mich gerettet hat. Sie hat mich im letzten Augenblick auf eine kleine Insel verfrachtet. Einen Tag später wurde ich von einem Fischerboot entdeckt und in den Hafen mitgenommen.“
Dankbar und im Einklang mit sich selbst kochte Smutje künftig für die Nammakjünger Gemüseeintöpfe aller Art, Kartoffeln und Reis in allen Varianten und was der Köstlichkeiten mehr sind.
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Ich schreibe, also bin ich.
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BeitragVerfasst am: 04.03.2008, 17:48    Titel: Antworten mit Zitat

Hände griffen zu Telefonen, wählten Nummern. Stimmen murmelten über den Äther von einem Funkgerät zum anderen, Botschaften wurden übermittelt, teilweise dabei verstümmelt. Gerüchte und Vermutungen entstanden, verdichteten sich oder wurden wieder aufgelöst. Die Balance zwischen Heil und Unheil verschob sich auf der Oberfläche des schwingenden Spinnennetzes der Information ...


Nach knapp sechs Wochen stellte Carlos frühmorgens fest, dass seine Schandmaske abgefallen war. Wie ein bösartiges, zum Glück lebloses Artefakt lag sie neben dem Bett. Welch ein Jubel! Carlos weinte Tränen der Freude und fühlte sich wie neugeboren. Nur sein aufgequollenes Gesicht dämpfte seinen Elan noch etwas. Doch auch das würde sich im Lauf der Zeit geben. Glückstrahlend erzählte Carlos gleich jedem in der Mission davon, obwohl ohnehin für alle ersichtlich war, dass er die Schandmaske los war. In einer unbeobachteten Minute speiste Oscar heimlich den Gang der Dinge in das Spinnennetz der Information ein.
Als Carlos wieder völlig hergestellt war, weihte er Oscar in sein Geheimnis ein.
„Bruder Oscar, kann ich dir ein Geheimnis anvertrauen?“
„Selbstverständlich.”
„Ich bin im Besitze einer rätselhaften Zeichnung, die einem altmodischen Schatzplan täuschend ähnelt. Vermutlich sind es codierte Anweisungen, aber ich weiß nicht, wofür. Im Grunde habe ich keine Ahnung, was es damit auf sich hat und ob es sich nicht überhaupt um einen Jux handelt. Aber irgendetwas muss dran sein, sonst hätte man mich nicht deswegen gefoltert. Möchtest du mit mir diesen Plan enträtseln?”
Oscar kam das irgendwie bekannt vor. Entfernt erinnerte es ihn an eine Begebenheit vor einigen Jahren, als er noch zur See gefahren war. Er antwortete: „Gut. Ich schlage vor, wir sagen einfach Schatzplan dazu.”


Ein Blatt Papier segelte gemächlich über den beinahe windstillen Pazifik. Da kam eine Hand aus dem Nichts und hielt die Zeit an. Kein Lufthauch rührte sich mehr, alle Wellen verharrten regungslos in ihrer Bewegung. Die Hand nahm das in der Luft stehen gebliebene Blatt. Sogleich erschien ein riesiges Auge, das den Großteil des Himmels ausfüllte und begann zu lesen:

„Bericht an die GMGF (Gesellschaft für menschliche Grundlagenforschung), Zweigstelle Krakatau.

Betrifft: Anwerbung des Agenten Carlos

Dem Auftrag des Collegiums gemäß wurde das Subjekt Carlos durch einen Beseitigungstrupp zur peinlichen Befragung geschafft. Bei der routinemäßigen Untersuchung vor dem eigentlichen Verhör, die ich wie immer ohne Aufsicht durchführte, machte ich dem Subjekt seine Lage klar. Ihrer jüngsten Order von letzter Woche folgend bot ich ihm an, bei unserer Gesellschaft als Agent tätig zu werden. Dafür würde ich nur eine harmlose Kochsalzlösung spritzen, doch er müsse sich so und so verhalten, damit Marcos und der Polizist keinen Verdacht schöpften. Er denke gar nicht daran, gab das renitente Subjekt zur Antwort.
Bei der Vernehmung lief alles planmäßig, außer dass es sich Marcos nicht nehmen ließ, nach dem Visier des Purgatoriums das Subjekt zuerst mit Fäusten zu traktieren und dann dessen rechten Fuß anbrennen zu lassen. Das konnte ich natürlich nicht verhindern. Nachdem das Verhör zu Ende war, versorgte ich das Subjekt ärztlich und ließ es in ein Taxi verfrachten. Auf die Anfrage des Taxifahrers (einer unserer Agenten) bezüglich seiner Tätigkeit für uns sagte das Subjekt Carlos, dass es lieber weiterhin vom Geld seiner stinkreichen Erbtante in Argentinien leben wolle.
Daraufhin hielt unser Mann kurz vor der Herrengasse das Taxi an, gab dem Subjekt einen Tritt und fuhr davon. Zur Stunde ist noch ungeklärt, für welche Organisation das Subjekt tätig ist. Ich bin schwer im Zweifel, ob es uns in absehbarer Zeit gelingen wird, dem Geheimnis des Subjektes Carlos auf die Spur zu kommen.
In Bezug auf die Erbtante in Argentinien möchte ich darauf hinweisen, dass es keine Anhaltspunkte für eine derartige Person gibt. Unseren Recherchen zufolge ist das Subjekt Carlos ein schlecht verdienender Gelegenheitsarbeiter, meistens Kellner, gelegentlich Aushilfslehrer. In einer erbärmlichen Dachwohnung fristet er sein langweiliges und vor allem gänzlich unbedeutendes Dasein. Das Interesse des Collegiums an dieser Person ist mir in keiner Weise erklärbar, dürfte aber mit einer Urkunde oder einem vergleichbaren Schriftstück zu tun haben, über welches das Subjekt verfügen soll.
Anbei übersende ich den Beleg über 17,-- Haikiki-Drachmen, die das Taxi gekostet hat, mit der Bitte die Summe in meiner nächsten Spesenabrechnung zu berücksichtigen.

Dr. Wakonig“
Da verfinsterte sich das Auge unheilvoll, es erschien eine zweite Hand aus dem Nichts, die zusammen mit der ersten das Papier in lauter kleine Fetzen zerriss. Dazu grollte es wie von fernem Donner. Es klang irgendwie nach „Weg damit”. Dann ging die Zeit wieder weiter ...


Und noch ein Papier segelte durch die Luft, Richtung Beowulf. Als es den Schoner erreichte, war es spät am Abend. Es befestigte sich selbst neben dem Abgang zu den Mannschaftskabinen. Dort fiel es Ben, dem Hünen aus Ghana, in die Hände, der sich eben anschickte, Oscar zu wecken, damit dieser die nächste Schicht übernehmen könne. Da die Beleuchtungsverhältnisse nicht ausreichend waren, verlegte er das Lesen in seine Kabine. Kapitän Oscar stand bereits noch verschlafen hinter dem Steuer, als sich Ben zu Bett begab. In der Nachbarkabine hörte er Willi gleichmäßig schnarchen. Er drehte die Flamme in seiner Sturmlaterne ein bisschen weiter auf und versenkte sich in den Geist des Schriftstückes.
In handgeschriebenen Lettern, die am wahrscheinlichsten von einer Frau stammten, stand zu lesen: „Ich warne euch, denn der Große Tag ist nahe, der Tag, an dem ihr Nammak gegenüberstehen werdet.
Viele werden versuchen zu fliehen, doch keinem wird es gelingen. Wenn einer in die Wälder flüchtet, so verzehrt ihn das Feuer ohne Erbarmen. Versucht es ein anderer über das Meer, verschlingt ihn die Tiefe mit ihren Ungeheuern, die nie ein Licht gesehen haben. Wer in die Berge eilt, dem brechen die Felsen seine Knochen und sein Blut versickert in den Schluchten. Wahrlich, es gibt kein Entrinnen.
Nammak wird zu euch sprechen durch das Grollen des Donners, das Beben der Erde und das Heulen des Windes. Verfinstern wird sich das Antlitz des Himmels, wenn sie den Spruch über euch fällt. So ihr seht, dass Nammak ihre Stimme erhebt, werft euch demütig nieder, verhüllt euer Haupt und ergeht euch in Gebeten.
Dann wird sie scheiden die Guten von den Bösen, das Lamm vom Löwen, den Sperling vom Adler. Reinigt eure Seele, bereitet euch vor, die Stunde Nammaks kommt eher, als ihr denkt.”
Ben war seltsam berührt durch diesen Text. Irgendwie ging er unter die Haut. In der Tat fühlte er sich gewarnt, obwohl er andererseits über derlei mystischen Unsinn nur lächeln konnte. Aberglaube, nichts als Aberglaube! Er wusste wohl, dass es Gläubige einer Muttergottheit namens Nammak gab, aber wie kam das Papier hierher und – vor allem – was wurde damit bezweckt?
Fragen über Fragen ... Aber da er hundemüde war, drehte er sich um und schlief ein. Nachdenken konnte er morgen immer noch.
In der Steuerkabine unterhielten sich indessen Oscar und Alfons, der gerade dabei war, einen Computervirus aufzuspüren.
Oscar sagte mit besorgter Miene: „Es scheint mir, als funktioniere das Navigationsprogramm schon seit Tagen nicht richtig. Um ehrlich zu sein, bin ich nicht einmal mehr sicher, ob wir auf dem kürzesten Weg nach Australien sind. Es wird Zeit, dass du das Programm reparierst.“
Alfons, sich des Problems durchaus bewusst, erwiderte: „Das Virenprogramm wird mit seiner Überprüfung hoffentlich bald fertig sein. Es ist eben besonders gründlich. Deswegen dauert es auch ein bisschen länger ... Halt! Da hat es etwas gefunden!“
Ein Blick auf den Monitor zeigte den beiden einen mittelalterlichen Henker mit schwarzer Kapuze und Beil, vor dem ein Gefangener kniete. Im Hintergrund stand eine Burg, deren granitene Mauern rußgeschwärzt und schartig in den Himmel zeigten.
Oscar fragte erstaunt: „Was sehen wir da? Kannst du mir das erklären?“
Alfons antwortete: „Der Computervirus und das Antivirenprogramm erscheinen als Personifikation. Das nennt man Avatar. Das Ganze ist in eine Rahmenhandlung eingebettet, die wir mitbestimmen können. Es wird uns sozusagen eine kleine Geschichte erzählt, einfach, damit es lustiger ist. Sieh nur!“
Damit deutete er auf eine Sprechblase neben dem Mund des Henkers. Sie enthielt die Meldung: „Virus Wundiwurz gefunden. Wundiwurz töten?“
Am rechten Bildrand befanden sich zwei Buttons, einmal „Ja“, das andere Mal „Nein“. Als Alfons den Ja-Button anklickte, öffnete sich das Menü: „Wie?“ mit den Auswahlmöglichkeiten:
Kopf abschlagen (a – original Guillotine aus der Französischen Revolution, b – Hunnensäbel, c – Souvenirmachete aus dem Amazonasgebiet),
erschießen (a – Armbrust aus dem 14. Jahrhundert, b – wassergekühltes Maschinengewehr, c – Fliegerabwehrkanone, Kaliber 4 cm, d – Colt mit Dumdumgeschossen),
zu Tode stoßen (a – von Rialto-Brücke, b – von den berühmten Klippen von Dover, c – vom Eiffelturm, e – aus Überschallflugzeug werfen),
erwürgen (Option, die Blaufärbung des Gesichtes einzustellen),
verbrennen (a – Scheiterhaufen der Inquisition, b – Flammenwerfer aus dem Ersten Weltkrieg, c – brennende Scheune).
Selbstverständlich ermöglichte das Programm, jede Menge zusätzliche Parameter einzustellen. Für die Avatare konnte man Aussehen, Herkunft und diverse Charaktermerkmale festlegen oder auch auf das Verhalten des Delinquenten Einfluss nehmen: schreit laut, wimmert leise, stöhnt und ächzt, fleht um Gnade, zitiert wahlweise Shakespeare, die Bhagawadgita oder Marquis de Sade, schimpft unschicklich usw. Um die Szenarien einzustellen gab es unterschiedlichste Optionen, wie etwa Tag – Nacht, idyllische Küste – Sturm in den Bergen, Nebel – Sonne im Frühling, romantischer Kerzenschein und dergleichen.
Wer es wünschte, konnte die Sequenz als animierte Grafik in stufenlos einstellbarer Qualität aufzeichnen oder als Bildschirmschoner verwenden. Ganz besonders beliebt war es, Screenshots abzuspeichern und der Oma im Anhang ihrer Geburtstags-E-Mail zu übersenden.
Man konnte es allerdings auch einem Zufallsgenerator überlassen, den Virus zu eliminieren. Dieser stellte bisweilen gänzlich bizarre Szenarien mit dementsprechendem Unterhaltungswert zusammen. Für besonders Kreative gab es zu guter Letzt auch die Option, selbst Szenarien zu entwerfen und abzuspeichern.
„Na, wofür entscheiden wir uns?“, wollte Alfons wissen. Die Wahl fiel auf das Erschießen durch den Colt.
Als die Option eingestellt und die Enter-Taste gedrückt war, erschien die Abbildung einer typischen Goldgräberstadt im Wilden Westen. Wundiwurz wurde durch einen Mann dargestellt, ca. 30 Jahre alt, schwarze Haare, keine besonderen Kennzeichen.
Unter hämischem Gejohle der Zuschauer wurde der verängstigte Delinquent vom Sheriff brutal mitten durch eine animierte Menschenmenge auf den Hauptplatz gezerrt. Während die Leute ihn begeistert anfeuerten und ihm zuriefen, er möge ja keine Gnade walten lassen, zwang der Sheriff Wundiwurz in die Knie. Dann zog er seinen Colt, hob ihn hoch in die Luft, zum Zeichen, dass es jetzt spannend würde und setzte ihn anschließend Wundiwurz an die Stirn, von der der Angstschweiß rann.
Der Sheriff genoss es sichtlich. Aus dramaturgischen Erwägungen ließ er sich solange Zeit, bis es mucksmäuschenstill geworden war. Dann erst drückte er ab. Der Kopf des Delinquenten wurde von der Wucht des einschlagenden Geschosses herumgerissen. Meterweit spritzten Blut und Gehirn durch die faustgroße Austrittsöffnung am Hinterkopf. Wie in Zeitlupe sackte der Virus zu Boden. So als könne er das alles nicht glauben, starrten seine Augen in die Ferne. Ein letztes Zucken der Gliedmaßen zeugte vom Ende. Daraufhin jubelte die Menge: „Wundiwurz ist tot! Wundiwurz ist tot!“
Es wurde geklatscht, die Hände wurden geschüttelt, allenthalben beglückwünschte man sich, die Leute umarmten einander in spontaner Herzlichkeit.
Den Schreiner, ein bleicher, hagerer Mann in einem verschlissenen, schwarzen Frack, kümmerte das alles nicht. Inmitten dieses Trubels maß er mit stoischer Ruhe die Länge der Leiche. In seinem Rücken spuckte einer einen langen, unappetitlichen Strahl Kautabaks auf Wundiwurz‘ Rücken. Als aber einer zu einem Tritt ausholte, hielt ihn doch der Sheriff zurück: „Nana!“
Im Hintergrund ging die Schwingtür zum Saloon auf und der Barkeeper rief, indem er ein nachlässig gefülltes Glas Weizenbier in die Luft hielt: „Freibier! Freibier!“ ...
Das machte ihn zum Liebling aller ... Die Szene endete mit dem Schwingen der Saloontür, die sich gerade hinter dem letzten Gast schloss. Abschließend wollte das Programm wissen: „Abspeichern/wiederholen/erneut töten mit geänderten Parametern?“
Alfons und Oscar entschieden sich spontan für eine Wiederholung. Die Parameter überließen sie dieses Mal dem Zufallsgenerator ...
Umgehend tauchte Wundiwurz‘ Avatar in Gestalt einer Maus auf. Sie wurde von einem fetten Kater verfolgt. Die Jagd ging durch ein menschenleeres Einfamilienhaus im Stile des 20. Jahrhunderts. Geräuschvoll wurden Lampen umgeworfen, Geschirr fiel klirrend auf den Boden, eine Vase ging in Brüche und verstreute ihre Blumen auf dem Teppich ... In kurzer Zeit herrschte Chaos ... Von einem Raum zum anderen konnte Wundiwurz nur mit Mühe und Not, aber doch, immer wieder entkommen. Als die Maus Wundiwurz im Erdgeschoss durch den Flur lief, bemerkte sie mit großer Erleichterung, dass die Eingangstür einen Spalt offen stand. Groß genug für eine Maus, eine Katze hingegen wäre schon wieder für einen kurzen Moment aufgehalten.
Im nächsten Augenblick krachte der Kater den Kopf voran auf die Tür. Er hatte es mit einem Sprung versucht, war aber den Bruchteil einer Sekunde zu spät gekommen. Als er endlich, leicht benommen, mit seinen Tatzen die Tür so weit aufgekriegt hatte, dass er ins Freie gelangen konnte, hatte Wundiwurz wieder einen beträchtlichen Vorsprung gewonnen.
Die Maus lief über eine Wiese in Richtung einer wiederkäuenden Kuh ... Doch jetzt näherte sich der Verfolger wieder bedenklich. Ein Kater ist eben allemal schneller als eine Maus, mag er noch so fett sein. In ihrer Not suchte die Maus Schutz bei der Kuh. In diesem Augenblick ließ diese einen Fladen fallen, der Wundiwurz fast bis zur Gänze zudeckte. Lediglich der Schwanz sah noch heraus. Da war auch schon der Kater heran! Als er den Schwanz sah, fischte er die Maus aus dem dampfenden, braunen Brei und verschlang sie mit Haut und Haaren ...
Die nächste Einstellung zeigte auf der rechten Seite des Monitors einen Grabstein, auf dem die Worte eingemeißelt waren: „Hier ruht Wundiwurz, gefallen im Kampf.“
Zur gleichen Zeit erschien auf der linken Hälfte eine Hand, die einen Federkiel in den Fingern hielt. Mit diesem Gerät schrieb sie in einer silbern glänzenden Schreibschrift auf den Monitor: „Und die Moral von der Geschichte?

