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Gott Kind


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nobili
Buchstabe
Buchstabe


Anmeldedatum: 13.02.2010
Beiträge: 5
Wohnort: Berlin

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BeitragVerfasst am: 13.02.2010, 12:08    Titel: Gott Kind Antworten mit Zitat

Norbert Andresen
GOTT KIND
Fragment einer Kindheit
Litera Berlin 2008
2
Man stellt den Menschen unter jeden
Scheffel
3
INHALT
1. Es werde Licht 7
2. Form und Inhalt 9
3. Raumzeit 12
4. Achille oder das frühe Bad
im Drachenblut 14
5. Dornen verhindern das
Pflücken der Rose 23
6. Adel verpflichtet 25
7. Lueginsland 27
4
8. Ist es die Möglichkeit? 30
9. Nichterkennen 32
10. Der Gordische Knoten 35
11. Arme Sauberkeit 38
12. Der Herr Jesus 40
13. Die Lüge 44
14. Götterfunke
mit bösem Blick 48
15. Die Wahrheit 51
16. Sonntagsspaziergang 54
17. Die Sintflut 57
5
18 Gefahr 59
19 Schlafes Bruder 61
20 Mobbing 63
21. Das Ventil 65
22. Verlässlich 68
23. Das Schlachtfest 71
24. Vergeblich 74
25. Du bist verrückt
mein Kind 77
26. Supernumerarius 79
6
27. Der Prinz auf
der Erbse 83
28 Das Geschenk
der Griechin 85
29. Aufklärung 87
30. Das Füllhorn des Bacchus
oder die ‚Ausgießung
des Heiligen Geistes’ 92
7
ES WERDE LICHT
Er saß auf den Armen seiner
Großmutter mütterlicherseits. Sie
stand am Fenster in der Küche des
alten Backsteinhauses. Sie hielt ihn
auf dem Arm und wiegte ihn hin und
her, hoch und runter. Er lächelte,
denn er spürte die Zuneigung. Dann
zeigte die Großmutter mit dem
Finger zum Fenster hinaus: „Da,
schau! Da geht der Uropa, kuck, wie
8
er geht. Zum ersten Mal erkannte er,
dass da draußen etwas war, es gab
Licht, einen Hof und ein sehr altes
Lehmhaus, fast eine Bruchbude, in
der die Urgroßeltern noch wohnten.
Und der Uropa schlurfte mit seinem
Stock sehr langsam zum Tor hin.
Manchmal hielt er sich mit der linken
Hand an der Wand. Er schaute ihm
lange nach, bis er das Tor geöffnet
hatte und verschwunden war.
9
FORM UND INHALT
Als er kurz davor stand, drei Jahre alt
zu werden, erzählte ihm seine
Mutter, dass er nun in den
Kindergarten gehen könne. Es sei
sehr schön dort, denn es gäbe viel
Spielzeug und viele andere Kinder,
mit denen er spielen könne.
In der nächsten Woche war es dann
soweit: seine Mutter zog ihn an und
ging mit ihm an der Hand in den
10
Kindergarten. Sie gingen durch das
Tor, aber es waren keine anderen
Kinder da, weder im Garten noch im
Haus. Sie gingen hinein und eine
Erzieherin wies ihnen den Weg zur
Kindergarten-Leiterin. Diese
begrüßte sie, sprach kurz mit seiner
Mutter und ging dann voraus, ihnen
alles zu zeigen. Zuerst führte sie sie
zu den Toiletten, dann zur
Garderobe, wo all’ seine
Überkleidung ordentlich hinzuhängen
war. „Die Brottasche und die
Trinkflasche sind am Haken
11
aufzuhängen. Jedes Kind hat ein
Namensschild an seinem Haken.“
Dann kamen sie in den
Aufenthaltsraum: leere Tische, leere
Stühle, leere Ruhebetten, Spielzeug
war kaum zu entdecken, nur auf
einem Tisch lag etwas, das aussah,
als ob es Spielzeug wäre.
„Ruhezeit ist von 13.30 Uhr bis 14.30
Uhr, da müssen alle Kinder ruhig sein
und liegen!“ Sie erzählte noch einige
Sachen, aber er hörte gar nicht mehr
zu. Als sie wieder draußen waren,
12
fragte er seine Mutter, wo denn das
Spielzeug ist
und wo die anderen Kinder sind?
„Morgen kannst du mit den anderen
Kindern spielen“, sagte seine Mutter.
RAUMZEIT
Er war drei Jahre alt und ging nun in
den Kindergarten. Es war Ruhezeit!
Wie alle Kinder legte er sich hin und
13
versuchte zu schlafen, aber er schlief
nicht ein. Also lag er wach da und
wartete, doch der Ruf zum Aufstehen
kam und kam nicht. Er dachte, die
Erzieherinnen hätten es vergessen.
Er stand auf und ging zur
Kinderschwester, fragte: „Wann
dürfen wir aufstehen?“ Die Erzieherin
zeigte auf etwas Rundes an der
Wand und sagte: “Wenn der große
Zeiger genau nach unten zeigt, dann
darfst du aufstehen.“ Er legte sich
wieder hin und wartete….
14
ACHILLE ODER DAS FRÜHE BAD IM
DRACHENBLUT
Er saß auf der Bettkante, betrachtete
das mitgebrachte Bild und begann zu
weinen wie ein Schlosshund. Wo
blieb sie nur? Sie hatte doch
versprochen zu kommen, er wartete
jetzt schon zwei Wochen. Wieder
und wieder sah er sich das Bild an.
Er musste noch mehr weinen. Da
stand Schwester Brigitte vor seinem
Bett, tröstete ihn ein wenig. „Sie
15
kommt bestimmt!? Du musst jetzt
schlafen!“ Er zog sich aus und legte
sich ins Bett, zog die Decke über den
Kopf. Weinend schlief er ein.