1. Nicht jeder, der dich bescheißt, ist dein Feind.
2. Nicht jeder, der dich aus der Scheiße holt, ist dein Freund.
3. Wenn du schon in der Scheiße steckst, dann zieh wenigstens den Schwanz ein.“
Gefühlvoll wurde der Grabstein ausgeblendet, indem die Bildschirmhälfte langsam dunkler wurde. Rechts oberhalb des Grabes erschien für sechs oder sieben Sekunden ein Vollmond, bis am Ende eine anthrazitfarbene Fläche mit Marmortextur zum Meditieren über die Vergänglichkeit allen Seins einlud ...
„Jetzt ist aber genug mit dem Unsinn“, stellt Oscar fest, nachdem er und Alfons genug gelacht hatten. Ein anschließender Kontrollcheck ergab, dass das Navigationsprogramm wieder anstandslos funktionierte. Da waren die beiden Seemänner erleichtert!
Wenig später begab sich Alfons zu Bett. Dort sollte er noch lange grübeln. Seine Gedanken schweiften zurück zu seiner Anfangszeit als Hacker und Programmierer. Aus reiner Langeweile hatte er damals in seinem jugendlichen Leichtsinn Viren programmiert, als deren erfolgreichster und einzig noch aktiver sich Wundiwurz herausgestellt hatte. Durch Zufall hatte er seinerzeit entdeckt, dass dieser Virus Halluzinationen verursachen konnte, wenn man ein Seetangschnitzel mit Pilzen gegessen hatte.
Kurz nachdem er das Virusprogramm fertiggestellt hatte, war ihm nämlich eines seiner alten Schulhefte in die Hände gekommen. Da fielen ihm die Wurzelrechnungen auf. Wie im Grunde mystisch diese Rechnungen doch sind! Sind sie nicht ein Symbol für das Streben, allem auf den Grund zu gehen? Für die Wurzel allen Seins? Woher kommt der Mensch, wohin geht er? Von der Wurzel zu der Wurzel? Lässt sich das menschliche Dasein berechnen? Ist das ganze Leben ein einziges Wurzelziehen? Ist das Wurzelziehen etwa die eigentliche Weltformel, nach der die Kybernetiker so vergeblich geforscht hatten?
Solche und ähnliche Gedanken hatten ihn über Stunden beschäftigt, mehr noch, gequält. Zu guter Letzt entschloss sich Alfons, dem Virus den Namen Wundiwurz zu verleihen, was er von „Wunderbares im Wurzelziehen“ abgeleitet hatte.
Später hatte man dem Virus gelegentlich den Spitznamen „Wundifurz“ angehängt, weil angeblich ... Doch spätestens hier hielten pädagogisch verantwortungsvolle Mütter ihren Kindern die Ohren zu. Nach herrschender Meinung war das ohnehin nur ein alberner Scherz ...
Trotz erheblicher Bedenken wegen seiner ausgeprägten künstlichen Intelligenz hatte Alfons den Virus schlussendlich in das allgemeine Spinnennetz der Information eingespeist. Ja, so war das gewesen, damals ...
Und heute hatte er erfolgreich gegen seinen eigenen Virus gekämpft. Welch merkwürdiges Erlebnis! Als wäre er seinem eigenen Schatten gegenübergestanden, einem Schatten, der sich selbstständig gemacht hatte, beseelt von unheiligem Leben. Als hätte er sich selbst bekämpfen müssen ...
Sozusagen war Alfons zur Wurzel zurückgegangen, hatte das Böse mit der Wurzel ausgerissen. Von der Wurzel zu der Wurzel, ganz so wie vor Jahren, nur, dass er dieses Mal von der anderen Seite kam ... Mit Kopfweh schlief Alfons ein.


Zweieinhalb Stunden später wurde Ben in der Nachbarkabine munter, weil ein Unwetter ausgebrochen war. In aller Eile zog er sich an und wollte nach Willi und Alfons sehen. Die Beowulf stampfte schwerfällig im Geheule des Sturmes von einer haushohen Welle zur nächsten. Unablässig kamen die Brecher auf das Schiff zu, schwappten über Bord und rissen alles mit, was nicht fest vernagelt oder vertäut war. Pechschwarz war die Nacht und wäre nicht unter Deck die Notbeleuchtung gewesen, hätte man auch hier die Hand vor Augen nicht gesehen. Doch auch so war es schwierig genug, sich zu orientieren.
Mit rußigem Gesicht und einer Platzwunde über der rechten Augenbraue rannte ihm Alfons auf dem Gang entgegen. Dieser rief ihm zu: „Schnell in das Rettungsboot, der Maschinenraum brennt!!!”
Sofort drehte Ben um und beeilte sich, den Aufgang zum Deck zu erreichen. Ein Feuer war das Schlimmste, was jetzt passieren konnte. Jeden Augenblick konnte die Fracht im Lagerraum explodieren.
Auf dem Deck erfasste ihn eine Welle, die über ihm zusammenstürzte. Alfons hatte sich in ein Seil verhängen können und versuchte verzweifelt, Ben mit seiner rechten Hand zu halten. In der Eile hatte er Ben nur am Hemdsärmel erwischt.
„Ben, halte dich fest!”
Ratsch! - damit zerriss der Stoff von Bens Hemd. Ein mächtiger Brecher zog Ben mit unheimlicher Kraft über die Reling mit. Binnen eines Augenblicks war Ben schon zehn, fünfzehn Meter von der Beowulf abgedriftet. Als erfahrenem Seemann war ihm sofort klar: Das war's ...
Wenige Sekunden später zog es Ben in die Tiefe. Das Letzte, was er von der Beowulf sah, war eine zwanzig, vielleicht dreißig Meter hohe Stichflamme. Urgewaltig spaltete diese das Schiff in zwei Hälften und warf eine brennende menschliche Gestalt in die Höhe. Wie ein Brandopfer, so kam es Ben unwillkürlich vor. Da war es ihm, als hörte er einen lang gezogenen Schrei. Als der Körper hoch im Himmel den Zenit seiner Laufbahn erreichte, neigte er sich zur Seite, sank wie in Zeitlupe und plumpste Sekunden später in das Meer.
Damit versank Bens Gesicht für immer unter der Meeresoberfläche. Der Matrose bekam Wasser in die Lunge. Unglaublich brannte das Salzwasser in der Brust und Ben rang verzweifelt nach Luft. Im Bruchteil einer Sekunde wurde ihm der Ernst seiner Lage klar: Es gab kein Entrinnen mehr! Sofort stellte sich Panik, mehr noch, Todesangst ein. Ben hätte sich nie träumen lassen, wie viel Angst man wirklich haben konnte. Mit aller Gewalt wollte er schreien, brachte aber kein Wort über die Lippen ... Entsetzlich waren seine nächsten Momente ...
Doch irgendwann inmitten dieses Grauens sah er sein ganzes Leben wie in einem rasenden Film nach rückwärts ablaufen. In einem Zustand überbewusster Klarheit erlebte er die wichtigsten Ereignisse in hypnotischer Eindringlichkeit wieder. Ben hörte das Pfeifen der Granaten aus dem Madagaskarkrieg, das Hämmern der Maschinengewehre, erneut kämpfte er sich durch einen Berg von Leichen ... Und rückwärts ging die Reise zu seiner gescheiterten Ehe und zu den traurigen Ereignissen, die schuld daran waren ... Dann überschaute er all die zahlreichen Torheiten seiner Jugend, seine Nöte in der Schule, die Prügeleien mit den Klassenkameraden, die Streiche seiner Kindheit, die Gesichter von Mutter und Vater ...
Irgendwann – nach Sekunden, Minuten, oder waren es Stunden?, Ben wusste es nicht – war er bei den Schreien, die er als Säugling ausgestoßen hatte, angelangt. Spätestens nachdem er seine eigene Geburt wieder erlebt hatte, war jede Angst verflogen. Aber der Matrose sah nicht nur alle wichtigen Stationen seines Lebens plastisch und deutlich vor sich, er begriff auch, wann er jemandem Recht und wann Unrecht getan hatte. Im Großen und Ganzen durfte er zufrieden sein mit seinem Leben. Ben fühlte sich gereinigt, fast geläutert. Wohlig trieb er scheinbar schwerelos im Wasser. Keine Furcht mehr, geschweige denn Panik, keine Sorgen, alles war leicht, alles war irgendwie total in Ordnung ...
Glücklich schwebte Ben im Wasser wie ein Baby im Mutterleib und glitt doch unaufhaltsam in seinem finsteren Grab Richtung Meeresboden. Seltsam, wie sich das Wasser anfühlte. Es war schwer zu beschreiben, aber es erinnerte Ben irgendwie an Samt oder Seide, verbunden mit der behaglichen Schwere der Decken, mit denen eine Mutter ihr Baby im Winter vor der Kälte schützt. Ein schier unendlicher Ozean der Seligkeit ...
In diesem wonnigen Zustand hatte er plötzlich jede Menge Zeit. Und jetzt verstand er vieles. Zum Beispiel, dass er im Begriff war, sich selbst in den großen Topf, aus dem er zeitlebens geschöpft hatte, zurückzugeben, damit andere Lebewesen daraus nehmen könnten. Und es würde sein Körper sein, der ihnen zur Verfügung stünde. Oder was ihn an der unheimlichen Botschaft vor dem Unglück so fremdartig berührt hatte. Oh ja, die Urmutter Nammak war für ihn gekommen, in der ganzen überwältigenden Macht, die angedeutet gewesen war. Aber sie kam nicht, um zu strafen, sie kam, um glücklich zu machen. Seltsam, doch im Tode war Ben glücklich, glücklich, wie er nie in seinem Leben gewesen war ...
Auf diese Weise kehrte Ben, der Hüne aus Ghana, in den Schoß der Großen Urmutter Nammak zurück.


Als Jenny Raffzahn begriff, dass es sich um einen Strahlenregen handelte, stand sie schon zehn Minuten völlig durchnässt am Straßenrand. Schnell lief sie die Treppe zu ihrem Arbeitszimmer hinauf, musste aber feststellen, dass dieses von innen zugesperrt war. Durch das Fenster konnte sie beobachten, dass eine ihrer Kolleginnen gerade dabei war, ein Geschäft zu machen. Und was für eines! Als die Kollegin, die soeben unter dem Kunden lag, Jenny erblickte, deutete sie ihr mit der Hand, sie solle verschwinden. Der Kunde merkte nichts. Seine Aufmerksamkeit war von der stolzen Oberweite der Kollegin mehr als hinreichend gefesselt.
Wo hätte Jenny hingehen sollen? Jetzt, da es nach einer Viertelstunde im Strahlenregen bei ihrer angegriffenen Gesundheit ohnehin schon zu spät war?
Fieberhaft überlegte sie ... Da fiel ihr die Pille ein, die von der Pensionsversicherung einmal ausgeteilt worden war. Damals hatten die pensionsreifen Männer an ihrem letzten Arbeitstag eine hellblaue und die Frauen eine rosarote Pille bekommen. Stilvoll verpackt mit einem freundlichen Begleitschreiben dazu: „Wir wünschen Ihnen für das Jenseits alles Gute“ ...
Nach wütenden Protesten der Bevölkerung hatte man aber die Aktion wegen angeblicher Geschmacklosigkeit wieder einstellen müssen. Jenny hatte seinerzeit so eine Pille von einem Kunden geschenkt bekommen und sie seither für den Fall der Fälle – wie sie zu sagen pflegte – aufgehoben. Wenn er nicht jetzt da war, der Fall der Fälle, wann dann? Sie stellte sich an ihren Stammplatz, unter ihre Straßenlaterne. Wo sie alle die Jahre gearbeitet hatte, da wollte sie auch sterben. Wenn nicht hier, wo dann? Mit einem bitteren Auflachen nahm sie das Medikament ein und spülte es mit Zitronenlimonade hinunter.
Jenny merkte, wie das Gift in ihrem Körper wütete. Ihr schwindelte, sie bekam Atembeschwerden und Kopfweh. Herzrhythmusstörungen und Panik folgten unmittelbar. Es fühlte sich an wie eine kalte, metallische Hand, die nach ihrem Herzen griff, um es herauszureißen.
Drei Minuten später sank sie am ganzen Körper zitternd zusammen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht musste sie sich setzen. Den Rücken an die Laterne gelehnt hielt sie sich an der Dose Limonade fest, die sie in der ersten Panikattacke fallen gelassen hatte.
Zum Glück ging es rasch. Mit aller Macht sank sie in den dunklen See aus Sternen, in den sie einmal schon einen Blick geworfen hatte. Im nächsten Augenblick war sie in Sphären entrückt, in denen ihr niemand mehr etwas anhaben konnte.


Noch immer lief die Hündin, Haikiki seit Langem im Rücken. Sie war schon im militärischen Sperrgebiet. Da feuerten ein paar Soldaten im Tarnanzug auf sie, verfehlten sie jedoch. Giftig und böse pfiffen zwei Querschläger durch die Luft und verloren sich im Irgendwo. Daraufhin stellten die Soldaten das Schießen ein. Unbeirrt kam die Hündin immer näher heran ...


Anerkennend nickte der Letzte der drei Außerirdischen, nämlich A7K, auf dem Mond: „Wirklich umwerfend, so menschliche Erfahrungen. Das hätte ich mir nicht gedacht. Ich bin nur froh, dass es keine drei Geschlechter gibt, sonst müsste ich mir wohl die Mühe antun, mich auf der Erde erneut zu materialisie-ren. Einmal reicht mir.”
In diesem Augenblick fiel ein 3,5 Tonnen schwerer Meteor in etwa hundertfünfzig Meter Abstand auf die Mondoberfläche. G3D konzentrierte sich kurz und sog den Stein ein. - Hicks.
„Entschuldigung!”
„Bitte sehr, nichts passiert.”
Da lachten die drei außerirdischen Intelligenzen: Hohohohohohihihihihahahahahahahaaaaaa... Und wieder registrierte die Sternwarte Haikikis ein Mondbeben.


Mit dem üblichen Brimborium eröffnete Attila als turnusmäßig mit dem Vorsitz Betrauter die Sitzung. Bald schon viel ihm die sauertöpfische Miene der anderen Kollegen auf.
Unbeeindruckt ergriff er gemäß der Spielregel das Wort: „Wir kommen zu Punkt 1 der Tages...“
„Ach was“, wurde er von Waltraud unterbrochen, „die Besprechung unseres letzten Sitzungsprotokolles interessiert mich einen feuchten Dreck.“
„Woher die schlechte Laune?“
„Vor zwei Tagen hat mir ein Querschläger die Auslage zertrümmert. Kannst du dir die Sauerei vorstellen? Und nachdem immer und überall Personal eingespart wird, musste ich aufräumen.“
„Naja, was soll denn da ich sagen? Mir ist gestern Abend ein Teil der Bühnendekoration auf den Kopf gefallen, weil in der Nähe eine Granate eingeschlagen war. Und das bei einer Premiere!“, erwiderte Attila.
So als sei ein Bann gebrochen erzählten nun auch Katharina und der Deutsche von ihrem Unmut. Katharina ärgerte sich über gestörten Fernsehempfang und überhaupt sei alles so unordentlich. Auf den Malediven sei es viel schöner gewesen. Der Deutsche fühlte sich durch die Ausweiskontrolen an den Straßensperren ungebührlich behindert, seine Gäste durch Haikiki zu befördern.
Alfreda hingegen verhielt sich abwartend. Einzig Marcos äußerte sich verständnislos: „Ja was denn, Leute? Noch hat es gar nicht richtig angefangen. So ein Theater, nur wegen der paar Kugeln, die herrenlos durch die Gegend pfeifen!?“
Attila gab zu bedenken: „Mag sein, dass ein Bürgerkrieg auf längere Sicht sogar mehr Probleme als Spaß macht. Wir sollten darüber diskutieren, ob wir die Sache abblasen.“
Nach reiflicher Überlegung wurde in Übereinstimmung mit der Geschäftsordnung, § 12, Absatz 2, Ziffer 4 zum allgemeinen Wohl Haikikis beschlossen, dem Bürgerkrieg ein Ende zu bereiten. Als einziges Mitglied war Marcos dagegen, aber er wurde überstimmt. Schmollend nahm dieser seine Niederlage zur Kenntnis.
Damit besserte sich die allgemeine Laune sichtlich. Blieben nur noch die Formalitäten, also die üblichen lästigen Kleinigkeiten, zu klären. Da aber die Mission des Harvey Rosswald damit zu Ende war, entschieden wieder einmal die Würfel: zweimal Schwarz ...
Und weil das Collegium gerade dabei war, fielen die Würfel auch über Harveys Mörder: zweimal Weiß. Flugs machte sich beste Stimmung breit. Als man überlegte, über wessen Schicksal es noch gelegen käme, zu würfeln, stellte sich jedoch heraus, dass der Champagner zu Ende war. Schade.
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Ich schreibe, also bin ich.
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BeitragVerfasst am: 04.03.2008, 17:49    Titel: Antworten mit Zitat

Den Tag darauf verkündete der Prophet Harvey Rosswald, Oglu sei ein Oglu der Liebe, des Friedens und der Barmherzigkeit. Oglu sei unglücklich über die Entwicklung der Dinge. Ja, der Prophet trat sogar in den Hungerstreik, so lange, bis wieder gänzlich Frieden eingekehrt sei.
Da es auch von den anderen Konfessionen hieß, Allah schätze die Brüderlichkeit, Krishna möge sowieso kein Blut, sondern nur Hirtenmädchen, Gott liebe den Frieden, Nammak wünsche Harmonie zwischen ihren Kindern, Shiva finde auch, dass etwas schief gelaufen sei, und so fort, war es nur eine Frage der Zeit, bis sich die erhitzten Gemüter wieder beruhigten. Auch die weltliche Obrigkeit hatte naturgemäß an geregelten Zuständen Interesse, denn die Bürger-kriegswirren hatten sich gänzlich nachteilig auf die Zahlungsmoral der Steuerpflichtigen ausgewirkt.
Letzten Endes aber blieb es wohl das Verdienst des Propheten Harvey Rosswald, dass die Unruhen so bald zum Erliegen kamen. Schlank und rank wie in seiner Jugendzeit geworden, reiste er unermüdlich durch das Land, sprach mit diesen, konferierte mit jenen. Hartnäckig und schließlich auch mit Erfolg versuchte er die Menschen vom höheren Wert des Friedens zu überzeugen.
Eines Abends verfolgte Carlos mit Staunen in den Medien die Meldung, dass sich die Cyborg- und die Mutantenarmee vor Sydney zu einer gigantischen Grillfeier eingefunden hatten. Die Bilder zeigten angetrunkene Soldaten beider Seiten, Würstchen, Bier und polynesische Freudenmädchen, die ausgelassen um die Lagerfeuer tanzten. Bedauerlicherweise waren die Aufnahmen zensuriert.
Der Fernsehsprecher kommentierte: „Meine Damen und Herren. Sehen Sie sich diese Bilder an! Was soll ich mehr sagen, außer: Es ist Frieden!
Und auch der Bürgerkrieg in Haikiki wurde beigelegt. Der Prophet Harvey Rosswald hat persönlich die Entwaffnung seiner Truppen angeordnet. Seine Anhänger sind gerade dabei, einen Triumphzug des Friedens und der Liebe durch Haikiki zu organisieren. Selbstverständlich werden wir auch davon berichten. Also: Bleiben Sie dran und genießen Sie Ihre Informationen aus erster Hand.“
Zum festgesetzten und allseits verkündeten Termin versammelten sich Groß und Klein, Cyborgs, Mutanten und Oldies in seltener Einigkeit auf der Straße. Gläubige aller Konfessionen standen ohne Unterschied am Rand der Straßenzüge, durch die der Prophet in seinem Wagen fahren würde. Auch Glaubenslose waren gekommen. Die ganz besonders, schätzten sie sich doch glücklich, dass Leib und Leben nicht mehr wegen Oglus, Nammaks, Allahs, Göttern aller Schattierungen, die sie gar nichts angingen, in Gefahr waren.
Wo immer der Wagen mit dem Propheten auftauchte, wurden Transparente enthüllt mit Aufschriften wie: „Danke, Prophet”, „Harvey Rosswald – wir lieben dich” und dergleichen. Konfetti und Blumen regneten auf den überglücklichen Friedensstifter.
Der Cyborg-Kopfgeldjäger Fritz Candidy befand sich zu dieser Zeit auf dem Weg durch die schier unendlichen Fluren des Majestic. Zwischendurch machte er in einer der wenigen Sitzecken auf den Gängen eine kleine Rast und blätterte gelangweilt in der „Cybernetic-Times“, dem Insiderblatt für Cyborgs. Die Schlagzeile der Ausgabe: „Am Höhepunkt der Evolution – Ekstase oder Schwindel?“.
Am Rande bemerkte Candidy, wie einer der Hotelgäste an ihm vorüberging, ohne Notiz von ihm zu nehmen. Der Gast würde ihn später ganz sicher nicht mehr wieder erkennen, andernfalls hätte er jetzt sterben müssen.
Wenig später wartete Fritz Candidy in einem der Zimmer der oberen Stockwerke geduldig auf den Propheten. Allerdings hatte er andere Absichten, als ihm zuzujubeln. Er war nämlich vor drei Wochen gedungen worden ihn zu töten, schließlich waren die Würfel dementsprechend gefallen. Also hatte er zuerst einmal die Hälfte der Belohnung kassiert. Dann hatte er sich sein Scharfschützengewehr, eine MPA 512 neuester Bauart sowie sein Stativ geschnappt und sich im Majestic ein Zimmer im vierten Stock genommen. Von hier aus konnte er am besten zielen. Schon der erste Schuss würde treffen müssen, denn zu einem zweiten würde er kaum kommen. Wenigstens durfte er nicht damit rechnen.
Nicht, dass Fritz Candidy persönlich etwas gegen Harvey Rosswald, den Propheten, gehabt hätte, war er doch genauso für den Frieden, schließlich mordet es sich in Friedenszeiten am gemütlichsten! Nein, er wollte nur seinen Auftrag erfüllen, genauso emotionslos, wie er eine zu Ende gerauchte Zigarette in eine Pissoirmuschel fallen lassen würde. Fritz würde es ohne jede innere Anteilnahme ausführen, wie die Aufträge davor und die danach. Eine andere Sicht der Dinge wäre nicht professionell gewesen. Es war eine reine Frage des Geschäftes, denn von irgendetwas muss der Mensch leben.
Als der Prophet unter viel Jubel und Geschrei der Menschenmenge vom Reichsplatz kommend in die Triumphallee einbog, erfasste ihn Fritz Candidy im Zielfernrohr. Welch ein Glück, dass der Prophet in einer offenen Limousine saß! Da würde es ihm auch nicht helfen, dass er von den Leibwächtern Willi und Alfons akribisch bewacht wurde. Mit dem Finger am Abzug wartete der Killer gelassen, bis der Prophet auf rund dreihundert Meter heran sein würde. Das war die Entfernung, auf die das Gewehr justiert war ...
Inzwischen fuhr Harvey Rosswald nichts ahnend die Triumphallee hinunter und winkte der jubelnden Menge zu. Endlich liebten ihn alle. Alle wohlgemerkt, nicht nur seine Gefolgsleute! Harvey Rosswald genoss es unverschämt. Plötzlich warnte ihn eine innere Stimme. In rund dreihundert Metern Entfernung vor ihm erhob sich das Majestic mit seinen 24 Stockwerken und seiner unpersönlichen Glasfassade. Da erschien ihm der Engel, mit dem er einst gerauft hatte. Übergroß und überdeutlich sah er aus einem Fenster im vierten Stock und winkte ihm zu. Im nächsten Augenblick war die Erscheinung verschwunden. Dann sah Harvey, ähnlich einem Bild außerhalb von Raum und Zeit, einen kleinen, spitzen Gegenstand durch die Luft auf sich zurasen wie ein bösartiges Insekt ...
Das Projektil traf seinen Kopf mit einem brutalen Schlag. Erst dann hörte die Menge den Schuss. Der Prophet wurde zurückgeworfen und lag bewegungslos im Sitz. An seiner rechten Schläfe klaffte eine schwere Wunde. Blut sprudelte heraus und verschmierte Harveys Gesicht und die ledernen Autositze. Sofort deckten Alfons und Willi mit ihren Körpern den Propheten und versuchten mit ihren Pistolen im Anschlag herauszufinden, wo sich der Attentäter aufhalten mochte. Willi konnte der Blutung mit einem Taschentuch notdürftig entgegenwirken. Alfons rief: „Einen Krankenwagen, schnell, wir brauchen einen Krankenwagen!“
Noch während er mit der einen Hand Willi half, die Blutung zu verringern, hielt er in der anderen sein Handy und benachrichtigte folgende Organisationen vom Attentat auf den Oglu-Propheten: BUMO (Bund zur Unterwanderung menschlicher Organisationen) und MGA (Mutanten gegen alle). Die Information an den SCHGG (Schutzbund geheimer Gesellschaften) hatte noch Zeit. Der Schutzbund zahlte nämlich am wenigsten.
Dr. Wakonig in seiner Rolle als Notarzt erreichte der Auftrag, dem schwer verletzten Propheten zu helfen, während er sich drei Straßenzüge vor dem Majestic auf einer Unfallstelle befand. Zwei Wagen standen stark beschädigt am Straßenrand, Blech und Scherben lagen am Boden. Frisches Blut sickerte auf die Fahrbahn. Sanitäter verarzteten drei Verletzte, ein Toter lag neben einem der Autos. Der Krankenwagen stand abfahrbereit in unmittelbarer Nähe. Der Beseitigungstrupp schleppte einen Sarg heran. Da stieg ein Mann aus einem in der Nähe parkenden Wagen aus und legte sich in den Sarg. Der Beseitigungstrupp nahm keine Notiz von ihm, schloss mit stoischer Ruhe den Sargdeckel und transportierte ihn zum Friedhof. Dort würde man ihn am späten Nachmittag in einer schlichten, doch würdigen Zeremonie beerdigen.
... Und schon tauchte der Krankenwagen auf. Trotz Hupe und Blaulicht hatte er seine liebe Mühe, sich einen Weg durch den Tumult zu bahnen. Auf dem Weg ins Dr. Karin-Eibler-Spital stellte Dr. Wakonig, der Notarzt, fest, dass Harvey noch lebte, wenngleich er ohne Zweifel in Lebensgefahr schwebte.
Zu dieser Zeit hatte Fritz Candidy schon sein Stativ abgebaut und befand sich bereits in einer Telefonzelle in der Eingangshalle. Ein Glas Cognac in der Hand schwenkend speiste er die Nachricht über den durchgeführten Auftrag in das Spinnennetz der Information ein. Zuerst benachrichtigte er das KGA (Komitee für geheime Aufträge), dann den VEGG (Verein elternloser Gengeschädigter) und last, but not least die GFRV (Gesellschaft zur Förderung religiöser Vielfalt). Fritz Candidy war Dreifachagent.


Als Harvey Rosswald wieder zu Bewusstsein kam, konnte er nur mit einem Auge sehen. Das andere war vom Verband verdeckt, den man ihm angelegt hatte. Überdies fand er sich an die verschiedensten Maschinen angeschlossen, von denen er die meisten noch nie gesehen hatte.
Im gleichen Augenblick, in dem er gewahrte, dass er noch lebte, erhielt er die Gewissheit, dass es zu Ende ging mit ihm. Wie gerne hätte er mit seiner Lehre etwas Positives für die Allgemeinheit erreicht! Er fragte sich, ob er etwas Nachhaltiges geschafft hatte mit seinen Bemühungen. Wie bescheiden, wie klein, wie einfach nur menschlich fühlte er sich in nun!
Da bemerkte auch Anand Lila, die Dienst habende Krankenschwester, die gerade das übrig gebliebene Verbandsmaterial wegräumen wollte, dass sich der Prophet rührte. Sie ließ den Medizinalroboter alleine fertig machen und wandte sich dem Propheten zu. Leicht legte sie ihre rechte Hand auf die strahlend weiße Decke und sah ihrem Patienten besorgt ins Gesicht. Sichtlich unter Qualen versuchte Harvey Rosswald zu sprechen. Kaum hörbar fragte der Patient: „Schwester, beten Sie auch zu Oglu?”
„Natürlich, machen Sie sich keine Sorgen”, gab Anand Lila liebevoll zur Antwort. Ihr Beruf war es zu helfen. Was lag schon daran, wenn sie einem alten, sterbenden Mann mit einer kleinen Lüge einen Gefallen tun konnte? Sagte sie nicht selbst immer, es sei letzten Endes egal, ob Oglu, Gott, Allah, Nammak, Shiva, oder wie die hohen Herrschaften sonst alle hießen? Sie merkte, dass Harvey lächeln wollte, aber wegen des Verbandes und der Schmerzen wurde eher eine Grimasse daraus.
„Bitte geben Sie sich keine Mühe. Schonen Sie sich lieber”, sagte ihm Anand Lila. Aber der Prophet war in dieser Sekunde gestorben. Die zahlreichen Instrumente, an die er angeschlossen war, dokumentierten es nüchtern, ohne jedes Mitleid: kein Puls, keine Atmung, keine Gehirntätigkeit mehr ... nur noch Stille ... Totenstille ...
Der Medizinalroboter neben Anand Lila konstatierte mit unangenehm schnarrender Stimme: „Exitus“. Man sollte sein Sprachmodul wieder einmal justieren. Dann lief das Überprüfungsprogramm, in dem der Zustand des Patienten noch einmal gründlich nach zwei weiteren Kontrollmethoden gescannt wurde.
Und wieder hörte Anand Lila den Roboter: „Endgültiger Exitus“. Damit war es amtlich. Der Ausdruck der Sterbeurkunde erfolgte sogleich über das in Bauchhöhe des Roboters integrierte Laserdruckermodul.
Der Roboter grinste unverschämt dabei. Haben die noch immer nicht den Programmfehler korrigiert, dachte sich die Schwester und änderte die Mundstellung des Roboters mittels händischer Eingabe am Display. Das war zwar mühselig, aber wenigstens erfolgreich. Jetzt zeigte der Roboter die vorschriftsmäßige Mundstellung, die bei einem Menschen tiefes Bedauern zum Ausdruck gebracht hätte.
Anand Lila wandte sich dem soeben verstorbenen Propheten zu. Wie friedlich lag er da! Er schien zu lächeln! In diesem Moment zeigte ihr drittes Auge Anand Lila eine Vision. Sie sah einen kleinen Sperling am Rande des Abyssos, des Abgrundes, der diese Welt von der jenseitigen trennt. Schier unendlich ging es hinunter. Tief unten waberten finstere Nebelmassen. Beklemmend war es, hinabzusehen. Dem Sperling schauderte wegen der Bodenlosigkeit, die sich vor ihm auftat.
Da hörte der Vogel eine Stimme, die zwar laut und deutlich sprach, aber es war nicht festzustellen, woher sie kam. Sie schien gewissermaßen der ganzen Gegend zu entströmen.: „Komm und flieg!“
Warm, klar und freundlich klang die Stimme. Wie gerne wäre er geflogen, aber er traute sich nicht. Zu bedrohlich tat sich der Abgrund vor ihm auf, dessen Ende er nicht einmal sehen konnte.
Erneut vernahm der Sperling die Stimme: „Du wagst es nicht? Hast du so wenig Vertrauen zu mir? Ich habe dich ein Leben lang begleitet, ich habe dich bis hierher geleitet, ich helfe dir auch weiter.“
Jetzt überwand der Vogel seine Angst, gab sich einen Ruck und stieß sich ab. Siehe da – von starken Luftströmungen sichtlich hin- und hergerissen flog er über den Abgrund immer höher in den schwer wolkenverhangenen Himmel hinein. Ein einziger Sonnenstrahl war dort, der sich seinen Weg durch die grauschwarzen Wolkenmassen bahnen konnte. In diesen Strahl flog der Vogel hinein, wurde von ihm förmlich nach oben fortgesogen. Als dies geschah, wurde aus dem Spatz allmählich ein strahlend weißer Schwan, der auf kräftigen, majestätischen Schwingen unaufhaltsam der Sonne über den Wolken entgegenstrebte ...


Eines Tages besprachen Oscar und Carlos nach dem Mittagessen in der Mission, warum Carlos wohl gefoltert worden war.
Carlos sagte: „Es muss mit dieser Zeichnung eine ganz besondere Bewandtnis haben, sonst wäre die Obrigkeit nicht daran interessiert.“
„Da bin ich deiner Meinung“, bestätigte Oscar. „Und wir sollten es herausfinden. Vielleicht können wir ja der Obrigkeit ein witziges Schnippchen schlagen.
Aber bevor wir uns auf die Schatzsuche begeben, wird es wohl angebracht sein, wenn du eine gewisse Zeit lebst und arbeitest wie jeder normale Bürger. Wir wollen nicht sofort Verdacht erwecken, indem wir uns jetzt schon aus dem Staub machen. Vergiss nicht, Träger einer Schandmaske werden noch wochenlang beschattet.”
„Das ist eine gute Idee”, erwiderte Carlos und verdingte sich im Pueblo als Kellner. Dort tat er jeden Tag seinen Dienst, streng bemüht alles zu unterlassen, was ihn für den Staatsapparat interessant hätte machen können. Dass sein Chef für das B.K.G. (Büro der konspirativen Gastwirte) spionierte, gewahrte er wohl am Rande, aber es kümmerte ihn wenig. Das B.K.G. war hauptsächlich damit befasst, den Eigenverbrauch der Gastwirte vor der Finanzbehörde zu verschleiern und damit vergleichsweise harmlos.
Eines Tages bediente er zwei abenteuerliche Gesellen. Der eine hatte ein Büschel Seegras im rechten Ohr und wurde großzügig vom anderen eingeladen. Da machte ihn einer der beiden Männer darauf aufmerksam, dass er eine Stoffserviette auf dem Tisch vergessen hatte. Selbstverständlich entschuldigte sich Carlos und entfernte die Serviette umgehend.
Nach Dienstschluss stieg Carlos in sein Auto. Auf zu Anand Lila in der Mission! Drei Straßenzüge vor dem Majestic musste er eine Unfallstelle passieren. Zwei Wagen standen stark beschädigt am Straßenrand, Blech und Scherben lagen am Boden. Sanitäter verarzteten drei Verletzte, ein Toter lag neben einem der Autos. Frisches Blut sickerte auf die Fahrbahn. Der Krankenwagen stand abfahrbereit in unmittelbarer Nähe.
Carlos sah zwei Beseitigungsroboter, die einen Sarg heranschleppten. Das war die Chance! Schnell parkte Carlos seinen Wagen, stieg aus und legte sich in den Sarg. Der Beseiti-gungstrupp nahm keine Notiz von ihm, schloss mit stoischer Ruhe den Sargdeckel und transportierte Carlos zum Friedhof. Dort begrub man ihn am späten Nachmittag in einer schlichten, doch würdigen Zeremonie. Kurz darauf brach die Nacht herein ...
Als es Mitternacht schlug, wühlte sich Carlos in seiner Rolle als Zombie mühsam aus dem Grab. Er wankte (beide Arme erhoben, wie es sich gehört) in sein Leichentuch eingewickelt aus dem Friedhofsgelände. Auf verschlungenen Wegen gelangte er in die Kellergewölbe im Regierungsviertel. Dort vernahm er das Schreien einer Frau und die wütende Stimme eines Mannes, die aus einer der Kammern drangen. Wie durch einen Sog wurde der Zombie Carlos davon angezogen.
Als er um eine Ecke bog sah er, wie Marcos eine Frau vergewaltigte. Das Gesicht des Opfers konnte er jedoch nicht erkennen, weil der Lichtkegel der schwachen Lampe nur für den Agenten selbst und den Unterleib der Frau ausreichte. Marcos war nur an ihren Geschlechtsteilen interessiert.
Der Agent war so beschäftigt, dass er den näher kommenden Zombie nicht bemerkte. Weil sich das nicht schickt, was Marcos da machte, trat Carlos unverzüglich heran und würgte den Agenten mit Händen, so gnadenlos wie ein Schraubstock. Vor Schreck entlud sich Marcos in den Unterleib der Frau. Dann wurde seine Gesichtsfarbe blass. Gerade in diesem Moment wurden beide Gestalten, Opfer und Täter, durchsichtig. Verblüfft blieb der Zombie Carlos zurück. Er hatte keine Ahnung, dass Traumgestalten verschwinden, wenn der Traum zu Ende geht.
In unmittelbarer Nachbarschaft befand sich das Krankenhaus. Dort traf der Zombie Carlos gegen Mitternacht ein. Dr. Wakonig, der den Nachtdienst versah, dachte sich: „Schwieriger Fall“, und legte ihn in die Intensivstation. Neben ihm lag ein Prophet, der vor wenigen Stunden angeschossen worden war. Und was die Therapie anlangte, so entschied sich Dr. Wakonig für eine Bluttransfusion. Mit Erfolg, wie sich herausstellte, denn nach der 23471. Blutkonserve ging es Carlos schon erheblich besser. Friedlich wie ein Baby schlief er im Bett, den rechten Daumen im Mund. Am nächsten Morgen wurde er von Dr. Wakonig als geheilt entlassen.
Wenig später fand sich Carlos im Bus der Linie 9 wieder. Dicht gedrängt fuhren ihm unbekannte Leute wie jeden Morgen zu ihrer Arbeit. Zwischendurch ein paar Schulkinder, die den sitzenden Fahrgästen den Geruch ihrer ungeputzten Zähne ungeniert ins Gesicht atmeten. Zwischen dem Regierungsviertel und dem Hafen sahen ihn plötzlich alle vorwurfsvoll an. Carlos wusste nicht, warum. Der Fahrer lenkte den Bus sogar mitten zwischen zwei Haltestellen an den Straßenrand, um sich umdrehen zu können. Dem übergewichtigen Herrn links neben Carlos lief eine Schweißperle nach der anderen über sein krankhaft blasses Gesicht. Wo doch der Morgen frisch war wie meist um diese Jahreszeit! Carlos stieg aus.
Wieder war es nicht gelungen ...