Am nächsten Morgen stand er früh
auf, ging mit den anderen zusammen
in den großen Waschraum, wusch
Hände und Gesicht, putzte sich die
Zähne und spuckte das Wasser, das
er gegurgelt hatte, ins schon etwas
verschmutzte Waschbecken. Dann
nahm er das Handtuch, auf dem sein
Name angenäht war und trocknete
16
sich ab. Er folgte dem Strom der
Kinder in den Esssaal. Viele der
kleinen Heimbewohner saßen schon
in langen Reihen an den Tischen und
warteten, bis die Glocke bimmelte,
das Zeichen, das die Erlaubnis zum
Essen und Trinken anzeigte. Er war
hungrig und sehr neugierig, was es
denn zum Frühstück geben würde.
Vor ihm standen ein großer, leerer
Suppenteller und eine Henkeltasse.
Küchenhelferinnen kamen mit
Wagen, auf denen große dampfende
Kübel und metallene Teekannen
17
standen, herein, füllten die Teller mit
einer Kelle mit Brei und gossen Tee
in die Tassen. Es war Pfefferminztee,
den kannte er, aber was da im Teller
dampfte, kannte er nicht. Er fragte
seinen Nachbarn, was das ist:
„Haferschleimbrei!“ war die kurze
Antwort.
Nach Ertönen der Glocke begannen
die anderen Kinder zu essen. Er
probierte den Tee und fand, dass
man ihn trinken konnte. Bei dem Brei
war er etwas vorsichtiger und wollte
18
nicht so recht daran. Er nahm einen
viertel Löffel voll und führte ihn
langsam zum Mund. Schon der
Geruch schreckte ihn ab. Ganz wenig
zog er mit den Lippen vom Löffel. Es
war heiß und schmeckte nach Korn.
Es war eigentlich nicht der
Geschmack, der ihn ekelte, sondern
vielmehr das Aussehen. Das wollte er
nicht essen trotz des Hungers. Ein
junger Mann hinter ihm hatte wohl
bemerkt, dass er nicht aß, kam auf
ihn zu und fragte, was denn los sei,
warum er nicht esse? „Es schmeckt
19
mir nicht!“ „Das musst du essen,
damit du groß und stark wirst. Du
bleibst so lange sitzen, bis du
aufgegessen hast.“
Er saß vor dem Teller und ekelte
sich. Langsam nahm er wieder einen
viertel Löffel voll und schob ihn in
den Mund, würgte es hinunter. Er
machte eine Pause, die Tischreihen
lichteten sich und bald saß er ganz
alleine an dieser großen Tafel im
großen Esssaal. Die Zeit verging
nicht. Löffel für Löffel führte er zum
20
Mund bis der Teller fast leer war.
Nun war ihm schlecht und er durfte
gehen.
Das Mittagessen schmeckte ihm gut,
er aß, soviel er konnte und erinnerte
sich dabei an einen Tischspruch
seines Vaters:
„Iß’ und trink, so lang’ dir’s
schmeckt, schon zwei Mal ist uns ‚s
Geld verreckt.“
21
Zum Abendessen gab es Wurst und
Käse. Der Weichkäse stank arg und
schmeckte fürchterlich. Er spuckte
das Stück wieder auf den Teller
zurück. Sofort kam ein
Betreuer und ordnete an, den Käse
zu essen. „Es wird gegessen, was auf
den Tisch kommt.“ Ängstlich steckte
er Stück für Stück des Käses in den
Mund. Als er all den Käse im Mund
hatte, rannte er zur Toilette und
spuckte ihn aus. Aber es war zu spät,
er musste sich übergeben.
22
Am nächsten Morgen gab es
Haferschleimbrei. Wieder saß er vor
dem vollen Teller und wollte nicht
essen. Wieder saß er als Letzter am
Tisch. Da kam eine Heimschwester,
nahm den Teller weg und stellte ihm
ein Marmeladenbrot hin.
Freudig aß er es auf.
23
DORNEN VERHINDERN DAS
PFLÜCKEN DER ROSE
Wenn er krank wurde, legten sie ihn
auf die Couch im Wohnzimmer und
seine Mutter und seine Oma
umsorgten ihn. Er bekam je nach
Krankheit kalte oder warme Wickel
um die Beine oder den Oberkörper,
es wurde Fieber gemessen, und man
kümmerte sich rührend um ihn. Es
gab allerdings einen
Wermutstropfen: seine Großmutter
24
hatte ein Hausmittel, das so gar nicht
schmeckte, ‚heißer Zwiebelsaft’. Er
hasste heißen Zwiebelsaft. Das
„Kranksein“ gefiel ihm sehr und er
überlegte von Zeit zu Zeit, ob er
nicht mal wieder krank machen
sollte. Doch seine Großmutter hatte
den Trick bald erkannt und immer,
wenn er ‚kränkelte’, holte sie eine
Zwiebel und sagte: „ich mache dir
erst einmal einen schönen heißen
Zwiebelsaft. Da blieb er dann doch
lieber gesund.
25
ADEL VERPFLICHTET
Einige Tage nach seiner Ankunft kam
ein Heiminsasse zu ihm und wollte
ihm im Heim alles zeigen. Sie gingen
durch die Schlafräume und Herbert
erklärte, was ‚was’ war, und was
man wo zu tun hatte oder konnte.
Waschraum, Spielzimmer, Toiletten.
Alles kam ihm riesig vor. Sie gingen
in einen Schlafsaal, in dem die
Betten Gitter hatten, und Herbert
erklärte, wer hier welches Bett
26
belegte und wer welche Krankheit
hatte: „Hier liegt Kurt, er ist
Bettnässer, das Bett gehört Lutz, er
stottert …“
Er stellte die Ohren auf Durchzug.