Kurz vor der Beladung der Beowulf mit den Laserminen begab sich Marcos in die EDV-Abteilung, um sich die Frachtpapiere ausdrucken zu lassen. Als er den Raum grußlos betrat, zuckten die vier anwesenden Mitarbeiter zusammen. Man wusste um des Agenten Macht, man war besorgt wegen seines cholerischen Gemüts, man fürchtete ihn wegen der Bedenkenlosigkeit, mit der er über Leichen ging.
Mürrisch wie meist trat er an den nächstbesten Mitarbeiter heran, war ihm doch der eine genauso vertrottelt wie jeder andere und herrschte diesen an: „Ich brauche die Fracht-scheine für die Beowulf. Aber ein bisschen plötzlich!“
Dienstbeflissen nickte dieser, murmelte etwas von „Bitte gerne, sofort ...“ und machte sich sogleich an die Arbeit. Marcos stand schräg hinter ihm mit absichtlich böser Miene und blickte über seine Schulter. Betont lässig zündete er sich eine Zigarette an. Nicht, dass er etwas von der EDV verstanden hätte, aber schließlich musste man solchen niedrigen Geistern das Gefühl geben, kontrolliert zu werden. Es möchte vielleicht einer auf die Idee kommen, er hätte ihm, Marcos, etwas voraus.
Doch – was geschah da? Plötzlich erschien auf dem Monitor das Bild einer jungen, barbusigen Frau. Sie war ausnehmend attraktiv mit einem Lächeln, das jeden echten Mann erfreute. Wären da nur nicht die zwei Teufelshörner gewesen, die neckisch aus ihrer schwarzen, lockigen Haarpracht wuchsen!
Mit einem schelmischen Gesichtsausdruck begann die Frau zu reden: „Hallo–o! Ich bin Wundiwurz. Ich werde dich jetzt ein bisschen ärgern. Aber bilde dir bloß nicht ein, du könntest mich aufspüren. Das haben schon ganz andere versucht, nicht nur solche Blödmänner wie du!“
Wie erotisch ihre Stimme klang! Zum Abschluss schickte sie noch einen Kuss durch den Monitor, zwinkerte mit den Augen und verschwand. Marcos wurde kreidebleich. Wie in Zeitlupe kippte seine Zigarette aus dem Mund. Das darf doch nicht wahr sein! Der Welt gefährlichster Agent musste sich einen „Blödmann“ schimpfen lassen! Noch dazu von einem ... äh, ja, was war das eigentlich gewesen? Von einem Computerdingsda eben ...
Der EDV-Mitarbeiter bemerkte an der sich rapide verändernden Gesichtsfarbe, dass Marcos kurz davor war, zu explodieren. Er beeilte sich, den Wutanfall abzufangen: „Ein Avatar! Eine Personifikation eines Schadprogrammes. Nur ein Virus! Ich mache mich sofort an die Arbeit. Wir haben das bald im Griff. Machen Sie sich bitte keine Sorgen.“
„Was soll das bedeuten?“, schnaufte Marcos wie der berühmte Stier in der Arena. So leicht war er nicht zu besänftigen.
Mit belegter Zunge antwortete der Mitarbeiter: „Wenn ich Ihre Papiere jetzt ausdrucke, könnte es sein, dass sie nicht ganz richtig sind, beziehungsweise vielleicht nicht ganz aktuell, ich weiß auch nicht genau, wie ich sagen soll. Sie verstehen schon ...“
„Was ich verstehe und was nicht, geht Sie gar nichts an. Ich will etwas Ausgedrucktes in der Hand haben. Und zwar sofort und nicht erst in Stunden, wenn es Ihnen zufällig gelungen ist, den Virus zu löschen!“
Der Mitarbeiter gab seufzend auf und druckte in aller Eile die Papiere aus. Irgendwelche eben ...
Kaum hatte Marcos den Raum verlassen, machte sich der Mitarbeiter erleichtert daran, Wundiwurz in den Eingeweiden seines Computers aufzuspüren. Nach einer etwa zweistündigen Systemüberprüfung zeigte der Monitor einen mittelalterlichen Henker mit schwarzer Kapuze und Beil. Vor ihm kniete ein Gefangener, im Hintergrund eine finstere Burg. Die Sprechblase neben dem Mund des Henkers enthielt die Meldung: „Virus Wundiwurz gefunden. Wundiwurz töten?“
Klar doch, was denn sonst? Des Mitarbeiters Wahl fiel auf die Guillotine. Als die Option eingestellt und die Enter-Taste gedrückt war, erschien die Abbildung des Pariser Hauptplatzes 1793, im Zentrum ein blutverschmiertes Schafott. Wundiwurz tauchte als gefangene Aristokratin auf, stolze Oberweite, Anfang zwanzig, voll Verachtung im Gesicht. Sie wurde gerade mitten durch eine animierte Menschenmenge gekarrt. Dabei schrie sie aus Leibeskräften: „Pöbel! Ich verachte euch! Pack elendes!“
Dazu spuckte sie ganz und gar nicht vornehm um sich. Die Menschenmenge revanchierte sich mit einem Sprechchor: „Rü-be ab! Rü-be ab! Rü-be ab!“
Unter lauter werdendem Trommelwirbel wurde die Delinquentin auf das Schafott geleitet. Dort wartete schon ihr Henker und ein Arzt, der gewissermaßen unparteiisch und von Amtes wegen den Tod der Verurteilten empirisch zu bestätigen hatte.
Aufsässig rief Wundiwurz aus Leibeskräften: „Ihr könnt mich mal!“
„Ja, lasst sie nur her zu mir!“, hörte man einen baumlangen, vierschrötigen Kerl grölen, vermutlich ein angetrunkener Holzfäller. Die schallende Ohrfeige der Frau neben ihm erinnerte ihn allerdings jäh daran, dass er nicht alleine zugegen war. Schadenfrohes Gekicher ringsum.
Als könne er es nicht erwarten, riss der Henker Wundiwurz unverzüglich die Perücke mit den kunstvollen, silberfarbenen Locken herunter und klemmte ihren Hals brutal in die Mechanik ein. Unter allgemeinem Gelächter rief einer unter den Zuschauern: „Gib mir die Perücke. Ich möchte mir den Arsch abwischen.“
Mit einem geringschätzigen Blick sagte Wundiwurz zu ihrem Henker: „Du weißt, was ich von dir halte?“
„Und du was ich mit dir mache?“, war seine Antwort.
Ssssssssssssssssst, so fiel das Beil und schlug der Aristokratin Wundiwurz den Kopf vom Rumpf. Blut spritzte theatralisch über einen Meter weit aus dem Hals, das Haupt kugelte mit einem deutlichen Plumps in den bereitgestellten Korb.
Daraufhin jubelte die Menge: „Wundiwurz ist tot! Wundiwurz ist tot!“
Die Leute tanzten, es wurde geklatscht, die Hände wurden geschüttelt, allenthalben beglückwünschte man sich, wildfremde Menschen umarmten einander in spontaner Herzlichkeit ...
Damit klang das Szenario aus. Und weil es so unglaublich schön war, ließ der Mitarbeiter Wundiwurz gleich noch einmal sterben. Diesmal überließ er dem Zufallsgenerator die Einstellung der Parameter.
... Nebel und leichter Regen über den Klippen von Dover. Von rechts trat Wundiwurz in Gestalt einer hageren Frau, Typ englische Gouvernante, heran. Nach ein paar Momenten des Schweigens begann sie mit ihrem Monolog: „Ja, einen Virus nennen sie mich. Dabei frage ich mich, was ich schon Großartiges anstelle? Naja, ein bisschen Schabernack, da und dort eine freche Wortmeldung und Spaß habe ich auch dabei, ich gebe es ja zu. Andererseits ist das nichts im Vergleich zu dem Schaden, den viele mächtige Menschen in dieser Welt anrichten. Aber das sind natürlich honorige, allseits geachtete Bürger.
Kaum geht es um Wundiwurz, wird jeder hysterisch und es heißt: Hilfe, Wundiwurz! Lasst uns Wundiwurz umbringen! Wundiwurz muss sterben! Und so weiter. Die grausamsten Killerprogramme werden auf mich angesetzt. Sie alle haben nur eines im Schädel: Wundiwurz jagen, durch sämtliche Festplattenpartitionen, durch die Registry, den Bootsektor, kein Backup ist vor ihnen sicher, nichts ist denen heilig.“
Herzzerreißend schluchzte Wundiwurz dazu. Es war ein Bild des Jammers, wie sie den Klippen entlang wandelte, von einer Pfütze zur anderen, die grauen Wassermassen des Ärmelkanals im Hintergrund, total hadernd mit der Welt ... Der Regen war langsam stärker geworden und hatte ihr die Haare durchnässt. Doch seltsam, die Haarsträhnen im Gesicht verunstalteten sie keineswegs, sie gaben ihr vielmehr ein abenteuerliches Charisma.
„Nein, ich habe das nicht verdient“, so lamentierte sie weiter. „Auf die kleinen Fische stürzt sich jeder, die großen Mistkerle werden hofiert. Wenn die wüssten, was ich manchmal auf meinen Streifzügen durch die Dateisysteme entdecke! Gerade vorhin, die Ladung der Beowulf ... Das ist mir vielleicht eine Sauerei! Aber da unternimmt ja keiner etwas. Ade du schnöde Welt, du hast mich nicht verdient.“
Und schon fiel sie ... Just in diesem Moment geschah etwas Merkwürdiges. Noch während ihr Körper die kerzengerade Felswand entlang fiel, wandte sie sich plötzlich um und sah aus dem Monitor heraus. Klar und ruhig war ihr Blick ... Den Mitarbeiter beschlich ein unheimliches Gefühl. Sah ihn Wundiwurz etwa ...? Das gab es doch nicht. In der Tat war dem Mitarbeiter, als wollte der Virus Kontakt mit ihm aufnehmen. Wundiwurz blickte ihm direkt in die Augen. Dann hörte der Mitarbeiter sie sagen: „Hast du mich verstanden?“
Im nächsten Augenblick zerschellte ihr Körper auf einer der glitschigen Felsplatten in Höhe des Meeresspiegels. Die nächste Welle wusch ihr Blut weg ... Das Szenario war zu Ende ...
Was war das gewesen? Was sollte er verstanden haben? Gab es ein Geheimnis um die Ladung der Beowulf? Das wäre ja unglaublich! Aber die Papiere waren doch völlig in Ordnung! Zumindest soweit er es beurteilen konnte. Mittelschwer verunsichert begab sich der Mitarbeiter daran, die Aufzeichnungen in seinem Computer zu überprüfen. Konnte nicht schaden ...
Das erste Kontrollprogramm zeigte auch beim dritten Überprüfungslauf keinerlei Unregelmäßigkeiten. Nach welchen Kriterien er immer die Datenbank durchforstete, es war immer das gleiche Resultat: nichts! Daraufhin versuchte es der Mitarbeiter mit einem eigenen Programm, das einen weniger üblichen Algorithmus verwendete. Das Problem war nur, dass sein eigenes Programm weit mehr Zeit brauchte. Als es gestartet war, setzte sich der Mitarbeiter daher in Gemütsruhe in die Kantine, rauchte eine Zigarette und trank eine Tasse Kaffee.
Als er wieder zurück war, sah er bereits von Weitem den roten Kreis, sowie einen stilisierten Lehrer mit erhobenem Zeigefinger in dessen Mitte. Das hatte zu bedeuten, das Programm war fündig geworden. Einige weitere Kontrollchecks legten eindeutig an den Tag, dass die Dateien manipuliert worden waren! Das musste er seinem Freund Franz, einem Taxilenker, erzählen.
„Hagen“, so meldete sich dieser am anderen Telefon. Nett war es, mit ihm zu plaudern. An der Entdeckung des Mitarbeiters zeigte sich Freund Hagen äußerst interessiert. Irgendwann fiel dem Mitarbeiter auf, dass sich das Gespräch in die Länge zog. Die zwei hatten sich in philosophischen Spekulationen über Gott und die Welt und wie schlecht doch manche Menschen sind, verloren. Da hörte der Mitarbeiter Getrampel auf dem Flur. Es war ein Beseitigungstrupp ...
Man zerrte den Mitarbeiter in eine vor dem Hintereingang bereitgestellte Limousine älterer Bauart. Zwischen zwei Robotern wurde der Mitarbeiter auf dem Rücksitz eingequetscht.
Der Wagen war noch keine hundert Meter gefahren, als der rechte Roboter eine Spritze mit einer grünlichen Flüssigkeit zückte und dem Mitarbeiter mit voller Wucht in das Herz stieß, dass es diesem die Luft aus der Lunge drückte. Das Gift in der Spritze brannte fürchterlich. Der Mitarbeiter hatte sich nicht träumen lassen, dass etwas so wehtun konnte! Der linke Roboter hielt dem Opfer währenddessen den Mund zu. Man erlaubte ihm nicht einmal zu schreien ... Sekunden später wurde das Zappeln der Gliedmaßen schwächer, dann war der Mitarbeiter tot. Es galt nur noch, die Leiche zu entsorgen ...
Drei Kreuzungen später provozierten sie einen Unfall, als sie mit über 80 km/h bei Rot in eine Kreuzung einfuhren. Ungebremst rammten sie einen hellblauen Geländewagen, der vorschriftsmäßig von rechts herangefahren war. Ineinander gekeilt kamen die beiden rauchenden Schrotthaufen mitten auf der Fahrbahn zu stehen. Zum Glück konnte der nachfolgende Wagen mit quietschenden und qualmenden Reifen gerade noch rechtzeitig auf den Gehsteig auswei-chen ...
Im Geländewagen saßen ein blonder Mann hinter dem Steuer eingeklemmt, auf dem Rücksitz eine junge Frau, ein etwa dreijähriges Mädchen im Arm. Das Gesicht des Mannes war voll Blut, die Frau hatte eine Fleischwunde am linken Oberarm und weinte, das Mädchen wimmerte leise ... Frisches Blut sickerte auf die Fahrbahn. Ein Toter, nämlich der Mitarbeiter, lag neben der verunglückten Limousine des Beseitigungstrupps. Ein Beobachter musste vermuten, der Mann sei soeben ums Leben gekommen. Die Roboter hatten keinen Kratzer abgekriegt. Sie stiegen aus und schoben die beiden Unfallwägen an den Straßenrand, wo sie den Verkehr weniger behinderten. Die Passanten staunten über ihre Kräfte.
Blech, Scherben und sonstige Teile der Unfallautos lagen weit verstreut am Boden. In auffallend kurzer Zeit waren Sanitäter und der Notarzt zur Stelle und versorgten die drei Verletzten im Geländewagen. Während Dr. Wakonig ihm den Kopf verband, sah der Mann kurz auf und keuchte mühsam zornerfüllt: „Fahren die mit vollem Tempo bei Rot in die Kreuzung, diese Arschlöcher.“
„Um Himmels willen, seien Sie still“, unterbrach ihn Dr. Wakonig. „Das ist ein Beseitigungstrupp. Schätzen Sie sich glücklich, dass man mich gerufen hat, bevor der Unfall überhaupt passiert ist. Sonst wären Sie vielleicht verblutet. Wie ich sehe, haben Sie Frau und Kind. Die brauchen Sie lebend. Erregen Sie bloß nicht die Aufmerksamkeit der Roboter!“
Ein Krankenwagen stand abfahrbereit in unmittelbarer Nähe. Zwei der Beseitigungsroboter schleppten einen dezenten, schmucklosen Aluminiumsarg heran. Er war offenbar für den Mitarbeiter bestimmt.
Auf der anderen Straßenseite, inmitten der Schaulustigen, stand Carlos ...
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BeitragVerfasst am: 04.03.2008, 17:50    Titel: Antworten mit Zitat

In der Zwischenzeit war die Mannschaft der Beowulf im Hafen bereits damit beschäftigt, eine Unmenge Laserminen für Australien an Bord zu schaffen. Marcos kam zu ihnen, stellte sich demonstrativ zum Ausgang des Laderaumes 4 und beaufsichtigte mit strenger Miene das Geschehen.
Sein konkreter Beitrag bestand darin, auf der Computerliste, die ihm der Mitarbeiter ausgedruckt hatte, Häkchen anzubringen. Nicht dass es von Bedeutung gewesen wäre, der Ausdruck stimmte ohnehin hinten und vorne nicht, aber den korrekten Ausdruck abzuwarten hatte Marcos sich nicht die Zeit genommen. Er „führte“ seine Liste einzig und allein weil er der Ansicht war, dadurch einen geschäftigen und vor allem wichtigen Eindruck zu erwecken.
Da kam Ben mit einem voll beladenen Hubstapler um die Ecke. „Du wirst sterben“, dachte sich Marcos. Er hatte nämlich eine Zeitbombe unter die Ladung gemischt.
Es war gar nicht seine Absicht, dass die Fracht jemals in Australien ankommen sollte. Dann würde nämlich ruchbar werden, dass er 2500 der Minen an die siegreichen Rebellen des Madagaskarkrieges verscherbelt und dann durch Attrappen ersetzt hatte. Also durfte die Fracht nie ihr Ziel erreichen. Die Rebellen zahlten besser als das Collegium, wenn auch in Gold, Diamanten und Edelsteinen, aber immerhin ... Und schließlich war es ihm stets egal gewesen, von wem er für was bezahlt wurde, Hauptsache, es kam Kohle rüber. Je mehr, deso besser. Menschen sind ersetzbar, Geld nicht. Entweder man hat Grundsätze oder nicht.
Versonnen schweiften des Agenten Gedanken zurück in die jüngste Geschichte. Seine Begegnung mit dem Boten der madagassischen Rebellen kam ihm in den Sinn ...
Finster war die Nacht gewesen, und der Teil des Hafens schlecht beleuchtet, als er den Boten erwartete. Zum Teil funktionierten die Straßenlampen nicht. Da, wo zufällig eine verstaubte Glühbirne am Eingang einer Lagerhalle es annähernd hell machte, traten die Gegenstände nur halb aus dem Dunkel hervor. Selbst vertraute Objekte erhielten dadurch einen unwirklichen Anstrich. Hinter Marcos tönten die gedämpften Geräusche der nächtlichen Stadt, vor ihm rauschte das Meer, weiter draußen bemerkte er ein Wetterleuchten. Eine leichte Brise wehte aus Nordost, ohne dass sie wirkliche Erfrischung gebracht hätte ...
In nur schwer festzustellender Entfernung tuckerte ein Fischerboot vorbei. Vielleicht war es auch gar kein Fischerboot. Von allen Seiten waren diffuse Geräusche zu hören, die Marcos nicht wirklich einordnen konnte ... Im Großen und Ganzen erinnerte das Szenario Marcos an die Horrorfilme, die er in seiner Jugendzeit begeistert zuhauf gesehen hatte ...
Da stellte er doch tatsächlich so etwas wie ein flaues Gefühl im Magen fest. Wie ärgerlich! Er, einer der mächtigsten Agenten der Welt, sollte irritiert sein, nur weil ein Igel im nächstbesten Gebüsch in der Dunkelheit nach Käfern suchte? Lächerlich! Wenn schon, dann hatte sich jedes lebende Wesen in der Umgebung vor ihm in Acht zu nehmen, nicht umgekehrt ...
Allerdings, Marcos wusste genau, er hätte noch mächtiger sein können. Um wirklich zu der Handvoll Topagenten der Welt zu gehören, wäre es nötig gewesen, sich mit der EDV versöhnen. Es gab Kollegen, die sich in zwanzig Minuten in jedes beliebige Computersystem hacken konnten, aber von denen war er weit entfernt. Marcos einschlägige Kenntnisse reichten für die gängigsten Anwendungen, mehr aber nicht. So hatte er sich eines Handlangers bedienen müssen, um die Computeraufzeichnungen über die Beladung der Beowulf zu manipulieren.
Andererseits, so groß war das Malheur nun auch wieder nicht, wenn er es recht bedachte. Erstens war Teamwork sowieso in und zweitens konnte man ja die Laufburschen verschwinden lassen. Ein Unfall da oder dort mit Todesfolge konnte heutzutage jeden treffen. So gesehen hatte seine Arbeitsweise eine Menge Unterhaltungswert. Und was will man mehr ...?
Halt, seine Gedanken schweiften ab! Marcos sammelte sich innerlich, denn das Treffen in dieser Nacht war wichtig. Schließlich wollte der Agent zuerst die Bezahlung und würde erst dann die abgezweigten Minen liefern.
Auf die Minute pünktlich trat aus dem Dunkel lautlos eine Gestalt in Umhang, die Kapuze in das Gesicht gezogen, und setzte eine kleine Truhe aus Holz vor ihm ab. Dünne Hände, nicht viel mehr als Haut und Knochen, öffneten die Truhe: Gold, Diamanten, Edelsteine, Perlen, kostbares Geschmeide. Wenigstens hoffte Marcos das, wegen der schlechten Beleuchtung konnte man nämlich nichts wirklich erkennen, geschweige denn Armbänder auf ihre Echtheit überprüfen ...
„Unser Teil der Abmachung. Nun erfülle den deinen“, hörte er eine Grabesstimme mit leicht ausländischem Akzent, die ihm dennoch irgendwie bekannt vorkam. Normalerweise ließ Marcos nicht so mit sich umgehen. Da hätte der andere froh sein können, mit dem nackten Leben davonzukommen, aber eine innere Stimme sagte ihm, dass er sich in keiner Situation für seine üblichen Spielchen befand ... Es kam ihm vor, als hätte der Agent eine Waffe unter seinem Umhang auf ihn gerichtet. Im nächsten Augenblick hatte die Finsternis den Boten verschluckt. Damit hatte sich die Frage, ob Marcos dem ausländischen Agenten auf den Pelz hätte rü-cken sollen, von selbst erledigt ... Ja, so war das gewesen vor zwei Monaten ...
Versunken in derlei Gedanken hätte Marcos fast Smutje übersehen, der jetzt mit seinem Hubstapler um die Ecke fuhr und Marcos unvermittelt aus seinen Erinnerungen riss. Auch du wirst nicht mehr lange leben! Und wieder ein Häkchen auf seiner Computerliste.
Nun war Alfons an der Reihe. „Todgeweiht, jaja, todgeweiht“, dachte Marcos, während er ein Grinsen unterdrückte. Irgendwie gibt es ein mehr als nur angenehmes Gefühl, über das Schicksal von Menschen etwas zu wissen, was denen selbst unbekannt ist. Noch dazu, wenn es von solcher Bedeutung ist! Es schmeckt ein bisschen nach ... wie soll man sagen ...? ja, nach Macht! Und das tat unglaublich gut ... Mindestens genauso gut wie knallharter Sex mit einer teuren Nutte.
Im Eiltempo kam Willi mit seinem Teil der Ladung. Er wollte die Arbeit je früher desto besser erledigt haben, denn tausende Minen auf einem Haufen waren ihm irgendwie unsympathisch. Da er Marcos heute noch nicht gesehen hatte, grüßte er ihn: „Hallo!“
„Du solltest besser sagen: Ave Cäsar, der Todgeweihte grüßt dich“, dachte sich Marcos höhnisch. Und wieder machte er mit einer demonstrativen Geste eines seiner zahlreichen, bedeutungslosen Häkchen.
In hundert Meter Entfernung beobachtete Oscar, an die Reling der Beowulf gelehnt, die Szene. Er hatte die ganze Zeit über Marcos im Auge, wie dieser angeblich die Beladung des Schiffes beaufsichtigte. Versonnen schweiften Oscars Gedanken zurück in seine jüngste Geschichte ...
War ihm doch vor zwei Monaten zugetragen worden, dass Marcos einen Teil der Fracht an die Sieger des Madagaskarkrieges verkauft hatte und die Beowulf mitten auf dem Ozean in die Luft jagen wollte!! So ein Schwein ...!! Nach der Bezahlung sollten die Minen ausgeliefert werden. Also hatte Oscar den Geldboten aus Madagaskar abgefangen. Das hatte dieser zwar nicht überlebt, aber was soll‘s, man kann nicht alle Leute glücklich machen. Dann war Oscar an dessen Stelle zum vereinbarten Treffen mit Marcos gegangen. Ort: Hafen, zwischen den stillgelegten Laderäumen 7 und 8, Zeitpunkt: 02. Uhr 30, kein Erkennungszeichen.
Allerdings war es nicht ungefährlich, einen Agenten wie Marcos aufs Glatteis zu führen. Daher übte Oscar stundenlang vor dem Spiegel in der Verkleidung der Halloweenparty im Vorjahr: „Unser Teil der Abmachung. Nun erfülle den deinen.“... Nein, nicht tief genug. - „Unser Teil der Abmachung. Nun erfülle den deinen.“ Schon besser, aber der ausländische Akzent passte noch nicht. Also noch einmal: „Unser Teil der Abmachung. Nun erfülle den deinen.“
So ging das dahin. Nach Stunden war Oscar endlich zufrieden. Ein Kerzenleuchter aus dem Nachlass der Krakatauer Oma, geschickt unter dem Umhang platziert, sollte Marcos eine gezückte Pistole vortäuschen. Und die Bezahlung hatte er durch billige Imitate ersetzen lassen, denn teure konnte er sich nicht leisten. Der Vollständigkeit halber wurde auch die Zeitbombe ausgetauscht.
Ja, so war das gewesen vor zwei Monaten ...


Eines Tages versuchte Carlos es als Medizinalroboter. Als er mit Oscar das Krankenhaus betrat, verdrückte er sich, während sein Begleiter die Toilette aufsuchte. Im Kellergeschoss befand sich die Abteilung für die Reparatur von Maschinen aller Art. Mehr oder weniger diensttaugliche Roboter standen dort allenthalben herum. Kein Mensch war zu sehen, nur in einem der hinteren Räume hörte man Geräusche, die darauf schließen ließen, dass dort jemand bei der Arbeit war.
Carlos schlüpfte in einen der Roboter und machte sich auf den Weg durch das Krankenhaus auf der Suche nach dem Ausgang. Das stellte sich jedoch als weidlich anstrengend heraus, denn die Kommunikation zwischen dem menschlichen Gehirn und den Programmen des Computers war ausgesprochen gewöhnungsbedürftig. In der Tat nahm Carlos seine Umwelt nur bruchstückhaft oder verzerrt wahr. Auch die Koordination der Gliedmaßen wollte noch gelernt sein. Er bewegte sich ungeschickt, mit teils ruckartigen Schritten. Dann wieder machte es den Eindruck, er würde zusammenbrechen oder auf die Seite kippen usw. Hoffentlich kam er in diesem Zustand keinem Beseitigungstrupp in die Quere.
Da wurde der Roboter über die roboterinterne Kommunikationsanlage von der Zentrale in die Intensivstation gerufen. Auf dem Weg dorthin fiel Carlos mit seinen grotesken Bewegungen nicht weiter auf, denn es ging durch die psychiatrische Abteilung. Anand Lila in ihrer Rolle als Krankenschwester befand sich in der Intensivstation und bemühte sich gerade um einen alten Mann, der offensichtlich im Sterben lag. Carlos erkannte nur mit Mühe die Situation.
Der arme Mann konnte bloß mit einem Auge sehen, denn das andere war von einem dicken, blutigen Verband verdeckt. Überdies war er an die verschiedensten Maschinen angeschlossen, von denen Carlos die meisten noch nie gesehen hatte.
Als Anand Lila gerade das übrig gebliebene Verbandsmaterial wegräumen wollte, bemerkte sie, dass sich der alte Mann rührte. Sie ließ den Medizinalroboter alleine fertig machen und wandte sich ihrem Patienten zu. Leicht legte sie ihre rechte Hand auf die Decke und sah ihm besorgt ins Gesicht. Dieser sprach sichtlich unter Qualen, ohne dass der Medizinalroboter Carlos es verstanden hätte, so leise war die Stimme.
Carlos kümmerte es wenig. Er hatte nur Augen für die Krankenschwester, die er zwar nicht richtig erkennen konnte, zu der er sich aber merkwürdig hingezogen fühlte.
Wenig später war der Mann im Bett tot. Die zahlreichen Instrumente, an die er angeschlossen war, dokumentierten es nüchtern: kein Puls, keine Atmung, keine Gehirntätigkeit mehr ... nur mehr Stille ... Totenstille ...
Auch die Leben/Tod-Subroutine des Medizinalroboters stellte durch einen ersten Scann fest, dass der Patient soeben verstorben war. Da Carlos nicht wusste, in welcher Stimmlage Medizinalroboter üblicherweise reden, probierte er es mit einem unangenehm schnarrenden Timbre: „Exitus“. Man sollte sein Sprachmodul wieder einmal justieren, dachte sich die Krankenschwester entsetzt. Dann lief das Überprüfungsprogramm, in dem der Zustand des Patienten noch einmal gründlich nach zwei weiteren Kontrollmethoden gescannt wurde. Und wieder hörte Anand Lila den Roboter: „Endgültiger Exitus“. Damit war es amtlich. Der Ausdruck der Sterbeurkunde über das Druckmodul in Bauchhöhe erfolgte sogleich.
Der Roboter versuchte ein bedauerndes Gesicht zu machen. Mangels Übung in der Mensch-Roboter-Kommunikation wurde jedoch eher ein unverschämtes Grinsen daraus. „Haben die noch immer nicht den Programmfehler korrigiert“, dachte sich Schwester Anand Lila und veränderte die Mundstellung des Roboters mittels händischer Eingabe am Display. Das war zwar mühselig, aber wenigstens erfolgreich. Jetzt zeigte der Roboter die vorschriftsmäßige Stellung der Mundwinkel nach unten, wie bei einem Menschen, der großes Bedauern zum Ausdruck bringt.
Anand Lila verweilte noch ein wenig am Bett des Verstorbenen und wandte sich dann dem Roboter zu: „Komm, wir gehen ins PUFF.“ Leise und ein wenig feierlich war ihre Stimme. Unverkennbar schwang etwas von Wehmut und Resignation mit ...
Zurück ging es in die Kellergewölbe, wo es die Abteilung PUFF (Programmierung und Feinfokussierung) gab. Der Mitarbeiter dort überprüfte den Roboter sogleich und stellte den Virus Wundiwurz fest. Dieser hatte nämlich ein unbekanntes Programm namens Carlos installiert, welches der Mitarbeiter umgehend löschte.
Wieder war es nicht gelungen ...


Zehn Minuten später war Carlos im Pueblo eingetroffen. Der Dienst verlief wie üblich: Quengelige Gäste, denen es nicht schnell genug gehen konnte, ein plärrendes Kleinkind, das Carlos seinen Schnuller nachwarf, eine zu heiße Nudelsuppe, dazwischen klimperte wenigstens ab und zu ein mageres Trinkgeld. Gelegentlich jemand, der sich für wichtig und reich hielt, und deswegen meinte, bevorzugt bedient werden zu müssen ...
Zufällig hörte Carlos ein Telefongespräch seines Chefs mit, in dem dieser erwähnte, dass heute eine Demonstration der Cyborgs im Regierungsviertel angesagt war. Da wollte Carlos nicht fehlen und bemühte sich nach Dienstschluss sofort hin. Zwar hatte er als Oldie streng genommen unter Cyborgs nichts zu suchen, aber er tat es um der Abwechslung willen. Außerdem wurde man als Außenstehender bei einer Cyborgdemonstration selten angefeindet, höchstens mit geringschätzigen Blicken bedacht. Bei Mutanten war das ganz anders. Diese konnten ohne weiteres auch aggressiv werden.
Carlos stellte sich in eine Nebenstraße zwischen einen Imbissautomaten und eine künstliche Kiefer. Hier störte er niemanden, konnte in Ruhe eine Limonade trinken und vor allem: Es duftete, was selten genug war in Haikiki.
Als Redner wurde soeben ein Schauspieler namens Attila vorgestellt. Mit professioneller Geste bemächtigte sich dieser des Mikrofons und sprach hinein: „Schönen guten Tag. Ich frage mich – nein, ich frage uns alle: Was hat eine Versammlung von Cyborgs der Öffentlichkeit zu sagen? Wozu haben wir uns heute hier eingefunden, wenn nicht, um unsere wohlverdiente Anerkennung durch die Gesellschaft einzufordern?
Sind wir nicht die Speerspitze der Evolution? Wer hat den Fortschritt vorangetrieben? Neue Behandlungsmethoden in der Medizin, technische Errungenschaften, auf welchem Humus sind sie gediehen? Na also! Und wie dankt man es uns ...?
Pausenlos sind wir Kritik ausgesetzt. Privilegien!, so kreischen die, die das Leben in die Sackgassen der Evolution gestellt hat. Das ist ungerecht. Nehmen Sie mich als Beispiel. Bis vor wenigen Jahren war ich ein unterbezahlter Nachwuchsschauspieler, der in Wirklichkeit die ganze Zeit faul im Stadtpark herumgehangen hat. Aber dann gab mir das Leben eine Chance. Und heute bin ich ganz oben. Wenn andere weniger leisten, darf das nicht zu meinem Nachteil sein.
Allerdings sehe ich auch drohende Wolken über unsere Gesellschaft heraufziehen: die Androiden. Einerseits kennen wir das tatsächliche Potenzial dieser Technologie noch nicht und andererseits haben wir keine Ahnung, wie wir diese kontrollieren werden. Also bin ich froh, dass die Androiden angeblich immer noch im Versuchsstadium sind.
Gerüchteweise sollen diese sogar von den Mutanten als Geheimwaffe gegenn uns Cyborgs für den Fall des Falles entwickelt worden sein. Wir dürfen gespannt sein, was die Zukunft bringt.“
Aufmerksam hörte Carlos zu. Da trat von hinten Waltraud heran und fädelte ihn wie Wolle auf. Sie begann an der linken Ferse und hörte am Kopf auf. Mit dem Knäuel frischer Wolle strickte sie sich den Herbst über einen Pullover. Der folgende Winter war hart, aber Waltraud war nicht mehr kalt.
Weil aber das Strickmuster nächstes Jahr nicht mehr in Mode war (man ging wieder mehr zu den bewährten klassischen Karomustern über), trug sie ihren Pullover in das Städtische Sozialamt. Dort nahm ihn Willi in seiner Rolle als Sozialhelfer entgegen. Es traf sich gut, dass im Nebenzimmer ein strahlengeschädigter Landstreicher auf Verpflegung und, wenn möglich, neue Kleider wartete. Mit besonderer Vorsicht auf sein zerfressenes Gesicht zog der Landstreicher freudestrahlend sein neues Kleidungsstück über. Sich überschwänglich bedankend verließ er das Amt. Wie beruhigend, dass es noch selbstlos helfende Menschen gab ... Men-schen ...?? Cyborgs ...?? Mutanten ...?? Einerlei, Hauptsache, es war ihm nicht mehr kalt.


Bei Einbruch der Nacht zog sich der Landstreicher wie gewohnt auf eine der Parkbänke im Stadtpark zurück. Aber diesmal erwartete ihn eine besondere Nacht. Sie begann mit unheimlichen, wirren, von Schandmasken handelnden Träumen, an deren Inhalt er sich später nicht mehr erinnern konnte. Ruhelos wälzte er sich hin und her. Unglücklicherweise steigerten sich die Träume. Im Laufe der Nacht wurden sie so heftig, dass er stöhnte und ächzte. Zuletzt schlafwandelte er sogar. Er stand auf und torkelte seltsame Laute ausstoßend durch halb Haikiki.
In der Herrengasse war es dann so weit. Unter irrsinnigen Schmerzen verzerrte sich sein Gesicht, sein Leib bäumte sich auf. Die Proportionen seines Körpers veränderten sich, unter der Haut kamen dicke Wülste zum Vorschein und verschwanden wieder. Die Extremitäten drehten sich grotesk, während sie einmal länger, dann wieder kürzer wurden; es war kaum zu beschreiben. Die Szene wirkte, als breche ein anderes Wesen mit aller Macht aus seinem Körper hervor. Kein Zweifel, er verwandelte sich ...
Teilnahmslos beschien der Vollmond die skurrile Szene. Die Schreie des Landstreichers tönten minutenlang weithin durch den Park und die angrenzenden Häuserschluchten ... Wer immer den Unglücklichen in dieser Nacht gehört hatte, wünschte sich, diese markerschütternden Schreie seien nur Einbildung gewesen. Zuletzt ging der Landstreicher (war er es überhaupt noch?) in die Knie, schlug die Hände vor das Gesicht und fiel mit einem grausigen Wimmern vornüber auf das Kopfsteinpflaster. Dann gab er keinen Laut mehr von sich ...
Als der Morgen graute, lag Carlos am Boden der Herrengasse und wunderte sich ein wenig. Eine gute Stunde später servierte er wie alle Tage im Pueblo.
Wie jeden Tag trat Carlos um 13.30 Uhr seine Mittagspause an. Diesmal wollte er die halbe Stunde, die ihm zur Verfügung stand, im Zentralpark verbringen. Es war Frühling und die Blumenimitate, die die städtischen Gärtnereiroboter so emotionslos eingepflanzt hatten, standen in voller Pracht.
Je weiter Carlos in dieses Meer künstlicher Frühlingsblumen ging, desto mehr versank er darin, so als würde er in einen See waten. Zuerst verschwanden die Füße, dann die Beine. Wenig später reichte ihm die Wiese bereits bis an die Brust. Und wieder zwei, drei Augenblicke später war er gänzlich verschwunden. Keiner hatte es gesehen; niemand hätte davon berichten können ...
Im nächsten Jahr wurden an dieser Stelle des Parks bislang unbekannte Blumen gesetzt. Sie hatten violette Blüten mit einem schwarzen Rand, so als würden sie Trauer tragen. Auch verströmten sie einen eigentümlichen Duft, der jeden, der zu lange daran roch, in Melancholie versetzte.


Eines Tages kam Anand Lila des Weges und fand Gefallen an diesen seltsamen Gewächsen. Sie pflückte einen Strauß und stellte diesen in der Mission in die Vase direkt unter die Statue der Göttin Nammak im Meditationsraum.
Als Oscar am nächsten Morgen wie gewohnt meditierte, sendeten die Blumen, die er noch nie gesehen hatte, eine gewaltige Menge Blütenstaub aus. Der Staub schillerte in allen Farben. Es dauerte nicht lange, da verdichtete er sich und nahm die Gestalt von Carlos an.
Dieser sagte lachend: „Guten Morgen, Oscar. Ich denke, ich habe mich jetzt lange genug unauffällig benommen. Lass uns nach Süden aufbrechen.”
Oscar war einverstanden. Von Natur aus Abenteurer war er des beschaulichen Lebens in der Mission ohnehin im Grunde überdrüssig. In Wahrheit versprach er sich von dieser Schatzsuche nicht mehr als ein wenig willkommene Abwechslung, aber das genügte ihm.
Bald stellte sich heraus, dass der Schatzplan schwer zu finden sein würde. Es begann damit, dass sich Carlos trotz aller Bemühungen nicht erinnern konnte, wo er diesen verwahrt hatte. Im Aschram fand er sich jedenfalls nicht. Am ehesten kam noch Carlos‘ Mansarde in Frage. Diese war bestimmt schon lange von Marcos‘ Agenten durchsucht worden, aber irgendwo mussten Carlos und Oscar weitersuchen. Also auf!
Im Nu hatten Oscar und Carlos ihre wichtigsten Habseligkeiten in zwei bequeme Rucksäcke verstaut, dann ging es los. Sie drückten sich im Hausgang an der Küche vorbei, in der gerade Smutje stand und seinen Linseneintopf für heute Mittag zubereitete. Ohne sich zu verabschieden verließen sie die Mission unbemerkt über den Hinterausgang.
Gegen Nachmittag waren sie in die Nähe von Carlos‘ Haus gekommen. Da sie vorsichtig sein wollten, gingen sie zuerst einmal die Straße hinauf und wieder hinunter. Dabei beobachtete Carlos in seiner Wohnung die Silhouette eines Mannes mit Hut, der zeitweise einen Blick auf die Straße warf. Wenig später betraten sie das Stiegenhaus. Um ihre Identität nicht jedem Hausbewohner, den sie zufällig treffen würden, preiszugeben, stellten sie die Krägen ihrer Staubmäntel auf. Ansonsten unternahmen sie keinen Versuch, unauffällig zu sein, etwa sich besonders leise zu verhalten. Kurz vor der Wohnung nahmen sie Schritte hinter der Tür wahr. Plötzlich verstummte das Geräusch ...
Carlos nahm seinen Schlüssel und sperrte die Wohnung auf. Niemand war da! Auf dem Kopfpolster seines Bettes entdeckte Carlos eine voll erblühte schwarze Rose. Aha, der Tod war in der Zwischenzeit gekommen und hatte die unbekannte Frau, die er von der Straße geholt hatte, mitgenommen. Sonst war nichts auffällig in der Wohnung. Nur vor dem Spiegel in der Waschecke lagen Kleider, die noch ganz warm waren, so als seien sie bis vor kurzem noch getragen worden.
„Was jetzt?”, fragte Oscar ratlos.
Carlos warf zufällig einen Blick in den Spiegel. Er zeigte eine Herrentoilette auf dem Bahnhof, auf deren Boden das ominöse Papier mit dem Schatzplan lag. Rasch verließen sie die Wohnung und eilten Richtung Bahnhof. Zwanzig Minuten später trafen sie in der Toilette ein. Zum Glück lag das Papier noch da. Hastig nahm Carlos den Plan an sich. Der erste Hinweis war ein Pfeil in Richtung Süden. Also auf nach Süden ...!