LUEGINSLAND
Seine Eltern hatten sich eines frühen
Abends mit ihm an den Küchentisch
gesetzt, der Vater hatte
27
Landkarten auf dem Tisch
ausgebreitet und zeigte ihm eine rote
Linie auf der Karte, der
Streckenverlauf der Eisenbahn von
zu Hause bis nach Totmoos. Es sollte
ungefähr 6-7 Stunden dauern, bis er
und seine Mutter das Ziel erreichten.
Er beschrieb die Wegstrecke, nannte
Städte und Landschaften, die sie
passierten, hier müsst ihr umsteigen
und dann braucht ihr noch 2
Stunden, dann seid ihr dort, und er
schien sehr erfreut über seine erste
große Reise. Er hatte auch eine
28
farbige Postkarte des Kindererholungsheimes
„Lueginsland“, wo
er sich von seiner Lungenentzündung
erholen sollte.
Die Mutter erklärte ihm, dass er
lernen müsse, seine Wäsche
zusammenzulegen und in einen
Koffer zu packen. Sie hatte in jedes
Wäschestück ein Namensschildchen
eingenäht.
Zum ersten Mal erkannte er, dass
seine Eltern sich ihm zuneigten.
29
Die Großmutter zeigte ihm in den
nächsten Tagen, wie man Hemden,
Hosen, Pullover und Handtücher fein
säuberlich zusammenlegte.
IST ES DIE MÖGLICHKEIT?
Sie kamen am Kinderheim an, es sah
genauso aus wie auf der Postkarte,
gingen hinein und wurden in das
Vorzimmer der Heimleiterin
gewiesen. Auf zwei der Stühle, die
30
hier aufgereiht standen, nahmen sie
Platz und warteten bis sie
hineingerufen wurden. Die
Heimleiterin, eine ältere gestrenge
Dame, begrüßte sie. Sie erklärte den
Tagesablauf im Heim, die Aktivitäten,
die unternommen werden und
einiges mehr. Er war damit
beschäftigt, sich im Zimmer
umzuschauen und hörte nur mit
einem Ohr zu. Doch plötzlich
schnappte er einen Satz auf, der ihn
ganz Ohr werden ließ.
31
„ Ich habe schon viel von Dir
gehört!“ Er war geschockt. Wie
konnte diese Frau, mehr als acht
Stunden Zugfahrt entfernt von zu
Hause, etwas von ihm gehört haben?
„Du bist Frühaufsteher, du träumst
gerne vor dich hin ….“
War das möglich?
32
NICHTERKENNEN
Nach ungefähr 6 Monaten Aufenthalt
im Heim, teilte ihm seine Lieblings-
Erzieherin Helene mit, dass seine
Mutter ihn am nächsten Tag abholen
würde. Er sei geheilt und könne
wieder nach Hause. Am nächsten
Morgen war er früh wach und war
ganz ungeduldig, musste aber noch
warten. Er spielte allein im
Spielzimmer mit den Triebwagen der
Holzeisenbahn, als die Erzieherin
33
hereinkam und ihn rief. „Deine
Mutter ist da.“ Er ging sofort zum
Eingang und etwa 10 Meter vor der
Tür stand eine Frau. Zuerst erkannte
er sie nicht. Dann schaute er auf die
junge Erzieherin und wieder zu
seiner Mutter. Er hatte sie viel jünger
in Erinnerung. „Lauf!“ Er rannte auf
seine Mutter zu, diese bückte sich zu
ihm herunter und er umarmte sie.
Dann schaute er sie nochmals an
und fand, dass sie sehr gealtert war.
Die Erzieherin brachte sein Gepäck
und er wollte losziehen.
34
„Verabschiede dich noch von Helene.
Er sprang Helene in die
ausgebreiteten Arme, sie hob ihn auf
und er gab ihr einen Kuss auf die
Wange. Seine Mutter nahm den
Koffer und sie trotteten zum
Bahnhof. Im Zug fragte er sie,
warum sie denn nicht gekommen sei,
er habe so gelugt. „Wir haben doch
immer so viel zu tun“, antwortete
sie.
35
DER GORDISCHE KNOTEN
Kurz nachdem er aus dem
Kinderheim, wo er den ganzen
Winter über sehr gefroren hatte,
wieder nach Hause zurückgekehrt
war, stand er alleine im Hof und
entwarf gerade mit Kreide ein
Wandbild auf der Mauer zum
Nachbarn, als die kleine Tochter
dieser Nachbarn, der Familie
Schmidt, seinen Hof betrat. Sie
fragte, was machst du da? Er sagte,
36
„ich male!“ Sie behauptete, das dürfe
er nicht, die Mauer gehöre ihnen, er
solle sofort aufhören. „ Das hier ist
unser Hof, das geht dich gar nichts
an“, antwortete er barsch, „geh’
nach Haus!“
Doch sie war hartnäckig und wollte
ihm die Kreide wegnehmen. In der
Ecke lehnte ein Schrubber, er
schnappte ihn und bedrohte sie
damit: “wenn Du jetzt nicht abhaust,
hau ich Dir eine!“ Sie blieb scheinbar
37
völlig unbeeindruckt stehen und
blickte ihn furchtlos an.
Er musste seinen Hof unbedingt
verteidigen, gerade jetzt, wo er sein
zu Hause wieder gewonnen hatte.
Der Schrubber sauste durch die Luft
und landete auf ihrem Kopf. Sie sah
ihn an, ihre Augen weiteten sich
ungläubig, dann fing sie an zu
weinen, dann zu heulen und dann
rannte sie weg.
38
ARME SAUBERKEIT
Es war wieder soweit, das
wöchentliche Kinderbad stand an.