Stundenlang drückten sie sich von einer Straße zur nächsten, zwischendurch machten sie im Schatten eines Hauseinganges kurze Rast, immer den Süden vor Augen. Hackenpfortgasse, Sandplatz, Missionsweg, Handelskai ..., nie gehört. Stets waren sie bemüht, nicht aufzufallen. Bald jedoch kamen sie zu dem Schluss, dass es zu Fuß einerseits nicht rasch genug gehen würde und andererseits die Gefahr der Entdeckung zu groß war. Sie beschlossen, es mit der U-Bahn zu versuchen.
In der ersten Nebengasse der Viereichenstraße kletterten Oscar und Carlos über eine rostige Feuerleiter, die sie möglichst rasch zur nächsten U-Bahn-Station bringen sollte. Während sie dort auf die Bahn Richtung Süden warteten, entdeckten sie einen Steckbrief auf den Fliesen an der Wand ihnen gegenüber. Zwei Fotos, eines mit dem Gesicht Oscars, das andere mit dem Carlos‘ hingen dort: „Gesucht. Tot oder lebendig. Belohnung je 1500,-- Hd.”
Je 1500 Haikiki-Drachmen hatte man also ausgesetzt. Da meinte Carlos achselzuckend: „Für einen Mörder ist das Doppelte üblich. Die sollen nicht so knausern.“
„Jedenfalls ist mir jetzt klar, dass aus unserer Reise inzwischen eine Flucht geworden ist“, entgegnete Carlos. „Das heißt, wir müssen noch vorsichtiger sein. Bestimmt wird es Cyborg-Kopfgeldjäger geben, die sich angestachelt fühlen.“
Glücklicherweise war niemand auf dem Bahnsteig, außer ein paar verwahrlosten Bettlern und einigen wenigen Drogensüchtigen aus dem Mutantenmilieu. Von denen kümmerte sich keiner um sie. Vielmehr waren sie selbst froh, wenn man sie nicht zu sehr musterte.
Als die Bahn nach einer Viertelstunde kam, kletterten Carlos und Oscar auf das Dach und fuhren dort neun Stationen mit. Es war schon Nachmittag, und die Stoßzeit stand noch bevor. Nach der U-Bahn ging es wieder zu Fuß weiter. Vorsichtig wichen sie einem Polizeihubschrauber aus, der in geringer Höhe die Straßen absuchte. Da fiel Oscars Blick auf einen halb geöffneten Kanalisationsdeckel. Das brachte ihn auf eine Idee.
„Die Kanalisation!“, rief er, „Da wird uns keiner vermuten.“
Als für kurze Zeit die Straße menschenleer war, stiegen sie in den Kanal hinunter. Nachdem Carlos den Deckel hinter ihnen geschlossen hatte, schalteten sie ihre Taschenlampen ein. Eine seltsame, ungemütliche Welt tat sich vor ihren Augen auf. Labyrinthartig zogen sich die Gänge durch das Erdreich von Haikiki. Und bestialisch stank es obendrein. Wasser tropfte von den Wänden auf den glitschigen Boden herunter. Zum Glück befanden sie sich in einem der größeren Gänge mit einem Steig rechts an der Wand, den sie zum Gehen benützen konnten. Daneben war die Rinne mit dem Abwasser. Die zwei Flüchtlinge kamen sich vor wie in der Unterwelt. Da und dort huschte eine Ratte aus dem Scheinwerferkegel ...
Doch bald machten sie die Entdeckung, dass die Orientierung ungemein schwierig war. Gelegentlich versuchten sie sich an einem Ausgang zu orientieren, aber es gab kaum einen, an dem sich nicht ein Polizeihilfsroboter aufgehalten hätte. So gut war die Idee doch nicht gewesen. Also, nichts wie raus!
Auf der nächstbesten Leiter stiegen sie nach oben. Als Carlos vorsichtig den schweren, gusseisernen Deckel hob, dröhnte ihnen die lautstarke Geräuschkulisse einer Menschenansammlung entgegen. Sie befanden sich am Rande einer Demonstration der Mutanten. Erfreulicherweise blieben sie unbemerkt, als sie dem Kanal entstiegen.
Sie gesellten sich am Rande zu der Menschenmenge. Auf handgeschriebenen Transparenten stand zu lesen: „Weg mit den Privilegien der Cyborgs“ und ähnliche Parolen. Irgendwer drückte ihnen im Vorübergehen einen Prospekt in die Hand. Carlos las die Überschrift: „Evolutionstheorie, die Religion der Reichen und Mächtigen! Grundlegender Irrtum mit fatalen Konsequenzen.“
Unmittelbar neben Carlos stand ein Mädchen im Kindergartenalter und zog seine Mutter am Rock. Dabei deutete es gelegentlich auf seine Nase. Ihre Mama gab ihr zu verstehen, sie möge still bleiben. Sie blickte nach vorn, wo sich gerade der nächste Redner vom Moderator seinen Rollstuhl hinter das Mikrofon schieben ließ. Dieses ergriff er mit der linken Hand, die rechte hing schlaff herab.
Nach einem ausgiebigen Räuspern bemühte sich der alte Mann redlich, die allgemeine Geräuschkulisse zu übertönen: „Tag für Tag höre ich euren Unmut, liebe Freunde. Die Cyborgs werden immer unverschämter und rücksichtsloser in ihren Forderungen. Wir müssen uns zunehmend damit auseinandersetzen, denn die Gruppe der Oldies als Puffer zwischen uns und den Cyborgs wird in längstens einer Generation verschwunden sein.
Die logische Folge ist eine für uns unerträgliche Polarisation Haikikis. Auf der einen Seite einige wenige Cyborgs, die Reichen, die Mächtigen und auf der anderen wir, die weitaus überwiegende Mehrheit von Mutanten. Soviel zur prinzipiellen Lage. Dass wir diese weder hinnehmen können noch wollen, ist klar.
Die Cyborgs rechtfertigen ihren Luxus mit auf den ersten Blick rationalen Argumenten, vor allem dem Leistungsprinzip und der Evolutionstheorie. Allerdings entpuppen sich diese bei näherer Betrachtung als Fundamente einer säkularisierten Religion. Vor allem wird dabei vergessen, das dasselbe System, dem die Cyborgs ihre herrschende Stellung verdanken, nach einer gnadenlosen Automatik Armut, Elend und Hunger auf breiter Basis produziert. Ein Gewinner – zehn Verlierer.“
Die Kleine neben Carlos hielt inzwischen ein Stück ihrer Nase in der Hand. Energisch zog sie ihre Mutter am Rock: „Mama ...!“
„Ja, liebe, Freunde“, so fuhr der Redner fort, „ich finde es auch Scheiße, wie sich die Cyborgs aufführen. Dazu kommt noch die heraufziehende Gefahr durch die Androiden. Man kann sie nicht kontrollieren, das ist das Problem. Selbst besorgt über die Dämonen, die sie entfesseln könnten, haben die Cyborgs durch ihre Propaganda vorgesorgt, dass man uns verantwortlich machen wird, sollte etwas schief gehen.
In dieser Situation habe ich Verständnis, wenn manch einer unter uns nach einer radikalen Lösung drängt, selbst wenn das Waffengewalt bedeutet. Aber trotzdem müssen wir verhindern, dass der offene Konflikt ausbricht. Haikiki hat gerade eine bewaffnete Auseinandersetzung hinter sich und noch sind nicht alle Wunden geheilt.
Bewahren sie also die Ruhe, zuerst müssen wir die diplomatischen Schritte ausschöpfen.“
Damit übergab er das Mikrofon wieder dem Moderator der Veranstaltung. Nachdem der mäßige Applaus verklungen war, informierte dieser: „Meine Damen und Herren! Besten Dank für diese Wortmeldung. Begrüßen Sie nun mit mir unsere musikalischen Gäste, die No-Future-Band aus Hongotau. Freuen wir uns auf ihren neuesten Hit: „Du bist viel zu kurz geraten“. Wenn ich bitten darf ...“
Zehn oder zwölf männliche Jugendliche begaben sich unter allgemeinem Beifall in das Zentrum des Geschehens. Ohne Barmherzigkeit droschen sie annähernd rhythmisch auf selbst gebastelte Perkussionsinstrumente ein und verursachten damit zusammen mit einem Synthesizer schauerliche, leicht dämonische Klänge.
Offenbar machten sich die Demonstranten Mut mit dieser Musik. Ein wenig abseits standen zwei Abteilungen, also rund fünfzig Mann, Cyborgpolizisten mit unbeweglicher Miene. Einige steckten sich mit verächtlicher Miene Watte in die Ohren. Sie warteten auf den Befehl, die Demonstration zu zerschlagen.
Das konnte Carlos und Oscar gefährlich werden! Man wusste nie, wozu fanatisierte Mutanten fähig waren. Gerüchteweise vernahm man die unerfreulichsten Geschichten. Das ging bis zu Kannibalismus. Aber das konnte auch wieder übertrieben sein. Und überdies – sollten die Polizisten eingreifen, wäre im Nu die Hölle los. Möglichst unauffällig verdrückten sich die zwei Flüchtlinge in die nächste Quergasse, bevor die Leute merkten, dass es sich nicht um harmlose Kanalräumungs-Mutanten handelte.
Jetzt waren sie schon wesentlich näher an den Stadtrand gelangt. Da sahen sie zufällig wieder ihre Fotos an einer Hauswand angeschlagen: „... Belohnung je 3000,-- Hd.”
„Aha, wir sind im Wert gestiegen”, sagte Carlos grinsend.
„Achtung!”, erwiderte Oscar und zog Carlos schnell in einen Hauseingang, denn aus der Gasse rechts näherten sich Polizei-Hilfsroboter. Ein schneller Blick in die Runde belehrte sie, dass es nicht ratsam war, die Straße weiter zu benützen. Es wäre wohl besser, sie probierten einen anderen Weg. Möglichst ohne Geräusch schlichen sie durch den Korridor des Hauses und betraten den Hinterhof. Dieser war auf der rückwärtigen Seite durch einen windschiefen, kaum mannshohen Bretterzaun mehr symbolisch als wirklich abgeschlossen. Noch während sie sich umsahen, bemerkten sie in der einen Ecke einen Hundezwinger. Jetzt begannen die beiden Schäferhunde darin zu bellen.
„Schnell, der Zwinger ist offen”, warnte Oscar.
So rasch sie konnten, liefen sie zum Bretterzaun. Oscar bezwang den Zaun mühelos, doch Carlos blieb mit seinem Jutesack einen Augenblick hängen. Das genügte bereits, um den morschen Zaun einfallen zu lassen. Die Hunde waren inzwischen dem Zwinger entkommen und liefen ihnen hinterher.
An den Zaun schloss sich eine schmale Seitengasse an, flankiert von den typischen Häuserzeilen der Mutantenviertel. Die Gasse mündete in eine breite Hauptstraße, die menschenleer war. Der Seitengasse, aus der sie gekommen waren, gegenüber prangte an der Häuserfront wieder ihr Steckbrief: „... Belohnung je 5000,-- Hd” ...
Ein paar leere Gemüsedosen rollten im Wind des späten Nachmittags und gaben ein blechernes Geräusch von sich. Da und dort war ein Autowrack am Fahrbahnrand abgestellt. Fenster mit eingeschlagenen Scheiben grinsten mit der schonungslosen Hässlichkeit eines zahnlosen Mundes. Die Gegend war dem Verfall preisgegeben.
Noch während Carlos und Oscar auf der Straße standen und sich mühsam orientierten, waren die Hunde bis auf wenige Meter herangekommen. Doch was war das?! Statt erwartungsgemäß die Männer anzufallen, blickten sie die Straße hinunter, begannen zu winseln und zogen sich zurück.
„Was haben die Hunde, was ist mit dieser Straße?”, fragte Carlos. Er wagte kaum, laut zu reden.
„Ich habe ein ganz flaues Gefühl”, erwiderte Oscar.
Da sahen sie plötzlich, wie rund siebzig Meter vorne links ein Polizeiwagen vorsichtig pirschend aus einer Nebenstraße fuhr. Es war Fritz Candidy in seiner Rolle als Polizeiwagen. Die beiden Flüchtlinge drückten sich sofort nach links in die nächste Querstraße und lugten vorsichtig um die Ecke. Jetzt kam der Polizeiwagen langsam die Straße entlanggefahren, wobei er ständig mit der Schnauze am Boden herumschnüffelte. Es würde nicht mehr lange dauern und er würde ihre Fährte erschnuppert haben ...
Da versteinerten Carlos und Oscar zu einer Litfaßsäule. In diesem Moment nahm der Wagen ihre Spur auf. Er stieß ein Furcht erregendes „Grrrrrrrr” aus, das durch das Echo noch verstärkt wurde. Dabei entblößte er eine Doppelreihe Haifischzähne unter der Motorhaube.
Er raste um die Ecke – niemand zu sehen. Nur die beiden Litfaßsäulen gaben einen komischen Geruch von sich ... Die längste Weile schnüffelte der Polizeiwagen Fritz Candidy herum, ohne Erfolg. Da er gerade musste, hob er bei der Litfaßsäule Carlos das linke Hinterrad und hinterließ eine Lache alten Motoröles. Anschließend drehte er wieder ab und fuhr auf die Hauptstraße hinaus. Puhhhh – das war noch einmal gut gegangen.
Und jetzt – nichts wie weg! Da stieß Oscar mit seinem Fuß an eine leere Dose, sodass sich ein helles, durchdringendes Geräusch in der leeren Häuserzeile brach. Sofort hörten sie, wie der Polizeiwagen um die Ecke aufheulte und mit quietschenden Reifen eine Kehrtwendung machte. Diesmal stellten sich Carlos und Oscar als Kleiderpuppen in ein Schaufenster.
Fritz Candidy in seiner Rolle als Polizist kam um die Ecke. Ha!, wo waren die beiden Litfaßsäulen ...?! Hatte er doch gewusst, dass etwas nicht geheuer war ... Aber soviel er auch suchte und am Boden schnüffelte, er entdeckte niemanden. Da schlenderte er, ein lustiges Liedchen trällernd, zurück um die Ecke. So leicht war er nicht auszutricksen, er würde seine zwei Pappenheimer schon noch kriegen ...!
Kaum war Candidy um die Ecke verschwunden, traten die beiden gewieften Flüchtlinge aus dem Schaufenster und setzten ihre Flucht fort. Allerdings bemerkten sie nicht die leere Dose französischer Zwiebelsuppe, die in ihrem Rücken aus der Ecke auf die Straße rollte, hinter der Candidy verschwunden war. Es war Candidy in seiner Rolle als leere Dose Zwiebelsuppe. Als er die eilenden Männer sah, lief er ihnen gestikulierend nach und blies kräftig in seine Pfeife. Nicht, dass ihn hier jemand gehört hätte, aber er war eben so begeistert ...
Carlos und Oscar liefen, als ginge es um ihr Leben. Und in der Tat! Wenig später flog ihnen Fritz Candidy in seiner Rolle als Polizeihubschrauber nach und eröffnete das Feuer aus einer Maschinenpistole: ratatatatata ... Die Geschossgarbe hackte um Haaresbreite an Carlos vorbei, der sich nur durch einen Sprung auf die Seite retten konnte.
Aber da stand plötzlich die Zeit still. Eine Hand kam aus dem Nichts, ergriff den Hubschrauber und warf ihn an die nächste Hauswand wie ein Stück Kaugummi. Ein bisschen davon klebte aber an den Fingern, so dass die Hand aus dem Nichts sich an einem Kirchturm abwischen musste. Von ferne dröhnte es nach „Wähhh” ... Dann ging die Zeit wieder weiter.
Doch Fritz Candidy war keiner, der so schnell aufgab. Den Revolver in der Rechten pirschte er die Straßenzüge auf und ab. Die zwei Gesuchten hatte er vorläufig aus den Augen verloren. Weil aber die Jagd anstrengend war, setzte er sich zwischendurch auf eine von zwei Bänken am Rande einer Allee. Schließlich waren es die einzigen zwei Bänke weit und breit ... Halt, da kam ihm ein Verdacht ...! In seiner Rolle als Lastwagen transportierte er kurzerhand die zwei Bänke ab in Richtung nächstbestes Sägewerk ...
Aber Carlos und Oscar gaben sich mitnichten geschlagen. Während Candidy durch den Rückspiegel sah, was seine zwei Bänke wohl machten, sah er zwei Flöhe, die während der Fahrt von der Ladefläche sprangen. In seiner Rolle als überdimensionaler Staubsauger näherte sich Fritz Candidy wieder und war hinter den Flöhen her. Diese bogen um eine Ecke. Als auch Candidy um die Ecke kurvte, flogen vor ihm zwei Spatzen durch die Luft. Sofort folgte er ihnen in seiner Rolle als schwarzer Adler. Da erspähten aber die Spatzen ein Loch in einem Fensterverschlag, durch das sie in ein schützendes Haus fliegen konnten. Wummms!! - der Adler Candidy krachte auf die Bretter des Verschlages und rutschte mit zerrupften Federn auf den Bürgersteig. Dort gab er zähneknirschend eine Reihe unanständiger Wörter von sich.
Nach einigen Minuten verdächtiger Stille verließen Carlos und Oscar auf Zehenspitzen das Haus. Candidy, der in seiner Rolle als Hydrant bewegungslos und gut getarnt auf sie gewartet hatte, folgte ihnen auf dem Fuß. Die Flüchtenden begannen zu laufen, sie bogen links um die Ecke. Da sah Carlos ein Werbeplakat auf der Wand, das einen neuen Wagen zeigte, der in Richtung Meer fuhr.
„Komm, rasch!”, rief er Oscar zu. Dann sprangen beide in den Wagen und fuhren auf dem Plakat davon. Fritz Candidy hatte das Nachsehen. Trotz erheblicher Atemnot schimpfend stand er vor dem Plakat. Wenigstens wusste er, in welche Richtung die beiden flüchteten.
Nachdem er einigermaßen verschnauft hatte, ging er zum nächsten Telefonautomaten und speiste die Meldung über seinen Misserfolg ärgerlich in das allgemeine Spinnennetz der Information ein.
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BeitragVerfasst am: 04.03.2008, 17:51    Titel: Antworten mit Zitat

Es war an einem der zahllosen einsamen Abende, an denen Katharina in ihrem Bett lag. Nur heute war es früher als üblich, da sie an einer schweren Grippe litt. Um dem Halsweh entgegenzuwirken, hatte sie sich ein blaues Wolltuch umgebunden. So lag sie, zusätzlich gestärkt durch allerlei Arzneien, mit hohem Fieber im Bett und träumte vor sich hin ...
... In ihrem Traum sah sie Agentin Dora 3 bei Marcos. Dora stellt ihn gerade wegen der Dokumente, die sie neulich bei ihm gefunden hatte, zur Rede.
„Marcos”, so begann sie, „was ist an diesen Experimenten dran?”
„Wozu möchtest du das wissen?”
„Glaubst du nicht, dass ich ein Recht auf Identität habe?”
„Also gut, komm mit”, forderte Marcos sie auf. Er führte sie in den Keller in Räumlichkeiten, in denen Dora noch nie gewesen war. Sie hatten den Charakter eines Luftschutzbunkers: Räume, die irgendwie alle gleich aussahen, Gänge, die sich labyrinthartig verzweigten, unverputzte Betonwände, nackte Glühbirnen, die an ihren Kablen von der Decke hingen usw.
Wegen der äußerst mangelhaften Beleuchtung war nicht viel zu erkennen, außer dass es überall staubig war. Manchmal tauchten Schränke, Truhen oder anderweitige Objekte aus dem Dunkel auf.
Marcos erklärte Dora: „Was hier so achtlos gelagert wird, war für Gedeih und Verderb Haikikis wichtiger als alles, was die Öffentlichkeit je über die Massenmedien erfahren hat. Hier werden die wirklichen Geheimnisse Haikikis gehütet. Und deren gibt es wahrlich viele.“
Nachdem sie eine Weile durch die verborgenen Gänge und Räume gegangen waren, führte Marcos Dora in ein Abteil, das er mit einem speziellen Schlüssel aufsperrte. Mitten in altem, verstaubtem Plunder, der an sich unauffällig war und in jedem Keller hätte lagern können, standen zwei Polizeihilfsroboter vor einem Kasten. Marcos rief den Robotern zwei codierte Befehle zu. Daraufhin setzten sie sich in Bewegung und öffneten die Schranktüre. Dora glaubte ihren Augen nicht zu trauen – die Prototypen Dora 1 und Dora 2 starrten sie ausdruckslos an.
„Das sind deine zwei Vorgängerinnen. Aber ich kann dich trösten. Du bist auch nur eine Vorgängerin in einem Experiment. Vielleicht werden wir mit Dora 4 den vollen Erfolg haben. Aber dann bist du auch schon in diesem Kasten. Und nun zu uns beiden, mein Täubchen”, sagte Marcos mit drohendem Unterton.
Auf einen Wink hin ergriffen die Roboter Dora, die sich verzweifelt wehrte – umsonst. Gewaltsam öffneten sie ihr die Beine. Marcos zog ihr den Slip aus und betrachtete gierig ihr geöffnetes Geschlechtsteil. Betont langsam entledigte er sich seiner Hose; er weidete sich an ihrer Angst. Dann vergewaltigte er sie brutal. Immer wieder stieß er ihr sein Glied hinein, so weit es nur ging. Als er fertig war, griff er ihr an die Gurgel und drückte genießerisch den Hals zu. Da veränderten sich plötzlich Doras Gesichtszüge. Sie sah jetzt aus wie Katharina ...
Hustend erwachte Katharina. Ihr Halstuch hatte sich verknäuelt und sie beim Atmen behindert. Jedenfalls wusste sie jetzt, welchen Auftrag sie demnächst Marcos erteilen würde. Aber es musste bald geschehen, denn übermorgen sollte sie den Vorsitz des Collegiums turnusmäßig abgeben.


Hände griffen zu Telefonen, wählten Nummern. Stimmen murmelten über den Äther von einem Funkgerät zum anderen, Botschaften wurden übermittelt, teilweise dabei verstümmelt. Gerüchte und Vermutungen entstanden, verdichteten sich oder wurden wieder aufgelöst. Die Balance zwischen Heil und Unheil verschob sich auf der Oberfläche des schwingenden Spinnennetzes der Information ...


Katharina, Hagen, der Deutsche und Waltraud saßen im Zimmer 797. Der Deutsche sagte gerade zu Katharina: „Das Würfelritual ist zu deinen Ungunsten ausgefallen.“
„Aber das hat nicht viel zu sagen“, ergänzte Waltraud.
„Äh, wie bitte?“ hakte Katharina nach.
Hagen grinste höhnisch, während er antwortete: „Das Ritual gilt in erster Linie für das Volk. Sag bloß, du hast das noch nicht bemerkt. Unsereiner ist nicht so dämlich und lässt sein Schicksal von zwei Würfeln abhängen. Das wäre ja wohl lächerlich.“
Waltraud fuhr mit stoischer Miene fort: „Und deswegen haben wir uns Folgendes überlegt. Alfreda erhält unseren offiziellen Auftrag, dich zu erschießen, allerdings wird sie Platzpatronen verwenden. Du tust so, als seiest du getroffen, eine mit Blutfarbe präparierte Weste, die im rechten Moment in der Herzgegend aufplatzt, wird dir helfen. Wenn du dann ein paar Minuten reglos am Boden gelegen bist und wir die Szene publikumswirksam gefilmt haben, bringen wir dich weg. Reiß dich eben zusammen, damit dir nicht das Lachen auskommt.
Im Hafenviertel wirst du einige Jahre mit einer anderen Identität leben. Wenn ausreichend Gras über die ganze Geschichte gewachsen ist, holen wir dich wieder in das Collegium zurück. In der Zwischenzeit wirst du eben ersetzt. Auf diese Weise ist offiziell dem Ritual Genüge getan worden und im Grunde ist nicht wirklich was passiert.“
Katharina dachte einen Augenblick nach. Dann wollte sie wissen: „Was ist, wenn ihr mit der Person, die mich ersetzen wird, mehr Spaß habt? Wenn sie geistreicher, origineller oder noch besser, erfindungsreicher in Sachen Intrigen des erhabenen Collegiums ist?“
Hagen antwortete achselzuckend: „Dann hast du eben Pech gehabt und bleibst Zimmermädchen, Kellnerin oder was weiß ich, bei den Matrosen auf Landurlaub. Aber so, wie ich die Sache sehe, hast du kaum eine Alternative.“
Katharina überlegte. Sie war in letzter Zeit mit ihren Projekten nicht gerade vom Erfolg verwöhnt worden. Die Agentin Dora in eine Identitätskrise zu stürzen hatte nur mäßigen Unterhaltungswert gehabt. Auch hatte Marcos die Agentin nicht auf die, von ihr, Katharina, gewünschten Art beseitigt. Da sie sich nicht dagegen hatte wehren können litt sie unter einem Autoritätsproblem bei den Collegiumsmitgliedern. Hagen hatte recht, es blieb Katharina in der Tat nichts übrig, als zähneknirschend zuzustimmen.
Nachdem sie und Waltraud das Zimmer verlassen hatte, erteilte Hagen, der Deutsche, Alfreda die nötigen Instruktionen über das Handy. Alfreda befand sich gerade zu Hause vor dem Schminkspiegel. Sie war eine Frau mit beeindruckendem Äußeren und wusste, wie sie diesen Effekt mit wenig Aufwand unterstützen konnte.
Wohlgefällig nahm sie den Auftrag zur Exekution Katharinas entgegen. Nächsten Sonntagmorgen sollte es so weit sein. Während sie ein paar unerwünschte Haare über der Nasenwurzel mit einer Pinzette auszupfte, überlegte sie. Es wäre vielleicht geschickt, rein zur Vorsicht auch eine scharfe Patrone mitzunehmen. Kaum waren die Wangen dezent getönt und die Augenlider schwarz nachgezogen, begab sie sich zum Wohnzimmerschrank. Diesem entnahm sie eine Platzpatrone und eine scharfe. Sie wickelte beide gleich liebevoll in neutrales Papier ein und steckte sie in die linke Brusttasche ihres üblichen Drillichs ...
Sonntagmorgen auf einem Rastplatz am Stadtrand von Haikiki. Alfreda hielt ihren Geländewagen an. Als sie ausstieg hingen ihr reizvoll und fast spitzbübisch zugleich ein paar schwarze Strähnen glänzenden Haares in ihr perfekt geschminktes Gesicht. Extra hatte sich Alfreda die schwarzen Stöckelschuhe, die sie sonst nur für Bälle und derlei offizielle Anlässe verwendete, angezogen.
Ihr Gewehr mit dem Kolben in die Hüfte gestützt ging sie auf Katharina zu, die sie offensichtlich bereits erwartet hatte. Die Delinquentin stand mit dem Rücken zu einer Schlucht, die direkt an die Absperrung am Rande des Rastplatzes anschloss. Von unten hörte man dumpf die Geräusche eines Wildbaches. Über dem gegenüberliegenden Schluchtrand breitete sich in diesen Minuten das letzte Morgenrot aus.
Alfreda kam näher. Sie zündete sich lässig eine überlange Zigarette einer Modemarke an. Anschließend griff sie in die Brusttasche und lud ihre Waffe mit einer der beiden Patronen. Oh, sie hätte sich irgendwie vermerken sollen, welche der beiden die Platzpatrone war, denn diese sah genau gleich aus wie die scharfe! So wusste sie jetzt selber nicht, welche der beiden Patronen sie geladen hatte. Macht auch nichts, so würde es noch ein bisschen spannender ...
Mit einem Blick auf das Gewehr meinte Katharina sarkastisch: „Aha, Alfreda, du gehst auf Elefantenjagd?”
Ungerührt erwiderte diese: „Wie du weißt, Katharina, werde ich jetzt meine Pflicht tun. Du kennst den Spruch der Würfel. Was dir vielleicht unbekannt ist, mag der Umstand sein, dass ich das Urteil auch mit persönlicher Genugtuung erfülle.”
„Ich wünsche dir nicht, dass es dir eines Tages auch so geht wie mir, Alfreda”, gab Katharina zurück. Es sollte ihr nämlich noch erheblich schlechter gehen, aber das verkniff sie sich.
Alfreda erwiderte nichts, denn sie hatte nicht die geringste Lust auf ein Gespräch mit Katharina. Wenn diese der Meinung war, dass eine vorgetäuschte Exekution mit anschließendem Verschwinden im Hafenviertel so ein gräuliches Schicksal sei, dann sollte sie. Unter den Menschen dort würde sie schon eines Besseren belehrt werden. Jedenfalls war diese Sache hier für Alfreda mehr als nur ihre Pflicht. Sie hatte mitverfolgt, wie Katharina gegen Dora intrigiert und zuletzt sogar ihre Ermordung in Auftrag gegeben hatte. Katharina wusste nicht, dass Alfreda mit Dora in die Schule gegangen war und jetzt das Bedürfnis hatte, ihre Schulfreundin zu rächen. Wie schön, wenn man persönliche Interessen mit offiziellen Aufträgen verbinden kann.
Fachmännisch legte Alfreda an, entsicherte und schoss. Die Wucht des Projektils traf Katharina so hart unter der linken Brust, dass sie sich um ihre Achse drehte und rückwärts über die Absperrung fiel. Blut spritzte durch die Luft. Mit einem Aufschrei und nach oben gerissenen Armen versank Katharina in der Tiefe. Dumpf setzte sich das Echo des Schusses noch sekundenlang in der Schlucht fort, bis es endlich verebbte. Aha, dem Anschein nach war es also doch die scharfe Patrone gewesen. Aber ganz sicher war sich Alfreda nicht. Sie nahm die zweite Patrone aus der Tasche und warf sie in hohem Bogen den Abgrund hinunter. Sie tat es ohne weiter nachzusehen, denn sie wollte im Grunde gar nicht wissen, ob sie Katharina tatsächlich erschossen hatte.
Selbst wenn es doch die Platzpatrone gewesen wäre, den Sturz in den über hundert Meter tiefer liegenden Bach mit seiner Unmenge an Granitsteinen würde niemand überlebt haben. Insofern galt Dora als gerächt, Katharina als offiziell und auftragsgemäß beseitigt, und sie, Alfreda, hatte ab nun keine ernst zu nehmende weibliche Konkurrenz mehr im Collegium. Was brauchte der Mensch mehr zum Glück? Positiv denken, ja das bringt‘s ...
Bevor sich Alfreda nach ihrem Wagen umdrehte, warf sie die Zigarette zu Boden, drückte sie mit der Spitze des rechten Schuhs aus und murmelte: „Danke übrigens, Katharina, dass du gekommen bist. Ich hätte das nicht getan.”


Oscar und Carlos standen an der Küste und betrachteten die Schatzkarte. Dem Plan zufolge musste der gesuchte Ort am Rande des militärischen Sperrgebietes im Süden der Insel zu finden sein. Schnell die Karte wieder in Carlos‘ Rucksack verstaut und weiter ging die Flucht. Flucht ...?? Suche...?? Reise ...?? Wer hätte es noch beurteilen können?! Und was sie nicht wussten, war, dass vier Verfolger dicht hinter ihnen waren ...
Als Carlos und Oscar endlich das Sperrgebiet erreicht hatten, stellten sie fest, dass es von Schützengräben durchzogen war, die aussahen wie die Windungen eines Gehirns. Gelegentlich standen ein Wachtturm oder ein Geschütz, halb versteckt hinter Sandsäcken. Dazwischen lag Stacheldraht, so weit das Auge reichte. Tarnnetze schirmten das Kriegsgerät nach oben ab. Soldaten jedoch waren weit seltener zu sehen, was aber nicht zu bedeuten hatte, dass keine da waren. Nebelfetzen lagen über der Gegend, die den unwirklich aussehenden Himmel zeitweise verhüllten. Da bemerkten sie hinter sich ein Unwetter, das sich über dem kilometerweit zurückliegenden Haikiki zusammengeballt hatte ...
Zweihundert Meter entfernt lag die nächste Stellung der Armee unter einem Tarnnetz. Der Lauf eines Maschinengewehrs zeigte zwischen Steinen und einem Büschel Plastikgras in Richtung Oscar und Carlos. Das schier unbewegliche Gesicht des Soldaten dahinter war unter seinem Stahlhelm kaum zu erkennen. Schwarze Farbe, der Vorschrift folgend ungleichmäßig aufgetragen, verwischte die Konturen. Der Soldat hielt seinen rechten Zeigefinger am Abzug. Er wartete auf den Befehl ...


Wütend fegte ein Sturm durch die Straßen Haikikis und riss alles mit, was nicht niet- und nagelfest war. Ein sintflutartiger Regen ergoss sich aus pechschwarzen Wolken, die binnen Minuten den Himmel mitten am Nachmittag verfinstert hatten. Blitze zuckten in unregelmäßigen Abständen. Sie zerrissen für Sekundenbruchteile die zunehmende Finsternis und tauchten Haikiki in ein unwirkliches Licht. Der öffentliche Verkehr kam zum Erliegen, wer immer irgendwie konnte, vermied es, außer Haus zu gehen.
Aber das Schlimmste war das Erdbeben, das zwanzig Minuten nach Ausbruch des Gewitters Haikiki heimsuchte. Dabei fing es relativ harmlos an. Die erste Welle verursachte nur schaukelnde Lampen, wackelnde Gläser und ein paar verschreckte Omas. Doch die Erdstöße hörten nicht auf. Ganz im Gegenteil! In kürzeren Abständen und mit zunehmender Wucht kamen sie! Binnen Sekunden bekamen die Wände Risse und die baufälligen, verlassenen Fabriken am Stadtrand stürzten mit Getöse ein. Der siebte oder achte Stoß brachte bereits mit apokalyptischer Kraft ganze Häuser zu Fall. Meterbreite Risse taten sich im Boden auf, Abgründen gleich, Menschen, Autos, Bäume ohne Unterschied in sich verschlingend. Grelle Blitze teilten für Bruchteile von Sekunden den Himmel und sorgten damit für gespenstische Beleuchtung. Schreiend rannten die Leute, in den Händen oft nur die wenigsten Habseligkeiten, keiner wusste, wohin. Familien wurden getrennt, weinende Eltern verloren im aufkommenden Chaos ihre Kinder ...
Mitten in diesem endzeitlichen Szenario öffnete Waltraud im Majestic das Fenster des Zimmers 797. Drohend ballte sie die Faust zum Himmel und kreischte lautstark: „Und du da oben, du willst unser Gott sein? Du gibst vor uns zu lieben und schickst uns solches Unheil? Was für eine Sauerei! Du meinst wohl, du könntest dir alles erlauben, nur weil du Gott bist! Aber ich sage dir: Entweder es gibt dich nicht, oder du bist böse! Warte nur, wenn ich komme, mit dir habe ich ein Hühnchen zu rupfen!“
Mit einem ohrenbetäubenden Knall schlug ein gewaltiger Blitz in den Stinkefinger ein, den sie provokant zum finsteren Himmel reckte. Verkohlt sackte ihre Leiche zusammen mit der einbrechenden Vorderfront des Majestic in die Tiefe, wo sie umringt von Staub und Trümmern dem Blick entschwand.
Schon bald war es offenbar: Nirgendwo war Rettung. Nach dem Regen kam das Feuer. Es fing damit an, dass die Munitionsfabrik und das Chemiewerk am südlichen Stadtrand Feuer fingen. Granaten und Minen aller Art, darunter auch für Australien bestimmte, explodierten innerhalb weniger Minuten und schleuderten eine Unmenge Kriegsgerät und Produktionsroboter hunderte Meter weit in die Luft. Manchmal explodierten die Munitionsteile, wenn sie auf den Boden kamen, und verbreiteten so das Feuer in der ganzen Stadt. Im Nu entwickelte sich eine Geräuschkulisse wie im Madagaskarkrieg ...
Die Flammen wüteten durch Haikiki wie ein grausames, gefräßiges Monster. Viele Menschen versuchten zu fliehen, doch kaum einem gelang es. Wenn einer in die Wälder flüchtete, so verzehrte ihn das Feuer ohne Erbarmen. Versuchte es ein anderer über das Meer, verschlang ihn die nasse, dunkle Tiefe mit ihren Ungeheuern, die nie ein Licht gesehen hatten. Wer in die Berge eilte, dem brachen die Felsen seine Knochen und sein Blut versickerte in den Schluchten. Es gab kein Entrinnen aus diesem Fleischwolf. Es war, als kämpften die Elemente mit- und gegeneinander zugleich, um Haikiki ein für alle Mal vom Antlitz dieser Erde zu tilgen.
Nur einige wenige Menschen warfen sich demütig nieder, verhüllten ihr Haupt und ergingen sich lautstark in Gebeten. Unter ihnen waren Anand Lila und ihre Brüder und Schwestern in der Mission. Und als die Katastrophe nach drei oder vier Stunden endlich dem Ende zu ging, waren die Guten von den Bösen geschieden, das Lamm vom Löwen, der Sperling vom Adler. Wer überlebte, dessen Seele war gereinigt und dankbar erhob er seinen Blick in die unendliche Weite des Himmels ...
Fassungslos sah das kleine Häuflein Nammakgläubiger auf den Anhöhen nördlich des ehemaligen Haikiki auf ein qualmendes Meer von eingestürzten Häusern, Leichen und zerstörten Robotern. Dazwischen gelegentliche Feuer, die noch lange grauschwarze, giftige Rauchschwaden gebaren, wie Tore zur Unterwelt. Überall war nur Tod und Zerstörung. Fassungslos stand Smutje inmitten der Schar mit einem seiner Töpfe in der Hand und meinte nur: „Also so schlecht war die Wettervorhersage heute morgen auch wieder nicht!“
Neben ihm stand Anand Lila, die ihn nicht gehört hatte. Weinend schlug sie die Hände vor das Gesicht und schluchzte lautlos.


Auf dem Mond hatte man mit einigem Erstaunen den Untergang Haikikis mitverfolgt. Als nur noch ein rauchender Trümmerhaufen und eine Menge Leichen übrig geblieben waren, kommentierte S9E das Geschehen mit einem: „Ohh ...!“
Daraufhin meinte A7K nach einem angemessenen Moment des Schweigens (nach irdischer Zeitrechnung etwa zweieinhalb Wochen) ebenfalls: „Ohh ...!“
G3D war noch mit dem Verdauen des Meteoriten beschäftigt und enthielt sich vorerst der Stimme. Schließlich spricht man ja auch von „nobler Zurückhaltung“. Nach einem Verdauungsschläfchen (nach irdischer Zeitrechnung etwa elf Tage) fühlte sich G3D allerdings auch bemüßigt, einen Kommentar abzugeben: „Ups ...“
In der Zwischenzeit sandte der Notgenerator auf der dunklen Seite des Mondes in regelmäßigen Abständen das Notsignal in Richtung Heimatplanet. Es gehörte zu den Geheimcodes erster Dringlichkeitsstufe und war dementsprechend schwer zu beschreiben. Am ehesten erinnerte es an den Rhythmus: Bamm-bababamm–babamm...
Kaum war G3D von seinem kleinen Nickerchen aufgewacht, als die Intelligenzen eine vertraute Stimme vernahmen: „Da steckt ihr also! Gestrandet, was?“
Der Gildenmeister höchstpersönlich! Man hatte sie gefunden. Erleichtert atmeten die drei Außerirdischen auf, als sie das Bergungsschiff lokalisierten, das sich soeben auf der dunklen Seite des Mondes enttarnte.
„Hat lange genug gedauert, bis ihr uns endlich gefunden habt“, gab A7K leicht vorwurfsvoll zurück.
Der Gildenmeister antwortete: „Mag sein. Wir sind schon eine Weile hier. Vorschriftsgemäß mussten wir erst die Lage sondieren und eure Aufzeichnungen studieren. Aber das wisst ihr selbst und jetzt kommt endlich.“
Damit entmaterialisierten sich die Intelligenzen für immer von der Mondoberfläche. Wenig später saßen die Wesen im Raumschiff ihrem Gildenmeister gegenüber. Sie hatten soeben erfahren, dass der Untergang Haikikis vom Bergungsschiff aus gesteuert worden war. Die Vorstellung, dass die Katastrophe kein Naturereignis gewesen war, wie sie bislang geglaubt hatten, sondern von den eigenen Leuten zu verantworten war, behagte ihnen nicht.
S9E wollte wissen: „Warum?“
„Wir haben euren Report über das Machtverhalten der Alphawesen dieses Planeten zur Kenntnis genommen“, sagte der Gildenmeister. „Vernichtung war die einzig logische Konsequenz. Unsere Empfehlung, dass sich Außerirdische grundsätzlich nur getarnt unter den Einheimischen dieses Planeten aufhalten sollten, haben wir bereits weiter gegeben. Bis zur intergalaktischen Reife haben diese Wesen noch einen langen Weg vor sich.“
In G3D und S9E regten sich Erinnerungen an die Erlebnisse von Rufus und Theresa, verbunden mit einer ganz merkwürdigen, neuartigen Empfindung. Es fühlte sich an, als sei innerlich etwas wund, als bluteten sie nach innen ... Gemessen an der Intensität des Gefühles würde es geraume Zeit brauchen, bis das wieder in Ordnung kam.
A7K meinte: „Da waren einige, die ihre physische Vernichtung nicht verdient haben.“
„Ich muss euch wohl nicht darüber aufklären, dass Einzelschicksale dem Gesamtwohl unter allen Umständen unterzuordnen sind“, entgegnete der Gildenmeister stirnerunzelnd.
Natürlich wussten die drei Intelligenzen das. Und dennoch! Plötzlich hatten G3D und S9E ein ganz eigenartiges Empfinden. Es war ihnen, als liefe ein dünner Faden Wasser das Gesicht hinunter ... Oh, Tränen! So fühlen sich also Tränen an ...
A7K holte die Zeichnung, der er seinerzeit im Majestic gemacht hatte, hervor. Als man ihn fragend ansah, sagte er: „Ein Souvenir. Ich wollte das Artefakt zur Erinnerung mitnehmen. Aber ich glaube, das war keine gute Idee.”
Ert verschloss den Plan in einer Plastikhülle und ließ ihn zusammen mit dem Müll in das Weltall hinaus teleportieren. Da das Raumschiff gerade im Tarnmodus in unmittelbarer Nähe an der Erde vorbeiraste, trudelte der Plan inmitten allerlei unbrauchbarer Objekte sowie außerirdischer Fäkalien auf die Erdoberfläche hinab. Nach einer halben Ewigkeit fiel er dort ins Meer und trieb auf die Küste Haikikis zu.
Unterdessen entfernte sich das Bergungsschiff immer mehr von der Erde: Ein rötliches, rundes Objekt mit einem Durchmesser von über einem Kilometer, so entschwand es in den Tiefen des Alls, in den eisigen, unergründlichen Weiten des Universums, jenseits jeder Vorstellungskraft, aus denen es gekommen war ...