Wie immer war in der Küche der
Herd mit Holz befeuert worden, der
große Wasserkübel dampfte schon.
Eine Zinkwanne, in der er nur mit
angewinkelten Beinen sitzen konnte,
stand auf dem Küchentisch in der
Mitte des Raumes. Darin wurden die
Kinder gebadet.
39
Zuerst sein Bruder, dann er. Ein
Kübel reichte gerade dazu, die
Zinkwanne einmal zu füllen. So
setzte man die beiden Kinder
nacheinander ins gleiche
Badewasser. Seine Mutter nahm ihn
nach dem Waschen aus der
Zinkwanne,
trocknete ihn mit einem großen
Handtuch ab und sagte: “So, jetzt
bist du ganz sauber!“
40
DER HERR JESUS
Er hatte ganz alleine das kleine
Zimmer am Anfang des Flures im
Stock des Hauses mit einem Bett und
einem Schrank bekommen. Zum
ersten Mal hatte er ein eigenes
Zimmer. Abends kam seine Mutter
noch
einmal ans Bett, setzte sich auf die
Bettkante und er musste das
Abendgebet aufsagen: „Ich bin klein,
mein Herz ist rein, soll niemand drin
41
wohnen als Jesus allein.“
Er faltete die Hände und sagte es
auf. Die ersten beiden Sätze fand er
ja in Ordnung, aber der letzte
machte ihm Kummer. Wer war dieser
Jesus und warum sollte er allein in
seinem Herzen wohnen? Da sollte
doch seine Mutter, sein Vater, der
Opa, die Oma und auch der Bruder
wohnen. Diesen Herrn Jesus kannte
er doch gar nicht!
42
Als er mit sieben Jahren in die Schule
kam, betrachtete er zum ersten Mal
sehr intensiv diesen Jesus, der im
Flur der Schule an der Wand hing.
Ein dunkles Holzkreuz, ein Mann mit
Bart aus Messing hing mit einer
Dornenkrone auf dem Kopf daran,
die Arme ausgebreitet und die Füße
übereinander geschlagen und hatte
den Kopf zur Seite gesenkt. Er
betrachtete ihn lange und kam zu
dem Schluss, dass seine
Entscheidung, lieber andere in
43
seinem Herzen wohnen zu lassen,
damals richtig war.
DIE LÜGE
Seine Mutter hatte ihn gewarnt.
Wenn dein Vater nach Hause kommt,
gibt’s ein Donnerwetter. Er hatte
gelogen. Als sein Vater nach Hause
gekommen war und mit Mama
geredet hatte, riefen sie ihn in Küche
und der Vater legte ihn übers Knie
44
und schlug eiskalt mit der flachen
Hand auf seinen Hintern. Das
versetzte ihn in einen
Schockzustand. Die Schläge taten
weh, aber das war nicht das
Schlimmste. Wegen einer Lüge
wurde man so verprügelt?
GÖTTERFUNKE MIT BÖSEM BLICK
Er hörte den Lautsprecher schon von
weitem, verstand aber nicht, was da
45
ausgerufen wurde. Die Stimme kam
näher. Er lief zur Straßenecke und
sah in großer Entfernung einen
kleinen Bus mit Lautsprechern auf
dem Dach und auf allen Seiten mit
bunten Plakaten beklebt. Jetzt
verstand er auch einige Wortfetzen
und begriff, was hier auf ihn zukam.
Man warb für eine Zirkusvorstellung,
der Zirkus hatte seine Zelte auf dem
Marktplatz aufgeschlagen und es
wurde angekündigt, dass in den
nächsten Tagen mehrere
Vorstellungen stattfinden sollten. Er
46
war sehr erstaunt über den ganzen
Krach und das bunte Auto, freute
sich aber tierisch darauf, den Zirkus
besuchen zu können.
Beim Abendbrot erzählte er allen
ganz aufgeregt von der Neuigkeit
und bat seine Eltern, ihm zu
erlauben, dorthin gehen zu dürfen.
Seine Mutter sagte ihm zu, ihn zu
begleiten. Am nächsten Tag hörte er
wieder diesen Krach und ging auf die
Straße. Dieses Mal war es nicht nur
das Auto, auch Tiere zogen an ihm
47
vorbei: Ein Kamel oder Dromedar,
ein Tanzbär an einer Kette, der sich
immer drehte.
Er freute sich wieder darauf, die
Vorstellung zu sehen. Am nächsten
Spätnachmittag saßen sie im
Zirkuszelt und hatten viel Vergnügen
.Sie lachten über den Clown,
bestaunten die Kunststücke der Tiere
und starrten gebannt auf die Trapez-
Künstler. Nach der Vorstellung gab
es noch eine Tierschau, die 50
Pfennig extra kostete. Er leierte das
48
Geld dafür seiner Mutter aus der
Tasche, ging alleine durch die Schau
und betrachtete sich die Tiere, die er
sonst nur aus Büchern kannte.
Es roch tierisch, ein Geruch, den er
so auch noch nie erfahren hatte,
obwohl er Stallgeruch ja kannte.
Zwei Löwen, ein Elefant, das
Dromedar, der Bär und einige andere
Tiere waren entweder in Käfigen
eingesperrt oder standen in einer
Umzäunung im Freien. Nachdem er
sich von diesem Anblick losreißen
49
konnte, ging er zurück zu seiner
Mutter, die am Rande der
Umzäunung stand. Eine Nachbarin
hatte sich mit ihrem Sohn zu ihnen
gesellt. Sie schien nicht sehr
belustigt, blickte ganz böse auf die
Zirkusleute, rümpfte die Nase und
sagte leise: „Harese“.
50
DIE WAHRHEIT
Sie waren bei der Feldarbeit, harkten
die Reihen des langen Kartoffelfeldes
und lasen die restlichen Kartoffeln
auf. Die Tante seines Schulfreundes
ging voran und sie beide folgten. Es
war eine Arbeit, die ins Kreuz ging,
auch bei den Jungen. So machte
man von Zeit zu Zeit eine kleine
Pause und hielt sich an der Harke
fest. ‚Arbeiterdenkmal’ nannte sein
Vater das. Dabei sahen sie sich um
51
und entdeckten die beiden Mädchen
auf der weit entfernten Straße. Es
waren Mädchen aus der etwas
außerhalb liegenden Siedlung, keine
Hiesigen. Die Leute in der Siedlung
galten als asozial. Sie sahen sie,
fingen an schneller zu gehen und
riefen plötzlich: „Ihr Wichser“!
Die beiden Jungen sahen sich
erstaunt an. Sie kannten die
Mädchen nicht. Die Tante fing sofort
an zu schimpfen: „Das hab’ ich
gehört, denen würd’ ich’s aber
52
zeigen. Sie warfen die Harken hin
und setzten sich in Bewegung, auf
die Mädchen zu. Die fingen auch an
zu laufen. Immer schneller liefen sie
hinter ihnen her, in der Hoffnung sie
einzuholen und zur Rede zu stellen.
Aber sie waren schon zu weit weg.
Ganz außer Puste blieben sie stehen
und kehrten langsam um. Wieder bei
der Tante angekommen, sagten sie:
“Haben sie nicht mehr einholen
können, sonst hätten wir es denen
53
gegeben.“ „ Na ja, dann wollen wir
mal weitermachen“, sagte sie.
SONNTAGSSPAZIERGANG
Es war Sonntag und das war der
langweiligste Tag der Woche für die
Kinder. Morgens sah man die alten
Leute in die Kirche gehen, aber sonst
war kaum jemand unterwegs. Der
Großvater nahm ihn vormittags
manchmal mit. Sie gingen dann
54
Hand in Hand zu einer
Gastwirtschaft, die im 1. Stock eines
alten Hauses lag und man konnte sie
nur über eine außen liegende
Holztreppe erreichen. Es war eine
verräucherte, dunkle Stube mit
einem gebohnerten Holzfußboden,
der ächzte, wenn man über ihn
schritt. Ältere Männer saßen an den
Tischen und spielten Karten und
tranken ihren Frühschoppen. Er saß
meist neben seinem Opa und bekam
immer eine Bluna und ein Tüte
Salzstengel. Vom Kartenspiel
55
verstand er nichts und wenn es ihm
zu langweilig wurde, ging er auf die
Straße und schaute sich die Mauern,
Häuser und Dinge an, die er zu
Gesicht bekommen konnte oder
träumte einfach vor sich hin.
56
DIE SINTFLUT
Er ging noch nicht in die Schule, als
er plötzlich rote Pusteln am ganzen
Körper bekam. Die Mutter entdeckte
es, als sie ihn in die große
Badewanne im neuen Badezimmer
gesetzt hatte. Ihm war sehr heiß!
Die Erwachsenen vermuteten Masern
und mit Mama ging er zum Arzt, der
aber Masern nicht diagnostizieren
konnte. Er wusste nicht so recht, was
das eigentlich sein sollte, verschrieb
57
einen Badezusatz und er musste des
Öfteren zu ihm zur Überprüfung. Es
dauert etwa 3 Wochen, bis die roten
Flecken wieder verschwunden waren,
bis auf einen, den behielt er sein
Leben lang. Das Badewasser färbte
sich in dieser Zeit in einer Farbe, die
er nie vorher gesehen hatte, ein
dunkles Rot, fast Lila.
58
GEFAHR
Er war noch nicht ganz 6 Jahre alt,
also noch nicht ‚filmreif’, als er zum
ersten Mal ins Kino ging. An der
Kasse saß die Ehefrau des
Zahnarztes und beobachtete ihn. Er
schaute sich die Bilder im Aushang
an, da rief sie ihn zu sich. Du kannst
ruhig einmal in den Kinosaal gehen
und dir den
Film anschauen, du brauchst nichts
zu bezahlen. Er war freudig
59
überrascht, bedankte sich und
beeilte sich, das Neue zu schauen.
Das Kino war fast leer, er setzte sich
auf einen der freien Plätze und sah
sich das an, was auf der großen
Leinwand lief. „Herkules“ kämpfte
gerade mit einem Stier. Er hielt ihn
an den Hörnern und versuchte ihn
nieder zu drücken. Der Stier schob
Herkules nach hinten, hob ihn in die
Luft. Er bekam Angst. Schnell stand
er auf und verließ fluchtartig das
Kino.
60
SCHLAFES BRUDER
Als er mittags aus der Schule kam,
teilte man ihm lapidar mit, dass der
Opa gestorben war. Er musste zu
allen Verwandten und Bekannten
gehen und ihnen mitteilen, dass der
Großvater ‚entschlafen’ sei und die
Beerdigung in 3 Tagen um 14.00 Uhr
stattfinden sollte. Sie behandelten
ihn alle sehr freundlich und
beteuerten ihm ihr Beileid. Am Tag
der Beerdigung wurde der Sarg in
61
einem schwarzen, großen Auto
gebracht und im Hof aufgebahrt. Der
Sarg wurde geöffnet und Opa lag
darin. Er hatte einen schwarzen
Anzug an und lag, die Hände über
dem Bauch gefaltet, das Gesicht
etwas bleich mit geschlossenen
Augen in dem mit weißem Tuch
ausgeschlagenen Sarg. Er
betrachtete ihn lange, man hatte ihm
gesagt, er sei tot, er fand, er schlief
nur.