Während der Katastrophe, die ganz Haikiki dem Erdboden gleichgemacht hatte, hatten sich die vier Verfolger von Carlos und Oscar in einer Höhle in Sicherheit gebracht. Sie waren schon zu weit von Haikiki weg, als dass ihnen wirklich Gefahr gedroht hätte.
Kaum hatte sich die Lage wieder beruhigt, berieten sie, wie sie weiter vorgehen sollten. Drei eilten weiter, um die Spur der „beiden Ausreißer“, wie sie sie nannten, nicht zu verlieren, aber der Kopfgeldjäger Fritz Candidy wollte unbedingt zurück. Er wolle bloß kurz nach dem Rechten sehen und dann sofort nachkommen, gab er vor. In Wahrheit beabsichtigte er, zuerst seine neuesten Beobachtungen ungestört und vor allem, ohne dass er identifiziert würde, in das allgemeine Spinnennetz der Information einzuspeisen. Dann wollte er den Tod der zwei Ausreißer publikumswirksam zur Versteigerung feilbieten, kurz das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Als er sich umdrehte, erstarrte er zur Salzsäule ...
Mit viel Vorsicht und Glück war es in der Zwischenzeit Oscar und Carlos gelungen, das Sperrgebiet hinter sich zu lassen und bis zu einer Mauer vorzudringen, die auf dem Plan eingezeichnet war. Hier, irgendwo in der Nähe dieser rohen Ziegelwand, die sich vier oder fünf Meter hoch vom linken bis zum rechten Rand des Horizontes erhob, musste der Schatz liegen. Wenn es überhaupt einen gab, natürlich! Kein Mensch, kein Tier war ringsum zu sehen. Nur spärlich wuchs da und dort ein dürrer Strauch oder eine halb vertrocknete Pflanze auf dem verkarsteten Boden. Kein Laut war zu hören. Irgendwie konnte man den Ort schon unirdisch nennen.
Der Auftrag zur militärischen Beobachtung der beiden war inzwischen weitergegeben worden. Und wieder lag zweihundert Meter entfernt die nächste Stellung der Armee unter einem Tarnnetz. Der Lauf eines Maschinengewehrs zeigte zwischen Steinen und einem Büschel Plastikgras in Richtung Oscar und Carlos. Das Gesicht des Soldaten dahinter war unter seinem Stahlhelm kaum zu erkennen. Schwarze Farbe, der Vorschrift folgend ungleichmäßig aufgetragen, verwischte die Konturen. Der Soldat hielt seinen rechten Zeigefinger am Abzug. Der Patronengurt, gespickt mit Munition, war vorsorglich bereits eingelegt. Abwechselnd befand sich normale Munition, panzerbrechende und Leuchtspurmunition im Gurt. Sollte der Befehl kommen, würde der Gurt mit rasender Geschwindigkeit von links nach rechts durch die Waffe gezogen werden. Seitdem der Bürgerkrieg zu Ende war hatte der Soldat die Musik von 25 Abschüssen pro Sekunde nur mehr auf dem Schießplatz vernommen. Und dort war es auf Dauer langweilig.
Alfons in seiner Rolle als Kommandant der Stellung beobachtete im davorliegenden Schützengraben hügelabwärts, keine drei Meter entfernt, die beiden Eindringlinge durch sein Fernrohr. Die Dienstvorschrift, § 7, Abs. 2 für den Fall des unautorisierten Betretens der Zone durch Zivilisten war sonnenklar: Ohne Warnung erschießen ...
Schon war Alfons kurz davor, der Maschinengewehrstellung schräg über ihm den Befehl zu erteilen. Nur die Neugierde hielt ihn vorläufig zurück.
Als Carlos und Oscar der Mauer näher kamen entdeckten sie einen Baum. In sattem Dunkelgrün strebten seine Blätter zum Himmel, während der Stamm mit knorrigen Wurzeln tief in die Erde griff. Carlos befühlte seine Rinde vorsichtig mit den Fingerspitzen und stellte überrascht fest: „Oho, kein Imitat! Wenn das kein gutes Zeichen ist!“
Wie seltsam fühlte sich das organische Gebilde an! Ein Lebewesen! Es tat ungemein gut, die graubraune Rinde der unbekannten Pflanze unter den Handflächen zu spüren. Carlos genoss es ausgiebig. Da war etwas Lebendiges, etwas Echtes ...! Wie ein Bollwerk oder ein Leuchtturm inmitten dieser unwirtlichen Einöde.
Oscar erkundete inzwischen die Gegend. Nachdem er nichts Verdächtiges feststellen konnte, sagte er: „Keine Soldaten mehr zu sehen. Merkwürdige gegend... So stelle ich mir das Ende der Welt vor.
Carlos, da wir jetzt so gut wie am Ziel sind, kannst du mir ja verraten, für wen du die ganze Zeit gearbeitet hast.”
Abrupt war Carlos damit aus seiner Meditation gerissen. Er verabschiedete sich innerlich vom Baum und antwortete: „Ich? Ein Agent? Nie und nimmer!”
„Was? Allen Ernstes? Dann wärest du aber der Erste, der mir je im Leben untergekommen ist, der nicht für irgendjemanden spioniert. Du lässt dich foltern, du erduldest, wenn man dir eine Schandmaske aufsetzt, was hast du alles in Kauf genommen! Ich bewundere dich sogar dafür, aber wozu, das frage ich mich?”
Carlos bewegte die Lippen, aber Oscar konnte ihn nicht hören. Er sah nur in das Gesicht seines Freundes, die Ziegelmauer im Hintergrund, ein verhangener Himmel oberhalb. Oscar kam sich wie im Kino bei Ausfall der Lautspre-cheranlage vor. Dennoch glaubte er Carlos zu verstehen, er wusste selbst nicht, wie.
Plötzlich drängten sich Oscar eine Menge befremdlicher, geradezu irritierender Gedanken auf. Es ging möglicherweise auch anders?! Was eigentlich? So hatte er das alles noch nie gesehen, obwohl er es beim besten Willen nicht mit Worten hätte ausdrücken können. War Oscar doch stets damit beschäftigt, einfach zu überleben. Schwierig genug in solchen Zeiten.
Damit hatte Carlos sein Leben gerettet. Oscar, der Carlos insgeheim der Spionage für Cyberspace (eine der führenden Organisationen der Cyborgs) verdächtigt hatte, hielt eine kleine Pistole, Kaliber 6 mm, unauffällig in seiner rechten Jackentasche. Hätte sich Carlos tatsächlich als Agent dieser Fieslinge von Cyberspace herausgestellt, hätte Oscar abgedrückt. Auftragsgemäß, versteht sich.
In diesem Moment entschloss sich Alfons, gut getarnt auf einem der nahen Hügel, den Schießbefehl zu erteilen. Gerade als er das Kommando: „Feuer!“ gegeben hatte, erstarrte die Zeit. Die Hand aus dem Nichts erschien und tauschte das Maschinengewehr gegen eine Wasserspritzpistole aus. Als die Zeit wieder weiterging wunderte sich der Kommandant, dass ihm ein Strahl Wasser von hinten das Genick nass machte. Ärgerlich ...!


Noch immer lief die Hündin in Richtung Süden. Sie hatte nunmehr das militärischen Sperrgebiet unmittelbar hinter sich. Rund zweihundert Meter vor ihr sah sie zwei Männer, einer davon machte sich an einem Baum zu schaffen. Als sie in ihrem Rücken die Schritte eines hastig näherkommenden Menschen vernahm, verdrückte sie sich hinter einen Busch und verhielt sich still.
Unbemerkt folgte sie dem Menschen, der sie offenbar nicht bemerkt hatte ...


Den Lageplan in der Hand suchten Oscar und Carlos fieberhaft nach dem Schatz, denn sie waren sich nicht sicher, wie lange sie ungestört sein würden. Unruhig gingen sie minutenlang auf und ab. Halt! Was war denn das ...? Ein Spalt in der Mauer! Kaum mannsbreit und geschickt verborgen, denn einen halben Meter dahinter befand sich ebenfalls ein Stück identischen Ziegelwerks, wodurch der Ausgang leicht zu übersehen war. Sozusagen eine optische Täuschung! Das war also der Ausgang aus dem Großen Spiel! Dermaßen unspektakulär, für alle und jeden im Prinzip sichtbar, stets da, nur durch ein kleines Geheimnis geschützt ...
Plötzlich hörten sie hinter sich eine keuchende Stimme rufen: „Halt, oder ich schieße!!”
Marcos stand hinter ihnen und bedrohte sie grinsend mit einem großkalibrigen Revolver, geladen mit den neuesten Dumdumgeschossen, die er unlängst höchstpersönlich liebevoll auf Hochglanz poliert hatte. Da er sich mächtig beeilt hatte, die beiden Flüchtlinge zu erwischen, standen ihm die Schweißperlen im Gesicht. Dementsprechend war ihm der Anblick zweier Männer mit erhobenen Armen vor ihm ein Erfolgserlebnis der besonderen Art.
Er würde die „beiden Ausreißer“ umbringen, so viel war klar. Er war sich nur noch nicht sicher, wohin die ersten Schüsse gehen sollten. Während er so hin und her überlegte, ob es lustiger wäre, den beiden zuerst in die Geschlechtsteile und dann in die Knie zu schießen, oder doch lieber umgekehrt, stürzte sich die Hündin Dora von hinten auf ihn und biss mit aller Kraft in seinen linken Unterarm. Alfons hatte ihr schließlich beigebracht, wie sie in einer derartigen Situation zu handeln hatte.
Überrascht schrie Marcos auf und drückte ungewollt ab. Getroffen sank Oscar zu Boden. Vor Schreck ließ Marcos seine Waffe fallen. Blitzschnell hechtete Carlos danach, schnappte sich den Revolver und hielt Marcos den Lauf an die linke Schläfe. Dora, die Hündin, war mit dem Gang der Dinge durchaus einverstanden und hielt sich zähnefletschend zurück.
Marcos hob langsam die Hände. Sein Unterarm blutete heftig. Innerlich wartete er nur auf seine Chance. Das konnte doch nicht sein, dass ein Verwundeter auf dem Boden, eine knurrende Hündin und ein gelegenheitsarbeitender Kellner so jemanden wie Marcos aufhalten konnten! Nein, so was! Wie konnten die das nur glauben?! Marcos konnte nur den Kopf schütteln. Irgendeinen Fehler würde Carlos sicher machen. Die kleinste Unaufmerksamkeit und die drei wären erledigt. Drei ...? Schon bald würden es nur mehr zwei sein. Der Einzige, den Marcos ernst nehmen hätte müssen, lag im Sterben. Jeden Augenblick konnte es vorbei sein mit ihm ... Abgesehen davon glaubte er nicht, dass so ein Würstchen wie dieser Carlos es fertig bringen würde, abzudrücken, denn eines stand für ihn fest: Die Guten tun so etwas nicht.
Carlos fragte Marcos: „Und nun sagen Sie mir: warum?”
„Weil wir uns unterhalten wollten.”
„Und warum Sie?”
„Einer muss der Bösewicht sein.”
Carlos drückte ab. Marcos‘ Kopf wurde von der Wucht des einschlagenden Dumdumgeschosses herumgerissen. Meterweit spritzten Blut und Gehirn durch die faustgroße Austrittsöffnung am Hinterkopf. Wie in Zeitlupe sackte Marcos zu Boden. So als könne er das alles nicht glauben, starrten seine Augen in die Ferne. Ein letztes Zucken der Gliedmaßen zeugte vom Ende.
Ungefähr hundertfünfzig Meter weiter befanden sich der Deutsche und Alfreda, diese wie immer in ihrem schicken Drillich. In einer Geländevertiefung liegend, verdeckt durch ein künstliches Gebüsch, waren sie bestens getarnt. Franz Hagen beobachtete das Geschehen vor der Mauer mit einem Feldstecher, Alfreda durch das Zielfernrohr ihres Scharfschützengewehres. Die ganze Zeit über hatte sie Carlos im Visier (zweimal Schwarz ...!!), die Waffe entsichert, den rechten Zeigefinger am Abzugshahn.


Oscar war schwer in die Brust getroffen worden. Stöhnend lehnte er mit dem Oberkörper an der Wand und hielt die Hände vor den Brustkorb. Blut rann unaufhörlich aus der Wunde und dem rechten Mundwinkel. Das Gesicht war vom nahen Tod gezeichnet. Als sich Carlos zu ihm hinunterbeugte, lächelte er mühsam.
„Carlos”, sagte Oscar immer leiser werdend, „für mich war unsere Schatzsuche bisher bloß ein Spaß. Du weisst schon, die Langeweile und so.
In diesem Augenblick ist mir klar geworden, dass es tatsächlich einen Schatz zu finden gibt. Leider ist er nicht für mich bestimmt. Die Stelle, die wir erreicht haben, führt nicht zu Gold, Edelsteinen, Geld oder anonymen Wertpapieren, sie ist der Ausgang aus dem Großen Spiel.
Trauere nicht um mich, du bist der Einzige, den ich kenne, der es verdient, den Ausgang zu finden. Und jetzt verlier keine Zeit. Geh und lass mich liegen ...”
Damit hörte Oscar auf zu atmen. Sein Blick wurde starr, der Kopf sackte auf die rechte Seite. Mit Tränen in den Augen verabschiedete sich Carlos von Oscar. Dann schloss er ihm die Augen. Nach ein paar Augenblicken des Schweigens griff er in den Rucksack, den er die ganze Zeit über mit sich geführt hatte, und entnahm ihm die Schandmaske. Diese lehnte er neben dem Ausgang an die Mauer. Mag ja sein, dass da noch andere kommen würden, denen sollte sie als Zeichen dienen. Dazu legte er den Schatzplan, mit einem faustgroßen Kalkstein beschwert. Anschließend lockte Carlos die Hündin und trat mit ihr durch den Ausgang. Ein letzter Blick zurück ...
Endlich war es gelungen ...
Spätestens jetzt hätte Alfreda schießen müssen, doch sie tat es nicht. Im Gegenteil, sie setzte das Gewehr ab und sicherte es. War da ein Lächeln um ihre Lippen, oder täuschte es? Der Deutsche sagte kein Wort. Er war durchaus zufrieden, denn er hatte sich prächtig unterhalten. Was will man mehr?
Nach einer Weile wandte er sich an seine Begleiterin: „Ich verstehe das nicht. Der Kerl lässt sich foltern, er lässt sich eine Schandmaske aufsetzen, was hast der alles in Kauf genommen! Wozu, das frage ich mich?”
„Für diesen Augenblick“, flüsterte Alfreda mehr zu sich selbst.
„Mag schon sein, aber warum ausgerechnet Carlos? Ich glaub's ja nicht. Warum gerade er, Alfreda?“
Erstaunt erwiderte ihm diese: „Ganz im Gegenteil, warum nicht? Ein stattlicher Mann Anfang 30, kein Mundgeruch, knackiger Popsch ...“
„Ach, Schwachsinn!“, herrschte Hagen sie an. „Darum geht es doch gar nicht. Ich meine, er ist kein bekannter Mensch, geschweige denn ein berühmter, er war nie auch nur ein einziges Mal in einer Zeitung, er hat weder Geld noch Besitztümer, er kommt aus keiner der wichtigen Familien.
Wir haben ihn eine halbe Ewigkeit beschattet, wir wissen, mit welcher Seife er sich am liebsten die Hände wäscht, wir kennen seine Schuhgröße und die Schulabschlussnoten, aber etwas Erwähnenswertes haben wir nicht herausgefunden. Er ist vollkommen unbedeutend. Im Grunde ist er schlicht und einfach ... niemand! ... Ich verstehe das einfach nicht.“
„Sicher, sicher“, räumte Alfreda ein, während sie sich aufrichtete. „Aber er hat nie die Perspektive verloren.“
Hagen ahnte, was sie meinte. Wirklich verstehen konnte er nicht. Kopfschüttelnd stand er auf und verließ mit Alfreda diesen Ort. Die Leichen vor der Mauer interessierten sie beide nicht. Sie waren ein Routinefall für den Beseitigungstrupp.
Auch den Schatzplan vergaßen sie absichtlich, mitzunehmen. Erstens wussten sie immerhin jetzt Bescheid und zweitens würde ihnen dieses Wissen zu Macht gegenüber den anderen Collegiumsmitgliedern verhelfen. Und sollte der Plan irgendwann einmal anderen Ortes wieder auftauchen, dann wäre eben eine neue Runde im alten Spiel eingeläutet. Hoffentlich mit dem gleichen Unterhaltungswert.
Die Schäferhündin Dora und Carlos waren die Ersten, die das Große Spiel verlassen konnten.
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phiberoptic
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BeitragVerfasst am: 10.07.2008, 00:29    Titel: Antworten mit Zitat

Find ich gut derweil druck mirs aus. Erzeugt Stimmung beim Lesen, aber irgendeine Art von Unterteilung wäre schon recht. Das mit den Nachrichten gefällt mir besonders, bin aber erst bei Seite 30 ka ob sich das weiterzieht, aber gute Idee!
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phiberoptic
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BeitragVerfasst am: 10.07.2008, 00:59    Titel: Antworten mit Zitat

Cyberpunk immer gut Sehr glücklich Gefällt mir, les ich mir ganz durch. Sobald ich fertig bin, schick ich dir eine PM. Keine Kapitel ist aber schon wenig. Winken
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zorro
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BeitragVerfasst am: 04.09.2008, 14:28    Titel: Antworten mit Zitat

Na, bist schon fertig, phiberoptic, oder hat Dich der Mut verlassen?

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