62
MOBBING
Er war auf dem Weg von der Schule
nach Hause wieder von anderen
Kindern verspottet und beschimpft
worden. Den ganzen Nachmittag
ärgerte er sich darüber und als sie
alle beim Abendessen saßen,
erzählte er davon. Seine Eltern
versuchten ihn zu beruhigen, es sei
doch nicht so schlimm, es sei leider
Usus, sagten sie. Aber er ließ sich
nicht so einfach beruhigen und
63
beschwerte sich weiter. Seinem
Vater wurde es schließlich zu bunt
und er sagte einen Spruch auf, den
er noch nie zuvor gehört hatte:
Wenn eiern Doller
Unsern Doller
Noch amol Doller schennt
Schennt unsern Doller
Eiern Doller
So lang Doller
Bis eiern Doller
64
Unsern Doller
Ne’ meh’ Doller schennt
DAS VENTIL
Wenn der 1. Mai heranrückte, traf
sich die Dorfjugend, die aufgeteilt
war in Ober– und Unterdorf, um über
die Aktivitäten der Nacht der Nächte
zu beraten und Vorbereitungen zu
treffen. Es galt als ungeschriebenes
65
Gesetz, dass in dieser Nacht die
Dorfjugend sich einen Jux machen
und Bewohnern, die sich im
vergangenen Jahr nicht nett gegen
sie verhalten hatten, einen Streich
spielen durfte. Sie berieten schon
Tage vorher, was man anstellen
könnte. Eine Anwohnerin des
Bolzplatzes, der offiziell keiner war,
hatte jedes Mal, wenn der Ball in
ihren umzäunten Garten fiel, diesen
von ihrem Hund zerbeißen lassen.
Sie sannen auf Rache. In dieser
Nacht hoben Sie deren Gogomobil
66
hoch, packten Backsteine darunter,
so dass die Räder, den Boden nicht
mehr berührten.
Bei einer Nachbarin, die immer nur
auf die Kinder und Jugendlichen
schimpfte, hängten sie die
Fensterläden aus und hievten sie
mittels eines langen, dicken Seiles
auf einen Baum und ließen sie dort
stehen. Kein Polizist wäre auf die
Idee gekommen, solche Verbrechen
zu dieser Zeit zu verfolgen.
67
VERLÄSSLICH
Als er von der Schule nach Hause
kam, war sein Vater zu Hause. Nach
dem Mittagessen sagte er
ihm, das der Opa krank im Bett liege
und er zu Doktor Ferber gehen solle,
ihm zu sagen, er müsse
vorbeikommen.
Das passte ihm gar nicht. Er mochte
Dr. Ferber nicht besonders und
außerdem wollte er spielen gehen.
Aber er trabte los. Unterwegs wurde
68
er abgelenkt durch die vielen
Pflanzen, die gerade grünten und
dann traf er ein paar Schulfreunde
und spielte mit ihnen. Sehr spät fiel
ihm wieder ein, was der Vater ihm
aufgetragen hatte. Er ging zu Dr.
Ferber und klingelte, denn die
Sprechstunde war schon zu Ende.
Niemand meldete sich.
Unverrichteter Dinge trabte er nach
Hause. Spät am Abend beichtete er
dem Vater, dass der Arzt nicht da
gewesen ist. Der Vater war
stocksauer und schickte ihn in sein
69
Zimmer. Er hatte Hausarrest. Er
fühlte sich verlassen.
DAS SCHLACHTFEST
Die Großmutter hatte schon ganz
früh morgens das Feuer unter den
Waschkessel angezündet. Im Hof
stand die ‚Brenk’ und der
Metzgermeister mit Geselle kam
gerade durch das Tor. Sie bereiteten
alles vor. Dann wurde die Sau
70
gebracht. Sie war am hinteren Bein
mit einem Seil festgebunden und
quiekte. Der Metzger setzte ihr den
Schussapparat an den Kopf und
drückte ab. Das Quicken erstarb.
Dann bohrte sich ein Messer in ihren
Hals und ein Eimer wurde zum
Auffangen des Blutes bereitgestellt.
Als sie ausgeblutet war, kam sie in
die Brenk und wurde rasiert.
Dann hing man sie an zwei Haken an
die Wand und schnitt sie an der
Unterseite auf. Die Gedärme wurden
71
entnommen, entleert und
gewaschen.
Dann wurde die Sau in zwei Hälften
geteilt. Das Blut im Eimer wurde
gerührt, damit es nicht gerinnt. Die
Schweinhälften kamen auf einen
Tisch und wurden weiter zerlegt. Blut
und Speckstücke wurden in den
Darm gefüllt und kamen mit
Wellfleisch, Leber- und Bratwurst
Wurst in den Kessel zum Kochen.
Was hier entstand, wurde
Metzelsuppe genannt. Als das
72
Schlachten zu Ende ging, hatte die
Familie Fleisch und Wurst für ein
Jahr. Die Suppe wurde in kleine
Milchkannen gefüllt, eine Blut- und
Leberwurst hinzu gegeben und alle,
die gut bei Fuß waren, brachten
jedem in der Nachbarschaft und
jedem Verwandten eine Kanne.
73
VERGEBLICH
An einem Sonntag kam sein Bruder
zu ihm und schlug vor, doch
gemeinsam ins Kino zu gehen, ein
toller Film lief. Er fand das gut,
zumal sein Bruder sonst nicht viel mit
ihm unternahm, hatte aber kein
Geld. Da musste man den Opa
fragen. Der war spazieren gegangen
und sie mussten ihn suchen, er
konnte ja nicht weit sein. Sie
74
fanden ihn erst nach langer Suche
auf einer Bank im ‚Graben’. Sein
Bruder blieb zurück und schickte ihn
vor. Er setzte sich neben ihn, nach
einem kurzen Gespräch kam er mit
seiner Bitte heraus. Fünfzig Pfennig,
das Eintrittsgeld. Opa antwortete,
dass er das Geld bekomme, aber
sein Bruder nicht, der sei ungezogen
gewesen. Er dachte nicht recht zu
hören. Noch Mal! „Nein“, war wieder
die Antwort. Er bettelte, doch der
Opa blieb hart.
75
Traurig trottete er neben dem Opa
durch den Graben nach Hause. Von
seinem Bruder war nichts zu sehen.
DU BIST VERRÜCKT MEIN KIND
Sie hatten sich mit ein paar Freunden
einen Holzkarren gebaut, ein Brett
mit vier kleinen Rädern und einem
Strick zum ziehen daran. Damit
fuhren sie durch die Straßen und
hatten viel Vergnügen. Er fand es
76
schön, gezogen zu werden, je
schneller desto besser. Kurz bevor
sie wieder nach Hause fuhren, hatte
sein Bruder eine Idee. „Komm, wir
erschrecken einmal die Oma. Wir
schmieren dir Ketchup in die Haare
und du musst aussehen, als hättest
du geweint. Dann sagen wir ihr, du
hättest ein Loch im Kopf, also einen
Dachschaden.“ Er fand die Idee toll.
Sie schmierten ihm Ketchup in die
Haare und warfen ihm Wasser ins
Gesicht. Am Kopf verletzt und
77
heulend zog sein Bruder ihn auf der
Karre in den Hof. Oma kam aus dem
Haus und war sehr erschrocken.
„Was ist denn passiert“, fragte sie.
„Er ist auf den Kopf gefallen.“ Oma
wollte sich den Kopf anschauen, da
riefen sie: “April, April!“ Sie lachten
alle und er freute sich diebisch über
den gelungen Streich.
78
SUPERNUMERARIUS
Er spielte gerade auf der Straße mit
dem Ball, als eine Gruppe von
Kindern eilig und aufgeregt
gestikulierend an ihm vorbeizog. Auf
seine Frage, antworteten sie wie im
Chor:“ Die Amis kommen!“ Er lief
hinter ihnen her. Oben an der
Durchgangsstraße warteten schon
viele Menschen am Straßenrand. In
der Ferne hörte man ein dunkles
Brummen von Motoren. Dann sah
79
man den ersten Wagen des Konvois.
Ein Jeep mit langer Antenne,
dahinter Lastwagen, die ihm riesig
vorkamen und dann ein Fahrzeug,
das er noch nie vorher gesehen
hatte, ein Panzer und auf dem
Panzer saß ein ganz großer Neger.
So jemanden hatte er noch nie
gesehen, er kannte nur den Mohr
aus dem ‚Struwwelpeter’. Die Leute
winkten und schrieen “Cigarettes,
chewing-gum“. Der Neger beugte
sich in die Öffnung des Panzers und
holte einige Sachen heraus, die er in
80
die Menge warf. Die Menschen
sammelten alles auf, was in ihrer
Nähe ankam. Vor seinen Füssen
landete eine Dose und ein kleines
rechteckiges Papier, mit silbernen
Enden. Die Dose ergriff ein neben
ihm stehender Junge, er bekam das
Papier zu fassen. In der Dose war
Erdnussbutter, er hatte einen
Kaugummi ergattert. Er wunderte
sich sehr über diese „Amis“.
81
DER PRINZ AUF DER ERBSE
Seine Mutter weckte ihn früh, er
musste sich gut waschen und bekam
frische Sachen zum Anziehen. Dann
gingen sie zum Schulgebäude. Hier
saßen und
standen viele Kinder mit ihren
Müttern und warteten, bis Sie in das
Zimmer des Schularztes gerufen
wurden. Als er an der Reihe war,
gingen Sie hinein und er musste den
Oberkörper freimachen. Der Arzt
82
betrachtete ihn, hörte seine Lunge
ab und sagte dann, er sei gesund.
Nun sollte er mit einem Arm über
den Kopf an sein Ohr auf der
anderen Seite fassen. Er konnte es
nicht erreichen, seine Arme waren zu
kurz, deshalb wurde er noch ein Jahr
zurückgestellt.
83
DAS GESCHENK DER GRIECHIN
Er hatte Geburtstag und erwartete
seine Geschenke. Er konnte lesen
und galt als Leseratte. Seine gut
gebaute Tante kam, warf mit
moralischem Spalierobst und
überreichte ihm ihr Geschenk.
„Mach’s auf!“ Er riss das Papier auf,
wickelte das Buch aus, las den Titel
und erschrak. ‚Was ein Häkchen
werden will…’ und die Tante
komplettierte: “krümmt sich
84
beizeiten“. Er ärgert sich über das
Geschenk. Er wollte kein ‚Häkchen’
werden und krümmen wollte er sich
auch nicht. Er legte das Buch in die
Abstellkammer und rührte es nie
mehr an.
Er fürchtete Vergangenes voraus.
85
AUFKLÄRUNG
Er war etwa 11 Jahre alt und spielte
auf der Straße vor dem Haus Hüpfen
in mit Kreide gezeichnete Felder, als
ein Freund um die Ecke bog, ein
dickes Buch in der Hand haltend. Sie
grüßten sich und der Freund, der
freiwilliger Rotkreuzhelfer war
erzählte, was zuvor zu Hause so
gemacht hatte. Dann kam er zur
Sache. „Es ist Zeit, dass du
aufgeklärt wirst“. Er öffnete das Buch
86
auf der letzten Seite und zeigte ihm
zwei farbige Bilder. Sie setzten sich
auf den Bordstein und betrachteten
die beiden Körper, rechts einen
nackten Mann und links eine nackte
Frau. Er hatte schon nackte
Menschen gesehen am
Nacktbadestrand, trotzdem schaute
er aufmerksam hin. Die Bildchen
waren aufklappbar und es erschien
das Innere des Menschen. Der
Freund erklärte die einzelnen
Körperteile, indem er mit dem
Zeigefinger darauf deutete und die
87
Dinge beim Namen nannte: Brust,
Brüste, Bauch, Arme, Beine, Hals,
Kopf, Penis und Vagina. Na gut,
dachte er, das ist eigentlich nichts
Neues. Doch dann kam die
Überraschung: „Und woher kommen
die Kinder“? Er wusste nur, dass der
Klapperstorch sie in einem Tuch, das
er im Schnabel hielt, brachte, wenn
man Zuckerstückchen auf die
Fensterbank legte. „So ist das aber
nicht“, sagte der Freund, „es ist
nämlich folgendermaßen: Sex ist
etwas, das Erwachsene tun, wenn sie
88
sich sehr lieb haben. Im Deutschen
sagt man dazu auch
Geschlechtsverkehr. Dabei wird der
Penis des Mannes steif, so dass er
ihn in die Scheide seiner Partnerin
stecken kann.
Wenn der Sex am schönsten ist, also
auf dem Höhepunkt, kommt aus dem
Penis des Mannes eine Flüssigkeit:
das Sperma. Dabei können auch
Babys entstehen, die neun Monate
im Bauch der Frau wachsen und
dann geboren werden.“ „Ups, da
89
hatten sie ihn wieder einmal
belogen, er wurde sauer. Nicht nur,
dass die Kinder nicht vom
Klapperstorch gebracht wurden,
ärgerte ihn. Das Schlimmste war,
dass sie ihn immer zu Reinlichkeit,
Sauberkeit, und Ehrlichkeit anhielten
und sie selbst machten heimlich
solche Schweinereien.
90
DAS FÜLLHORN DES BACCHUS
ODER DIE AUSGIEßUNG DES
‚HEILIGEN GEISTES’
Er ging in die Mittelschule und seine
Lehrer waren der Meinung, er solle
das Gymnasium besuchen. Hierzu
fehlte ihm aber eine 2.
Fremdsprache, nach Gesprächen mit
den Lehrern und Eltern bot sich der
Direktor der Realschule, der eine
schöne Tochter hatte, an, ihn in
französischer Sprache kostenlos
privat zu unterrichten. Jeden zweiten
91
Nachmittag kam dieser zu ihm nach
Hause und er musste nach dem
Lehrbuch französische Texte lesen,
Vokabeln lernen, übersetzen und
Übungen zu Text und Grammatik
durchführen. Das Vokabellernen war
ein bisschen mühselig, nach einigen
Lektionen wechselte der Lehrer und
das Lernen ging nicht mehr so voran.
Dennoch wurde er in die
Französischklasse integriert, fand
aber nach all dem Lernaufwand, dass
er des Französischen nicht mächtig
war und vor allen Dingen nicht
92
sprechen konnte. In den
Sommerferien war seine ganze
Familie verreist und er allein zu
Hause. Eines späten Nachmittags
klopfte ein junger Fremder an die
Tür, der nur wenig Deutsch sprach.
Es war ein Tramper aus Frankreich
und er ließ ihn herein, holte aus dem
Keller vom Selbstgemachten,
zuckerte etwas nach und beide
tranken und versuchten sich zu
unterhalten. Nach etwa dem 3. Krug
ging die vorher schleppende
Unterhaltung plötzlich immer besser
93
vonstatten. Er sprach mit dem
Fremden Französisch und das wurde
immer besser. Nach dem 5. Krug
plauderten sie über Gott und die
Welt und philosophierten vor sich hin
bis ihnen die Köpfe rauchten und
verstanden sich immer besser.
Bacchus hatte sein Füllhorn über ihm
ausgeschüttet. Dann sanken sie ins
Bett.
Am nächsten Morgen ließ er den
Franzosen aus dem Tor hinaus, ging
zurück ins Haus, blieb stehen und
wunderte sich, er hatte am Abend
94
vorher fließend französisch
gesprochen. Zufrieden mit sich und
der Welt suchte er ein paar
Kopfschmerztabletten.
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georg
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BeitragVerfasst am: 28.02.2010, 19:37    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Norbert (?),
wenn man diese deine Zeilen liest, so könnte man vielleicht auf den Gedanken kommen "nichts Ungewöhnliches, lauter gewöhnliche Ereignisse, passt also einwandfrei in die Rubrik Alltagsromane.
Das ist ja auch der Fall. Aber es ist echt stark, wie verdammt gut du dieses Gewöhnliche transportierst, so dass es echt packend wird.
Sehr gern gelesen,

georg Winkend

ps
"Kritik"?
Naja .... äußerstenfalls, dass das arme Schwein nicht quickt, sondern quiekt.
_________________
.
Georg Rack, Aufbruch der Kerfe
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nobili
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BeitragVerfasst am: 01.03.2010, 09:56    Titel: Antworten mit Zitat

georg hat Folgendes geschrieben:
Hallo Norbert (?),
wenn man diese deine Zeilen liest, so könnte man vielleicht auf den Gedanken kommen "nichts Ungewöhnliches, lauter gewöhnliche Ereignisse, passt also einwandfrei in die Rubrik Alltagsromane.
Das ist ja auch der Fall. Aber es ist echt stark, wie verdammt gut du dieses Gewöhnliche transportierst, so dass es echt packend wird.
Sehr gern gelesen,

georg Winkend

ps
"Kritik"?
Naja .... äußerstenfalls, dass das arme Schwein nicht quickt, sondern quiekt.



Vielen Dank für Deinen Kommentar. Wünsche mir weitere solche.

Nobili
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